Äthiopien Reisebericht: Äthiopiens wilder Süden

Die vom Segen der Zivilisation weitgehend verschont gebliebenen ethnischen Volksgruppen im schwer zugänglichen Süden des faszinierenden Landes wollten wir uns gern mit eigenen Augen betrachten.

Einige interessante Reportagen im Fernsehen führten letztendlich dazu, daß wir uns kurz entschlossen für diese Reise „mit Expeditionscharakter“ entschieden.
Mit Gisa und Eberhard meldeten wir uns bei „Ikarus“ an, da dieses Ziel wegen fehlender Infrastruktur nicht individuell erreichbar ist.
In Äthiopien, 3 1/3 größer als Deutschland, nach bewegter Geschichte heute ein demokratischer Staat, leben ca. 60 Mio. Einwohner. Das Land wird nach Skelettfunden als Wiege der Menschheit bezeichnet und gleichzeitig als Ursprungsland des Kaffees. Die Wirtschaft gründet sich hauptsächlich auf agrarischen Produkten wie Kaffee, Baumwolle, Früchten, Ölsaaten, Ledererzeugnissen und Vieh. Kein Land Afrikas hat einen derartigen riesigen Tierbestand.
Die Regierung bemüht sich, soziale und wirtschaftliche Infrastrukturen aufzubauen, aber das ist wohl eine Sisyphusarbeit. Extreme hohe Arbeitslosigkeit in den Städten und ein Durchschnittseinkommen von etwa 100 $ im Jahr zeigen die Armut.

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Die Währung heißt Birr und Cent, ist an den Dollar gekoppelt. Für einen US-$ tauscht man ca. 8,5 Birr.
Amharisch ist die Landessprache, teilweise wird auch englisch, französisch, italienisch, arabisch verstanden. Weiterhin existieren noch 83 Sprachen und 200 Dialekte. Die Hälfte der Bevölkerung gehören der orthodoxen Kirche an, ein Drittel sind Muslime.
Gültig ist der Julianische Kalender, somit liegt die Zeitrechnung 7 Jahre und 8 Monate hinter unserem Gregorianischen zurück. Die Tageszeit beträgt MEZ + 2 Stunden, allerdings beginnt der äthiopische Tag bei Sonnenaufgang 6 Uhr mit 0.00 Uhr.
Die Hauptstadt heißt „Neue Blume“, Addis Abeba, (gesprochen Addis Ababa oder nur Addis). Sie liegt über 2 000 m hoch und hat wie der größte Teil des gebirgigen Landes nur frühlingshafte Temperaturen. Im Norden, auf dem Ras Dashen, mit
4 543 m dem höchsten Berg, liegt auch Schnee.
Wir erleben das afrikanische Land nach der großen Regenzeit (von Juni – September) in frischem Grün und blühenden Pflanzen.
Die Schriftzeichen, geheimnisvolle gemalte Würmel - wie die Österreicher meinten –, lassen uns rätseln.
11.10.2002
Nach der Übergabe von Haus und Flora in bewährte, gute Nachbarshände, fahren wir rucksackbepackt zum Bahnhof. Die Strecke nach Frankfurt führt uns durch alle anhaltinischen Nester, weil sich ein Lebensmüder auf die Gleise gelegt hatte. So mußte Ina 2 Stunden auf unsere Ankunft warten.
Mit einer B 757 der „Ethiopian Airlines“ fliegen wir 1 ½ Stunden verspätet ab.
12.10.2002
Nun beginnt schon der 2. Reisetag! Der Bordservice läßt keine Wünsche offen. Im überhitzten Flugzeug fliegen wir durch die Nacht. Vor dem Landen blicken wir auf grüne Felder, zahlreiche Blechhütten und rollen schon aus. Dieses ist der Flughafen einer Hauptstadt?, bitte diesen nicht als Souvenir mitnehmen! Polizei ist allerorts präsent, die Zollfahnder zeigen sich hemdsärmelig.
Auf dem Parkplatz gegenüber dem Flugfeld, gesäumt von hundert Einheimischen, findet sich die Gruppe um den Reisebegleiter Herrn Gebriel Abebe Serawitu, der uns fröhlich beidhändig (als Zeichen der Herzlichkeit) begrüßt. Außer uns Vieren gesellen sich noch Herbert aus der Bremer Gegend und ein Paar aus Wien hinzu. Mit einem Fahrzeug von Hess-Travel fahren wir zum Hilton-Hotel. In diesem noblen Gebäude nächtigen wir die erste Nacht.
 

 
Aber jetzt beginnen wir die Stadtrundfahrt. Die Hauptstadt mit über 3 Mio. Einwohnern wurde praktisch erst 1878 gegründet und verfügt daher über kein altes Stadtzentrum. Lehmhütten und verglaste Hochhäuser, Paläste und Standbilder, Straßenmärkte und Grünanlagen reihen sich aneinander.
Wir besichtigen den alten Residenzpalast von Kaiser Haile Selassie, den er später der Universität vermachte. Seine Ausstattung ist bescheiden und praktisch. Der Kaiser genießt noch heute Anerkennung und Verehrung.
Das Etnologische Museum ist sehr sehenswert. Man bewundert die Trachten des Landes, sein Kunsthandwerk, Waffen, Münzen, Werkzeuge, Kultgegenstände und für mich besonders interessant: die Vielseitigkeit der Musikinstrumente (die aber selten gespielt werden).
 
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Vom über 3 100 m hohen Entoto blicken wir auf die Stadt. Der Anblick ist nicht unbedingt atemberaubend (wie im „Nelles“ steht), aber die dünne Luft ist spürbar.
Während der Fahrt zurück in die Stadt sehen wir scharenweise Frauen, die riesige Eukalyptusfuder vom bewaldeten Berg schleppen. Das Holz wird zum Beheizen des Küchenofens benötigt. Am Straßenrand drängen sich die Händler zwischen ihren Ständen.
Mittag wird im „Blue Tops“, einem italienischen Restaurant, abgehalten. Vor Eintritt erfolgt eine Leibesvisitation. Während des guten Mahles kommt sich die Reisegruppe näher. Jetzt wissen wir, daß wir einen Herbert, eine Renate und Erwin dabei haben. Alles lustige, nette Leute. Bei gutem Localbier werden zur Erheiterung Geschichten aus der DDR erzählt.
Später besichtigen wir die architektonisch schöne Dreifaltigkeitskirche. Dafür müssen wir die Schuhe ablegen. Hier liegen die Gebeine der kaiserlichen Familie. Farbig strahlende, meisterliche Kirchenfenster aus Griechenland beleuchten einen prächtigen Kronleuchter. Gläubige küssen die Außenfassade der Kathedrale. Große Steinkreuze auf den Gräbern des Kirchhofes ehren verstorbene Patrioten aus Zeiten der italienischen Besatzung.
 

