Madagaskar Reisebericht:
Auf den Spuren der Lemuren…

Eine wundersame Reise durch das Land, wo der Pfeffer wächst…
Madagaskar 22.09. bis 06.10.2004

"Bitte legen Sie die Sicherheitsgurte an und stellen Sie die Rückenlehne senkrecht. Wir starten in wenigen Minuten zu unserem Flug von Paris nach Antananarivo, der Hauptstadt Madagaskars", forderte uns der Pilot der Air Madagascar auf. Mein 15 Jahre alter Traum von dieser fernen exotischen Insel im indischen Ozean sollte in Erfüllung gehen.

Aber wie immer, berichte ich der Reihe nach, wie es uns ergangen ist. Wir, das sind meine Nichte Marion, ihres Zeichens Diplom-Biologin und wohnhaft in Aachen, und ich. Zum ersten Mal seit 12 Jahren reiste ich nicht alleine, obwohl ich das sonst am liebsten hab, um meine Alltagswelt für eine Weile komplett zurück zu lassen und mich völlig allem Neuen zu öffnen. Aber da Marion und ich sehr viele Gemeinsamkeiten haben wie z.B. große Begeisterungsfähigkeit, Spontaneität, Freude an Flora und Fauna sowie an den Genüssen des Lebens, gepaart mit Sinn für Humor und Gutmütigkeit, erwartete ich keine grösseren Differenzen.

Wir trafen uns also im großen Frankfurter Flughafen und wollten unser Gepäck einchecken. Meine Bleitasche mit den Filmen erregte Misstrauen, und ich musste in einen separaten Raum mitkommen, wo die Filmtasche auf Sprengstoff durchleuchtet wurde. Es fand sich natürlich nichts, und so durften wir ewig weit laufen, bis wir endlich zur Sicherheitskontrolle kamen, wo eine große Schlange Menschen anstand. Als wir endlich fertig waren, sollte unser Flieger an sich schon in der Luft sein. Im Sauseschritt eilten wir mit unserer Bordkarte zum Flugsteig, wo man uns schon sehnlichst erwartete und bereits unser Gepäck wieder ausladen wollte, weil man annahm, wir kämen nicht mehr. Extra unseretwegen fuhr uns ein Bus dann kilometerweit über den Flughafen zu unserem Flugzeug. Diese unfreiwillige Verspätung hatte jedoch den Vorteil, daß alle anderen Fluggäste schon auf ihren Plätzen saßen und das Gerödel der Handgepäckunterbringung beendet war, so dass wir bequem durchmarschieren und unsere Plätze einnehmen konnten. Aber anstatt sofort zu starten, wurde eine technische Panne angekündigt, so dass die Eile ganz umsonst gewesen war. Nach 45 Minuten aber brausten wir los, und wegen schlechten Wetters rumpelte und holperte das Flugzeug streckenweise wie auf einer üblen Buckelpiste im Busch. Das war für uns die richtige Einstimmung.

 

 


Rasch wurde unser Gepäck mit flinken Händen und Füßen zu einem modernen Nissan-Kleinbus gebracht, während wir zum Geldwechseln gingen, weil das hier am problemlosesten möglich ist. Für 100 Euro bekamen wir 1,2 Millionen madagassische Franc. Wir reisten also zum ersten Mal im Leben als Millionärinnen.... Nächstes Jahr wird in Madagaskar die Währung geändert, die sich dann wieder Ariary nennen wird wie vor der sozialistischen Zeit, die die Madagassen vergessen machen wollen. Das wird für die Madagassen eine ähnlich schwierige Umstellung werden wie für uns damals von DM auf Euro. Wir bekamen zwar auch bereits Ariary-Scheine, auf denen aber Gott sei Dank der entsprechende Wert in Franc stand, sonst hätten wir noch viel mehr Probleme mit der Umrechnerei gehabt. Ein 10.000 Franc-Schein ist etwa 1 Euro, entsprechend sind 5.000 Franc also ca. 50 Cent. Viele kleine Händler, Obstverkäufer etc. können aber nicht einmal 5.000 Franc wechseln, soviel Geld haben sie nicht. Am meisten sind 1000 Franc-Scheine im Umlauf, und beim ersten Kontakt mit diesen Scheinen prallten wir angewidert zurück, denn diese Scheine sind kaum noch als Geld zu erkennen, weil fast schwarz, abgegriffen und stinkend. Wir hatten direkt Sorge, uns mit diesen Ekellappen die Pest an den Hals zu holen, die bei uns jeder aus dem Seemannslied "Wir lagen vor Madagaskar und hatten die Pest an Bord" kennt. Aber gerade diese kleinen Scheine brauchten wir stets und überall für all die helfenden Hände, die unsere Reise angenehm machten wie zahllose Kofferträger, Zimmermädchen, Fahrer und Beifahrer und Kellner. Aber abgesehen von diesen schwarzen Lappen sind die Franc-Geldscheine Madagaskars so schön, dass ich neue Exemplare davon sogar ins das Reisealbum geklebt habe.

 

 

 

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zurück zum Flughafen von Tana, wo um 6.00 Uhr die Sonne aufging, als wir die 15 km bis zum Stadtzentrum durch ausgedehnte Reisfelder fuhren, durch ärmliche Siedlungen aus einfachsten Hütten oder Häusern, vorbei an wuselnden kleinen schwarzbraunen Menschen, die bereits in aller Frühe ihr Tagwerk beginnen, sei es auf den Reisfeldern oder beim Verkauf von Obst, Gemüse, Fleisch und allen anderen Dingen des täglichen Gebrauchs in winzigen Verkaufsständen entlang der Straßen. Wir fahren vorbei an voll geladenen Ochsenkarren, die alle in die Stadt strömen auf die Märkte. Unser gutes Hotel "Tana Plaza" liegt in unmittelbarer Nähe des großen Bahnhofs und der Rue de l’Independence (Straße der Unabhängigkeit) an einer Straßenecke. Schnell und unkompliziert bekommen wir unsere Zimmer, Gepäckträger tragen rasch unsere Sachen in den zweiten Stock, und als wir aus unserem Hotelfenster schauen, können wir kaum glauben, was wir sehen: Ein unentwegter Strom von Menschen zieht die Straße auf und ab, andere verkaufen auf den Bürgersteigen Gemüse. Erbärmlich magere und in schmutzige Lumpen gehüllte Mütter mit ihren Babys und Kleinkindern hocken barfuss und mit sorgenvoller Miene an der Straße mitten in den Auspuffgasen und versuchen, ein paar Franc zu erbetteln. Fast jede Frau hat ein Baby auf den Rücken gebunden und/oder noch eines an der Hand, fast alle laufen barfuss. Ohne es zu wissen, spürt man die Kriminalität förmlich, die von den Männern und Straßenkindern hier ausgeht. Roger warnt uns auch entsprechend. Auf den Straßen fahren viele "Enten-Taxis", also 2CV-Autos, die es bei uns nur noch als seltene Rarität zu sehen gibt, ausserdem jede Menge Taxi-Brousse, wie hier die Kleinbusse genannt werden, die die Menschen einsammeln und überall hinfahren. Sie erfüllen die Aufgabe unserer Stadtbusse. Diese Taxi-Brousse sind ausnahmslos mit Menschen und Gepäck aller Art voll gepfropft und fahren in Mengen unter stetigem Gehupe und viel Gestank.

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Von der langen Anreise sind wir so erledigt, daß wir erst mal eine kleine Runde schlafen. Nach einer Dusche und einem Kaffee in der Hotel-Bar wagen wir uns vor die Tür in das Gewusel. Wir laufen nur ca. 500 m die Straße auf und ab, und es wird für uns zum Spießrutenlaufen, denn Touristen sind hier selten und gelten als "fette Beute", was wir im Vergleich ja auch in jeder Hinsicht sind, sei es vom Geldbeutel oder von unseren Körpermassen her. Einer dieser zwielichtigen Typen rempelte mich an, und Schwupps, war meine Armbanduhr weg, die ich in einer Tasche meiner Weste unter zugezogenem Reissverschluss trug. Wir flüchteten zurück in die Hotellobby, von wo aus wir um 13.00 Uhr zu unserem ersten Ausflug starteten nach Ambohimanga, etwa 20 km nordöstlich von Tana gelegen, wo auf dem "blauen Hügel" noch das alte Königshaus (Rova) des berühmtesten aller Merinakönige Andrianampoinimerina steht. Hier kann ich gleich einfügen, dass die meisten madagassischen Wörter für uns schier unaussprechlich sind wie eben auch der Name dieses Königs. Dazu kommt, dass oft die Aussprache anders ist als die Schreibweise, so dass wir in der Beziehung einen schweren Stand haben. Aber die meisten sprechen zumindest etwas Französisch, und im Laufe der Reise grabe ich eine Menge Vokabeln wieder aus, die ich vor Jahr und Tag gelernt habe. Jedenfalls komme ich mit meinen Französischkenntnissen gut zurecht. Mit Englisch ist hier zumindest bei der Bevölkerung ausserhalb der Hotels gar nichts zu machen. Die Sprache der Hände funktioniert aber auch hier, und letztlich erreicht man, was man möchte.

 


 


 

Wir fahren also durch viel Verkehr entlang zahlloser kleiner Verkaufsstände und Märkte, sehen ganze Hecken von Christusdorn und Weihnachtssternen blühen, dazwischen immer wieder Reisfelder und Zebus. Diese Rinderrasse ist die Sparkasse und gleichzeitig Statussymbol der Madagassen und ausser Nahrung auch Opfertier. Mit den oft mächtigen Hörnern und dem fett gefüllten, hochgezogenen Buckel ist es für uns bald ebenso typisch für Madagaskar wie die kleinen, zierlichen Menschen.

Roger, unser Reiseleiter von ca. 37 Jahren, der aus dem Norden (Antaranana) Madagaskars stammt, hat nach dem Abitur in Tana Germanistik, Philosophie und Geschichte studiert und danach zwei Jahre als Lehrer gearbeitet. Das jedoch war für ihn unbefriedigend, und da er wissbegierig und ein intelligenter Mann ist, hat er sich neben einem ganz erstaunlichen deutschen Wortschatz auch unglaubliche Kenntnisse, nicht nur über sein Land, angeeignet. Egal, was wir ihn fragten, er konnte uns alles erklären, sei es nun zur Botanik oder Zoologie, zur Politik, über die 18 Volksstämme seines Landes, über die Gesellschaft oder was auch immer. Ausserdem ist er mit Humor, Toleranz und unendlicher Geduld ausgestattet und sieht obendrein noch unverschämt gut aus mit seinen feinen Gesichtszügen und dem edlen Kopf.

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Er stammt offensichtlich von den Somali ab, die ja für ihre Schönheit bekannt sind. Viele Topmodells mit wunderschönen Gesichtern und Beinen bis zum Himmel stammen von dort. Kurzum, Roger war für uns der absolute Glücksfall, der sich uns gegenüber sehr liebenswert und freundschaftlich verhielt, uns arme "Wassas" beschützte und uns vieles ermöglichte, was mit einem weissen deutschen Reiseleiter oder gar Reiseleiterin, einfach unmöglich gewesen wäre. Sein fröhliches, jungenhaftes Lachen werden wir sicher nicht vergessen.


 


 

Aber zurück zum "Blauen Hügel" von Ambohimanga, von wo aus wir einen schönen Blick auf Tana haben, der 2 Millionen-Stadt auf sieben Hügeln. In dem kleinen Dorf Ambohimanga ist es sehr ruhig und friedlich, überall laufen Hühner mit ihrem Nachwuchs herum, die Luft ist warm und angenehm, die Menschen schauen uns interessiert nach, und wir laufen durch die Anlage rund um das Königshaus, das ganz aus Palisander erbaut ist und als großes religiöses Heiligtum der Madagassen gilt. 90 % der Madagassen leben in einem Glauben, der keinen zusammenfassenden Namen hat, aber Ähnlichkeiten mit östlichen Religionen aufweist und kein Gotteshaus (Kirche, Tempel, Moschee) kennt. Es gibt in Madagaskar aber auch Christen, Moslems und Hindi, und wir sahen unterwegs ganz friedlich katholische und evangelische Kirchen neben Moscheen und Hindu-Tempeln. Die Madagassen sind ein sehr tolerantes Volk, und es hat noch nie religiöse Auseinandersetzungen gegeben. Roger erklärt uns alles gut verständlich und "mora mora", also langsam und gemütlich. Mora mora (mura mura gesprochen) wurde für uns zu einem geflügelten Wort, wenn Geduld angesagt war. 

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Wir fahren wieder zurück Richtung Tana und kaufen unterwegs an einem Obststand herrlich große, reif gepflückte Papaya und Ananas. Anschließend geht es in einen neuen großen Supermarkt, den wir hier nicht erwartet hatten und schon gar nicht das enorme Warenangebot, denn es gibt wie in einem Kaufhaus bei uns alles rund um Küche und Haushalt zu kaufen. Und alles ist sauber und sehr ansprechend und appetitlich angeboten. Hier finden wir auch T-Shirts mit schönen madagassischen Motiven, kaufen ausserdem ein Tisch-Set und eine Frischhaltedose für unsere Obstschälaktion. In diesem Supermarkt sind nur wenige Kunden, denn das Warenangebot ist nur für die wenigen reicheren Einheimischen erschwinglich. Ausserdem kaufen die Madagassen am liebsten auf ihren traditionellen Märkten mit den vielen kleinen Ständen ein.


 

Um 18.00 h wird es schlagartig dunkel wie überall in den Tropen, wo Tag und Nacht immer im 12-Stunden-Rhythmus wechseln. Um 18.00 Uhr geht die Sonne unter, um 6.00 Uhr geht sie auf mit sehr kurzer Dämmerungsphase. Wir kämpfen uns durch diesen Moloch von Feierabendverkehr in Tana, der aus Unmengen Abgasen und Lärm und Gedränge besteht.

Im Hotel schließen wir unsere Wertsachen im Zimmersafe ein und stecken nur das Nötigste in die Jackentaschen. Es ist jetzt am Abend sehr kühl geworden, und wir haben Freizeit. Da wir auf gar keinen Fall alleine auf die Straße gehen sollen und auch keineswegs wollen, beschliessen wir Single-Frauen, im berühmten chinesischen Restaurant "Grand Orient" zu Abend zu speisen. Helmut als einziger Single-Mann schließt sich uns an. Das Restaurant ist Gott sei Dank nur ein paar hundert Meter vom Hotel entfernt. Im Dunkeln stolpern wir an elenden Gestalten vorbei. In Hauseingängen sitzen Mütter mit ihren Kindern und strecken stumm die Hand aus. Sie werden dort wohl auch die Nacht verbringen.

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Im "Grand Orient", einem gemütlichen Lokal mit chinesischem Flair, steuern wir einen großen runden Tisch an und studieren die Speisekarte, die verlockende Speisen verspricht, und nachdem wir bestellt haben, rege ich an, uns zu duzen, was alle gerne annehmen. Da ist also Monika aus Mannheim, blond, niedlich und 36 Jahre alt, dann Claudia aus Hamburg mit ca. 60 Jahren, ausserdem Helga, die ich zumindest als Halbinderin eingeschätzt hatte, bei der es sich aber um eine 100 % ige Hamburgerin von 52 Jahren handelt, dann noch Thanh, eine ältere Vietnamesin, die so leise spricht, das man sie kaum versteht, und die uns später oftmals gehörig nervte, wenn sie zum x-ten Mal nachfragte, was Roger gerade ausführlich erklärt hatte. Von allem wollte sie die lateinischen Namen wissen, die sie auf kleine Zettelchen schrieb. Sie hatte sich auf die Reise offenbar nicht gut vorbereitet, denn sie stellte oft unmögliche Fragen und meinte, daß die Westseite Madagaskars am Pazifik liege. Madagaskar ist eine Insel im Indischen Ozean, wie soll dann die Westküste am Pazifik liegen???
 


 

Und dann gab es da noch Helmut, unser Original aus Leipzsch, der während dieser Reise seinen 65. Geburtstag feierte, überzeugter Junggeselle und schwerhörig war, so daß er vieles nicht mit- aber doch immer zurechtkam, weil er immer einen fand, der ihm half. Er sprach die Madagassen überall in breitestem Sächsisch an, und völlig kurioserweise kam er damit durch. Ausser uns gab es noch ein älteres Ehepaar aus München und eines in den Vierzigern aus Leipzig. Die beiden Ehepaare waren an diesem Abend aber nicht dabei.

So saßen wir also im Grand Orient und spachtelten Schnetzbu (geschnetzeltes Zebu), Krabben und Nudeln. Es war sehr lecker. Hinterher gab es ein großes Gerechne, denn es ist offenbar unmöglich, bei mehreren Personen auch mehrere Abrechnungen zu machen.

