Segelschiff, Sailing Boat, Seychellen Segeln

Seychellen Reisebericht: Sonderreise ALDABRA

Schon zwei Jahre lang war ich nicht verreist, hatte meine Urlaube lieber zu Hause verbracht. Irgendetwas zwischen Reisemüdigkeit und Übersättigung hatte sich breit gemacht. Ich habe schon so viel von der Welt gesehen, mir so viele Reiseträume erfüllt, darunter Highlights wie die Gorillas und das Schwimmen mit Delfinen im offenen Meer, die schwer zu toppen sein würden. Was sollte danach schon noch kommen? Das Gefühl, diese Reiseunlust sei ein für mich unnatürlicher Zustand, blieb. Doch ich vertraute meiner Erfahrung, dass mir einfach Zeit lassen müsse. Wenn mir das richtige Reiseziel unterkommt, gar auf dem Tablett serviert wird, würde ich spontan zugreifen.

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Anfang März 2009 war es soweit.

Unverhofft kam eine Mail mit dickem  ! von den Colibris:

Von einem Segeltörn zu diesem Atoll war ein Pärchen abgesprungen, und nun bot man die Reise zum "Schnäppchenpreis" von knapp 6.000 € an.

Gehört hatte ich von dieser Inselgruppe im Indischen Ozean bereits. Doch es war weniger das Schnäppchen, das mich veranlasste, mir das Programm einmal näher anzuschauen, als vielmehr der Umstand, dass es ein Naturschutzgebiet ist, das – wie ich wusste - schwer zu erreichen ist, und wenn, dann nur mit Sondergenehmigung. Solch eine Gelegenheit bekommt man nicht alle Tage.

 


 

Nicht ich hatte mir ein neues Reiseziel gesucht, sondern das Reiseziel hatte mich gefunden – ganz zufällig, wie so oft.

Dann ging alles  Schlag auf Schlag. In der Air France, mit der die anderen 7 Colibris flogen, war kein Platz mehr frei.  Man bot mir die Qatar Airlines an, Abflug allerdings 1 Tag später als der Rest der Gruppe, was mir die Übernachtung in Mahé ersparte. Samt Vergnügungsaufschlag fürs Vorne-Sitzen rund 10.000,-- € . In dekadent hoher Preis für eine nur 10-tägigie Reise, dachte ich. Und sagte zu.

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5. 4. 09   Sonntag vor der Abreise

Meine Reisetasche war schon fertig gepackt, als ich mich entschloss, nach ein paar Tagen mal wieder meine E-Mails zu checken. Eine kam von Jörg, dem Colibri-Chef:    Betreff: Aldabra  ! Ich brauchte sie eigentlich gar nicht zu lesen. Plötzlich fiel mir ein, dass ich am vergangenen Freitag in den Nachrichten gehört hatte, dass zwischen der Tansanischen Küste und den Seychellen eine Segelyacht von Somalischen Piraten gekapert worden war. Bisher waren deren Aktivitäten auf den Golf von Aden und ihre heimische Küste beschränkt. Nun kamen die Einschüssen offenbar näher. Doch ich wollte mich noch nicht beunruhigen lassen, war beim Öffnen der Mail aber nicht sonderlich überrascht: Die Reederei unserer Yacht hatte die Aldabra-Tour abgesagt, um Gäste und Crew nicht in Gefahr zu bringen. – Verständlich. Stattdessen bot man uns einen Segeltörn durch die Seychellen an.

Mein 1. Gedanke: 
Oh, wie langweilig. Da war ich doch 1978 schon.

Mein 2. Gedanke:
 Schwein gehabt.  Wären wir 1 Woche früher abgereist, säßen wir jetzt anstelle jener bemitleidenswürdigen Segler in der Geiselhaft der Piraten.

Mein 3. Gedanke: 
Armer Jörg. Als Organisator dieser Reise muss er allen Mitreisenden jetzt die neuen, schlimmen Nachrichten übermitteln und sich vielleicht einiges anhören.

Auch ein Spruch meines hassgeliebten Englischlehrers kam mir in den Sinn:

It’ a waste of time to hate facts


 

Dank der heilenden Wirkung dieser Weisheit war ich – obwohl sich meine Stimmung anfangs auf die Höhe der Scheuerleisten verkrümelt hatte - nach etwa einer Stunde in der  Lage, das Ganze positiver zu sehen. Bei genauerer Betrachtung der neuen Route fiel mir auf, dass wir ja auch Inseln besuchen würden, die ich noch gar nicht kannte. Schildkröten, die aus Aldabra stammen, würde ich trotzdem sehen. Und war nicht die Hauptsache, dass Jörgs spontanes Angebot es geschafft hatte, mich wieder in einen Flieger zu locken?

Shit happens, mailte ich ihm also zurück und versicherte ihm, dass ich mich nun halt auf einen ganz anderen Urlaub freue. Glück im Unglück ist manchmal eben auch, wenn man eine Reise zum Aldabra-Atoll bucht und auf den Seychellen landet.

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8. 4. 09   Mittwoch

Ich war Jörg ja so dankbar, dass er mir einen Flug um 12.25 Uhr besorgt hatte! Ausgeschlafen erscheine ich am Schalter der Qatar und gehe gleich zum Counter für Busi-Passagiere. Fliegen sie Business? fragt mich die Dame dort. Ich weiß, sage ich, meine Kleidung sieht nicht danach aus, aber manchmal leiste ich mir diesen kleinen Luxus. Außerdem bin ich des Lesens kundig........,  wobei ich mit Augen auf das Schild über mir zeige. Schade, dass sich manche Leute nicht abgewöhnen können, ihre Kunden nach dem Äußeren zu beurteilen.

Die Zwischenlandung in Qatar nutze ich in der Lounge, um allen zu mailen, die von meiner piratenmäßig geänderten Reiseroute noch gar nichts wissen, gönne mir einen Kaffe, der so ausgezeichnet schmeckt, dass ich den freundlichen Kellner  frage, ob er wisse, welche Kaffeesorte das sei. Lavazza, sagt er. Ich bin fast enttäuscht, hatte gehofft, der Kaffee hier komme aus einer der nahe gelegenen afrikanischen Regionen – Äthiopien oder Kenia. Wir plaudern ein bisschen, wobei ich noch etwas anderes überlege, mich aber nicht zu fragen traue:  Was mag dieser junge Mann mit dem hervorragenden Englisch,  den sehr guten Manieren und einem erstaunlichen Allgemeinwissen für eine Ausbildung haben, die er jetzt in einem Flughafenrestaurant vermutlich unter Preis verkauft, weil er anderswo keine Arbeit fand?


