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Oktober 2008: Nach 40 Stunden werden in der Kantine unserer Fähre keine Speisen mehr verteilt, sondern Einreiseformulare: Unsere Marokkorundreise kann beginnen:
Wir folgen auf unseren Motorrädern dem Küstenverlauf Richtung Osten: über Tetouan und Martil erreichen wir Oued-Laou: eine Geisterstadt. Offensichtlich hat man versucht, hier massiv Tourismus anzusiedeln. Davon ist nichts geblieben, außer leerstehender Hotelburgen, die bereitwillig darauf warten zu vergammeln. Zwar existiert der auf der Karte verzeichnete Campinglatz, aber auch der hat sich der trostlosen Umgebung angepasst. Wenigstens war der Weg zum Ziel attraktiv. Die Straßen sind in einem desolaten Zustand, ein Fest für den Endurofahrer, ein Graus für unseren Zeitplan.
Das Riffgebirge um Ketama lassen wir schnell hinter uns und entscheiden uns wegen eines kleinen Defekts an Volkers Suzi zu einem Schlenker nach Fes, um eine Werkstatt aufzusuchen. Überraschend leicht findet sich dort ein Hondahändler. Etwas außerplanmäßig ist aber Sonntag. Wir gehen konstruktiv mit der Situation um und beschließen, den Defekt bis auf weiteres zu ignorieren. Und ohne Licht zu fahren.
Wir verlassen die Stadt nach Süden und nehmen ab Sefrou wieder Kurs auf unsere Ursprungsroute. Hinter Azzaba El Menzel schrauben wir uns langsam in die Höhen des Hohen Atlas. Uns bietet sich eine prächtig bunte Wild-West-Kulisse, die wir auf einer herrlich schlechten Piste standesgemäß „durchreiten“. Die Passhöhe Tizi-bou-Zabel kreuzen wir auf 2.400 m. Mit Blick auf die Uhr nehmen wir erleichtert zu Kenntnis, dass die Pisten auf der Abfahrt ein Ende haben und wir entspannt der Asphaltstraße folgen können. Je weiter wir uns dem landesinneren nähern, desto mehr nimmt die Landschaft eine trostlose, einheitliche Sandfarbe an.
Als wir auf Missour zusteuern registrieren wir eine einzelne dunkle Wolke am Himmel, aus der ein vielleicht 500 m breites Regenband fällt. Zielgerichtet steuern wir die nächste Stunde auf diese eine Wolke zu. Wir erreichen die ersten Saharaausläufer in Regenkombi bei strömendem Regen. Ein bisschen erinnert es uns hier an Bielefeld…
Richtung Erfoud wählen wir statt der Piste die Teerstraße und stoßen so auf den quirligen Ort Rich. Endlich einmal ein lebhafter Straßenzug mit Schulkindern, Ständen und Tieren. Die übliche Einladung zum Tee lässt nicht lang auf sich warten: wir nehmen in der Lehmhütte von Aufersa M´Borek platz und staunen über den Fernseher im Inneren der einfachen Unterkunft. Nachdem wir Unmengen von Tee, Gebäck und Brot vertilgt haben, folgen wir dem palmengesäumten Ziz-Tal bis Meski. Dort besuchen wir die Source bleue, die Naturquellen. Vor 5 Jahren noch völlig überrannt, finden wir dort heute nicht einmal mehr ein Cafe.
In Erfoud wollen wir die Piste Richtung Erg Chebbi einschlagen. Leider ist der wunderbar einfach zu findende Pisteneinstieg auf einer Länge von über 100 m hoch überflutet. Vom Ufer beobachten wir gemeinsam mit den Dorfbewohnern wie einzelne Geländewagen durch die Strömung schleichen. Sieben Tage Anreise durch Regen, bei Kälte über Schotterpisten liegen hinter uns. Da soll uns eine hundert Meter Breite Flut nicht aufhalten. Unter dem Gejohle der Marokkaner zittern wir uns mit dem Motorrad durchs Wasser. Heile auf der anderen Seite angekommen werde ich im Laufe des Tages immer wieder adrenalingeputscht in meinen Helm kreischen „ICH BIN DURCH WASSER GEFAHREN“. Der Regen war ein Segen für die Piste: sie ist hartgebacken und wir kommen deutlich schneller voran als erwartet. Schon mittags erhebt sich der Erg Chebi rot schimmernd am Horizont. Als wir am Abend durch den roten Sand waten, ist die Horde Quadfahrer leider nur schwer in Einklang zu bringen mit dem ansonsten so friedlichem Dünenmeer.