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Die gesamte Zeche stand hier wie auch später immer auf einer Rechnung. So ging also das Auseinanderdividieren los, und das auch noch mit den beiden Währungen, in denen wir rechnen mussten, also Franc und Ariary, denn wir hatten beide Währungen im Geldbeutel. Irgendwann und wie schafften wir es unter den irritierten Blicken der Kellner aber doch und begaben uns dann eiligen Fußes durch die dustere Strasse zurück zum Hotel. 

Marion und ich schlachten noch die reife Papaya, stellen beunruhigt fest, daß es keine Moskitonetze, sehr wohl aber Moskitos gibt, und schlucken brav unsere Malaria-Tabletten. Wir fallen todmüde ins Bett. Nachts kämpft Marion einen verzweifelten Kampf gegen die Moskitos und mein entnervendes Schnarchen, von dem ich gar nichts wusste. Dank Ohropax nimmt Morpheus sie dann aber doch noch in seine Arme.

 


 

In aller Herrgottsfrühe und im Dunkeln beginnt das Leben auf der Straße wieder mit Autolärm, Abgasen, Gemüseverkäufern und wuselnden Menschen. Nach einem guten Frühstücksbüffet laufen wir alle hinter Roger her zur Post, um Briefmarken zu kaufen. Wir bekommen auch ganz schöne mit Lemuren und Orchideen drauf für unsere Postkarten an die Lieben daheim. Dann steigen wir in den Bus, in dem wir ganz zwanglos und unkompliziert unsere Plätze gefunden haben, ohne dass es deswegen eine Debatte gegeben hätte. Marion und ich sitzen in der ersten Reihe, das ist zumindest für mich Premiere, meist saß ich Mitte oder hinten. Der Panoramablick durch die Frontscheibe ist schon toll. Wir fahren also los durch Tana, erfahren, daß die Ampeln eher Dekoration sind, da nur die biologischen Ampeln (Verkehrspolizisten) funktionieren und dass wir nun auf der 400 km langen besten Straße ganz Madagaskars fahren, die nach Tamatave an der Ostküste führt. Tamatave ist die größte Hafenstadt des Landes und damit eine sehr wichtige Verkehrsverbindung für die Versorgung des Landes. Es ist warm und angenehm, und guter Dinge fahren wir durch eine leicht hügelige Landschaft in Richtung Osten und damit dem Regenwald entgegen. Unterwegs sehen wir viele Reisfelder, die zwei Ernten pro Jahr ermöglichen, und auch viele Gemüsefelder mit Bohnen, Blumenkohl, Zwiebeln, Karotten und auch dem "essbaren, grünen Gemüse" wie Roger lustigerweise das bezeichnet, für das es kein deutsches Pendent und daher keinen Namen gibt. Alles, was grün und essbar ist, ist also essbares, grünes Gemüse. Das merken wir uns gut. 

Auf den abgeernteten Feldern suchen Zebus nach Futter. Roger will keine Zebus und Ochsenkarren, Touristen und ein Bus sind ihm viel lieber…!

Viele Hügel sind kahl, weil abgeholzt, aber es gibt auch Aufforstungsprogramme. Vor allem Eukalyptus wird viel angebaut, weil es schnell wächst und guten Baustoff und auch die wichtige Holzkohle liefert. Zwischendrin immer wieder kleine Dörfer und Ansammlungen von einfachen Häuschen aus Lehmziegeln, die überall selbst hergestellt und gebrannt werden. Die Dächer bestehen aus Palmenblättern oder Gras. Wir fahren abwechselnd rauf und runter und kommen schließlich zur Marazevo Breeding Farm. Der französische Biologe André Peyrieras hat hier vor etlichen Jahren aus Begeisterung über die madagassische Fauna mit seinen vielen Endemiten (Tiere und Pflanzen, die nur hier auf der Insel vorkommen und sonst nirgends auf der Welt) vor allem Reptilien und Amphibien zusammengetragen. Obwohl er in Tana lebt, kommt er jedes Wochenende hierher, weil dies seine große Leidenschaft ist. Wir betreten ein mit Draht und Gaze versehenes Gehege und reissen die Augen auf, denn hier gibt es wahre Schätze zu sehen. Roger setzt ein ca. 60 cm langes grünes Parsons-Chamäleon auf seinen Arm, das uns mit seinen kuriosen Augen anschaut.

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Was für ein schönes Tier und was für eine Rarität! Wir entdecken eine ganze Menge davon, auch etliche andere Arten wie das schön gemusterte Teppichchamäleon. Manche sind braun, manche gemustert, manche dunkelgrün. Auf Madagaskar gibt es 66 Arten von Chamäleons, darunter das grösste und das kleinste der Welt. Das kleinste "Brookesia minima" wird nur 28 - 34 mm lang, das grösste immerhin bis 80 cm. Alle madagassischen Chamäleons legen ihre Eier in den Boden ab, wo sie manchmal erst nach einem Jahr schlüpfen. Sie sind alle tagaktiv und ernähren sich von Insekten, die sie mit ihrer langen Schleuderzunge fangen. Sie bewegen sich sehr bedächtig und schaukelnd, so daß man sie wunderbar beobachten kann.

In weiteren Gehegen finden wir viele Geckoarten, unter anderem auch den bizarren Plattschwanzgecko mit riesigem Kopf und Augen und einem völlig platten Schwanz. Er ist nachtaktiv und kann seinen Schwanz bei Gefahr abwerfen.
 


 

Auch die endemische Hundskopfboa und viele winzige Frösche in gelb und rot und blau bekommen wir zu sehen, dann auch Tausendfüßler, große Heuschrecken und Schmetterlinge sowie zum Schluss noch Flughunde. Auf dem Gelände lebt auch eine madagassische Familie, deren Mutter uns durch die Anlage führt. Sie hat ganz süße Kinder, denen ich bunte Haargummis und Kaugummis gebe, was sie begeistert annehmen. Für diese Reise hatte ich über 200 Kulis und einen gehörigen Vorrat an Kaugummis und Haargummis und bunten Spangen usw. mitgenommen. Im Land selbst habe ich dann etliche Tüten Bonbons gekauft und verteilt. Die Kulis und Bonbons wurden unentwegt erbeten und nur ganz selten erbettelt, und oft genug haben wir die Kofferträger und Zimmermädchen in dieser "Währung" bezahlt, wenn wir wieder mal keine kleinen Scheine hatten. 

Dieser Besuch war ein echter Filmfresser, denn wir haben vor lauter Begeisterung und Staunen natürlich geknipst wie verrückt. Marion mit ihrer Digitalkamera und großen Speichermöglichkeiten hat das Problem nicht. An Spitzentagen hat sie über 300 Fotos gemacht. Insgesamt hat sie bestimmt über 2000 Fotos. Auch ich habe auf dieser Reise mein übliches Film-Soll weit überschritten und musste noch zweimal Filme nachkaufen.

Bei Hitze, aber angenehmer Luft fahren wir weiter nach Moramanga, der wichtigsten Stadt zwischen Tana und Tamatave. Hier war der Sammelpunkt für Sklaven, die dann nach Tamatave gebracht und verschifft wurden zu den französischen Kolonien. Nur die Hälfte überlebte die Fahrt. Hier ist auch die Grenze zwischen dem trocken-kühlen Hochland und dem feuchtheißen Regenwald. In Moramanga sehen wir zahllose Pousse-Pousse, das sind zweirädrige Taxi-Karren, die von Männern im Laufschritt gezogen werden. Diese Pousse-Pousse sind üblich für die etwas wohlhabenderen Leute, die damit ihre Kinder zur Schule schicken oder auf den Markt fahren.

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Für uns sind diese Pousse Pousse total exotisch. Jedenfalls machen wir hier in Moramanga unsere Mittagspause in einem Lokal, das für "Wassas" geeignet ist, d.h. es ist ein Lokal, dessen Standard an unsere Bedürfnisse angepasst ist und von allen durchreisenden Ausländern besucht wird. Mit "Wassas" sind alle weissen Ausländer und Asiaten gemeint. An sich heisst es "Vazahas", aber da die Madagassen kein H sprechen können und über dieses Wort stolpern, ist daraus einfach "Wassa" geworden, das vor allem die Kinder uns stets und überall unter viel Gelächter zuriefen. 

Jedenfalls fanden wir in diesem Lokal eine richtige Kuchentheke mit Cremetörtchen und -schnitten vor, dazu genehmigten Marion und ich uns Kaffee und Tee und staunten nicht schlecht, denn das hätten wir hier am allerwenigsten für möglich gehalten. Es kommen sogar einige Madagassinnen in das Lokal, lassen sich Kuchen für den häuslichen Kaffeeklatsch einpacken und fahren mit dem Pousse Pousse wieder davon. Wer hätte das gedacht?!


Wohl gestärkt verlassen wir diese bunte quirrelige Stadt und durchfahren eine immer interessanter werdende Landschaft. Hier wachsen überall Bananen und die schönen Ravenalas, die man auch "Baum des Reisenden" nennt und die zur Familie der Bananengewächse zählen. Es ist eine schöne Palmenart, deren Wedel fächerförmig angeordnet sind. In den Blattachsen sammelt sich Wasser, das sehr gut trinkbar ist und anscheinend schon so manchem das Leben gerettet hat. Daher der Name "Baum des Reisenden". Hier gibt es auch immer mehr Wasserläufe und Reisfelder, die Luft wird langsam feuchter. Als wir nach ca. 30 km in Andasibe ankommen, ist der Himmel bewölkt, und es nieselt leicht. Ein lebendes Schlankschwein wird mit einer Schubkarre gefahren.

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Da wir Roger haben, ist ein Besuch dieses Dorfes möglich, und so laufen wir über Lehmwege an den Stelzen-Hütten und kleinen Verkaufsständen vorbei. Die Leute haben einen Heidenspaß an uns. Elf "Wassas" auf einmal in ihrem kleinen Dorf kommt einer Sensation gleich, und alles, was Augen und Beine hat, steht Spalier und amüsiert sich köstlich. Wir können gewiss sein, dass alles an uns genauestens registriert und kommentiert wird. Wir kommen uns vor wie beim Schaulaufen, es ist merkwürdig, und ich fühle mich nicht so toll dabei, weil ich nicht weiß, wie ich dieses ungenierte Begutachten werten soll. Ich habe allerdings nicht den Eindruck, dass wir ausgelacht werden, aber was die Einheimischen an uns dermaßen amüsant finden, kann ich auch bis zum Ende der Reise nicht ergründen.


 

Schließlich fahren wir auf Lehmpiste ca. 7 km weit bis zur Vakona-Lodge, die mitten im Regenwald liegt und wo wir unser heutiges Bett finden. Was für eine Überraschung! Das als großes Rondell aus Holz gebaute Restaurant liegt mitten in einem kleinen See, daran schließen sich die originellen Bungalows an. Im Restaurant verbreitet ein offener Kamin wohlige und willkommene Wärme, als uns der Willkommens-Cocktail gereicht wird. Es ist fast dunkel, als uns die Gepäckträger zu unserem Bungalow Nr. 8 geleiten, der sich als Maisonette-Bungalow entpuppt. Unten stehen zwei Betten mit Moskitonetzen, auf der oberen Etage ebenfalls. Der Blick in das Holz-Palmendach ist offen, hier fühlt man sich gleich wohl. Sogar Kühlschrank und Föhn sind vorhanden, und wir sind schwer beeindruckt. Um 18.30 Uhr treffen wir uns an der Rezeption wieder, bestellen das Abendessen und fahren dann mit unserem Bus, der von Liwa und Dida, zwei Madagassen aus Tana, gefahren wird, nach Andasibe zurück, wohl ausgestattet mit Regensachen und Taschenlampen, denn wir wollen eine Nachtpirsch unternehmen und den Mausmaki suchen, den kleinsten Lemur der Welt.

Als wir ausstiegen, war es empfindlich kühl geworden, es begann leicht zu nieseln, dann regnete es richtig, wie sich das für den Regenwald auch gehört. Ich hatte nicht wirklich damit gerechnet, Tiere zu entdecken, aber die geschulten Augen unseres einheimischen Führers entdeckten bald vier braune Lemuren, die durch die Bäume sprangen. Dann fand er noch verschiedenste Chamäleons, sogar das allerkleinste konnte er aufspüren. Unglaublich, wie er diesen Winzling in völliger Finsternis und bei Regen entdecken konnte. Dann sahen wir noch winzige Frösche in Blattachsen sitzen. Zahllose Geräusche erfüllten die Nacht mit Zirpen, Pfeifen, Quaken, Wispern und dem Ruf einer Eule, dazu das Rauschen des Regens. Es war so aufregend für uns, und voller Spannung leuchteten wir mit unseren Taschenlampen jeden Baum und Strauch ab. Alleine hätten wir hier bestimmt kein einziges Tier entdeckt.

Nach zwei Stunden saßen wir im Restaurant an einem langen Tisch am offenen Kamin. Die wohlige Wärme konnten wir jetzt gut vertragen. Wir konnten meist aus zwei oder drei Menüs auswählen, und Marion und ich hatten uns für Zebu entschieden, dem wir je nach Variante verschiedene Namen gaben: Zäh-Bu, Zart-Bu, Hack-Bu, Schnetz-Bu usw. Es hat jedenfalls sehr gut geschmeckt.

Wir haben bei angenehmer Kühle gut geschlafen und hatten keine einzige Mücke. Um 5.30 Uhr hieß es aufstehen, draußen ist es kühl und neblig, und viele Frösche quaken. Unsere Reisetaschen und Rucksäcke verpacken wir in wasserdichte Säcke für die heutige Bootsfahrt und stellen sie vor unsere Bungalowtür, wo die Träger schon warten.

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Derartige Pünktlichkeit kann man nicht mal bei uns erwarten, d.h. bei uns kann man überhaupt keine Gepäckträger erwarten, es sei denn im Nobelhotel. Um 6.30 Uhr frühstücken wir doch tatsächlich zu Mozart’s kleiner Nachtmusik, ein schöner blauer Eisvogel schaut uns dabei zu und fängt sich dann mittels Stoßtauchen auch sein Frühstück im See.

Und dann machen wir uns auf zu der für mich aufregendsten und lang erträumten Entdeckungspirsch der ganzen Reise: die Suche nach den Indris im Naturreservat Périnet-Analamazaotra. Die Indris sind die größten der heute noch lebenden Lemuren und stark vom Aussterben bedroht, weil sie Nahrungsspezialisten sind und nur alle drei Jahre ein Junges bekommen. Es ist daher noch nie gelungen, sie in Zoos zu halten, da man die Vielfalt der benötigten Pflanzen nicht liefern kann. Der Indri ist etwa 70 cm lang und hat ein wunderschönes, schwarz-weißes Fell, große Flauschohren und herrlich leuchtende, grüne Augen, ausserdem einen Stummelschwanz. Sein besonderes Merkmal ist sein durchdringender Schrei, der kilometerweit zu hören ist. Dieser Schrei oder auch Ruf oder Gesang genannt, dient der Revierabgrenzung gegenüber anderen Indri-Gruppen aber auch dem Familienzusammenhalt, denn der Indri lebt in kleinen Familienverbänden in Einehe. In diesem intakten und geschützten Regenwald von Andasibe soll es noch ungefähr 250 Tiere geben, und wir hoffen, wenigstens einige davon zu Gesicht zu bekommen. Gott sei Dank ist der Indri mit einem Fady belegt, so dass er wenigstens nicht auch noch wie andere Lemuren von den Einheimischen gejagt und verspeist wird. Ein Fady ist ein Verbot, mit dem alles und jedes belegt werden kann. An diese Verbote halten sich die Madagassen. 


Mit einem einheimischen Führer laufen wir durch diesen phantastischen Wald, der aus einer nie gesehenen Vielfalt von Bäumen und Pflanzen besteht. Hier stehen auch herrliche Baumfarne, Elefantenohren, Sumpfcalla und viele Erd- und Baumorchideen. Riesige Bäume wachsen hier, und in dem Gewirr der Baumkronen ist es schwer, ihre Höhe abzuschätzen. Sicher sind es 30 Meter und mehr. Auf dem Waldboden ist es halbdämmerig, wir laufen über wurzelige Wege und Pfade unserem Führer nach und sind so gespannt und aufgeregt. Bald entdecken wir etliche schwarzköpfige Braunlemuren, die zwei Babyes bei sich haben. In dem Halbdunkel des Waldes und in dem Blättergewirr ist es leider kaum möglich, zu fotografieren, das werden sonst die berüchtigten Suchbilder. Wir gehen staunend weiter. Einige Parkangehörige liefen immer voraus, mal rechts, mal links, weil sie mit geübten Augen nach den Indris suchten, die einigermaßen reviertreu sind. Und dann waren sie auf einmal da, die heiß ersehnten Indris. Es waren mehrere Tiere, die in etwa 6-8 Meter Entfernung in den Ästen saßen und Blätter und Früchte fraßen. Sie flüchteten nicht, als sie uns sahen. In einiger Entfernung wurde ein Tonband mit dem Ruf der Indris abgespielt, und siehe da, der Trick funktionierte, denn "unsere" glaubten wohl, eine fremde Indri-Gruppe in ihrem Revier zu haben und fingen prompt an zu schreien. Wir erstarrten augenblicklich, sowohl wegen der markerschütternden Lautstärke als auch im Bewusstsein der Einmaligkeit des Augenblicks.