 

Gen Mitternacht wird mein Anschlussflug aufgerufen. Um 05.15 Uhr weckt mich die Stimme des Kapitäns, der den Sinkflug ankündigt und eine Punktlandung um 06.35 Uhr hinlegt. Auch mein Trolley erreicht zur selben Zeit wie ich das Reiseziel. Keine Selbstverständlichkeit bei dem heutigen Flugverkehr.

9. 4. 09   Don              Ankunft in Mahé

Auch der Bus vom Abholservice ist pünktlich, sammelt noch ein paar Gäste auf, die unterwegs an verschiedenen Hotels abgesetzt werden oder am Hafen, wo draußen schon die Sea Bird liegt ,mit der wir heute Mittag in See stechen werden. Doch zunächst soll ich den Rest der Truppe ja im Beau Vallon Hotel treffen, wo die anderen schon die 1. Nacht verbracht haben.

Ich gehe gleich in den Open-Air-Speisesaal, um meine Mitreisenden zu suchen, bis mir einfällt, dass ich die ja noch gar nicht kenne. An der Rezeption aber treffe ich Jörg, der mich den ersten aus unserer Clique am Frühstückstisch vorstellt - Rolf und Christian,  Heidi mit Ehemann Werner. Der Rest irgendwann später.

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Da wir erst um 12.00 Uhr zum Hafen aufbrechen müssen, gehen die anderen anschließend wieder auf ihre Zimmer oder an den Pool, während ich mich auf dem Klo sommerlich verkleide und raus in den Garten setze.

Noch bin ich gar nicht richtig angekommen, verarbeite noch den Umstand, dass ich nach 30 Jahren unverhofft und ungewollt wieder auf Mahé sitze. Hotelgäste schleppen ihre Liegen zum Strand (oder lassen schleppen), wo sie vermutlich den ganzen Tag unter einem Sonnenschirm verbringen werden – nur unterbrochen von Gängen zum Essen, Schwimmen und aufs Klo, falls sie nicht gleich ins Meer pinkeln. Nein, so ein Urlaub wäre nichts für mich.

Ich bin froh, als wir uns um 12.00 Uhr an der Rezeption versammeln, wo ich auch den Rest der Truppe begrüße: Markus und Richard, genannt Richie.


 

Die Sea Bird hat sich inzwischen mit dem Hinterteil – pardon: demHeck zum Kai manövriert und streckt uns die Tauchplattform wie eine Zunge entgegen. Trotzdem müssen wir in das Beiboot (Dingi) steigen, um die 4 m Wasserlinie zu überbrücken und an Bord zu gehen. Die ganze Crew ist am Heck versammelt und heißt uns willkommen, aber Saar Aharon, der Kapitän, zeigt uns gleich, wer hier das Kommando hat, und ordnet an, in welcher Reihenfolge wir auszusteigen haben.

Uns alle durchfährt wohl derselbe Gedanke: Das ist der Captain??? Der sieht ja aus wie ein Pirat!  -   Bart, Wollmütze, finsteres Gesicht.

An Bord erfahren wir, dass wir Colibris unter uns bleiben werden. Die vier Franzosen und zwei Österreicher, die noch angekündigt waren, haben die Reise storniert. Wegen der Piraten natürlich. Soll uns nur Recht sein. Neun Kabinen für insgesamt 24 Passagiere plus 12 Besatzungsmitglieder für 8 Colibris bedeutet, dass wir uns ohne Not breit machen können auf dem Schiff. Jeder besetzt eine Kabine, wie er gerade lustig ist – ich die Nr. 5.

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Bevor wir um 14.00 Uhr ablegen, ruft uns der Kapitän noch zu einem briefing im Speiseraum unter Deck zusammen und macht auch hier gleich noch mal klar, wer an Bord das Sagen hat. Als in der nahe gelegenen Küche die Mädchen zu laut herumalbern, was ihn stört, steht er auf, stellt sich in die Kombüsentür, trumpft auf mit beredtem Schweigen und sagte schließlich thank you, als endlich Ruhe ist und kehrt zu uns an den Tisch zurück. Hier bittet er uns, Bescheid zu sagen, wenn wir nahe dem Schiff ins Wasser gehen zum Schwimmen und verbietet uns, die Ankerkette hinauf zu klettern oder zu tauchen, um nachzusehen, ob die Schiffschraube noch da sei – don't worry, the propeller   i s   still there! Mir schwant, dass der Humor unseres Kapitäns es mit jedem Briten aufnehmen kann, und dass dies eine ziemlich lustige Reise wird.

Zum Mittagessen wird regelmäßig ein kleines, aber feines Buffet aufgebaut, das heute aus Reis mit Hühnchen, Auberginen und Möhrensalat mit Gurke besteht. Heißes Wasser in Thermoskannen für Kaffee und Tee steht ohnehin immer bereit.

Die Dimensionen dieses Schiffes für uns 8 Figuren müssen wir uns erst einmal ergammeln, streunen nach dem Essen an und unter Deck herum, inspizieren die kleine Bibliothek, stellen uns nach und nach den strahlend-freundlichen jungen Frauen und Männern der Crew vor, während wir Mahé hinter uns lassen.


 

Nicht auf offener See, doch die Hauptinsel schon im Rücken, kleine Felsbrocken im Meer vor der Nase, den lauen Wind im Haar, sitze ich bei heftigem Regenschauer unter der schützenden Plane im Hinterdeck, atme tief durch und merke allmählich, dass ich im Urlaub angekommen bin.

Gelegentlich treffe ich auf meine Mitreisenden. Die meisten kennen sich bereits von einer früheren Fahrt nach Süd Georgien, die zwar auf Jörgs Webseite stand, für die ich Frostbeule mich aber nicht erwärmen konnte. Später erfahre ich, dass die Bande just auf jener Antarktis-Tour eben die Aldabra-Reise ausgeheckt hatten, die wir nun alle versäumten.

Richie erweist sich bald als unerschöpfliche Informationsquelle für alles in Sachen Fauna und Flora. Nachdem ich schon geglaubt hatte, ein bisschen rumgekommen zu sein, erscheinen mir seine außergewöhnlichen Reisen, von denen er erzählt, nur noch wie Spazierfahrten. Und Richie ist ein begnadeter, herrlich selbst-ironischer Erzähler, was das Zuhören doppelt interessant macht.

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Irgendwann treffe ich im Heck auch auf den Captain zu einem Schwätzchen. 31 Jahre alt, Israeli, natürlich mit abgeleistetem Militärdienst (eine zusätzliche Erklärung für seinen Kommando-Ton an Bord). Ob ich jüdisch sei, will er wissen. Viele seiner Freunde in Israel tragen nämlich denselben Familiennamen wie ich, erklärt er. Verdutztes Staunen meinerseits: Von Vorfahren, Verwandten jüdischen Glaubens wisse ich nichts, sage ich, nur dass meine Oma väterlicherseits aus Oberschlesien, dem heutigen Polen, stamme.