Nach einem nicht empfehlenswerten, aber zeitintensiven Abstecher nach Touz wählen wir eine Weichsandpiste zum Erg Sneggi. Hierher verirrt sich so schnell niemand.
Von dort lassen wir uns wenig zielgerichtet von zahlreichen Minipisten von Gerölldüne zu Gerölldüne treiben. Aus der schönen Fahrlaune heraus realisieren wir erst spät, dass die Landschaft rauer wird. Bergab müssen wir die schwer bepackten Maschinen über unangenehme Felsversprünge wuchten und sind froh, als wir uns auf regulärer Piste von Südosten erneut dem Erg Chebbi nähern.
Die Ostflanke ist vom Tourismus verschont geblieben und so erleben wir hier die Atmosphäre, die wir erwartet hatten: Einsamkeit. Als wir auf ein Berberzelt treffen, fragen wir nach Wasser. Hektisch gebietet man uns zu schweigen. Ein Blick ums Zelteck verrät: 20 Touristen haben sich hierher zurückgezogen um zu schweigen. Da verdreht selbst der Berber die Augen... In den vorgelagerten Dünen des Erg verfransen wir uns überraschend schnell. Und obwohl ich dachte, die Orientierung sei hier ein leichtes, so lange der Erg sich zur Linken auftürmt, habe ich bald keinen Schimmer mehr, wo es zurück zur Piste geht. Immer wieder schneiden riesige Schlammfelder unseren Weg, die wir mit dem vielen Gepäck nicht durchqueren können. Und die nach meinem Wissen hier auch gar nichts verloren haben. Das GPS nutzt bei solchen Wegsperren wenig. Als wir ziemlich entkräftet eine Düne hochschießen tut sich dahinter völlig überraschend die Piste auf. Wir sind nicht pingelig: bringt uns das GPS nicht zum Ziel, dann eben der Zufall. Der Plan, an der Ostflanke zu campen wird verworfen, weil wir keine Lust haben, von 15 bis 18 Uhr der Sonne ausgesetzt zu sein. Und so starten wir bis zur Nordspitze durch und nutzen erneut den Innenhof einer Kasbah als Zeltplatz. Zum Abendessen gönnen wir uns eine Berber-Tajine mit Salat bei Kerzenschein. Salat ist hier sündhaft leckere Olivenpaste mit Reis. Draußen wird es urplötzlich so windig, dass unsere Zeltstangen wie dünne Zahnstocher brechen. Sofort bietet uns der Berber an, zum gleichen Preis ein Zimmer in der Kasbah zu beziehen. Wir danken, entscheiden uns aber doch für unser Zelt. Als wir den Essensraum verlassen und die Kerzen ausblasen tapsen alle Bewohner der Kasba vorsichtig und in absoluter Dunkelheit durch das Haus.
Der Morgen begrüßt uns mit Regen. Und so sind wir froh, gegen Mittag eine Asphaltstraße zu erreichen, so dass wir nicht länger unkontrollierbar durch den Schlick rutschen müssen. Ich will den Wetterfrust durch den Auspuff jagen und ziehe am Gashebel. Nichts passiert, die Kupplung ist verbrannt. Mit marokkanischer Gelassenheit tuckern wir Rissani entgegen.