 
Gebriel zeigt uns noch diverse Obelisken und Denkmale, die an die Befreiung von den Italienern, Menelik, dem Stadtgründer, an den Kaiser und den Löwen von Juda erinnern.
Leider fahren wir am Mercato, Afrikas größtem Markt, nur langsam vorbei. Es bietet sich ein unbeschreiblich unübersichtliches, heilloses Durcheinander von Menschen, Tieren, Säcken, Fässern, Pyramiden aus Obst und Gemüse, gebrauchten Gebrauchswaren und kaum verwertbarem Schrott. Ich würde schon mal unter die zehntausend wuselnden Händler und Käufer eintauchen, jedoch G. sieht keinen
Parkplatz und hat Angst um uns. Die nächste Sehenswürdigkeit ist der Bahnhof. Dieser wird nach Absprache extra für uns aufgeschlossen. Auf der einzigen Bahnstrecke Ä. müßte man bis Djibouti drei Tage aussitzen. Fotoverbot für das Spitzlicht afro-französischer Technik.
 
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Durch quirligen Verkehr, viele herumstreunende Jugendliche, Händler und Polizisten fahren wir zur Hotelanlage. In zehn Minuten wird um 18.30 Uhr der Tag zur kalten Nacht.
Am Abend serviert uns Hilton gewaltige Pizzen. Als Rache verbessern wir die Rechnung und der Hotelbetrieb steht Kopf.
Vor dem Einschlafen denke ich an die Stadtbesichtigung: sehr begeistert hat mich Addis nicht. Entweder übertreibt das Handbuch, oder wir haben zu wenig gesehen.
 
13.10.2002
Heute fahren wir 335 km gen Süden nach Jimma. Vorerst kaufen wir Getränke für die Reise, vor allem Trinkwasser!
Die Cassia-gesäumte Straße führt uns an Bananenplantagen, prächtigen Flammen- und Tulpenbäumen entlang, durch fruchtbare, grüne, hüglige Landschaft. Die Felder sind mit Mais und Getreide bestellt. Mühsam bahnen wir uns den Weg durch riesige Rinder- und Ziegenherden, die von niedlichen schwarzen Kindern gehütet werden. Auf schlechten Straßen lassen wir uns kräftig durchschütteln. Am Rande werden Lebensmittel angeboten. Die typischen Rundhütten, gefügt aus Lehm und Schilf, ziehen vorbei.
Dem Dorf „George“ statten wir einen Besuch ab. In den kleinen Rundhütten leben die Familien mit den Tieren um eine Feuerstätte, man sitzt auf Ziegenfellen. In zerrissene Lumpen gehüllte Kinder sind zutraulich. Und wie immer fordern die Leute 2 Birr fürs Fotografieren. Dafür zeigt uns ein Schwarzer, wie aus dem 20 m tiefen Brunnen Wasser geborgen wird.

 



 Gegen Mittag rasten wir in einem Lokal und essen richtig national. Also bestellt G. Injera, einen dünnen grauen Sauerteigfladen aus dem kleinkörnigen einheimischen Getreide Teff, einen halben Meter im Durchmesser. Dazu noch Wot, bestehend aus scharf gewürztem Schmorfleisch mit Zwiebeln und bis 20 Gewürzen, Kitfo, einem durchgebratenen trockenen Tatar, geschnetzeltes Gemüse, auch kleingeschnittenes rohes Fleisch und eine scharfe rote Soße. Erstere Zutaten, einschließlich Gemüse, werden auf diesen Lappen geschüttet und jeder reißt nun davon ein kleines Stück ab, nimmt die Beilage damit umgreifend auf und steckt das Bündel in den Mund (Bestecke: funktionslos). Die kräftige Schärfe wirkt transpirationsanregend, den Geschmack finde ich vorzüglich, obwohl solche Schärfe nicht mein Fall ist. Zum Nachtisch wird Obst und der obligatorische starke, süße Kaffee (in Mokkatassengröße) gereicht. Den Weg zur Toilette weist die Nase. Auf den blühenden Hibiskusbüschen trocknet die Wäsche, die Waschfrau ist 2 Birr für das Foto allemal wert und ein Junge windsichtet Teff mittels Sieb auf den Hof.

 

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Weiter geht’s, gelb blühende Meskalblumenfelder prägen die Landschaft, niedliche Kinder winken lärmend uns zu. Frauen schleppen gebeugt Feuerholz, gekleidet in farbenfrohem Gewand.
Wir suchen noch eine Familie auf, sehen wie Mais auf einem Stein gemahlen wird, man raucht irgendeine Droge. Unsere Droge ist der Staub, den immer das zweite Auto reichlich genießt.
Unser Auto stottert, der unverwüstliche, freundliche Fahrer Jonny schafft es noch bis Jimma.

Im Dunkel, bei Gewitter, langen wir in unserem „Hotel“ an. Die Nacht über bastelt Jonny an dem Vehikel. Petra bringt ihm ein Bier hinaus.

14.10.2002
Auf schlechter Straße wollen wir heute noch Arba Minch (330 km) erreichen. Armer Jonny!
Schwärme von Schulkindern säumen den Straßenrand. Das Auge erfreut sich an vielseitiger grüner Gebirgslandschaft. Wie immer sehen wir Felder, Weiden, Unmengen Viehzeug, fröhlich winkende Hirtenjungen, holzschleppende Frauen.
Der Zwischenstop in Dörfern gestaltet sich zum Volksfest. Alle strömen sie ans Auto, wollen etwas verkaufen, durch die Kamera schauen, nach unseren Händen fassen. Ein Junge schmückt sich mit einem ans Ohr genähtem Knopf (Steiff-Teddy).