Ob ich auch an den Tauchgängen teilnehme? Einen Tauchschein habe ich zwar, erzähle ich, aber da sei diese leidige Geschichte  mit der Tauchversicherung, die auch noch abzuschließen ich nach dem ganzen Hickhack vor der Abreise keine Lust mehr hatte. Maske und Schnorchel habe ich dabei, den Rest zu Hause gelassen und beschlossen, mich mit Schnorcheln zu begnügen. Der Captain bietet mir einen Probetauchgang mit Damiel, seinem Ersten Offizier und Tauchlehrer, an. Wenn das o.k. sei, könne ich mittauchen. Warum dann das ganze Theater mit der Tauchversicherung? Und was mache ich mit meiner Enttäuschung, wenn ich sehe, wie auch hier sich die Unterwasserwelt verändert hat seit meinen Tauchgängen 1978 rings um La Digue, Silhouette und Bird Island? Ich bedanke mich beim Captain für das Angebot, bleibe aber bei meiner Schnorchel-Entscheidung.


 

Zum Abendessen gibt es unter Deck leckeren Fisch in Limonensoße. In den nächsten Tagen werden wir nicht müde, den Koch immer wieder mit steigender Begeisterung zu loben, was er uns Feines auf die Teller zaubert. Er hört es trotzdem gern.

Danach sitzen wir noch draußen an Deck und plaudern, bis gegen 23.00 Uhr die Kojen rufen. Das leichte Schaukeln meines Bettes verursacht keine Übelkeit, sondern wiegt mich beruhigend in den Schlaf.

Der Captain hat uns inzwischen mit Motorkraft vor die Küste der Insel Praslin gesteuert und Anker geworfen.

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10. 4. 09   Karfreitag

Um 7.30 Uhr gehen die ersten schnorcheln und tauchen, weil morgens die Sicht angeblich am besten ist. Sie kommen begeistert zurück. Das sei ja wie im Aquarium, melden sie - Juwelenbarsche und Trompetenfische! Neidisch? – Nö. Ich habe Urlaub und will ausschlafen, kann mir die Fische auch später einmal von der Wasseroberfläche aus angucken.

Nach dem Frühstück um 8.30 Uhr (Toast, Käse, Schinken, Eier in allen Variationen und Obst) setzen wir mit dem Dingi rüber nach Praslin, wo ein Bus und der Führer Allan auf uns warten. Allans Deutsch ist sehr gut, aber dieser Akzent???  Als er erklärt, dass er der Musik wegen mal 5 Jahre in der Schweiz war, ist alles klar. Schwyzer Dütsch kann er natürlich auch.

1978 landeten wir von der anderen Seite der Insel. Kein Wunder, dass ich die Klo-Türen mit den inseltypischen Symbolen vergeblich suche. Dafür präsentiert Sallen sie uns jetzt am Eingang: die riesige  Coco de Mer samt ihrem männlichen Pendant, schamhaft „Kerze“ genannt, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lässt. Außerdem Pandanüsse. Die Wanderung ist beeindruckend, aber für unseren Geschmack zu kurz, obwohl wir doch so gebeten hatten, eine möglichst lange Führung zu bekommen. Im Wald ist es kühl und dunkel. Diese gigantischen Blätter! Eine Nuss muss 3 Jahre am Boden liegen, bevor sie zu keimen anfängt. Wir sehen viele Geckos und den Schwarzen Papagei, den unsere beiden Hardcore- Fotografen, Christian und Markus, lange aufs Korn nehmen. Markus trägt einen Rucksack mit sich herum (oder lässt ihn von Kumpel Rolf tragen) vom Ausmaß meines Reisetrolleys, alles voller Fotoausrüstung und Stativ selbstverständlich. Dazu noch ein Monstrum von UW-Gehäuse, mit dem er sich selbst erst einmal  vertraut machen muss.


 

Zum Mittagessen (Goulasch mit Brotfrucht und Rohkostsalat) sind wir wieder an Bord.

Jemand fragt den Captain, ob wir heute Abend wieder woanders ankern. Darauf er:  Of course, I never anchor at the same place – that's not my kind …… Doppelbödiger Humor. Nachmittags um fünf werden wir mit dem Dingi zu einer kleinen Felseninsel, Saint Pierre, gefahren. Markus und Christian gehen natürlich samt ihrem ganzen Gepäck an Land, was bei den schroffen Klippen und den Wellen so einfach gar nicht ist. Andere gehen schnorcheln, sehen sogar einen Hai. Der Rest wird rings um das Inselchen mit seinen paar Palmen geschippert, so dass auch wir Fotos machen können, was aber nicht sonderlich spektakulär ist. Viel witziger finde ich Rolf, der im Wasser mit seiner UW-Kamera versucht, einen Pulk schwarzer Krabben auf einem vorgelagerten Felsen zu fotografieren. Aber die Viecher sind verdammt scheu. Kaum hat er sich in Position gebracht, verschwinden alle Krabben auf die Rückseite des Felsen, so dass Rolf vermutlich nur noch nacktes Gestein aufs Bild bekommt.

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Richie entdeckt einen Regenbrachvogel und meint, der müsste eigentlich längst wieder auf den Rückflug nach Sibirien sein.

Als wir die Landgänger wieder an Bord nehmen, sehe ich, dass Christian eine keimende Kokosnuss in der Hand hält, die er wohl irgendwo ausgerissen hat und mitnehmen will. Ich kann mich vor Wut kaum zurückhalten, frage nur knapp: Wozu? Als Dekoration, meint er. Ich finde das nicht in Ordnung, sage ich. Nee? – Echt? grinst er.

Auf dieser Nano-Insel haben es Pflanzen doch eh schon schwer genug Fuß zu fassen, müssen um ihr Überleben kämpfen. Schafft es dann eine, kommt ein Touri und reißt sie aus,  um sein Heim damit zu dekorieren. Für diesen ökologischen Fehltritt landet Christian in meiner Schublade mit dem Schildchen „Umwelt-Proll“.

Meine stille Wut über ihn wird besänftigt durch das leckere Abendessen - Lachsröllchen mit Gurke gefüllt, gebratenes Hühnchen auf Röstkartoffeln, Grießkuchen.


 

11. 4. 09   Samstag

Heute werden wir nach Curieuse übergesetzt zu den Landschildkröten. Einige stammen auch von Aldabra, Bird Island und Alphonse, woher man einige Exemplare exportiert hat für den Fall, dass ihre ursprünglichen Habitate überflutet oder anderweitig zerstört werden und man Ersatzpopulationen braucht.