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Mit dem Fernglas konnte ich den Ruf der Indris wunderbar beobachten und die funkelnden grünen Augen sehen. Was für ein kostbarer Moment! Nach einigen Minuten beruhigten sich die Indris wieder und sprangen dann von Ast zu Ast und kamen uns ein gutes Stück näher bis auf etwa 3 Meter. Es war phantastisch. In der Ferne hörten wir noch andere Indris rufen und konnten dann auch noch andere Gruppen entdecken. Ruhig saßen sie in den Astgabeln und fraßen oder sprangen behände von Ast zu Ast. Wegen der vielen Blätter war auch hier das Fotografieren schwierig. 


 

Wir liefen drei Stunden durch diesen Zauberwald, der an Flora-Vielfalt nicht zu überbieten und von Wasserläufen und einem langgezogenen Teich mit Seerosen darauf durchzogen ist. Auf dem Rückweg entdeckten wir noch verschiedene Geckos und Singvögel und waren total begeistert. 90 % der Flora und Fauna Madagaskars sind endemisch, das heißt, das diese Arten nur hier und sonst nirgends auf der Welt vorkommen. Dies ist geschichtlich bedingt, denn vor ca. 100 Millionen Jahren hat sich Madagaskar vom zerberstenden Urkontinent Gondwanaland abgespaltet und ist 400 km weit in den indischen Ozean abgedriftet und liegt heute vor der Küste von Mozambique. Alles, was sich auf dem abgedrifteten Landteil befand, hat sich eigenständig und unbeeinflusst entwickelt. So konnten sich allein auf Madagaskar 29 Lemurenarten entwickeln, die fast alle endemisch sind. Groß- und Raubtiere gibt es auf der Insel nicht, wenn man von der Fossa, einer kleineren Raubkatze, absieht. Die Entfernung zum afrikanischen Kontinent ist zu groß, als dass andere Tiere und Pflanzen hierher gelangt sein könnten. Und so ist Madagaskar besonders für Biologen und Zoologen auch heute noch ein - sehr gefährdetes - Paradies, das jedes Forscherherz, aber auch jeden natur begeisterten Laien fasziniert. Madagaskar ist übrigens so groß wie Frankreich und die Schweiz zusammen, hat eine Nord-Süd-Ausdehnung von 1580 km und eine Breite von maximal 500 km. Heute leben ca. 17 Millionen Menschen auf der Insel. 

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Unsere Mittagspause machen wir bei einem Terrassenrestaurant, wo uns ein Kampfhahn samt Henne gierig das Baguettebrot aus der Hand frißt. Wir fahren weiter durch bergig-hügelige Landschaft voller Ravenala-Palmen, aber leider auch mit vielen gerodeten Hängen. Damit wir nicht faul einen Mittagsschlaf halten, schickt Roger uns raus in die feuchte Hitze, und wir laufen ein Stück weit. Dabei werden wir - wie könnte es anders sein - wieder von "Wassa"-rufenden Kindern begleitet. Dann aber müssen wir uns sputen, denn wir dürfen unser Boot nicht verpassen, das uns heute nach Ankanin ny Nofy, zum berühmten Buschhaus bringen soll. Je näher wir der Küste kommen, desto fruchtbarer und flacher wird die Landschaft. Unterwegs kaufen wir noch eine riesige Jackfrucht und viele kleine Bananen und bestaunen diverse exotische und für uns fremde Früchte. In diesem schwülheißen Klima gedeihen viele Obstsorten besonders gut, vor allem die Litschis, die hier an riesigen Bäumen hängen. Sie sind jetzt noch klein und grün, aber im Januar gibt es reichlich Ernte. Ich werde daran denken, wenn ich sie im Winter hier zu kaufen bekomme. Hier ist auch ein großes Anbaugebiet für Kaffee, Orangen, Vanille, Zuckerrohr und Gewürznelken.


 

In Ampasimanolotra (Brickaville) ist die Brücke über den Fluss Rianila defekt und wird gerade repariert. So steigen wir aus und laufen schon mal zu Fuß über die Brücke und schauen dem Leben und Treiben am Flussufer zu. Da wird die Wäsche gewaschen und zum Trocknen auf Sträucher und Wiesen gelegt, da werden Fische gefangen, und Einbäume sind unterwegs mit allem möglichen. Und natürlich sind Einheimische auf der Brücke unterwegs, und wir kommen uns hier total exotisch und wie große weiße Riesen vor. Das sind wir für diese Menschen sicher auch. Es ist inzwischen schon 16.30 Uhr geworden, und unser Boot sollte um 16.00 Uhr abfahren. Wir hoffen, daß es auf uns wartet. Kurz, nachdem wir weiterfahren können und Brickaville hinter uns haben, zweigen wir rechts ab auf eine üble Buckelpiste, die uns 15 Kilometer lang hopsen und schaukeln läßt. Hier wurden auf die abgeholzten Berge sehr viele australische Weißeichen zur Wiederaufforstung gepflanzt. Die Verwandtschaft mit den Eichen kann man aber nicht erkennen, ich würde sie eher als große, schöne Sträucher bezeichnen. 

Schließlich sehen wir den Indischen Ozean in der Ferne und sind dann auch bald in Manambato am Canal des Pangalanes, wo unser Boot und etliche Träger warten. Unser Gepäck wird mit viel Hurra eingeladen, dann ziehen wir Schuhe und Strümpfe aus und klettern nassfüßig in das kleine Boot, das gerade eben so für uns 12 und den Skipper reicht. Und dann fahren wir angesichts der Dämmerung mit einem Affenzahn los auf diesem eigenartigen Canal des Pangalanes, der insgesamt 700 km lang ist. Dieser Kanal wird flankiert von einer schmalen Landzunge, die manchmal nur wenige Meter breit und dennoch von Menschen besiedelt ist. Stellenweise ist der Kanal wie ein Flusslauf so schmal, dann weitet er sich zu einem See, um bald wieder schmal zu werden. Die Sonne geht sehr schön und sehr schnell unter, und begleitet von einem starken Fahrtwind legen wir nach 45 Minuten im Stockdunklen am Steg des Buschhauses an. Es ist ein einfacher Holzsteg ohne Geländer, der etwa 70 m weit ins Wasser hineinreicht, denn der Strand ist hier extrem flach, und man muß lange laufen, bis man schwimmen kann. Auf dem Steg empfangen uns wieder jede Menge Gepäckträger, die in Windeseile alles ausgeladen und zum Buschhaus getragen haben.

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Es ist zwar dunkel, aber wie heimelig und ansprechend dieses legendäre Buschhaus ist, erahnen wir jetzt schon bei einem Begrüssungscocktail. Wir bekommen den Bungalow "Ficus", und unser Träger führt uns Gepäck schleppend dorthin. Wir sind sprachlos. Unser Bungalow ist nur wenige Meter vom superfeinen weißen Sandstrand entfernt, die Wellen plätschern leise, und auf unserer großen Holzterrasse stehen wir staunend vor dieser Idylle, die vom fast vollen Mond beschienen wird. Die Bungalowtür ist mit einem Vorhängeschloss gesichert, Fenster gibt es hier keine, wohl aber Fensterläden und herrlich originelle Betten, die von Einheimischen aus lokalen Hölzern gebaut wurden. Moskitonetze sind ebenfalls da und auch Wasser und WC. Wir wissen, dass es nur von 18 bis 22 Uhr Strom gibt, aber den brauchen wir auch nicht, nachdem Marion ihre Akkus für die Digitalkamera geladen hat. Wir haben Taschenlampen, und eine Kerze steht auch parat. Es ist hier idyllisch und romantisch mit einem Minimum an Komfort und einem Maximum an Charme, wie es im Reiseführer steht.


 

Dieses Buschhaus hat eine eigene Geschichte. In den 60er Jahren buchte ein tier- und pflanzen begeisterter Norddeutscher bei einem Reiseunternehmen pauschal 3 Wochen Madagaskar und landete auch an dieser Küste, die für ihn spontan zum Paradies wurde. Er fuhr nach Deutschland zurück, nahm Frau und die kleine Tochter Sonja und wanderte aus. Von Einheimischen ließ er sich ein kleines Wochenendhaus bauen. Die Tochter wurde groß und wollte nicht nach Deutschland. Sie heiratete einen Madagassen und beschloss, aus dem Wochenendhaus ein Restaurant zu machen und einfache, aber heimelige Bungalows für naturbegeisterte Touristen zu bauen. Es ist ihr wunderbar gelungen. Diese Sonja lebt heute in Tana und ihr gehört auch die Agentur Boogie Pilgrim, die unsere gesamte Reise ausgearbeitet und organisiert hat. Soweit zum Buschhaus.

Ausser unserer Gruppe ist nur noch ein Schweizer Ehepaar da, sonst niemand. Wir fühlen uns wie auf einer einsamen friedlichen Insel, wunderbar. Abends gibt es Gemüsesuppe, Fisch-Gemüse-Spieße mit Bratkartoffeln und hinterher kreolische Torte.

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Dazu madagassische Musik, und Roger zeigt uns den dazu passenden Tanz: Salengi oder auch Krokodiltanz genannt. Das macht er uns ganz locker vor.

Marion und ich sitzen später noch eine Weile auf unserer Terrasse, lauschen dem Plätschern der Wellen und genießen den Frieden. Dann schlüpfen wir unter unsere Moskitonetze. Es ist angenehm kühl geworden inzwischen, und vom Bett aus hören wir von Ferne das dumpfe Tosen des Indischen Ozeans, der auf der anderen Seite der Landzunge auf den Strand braust. Frösche quaken, zirpen und gluckern, und wir schlafen wunderbar.


 

Es ist Sonntagmorgen im Buschhaus, und was für ein Morgen! Strahlend geht die Sonne auf. Vom Bett aus genieße ich den Blick auf Palmen, Strand und Wasser. Heute ziehe ich meine übergroße Anti-Moskito-Hose an und wappne mich mit Autan, denn es steht wieder eine Lemurenpirsch an. Diesmal wollen wir schwarz-weiße Varis suchen, die extrem vom Aussterben bedroht sind, weil die Einheimischen sie jagen und verspeisen. In der Nähe wurde von Sonja’s Vater ein Naturreservat (Ankanin ny Nofy) eingerichtet, in dem die Varis geschützt sind. Dieses Reservat wurde inzwischen an einen Franzosen verkauft, es heißt aber immer noch "Gottlebe’s Park" und ist ebenfalls ein grosser Filmfresser. Mit dem Boot fuhren wir fünf Minuten vom Buschhaus zu dieser Lagune und wurden am Eingang nicht nur von einem einheimischen Führer begrüsst, sondern auch von einer ganzen Schar von verschiedenen Lemuren, die in den Bäumen herumturnten und ganz wild auf die Bananen ( Lemurenlollies) waren, die der Führer unter seiner Jacke versteckte. Rote Mixmakis, schwarz-weiße Varis, graue Kronenmakis, die wie kleine Schweinchen grunzen, und Mohrenmakis springen uns ins Genick und auf die Schulter. Wir halten Bananen fest, und die Lemuren fressen sie fein säuberlich aus der Hand. Wir können sie streicheln und nach Herzenslust fotografieren, dass es eine Wonne ist. Ein schöner schwarzer Rabenpapagei will auch Bananen, kommt aber gegen die Makis nicht an und wird leider auch nicht annähernd so beachtet wie sie. Ein roter Mixmaki ist von Claudia so fasziniert, daß er ihr sogar einen Schiss auf die Jacke setzt, wovon sie dann allerdings weniger begeistert ist.

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Ständig springen uns die Makis auf die Schultern, manchmal ganz unerwartet, und wir sind hin und weg von diesen possierlichen Tierchen, können uns kaum trennen, als der Führer zum Weitergehen ruft. Er hat immer noch versteckte Bananen, und während wir weitergehen, entdecken wir etliche Vanille-Pflanzen, eine rankende Orchidee, die wir hier zum ersten Mal so richtig sehen. Da hier zur Zeit die Übergangsphase von der Winter- oder besser Ruhezeit ist und alles auf die im November beginnende Regenzeit wartet, die wie unser Frühling alles wieder erneuert und aufleben lässt, blüht zur Zeit nicht viel, so auch die Vanille nicht. Aber einen Kakaobaum sehe ich hier zum ersten Mal voller Früchte, die direkt am Stamm wachsen.


Wir haben eine wunderschöne Wanderung durch dieses Juwel von Naturpark, auf der wir auch einige Sifakas entdecken, eine weitere Lemurenart, die recht groß sind und ganz helles, flauschiges Fell haben. Sie sind berühmt für ihren besonderen Tanz. Wenn die Bäume für einen Sprung zu weit aus einander stehen, kommen sie auf die Erde und springen dann auf zwei Beinen seitwärts mit erhobenen Armen. Das habe ich bisher nur im Film gesehen und hoffe, dass ich es später noch im Süden des Landes in natura erleben kann. Hier jedenfalls saß eine Mutter mit Baby im Baum und der Vater nebendran. Wunderschöne Tiere sind das mit bernsteinfarbenen Augen. Wie gut, daß es Fotoapparate gibt, mit denen man das festhalten und mit nach Hause nehmen kann. 

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Unser bananentragener Führer macht den Ruf des Indris so täuschend echt nach, daß wir als Laien es nicht vom Orignal unterscheiden könnten. Er läuft rufend voraus und probiert es sicher 20 Minuten lang mit seinem Gesang, und dann, tatsächlich, kommt die Antwort. Da ich wie immer ganz vorne gleich hinter dem Führer laufe, bedeutet er mir, schnell und leise zu folgen, was ich so gut wie möglich auch tue, die anderen folgen hinterdrein. Man findet die Indris am ehesten, wenn man ihrem Ruf folgt. Wenn sie nicht rufen, ist es in diesen Wäldern sehr schwer, sie ausfindig zu machen. Aber wir hatten großes Glück, und sahen auch hier wieder eine Indrifamilie, die Mutter mit dem Baby und den Vater nebendran. Nach langem Locken und Zögern entschließt sich die Indrimutter für Bananen und kommt von ihrem hohen Sitz langsam zu uns herunter. Schließlich ist sie für mich zum Greifen nahe und lässt sich doch tatsächlich streicheln, während sie die Banane frisst. Ich bin völlig aus dem Häuschen darüber.


 

Schließlich lassen wir die Indris in Ruhe und setzen unsere Wanderung fort, die auch über Sandboden mit Heidekrautgewächsen führt und wo wir Fleisch fressende Pflanzen entdecken. Verschwitzt und glücklich kommen wir wieder zum Eingang des Parks, wo die kleinen Makis noch mal zum Abschied grunzen und quieken, dann fahren wir mit dem Boot zurück zum Buschhaus, essen appetitliches Huhn-Curry und packen dann unsere Siebensachen für die weitere, 60 km lange Bootsfahrt auf dem Canal des Pangalanes nach Tamatave. Wir müssen auf das Boot warten, das in Manambato 20 Holländer abholt und hier her bringt, solange haben wir Freizeit. In der Sonne ist es so heiß, dass man es nur kurze Zeit aushält, im Schatten hingegen ist es durch den starken Wind sehr schnell zu kühl, so dass wir ständig abwechseln. Wir genießen die letzte Zeit im Buschhaus noch sehr. Schließlich bringen zwei Boote die Holländer an Land, während unsere Sachen eingeladen werden und wir um 14.00 Uhr ablegen.

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Wir fahren zur Landzunge hinüber, gehen bei einem kleinen Dorf an Land, wo die ganze Bevölkerung in uns wieder ihr Bio-Fernsehen hat, und laufen über die Landzunge höchstens 5 Minuten auf die andere Seite und stehen dann am wild heranbrausenden indischen Ozean. Ein endlos langer, weisser, wunderschöner Strand ist hier, an den die Wellen rollen. Scharen von Kindern lungern um uns herum und wollen Bonbons. Aber wenn es derart viele sind, kann man nichts geben, da es nicht für alle reicht. Und überall gibt es so unglaublich viele Kinder, dafür kaum alte Menschen. 50 % der Bevölkerung ist unter 15 Jahre alt und nur 8 % ist über 55 Jahre. Die durchschnittliche Lebenserwartung liegt bei 52 Jahren. Das hässliche Wort "Überalterung" könnte hier kein Mensch verstehen und es gehört auch bei uns eliminiert.