Die Straße schlängelt sich in das Omo-Canyon. Den ansehnlichen braunen Fluß queren wir über eine bewachte einspurige Brücke. Folgend wieder Staub, Staub ... In einer Ortschaft bewundern wir ein Verkehrsschild Tempo 30. Jonny bremst erst ab, als ein Polizist die Arme hebt und Halt gebietet. Begrüßung, der Hüter streichelt den Staub von Jonnys Kraushaar, wieder zackiger Gruß und weiter geht’s mit Tempo 30.
In Sodo gibt es das ähnliche Mittagsmahl von gestern und feuerlöschendes gutes kaltes Localbier. Die Küche ähnelt Böttgers Alchimistengruft, aber die Mitarbeiterinnen machen alles wett.
Überraschenderweise stehen für uns zwei bessere und Allradfahrzeuge samt neuen Fahrer bereit. Also erfolgt umladen, Verabschieden des freundlichen Jonny und Begrüßung des neuen, der sich mit Namen Sisay vorstellt. Er sieht jünger als 33 Jahre aus, gibt sich verbindlich gewandt.

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Kurvenreiche Weiterfahrt durchs 2 600 m hohe Gebirge verschönt den Nachmittag. Monströse Workabäume (Ficus, Feige) mit schätzungsweise über 6 m Stammdurchmesser und mächtigem Wurzelgewirr beeindrucken mich wie eine weitere Art von Cassiabüschen.
Wieder zur Dunkelheit betreten wir das hübsch gelegene „Bekele Mola Hotel“ in Arba Minch. Davon sieht man jetzt natürlich nichts. Staub abduschen und mäßige Fischmahlzeit folgen, anschließend Austausch lustiger Reiseerlebnisse bei Castell-Bier auf der Terrasse...
Wir schlafen unterm Moskitonetz, draußen regnet es.
15.10.2002
Weiter südwestlich liegt Jinka, 193 km entfernt, dahin fahren wir auf Schotterpiste zunächst den Chamo See entlang. Sumpfige Landschaft bietet Lebensraum für Marabu, Reiher, Pelikan, Adler und Geier, die sich ohne Birr-Forderung ablichten lassen. Affen tollen um unser Fahrzeug. In den Akazien hängen zahlreich Bienenkörbe oder Nester der Webervögel. Im Gelände wechseln vulkanische Böden von rot bis
schwarz, durch Erosion tief zerfurcht. Bestanden mit Mais und Hirse, es grasen große gut genährte Herden, behütet von hübschen Hirten. Blaugekleidete schwarze Jungens mit Maiskolben am Gürtel, jeder einen Esel am Strick, auf roter Erde, Schirmakazien im Hintergrund ... das reizvolle Motiv entschwindet.
Später zeigt sich die Landschaft afrikanischer, trockner. An den Berghängen blühen Teppiche violettblauer Kerzen eines Salbeis. Im lichten Savannengelände stehen überall Bäumchen der auffällig leuchtendrosa geschmückten Wüstenrose (Adenium obesum), Fackellilien und blühende Aloepolster.
Auf einer Anhöhe stehen Hütten. Ein Mann arbeitet an einem selbstgebastelten Webstuhl. Kinder und Frauen freuen sich über unseren Besuch.
Nach Konso nehmen wir unser landestypisches Mittagsmahl bei Gorra ein. Hier verfolgen wir auch genau die Kaffeezeremonie. Auf einem Gefäß mit glühender Holzkohle werden die soeben gewaschenen Kaffeebohnen in einer Schale geröstet. Um diese Stätte ist grünes Blattwerk als Willkommensgruß gelegt, ein Weihrauchfäßchen verbreitet qualmend Wohlgeruch. Dann werden zur Geruchsprobe die gebrannten Bohnen herumgereicht, gestampft und in einer Keramikkaraffe gebrüht. In den kleinen Bechern wird mit viel Zucker der Aufguß als Abschluß gereicht.
Je näher wir in die Gegend des Unterlaufs des Omos kommen treffen wir auf die unterschiedlichen exotischen Volksgruppen. G. erklärt knapp das Aussehen, den Schmuck, die Haartracht dieser sehr ansehnlichen Menschen. Es sind die Hamer, Surma, Tsemay, Konso, Ari, Karo und letztlich die Mursi, herausgegriffen aus der Vielzahl.

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In einem Dorf der Tsemay verweigert uns der Häuptling heftig die Besichtigung, er hatte wohl mit einer vorigen Touristengruppe Probleme. Man fuchtelt uns mit verrosteten Kalaschnikows (Baujahr 1950) vor der Nase. Währenddessen sich schon alle wirklich schönen und geschmückten Dorfmädchen im Halbkreis aufstellen und tanzen (wieder ein verlorenes Motiv).
Wir queren den Weytofluß und erreichen 17 Uhr die kleine Stadt Jinka. Jeder von uns mit persönlichem zugelaufenen Führer ausgestattet, unternehmen wir einen Ortsspaziergang zum Markt. Das Markttreiben auf einem unsauberen Platz inmitten baufälliger, ärmlichsten Lehmhütten bietet nicht viel. Wir kaufen Salz als späteres Geschenk und lassen Bananen besorgen, die zwar klein, aber köstlich aromatisch sind.
In der Unterkunft kann man kalt duschen und die Kameraakkus laden.

 


 16.10.2002

 

Im Regen verlassen wir den Ort, fahren auf glitschiger Piste in die Wildnis. Zuerst geht es steil bergab, links neben uns tiefer Abgrund – die Vorderräder sind nach rechts eingeschlagen, wir schlittern aber Richtung Tiefe mit dem kopflastigen Fahrzeug (die Zelt- und Küchenausstattung auf dem Dach). Aber der geschickte Fahrer kriegts irgendwie hin (er hat schon 300 Tkm dieses Auto gefahren; sind es dem Profil nach noch die ersten Reifen?). Die Fahrstrecke ist schwierig, stellenweise schlingern wir durch 50 cm tiefe Schlammfurchen.
Sisay erklärt uns alle Vögel, die zahlreich auffliegen: Wiedehopf, Trappen, Tauben, Raben, Geier, Perlhühner. Er hat ein Fachbuch dabei und zeigt die Bilder. Mehrmals queren Dik-Diks und eine Schildkröte den Weg.
 