Die Schildkröten laufen auf der großen freien Fläche hinter dem Strand frei herum. Einer fehlt ein Stück vom linken Vorderbein. Wahrscheinlich eine Haiattacke. Da sie an Menschen gewöhnt sind, mögen sie auch Streicheleinheiten, strecken  Touristen, die neben ihnen in die Hocke gehen, gern die langen faltigen Hälse entgegen. Die Haut ist ziemlich hart. Trotzdem setzen sich in den Falten und am Halsansatz an der unteren Panzerschale gern Parasiten fest. Vögel wissen das. Sie setzen sich auf den Panzer, klopfen mit dem Schnabel an – für die Schildkröte das Signal, sich auf die Beine zu heben und den Hals zu recken, damit die Vögel an die befallenen Partien herankommen.

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Ich probiere das auch einmal, klopfe auf den Panzer und spiele Parasitenpicker.  . Heidi krault mit. Wie selbstverständlich gehen wir davon aus, es mit einer Schmusekatze zu tun zu haben. Als ich aber unter den Panzer gucke, verkünde ich, dass wir einen Schmusekater kraulen. Heidi ist verblüfft, woher ich das weiß. Na, der Panzer ist unten konkav nach innen gewölbt, damit er bei der Kopulation auf den Rundrücken des Weibchens passt! Das leuchtet ihr ein. Kaum ist dieser Irrtum geklärt, poltert und schnauft es neben uns. Ein Schildkröten-mann ist gerade auf eine Artgenossin aufgestiegen und demonstriert, was ich soeben erklärt habe. Aber die Dame ignoriert seine Bemühungen und läuft einfach weiter, so dass der arme Kerl abrutscht.

Der Akt sei ohnehin erfolglos, erklärt mir später ein Seychellois an den Aufzuchtkäfigen, weil die Weibchen nur zwischen Oktober und Dezember fruchtbar sind. Sieben Nachkömmlinge krabbeln zurzeit in der Station – 3 Winzlinge, 2 etwas größere (ca. 20 und 40 cm) und noch 2 etwas ältere Youngster, von denen eine gerade einen Ausbruchversuch startet, indem sie auf den Panzer ihrer Kollegin steigt und die Mauer hoch klettert.

Nachdem ich fast alle Schildkröten einmal durchgekrault habe, mache ich mich auf den Weg zum gegenüber liegenden  Strand, wo die Sea Bird inzwischen vor Anker liegt und unser Mittagessen ausgebootet hat. Der teils sandige, teils steinige Weg dorthin führt ein bisschen bergauf und bergab und endet in etwas, das ich Horrorszenario nennen möchte: Ein überdachter Grillplatz mit vielen Holzbänken und mehreren BBQ-Feuern. Unter dem Blechdach quillt dicker Qualm hervor als brenne die Hütte. Mehrere Schiffe haben hier ihre menschlichen Ladungen ausgekippt, die alle hungrig aufs Essen warten.


 

So schrecklich das aussieht, Richie hat Recht: Besser alle Touris an einem Platz, als wenn sie überall auf der Insel die Vegetation zertrampeln. Auch unsere Crew ist fleißig dabei, das Mittagessen vorzubereiten und den Tisch zu decken Ich gehe derweil schwimmen und wandere den Weg noch einmal zurück, den wir gekommen sind. Kein Qualm und eine himmlische Ruhe.

Den Madagaskar Webervögeln am Grillplatz scheint der Rauch nichts auszumachen. Sie hüpfen im Gebälk unter dem Wellblechdach herum und warten auf Krümel, die von den Tischen herunterfallen. Manchen dauert das zu lange; sie entern gleich die Tische, an denen die Leute noch essen und ihre Teller verteidigen müssen.

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Von unserem BBQ gibt es gebratenen Fisch und Hühnchen mit einem sehr würzigen Auberginen-Ingwer-Gemüse, das wir einstimmig loben. Danach schnappe ich mir ein Paar Flossen und ziehe mich links an den Strand zurück zu den Felsen, wo ich beim Schnorcheln einige Fische sehe: 1 Papageienfisch, einige Gestreifte, ein knallblau-gelber Doktorfisch und ein Schwarm großer Weißlinge (Makrelen?), die mich zu verfolgen scheinen und mir in die gelben Flossen beißen wollen. Auf diese Weise schwimmen wir immer im Kreis.

Um 16.30 Uhr sind wir zurück an Bord.

Frisch geduscht und eingecremt erscheine ich wieder an Deck, wo einige der Crew gerade vom Oberdeck mit lauten Juchzern ins Wasser springen. Schon sagt jemand zu Rolf: Spring doch auch!  Der lässt sich nicht lange bitten, zieht seine Shorts aus und springt. Und Du? werde ich gefragt. Ach, ich bin doch gerade geduscht und eingecremt! sage ich Quatsch! sagt mein Bauch, der fliegen will, süchtig nach dem Gefühl von Schwerelosigkeit wie beim Tauchen und gestrecktem Galopp. 

Ich renne in die Kabine, stürze in den Badeanzug, wieder an Deck und springe auch.  Juchhuuuuu! Die anderen sind inzwischen eine Etage höher auf das Kapitänsdeck gestiegen und springen von dort. Man muss sich weiter abstoßen, um nicht an der unteren Reling hängen zu bleiben. Aber es gibt noch eine Steigerung: Unter den wachsamen Augen des Captains klettern alle Wasserratten nacheinander auf die lange Stange vorn am Bug, die weit hinaus ragt, und hüpfen von dort in die Tiefe. Lange nicht mehr so viel Spaß gehabt.


Das Abendessen ähnelt einem kleinen Kunstwerk: Auf dem Geschnetzelten schwebt ein breiter Pilz aus knusprig gebackenen feinen Nudeln. Ich schwebe auch auf einem Polster von Endorphinen.

12. 4. 09   Ostersonntag

Die Sea Bird ist für den Hafen von La Digue zu groß. Wir müssen draußen ankern und mit dem Dingi zur Mole übersetzen.

Früher gab es hier nur Ochsenkarren als Transportmittel. Jetzt ist man auf vereinzelte Autos umgestiegen und, sehr vernünftig, auf Fahrräder, die auch an Touris verliehen werden. Christian, Jörg und ich scheinen die Einzigen aus der Gruppe zu sein, die Lust auf eine Radtour haben, und unser Chef ist pfiffig, handelt für 3 Räder 25 $  aus.

Schon sind wir unterwegs. Anfangs noch zu dritt. Am Kricketplatz wollen die Männer dem Spiel zusehen. Ich seile mich ab, mache am Old Graveyard  Halt und schlendere zwischen den verfallenen Gräbern hindurch. Teilweise sind sie von bemoosten Platten bedeckt, teils nur von Steinhaufen. Auf einem Grab in Wurfweite einer Kokospalme hat eine Nuss gewurzelt und ausgetrieben. Ob Christian die auch einsacken würde?