Im Ort kommt mir Hassan zu Hilfe, der sich als Glücksgriff entpuppen soll: Volkers Gepäckrolle wird auf mein Moped umgepackt, Hassen nimmt hinter Volker Platz und schon schleichen wir im strömenden Regen von Schrauberbude zu Schrauberbude. Wundersamer Weise tut sich in diesem winzigen Wüstenkaff eine Werkstatt auf, die Motorräder zu handhaben weiß und dessen Besitzer Ersatzteile in Casablanca bestellt, die heute noch in die Post und morgen früh um zehn Uhr vor Ort sein sollen. Streng genommen weiß ich nicht, wer Besitzer, Schraube oder nur Schaulustiger ist. Das ganze Dorf hat in den offenen Motor meiner Suzuki geschaut, um wissend oder hadernd mit dem Kopf zu nicken. Aber alle suggerieren einem das gute Gefühl: Mädchen, dein Motorrad pfuschen wir schon wieder zusammen. Hassan bringt mich auf dem Gepäckträger einer geliehenen Mofa zurück zum Ortskern. Wir geben ein süßen Bild ab: Hassan im blauen Gewand mit Turban, ich als Sozius mit schwarzem Helm und schwarzer Lederkutte. Ein Frauenbild, welches dem Marokkaner sicher wenig zusagt. Am Abend überschlagen wir, wie viele Fahrtage wir wegen der Reparatur wohl einbüßen, denn marokkanische Zeitangaben unterliegen dem Willen Allahs. Umso größer ist unsere Überraschung, als am nächsten Tag die Enduro um elf Uhr wirklich fahrtüchtig vor der Garage steht und wir uns auf den Weg nach Zaragossa machen können.
Der Regen hat zahlreiche Queds geflutet und immer wieder müssen wir durch tiefes Wasser fahren. Leider stellt sich die Begeisterung meiner ersten „ICH BIN DURCH WASSER GEFAHREN“ Euphorie nicht mehr ein, zumal der Regen mehr Abkühlung als gewollt gebracht hat und die Lederkleidung nicht mehr recht trockenen will. Am Ende des Draatals, dessen Schönheit wir wegen der anbrechenden Dunkelheit mehr aus der Erinnerung abrufen müssen, erreichen wir den schön in einem Palmenhain gelegenen Campingplatz in Zaragossa. Für sündhaft viel Geld können wir einige Dosen Bier erwerben und sogar duschen.
Am nächsten Tag wollen wir die Zivilisation erneut hinter uns lassen: wir folgen der Straße von Zaragossa bis M´Hamid. Das sind überraschend 90 km und es beruhigt, dass wir die Reservekanister gefüllt haben. Der Pisteneinstieg ist gruselig zerfurcht und weich. Ich stürze mich mehr voran, als dass ich fahre und der arme Volker stapft wieder und wieder in voller Ledermontur zu mir zurück, um beim Aufrichten der Maschine zu helfen. Und moralischen Beistand zu leisten. Unter meinem Helm fühle mich wie eine lebende Tomate. Nach 10 langen Kilometern wird die Piste härter und wir kommen besser voran. Ein Segen ist die kleine Oase Sacree, in der wir eine göttlichen Cola erhalten. Bis zum Erg Chegaga sind es von hier nur noch 15 km, die allerdings wieder durch Weichsand und ein langes Dünenfeld führen. Als der Erg in Sichtweite kommt, reduziert sich meine Rücksicht auf die Fauna dramatisch. Ich mag meine Enduro nicht mehr ausbuddeln oder aufrichten. Die im Meterabstand stehenden Calotropis, die sicher kein leichtes Leben in diesem weichen, heißen Sand haben, werden gnadenlos umgemäht – ich habe es auch schwer. Am Fuße zweier knorpeliger Bäume schlagen wir am Abend unser Zelt auf. Am Erg Chegaga genießen wir eine gespenstige Stille, die wir so noch nie erlebt haben. Nicht einmal die allgegenwärtigen Fliegen zerren an unseren Nerven. Zwischen unseren „Knorpelbäumen“ wechselt die runde Sonne mit dem Vollmond – hier erleben wir den perfekten Abend.