 

Roger geht mit uns noch in eine Epicerie, einen kleinen Laden, der Holzkohle und selbst gebrannten Rum, Seife und Bonbons etc. hat. Wir probieren frischen Zuckerrohrmost, der uns aber nicht gerade begeistert. Selbst Roger kippt ihn schließlich weg. Dann geht es rasch zurück zum Boot, das von ganzen Kinderscharen umlungert ist, die alle herumkaspern und sich grosstun wollen wie alle Kinder. Viele springen ins Wasser und lärmen lachend herum als wir losfahren. Mit Vollgas und entsprechendem Fahrtwind geht es durch den Kanal. Ich sitze ganz hinten am Heck im Wind und genieße die einmaligen Ausblicke auf die Landschaft, das Wasser, die Reusen und die Fischer bei der Arbeit. Wenn uns ein Einbaum begegnet, machen wir langsam, weil unser Wellengang sehr stark ist und den Einbaum womöglich kentern lassen würde. Einmal müssen wir anhalten, als es Monika schlecht wird. Sie hat sich schon vor ein paar Tagen schwer erkältet und eine Nebenhöhlenentzündung.

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Sie ist weiß wie die Wand und konnte auch den einmaligen Besuch in Gottlebe’s Park mit den Lemuren am Morgen nicht mitmachen. Nun kämpft sie mit dickem Kopf und Übelkeit. Schließlich geht es weiter, die Sonne steht schon tief, und unser Weg ist noch weit. Vereinzelt tauchen die ersten Wasserhyazinthen auf, die aus Südamerika eingeschleppt wurden und hier keine Feinde haben, so dass sie sich hier ungehindert vermehren können. Ganze Teppiche davon schwimmen überall, und wenn nicht bald massiv eingegriffen wird, ist der Kanal in absehbarer Zeit nicht mehr befahrbar. Am Ufer sausen herrliche Bäume vorbei, vor allem die wunderschönen Blätter des Brotfruchtbaumes gefallen mir, aber auch die großen Elefantenohrenblätter finde ich schön. Mangroven sieht man seltener. 


Die Besiedelung wird immer dichter und bald gleiten wir an der Raffinerie von Tamatave (Toamasina) vorbei, der größten Hafenstadt Madagaskars mit 200.000 Einwohnern. Am Ufer stehen schon zwei Kleinbusse mit Fahrern und Gepäckträgern, und flink wie immer ist alles verstaut, und wir fahren Richtung Hotel Toamasina. Die Straßen sind katastrophal schlecht und voller Schlaglöcher und Pfützen, die Häuser und Hütten reichlich armselig. Es ist das gleiche Bild wie in Tana. Unsere Zimmer sind sauber und ordentlich, haben aber leider keine Moskitonetze. Wir nehmen nur das Nötigste aus unserem Gepäck und richten es gleich wieder her, denn wir müssen schon um 3.00 Uhr in der Nacht aufstehen für unseren Weiterflug. 

Im wenig erbaulichen Restaurants des Hotels riecht es nach Räucherstäbchen gegen Moskitos. Wir essen leckeren Soldatenfisch und sind ansonsten selten schweigsam. Alle sind von der Sonne, der Bootsfahrt und den Eindrücken müde.

Als wir um 4.00 Uhr morgens ein sehr gutes Frühstück mit frischem Obst und beflissenen, freundlichen Kellnern vorfinden, sind wir sehr erstaunt. Freundlich lächelnde Kellner sind bei uns eine Seltenheit, und solche um 4.00 Uhr früh bestimmt noch seltener. Jedenfalls fahren wir um 5.00 Uhr zum Flughafen von Tamatave. Vor dem WC liegt in einem Körbchen von Hand zusammengefaltetes und abgezähltes Klopapier, das man gegen eine Kuli- oder Geldspende nehmen kann, wie lustig. Pünktlich um 7.00 Uhr heben wir mit einer kleinen Maschine ab, die Sonne strahlt vom Himmel, und wir haben einen schönen und hochinteressanten Flug über die Küste und den Canal des Pangalanes, den wir gestern per Boot befahren haben, auf den dichten Regenwald und die hügelige Landschaft.

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Nach 30 Minuten setzen wir schon zum Landeanflug auf Tana an, die Landschaft wird immer trockener, die rote Erde leuchtet uns entgegen, die malerischen Muster der grünen Reisfelder tauchen auf, aber auch abgebrannte Flächen. am Flughafen, noch mal Geld zu tauschen, aber da Schichtwechsel ist, bleibt der Schalter einfach geschlossen. Draussen wartet schon unser vertrauter Bus mit Liwa und Dida auf uns, und bald quälen wir uns mühsam im Stau in die Stadt, wo wir bei einer Bank wieder über zwei Millionen Zebu-Dollar holen. Dann fahren wir in die Oberstadt und besichtigen die Ruine des abgebrannten Rovas (Königspalast) und haben einen weiten Blick über die weithin gestreute Stadt und in die Landschaft. Dann fahren wir runter zum Lac Anosy mit der Engelsstatue inmitten des kleinen Sees, der sich mitten in der Stadt befindet. So malerisch der See auch aussieht, so widerlich ist er, weil die ganzen Abwässer ungeklärt hineingeleitet werden. Hier ist der große Blumenmarkt, wo wir zu unserer Überraschung lauter bekannte Blumen vorfinden wie Gladiolen, Nelken, Fuchsien, Rosen, Astern und viele vertraute Topfpflanzen. Aber es gibt auch wunderschöne Sukkulenten hier, allen voran die Elefantenfüße (Pachypodien), die ich so mag. Ich kann nicht widerstehen, und obwohl es verboten ist, heimische Pflanzen auszuführen, kaufe ich ein winziges Exemplar, das ich später in einen Socken stecke und in der Schmutzwäsche verstecke in der Hoffnung, dass mich der Zoll nicht erwischt (er hat mich nicht erwischt). Marion kauft diverse Samen ein, was ebenfalls verboten ist. Nicht verboten ist hingegen der Kauf von Vanilleschoten, die auch hier echtes Geld kosten. Dennoch nehmen wir jeweils 48 Schoten, die trotz verschweißter Folie verführerisch duften.


 

Es ist inzwischen wieder sehr heiß geworden, und bald sitzen wir im Bus und verlassen nun Tana und fahren in Richtung Süden durch das zentrale Hochland Madagaskars, das auf 750 bis 1500 Meter Höhe liegt. Überall kleine Marktstände entlang der Straßen Tana’s. Am Ufer eines Flusses mitten in der Stadt wird von Lohnwäschern die Wäsche gewaschen und auf der Erde oder auf Sträuchern oder Hecken zum Trocknen ausgelegt. Zebus ziehen einen Karren und direkt dahinter steht ein moderner Supermarkt. Da kontrastieren Welten! Aber überall ist es sauber, nirgends liegt Müll herum, weil es verboten ist, etwas wegzuwerfen, alles muss wieder verwertet werden, und im Erfinden und Wiederverarbeiten sind die Madagassen echte Meister.

Unsere Straße führt langsam bergauf. Wo früher bewaldete Hügel waren, leuchtet heute vielfach die kahle rote Erde und abgebrannte Flächen. Wir sind faul, aber Roger scheucht uns alle paar Minuten grinsend auf, um uns etwas Schönes zu zeigen, seien es nun Stromschnellen in einem Fluss, Verkaufsstände mit Bast- und Sisalprodukten oder einfach eine schöne Aussicht.

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Er möchte nicht, dass wir die Reise verschlafen, und wir sind ihm dankbar dafür, dass er auf diese Weise die Reise kurzweilig und stresslos gestaltet nach dem Motto: der Weg ist das Ziel. Langsam wird die Landschaft immer hügeliger, und wir sehen hier die ersten Reisterrassen. Reis ist an sich nicht heimisch auf Madagaskar. Er wurde von den Einwanderern aus dem indo-malayischen Raum mitgebracht, so dass die Landschaft zeitweise so aussieht wie in Südostasien.

In Ambatolampy können wir à la carte zu Mittag essen. Ich habe zwar keinen Hunger, will mich als einzige aber nicht ausschließen und bestelle daher Huhn mit Erbsen, während Marion sich für Flusskrebse entscheidet, die ihr gut schmecken. Ich traue dem Süßwasser nicht und bin sowie so kein Fan von schwierig zu essenden Dingen. Auf den Tischen des Lokals stehen zierliche Orchideensträuße.


 

Nach dem Essen machen wir einen Verdauungs-Spießrutenlauf durch den Ort. Wir werden überall angestarrt, und es kommt wohl nicht oft vor, dass "Wassas" (wörtlich übersetzt heißt das "Weisse Teufel") des mittags durch dieses kleine Städtchen laufen. Sowas geht auch nur mit Roger. Und weiter geht die Fahrt. Es ist heiß, aber die trockene Luft ist gut zu vertragen. Ausserhalb des Ortes sind alle Leute auf den abgeernteten Reisfeldern, die mühsam von Hand umgegraben werden müssen. Danach werden sie geflutet und Zebus stapfen durch die Reisfelder, um die groben Schollen wieder zu verkleinern und so für die neue Pflanzung vorzubereiten. In manchen Reisfeldern leuchtet schon maigrün die neue Saat. Das sieht wunderschön aus. Unterwegs halten wir bei einem Grabmal der Merina (der größte und einflussreichste der 18 Volksstämme). Roger erklärt uns den Glauben der Madagassen und berichtet über die Totenumbettung, die in vielen Volksstämmen üblich ist. Allen Madagassen gemein ist die große Ahnenverehrung. Jeder Madagasse muß im Ahnenland bestattet werden, und es ist für einen Madagassen ein schreckliches Schicksal, wenn er nicht hier beerdigt werden kann. Die Heimat wird von den Madagassen auch nicht als Vater- oder Mutterland bezeichnet, sondern immer als Ahnenland. Es heißt auch nicht Erde, sondern immer Ahnenland. Die Madagassen sind sehr ihren Traditionen verhaftet und bleiben Neuerungen gegenüber verschlossen. Sie streben auch nicht nach materiellen Gütern und persönlichem Besitz.

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Daher hat Madagaskar ein sehr niedriges Bruttosozialprodukt und ist dadurch eines der ärmsten Länder der Welt. Jedoch geht es den Menschen auf dem Land gut. Sie ernähren sich traditionsgemäß von dem, was ihr eigenes Land hergibt. Es gibt keinen Strom, keine Kanalisation, keine Zeitung, Aber Elend wie in Tana oder Tamatave sahen wir in den Dörfern nirgends. Das sieht man sofort an den Gesichtern der Menschen, sie sind hier zufrieden auf dem Land.

Ein Stück weiter halten wir bei vier Grabmälern, die direkt neben einer christlichen Kirche stehen. Sofort kommen 30 oder 40 Kinder angelaufen und begutachten uns, die weissen Teufel, unter viel Kichern ganz genau. Es sind zufriedene, fröhliche Kinder, die sich einen Spaß aus uns machen. Ich wüsste zu gerne, was an uns sie so lustig finden. Roger hielt sich in diesem Punkt sehr bedeckt. Das gibt zu denken.


 

In dieser Gegend wird auch Tabak angebaut. Bei einer schönen Flusslandschaft finden wir einen Stand mit selbst gebastelten Autos aus alten Getränke- oder Blechdosen, vor allem 2 CV (Enten) in verschiedenen Grössen und Varianten. Richtige kleine Kunstwerke sind das, und ich kaufe zwei kleine Autos, die ich sogar heil nach Konstanz bringe. Weiter geht die Fahrt durch das zentrale Hochland. Wir befinden uns hier in etwa 1400 Metern Höhe. Gegen 17.00 Uhr treiben die Hirten ihre Zebus von den Weiden zum Dorf. Wir schauen uns das an und sind wieder von ganzen Kinderscharen umgeben.

Im Dunkeln kommen wir in Antsirabe am Hotel des Thermes an, einem alten Prunkbau aus der Kolonialzeit. Der Eingang ist pompös, wie nicht nur die Franzosen das liebten. Die Zimmer sind riesig, haben aber keine Moskitonetze.

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Nach der Dusche gibt es ein leckeres Abendessen mit Kürbissuppe, Zart-Bu (zartes Zebufleisch) und anschließend Vanille-Eis mit Birne. Ich schaue mir noch die wunderschöne Gemälde-Ausstellung im Erdgeschoß des Hotels an. Ein heimischer Maler hat sehr farbenfrohe impressionistische Bilder geschaffen, die teilweise abstrakt, teils gegenständlich sind und immer madagassische Motive aufweisen. Leider ist der Transport von Bildern bei uns Vielfliegern kaum möglich.

In der Nacht sind wir prompt von Moskitos gestochen worden. Marion hat gestern Abend zu viele Papayakerne gegessen, wie sie meint, jedenfalls hat sie Bauchweh. Ihr Kreislauf klappt zusammen, und ihr ist so flau, dass sie im Bett bleibt und auch die folgende Stadtrundfahrt nicht mitmacht. Roger arrangiert, dass sie bis mittags im Zimmer bleiben kann.


 

Ich durchstreife die schöne Gartenanlage mit dem Pool und genieße die ersten Sonnenstrahlen. Nach dem Frühstück stehen pünktlich um 8.00 Uhr 11 Pousse Pousse vor dem Hotel, in die wir lachend einsteigen und in die Stadt fahren. Auf der breiten Allee steht in der Mitte ein Denkmal, das an die gefallenen Soldaten des zweiten Weltkrieges erinnert, die für die Franzosen kämpfen mussten. Diese Soldaten konnten nicht im Ahnenland bestattet werden, daher hat man dieses Denkmal gesetzt, auf dem alle 18 Volksstämme Madagaskars eingraviert sind. Roger singt mit kräftiger schöner Stimme die Nationalhymne, und auch die Pousse Pousse-Fahrer klatschen kräftig. Auf dem Weg in die Stadt sehen wir arme schmale Gestalten, bettelnde Mütter mit ihren Kindern, und meine kleinen Scheine wandern in all diese Hände, bis ich nichts mehr habe. Diese armen Menschen rühren mich sehr. Zwischendrin ermuntert uns Roger, mit den Pousse Pousse-Fahrern die Rolle zu tauschen, und einige tun das auch. Die Madagassen am Straßenrand lachen sich schief, als sie sehen, dass die weissen Teufel ihre Landsleute ziehen. Es sieht auch witzig aus.

Wir fahren zum überdachten Markt, wo unser Pousse Pousse-Ausflug endet. Roger zeigt uns all die fremden Früchte und Gemüse. Alles ist hier appetitlich hergerichtet, und es gibt auch jede Menge vertraute Gemüse wie Blumenkohl und Möhren. Wir kaufen Grenadillas und Bananen.

Anschließend gehen wir zu einer Edelsteinschleiferei, wo ich auch gleich einen Coton de Tuléar entdecke, einen madagassischen Baumwollhund, die gleiche Rasse wie Jutta’s Pelle. Es war aber auf der ganzen Reise der einzige, alles andere waren Mischlinge.

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Wir bekommen die Schleiferei gezeigt und dann natürlich auch den Verkaufsraum, wo es alles Mögliche und Unmögliche aus Halbedelsteinen gibt und wo jeder mehr oder weniger einkauft. Ich erstehe zwei kleine Eier aus versteinertem Holz und muss noch ein drittes nehmen, weil man nicht wechseln kann.

Weiter geht die Fahrt raus aus der Stadt zum Vulkansee Lac Andraikiba, der früher als heilig verehrt wurde und der inzwischen der Trinkwasserspeicher der Stadt Antsirabe mit 300.000 Einwohnern ist. Wir spazieren ein Stück an diesem schönen idyllischen See entlang und entdecken in einer großen Euphorbie eine Menge der großen Nephila-Seidenspinnen. Danach fahren wir zurück zum Hotel, holen die schlappe Marion ab und sehen im Industriegebiet der Stadt die einzige Brauerei des Landes sowie eine Zigaretten- und auch eine Textilfabrik, in der aus der heimischen Baumwolle u.a. schöne T-Shirts mit Madagaskar-Motiven hergestellt werden. Unser heutiges Tagesziel ist die 246 km entfernte Stadt Fianarantsoa. Marion ist leichenblass, ihr ist übel.


 

Wir fahren durch ein Hochtal, das von Bergen flankiert wird. Im Tal werden in der roten Erde Kartoffeln und Gemüse angebaut, selten Getreide. Dazwischen laufen Zebus, Kuhreiher und Enten herum. Wir passieren kleine Dörfer. Überall blühen hier die Kerzensträucher wie Unkraut. Auf kurvenreicher Straße fahren wir ins Gebirge. Marion geht es miserabel, sie muß sich im Bus übergeben, hatte aber rechtzeitig die Tüte zur Hand. Sie tut uns so leid. Ob sie die Flußkrebse vom Vortag nicht vertragen hat? Oder waren es die Backwaren? Irgendetwas rebelliert in ihrem Magen, später hat sie Brechdurchfall und liegt dann flach auf beiden Sitzen, während ich mich nach hinten zu Monika setze. Wir können im Moment nichts für sie tun.