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Am Eingang des Naturschutzparks mit den berühmten Granitfelsen ist ein Eintrittsgeld fällig 5 €/7$. Nach kurzer Wegstrecke lande ich zu meiner großen Überraschung und Freude vor einem Schildkrötengehege. Hatte ich mich doch mit dem bedauernden Gefühl von Curieuse verabschiedet, die Panzertiere dort zum letzten Mal gesehen zu haben. Das Gehege sieht nicht besonders einladend aus, hat aber einen Teich, in den die Schildkröten blubbernd hineinpupsen. Der Haufen Laub außerhalb der Mauer ist sicherlich zur Fütterung bestimmt. Ich nehme ein bisschen Grünzeug und mache mich damit sehr beliebt, staune, wie weit die Tiere ihre Mäuler aufreißen können. Auch hier sind Streicheleinheiten sehr willkommen, Hälse werden gereckt, Augen genüsslich geschlossen.


 

Weiter zum Parkrestaurant, von wo aus man nur noch zu Fuß weiterkommt. Knifflig: Wie erkenne ich unter all den hier abgestellten Mieträdern meins wieder?

Und dann diese Granitfelsen! Wie mit dicken Fingern von Riesen eingekerbt, bilden sie den Hintergrund für kleine, fotogene Badebuchten, in denen sie alle auf ihren Handtüchern liegen - die Touristen und meine lieben Mitreisenden. Aber ich gehöre nicht zu den Strandliegern,  eher zur Spezies der Strandläufer. Hin und wieder treffe ich Richie mit seiner Kamera, dem es ähnlich zu gehen scheint. Wir schwärmen vom Spiel des Lichts und der Schatten zwischen den eingekerbten Felswänden, ziehen dann getrennt weiter.

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Parallel zum Strand im Mangrovenwäldchen verläuft ein schattiger Weg. Ich wechsle zwischen Sonne und Schatten hin und her, setze brav mein Mützchen auf und wieder ab. Einen Sonnenstich braucht hier wirklich kein Mensch. Und dann schaffe ich es doch noch, mich einfach mal hinzusetzen, nichts zu tun, nur aufs Meer zu gucken und regungslos zu genießen.

Gegen 13.00 Uhr bin ich zurück am Ausgangspunkt, dem Strandrestaurant, wo viele  gleich hängen bleiben, ohne zu überlegen, ob es auf La Digue vielleicht auch schönere Alternativen gibt. Ich statte den Schildkröten einen weiteren Besuch ab und radle dann gen Norden, vorbei am Hafen und der Strandpromenade von La Passe. Der Himmel hatte sich schon während meiner Strandwanderung in trübes Grau verwandelt, und Richie sagte Regen voraus, der aber nicht kam. Nun in La Passe sehe ich überall Pfützen. Hatte es hier etwa schon geregnet? Die Antwort bekomme ich kurz hinter dem Dorf, als es übergangslos zu schütten anfing. Meine Regenjacke hatte ich natürlich auf dem Schiff gelassen, aber zum Glück eine große Plastiktüte dabei, die ich meinem Rucksack überstülpen kann. Kalt ist es zwar nicht, doch ich habe trotzdem keine Lust weiterzufahren und stelle mich an einem Friedhof erstmal unter das lang gezogene Dach eines Geräte-schuppens, betrachte die Gräber, eins davon noch ganz frisch und mit großen Buchstaben aus Blumen geschmückt:   D A D Zeit vielleicht, um mal das Lunchpaket zu inspizieren. Während es immer noch auf das Dach pladdert, zerlege ich ein Thunfischsandwich und teile die Hälfte mit einem Vogel, der sich, wie ich, vor dem Regen untergestellt hat. Nach dem Aufbröseln der Orange kann ich mir sogar in einer Regentonne, die in Reichweite steht, die Hände waschen. Kurz darauf wird der Regen deutlich weniger, und ich schwinge mich wieder in den Sattel. Die geteerte Straße führt immer an der Küste entlang, so wie ich es liebe: Blick aufs türkisfarbene Meer, Nase im Wind, vogelfrei, ich kann anhalten, wo immer ich möchte.


 

An einem Strandabschnitt wird auf einer großen Tafel eindringlich vor dem Baden gewarnt wegen der heftigen Unterströmungen. Das muss die Stelle sein, von der der Captain gestern schmunzelnd erzählte: Ein Mann wollte seine ungeliebte Gattin loswerden, schickte sie an dieser Stelle ein Stück ins Meer, um ein Foto von ihr zu machen – bat sie, noch einen Schritt weiter raus zu gehen, und noch einen und noch einen . . . . bis die Strömung ihr die Füße wegriss. Legende oder wahre Begebenheit? – Keine Ahnung, aber eine witzige Geschichte, wenn man mal vom Schicksal der armen Frau absieht.

Bei meinem ersten Stopp sehe ich Jörg und Christian angeradelt kommen. Gemeinsam beobachten wir einen Flughund über unseren Köpfen. Durchs Fernglas kann man schön die durchscheinende Haut seiner Flügel erkennen. Dann lasse ich die beiden weiterfahren und gehe selbst lieber ein Stück zu Fuß, weil die Strecke so ein traumhaftes Panorama bietet.

Plötzlich endet die Straße  in Bergen von Felsbrocken. – Schade. Ich hatte gehofft, um die Nordspitze der Insel herum – und wieder südwärts radeln zu können. Nach einer kleinen Rast au bout du monde kehre ich um und treffe kurz vor La Passe Heidi und Werner, die sich mit ihrer Fotoausrüstung gerade um ein dekoratives Loch in einem Felsen kümmern.

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Zufällig finde ich in Hafennähe den asphaltierten Abzweig nach Grande Anse auf der andere Inselseite. Wieder treffe ich Richie, der die Gegend schon zu Fuß erkundet hat und von einem Waisenhaus berichtet und dass die Straße nach Grande Anse sehr steil bergauf gehe. Nichts für meine Raucherlunge, denke ich, fahre aber erstmal los, vorbei an kleinen Wohnhütten mit privaten Bananenplantagen, offenen Straßenkaffees, Tischen am Straßenrand, wo jemand frisch gepresste Obstsäfte anbietet. Auf der Strecke kommen mir Radfahrer entgegen, die sich, einhändig lenkend, ein Surfbrett unter den Arm geklemmt haben. Bergauf ist das natürlich etwas mühsam, aber die Jungs scheinen das gewöhnt zu sein und schnaufen nicht einmal. Auch ich muss kaum schnaufen, denn die paar Hügelchen sind gut zu bewältigen. Am  höchsten Punkt der Bergstraße angekommen, kann ich durch die Bäume bereits wieder das Meer sehen. Doch es ist bereits 16.15 Uhr, und um 17.00 Uhr haben wir uns am Hafen verabredet. Jetzt bedaure ich es, nicht gleich diese Straße genommen – und die andere Inselseite besucht zu haben. Ich kehre ich um und gehe noch ein Stück zu Fuß. Es ist einfach zu schön hier, um einfach vorbei zu radeln. Rechts und links alles grün, dichtes Gestrüpp aus Palmen und Unterholz zwischen Granitfelsen.