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Ein Schlagbaum verwehrt uns Einlaß in den Mago-Nationalpark. Freundliche Begrü
ßung bei der Verwaltung und Aufforderung zur Pirschfahrt, es wurden Elefanten gesichtet. Jedoch ohne Erfolg, so bauen wir die Zelte auf. Der Koch serviert das Essen, nachfolgend fahren wir auf gewagten Wegen zum Stamm der Mursi.
Da fallen sie schon, aus ihren Hütten rennend, über uns her. Mit eisernem Griff ihrer kalten harten Hände fassen sie uns, drängen energisch zum Fotografieren, fordern Geld. Schwatzen schrill auf uns ein. Die Frauen mit ihren Tontellerlippen sehen schon unheimlich aus. In ihre gedehnten Ohrläppchen und Lippen sind bis bierdeckelgroße Tonscheiben geklemmt und bedeuten begehrenswerte Schönheit. Man möchte ein Foto schießen, einigt sich mit einer, sofort stellen sich gleich mehrere hinzu und zeigen mit den Fingern 2 Birr! Das ist wahrer Streß. Mit wenigen Aufnahmen räumen wir enttäuscht alsbald das Territorium. Myriaden von Fliegen begleiten uns. Mit fuchtelnden Gewehren fordern die Männer noch „Parkplatzgebühr“, hindern uns an der Weiterfahrt zu einem weiteren Dorf. Dieses Erlebnis wird noch mehrmals ausgewertet ...
 
Unterwegs halten uns noch honigerntende, vollkommen nackte Männer auf. Für den schwarzen Gegenstand erhebt man 1 Birr Aufschlag.

Die abendliche Pirschfahrt gewährt die Beobachtung von Wasserböcken. Hinter Schirmakazien verschwindet fotogen die Sonne. Wir waschen uns am Fluß. Es ist warm, beim hastigen Teetrinken gerät man ins Schwitzen. Die Mannschaft zaubert ein treffliches Abendbrot aus verschiedenen Gemüsen. In der warmen afrikanischen Nacht lärmen Vögel, Grillen, Schakale. In den Bäumen über unseren Zelten brüllen Affen.
17.10.2002
Beim Frühstücken beobachten uns die ruhestörenden Primaten. Wir packen zusammen und fahren zurück nach Jinka, um an dem anderen Fahrzeug einen Riß schweißen zu lassen (ohne Erfolg, da Stromsperre). Defekt sei kein Problem, so fahren wir weiter nach Key Afer. Die Banna mit ihren Kürbisschalen als Kopfschmuck, streben beladen mit Milch, Honig, Butter gefüllten Kalebassen und Tieren zum Markt.

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Quicklebendiges Treiben zwischen Auslagen von Obst, Gewürzen, bunten Plastschüsseln, Feuerholz, Hühnern und Kaffeespreu (für Tee) und hunderten anderen Dingen empfängt uns. Perlenschmuck, blaue Wickeltücher, Lederschurz, Blechrollen, Metallringe, Bemalungen sind zu bewundern. Hamer-Frauen mit ihren Haarschnüren, gedreht aus Butter und farbiger Erde, bieten Lebensmittel an.

Alle Männer im Süden tragen einen selbstgeschnitzten, kleinen, hölzernen Hocker mit sich herum, daran wird stetig noch mit Sand und Blättern geschmirgelt. Beim Schlafen als Kopfstütze oder in Kauerstellung als Gesäßunterlage ist er unentbehrlich.
Der Dorfälteste bittet uns, ihn zu fotografieren, schenken ihm dafür einen Knirps. Unbändige Freude bewegt den Häuptling. Er möchte uns gern sein Haus zeigen. Diese armselige Unterkunft aus Ästen, Pappe, Blättern und Ziegenhaut regt zum Nachdenken an. Schlimmer geht’s nimmer. Heute ist er der glücklichste Mensch im Ort und wird allseits bewundert. Ich filme aus Gürtelhöhe.
Traumhafte afrikanische Landschaft zieht vorbei. Diverse blühende Euphorbien, die beliebten Akazien, Termitentürme, ausgewaschene Flußbetten, Menschen strömen, Tiere treibend von einem Markt heimwärts. Uns zuwinkend die Frauen in schönen
Trachten, die Männer mit den russischen Gewehren, oder sie schreiten stolz mit erhobenen Händen einen Stock auf den Schultern haltend. Über den Bergketten türmen sich gewaltige Wolken, Sand wirbelt empor, es staubt und über dem Land mit dem weiten Horizont gleißt ein grelles Licht.
Unser Fahrer ist immer gut drauf, niemals müde. Noch eine Polizeistation, dann schlagen wir hinter Turmi, in schöner Gegend, am trockenen Keskefluß unter fruchttragenden Mangobäumen unsere Zelte auf. Waschen fällt spärlich aus. Um den Griff am Pumpenschwengel streiten sich die Jungen, für einige Hübe wird schon 1 Birr rausspringen. Man kann auch duschen: für 1 ½ Fotoeinheiten tröpfelt aus einem Plastkanister über Kopf Wasser hinab.
Abendessen schnell und gut gezaubert, bei warmen Wind und warmen Bier sitzen wir bei Gaslicht in lustiger Runde.