Weitere 20 km Dünenfeld sind zu durchfahren, bis wir den Lac Iriki erreichen. Etwas naiv hatte ich erwartet mit dem Lac Iriki einem See mitten in der Wüste zu sehen. Dem ist nicht so. So weit das Auge reicht blicken wir auf eine hartgebackene, gerade Sandfläche. Keine Düne, keine Erhebung, nicht einmal ein Kamel, dass irgendwo in der Gegen steht. Zum Motorradfahren ist das toll! Wir geben tüchtig Gas und freuen uns, dass wir nicht einmal noch vorne sehen müssen, weil hier nichts ist, wo man gegenfahren kann. Die traumhafte Etappe endet leider mit einer zweieinhalbstündigen Tour durch Geröll, die unheimlich langweilig ist, uns aber furchtbar durchschüttelt.
Bei Foum Zguid erreichen wir wieder Asphaltstraße und wenige Kilometer später Qued Tissint. Der Qued führt nicht viel Wasser, aber es reicht, um den Schmutz vom Körper zu spülen, das Geschirr zu waschen und zu kochen. Der Übernachtungsplatz hätte ein Traum sein können, wären da nicht einige hunderte Fliegen von einigen tausen Mücken abgelöst worden.
Unsere größte Sorge vor der Weiterfahrt sind unsere Benzinvorräte. Die Asphaltstraße suggeriert eine Bevölkerungsdichte, die es nicht gibt. Uns ist gestern kein Auto begegnet, es wird uns heute kein Auto begegnen und so wird es auch morgen sein. In Tissint dürfen wir auf der Suche nach dem Tankwart wieder Bekanntschaft mit allen Dorfbewohnern machen, bevor uns zwei Kinder aufgeregt zu einer Metalltür führen. Kein noch so kleiner Shell-Aufkleber verrät, dass wir tatsächlich die Tankstelle erreicht haben. Eine Benzingefüllte Plastikflasche nach der anderen versickert in unserem Tank. Die Oktanzahl hinterfragen wir aus Dankbarkeit nicht.
Der Straßenverlauf führt uns durch Tata und Akka durch teils triste, teils bizarre Wüstenlandschaft bis zu unserem südlichsten Punkt nahe Icht. Traditionsgemäß stoßen wir in einem Palmenhain mit einer Cola auf unseren Wendepunkt an. In Abeino besuchen wird das Thermalbad: es gibt ein Gebäude für Mädchen, eins für Jungs. Als einzigen Gästen gewährt man uns netter Weise gemeinsam Einlass. Das Bad ist herrlich: 40 Grad warmes Wasser direkt aus den unterirdischen Quellen und Regen, der von oben durch das offene Dach auf uns niederprasselt.
Mit Sidi Ifni erreichen wir die nur 60 km entfernte Küste. Wir beziehen einen Campingplatz direkt am Wasser. Wir sind von der Stadt so begeistert, dass wir hier unseren Ruhetag einlegen. Völlig unbehelligt können wir in den kleinen Läden stöbern, die Dorfbewohner sind nett, aber nicht aufdringlich. Leider eine kleine Seltenheit in Marokko. Ein weiteres unschlagbares Argument: schnell haben wir eine richtige Bar ausgemacht! Und wenn schon Allah trotzen, dann auch richtig: es gibt ausschließlich Bein und Wein. Cola, Wasser: Fehlanzeige. Als ein Junge uns noch für einige Dirham frisch gekochte Krebse als Knabberei verkauft, fühlen wir uns als König der Nacht. Aus einer nächtlichen Laune heraus werfe ich leider mein Motorrad um und die Arretierung der Aluboxen reißt aus. Dem Geschick und Improvisationstalent der Marokkaner zum Dank sind solche Reparaturen unproblematisch.
Als wir unser Zelt zusammenwerfen, kommen wir mit unseren neuen Hippienachbarn ins Gespräch. Die beiden Männer sind zur Selbstheilung nach Marokko gereist. Hoffentlich treffen sie am Erg nicht die Schweiger, dann werden ihre letzten Tage dröge.