 

Zurück im Dorf, gönne ich mir noch eine Eistüte mit 2 Kugeln und folge der Sega-Musik, die aus einem Gebäude in der Nähe herüberdröhnt. Leute gehen dort ein und aus und ich neugierig hin, gucke durch die Tür. Es sieht aus wie eine Schul-Aula, in der man alle Stühle beiseite geräumt und auf der Bühne eine kleine Musikanlage aufgestellt hat. Heute scheint Zwergen-Disco zu sein. Die Kinder zappeln schon sehr gekonnt mit den Hüften.

Eine viertel Stunde vor Abfahrt bin ich wieder am Hafen, stelle das Rad dort ab, wo Hubert, der Verleiher, es uns übergeben hatte. Das Dingi ist schon da, aber ich kann den Skipper davon abhalten, mich einzeln überzusetzen. Die anderen müssen doch auch gleich kommen. Wozu unnötig Benzin verbraucht für zwei Touren? Das mache doch nichts, sagt der Skipper eilfertig. Die Idee mit dem Energiesparen scheint auf La Digue noch nicht angekommen zu sein. Vier von uns seien schon um 16.00 Uhr wieder an Bord gegangen, erzählt er. Ich staune: WAS? Die wollten nicht länger auf der Insel bleiben? Tatsächlich. Ausgerechnet Jörg und unsere eifrigen Hoffotografen sitzen schon beim five-o'clock-tea an Deck, als sei es ihnen auf La Digue zu langweilig geworden. Ich verstehe die Welt nicht mehr.

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Während der Captain die Anker lichten lässt, will ich mir auch eine Tasse Tee holen, werde aber von den beiden jungen Damen, deck hands genannt, ausgebremst. Nein! Das sei ihre Aufgabe, uns zu verwöhnen und zu bedienen. Vor einer Privatinsel suchen wir einen Platz zum Ankern für die Nacht. Sobald die Maschinen ausgestellt sind, springe ich von der Tauchplattform aus kopfüber ins Wasser, finde es viel angenehmer, im offenen Meer zu baden. Das Wasser ist erfrischender als am Strand, und die Tiefe unter mir reizt mich. Aber das mit dem Kopfsprung hätte ich lieber bleiben lassen sollen. In Thailand am Ratchapraba-See ist das schon einmal schief gegangen und endete mit einem Besuch beim Arzt, weil das Wasser nicht mehr aus meinem Ohr herauslaufen wollte. Ich versuche, das leicht taube Gefühl auf dem Ohr zu ignorieren.

Während sich jeder mit Tee, Kaffe und Gebäck ein Plätzchen zum Abhängen sucht, hockt Christian auf der Reling und gibt wie immer lockere Sprüche von sich. Jörg trödelt vorbei, guckt sich die Sitzposition so an und fragt Christian, ob er mal ins Wasser geschmissen werden möchte. Als der nicht gleich verneint, gibt Jörg ihm einen kräftigen Schubs, bis es unten Platsch macht. Rolfs Kommentar dazu aus seiner Leseecke: Das ist mal wieder typisch für die heutige Wegwerf-Gesellschaft.

Nach dem Abendessen (red snapper) hält der Captain das gewohnte briefing für den nächsten Tag ab: Morgens Tauchen und Schnorcheln vor Coco Island, wo es am Strand nur eine einzige Palme geben soll, die Schatten spendet. Wer zuerst kommt . . .


 

Als um 20.10 Uhr der Mond hinter La Digue aufgeht, werden alle mondsüchtig und unsere Fotografen ärgerlich, weil sie bei dem Geschaukel des Schiffs keine Langzeit- Belichtung machen können. Wir ziehen uns zum Sternegucken aufs Vorschiff zurück. Wellen dümpeln leise gegen den Rumpf. Totale Zufriedenheit ist, wenn ……..

Später, im Bett, als ich auf der Seite liege, blubbert plötzlich der Rest des Wassers aus meinem Ohr aufs Kopfkissen.

13. 4. 09   Montag

Heute schaffe ich es sogar einmal, um 6.45 auszustehen.

Heidi, Werner, Christian und Markus gehen tauchen, Jörg und ich fahren mit zum Schnorcheln, was bei der geringen Wassertiefe und -klarheit völlig  reicht. Die Taucher trödeln nur 3 m unter uns um die Felsen herum. Mein erster Eindruck: Überall Korallentrümmer, Fische nur in der Nähe besagter Felsen dieses namenlosen Inselchens. Ich fotografiere einen Papageienfisch, eine Süßlippe, Kardinalfische und einen Makrelenschwarm. Zweimal taucht sogar ein Weißspitzenhai von ca. 2 m Länge auf, der sich aber gleich wieder verdrückt. Zurück an Bord, stecken wir über einem Buch die Köpfe zusammen und identifizieren all die Fische, die wir gesehen haben.

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Heidi und Werner feiern heute ihren 25. Hochzeitstag. Anstatt die Jubilare zu feiern haben Jörg und seine Bande beschlossen, sie mit einem Piratenüberfall zu erschrecken. Mit rot geringelten T-Shirts, Augenklappen, Wasserpistolen und viel Gebrüll stürmt die Meute das Unterdeck, wo wir  (die Nicht-Jubilare noch vor dem Frühstück in den „Überfall“ eingeweiht) gerade unsere Teller füllen. Ich verschwinde samt meiner Obstportion schnell unter den Tisch.


 

Währenddessen steuert der Captain Coco Island an, die im Privatbesitz eines Schweizers sein soll. Eine Lady bittet uns gleich nach der Landung, wir mögen nur die rechte Inselseite betreten, weil links das Anwesen des Eigentümers stehe und für den Besucherverkehr gesperrt sei. Auch beim Durchgang zum Strand auf der anderen Inselseite mögen wir das beachten. Was wir natürlich tun werden. Ich finde es erstaunlich, dass die Eigentümer sich überhaupt bereit erklären, ihre Insel an einigen Tagen der Woche für Touris freizugeben.