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 18.10.2002

Heute Morgen ist es schon sehr warm, denn wir fahren in der Omo-Tiefebene. Das Auto schlingert im Schlamm grundloser Regenfurchen. Dornenbewährte Büsche kratzen, verschiedene Euphorbien blühen, Termitenhügel stehen wie Schornsteine im lichten Akaziengestrüpp. Allerlei Vögel gibt es zu sehen und lebhafte Schmetterlinge. Zeitweise schauert es, aber das Wasser versickert nicht. An der Murle-Lodge halten wir, schauen uns einige bescheidene Tiergehege an und fahren durch Steppe weiter nach Murule – nur noch 35 km von der kenianischen Grenze entfernt. Die romantische Ortschaft liegt an einer Biegung des Omo, der hier ein sehr tiefes Tal gegraben hat. Die Eingeborenen vom Stamm der Karo begrüßen uns lebhaft: sparsam bekleidet mit Perlen geschmücktem Ziegenleder, einen beweglichen Nagel durch die Unterlippe gespießt, Frauen mit auffälligen, aufgeworfenen Narbenstreifen auf den Rücken, Männer wieder mit der obligatorischen Kalaschnikow und schwerem Patronengürtel auf – und ausgerüstet, Schwärme von quirligen Kindern ergreifen unsere Hände. Zu bewundern sind künstlerische Körperbemalungen aus Erdfarben. Beim Rundgang durch das Schilfhüttendorf entdecken wir eine Behausung mit Tierkindern, Frauen bearbeiten Felle oder mahlen Getreide zwischen zwei Steinen.
Ein Auto fährt heran, ein Weißer steigt aus und wird herzlich begrüßt: ein Franzose, der hier in diesen Hütten zeitweilig schon 15 Jahre lebt!
Die Rückfahrt unterbrechen wir an einem Hamer-Dorf. Wir finden nichts Neues und fotografieren nicht, so werden wir mit energischer Geste weggeschickt!
Alle plagt der Durst, deshalb wird in Turmi angehalten. In einer Hütte wird Flaschenbier Bedele gereicht. Einheimische sitzen unter uns – allgemeines beäugen und abtasten. Sisay spendiert den Mädels Honigwein (schmeckt aromatisch). Ein Stummer verständigt sich mit uns über Pantomime, raffiniert entlockt er uns Geld, nachdem er sich mit unseren Mädels ablichten läßt. Anschließend folgt die perfekte Kaffeezeremonie.
Wie immer gibt es reichlich warmes Abendessen bei Grillenzirpen, Affenschrei. In der Nacht schauert es aufs Zeltdach.

19.10.2002

Wir steigen erstmal in Turmi aus den Fahrzeugen, sofort haben wir an jedem Finger ein fröhliches Kind. Jeweils das älteste bestimmt, wer von dem Überangebot einen Finger greifen darf. Die Kleinen zeigen sich und uns den Ort.
Unser nächstes Ziel wird der Markt von Dimeka sein. Auf der Straße begegnen wir schon Hamer und Benna, die ihre gefüllten Kalebassen schleppen. Malerische Szenen aus einer fremden Welt!
Der Platz ist sehr gut besucht, viele Gruppen der Hamer mit ihren Butterzöpfchen sitzen um ihre Waren, Tongefäße, tierische Lebensmittel und warten. Einige Männer haben wieder ihren Körper so schön bemalt, daß man von weitem annimmt, es sei ein Kleidungsstück. Um 11 Uhr ertönt der Pfiff und nun wird gehandelt! Es ist heiß, interessant und aufregend – in unbeobachteten Momenten, Aufnahmen machen zu können. Nach Besichtigung des Tiermarktes führen uns die begleitenden Kinder in ihre Schule. Oh je, wie spartanisch ausgestattet! In englischer Sprache stehen die Erklärungen zu Formeln von Wichte, Dichte und Volumen an der Tafel. Eberhard mimt geschickt den Lehrer und die Kinder spielen aufgeschlossen mit. Am besten wissen sie über den deutschen Fußball Bescheid.
Wir unterbrechen die Heimfahrt und statten einem Dorf unseren Besuch ab. Leider geht ein Regenschauer nieder. Die Masse nackter Kinder sucht Schutz unter einem Dach, das wäre ein schönes Foto: dieses Gemenge von schwarzen Armen und Beinen gleicht einem Korb sich windender Würmer oder Schlangen. Eine hagere wettergegerbte Oma verweigert sich vor der Kamera. So halten wir noch auf ein Bier in Turmi, „unsere“ Kinder freuen sich und Gebriel erzählt wieder hintergründig von seinen lustigen Erlebnissen, die er während seines 4-jährigen Aufenthaltes in Düsseldorf erlebt hat.
 
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20.10.2002
Laut Programm ist heute eine Reise zum Vogelparadies Rudolfsee (Turkana) und zu den Dassanech an der kenianischen Grenze vorgesehen. Angeblich sei die Gegend ein Privatjagdgelände und wir bekämen keine Genehmigung. Stattdessen schlägt G. vor, ein Hamer-Dorf aufzusuchen, in dem die Zeremonie des Rinderspringens stattfindet. Erst bin ich davon nicht sonderlich begeistert. Im Nachhinein gebe ich ihm Recht, daß es das beeindruckendste Erlebnis wird. G. schickt mehrmals Kundschafter in die verschiedenen Siedlungen mit Erfolg.
Wir fahren quer durch den Busch, halten am ausgetrockneten Kaskefluß (G. sagt Weyto, wahrscheinlich Nebenfluß dessen) und marschieren weiter stromaufwärts. Mächtige geblichene Baumleichen liegen im Flußbett am ausgespülten Ufer. Dann vernehmen wir Geschrei und Holzfeuerrauch, sehen Hütten und erklimmen den Hang.




 

Ein Eingeborener namens Massai ist mit uns gefahren. Er beherrscht den Dialekt des Stammes. Jetzt wird erst mit dem Häuptling verhandelt, damit wir fotografieren dürfen. Das Stammesoberhaupt fasziniert mich. Ein hagerer großer Mann mit scharfgeschnittenen Gesichtszügen, mittleren Alters in einem rotkarierten Rock, redet bestimmend und gestikuliert mit ausgestreckten Armen und schwingenden Händen. Er behält während des turbulenten Festes immer die Übersicht, Gelassenheit und schlichtet stets ohne Widerreden jegliche Streitereien.
Auf einem freien Platz stehen in einer Reihe kugelförmige Tongefäße auf kleinen Feuern, in den Getränke und Suppen köcheln, eine Hamer-Frau schiebt Holz nach, gießt Wasser zu. Währenddessen die (wahrscheinlich) Stammesälteste immer wiederkehrende Gesänge von sich gibt. Jüngere Frauen tanzen trippelnd, singend, in der Reihe, mit ihren Metallreifen um Armen und Beinen rhythmisches Geklapper und
mit Blechtuben Fanfarenklänge verbreitend, in perlenbesetzten Lederschurzen und Kettenschnüren geschmückt, ihre Haare zu zig Kordeln gedreht.