Es wird immer gebirgiger und kurviger. Selten begegnet uns ein LKW. PKW gibt es überhaupt nicht auf dem Land. Wir kommen nach Ambositra, der Stadt der Schnitzer. In einem Restaurant bestellen wir das Mittagessen vorab, Marion setzt sich mit einer Cola auf die Terrasse und schaut auf die schönen Reisfelder, die hoffentlich Magen beruhigend wirken. Wir übrigen besuchen drei Holzboutiquen, in denen es wunderschöne Schnitzereien aus Rosen- oder auch aus Ebenholz gibt. Auch viele Gegenstände aus Zebuhorn sind hier zu finden. Alle kaufen Mitbringsel für die Lieben daheim.

Zum Mittagessen gibt es für Marion heute nur Cola, für mich Ente mit grünem Pfeffer, sehr lecker. Roger übernimmt wie immer die unangenehme Aufgabe, die Gesamtrechnung aufzuschlüsseln und das Geld einzusammeln.

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Sowas Lästiges, aber er macht das ohne Murren und freiwillig. Seine Geduld und seine Hilfsbereitschaft scheinen grenzenlos. Nach dem Essen fahren wir auf kurvenreicher Straße weiter mit Blick auf die schon vertraut gewordenen Reisfelder. Marion geht es etwas besser. Unterwegs begegnen uns große Zebuherden. Sie werden aus dem Süden des Landes nach Ambositra getrieben, dort auf LKW geladen und weiter in die Städte des Nordens und Ostens transportiert, wo das feuchtheiße Klima nicht ideal für Zebuhaltung ist. Viele Zebus werden auch auf die Nachbarinseln Komoren, Mauritius und Reunion exportiert, weil es dort kaum Zebus gibt. Das Hauptweideland ist im Süden und Südwesten Madagaskars. Ambositra heißt: wo es viele Ochsen gibt. Inzwischen wird es recht frisch draussen, und die Menschen hüllen sich in ihre bunten Tücher, die Lambas. Wir sind hier im Betsileo-Land, wie der hiesige Volksstamm heisst. Marion sitzt und fotografiert wieder, das ist ein gutes Zeichen.


 

Es gibt in dieser Gegend noch kleine Bestände an ursprünglichem Wald mit seiner unglaublichen Artenvielfalt. Das ist direkt eine Wohltat nach den vielen versteppten und abgebrannten Flächen. Im Südwinter zünden die Madagassen das trockene Weideland an, damit wenige Tage später wieder frisches grünes Gras für die Zebus wächst. Diese Brände sind verboten, aber niemand hält sich daran, wenn die Zebus Hunger haben und Futter brauchen. Leider verbrennen dabei viele Tiere wie die heimischen Schildkröten, Geckos, Schlangen usw. und oft auch die wenigen noch vorhandenen Bäume.

Die Sonne geht blutrot und blitzschnell unter, kurz danach erscheint im Osten der orange-rote Vollmond. Wir fahren Kurve um Kurve durch stockfinstere Nacht und treffen endlich um 20.30 Uhr in Fianarantsoa in einem chinesischen Hotel ein, das einen guten Eindruck macht. Marion geht sofort auf unser Zimmer und bleibt im Bett.

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Sie hat jetzt ein heißes Gesicht und offenbar Fieber, trotzdem ist ihre Laune ganz gut. Das Abendessen lässt sie aus und trinkt dafür Cola. Wir hingegen fahren mit dem Bus hinauf in die Oberstadt in ein wirklich feines Lokal, wo wir um 22.00 Uhr noch Zebu verspeisen in lustiger Runde. Als Dessert probiere ich Cuba, einen typisch madagassischen Reismehlkuchen mit karamellisierten Erdnüssen. Es schmeckt sehr gewöhnungsbedürftig, aber da Roger neben mir sitzt, esse ich es tapfer auf, um nicht sagen zu müssen, dass mir das nicht schmeckt. Ich hoffe, dass mein Magen das wegsteckt.


Am nächsten Morgen ist um 6.00 Uhr Wecken angesagt, um 7.00 Uhr Frühstück, um 8.00 Uhr Abfahrt nach Ranohira, das 290 km entfernt ist. Bei den hiesigen Straßen kann man einen Durchschnitt von maximal 40 - 50 kmh rechnen, dazu die vielen Stopps. Madagaskar hat 60.000 Kilometer Straßen, davon aber nur 6.000 Kilometer asphaltiert, alles andere ist Lehm- oder Sandpiste.

Marion fühlt sich immer noch elend und hat starkes Bauchweh. Sie bleibt während unseres Stadtprogramms im Bett. Mein Magen grummelt heute Morgen auch verdächtig, und ab und zu zwickt es. Kommt das vom gestrigen Dessert? Ich schlucke Papayaforce und hoffe, dass der Kelch an mir vorübergeht.

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Er ging vorbei! In einem Laden kaufe ich Cola und Bananen zum Stopfen für Marion, dann fahren wir in die Oberstadt und besuchen die große Kathedrale, die proppenvoll mit Schulkindern ist, die heute Schulmesse haben. Sie machen große Augen, als die "weissen Teufel" eintreten, aber trotz Gottesdienst grinsen und kichern sie. Was nur haben wir an uns??

Wie in allen Städten gibt es auch wieder Straßenkinder und Elend. Unsere Kulis gehen nur so weg und die Bonbons auch. Helmut will heute Geld tauschen, denn das macht er nur an bestimmten Tagen. Vielleicht steht auch das im Mondkalender. Auf jeden Fall dauert es hier ewig trotz Roger’s Hilfe. Anschließend gehen wir noch in eine Apotheke, um Mittel gegen Halsschmerzen oder sonstige Wehwehchen zu kaufen, die den einen oder anderen der Gruppe plagen. Der Apotheker spricht mich auf Englisch an und ist lebhaft interessiert an dem Woher und Wohin. Es tut ihm offenbar sehr leid, daß wir so bald weiterfahren. Ich war für ihn wohl die heutige Zeitung.


 

Wir holen Marion aus dem Bett, sie hat starke Bauchschmerzen und ist total fertig. Hier können wir nichts für sie tun, sie muss mit und irgendwie durchhalten. Wir fahren durch immer gebirgiger werdende Landschaft, in der schöne dicke Felsnasen aus Granit auftauchen. Überall sehen wir auch hier die schönen rosa Heckenrosen, die offenbar alle wild wachsen. Der Himmel ist bedeckt. Marion geht es so schlecht, dass wir in Ambalavao einen Arzt suchen. Unsere Fahrer haben gute Kontakte und in einem Lehmsträsschen finden wir den Eingang zur "Praxis", vor der die Patienten auf dem Lehmboden sitzen und still warten. Wir treten in eines der schlichten Holzhäuschen, hinter einer Art Schreibtisch sitzt eine Frau mittleren Alters, quer durch den Raum ist eine Leine gespannt, auf der ein Tuch hängt, das offenbar als Sichtschutz gedacht ist. Die Frau ist jedenfalls die Ärztin, die aufgrund Roger’s Schilderungen bei Marion den Blutdruck mißt, die Stirn anfühlt und dann vermutet, daß Marion Malaria hat und sofort mit der Malaria-Akutbehandlung beginnen soll. Zuvor jedoch müsse sie Mittel gegen Brechreiz nehmen, da die Malariatabletten sehr aggressiv sind. Und Schmerztabletten soll sie auch noch nehmen. Vier fiebersenkende Tabletten holt sie aus ihrer Wohnung. Die Frau ist sehr nett und bemüht sich sehr. Für diese viertelstündige Behandlung hat sie umgerechnet 2 Euro verlangt...!

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Wir fahren zurück zum Papierladen, wo wir zuvor die Gruppe abgesetzt hatten. Dabei ist ein kleines Hotel, in dem Roger ein Zimmer für Marion bestellt, damit sie sich hinlegen kann, während wir mit dem Programm fortfahren. Die arme Marion, sie tut uns so leid.

Hier in Ambalavao wird von dem Volksstamm der Antaimoro das inzwischen berühmte Papier hergestellt. Es wird aus weich geklopften und gewässerten Baum- bzw. Rindenfasern hergestellt und zusätzlich mit gepressten und getrockneten Blüten hergestellt. Wir entdeckten es später noch in Tana auf dem Kunsthandwerkermarkt.


 

Zu Fuß gehen wir mit einem Einheimischen los zum Zebumarkt am Rande der Stadt. In einer großen Koppel befinden sich Hunderte von Zebus aller Altersstufen und dazwischen eine Menge Männer. Zebus sind Männersache, deswegen ist hier keine Frau zu finden. Es windet ordentlich und roter Staub bedeckt uns von oben bis unten, während wir zwischen Zebus und Männern laufen, die uns offenbar im Moment interessanter finden als die Zebus. Es ist wieder mal Schaulaufen angesagt. Danach besuchen wir den Wochenmarkt, auf dem fast nur Frauen zu finden sind, die hier alles für das tägliche Leben verkaufen. Es gibt auch überdachte Stände, die z.B. Stoffe verkaufen. Daneben sitzen Frauen auf dem Boden, die auf einer manuellen Nähmaschine Kleidungsstücke nähen. Dann gibt es all die Dinge, die auf sehr kreative Weise aus Altmaterialien wie Dosen und Glühbirnen hergestellt sind. Zum Beispiel werden aus kleinen Tomatenmarkdöschen ganz originelle und funktionstüchtige Petroleumlampen hergestellt. Ehemalige Kokosölkanister wurden zu Gießkannen umgebaut usw. Es ist ganz erstaunlich, was die Leute sich einfallen lassen. Hier ist viel buntes Leben und Treiben, und wir sind wieder mal Anschauungsobjekt und Grund zur Heiterkeit.

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Dann holen wir Marion ab, der es etwas besser zu gehen scheint, nachdem sie die ganze Batterie an Tabletten geschluckt hat. Es ist schon 13.30 Uhr, als wir die Stadt verlassen und haben noch fast 300 km zu fahren, und das nicht nur auf Teerstraße. Nach wenigen Kilometern muss Marion wieder erbrechen, und diesmal sind die ganzen Medikamente futsch und sie hat nicht mehr genug Malaria-Tabletten für eine Akutbehandlung dabei. Monika hilft ihr aus, sie hat offenbar für alle Fälle vorgesorgt. Wir alle sind sehr bedrückt und hoffen, dass Marion keine Malaria hat und sich ihr Magen doch noch an die Fahrt gewöhnt, denn hier lassen können wir sie nicht. Das nächste Krankenhaus und ein Flughafen sind in Tuléar, das wir erst morgen Abend erreichen. Hoffentlich muss Marion die Reise nicht abbrechen und nach Hause fliegen. Wir machen uns große Sorgen, können im Moment aber nichts anderes tun als gemeinsam die Daumen zu drücken.


 

Die Landschaft wandelt sich nun spektakulär. Traumhaft schön geformte Granitkegelberge tauchen auf, dazwischen Riesenmurmeln und schöne Täler voller Felder und Zebuweiden. Sehr malerisch. Zeitweise erinnert die Landschaft an das Monument-Valley in Amerika mit seinen Monolithen, nur dass hier nicht Tausende Touristen unterwegs sind, sondern nur unser einsamer Bus und vielleicht ab und zu mal ein LKW. Draußen ist es längst heiß geworden, und wir machen Mittagspause unter einem Mangobaum, dessen Früchte noch klein und erst im Februar/März reif sind. Es ist eine wunderschöne Landschaft mit Gebirgspanorama und dem Pic Bobby mit über 2.600 Metern Höhe. Dazwischen heufarbene Steppenlandschaft und weites Land mit Zebus und Hirten, immer wieder mit Mangobäumen durchsetzt.

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Termitenhügel sehen wir überall und dann auch den allerersten Baobab, den Affenbrotbaum. Das bedeutet, daß wir jetzt in den trockenheißen Süden Madagaskars kommen. Die Landschaft wird immer flacher und heißer. Inzwischen sitzt Marion und fotografiert wieder, wir atmen auf und hoffen.

In Ihosy tanken wir und machen kurze Pause. Ihosy ist die Provinzhauptstadt der Bara-Zebubauern, die hier leben. Auffallend sind auch die vielen Mangobäume überall.

Ich sitze wieder neben Marion, die sich jetzt ganz passabel fühlt und auch kein Fieber mehr zu haben scheint. Hoffentlich war es "nur" eine üble Magen-Darmgeschichte und keine Malaria.


 

Die Sonne steht schon tief, als wir um 17.00 Uhr weiterfahren. Die Hirten treiben die Zebus nach Hause, das ist immer ein schönes, friedliches und zeitloses Bild. Der Reis ist hier schon saftig grün und alle Felder sind bestellt im Gegensatz zur Mitte des Landes. Es folgen 60 km Wellblechpiste, und die Fensterscheiben beben ebenso wie wir. Wir fahren auf dem Hochplateau von Horombe in 900 - 1000 Metern Höhe, es ist eine total einsame, weite Graslandschaft, die jetzt wie ein goldfarbenes Meer aussieht und fast unbesiedelt, weil zu trocken ist. Durch den vielen Staub der Piste ist das Gras ganz rot gepudert.

Glutrot und wunderschön geht die Sonne über dem weiten Land unter. Unsere Piste führt ins Nirgendwo, und ich habe das Gefühl, an einem Ende der Welt angekommen zu sein. Aber wir erreichen nach anstrengender Fahrt ziemlich müde unser Camp in Ranohira, wo wir kleine schlichte Bungalows bekommen. Marion hat seit gestern morgen nichts mehr gegessen, und auch jetzt rührt sie nichts an.

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Kaum liegt sie aber im Bett, muss sie wieder erbrechen, und wieder sind die ganzen Tabletten mit dabei. Aber wenigstens kann sie danach schlafen und fühlt sich am nächsten Morgen viel besser. Sie geht auch mit zum Frühstück um 6.30 Uhr. Für die Wanderung ins Isalo-Gebirge ist sie aber zu schlapp und legt sich wieder hin.

Mit dem Bus werden wir zum Ausgangspunkt des Isalo-Nationalparks gefahren und müssen einen kleinen Fluss durchqueren. Das Isalo-Gebirge besteht aus Sandstein, und Wind und Wetter haben im Laufe der Zeit die kuriosesten Erosionsformen entstehen lassen. Auf unserer 3stündigen Wanderung durch diese bizarre Welt interpretieren wir Schildkrötenköpfe, Krokodile und Vögel in die überstehenden Gesteinsformen. Es ist wunderschön. Hier gibt es 1200 Pflanzenarten, die fast alle endemisch und zu 80 % Medizinalpflanzen sind. Einige davon kenne ich wie zum Beispiel den Sonnentau und Lycopodium. Wir entdecken Stabheuschrecken und Geckos, und unser Führer zeigt uns einen schwarzen Skorpion. Schmetterlinge fliegen ebenso wie Schildraben und Schwarzmilane.


Dann finden wir die dicken Pachypodien, die gerade wunderschön gelb blühen. Es geht zuerst bergan, dann durch eine Ebene. Wir haben herrliche Ausblicke auf kaum zu beschreibende Gesteinsformationen, die mich teilweise an den Grand Canyon und teilweise auch an den kleinen Erdsteine-Nationalpark in der Mongolei erinnern. Wir lassen die Ebene hinter uns und gehen bergab zu einem Flusslauf, der hier eine grüne Oase und einen Teich geschaffen hat, in dem man baden kann. Entlang des Flusslaufs wachsen schöne Palmen. Etliche unserer Gruppe baden in dem 18 kühlen Wasser des Teiches. Ziemlich geschafft von der großen Hitze während dieser schattenlosen Wanderung kehren wir zum Bus und zum Hotel zurück. Ich hatte Marions Kamera dabei und habe für sie etwa 50 Fotos gemacht, damit sie wenigstens ein bisschen von dieser grandiosen Landschaft zu Gesicht bekommt, die uns so begeistert hat. Marion hat den ganzen Morgen geschlafen, und es geht ihr besser, nur ist sie total ausgelaugt und schlapp. Aber immerhin konnte sie ein bisschen Brot essen und hat auch die Tabletten bei sich behalten. Und im Verkaufsraum neben dem Restaurant hatte sie schon wieder ein Auge für die Schnitzereien und andere Dinge. Es geht bergauf mit ihr.