10 km nördlich der Stadt halten wir ein letztes mal an der Küste, um unter der großartigen Naturbrücke am Strand entlangzuwandern. Dann nehmen wir Abschied vom Atlantik und drehen nach Osten ab. Unser Ziel Tafraoute im bizarren Antiatlas erreichen wir nach gefühlt fünfhundert Kurven auf feinstem Asphalt. Der Ort gilt als Hochburg der Schuhverkäufer und folgerichtig stapeln sich in den Verkaufsständen die Schuhe bis unter die Decke und der Duft von sicher noch lösungsmittelhaltigem Kleber liegt in der Luft.
Im Antiatlas scheinen kleine Ortschaften mit stets roten Häusern, aus deren Mitte ein weißes Minarette aufragt an den Felsen zu kleben. Wir passieren Igherm und Aboulouz und verlasen damit den Antiatlas. Die Fahrt über den Paß Tiz-n-Test im Hohen Atlas gestaltet sich von Beginn an als atemberaubend. Der kurvenreiche Pass verlangt Schwindelfreiheit, da die Fahrbahnabgrenzung oft fehlt, das Gelände ab Asphaltkante aber mehrere hundert Meter senkrecht abfällt.
Hinter der Paßhöhe auf 2.200 m öffnet sich die Paßstraße in ein weites Tal. Wir durchfahren diese Hochebene mit Blick auf die Schneebedeckten Berge am Horizont. Im Ort Asni haben wir das Glück, zufällig in den Tumult des Samstagmarktes zu geraten. Wir kosten Gebäck, ekeln uns ein wenig in der Schlachterecke und bemitleiden die Esel auf dem Viehmarkt, die dem Käufer ein gutes Bild inmitten einer Mülldeponie abgeben sollen.
Bis Marrakech folgen wir einer schnurgeraden Straße. Dort beziehen wir Quartier auf einem Campingplatz, der nicht nur über funktionierende Duschen, sondern auch einen badebereiten Pool verfügt! Von der Stadtbesichtigung sind wir enttäuscht: innerhalb der letzten 5 Jahre sind die eindrucksvollen Gartenanlagen rund um die Kutubia-Moschee verkrautet und die Wasserfontänen versiegt. Nichtsdestotrotz ist das quirlige Treiben in der Stadt immer noch ein Muss für jeden Marokkoreisenden. Als wir uns zu Fuß aus der Innenstadt entfernt haben, holt uns so starker Regen ein, dass wir für den nur fünfminütigen Fußweg ein Taxi anhalten. Als der Fahrer von uns mit 20 Dirham den dreifachen Preis verlangt, grinst er uns an: Regenpreis. Dicht gedrängt stehen wir die nächste Stunde unter den Arkaden und starren fassungslos in die Sintflut, die vor unseren Augen niedergeht. Dann können wir endlich ein Petittaxi ergattern, das uns – auch zum Regenpreis – zum Campingplatz fährt. Auf den Straßen steht das Wasser so hoch, dass es in den Fußraum des Taxis eindringt. Wenig überraschend steht auch der Campingplatz Knietief unter Wasser. Zu unserem großen Glück ist zwar das Zelt komplett geflutet, aber die Isomatten mit den Schafsäcken treiben obenauf. Die Orientierung auf dem gefluteten Platz ist nun ähnlich schwierig wie in der Wüste – beim Gang zum Waschhaus habe ich immer Sorge einen tiefen Schritt in den nicht mehr sichtbaren Pool zu machen. Auch hoffe ich inständig, dass die ehemalige Wegbeleuchtung nicht länger Strom führt.