Im Schatten, unter Laubdächern, sitzen die Einheimischen auf Lederhäuten, Mütter mit vielen Kindern gegenüber im Schatten eines Baumes. Vor der Hütte wird ein Krieger geschminkt, verziert, gefärbt, geschoren. Daneben wird gerade eine Ziege geboren. Aus dem Wald kehren Frauen mit großen Holzbündeln auf dem Rücken zurück. In der Mitte des Platzes tanzen die Mädels weiter. Bescheiden sitzen wir am Rand und werden mit der Zeit als zugehöriges Inventar wahrgenommen. Etwas zurückgezogen, nehmen wir im Schatten unser Picknick ein. Es ist heiß. In kürzester Zeit lief Massai den Weg zum Auto zurück und schleppte die Proviantkiste herbei! Ein Gewitterschauer überrascht uns, jetzt muß die Folientischdecke als Regenschutz für alle herhalten. Dichtgedrängt, auch zwei Schwarze schmuggeln sich darunter, warten wir ab.
Dann kommt Bewegung in die Menge. Die Tänzerinnen und junge Männer mit langen Peitschen in der Hand, laufen zum Flußbett hinab. Bei Tanz und Gesängen drängeln sich die Mädels den Männern auf, um als Liebesbeweis erbarmungslose Peitschenschläge zu erhalten! Für uns schockierend, hören wir den schneidenden Pfiff und Knall der Schnüre, die entlang des Rückens der Schönen zu blutenden Schnitten führen. Einige, schon ältere, haben zahlreiche aufgeworfene Narben. Verschiedene Stämme zeigen auch an anderen Körperteilen wulstige Schmucknarben.
Zwei Liebestolle lassen nicht ab. Sie haben schon sechs, sieben blutende Striemen erhalten. Kein Verziehen des Gesichtes, kein Schrei, lächelnd schlängelnd, windend wird weiter getanzt. Sie bitten noch mehrmals darum und irgendwann nehmen sie das Folterwerkzeug an sich.

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Nach dem schaurigen Ritual begeben wir uns wieder zum Rand des Festplatzes. Die geschundenen Mädchen hüpfen in Trance, sie riechen eigenartig stark nach dem heißen Bier aus den Tontöpfen.
Währenddessen treffen skurril bekleidete Abgeordnete von Nachbardörfern ein und treten durch das aus Ruten erstellte symbolische Tor. Sie werden vom Häuptling begrüßt, erhalten aus seiner Hand zu Trinken. Von territorialer Tracht, über Lodenmantel, russischer Offiziersmütze bis Karnevalshut und Kalaschnikow reicht die Bekleidungsordnung. Sie alle nehmen separat in Reihe neben den Eingeborenen Platz. Aus den Kalebassen werden ihnen laufend die (bestimmt lukullischen) Getränke und Suppen serviert.
Jetzt tanzen alle Frauen und Mädchen extasisch, vereinzelt knallen wieder die Peitschen, immer neue Gäste geben sich die Ehre. So vergeht der Nachmittag.
Vor Sonnenuntergang laufen alle Anwesende in den lichten Wald. Nun wird der Höhepunkt des Festes erwartet. Das „Rinder- oder Bullenspringen“, eigentlich ein Ritual für Jungen, die als Erwachsene aufgenommen werden möchten. Dazu müssen sie viermal über eine Reihe von Rindern springen und laufen und dürfen als Triumph den Platz durch das aufgestellte Tor verlassen.
Im Licht des sich neigenden Tages rennen nun hunderte Schwarze den windenden Pfad durchs hohe Gras, ich stehe auf einem Stein und filme die geschmückten Köpfe, die sich in der Ferne wie eine unwirkliche Schlange ausnehmen. Auf dem Platz gibt es irgendwelche Probleme. Der Häuptling richtet es. Später büchsen die Bullen aus, die so schön in Reih und Glied gestanden haben. Die Einheimischen freuen sich kindisch über unsere Angst, von den Viechern umgerannt zu werden.
Gesang, Schalmeienklänge, Lärm verunsichern die Tiere. Wieder klatschen die Peitschen, ein Mädchen weint, weil sie nicht noch mehr Hiebe bekommt. Die Mutter zieht sie zurück.
Die Sonne geht unter. Die jungen Männer werden zutraulich, möchten gern durch die Fotoapparate schauen und freuen sich darüber wie Kinder. Verschenkte Schokolade findet keine Begeisterung.
Ein vollkommener, nackter, tiefschwarzer Mann mit abstehenden fülligem Kraushaarschopf betritt den Plan, wird geschmückt, massiert, besprochen und dann rennt er auf die Bullen zu. Einmal klappts wohl nicht so recht, aber dann springt er mit erhobenen, gespreizten Armen über die Rücken, läuft darauf noch weiter und steht wieder auf dem Boden. Dieses wiederholt sich mehrmals, dann ertönt Jubel, die Krieger umfassen sich zu einer Kette und schwingen tanzend hin und her, dabei kehlige Bullenrufgesänge ausstoßend. Es ist schon fast dunkel geworden. Vor dem Hintergrund eines gelben Horizontstreifens heben sich silhouettenhaft malerisch Akazien ab, wir inmitten der buntgeschmückten tobenden Krieger, Speeren und Stöcken, wilde Gesänge, eigenartige Gerüche, Grillenzirpen... Gibt es da noch etwas draufzusetzen?
Mit den Massen eilen wir zurück über Stock und Stein. Wir folgen dem dunklen Flußbett zum Auto. In der Ferne hört man noch die feiernde Meute. Da müßte man dabei sein.
Um 23 Uhr am Zelt spricht uns noch ein Schwarzer aus dem Nachbardorf an – wir hatten die am Vortag von seiner Familie ausgebreiteten Waren interessiert betrachtet – und erwerben nun den Lendenschurz zu seiner Freude.