Wir brechen unsere "Zelte" ab und fahren immer an der Gebirgskette entlang. Der Isalo-Nationalpark ist 150 Kilometer lang und 30 Kilometer breit. Er wurde 1962 als erster Nationalpark Madagaskars gegründet. Von einer besonders originellen Felsformation mit Namen "Königin von Isalo" machen wir noch ein Foto, dann geht es auf guter Teerstraße weiter. Die weite Graslandschaft ist vertrocknet, und überall sieht man die Steppe brennen oder die schwarzen, bereits abgebrannten Flächen.

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Dazwischen wachsen die feuerresistenten Bismarckpalmen. Dann taucht das erste so genannte Saphirdorf namens Ilakaka auf. 1995 standen hier 6 Häuser, inzwischen leben hier 100.000 Menschen, es ist also eine große Stadt geworden. Hier werden viele Edelsteine gefunden, nicht nur Saphire, sondern auch Granat und viele mir unbekannte Edelsteine. Der größte Saphir der Welt wurde hier gefunden und ist auf unergründlichen Wegen ausser Landes nach Asien geschafft worden. Jedenfalls ist es hier wie in jeder Goldgräberstadt, in der es hohe Kriminalität und Glückritter aus aller Welt ebenso gibt wie Casinos, dicke Autos und Dekadenz. Hier auszusteigen, wäre purer Leichtsinn, und so fahren wir langsam durch dieses erschreckende Dorf, sehen die üblen Typen in Massen herumstehen und sind froh, daß unsere Oase weiterfährt. Ein paar Kilometer weiter gibt es weitere so genannte Saphirdörfer, das jüngste davon ist erst vor einigen Monaten entstanden. Unvorstellbar und erschreckend, in welch winzigen, äusserst primitiven Strohhütten hier die Menschen hausen. Einfach menschenunwürdige Zustände sind das. Wir waren ganz geschockt. Wir hielten am Ende dieses Dorfes zum Fotografieren, aber Aussteigen war auch hier nicht ratsam.


 

Auf guter Teerstraße fahren wir weiter Richtung Südwesten durch endlose weite Savannenlandschaft. Über den brennenden Flächen kreisen Raubvögel, die sich die flüchtenden Mäuse, Geckos und Schlangen greifen. Und auf einmal fahren wir durch schönen ursprünglichen Trockenwald, ein letzter Rest hier in der Provinz Toliara (Tuléár). Dieser Restwald wurde 1991 in allerletzter Minute unter Schutz gestellt und damit vor der Abholzung und Brandrodung gerettet. Und plötzlich sehen wir sie, die lang ersehnten Baobabs, diese urzeitlichen, wunderschönen Riesenbäume. Von den 9 Arten, die es gibt, wachsen 7 als Endemiten auf Madagaskar. Das Hauptverbreitungsgebiet befindet sich allerdings weiter nördlich an der Westküste um Morondava, wo wir leider nicht hinkommen. Aber wir freuen uns auch sehr, daß wir diese Prachtbäume überhaupt zu sehen bekommen. Bei einem Dorf halten wir, um einige Exemplare zu fotografieren, und natürlich kommen wieder Scharen von Kindern angewetzt, die von durchreisenden Touristen schon mit Bonbons verwöhnt sind und diese jetzt ziemlich kess einfordern. Das mag ich nun gar nicht und steige daher gar nicht erst aus, sondern fotografiere vom Bus aus.

Hier wachsen auch auffallend viele Papayas, die teilweise verzweigt sind. Für Papayas habe ich immer ein Auge.

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In einem weiteren Dorf, wo mit Saphiren und anderen Steinen gehandelt wird, steigen wir aus. Roger geht zu einem Händler, der uns einige Steine zeigt und natürlich verkaufen will. Sämtliche Männer in diesem Dorf haben große Taschenlampen bei sich und jeder hat Steine in der Hosentasche, die mit der Taschenlampe zur Qualitätsbeurteilung angeleuchtet werden, wenn sich ein Interessent zeigt. Wir wurden überall angesprochen und zum Kauf animiert. Wie die alle davon leben können, ist mir ein Rätsel. Es waren sehr zwielichtige Gestalten dabei, hier wäre ich alleine niemals gelaufen. Aber Roger ist unser Schutzschild, ohne ihn wäre es undenkbar und gefährlich. Wir werden intensivst beäugt, und ich fühle mich nicht wohl in meiner Haut. Marion ist wieder so fit, dass sie auch mitgelaufen ist.

Unterwegs finden wir einen riesigen, dreistämmigen Baobab, den wir eingehend bewundern. Es ist ein wunderschöner Riesenbaum mit sicher 30 Metern Höhe, ein Prachtexemplar und das schönste, das wir gesehen haben.


 

Die Landschaft ist nun total flach, die ersten Sisalplantagen tauchen auf. Bei einem bis an die Straße gehenden Wiesenbrand steigen wir aus, um auch das Feuer zu dokumentieren, und sofort kommen wieder Kinder angewetzt, diesmal nicht so viele, so dass wir in Ruhe verteilen können. Die bunten Haargummis mit den Plastiktierchen am Ende kommen bei den Mädchen besonders gut an. Ganz stolz sind sie mit ihrer neuen Errungenschaft.

Wir befinden uns hier in der trockensten Gegend Madagaskars, in der nur ca. 85 mm Regen pro Jahr fallen. Im Regenwald der Ostküste fallen dagegen 2000 bis 3000 mm. Unterwegs schauen wir uns ein Baumwollfeld an, wo wir Blüten und ausgereifte Samenkapseln mit der Baumwolle darin anschauen können. An sich müßte es Strauchwolle heißen, denn die tatsächliche Baumwolle liefert der Kapokbaum, der zur Zeit lange, hellgrüne Samen-Wollkapseln trägt.

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Wir halten an Mahafaly-Gräbern, und Roger erklärt uns deren Totenkult. Bei den Mahafaly ist Polygamie üblich, die Frauen werden mit Zebus bezahlt. Wenn der Mann stirbt, wird die Frau sofort "versteigert" gegen Zebu-Währung. Wie seltsam.

Die Landschaft wird immer trockener und grobe Steine liegen auf dem mageren Boden. Ab und zu sehen wir Baobabs. Hier gibt es auch Ziegen, die wir bisher nie gesehen haben. Auch habe ich auf der ganzen Reise kein einziges Pferd oder einen Esel gesehen. Hier tragen die Menschen ihre Lasten selbst auf dem Rücken oder schieben sie in zweirädrigen Karren. Höchstens die Zebus ziehen Ochsenkarren, aber sie werden nicht als Last- oder gar Reittiere genutzt. Hier ist klassisches Zebu-Land.


 

Etwa 30 km vor Tuléar wachsen nur noch dürre, große, graue Sträucher, die sehr häßlich anzusehen sind. Es ist ein undurchdringliches Dickicht und kein Weideland mehr. Als wir schließlich die Höhe verlassen, sehen wir das Meer, das sich hier die Straße von Mozambique nennt und natürlich ein Teil des Indischen Ozeans ist. Die kürzeste Entfernung zum afrikanischen Kontinent beträgt 400 Kilometer, und Thanh fragt doch tatsächlich, ob man das Festland sehen kann. Klar, wenn sie 400 km weit gucken und auch die Erdkrümmung überwinden kann! Wie sie an ihren Doktortitel gekommen ist, bleibt mir rätselhaft.

Jetzt geht es bergab auf Küstenhöhe. Den ganzen Tag über ist uns fast kein Auto begegnet, nur selten mal ein Lastwagen. Die häßliche Buschsavanne hört auf und weicht schönen Dattelpalmen. Wir kommen nach Tuléar und machen Halt im Hotel Capricorne. Hier bekommen wir einen Begrüssungscocktail, ordentliche Zimmer und ein gutes Abendessen, wobei wir die Geckos an der Wand beim Fliegenfangen beobachten. Wir sind hundemüde. Als ich ins Bad gehe, saust eine riesige fette Schabe um die Ecke. Pfui Teufel, ich hasse diese Viecher. Marion sieht das ganz locker, ihr graust es vor nichts. Darf es auch nicht bei einer Biologin. Gut, daß sie wieder fit und zum Schabenfangen einsetzbar ist. Trotzdem wird sie sofort zum Tropenarzt gehen, wenn sie wieder in Deutschland ist.

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Um 4.30 Uhr ist am nächsten Tag, dem 1.10., Aufstehen angesagt. Alle Hähne krähen um die Wette, und um 5.00 Uhr gibt es Frühstück. Helmut hat heute seinen 65. Geburtstag, und ich spendiere meine Stumpenkerze, vor die ich eine Glückwunschkarte stelle, auf der alle unterschrieben haben. Das hat ihn so früh am Morgen fast umgehauen.

Um 5.45 Uhr sind wir schon auf dem Weg aus der Stadt raus Richtung Flughafen. Uns entgegen kommen 3 Ochsenkarren mit Zebuhälften, die auf dem Markt verkauft werden sollen. Dann sehen wir etwa 50 Truthähne, die einfach so auf dem Bürgersteig zum Markt getrieben werden. Ein großer christlicher Friedhof befindet sich sinnigerweise direkt neben dem Krankenhaus und überall wuseln die vielen Pousse Pousse zwischen den Ochsenkarren herum. Tuléar ist Provinzhauptstadt und hat 100.000 Einwohner. Der tägliche Markt soll ein Schauspiel sein, für das wir aber keine Zeit haben, denn wir müssen zum Flughafen, weil wir den Flieger nach Fort Dauphin (Toliagnaro) erreichen wollen. Wir kommen frühzeitig an und lungern noch ein bisschen um den kleinen Flughafen herum, entdecken wunderschöne Pflanzen und werden dabei von einem sehr anhänglichen jungen Hund begleitet, der ständig gestreichelt werden will. Das Tier ist jedoch eine Flohschleuder, und die kann ich nicht gebrauchen, und so muss der Hund ungestreichelt von dannen ziehen.


 

Um 7.25 Uhr erhebt sich unser Flieger und überquert das Dornenland des heißen trockenen Südens. Wir sehen kahle und wüstenhafte Landschaften, dann aber im Osten die Küstenberge, die die Klimascheide zwischen tropisch feuchter Ostküste und trockenheißem Westen bilden. Der Osten ist üppig grün und hat viele Seen und Flüsse. Nach 55 Minuten landen wir auf dem Mini-Flughafen von Fort Dauphin. Auch hier steht gleich ein Hotelbus bereit und bringt uns auf übler Holperstrasse voller Schlaglöcher zum Hotel "Le Dauphin", das etwa 500 Meter vom Indischen Ozean entfernt liegt und eine wunderschöne Gartenanlage hat.

Marion geht es heute nicht gut. Ihr Magen rebelliert wieder gegen die Malaria-Tabletten. Ausserdem hat sie schlechte Laune, vielleicht der berühmte Reisekoller, der jeden mal erwischen kann. Wir bekommen diesmal eine richtige Suite mit zwei großen Räumen und vier Betten mit Moskitonetzen.

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Eine Couch mit Tisch und ein Schreibtisch ist auch noch vorhanden, ausserdem haben wir einen großen Balkon zum Garten hin. Sehr schön. Heute haben wir einen freien Tag, aber das sind wir gar nicht gewöhnt, und wir haben gar keine Lust auf Spießrutenlaufen durch die Stadt. Zum Baden ist es uns zu frisch und zu windig. Wir hatten hier feuchtheiße Luft erwartet, stattdessen können wir eine Jacke vertragen.

Roger hat aber Erbarmen mit uns und führt uns vom Hotel ein paar Lehmstrassen entlang bis zum Restaurant des Hotel Miramar, das hoch oben über dem Meer liegt. Von hier aus haben wir einen phantastischen Blick auf die umliegenden Berge und den schönen kleinen Strand Libanona mit herrlich weissem Sand. Es sind nur ein paar Einheimische dort. Alles ist üppig grün, und die vielen Kokospalmen wiegen sich im Wind, der heute gewaltig bläst. Einige der Gruppe gehen einen schmalen Pfad hinunter zum Strand, wir anderen bleiben auf der Terrasse des Restaurants und genießen die Sonne bei Kaffee oder Cocktail. Zum Mittagessen findet sich die ganze Gruppe ein. Roger hat für jede von uns Frauen frische Hibiskusblüten gepflückt und überreicht sie uns als Vorspeise. Dafür möchte er als Nachtisch von jeder ein Küßchen, und das bekommt er dann natürlich auch. Wir schwelgen in wunderbaren Meeresgenüssen und verspeisen frische Langusten, Krabben, Shrimps und andere Fische. Es schmeckt phantastisch und ist spottbillig. Eine ganze Languste kostet zwischen 6 und 7 Euro, je nach Beilage. Eine Portion Shrimps in Knoblauch nur 2,50 Euro usw. Marion traut sich noch nicht an Fisch heran und löffelt als erste Mahlzeit seit drei Tagen einen Teller Gemüsesuppe. Aber hinterher ist sie mutig, und wir beide bestellen noch Crepes Suzette, die mit einer giftgrünen Soße und Zitronat serviert wird. Es sieht irritierend aus, schmeckt aber ganz gut.


Den Rest des Nachmittags faulenzen wir in der Sonne, bis dicke Wolken aufziehen. Dann machen wir uns so nach und nach auf den Weg zu unserem Hotel, werden wieder begafft und verteilen wieder Bonbons und Kulis. Ich gebe so nach und nach meine T-Shirts und Tops her, darauf sind alle ganz wild.

Zum Abendessen gibt es frische Austern in verschiedenen Varianten zur Vorspeise, danach wieder zur Auswahl Fisch oder Ente und hinterher Papaya. Ich hatte auf Madagaskar ziemlich mieses Essen und daher ein paar Kilo Gewichtsverlust erwartet, stattdessen muß ich aufpassen, daß ich nicht zunehme, weil alles so unerwartet lecker ist. Besonders hier in Fort Dauphin schmeckt alles herrlich, was aus dem Meer kommt. Zebu ist bei uns inzwischen abgeschrieben, obwohl auch das lecker war.

Heute steht uns noch eine Überraschung bevor. Nach dem Abendessen kommen die Kellner und stellen brennende Kerzen auf unseren Tisch, dann geht das Licht aus, und ein Kellner bringt eine große Schokoladentorte mit der Aufschrift in deutsch "Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag" und mit brennenden Kerzen darin und stellt sie vor Helmut hin.

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Der ist so überwältigt, dass er es kaum schafft, die Kerzen auszupusten. Währenddessen ertönt im Hintergrund "Happy Birthday" vom Tonband, das hat Roger inszeniert. Wir sind ebenfalls total überrascht und sprachlos, dass unser Reiseveranstalter Gebeco das so veranlasst hat. Wer hätte hier auf Madagaskar mit Schokoladen-Bisquittorte zum Geburtstag gerechnet? Helmut ist jedenfalls total perplex und so gerührt, dass er kein Wort raus bringt. Er ist den ganzen Nachmittag mit Roger rumgelaufen, um einige Flaschen Sekt aufzutreiben, was hier nicht so einfach ist. Aber der Sekt stand gekühlt bereit, und so haben wir das Geburtstagskind hochleben lassen. Dieser Tag wird für Helmut sicher unvergesslich bleiben.


 

In der folgenden Nacht stürmt und regnet es, die Regenzeit kündigt sich an, und die Luft ist sehr frisch. Wir sind so gespannt auf den heutigen Tag, der uns hoffentlich wieder Lemuren bescheren wird. Um 9.00 Uhr fahren wir auf übler Schlaglochstrasse voller Wasserlachen durch die Menschenmenge und entlang der überquellenden Marktstände am Straßenrand. Bald haben wir die Stadt hinter uns und fahren nach Westen durch üppig grüne Landschaft voll großer Litschi- und Jackfruchtbäume, Mangos usw., Wasserläufe und Teiche voller Elefantenohr, viele Reis- und Gemüsefelder mit Maniok und dem inzwischen berühmten "essbaren, grünen Gemüse". Viele Menschen sind auf und ab in Bewegung, alle barfuss und bepackt. Die einen tragen volle Körbe auf dem Kopf zum Markt und immer ein Baby im Tragetuch auf dem Rücken, andere tragen Reusen oder Baumaterial (Palmblätter) in Richtung Fluss oder Dorf. Unterwegs machen wir Halt bei großen Obstständen, wo wir außer leckeren kleinen Bananen auch noch eine Jackfrucht kaufen, die sicher 4 kg wiegt. Diese Früchte faszinieren mich immer wieder. Sie wachsen direkt an Stamm und Ästen der großen Bäume und haben eine hellgrüne Farbe sowie eine harte gehöckerte Oberfläche. Reife Früchte sind größer als ein Fußball und wiegen bis zu 8 kg, es sind Riesendinger. Essbar sind die weichen Fruchtschalen im inneren, die die eigentlichen Kerne umgeben. Sie schmecken wunderbar und erinnern entfernt an Bananen mit einem Spritzer Zitrone, sehr lecker. Ich habe einige Samen mitgenommen und versuche, sie zum Keimen zu bewegen.