Hausboot ahoi, weiter geht es zum Tizi-n-Tichka Paß. Nach der Paßhöhe auf 2.260 m biegen wir auf eine Umgehungsstraße Richtung Teleonet ein. Ab dieser Ortschaft führt uns eine 30 km lange Piste parallel zum Fluß Asif Onnila nach Ait-Benhaddou. Die sehr schmale, zerklüftete und anspruchsvolle Piste kann wegen einer extrem steilen Abfahrt nur in diese Richtung gefahren werden und gipfelt zum Ende hin in einer Flußquerung. Da wir die letzten Stunden mit einem Schnitt von 10 km/h vorangekommen sind, erreichen wir Quarzzazate im letzten Sonnenlicht. Schon wieder empfängt uns ein abgehalfteter Ex-Hippie ohne Zähne überschwänglich mit einem diffusen Kräutertee.
Auf dem Weg zur Todraschlucht fängt es wieder einmal an zu regnen und wir versuchen bei den Einheimischen zu erfragen, ob die 240 km lange Piste passierbar ist. Die geringe Reichweite unserer Maschinen macht eine spätere Umkehr unmöglich, eine handfesterer Aussage als das üblichen e`n shalla – so Allah will – wäre hilfreich gewesen. Kriegen wir aber nicht. Die Geschichten gipfeln in der Angabe, die Piste sei wegen Schnee nicht passierbar. Die Entscheidung, ob wir die schwere Piste wagen regelt sich bei km 0 von selbst: die Einfahrt zur Schlucht ist so hoch geflutet, dass meine DR sich gerade so durch das Flußbett quält. Weder Volker, noch ich wollen noch einmal zurück. Äußerlich ungerührt nehmen wir den Applaus der Einheimischen und Bustouristen entgegen, während ich in meinen Helm flüster „mein Gott, war das tief“. Der Fluß hinter uns schirmt uns galant von den Touristenströmen ab uns wir fahren gemütlich bis Tamttatouchte. Die Straße ist in einem desotaten Zustand. Durch den Regen unterspült und weggebrochen fahren wir gelegentlich auf der reinen Asphaltschicht ohne Unterbau.
Wir bauen unser Haus auf 1750 m auf und am Morgen zeigt das Thermometer mal gerade 4 Grad. Ich will mich in der angrenzenden Kasbah aufwärmen, aber das winzige Feuer in dem großen Raum wird schon von den Bewohnern belagert. Bis Aiz-Hani können wir uns auf Asphalt warmfahren, dann folgen 52 km Pistenkilometer. Der Pisteneinstieg ist aufgrund der vorangegangenen Regenfälle unangenehm: der rote Lehmboden ist von riesigen Pfützen durchfurcht. Aber leichter als erwartet schrauben wir uns auf 2.700 m Höhe des Tizi-Tirherhonzime-Passes. Die Piste ist so gut präpariert, dass hier wohl bald eine Asphaltdecke entsteht. Nach der Paßhöhe scheinen Fluß und Piste ein lustiges Versteckspiel miteinander zu spielen: unzählige mal queren wir den Fluß und gelegentlich verläuft die Piste sogar im Flußbett. Daher gilt unser Blick immer wieder dem Himmel, der sich bedrohlich zuzieht. Bei Regen ist diese Passage sicher nicht befahrbar.
Den ursprünglichsten Rast des Urlaubs machen wir in Agoudal: während wir einen dringend nötigen heißen Tee schlürfen, ziehen schwer mit Getreide beladenen Frauen in ihrer bunten Kleidung an uns vorbei und unzählige Kinderfinger dürfen meine feste Zahnspange berühren. Die Menschen hier laufen barfuss – ich fröstel sogar in meiner Lederkombi. Wir beschließen, dass es der rechte Zeitpunkt ist, alle überflüssigen Lebensmittel und Süßigkeiten zu verteilen. Wir geben Sie dem Inhaber des Cafes, der Haribo und Lollis sehr viel gerechter weitergeben kann als wir. Auf den nächsten Kilometern fühlen wir uns wie Protagonisten in einen Film um die Jahrhundertwende: gelbe Pappeln vor blauem Himmel, davor Bauern, die sich auf den eselgetriebenen Handpflug stützen.