 


21.10.2002
Zeitiges Aufstehen, abbauen, packen ... Einheimische stehen wie Kinder herum und können alles gebrauchen. T-Shirt?, die hundertfach gestellte Frage. Die Knaben vom Pumpenschwengel kriegen Kleidungsstücke. Dem einen gebe ich meine Augensalbe für sein verletztes Auge. Herzlicher Abschied.
Fahrt durch schönes Gebirge, Schotterpisten, Querrinnen, Gräben, fortgespülte Brücken, hinab, durchs Wasser, hinauf, Weihrauchbäume an den Hängen, weite Täler, violetter Salbei, schwimmende Bergketten am Horizont, durch die sich unser Fahrweg als Faden windet, Kinder rennen rufend hinter dem Toyota her, bieten Spielzeug, Weihrauch an, Grashütten, Viehzeug, graziles Gras mit Federbüscheln...
Rast vor einem Konso-Dorf. Ganz tiefschwarze Menschen eilen auf uns zu. Wir krauchen in eine Hütte. Es gibt wieder Probleme mit Bezahlen und Fotografieren.
In Konso essen wir wie immer graue Lappen zu Mittag und spazieren nach dem Kaffee über den Markt. Sicherlich als erste Touristen werden wir angestarrt, mit den Augen verfolgt. Stoff wird noch mit der Elle vermessen, der Änderungsservice müht sich an einer fossilen Nähmaschine, gute Nahrungsmittel liegen auf der Erde oder sind in Säcken verpackt. Aber hier herrscht Ordnung und Sauberkeit.
Das nächste Zeltlager schlagen wir auf dem schönen Gelände des abgedankten Königs auf. Fahren aber noch vor dem Essen in das Dorf Etcequè.
Fruchtende Kaffeebäume, Kartoffel- und Getreidefelder in Terrassenform, bergiges Gelände, weite Fernsicht auf schroffe Bergspitzen, leuchtend rotbraune Erde gibt es während des kurzen Ausfluges zu sehen.
Dann parken wir vor dem umzäunten Dorf. Es stehen zwei Schilder neben dem Eingang. Totenkopf neben dem Wort Aids fallen auf, bei dem anderen ist eine Familie gemalt, die zwei Kinder führt – Familienplanung.
Während ich lese, krakelen mehr als 50 kleine Kinder von oben hinter Zaun und Mauer. Das Dorf besteht hauptsächlich aus Kindern, Kindern, Kindern ... Foto, Foto, Foto...
Es ist in Hanglage exotisch und einmalig angelegt, um jedes Schilfhaus ein Zaun aus Bohlen, dazwischen höchstens einen Meter breite Gasse. Frauen beschäftigen sich mit traditionellen Hausarbeiten, den zentralen Platz ehren kahle Baumstämme für verstorbene Häuptlinge, an anderer Stelle geschnitzte Holztotems für tote Krieger. Die Kinder tragen die Reste armseligster Lumpen, Hunger scheint keiner zu leiden. Auf dem Heimweg begegnen uns hunderte Leute, die schwer bepackt vom Markt hinauf zum Dorf strömen. Deswegen sahen wir nur Kinder.
Gewaltige Gewitterwolken über den Bergen, ein Regenbogen, mächtige Akazien und davor hübsche Frauen in grellbunten Stoffen gehüllt – das wäre wieder ein schönes Bild geworden.  
Das Gewitter warten wir in einer Kneipe ab. Zum Abend serviert der Koch Spaghetti, Kartoffeln, Fleischstücke, Tomatensalat, Spinat, Zucchini, rote Rüben, Erbsen, Gurkensalat und eine Obstteller.
Wir kampieren über 2 000 m hoch, es wird kalt. Der Vollmond scheint durch baumhohe Euphorbien, in denen riesige Spinnengeflechte und Kokons hängen. Der Häuptlingssohn entfacht ein angenehmes Lagerfeuer.
22.10.2002
Unsere Gruppe ist beim König eingeladen. Die Residenz, ein Grashütten-Mini-dörfchen, vereint alle Gewerke eines Bauernhofes, frühes Mittelalter, und ohne Trinkwasser. Eine Hütte dient als neunjährige Beherbergungsstätte für die Leiche seiner Hoheit, bis diese auf dem Friedhof beigesetzt wird. Für den Fototermin zieht er sich noch um.
Wir passieren Gidolè und fahren nun im Rift-Valley 150 km am Ch’amo See entlang bis Arba Minch. Hier kennen wir uns aus. Schöner Blick von der Terrasse der Unterkunft: durch Flammenbäume auf Urwald, Ch’amo und Abaya See.
G. lädt uns zum Fischessen in den Ort ein. Drei Sorten gilt es zu probieren.   Clapia, ein großer Raubfisch, wird stehend auf einem Gestell kredenzt, dazu Gemüse und Suppe. Preis: 125 Birr = 1,64 EUR pro Bauch!

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Am Nachmittag fahren wir zur See. Erst gestaltet es sich schwierig, per Toyota das Ufer des Ch’amo See zu erreichen, es ist sumpfig. Dann steigen wir in ein kleines Boot, welches uns in ein größeres Motorboot bringt. Diesen rostigen Blechkahn mit einem stotternden Dieselungetüm und zu erwartenden Leck vertrauen wir uns an. Ein nahendes Gewitter läßt uns ganz schön auf und ab rollen. Ein Schwarzer schöpft Wasser, wir kriegen die gischtende Bugwelle ab. Abtauchen möchten wir wegen der hier vorgewarnten Bilharziose nicht. Der Schiffsführer fährt erst mal in die ausgelegten Fischernetze und spult sie auf die Schraube. Dann ist er des Wasserschöpfens müde, beißt von der Stake-Stange ein Stück ab und verschließt das Leck.
Das fotogene Gewitter zieht backbords ab, wir betrachten eine Flug- und Tauchschule von Pelikanen und schlingern später in eine Bucht, wo wir aus relativer Nähe gut 7m lange Leistenkrokodile beobachten. Auch Flußpferde schwimmen in geringer Entfernung vom Boot. Viele Vögel wie Weißkopfadler, Reiher, Pelikane, tummeln sich hier. Das ist schon interessant, das alles in so geringer Distanz sehen zu dürfen.
Umfallfrei und trocken gelangen wir wieder an Land. Am Ende schultert ein Schwarzer den massigen Dieselmotor zwecks Diebstahlsschutzes zum Bootshaus hin.
Abends gibt es wieder Clapia, Wetterleuchten und Nachtruhe unterm Moskitonetz.
23.10.2002
Wir fahren zwei Stunden am Albaya See entlang auf einer Asphaltstraße! In Sodo trinken wir Kaffee (hier hatten wir bei der Hinfahrt die Fahrer gewechselt). G. erzählt uns, daß das Haus hier ein Bordell ist, Liebesdienste sind ab 30 Birr zu haben (15 Fotoeinheiten). Die Mädels – jetzt aus anderem Blickwinkel betrachtet, schwänzeln über den Hof. In Shashemene essen wir Mittag, man sieht wieder Autos, Fahrräder, Eselskarren, viele Studenten. Schnurgerade Straße durch den großen Grabenbruch, erkennbar sind verworfene Lavaböden und kleine Vulkane. Im Bereich dieser langen Bruchstelle der Erdkruste reihen sich viele große Seen. Weiter geht’s durch trockenes Grasland, bestanden mit einzelnen Schirmakazien, mächtigen Feigenbäumen. Jetzt stauben wir nach rechts zum Langano See. Das ist eine ordentliche Ferienanlage mit vielen Unterkünften für die wohlbetuchten Hauptstädter. Viele blühende Büsche schmücken, im Hintergrund die 4 000er. Das Wasser ist warm, trüb, braun, es fühlt sich seifig an, denn es enthält reichlich Soda und Eisenverbindungen. Da es bilharziosefrei (in den Körper eindringende Wurmlarven) ist, baden wir vergnüglich, bis die Haut schrumplig wird.