Es ist brütend heiß. Zu sehen gibt es nicht viel. Ein kleiner Teich, dessen Wasser bei Windstille so ruhig ist, dass er die Palmen in der Nähe perfekt spiegelt und man kaum unterscheiden kann, was ist Original und was das deckungsgleiche Abbild.

Wir sind heute die ersten auf der Insel, werden aber nicht die Einzigen bleiben. Ich gehe schon mal zur anderen Seite und finde ……….. einen jungfräulichen, absolut menschenleeren  Strand vor. Es gibt sie also auch nach 30 Jahren noch, diese magischen Plätze. Später, als ich ein bisschen herumlaufe, entdecke ich jene Palme, von der unser Captain gestern Abend erzählt hatte, und besetze den Schattenwurf ihrer Krone sofort, breite ausnahmsweise auch mal mein Handtuch aus und genieße in Ruhe diese Postkartenkulisse.

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Die 10-köpfigen Horde Italiener, die danach eintrifft, lässt sich jenseits meines Traumplätzchens nieder und stört nicht weiter. Zum gemeinsamen Mittagessen werden sie ohnehin wieder zur anderen Seite gepfiffen.

Ich gehe schwimmen und schaffe es danach tatsächlich, auf meinem Handtuch ausgestreckt, regungslos zu dösen. Ein Blick nach oben lässt es allerdings ratsam erscheinen, etwas beiseite zu rücken: Genau über meinem Kopf hängt ein Bündel Kokosnüsse.


 

Gegen 13.00 Uhr trolle auch ich mich wieder zur anderen Seite, wo sich die Ersten schon aufs Schiff übersetzen lassen. Auf der Tauchplattform angekommen, spritzen sie sich mit dem dort angebrachten Wasserschlauch die sandigen Füße ab. Der Captain, der unsere Landung, wie immer, streng überwacht, meint: Und dich werden wir jetzt auch erst einmal gründlich DESINFIZIEREN.

Unser Mittagessen besteht aus einem sehr leckeren Hähnchen-Curry-Salat mit Bananen und Äpfeln, Spaghetti und gebratenen Auberginen. Wir fahren derweil weiter zur Nordseite von Curieuse zu drei kleinen Buchten mit felsigem Untergrund und viel Seetang. Da ich die Erste im Wasser bin und der Meeresboden mir langweilig erscheint, will ich den anderen Schnorchlern schon zurufen, dass es an der Stelle, wo ich mich gerade befinde, nichts zu sehen gibt. Doch ich bin schon zu weit vom Strand entfernt. Niemand würde mich hören. Also stecke ich mein Gesicht wieder unter Wasser und will abdrehen, als mir plötzlich ein riesiger Kugelkopf-Papageienfisch vor die Nase schwimmt, mindestens 1,50 m lang, mit vorgestülptem Maul. Leider nicht zu fotografieren; der dunkle Fisch vor dem dunklen Seetang bietet keinen Kontrast.

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Auch andere schöne Papageien- und Lippfische tummeln sich und zu allem Überfluss flüchtete noch eine Schildkröte, die ich durch mein plötzliches Erscheinen hinter einem Felsen aufgeschreckt hatte. Sie schwebt genau in Rolfs Richtung, der – wie ich weiß – in meiner Nähe schnorchelt. Ich hebe den Kopf aus dem Wasser,  klatsche wie wild in die Hände, um auf mich aufmerksam zu machen. Doch Rolf hat die Ohren voll Wasser und hört mich nicht.

Zurück am Strand, gammle ich mit Jörg und Richie noch ein bisschen herum und möchte hier gar nicht mehr weg. – Wie ging das noch mit dem Reiben von Hölzchen zwischen getrocknetem Gras zum Feuermachen?

Bequemer ist natürlich die tea time an Bord, wo unser Koch frischen Kuchen gebacken hat.

Nach dem Abendessen bekommt das Hochzeitspaar noch eine Torte mit Kerzen und Bildband über Aldabra geschenkt. Die Zeremonie soll mit Heidis Videokamera gefilmt werden, die obendrauf auch ein Mikrofon mit haarig-puscheligem Windschutz hat. Als der Captain das sieht, läuft er zu furztrockener Höchstform auf und meint: Look, there's a rabbit on your camera! Alles grölt vor Lachen, hält sich die Bäuche, mir selbst kommen die Tränen, mein Zwerchfell verkrampft sich. Manchmal finde ich den Captain etwas arrogant und selbstgefällig, aber sein Humor ist buchstäblich umwerfend. Auch Rolf schüttelt es so durch, dass er samt seinem Deck Chair zusammenbricht.


 

Später gibt der Captain noch eine Geschichte zum Besten:

Ein Sperling fällt winters aus seiner warmen Behausung in den Schnee und friert. Eine Kuh kommt vorbei, will ihm helfen, weiß aber nicht, wie. Vor Mitleid über den zitternden Vogel scheißt sie auf ihn drauf. Nun hat er's schön warm, doch es riecht schlecht. Laut schimpfend kämpft sich der Sperling aus dem Kuhfladen. Ein hungriger Fuchs wird auf ihn aufmerksam und frisst den armen Vogel.

The story within the story:

Nicht jeder, der auf dich scheißt, ist ein Feind. Nicht jeder, der dich aus der Scheiße rausholt, ist dein Freund. Wenn du in der Scheiße sitzt, halt die Klappe.

Jörg hat eine DVD über die Süd-Georgien-Reise mitgebracht, die wir uns, nachdem wir unsere Lachkrämpfe überwunden haben, noch gemeinsam ansehen. Und ich ahne, dass ich – bei aller Abneigung vor Kälte – in der Antarktis etwas versäumt haben könnte.

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14. 4. 09   Dienstag

Die See ist heute sehr choppy (kabbelig).

Um 9.30 Uhr ankern wird vor der Insel Aride, 10 km nördlich von Praslin. Die Insel ist eine der wenigen, die rattenfrei ist. Und damit das so bleibt, wird kein Risiko eingegangen, dass durch Besucher und deren Gepäck welche eingeschleppt werden. Deswegen dürfen wir auch nicht mit unserem Dingi an Land gehen, sondern wir werden mit einem inseleigenen Zodiac abgeholt. Für unser Handgepäck bekommen wir wasserdichte Ortlieb-Säcke, die sich bei dem Seegang als nützlich erweisen werden. Für unsere Hosenböden aber gibt es keine Verpackung; sie werden eingeweicht.

Gestern Abend während seiner Witz-Attacke meinte der Captain zum Thema Ratten, er wolle auch gar nicht, dass seine Schiffsratten an Land gehen, da er schon eine persönliche Beziehung zu ihnen aufgebaut habe . . .