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An diesem Obststand finden wir jede Menge Koskosnüsse in alle Stadien. Die unreifen Nüsse werden am oberen Ende aufgeschlagen, dann kann man mit einem Röhrchen die frische Kokosmilch trinken, ebenfalls frisch und lecker. Das dünne weisse Fruchtfleisch ist weich und schlabbrig und schmeckt kaum nach Kokosnuß. Bei den ausgereiften Nüssen ist es bekanntlich sehr hart und hat den typischen Kokosnussgeschmack. Wir probieren alles durch. Hier liegen auch Ochsenherz-Anonen, die bei uns besser als Cherimoya bekannt sind. Ausserdem längliche, dunkelgrüne, etwa mangogroße Erdbeerfrüchte, deren Saft wunderbar frisch und tatsächlich ähnlich wie Erdbeeren schmeckt. Es gibt natürlich hier wie überall im Land jede Menge Süßkartoffeln und Maniokknollen. Die Süßkartoffeln kann man überall gegart kaufen und aus der Hand essen. Auch als Chips schmecken sie sehr lecker. Die Menschen hier sind ganz auffallend klein und zierlich.


 

Wir setzen unsere Fahrt fort, sehen rechts die üppig grünen Hügel und Berge und links daneben plötzlich kahle, graue Hügel. Sobald wir den Pass erreicht haben, wandelt sich das Landschaftsbild abrupt, denn hier ist die Wetterscheide zwischen dem feuchtheißen Regenwald im Osten und dem trockenheißen Dornenland des Westens, das wir heute kennen lernen wollen. Hier finden wir die großen Kapokbäume, die voller dicker langer Schoten mit der eigentlichen Baumwolle hängen. Interessiert fühlen wir die flauschigweiche Baumwolle, richtig kuschelig ist die. Die Schoten sehen ähnlich aus wie kurze Schlangengurken in hellerem Grün. So langsam wird es heiß, die Luft ist frisch, und ein Lüftchen weht angenehm. Hier sehen wir zum ersten Mal die Dreikantpalme, eine botanische Rarität. Wenn man die Wedel abschneidet, kann man an den Stengeln dieser Palme gut erkennen, dass die Schnittfläche drei Kanten hat. Sehr ungewöhnlich. Später halten wir mitten im Dornenbuschland und stehen in einer ganz bizarren, fremden Welt. Hier leben die Antandroi als Zebu-Züchter. Es sind kräftige und weitaus grössere Menschen als wir bisher gesehen haben.

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Im Dornenbuschwald wachsen ganz ungewöhnliche Pflanzen, die fast alle mit starken Dornen bewehrt sind. Ganz besonders auffallend sind die viele Meter hohen Didieraceen, deren schlanke Stämme spiralförmig bedornt sind. Zwischen den Dornen wachsen kräftiggrüne kleine Blättchen. Im heftigen Wind schaukeln und schwanken diese schlanken Stämme ganz elastisch hin und her. Es gibt auch viele Euphorbienarten, Pachypodien (u.a. die berühmte Madagaskarpalme) und andere dornenbewehrte Gewächse, und dieser ganze Dornenbuschwald des Südens ist einmalig auf der Welt. Es ist für uns total fremdartig und bizarr, aber auf eigenartige Weise faszinierend.


 

Bei einem wunderschönen Baobab machen wir den nächsten Halt, es ist ein riesiger Prachtbaum, dessen Alter man kaum schätzen kann. Über das Alter der Baobabs streitet die Wissenschaft. Es wird angenommen, daß diese Bäume weit über 1000 Jahre alt werden können. Das größte Exemplar der Welt steht im Westen Madagaskars, und den würde ich sehr gerne eines anderen Tages auch noch anschauen. Dieses Exemplar hier hat aber mit Sicherheit auch schon einige hundert Jahre auf dem Buckel. Wir sind sehr beeindruckt.

Gleich daneben stehen etliche Kinder und Jugendliche an Ständen mit schönen Schnitzereien aus Dornenholz, das ganz leicht ist. Dort entdecke ich ein niedliches Holzschweinchen, das ich gerne hätte. Der zugehörige Besitzer macht aber gerade Siesta, und die anderen trauen sich nicht, mir das Schweinchen zu verkaufen. Und so hoffe ich, daß ich es auf dem Rückweg ebenso wie den Besitzer noch vorfinde. Schweine findet man selten, sowohl lebend als auch in Holz. Bei manchen Stämmen ist Schweinefleisch Fady, also verboten. Für andere wieder ist es erlaubt.

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Die Häuschen der Menschen hier sind alle aus dem Dornenholz gebaut, auch die Schubkarren und sonstigen Werkzeuge. Wir durchfahren jetzt auf Sandpiste große Sisalagaven-Plantagen. Ein kräftiger Wind bläst große rote Staubfahnen vor sich her, alles ist von dem roten Staub gefärbt. Dann kommen wir in Berenty an, dem legendären und so berühmten Naturpark, den die französische Familie de Haulme bereits 1936 angelegt hat. Hier gibt es viele Lemuren und die gesamte Flora des Südens. Die Familie de Haulme ist der größte Arbeitgeber des gesamten Südens und hat eine Monopolstellung. Ihr gehören nicht nur die riesigen Sisalagaven-Plantagen, sondern inzwischen auch eine Menge Hotels. Unser Hotel in Tuléar gehört ebenso dazu wie das "Le Dauphin" und das "Miramar", das wir noch kennen lernen werden. Die Plantagenarbeiter bekommen den Mindestlohn, haben aber gemauerte und vom Arbeitgeber zur Verfügung gestellte Häuschen und werden anscheinend auch versorgt im Krankheitsfall. Nichtsdestotrotz werden sie sklavisch ausgebeutet, wie wir noch sehen konnten. Da alles Land den de Haulmes gehört, bleibt den Menschen keine Möglichkeit mehr zur Selbstversorgung. Sie sind also auf Gedeih und Verderb ausgeliefert.


 

Wir jedenfalls fahren erst einmal zum Parkplatz von Berenty und hoffen, hier die schönen und fast jedem bekannten Kattas oder auch Ringelschwanzmakis zu sehen. Und ob wir sie sehen! Wir sind noch gar nicht ganz da, da kommen schon 15 oder mehr Kattas maunzend angerannt. Es sind niedliche, possierliche Tierchen, haben knapp Katzengrösse und sind hellgrau-beige gefärbt. Markant ist ihr langer, schwarz-weiß geringelter Schwanz, den sie wedelnd aufrecht tragen, wenn sie laufen. Sehr dekorativ. Überall um uns herum wuseln sie, springen auf die Hausdächer oder sitzen auf dem Boden. Wir dürfen sie nicht füttern, damit sie nicht verlernen, sich ihr eigenes Futter zu suchen, denn es sind nicht immer Besucher da. Es fällt uns sehr schwer, hier unsere Bananen unter Verschluß zu halten.

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Wir bekommen ganz schnell unsere schlichten Bungalows, sprühen uns mit Autan ein und wühlen uns durch die zentimeterdicke rote Staubschicht zum Restaurant. Wir sind spät dran mit dem Mittagessen und müssen uns daher sputen. Dieses Restaurant gehört wie alles hier im Süden natürlich auch den de Haulmes, und hier herrscht Diktat bzw. es gibt nichts zur Auswahl, sondern ein Menü und basta. Aber angesichts der abgelegenen Lage des Parks und der minimalen Beschaffungsmöglichkeiten, sind wir sehr froh, hier überhaupt ein Restaurant vorzufinden. Hätte auch sein können, dass wir hier auf Selbstverpflegung umsteigen müssten, und das hätten wir auch gemacht ohne Murren. Und so bekommen wir hier einen leckeren Meeresfrüchtesalat, Zebu-Schmorbraten mit Gemüse und Obst. Magen, was willst Du mehr?


 

Dann fahren wir zur nahegelegenen Straußenfarm, die uns hier doch sehr verwundert. Als damals in Europa die BSE-Krise war, haben findige Köpfe gedacht, mit Straußenfleisch könnte man in Europa viel Geld verdienen. Es wurde beschlossen, Strauße anzuschaffen und ein Schlachthaus mit europäischem Standard zu bauen. Als erstes kamen also die Strauße, aber das Schlachthaus ist bis heute Theorie, und so sind die Strauße inzwischen nur noch eine Attraktion für die Besucher des Berenty-Parks. Ungewöhnlich an diesen Straußen sind jedoch die knallroten Schwanzfedern. Diese sind jedoch keine Mutation, sondern stammen schlichtweg nur vom roten Sandstaub. Aber im Kontrast zu den schwarzen Federn sieht es gut aus.

Um uns herum sind kilometerweite Sisalagaven-Plantagen. Auf eigenartigen Gestellen hängen meterlange Sisalfasern zum Trocknen in der Sonne. Das Material ist uns nicht fremd, denn viele Seile und Kordeln bei uns sind aus reinem Sisal, allerdings immer seltener, seit es durch Kunststoffseile ersetzt wird. Dann besuchen wir die Sisalfabrik, und davon bin ich entsetzt.

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Die Arbeiter haben von Hand mit einem machetenartigen Messer von jeder Agave die unteren 6-8 Blätter geschnitten. Die Blätter werden dann gebündelt und auf LKW geladen und bei der Fabrik angeliefert. Die Agavenblätter haben sehr scharfe Kanten, die auch noch im 10 cm-Abstand mit scharfen Dornen besetzt sind. Nun müssen die Arbeiter die schweren Bündel mit bloßen Händen auf ungeschützten Schultern in die Fabrik tragen. Dort werden sie mit der Breitseite auf einem Förderband in die laut lärmende Presse geschoben, die das Fruchtfleisch herauspresst. Auf der anderen Seite der Maschine kommen die Sisalfasern heraus, die dann entnommen und auf die Trockengestelle gehängt werden. Barfuss stehen die Männer auf dem Agavenabfall und den runter gefallenen Blättern und sind den ganzen Tag dem ohrenbetäubenden Lärm der Presse ausgesetzt. Sie haben weder Ohrenschützer noch Handschuhe oder Schuhe an, man kann es nicht mit ansehen. Das ist echte Sklavenarbeit.


 

Im Gebäude nebenan arbeiten die Frauen in der Kämmerei. Alles ist voller Agavenfasern und Staub, und viele Menschen, die hier arbeiten, sterben an der Staublunge. Kein Mensch hat hier einen Mundschutz. In der nächsten Halle werden die fertig gekämmten Sisalfasern zu 150 Kilo Ballen gebündelt und gepresst. Diese 150 kg werden ebenfalls von Hand auf LKW geladen. Es ist wirklich ganz übel. So beeindruckend ich es finde, dass die Familie de Haulme den Naturpark Berenty geschaffen hat und erhält, so negativ finde ich diese Ausbeutung. Die de Haulmes werden auch in Madagaskar selbst kritisch beurteilt. Einerseits ist man froh wegen der Arbeitsmöglichkeiten und des geregelten Einkommens, andererseits wird die Abhängigkeit und auch das kolonialherrenmässige Verhalten kritisiert. Und das vermutlich nicht zu unrecht.

Dann aber verlassen wir den Bus und beginnen mit unserer ersten Lemurenpirsch durch wunderschönen, vielseitigen Trockenwald. Auf halbschattigen Wegen laufen wir plötzlich durch eine andere grüne Welt, deren hohe Baumkronen vom starken Wind gebeutelt und gezaust werden. Schon nach wenigen Metern entdecken wir die ersten Larven-Sifakas, eine wunderschöne Lemurenart.

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Sie sind etwa 60 cm groß, haben helles Fell und lange Schwänze und eine wunderschöne schwarze Maske. Daher der Name Larven-Sifaka. Berühmt sind diese Sifakas wegen Ihres Tanzes. Wenn die Tiere von einem Baum zum nächsten wechseln wollen, diese aber für einen Sprung zu weit auseinander stehen, verlassen die Sifakas den Baum und kommen auf den Boden. Dann springen sie auf zwei Beinen seitwärts mit erhobenen Armen ganz elegant über den Boden, bis sie den angesteuerten Baum erreicht haben. Diese Sprünge auf zwei Beinen mit den erhobenen Armen sehen wunderschön, aber auch sehr lustig aus. Vielleicht tanzen sie vor uns ja auch noch. Wir sind gespannt. Die Sifakas leben auch meist in kleinen Familienverbänden: Vater, Mutter, Kind oder junge Halbwüchsige. Die Laute der Sifakas hören sich an wie Hühnergegacker, wenn diese ein Ei gelegt haben. Ganz lustig.


 

Uns begegnen eine ganze Menge der hübschen Rotstirn-Braunlemuren, die wie kleine Ferkel grunzen und quieken und immer in großen Gruppen durch die Bäume turnen. Hier im Park gibt es in regelmässigen Abständen Tränken, die von den Waldtieren gerne aufgesucht werden und wo man sie gut beobachten kann. Riesengroße, sehr beeindruckende Tamarindenbäume finden wir hier, die mir sehr gefallen. Wir haben eine wunderschöne Wanderung mit kräftigem Wind, der alle Moskitos verscheucht hat, leider auch die Schmetterlinge. Als wir zurückkommen, ist es fast dunkel und sehr kühl geworden. Nach einer raschen Dusche ziehen wir wärmere Sachen an und wappnen uns dann mit Taschenlampen für unsere Nachtpirsch. Mit dem Bus werden wir ein paar Kilometer weit zum Dornenwald gebracht, wo wir heute endlich den Mausmaki aufspüren wollen.

Mit einem einheimischen Führer und natürlich immer Roger dabei, der schwer erkältet und von Marion mit Medizin eingedeckt worden ist, laufen wir mucksmäuschenstill durch den windumbrausten, schaukelnden Dornenwald. Es ist eine ganz fremde, eigenartige Welt, kühl und sehr windig.

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Wir leuchten alle Bäume und Sträucher an und entdecken bald einen Wieselmaki, der an einer kräftig schaukelnden Didieracea sitzt und sich offenbar mühelos festhält, obwohl der schlanke Stamm von langen scharfen Dornen besetzt. Er mampft genüßlich die zarten grünen Blättchen und schaut dabei zu uns herunter. Und kurz danach sehen wir endlich auch den lang gesuchten Mausmaki, es ist ein roter Mausmaki, etwa hamstergroß sitzt er dort oben und schaut mit Riesenaugen zu uns herunter. Leider verschwindet er bald in der Finsternis. Wir leuchten weiterhin alle Bäume ab, aber weitere Lemuren können wir heute nicht mehr entdecken.

Als wir unsere Pirsch beenden und zum Auto zurückkommen, machen dort zwei Einheimische sehr schöne Musik mit selbstgebauten Instrumenten. Nach dem Abendessen wird uns Jackfrucht serviert, die wir mit Genuss verspeisen. Wir sind müde und verziehen uns bald unter unsere Moskitonetze.


Wir haben prima geschlafen und werden von vielen Vogelstimmen geweckt. Schon vor 7.00 Uhr sehen wir im Camp-Gelände Sifakas, und sie springen tanzend durch den roten Staub zum nächsten Baum. Das sieht so lustig und elegant aus, daß alle zusammenlaufen und begeistert zuschauen. Auch die Kattas turnen herum und warten sehnlichst auf die Sonne. Die Kattas sind als Sonnenanbeter bekannt. Sobald die Sonne ihre wärmenden Strahlen schickt, sitzen die Kattas mit ausgebreiteten Armen auf dem Boden, um nur ja jeden Sonnenstrahl einzufangen und sich aufzuwärmen nach der kühlen Nacht. Es sieht witzig aus, wenn sie da zu 15 oder mehr Tieren nebeneinander mit ausgebreiteten Armen in der Sonne sitzen. Wir fotografieren wieder endlos und können uns gar nicht losreissen. Sie sind hungrig am Morgen und riechen die Bananen schon von weitem. Sie fassen dann auch an die Hosenbeine und langen in die Taschen oder Tüten, in denen sie diese Leckereien vermuten. Wir müssen uns sehr beherrschen, um die Bananen nicht zu füttern. Aber wir sehen ein, dass die Tiere ihre natürliche Nahrung suchen müssen, um sich nicht von Menschenfütterung abhängig zu machen. Aber es fällt uns sehr schwer, diesen possierlichen Tierchen nichts zu geben. Helga hatte ihren Bungalow in der Nähe des Parkplatzes, wo die Kattas meist herumliefen. Sie hockten in Scharen auf ihrer Terrasse und wussten genau, dass auch Helga Bananen hatte, die einfach nicht widerstehen konnte und eine spendierte. Fortan hatte sie die ganze Bande vor ihrer Hütte und sobald sie die Tür aufmachte, spazierten sie flucks auch hinein, sprangen auf’s Bett und hinterließen einen Kacker. Das war dann weniger lustig, aber selbst verschuldet. Das Gespött und Gelächter der anderen war ihr sicher.