 

Beim Abendspaziergang beobachten wir Sekretäre auf den kahlen Bäumen.
Bei Castellbier sitzen wir noch in lustiger Runde zusammen und wie immer, werden heitere Erlebnisse ausgetauscht.

24.10.2002
In der Morgensonne wird gefrühstückt, vorher haben wir schon Glanzstare und andere zutrauliche Vögel fotografiert.
Auf der Straße 6 gelangen wir an anderen Seen vorbeifahrend zum Ziway Hayk. Am Ufer betteln Scharen von Marabus und Pelikanen, anlandende Fischer füttern die Abfälle. Im seichten, schilfbestandenen Ufer tummeln sich noch Taucher, andere Wasservögel in Vielzahl. Ein Junge steckt Petra Seerosenblüten ins Haar.
Sisay hat Magenschmerzen. Während wir an einem Kratersee Reiher und Eisvögel beobachten, Kaffeetrinken und speisen, fährt er in ein Krankenhaus.
Die Mahlzeit nutzen wir, um allen Beteiligten das gesammelte Trinkgeld zu übergeben. Originelle Dankesworte an Gebriel findet Herbert und händigt „Nothilfepäckchen“ aus. Auch G. schätzt die Teilnehmer ein, hat für jeden ein typisches Wort in Versen verpackt, parat:
Gisa               – rechnerisch
Renate           – direkt
Petra              – frei (ob er die Anzugsordnung meint?)
Herbert           – perfekto
Eberhard       – Knoblauch
Frank              – treffende Aussprüche
Erwin              – neugierig
Nun endet die Entdeckungsfahrt langsam, das nächste Ziel wird wieder die Nobelherberge Hilton sein. Aber jetzt fahren wir auf guter Straße an blühenden Agaven und Aloeen, herrlich blauen Jakarandabäumen (Palisander) und Rundhütten, teils mit der Flagge grün – gelb – rot in horizontalen Streifen (Fruchtbarkeit/Religionsfreiheit/Opfer für nationale Einheit) vorbei. Darin wohnt der Dorfälteste.
Am Hotel wird von allen eine sehr herzliche Verabschiedung zelebriert.
Unser Abschiedsessen wird landestypisch sein. Dazu lädt uns Herr Hess, der dortige Veranstalter, ins Grand Hotel ein. G. erscheint im Anzug, Schlips und Schiebermütze. Der Schweizer Freddy H. begrüßt und befragt uns, erklärt das nationale Menü. Ich freue mich ehrlich auf die grauen Lappen und greife ungeniert zu. Gerahmt von einem lauten, vielgestaltigen Kulturprogramm blockiert es jegliche Unterhaltung. Lt. Mehrheitsbeschluß brechen wir vor dem Ende auf.
Der Birr-Rücktausch gestaltet sich potenziert bürokratisch. Drei Männer füllen sechs Formulare in 30 Minuten aus und hämmern zwölf Stempel auf die sechs geduldigen Papiere, in Paß und Ticket.
25.10.2002
Nach gewichtigem Frühstück umarmen wir Gebriel.

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Herr Heß bringt uns zum „Flughafen“. Die 757 erhebt sich wieder mit Verspätung, pünktlich sind wir noch nie abgeflogen.
Der lokale Rotwein an Bord, den wir uns als Trost genehmigen, trägt das Preissiegel mit Hammer und Zirkel der Leipziger Messe 1976.
Natürlich erreichen wir den geplanten Zug in Frankfurt nicht. Ina wartet geduldig auf uns, um mit heimzufahren. Zweimal steigen wir unter Zeitdruck um, sind Stunden später, 2.30 Uhr, zu Hause. Alles in Ordnung, keine Kübelpflanzen erfroren, aber es ist mittlererweile bunter Herbst in Deutschland eingezogen.
Man denkt etwas wehmütig an den blauen Himmel, wohlige Wärme, hier umringen uns keine fröhlichen Menschen, wenn wir aussteigen. Irgendwann wollen wir nach Afrika zurück.
Äthiopiens Süden ist ein interessantes, faszinierendes Reiseland für alle, die Freude am Zusammentreffen mit einfachen, aussterbenden Kulturen haben.
Die Einheimischen sind freundlich und neugierig, Kinder bedrängen den Touristen, betteln häufig. Bei dieser Armut ist das verzeihlich wie das stetige Animieren zum Fotografieren, um Geld einzufordern.
Die Landschaft ist abwechslungsreich, gebirgig, im Oktober üppig grün, viele Blumen und der Artenreichtum an Federvieh erfreuen den Besucher.
Die Reise ist keine bequeme Kaffeefahrt mit Schwimmbad und Eiswürfelgetränken und so ....
In der Reisegruppe gab es viel Spaß, vorbildliche Disziplin und übereinstimmende Interessen.
Ein klein wenig abenteuerlicher Biß fehlt bei einer organisierten Reise.
Durch Restaurantbesuche geht immer etwas Zeit verloren, die man zu weiteren Erkundungen nutzen könnte. Drei Tage Verlängerung für den Norden wären optimal gewesen.
Wir hatten zu viele warme Sachen eingepackt.
Aber alles zusammen betrachtet: es war eine beeindruckend schöne Reise.
  
Gesamt: 3 200 km