Ab Imichil fahren wir auf Asphalt und schon bietet sich uns das leidliche Bild: ein Dorf erwartet die Ereignisse des Tages am Straßenrand...
Mit dem Übergang in den Mittleren Atlas hoffen wir, die Schlechtwetterfront hinter uns zu lassen, aber wieder einmal kriegen wir ein Schüppchen drauf: Von Azrou bis Meknes ist die Sicht durch den Fisselregen so schlecht, dass unser Innenohr uns einen Streich spielt und wir Schlangenlinien fahren. Als wir in Meknes das Ibis Hotel beziehen verlangt der Rezeptionist bei unserem Anblick Vorkasse. Mit steifgefrohrenen Fingern füllen wir auch das letzte Feld des Anmeldeformulars aus. Minuten später funktionieren wir unser Zimmer zur Wärme- und Trockenkammer um, derweil geht draußen die Welt unter.
Meinem Stolz zum Trotz kaufe ich in Meknes einen Regenschirm. Was für eine traurige Investition in Afrika – und wie sieht das aus: ein Schirm zwischen Gepäckrolle und Reservekanister? Gestern ist diese Enduro noch durch Wasser gefahren, heute dient sie als Schirmständer...
Zahlreiche Pups sind Zeichen dafür, dass Meknes eine moderne Stadt ist. Dass der Besuch dennoch anrüchig ist zeigt sich daran, dass Fenster und Türen mit dichten Stofftüchern verhängt sind.
Vom komfortablen Hotel ziehen wir weiter auf den Campingplatz in Fes. Erst jetzt fällt uns auf, dass er von einer Million Katzen bewohnt wird. Ständig kommt uns ein räudiges Tier aus unserem „Haus“ entgegen und mit viel Pfeffer und dem ein- oder anderen Schubser verteidigen wir unser Zelt gegen die ungebetenen Gäste. Natürlich stinkt am nächsten Morgen doch wieder alles nach Katzenpisse.
Der Trip am Abend in die Medina von Fes ist ein Reinfall. Wir unterschätzen die Ausmaße des Königspalastes und laufen über eine Stunde an der Außenmauer entlang. Als wir endlich das Eingangstor zur Medina erreichen, wird die Altstadt gerade geschlossen. Wir winken ein Taxi heran und lassen uns zum Campingplatz zurückbringen. Mir rutscht das Herz in die Hose, als wir am vermeintlichen Ziel ankommen: es ist ein anderer Campingplatz und weder ich noch Volker wissen den Namen von unserem. Es ist stockdunkel und ich habe schon im Hellen einen gruseligen Orientierungssinn. Wir gönnen uns noch eine lange Taxireise bis wir zufällig auf einen Kreisverkehr durchfahren, denn wir als bekannten Punkt ausmachen können.
Die Nacht plästert es mal wieder ohne Unterlass, das macht Hoffnung, dass wenigstens ein Teil der Katzen- und Hundepisse vom Zelt abgespült wird. Am Morgen nimmt uns ein Mitarbeiter des Campingplatzes mit in die Stadt. Etwas belustigt nehme ich zur Kenntnis dass alle im Auto die Plätze wechseln müssen, als ein weiterer Arbeitskollege ins Auto steigt. Kein Fremder Mann soll neben mir Platz nehmen. Da er gutes Englisch spricht und wir uns sympathisch sind, heuern wir ihn als Stadtführer an. Zwar kennen wir Fes bereits recht gut, aber wir nutzen die Möglichkeit auch viele allgemeine Fragen zu Land, Leuten und Bräuchen zu klären. Und so werden aus der vereinbarten einen Stunde fast vier. Der Besuch des Gerberviertels, der Koranschule und der Apotheke machen auch beim zweiten mal Freude. Einig sind wir uns allerdings, dass der Blick hoch über den Hügeln herab auf die Stadt im Mai noch schöner ist, wenn dort der Mohn blüht. Am 26.10.08 führt uns die letzte Etappe in Afrika zurück nach Tanger. Wir beschweren uns nicht mehr, dass wir schon zum Frühstück in Regenkombi und Winterfließ antreten.