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Heute morgen ist es windstill und sonnig. Nach dem Frühstück starten wir zu unserer Morgenpirsch durch den friedlichen Trockenwald. Da es windstill ist, sind jede Menge Schmetterlinge unterwegs, und wir hören und sehen viele verschiedene Vögel wie den Spitzschopf-Seidenkuckuck, den Tulu- und den Riesenseidenkuckuck (Hühnergroß), Bienenfresser, Flußseeschwalben, Schopfperlhuhn, Höhlenweihe (größter Lemurenfeind), das schwarzkehlige Laufhühnchen, den Wiedehopf mit dem lustigen lateinischen Namen Epupa epops, den schwarzen Vasa- und den Raben-Papagei, ausserdem Grauköpfchen, den Drongo, Turmfalken und den schönen Paradiesschnäpper und überall die hübschen Sattelraben mit dem "weißen T-Shirt". Jede Menge der grunzenden Rotstirn-Braunlemuren begegnen uns ebenso wie die Kattas und auch Sifakas mit Babys. In einem Gehege können wir noch die schönen Strahlenschildkröten anschauen, die wegen der vielen Wiesenbrände akut gefährdet sind, weil sie nicht flüchten können. Wir bekommen auch noch Sumpfschildkröten und Krokodile zu Gesicht und jede Menge Dornenspinnen.


 

Am Ufer des Mandrare-Flußes haben wir einen schönen Blick über das breite, fast ausgetrocknete Flussbett. Ein Hirte mit seinen Zebus läuft zum Wasser, die Tiere trinken, er wäscht sich dort. Man spürt, daß alle und alles auf den Regen wartet. Alles ist ausgedorrt und staubig. Dann sehen wir von weitem die großen Schlafbäume (Tamarinden) der Flughunde. Man darf nicht nahe dran gehen, um die Tiere nicht zu stören. Mit dem Fernglas sieht man sie aber ganz gut. Sie haben eine Spannweite von immerhin 1 Meter und ernähren sich ausschließlich von Früchten.

Zum Schluss sehen wir dann noch zwei Wieselmakis (nachtaktiv) schlafend in ihren Baumhöhlen sitzen und sind ganz still, um sie nicht zu wecken.

Nun haben wir eine Weile Freizeit und schauen uns noch den kleinen, aber feinen botanischen Garten mit der hiesigen Sukkulentenflora an. Herrliche Exemplare von Pachypodien und Didieraceen und Euphorbien stehen dort. Es ist schwülheiß, und wir sitzen faul um das Restaurant herum und freuen uns über die Kattas, die überall herumwuseln und maunzen.

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Nach dem Mittagessen zieht sich der Himmel ganz dunkel zu, und als wir abfahren, beginnt es zu donnern. Ein paar Tropfen fallen, da freut sich alles. Obwohl hier fast täglich ein Bus Besucher zum Berenty-Park bringt, ist die Straße in einem katastrophalen Zustand, es sind mehr aneinander gereihte große Schlaglöcher als Teer da. So kommen wir nur langsam und mühsam vorwärts. Überall wachsen üppige Opuntienhecken (Ohrenkakteen). Manche Opuntien haben keine Stacheln, die werden von den Kattas sehr gerne gefressen, weil sie so saftig sind. In einem Dorf hält unser Fahrer, um Holzkohle mitzunehmen, und wir sind mal wieder Schauobjekte. Marion sitzt ganz vorne neben dem Fahrer und leuchtet den Leuten schon weiß mit roten Wangen entgegen. Nun werden wir noch viel schneller als "Wassas" entdeckt, und johlend laufen die Kinder herbei. Die Frauen lachen sich schief über Marion’s rote Wangen und zeigen immer darauf. Das können sie gar nicht fassen, dass ein Mensch rote Wangen haben kann. Tja, wir können uns keine schwarzen Wangen vorstellen. So ist das eben.

Roger zeigt uns hier verschiedene Heilpflanzen, die an einem Stand angeboten werden. Es gibt da auch eine Rinde, die als Prophylaxe gegen Malaria genommen wird. Malaria ist in ganz Madagaskar das größte Gesundheits-Problem, und viele Menschen sterben daran.


Bald haben wir das Dornbuschland und damit auch die Wetterscheide hinter uns gelassen und kommen wieder in gebirgigere Landschaften. Die grünen Reisfelder und die großen Litschi- und anderen Bäume sind nach dem kahlen Dornenland eine Wohltat für die Augen. Der Himmel ist stark bewölkt, und es beginnt zu regnen. An einem Obststand kaufen wir unsere allerletzte große Papaya, dann sind wir mit viel Geholpere bald wieder in Fort Dauphin, wo wir dieses Mal zwei Nächte im gleichen Hotel verbringen, das gab es bisher noch nicht, denn jede Nacht schliefen wir in einem anderen Bett. Wir sind jetzt im Hotel Miramar direkt am Meer untergebracht, allerdings oben auf der Steilküste mit herrlichem Blick hinab auf die heranbrausenden Wellen. Roger sorgt dafür, dass wir ein Riesenzimmer mit vier Betten und Moskitonetzen bekommen, von wo aus wir Blick auf das Meer und den Sonnenuntergang haben.

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Wir duschen uns den roten Staub von Berenty vom Leib und stellen fest, daß die saubere Wäsche ebenso zur Neige geht wie unsere Filme und der Vorrat an Kulis und Bonbons. Und auch die Reise neigt sich dem Ende zu. Wieviel Schönes haben wir doch sehen und erleben können. Meine kühnsten Erwartungen wurden weit übertroffen. Dass wir soooooviele Lemuren so nah sehen und teilweise sogar anfassen würden, hätte ich nicht zu hoffen gewagt. Dazu die beeindruckenden Landschaften dieser großen Insel, die freundlich-neugierigen Menschen, die aller Orten so großen Spaß an uns hatten und sich über uns amüsierten. Aber überall sind sie uns freundlich begegnet, nie gab es böse Blicke, und angesichts der Geschichte der Einmischung, Unterdrückung, Missionierung und Fremdbestimmung durch Kolonialisierung hätten sie schon Grund dazu. Nicht zu vergessen die Sklaverei, die Abertausende Madagassen die Freiheit und das Leben gekostet hat. Vielleicht besteht ihre Rache ja darin, jetzt über die "Wassas", die weissen Teufel, zu lachen. Es sei ihnen gegönnt.


 

Aber noch sind wir in Fort Dauphin. Mit unseren Taschenlampen laufen wir ca. 500 Meter zum schon erwähnten Restaurant hoch auf der Steilküste über dem Meer, wo wir ja schon vor der Fahrt zum Berenty-Park gesessen haben, um dort ein feines Abendessen aus dem Meer zu genießen. Wir probieren anschließend Punch Coco, der sehr süffig ist und aus Rum mit Kokosmilch besteht. Er hat es in sich. Der zweite davon ist noch brauner, weil mehr Rum. Das kann ich aber nicht trinken, sonst fange ich bald an zu lallen, weil ich Alkohol überhaupt nicht gewöhnt bin. Der Geschäftsführer der Hotelanlage und des Restaurants ist ein kleiner, unscheinbarer Mann, ein zartgliedriger Intellektueller vom Stamm der Merina. Er greift zur Gitarre und versetzt uns in Erstaunen, als er die wunderschönen Balladen der 60er- und 70er Jahre von Georges Moustaki, Cat Stevens, den Beatles und vielen anderen so phantastisch singt, daß wir großen Beifall klatschen.

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Für Roger, der aus dem Norden stammt, wo temperamentvolle Musik gemacht wird, sind diese Balladen zu "lahm", und obwohl er ziemlich heiser ist, steht er auf, nimmt die Gitarre und spielt und singt dazu mit halbkrächzender Stimme ein paar flotte Stücke. Der Geschäftsführer holt aus der Küche eine halbvolle Dose Pfefferkörner, mit der er im Takt dazu rasselt. Einer der Kellner schlägt den Takt mit Messer und Gabel. Roger hat Gitarre und Schlagzeug gelernt und wollte Musiker werden, was sein Vater aber verhindert hat. Gott sei Dank. So haben wir einen phantastischen Reiseleiter bekommen, der auch noch musizieren kann. Anschließend spielt der Geschäftsführer wieder und alle Kellner singen mit. Eine richtig tolle Stimmung ist das, die uns sehr gefällt.


 

Montag, der 4.10.2004. Wir haben sehr gut geschlafen. Draußen ist es kühl und sehr stürmisch, und es nieselt ein wenig. Nach dem Frühstück im Freiluftrestaurant des Hotels gibt es eine kleine Stadtrundfahrt durch das europäische Viertel, in dem wir aber nur Einheimische sehen, wohl aber grössere Bauten wie das Rathaus und die madagassische Telecom. Dazu etliche Ruinen und leer stehende Häuser in dieser wunderschönen Lage hoch über dem Meer.

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Wir fahren weiter auf übelster Piste und kommen schließlich ganz unvermutet zum Botanischen Garten Saiady, der etwa 7 km nördlich der Stadt liegt. Hier hat die Familie de Haulme wiederum einen schönen Naturpark geschaffen, in dem die wichtigsten Pflanzen der Ostküste zu finden sind mit den vielen wunderschönen Palmen, verschiedenen Bambusarten und dem Elefantenohr. Am Eingang des Parks befinden sich in zwei Gehegen grössere und kleinere Krokodile, die mit zerhacktem Fisch gefüttert werden, um anschließend in dem dunkelgrünen Teich zu verschwinden.

Dann fahren wir zu einem weiteren Park der Familie de Haulme, die ein großes Gelände samt der dazugehörigen Küste gekauft hat. Hier können wir auch noch einige Reste der großen Kannensumpfpflanzen (Insektenfressende Pflanzen) anschauen. Durch einen Kasuarinenwald gelangen wir an eine herrliche Bucht mit feinstem weissen Sand am indischen Ozean. Es sieht paradiesisch aus. Wir haben ein bisschen Zeit zum Schauen und Genießen. Helmut geht ins Wasser und übt Wellenreiten.


 

Auf der Rückfahrt machen wir in Fort Dauphin noch einen Stopp im madagassischen Viertel der Stadt. Wir ahnen schon wieder Schaulaufen, und so kommt es dann auch. Es reicht jetzt langsam.

Heute Nachmittag haben wir komplett frei. Leider ist es nicht so schön warm und sonnig, wie wir uns das zum Faulenzen wünschen. Im Restaurant über dem Meer sind die meisten unserer Gruppe zu finden. Marion, Helga und ich sitzen zusammen und futtern wieder was Feines aus dem Meer, dann öffnet der Himmel seine Schleusen, und wir sitzen unter dem Dach und schauen dem Regen zu. Es ist ordentlich kühl geworden, und ich hole mir noch einige Polster, um mich nicht zu erkälten. Mit Punch Coco, Kaffee und Kuchen überstehen wir den Regen jedoch mühelos, der nach 1,5 Stunden aufhört und ein paar Sonnenstrahlen Platz macht, die wir sofort nutzen, um trockenen Fußes zum Hotel zurück zu gehen.

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Nach der letzten Dusche packen wir unser Reisegepäck fertig und fotografieren dann noch den Sonnenuntergang. Kaum ist es dunkel, fällt der Strom aus. Wenige Minuten später wird uns eine Kerze gebracht und wir erfahren, dass der Stromausfall einige Stunden dauern wird. Die ganze Stadt ist stockfinster, es ist rabenschwarze Nacht. Mit unseren Taschenlampen suchen wir uns den Weg zum Restaurant, das mit den vielen Kerzen richtig festlich aussieht. Es wird ein wunderbares Candlelight-Dinner, der Geschäftsführer macht wieder Live-Musik und alle Kellner machen mit. Es ist ein schöner Abschiedsabend. Auf dem Heimweg funkelt ein phantastischer Sternenhimmel, tief unten braust das Meer an den Strand, und wir schlafen ein letztes Mal in madagassischen Betten.


Der nächste Morgen empfängt uns mit warmer, frischer Luft und Sonne. Ein knallroter Madagaskarweber sitzt auf der Kokosnusspalme vor unserem Zimmer und singt uns ein Abschiedsständchen. Nach dem Frühstück fahren wir durch das Menschengewusel zum Flughafen und sind bald in der Luft. Auch dieser Flug zurück nach Antananarivo ist wieder beeindruckend. Die wechselnden Landschaften faszinieren immer wieder und von oben bekommt man einen guten Überblick über den Regenwald mit dem Küstengebirge und das dahinter liegende trockenheiße Dornenland. Wir fliegen nach Norden über das zentrale Hochland und sind rasch in Tana, das uns mit ganz anderem Klima empfängt. Es ist sehr heiß und trocken. Mit dem Bus fahren wir wieder durch leuchtendgrüne Reisfelder, in denen Enten schwimmen und Kuhreiher nach Nahrung suchen. Auf dem Weg in die Stadt machen wir noch Halt beim großen Kunsthandwerkermarkt, der sich etwa 2 km entlang der Reisfelder hinzieht. Hier gibt es alles zu kaufen, was in Madagaskar als Souvenirs hergestellt wird, sei es nun das Papier der Antaimoro, wunderschöne Holzschnitzereien aus Rosen- und Ebenholz, Halbedelsteine in allen Varianten, versteinerte Schnecken und Muscheln, Gewebtes, Gesticktes und viel Batik, Gemälde in allen Varianten und viele Gewürze. Obwohl ich gar nichts mehr kaufen wollte, erstehe ich einen "dicken Hund" für Jutta und ein schönes kleines Döschen aus Rosenholz für Trudchen und noch etliche Mitbringsel. Für mich kaufe ich noch ein Fläschchen Vanille-Extrakt, denn bei uns steht ja bald wieder die Backsaison an.

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In einem großen Supermarkt essen wir noch eine Kleinigkeit und Marion kauft drei Kassetten mit madagassischer Musik. Dann fahren wir zurück ins schon bekannte Hotel Tana Plaza, wo wir Tageszimmer bekommen, noch mal duschen können und Zeit haben für einen Cocktail, bis es Punkt 18.00 Uhr wieder losgeht zum Flughafen. Unsere Gruppe ist inzwischen sehr zusammengeschmolzen, denn Monika ist gleich am Flughafen geblieben, weil sie noch nach Namibia zu Verwandten fliegt. Das bayrische Ehepaar ist nach Mauritius weitergeflogen, und Thanh hat noch eine Woche auf eigene Faust vor sich und fliegt nach Nosy Be, der Parfüminsel im Norden Madagaskars, die ich auch noch gerne kennen lernen möchte. Marion auch, und wer weiß, vielleicht machen wir ja wieder eine Madagaskarreise mit Roger, unserem Ultruspultrus-Reiseleiter.


 

Durch den Feierabendverkehr fahren wir zum Flughafen, checken unser Gepäck ein und sind überwältigt vom Abschiedsschmerz von Roger, der uns so ans Herz gewachsen ist, dass wir alle Tränen in den Augen haben, als wir ihn umarmen. Ihm geht es genau so, und er meint, wie wären die beste Gruppe gewesen, die er je hatte. Er würde gerne mit nach Deutschland kommen, und wir hätten ihn auch gerne mitgenommen. So nehmen wir traurig Abschied und hängen still unseren Gedanken nach. Bald sitzen wir im Flieger und düsen Richtung Europa. Nachts fällt mir siedendheiß ein, dass wir aus Schusseligkeit beim Einchecken in Tana nur das Ticket Tana-Paris gezeigt haben und nicht zusätzlich das von Paris nach Frankfurt, so dass unser Gepäck nicht automatisch bis Frankfurt verladen wurde, sondern nur bis Paris. So kommen wir um 7.40 Uhr pünktlich in Paris an, das uns mit grauem Nieselwetter empfängt, und müssen uns dann an der Gepäckausgabe mit unseren Sachen rumquälen, aber wir schaffen auch das.

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Helga muss noch bis zum Nachmittag auf ihren Weiterflug nach Hamburg warten, während Marion, Helmut und ich nach Frankfurt weiterfliegen, das uns ebenfalls mit Regen empfängt. Wir verabschieden Helmut, der nach Leipzig weiterfährt. Marion und ich genehmigen uns im Steigenberger noch einen Apfelstrudel mit Kaffee und Tee. Für den Preis hätten wir in Madagaskar 5 Mittagessen bekommen. Spätestens jetzt merken wir, wo wir sind und dass Madagaskar jetzt nur noch Erinnerung ist, aber was für eine! Es wird für uns unvergesslich bleiben mit all seinen Facetten, die wir auf dieser wunderschönen und hochinteressanten Reise kennen lernen durften. Und - wer weiß - vielleicht gibt es ein Wiedersehen!

Veloma Madagaskar!
Maria Gratz

Diese Reise wurde organisiert vom Reisebüro Colibri, dem Spezialisten für Madagaskar Reisen.

 

 

 

 

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