Auf der letzten Etappe nach Tanger führt uns ein Abstecher in die schön im Berg gelegene Stadt Chefchauen. Dort holt uns eine gigantische Regenwolke ein, die uns schon den ganzen Vormittag treu begleitet hat. Gibt es nicht den geflügelten Ausspruch „Scheiß Marokko“? Trotzkopf Damaris schleudert dem Himmel ein fürchterliches „IST DAS ALLES, GOTT??“ entgegen. Nein. Ist es nicht. Es gibt noch einmal Nachschlag beim Regen – kein Vergnügen mit abgefahrenen Geländereifen auf den eh schon schmierigen Straßen. Von Techuan bis Tanger versuchen Militärfahrzeuge wenigstens die Hauptstraßen vom Schmott zu räumen. Es wird so viel Matsch hochgeschleudert, dass wir alle paar Kilometer anhalten müssen um die Visiere zu putzen.
Am nächsten Tag heißt es einschiffen. Marokko zeigt sich von seiner schönsten Seite: in kurzer Hose spazieren wir am Strand entlang und lassen uns bei einem letzten Kaua Helip von der Sonne streicheln. Mein Gott, was hätten wir bei so einem Wetter einen traumhafen Urlaub verlebt. Aus der Zeitung erfahren wir dass es eine so extreme Wetterlage in den letzten 100 Jahren nicht gegeben hat. Ganze Straßenzüge und Brücken wurden von den Regenmassen fortgerissen. Ja, das können wir bezeugen.
Auf der Fähre haben wir wieder Kabinenglück: wir kommen in den Genuss einer Zweierbelegung – sogar mit eigenem WC und Dusche! Am Abend des zweiten Seetages bestaunen wir ab 21 Uhr an Deck die uns umgebenden Gewitter und Blitze. Ein toller Anblick. Als das Unwetter uns einholt finde ich es nicht mehr ganz so toll. Das Schiff ächzt und stöhnt und der Aufprall der Wellen hallt durch das Schiff. Schon beim Einchecken fand ich es nicht schön, dass durch die Kabine ein wenig Seewasser floss, nun bin ich mehr als beunruhigt. Ab 0 Uhr geht in regelmäßigen Abständen der Schiffsalarm los. Die Gelassenheit der marokkanischen Belegschaft mag nicht recht auf mich übergehen. Richtig Angst kriege ich, als Volker einwilligt, sich „mal an Deck ein Bild“ zu machen. Aus der Dunkelheit rollten Wellen auf uns zu, die bis zum 3. Deck hochschlagen. Ich schlafe mit Schwimmweste im Arm und Trillerpfeife im Mund. Nach 12 Stunden ist der Spuk zu Ende. Das Gewitter hat auf Mallorca ganze Jachten im Hafen umgedreht. Das Gute daran: der Frühstücksraum ist am Morgen total leer! Aufgrund des Unwetters legen wir nicht mittags in Sete an, sondern erst nach 22 Uhr. Nach 2,5 Tagen auf See dürfen wir bei 5 Grad, null Sicht, Nieselregen, totmüde und vor allem furchtbar seekrank ein Motel suchen. Um ein Uhr erreichen wir steifgefrohren Montelimar. Am Folgetag hat uns Deutschland wieder. Auch der Regen ist uns treu geblieben. Mein Glück ist perfekt, als 130 km vor Bielefeld die Kupplung ihren Geist aufgibt. Volker fährt alleine weiter nach Hause, damit er noch im Hellen ankommt. Die Kälte ist schon tagsüber gemein genug. Knapp drei Stunden verbringe ich auf dem Autobahnparkplatz, dann holt mich Lars mit einem geliehenen Sprinter nach Hause. Scheiß Marokko, ich liebe dich. Für mich bist du das meist unterschätzte Land Nordafrikas. Wir kommen wieder, e´n shallah.
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