Wären die Forscher, die die Insel bewohnen, konsequent, müssten sie eigentlich unsere mitgebrachten Taschen und Rucksäcke durchsuchen. Es könnten sich ja Nager darin verkrochen haben. 

Unser Inselführer stellt sich vor: Toni Jupiter. Schon bei den ersten Schritten vom Strand weg sehen wir auf dem Sandweg eine hellgraue Seeschwalbe, die sich da einfach so hingekuschelt hat – mitten auf die Piste. Wir laufen an ihr vorbei, einige legen sich vor ihr bäuchlings in den Sand, um sie zu fotografieren. Der Vogel zeigt keinerlei Anzeichen von Nervosität. Diese fehlende Angst der Tiere ist quasi das Markenzeichen von Aride. Ähnlich wie auf Galápagos, haben die Tiere mangels Fressfeinden überhaupt keine Scheu, sind auch an die Nähe der Menschen gewöhnt. Die Vögel brüten entweder am Boden, in ausgehöhlten Palmenstümpfen oder unter Steinen. Manche legen ihr Ei  einfach in eine nackte Astgabel, wo das Küken nach dem Schlupf dann zusehen muss, dass es nicht runterfällt. Einige der flauschigen Bällchen hocken denn auch da oben, warten geduldig auf die Rückkehr der Eltern mit dem Futter.


 

Die auf Aride so berühmte Dajaldrossel (Magpie robbin) nutzt sogar die Nähe des Menschen für ihre Futtersuche, kommt herbeigelaufen, als Toni mit der Hand ein bisschen das trockene Laub beiseite schiebt und den Boden freilegt. Für die darunter zum Vorschein kommenden Würmchen und Insekten interessiert sich die Drossel sehr, hält wachsam den Kopf schräg, horcht, pickt. Zur Freude der Touristen sind hier Forscher und Vögel eine Symbiose eingegangen. Ein paar Biologen wuseln mit Klemmbrettern durchs Unterholz, zählen, sammeln Fakten, fangen einzelne Vögel mit Netzen, um sie zu beringen. Die Drosseln tragen hier an beiden Füßen meist je 2 verschiedenfarbige Ringe. Jungvögel werden kurz vor dem Flüggewerden, also um den 25. Tag herum, zum Markieren aus den Nestern genommen. Dabei nehmen sie zwar den menschlichen Geruch an, doch stört dies die Elternvögel in diesem Entwicklungsstadium nicht mehr, und sie füttern ihre Jungen weiter.

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Von der sehr selten gewordenen Seychellen Grasmücke hatte man 1988 von der Insel Cousin 29 Exemplare nach Aride gebracht, um eine zweite Population aufzubauen. Das Experiment war höchst erfolgreich, denn heute gibt es auf Aride 2000 dieser Grasmücken.

Während wir zuhören, gucken und staunen, kreist ein Weißschwanz Tropikvogel um uns herum. Toni erzählt, dass er 5 Jahre auf Aldabra verbracht – und dabei die erste Ehefrau verschlissen hat. Die zweite meckere auch schon, weil er nur einmal pro Monat heimkommt. Mehrere Rückreisen mit dem Boot kann er sich finanziell nicht leisten, will das Projekt auf der Insel aber nicht aufgeben, weil es ihm so wichtig sei. Die auf Aride endemische Wright Gardenie ist mangels Blüte im Moment wenig spektakulär.

Wir steigen die 135 m hoch zum Aussichtspunkt, wo inzwischen zwei weitere geschwätzige Gruppen angekommen sind. Neben den Feen-Seeschwalben fliegen mehrere Fregattvögel vor unseren Nasen herum. Der Boden wird von zahlreichen Bronze-Eidechsen bevölkert, die ebenso wie die Vögel auffallend wenig Scheu zeigen. Normalerweise verschwinden diese Tiere bei Annäherung gleich im Laub oder ziehen sich auf die Rückseite eines Baumes zurück, den man verzweifelt umkreist, um sie zu fotografieren. Nicht so auf Aride. Hier huschen die Eidechsen vor unseren Füßen herum, bleiben stehen, gucken mit schrägen Köpfen zu uns hoch wie Hündchen, denen man mit einer Wurst zuwinkt. Meine Gummi-Badeschuhe in den Rastafarben Rot-Grün-Gelb finden sie besonders interessant, krabbeln darauf herum und beißen sogar hinein. Schnell wird mir klar, dass ich die Echsen mit meinen Tretern ganz schön foppe: Auf dem sonst eher braunen Boden sehen die Schuhe aus wie bunte Blüten, die ein Schlückchen Nektar versprechen. Damit die Echsen nicht ganz so enttäuscht sind, biete ich ihnen in der Verschlusskappe meiner Trinkflasche etwas Wasser an. Das kennen sie nicht und latschen erst einmal in den kleinen Deckel, wobei er natürlich umkippt. Dann aber schnallen sie die Pfütze am Boden und beginnen zu trinken.


 

Beim Abendessen wird schon wieder gefeiert: . Eins der Mädchen wird heute 23. Also wieder Licht aus, Geburtstagstorte mit Kerzen rein und Happy Birthday singen.

Jetzt noch ein Stück Cremetorte? Ich hatte die gebackene Brotfrucht zum Nachtisch schon kaum geschafft. Ich hole mir eine Tasse Kaffee, warte noch ein Weilchen und verdrücke mich dann samt dem Kuchenteller stöhnend nach draußen, wo ich die Torte unauffällig ins Meer gleiten lasse – mit schönen Grüßen an die Pilot- und Fledermausfische, unsere ständigen Begleiter, die im Schein der Außenbordlampen auf Küchenabfälle nur zu warten scheinen.

15. 4. 09   Mittwoch

Um 10.00 Uhr werden wir von einem Boot des Cousin Reservats abgeholt.

Ein junger Biologe aus den Niederlanden, erst 3 Wochen hier, führt uns durch die Insel. Rauchverbot auch am Strand, nichts aufsammeln, auch keine Muscheln. Von Sand hat er allerdings nichts gesagt. Also greife ich später mit einer Plastiktüte beherzt ins Volle, um meine heimische Sand-Sammlung zu komplettieren.

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Der Seychellen Rohrsänger (warbler), fast ausgestorben, hat auf Cousin wieder eine Population von 350 Tieren erreicht. Auch hier brüten Vögel am Boden, unter Steinen, sitzen Küken ohne Nest auf Ästen herum, kommen Magpie Robbins angelaufen, wenn man mit der Hand im Laub raschelt. Außerdem hat's Riesenschildkröten auf der Insel, von denen wir leider nur George und Gustav kennen lernen. Fotografieren bitte nur ohne Blitz.

Um 12.30 Uhr gehen wir schon wieder an Bord, holen die Anker ein und treten die Rückfahrt nach Mahé an. Die See ist so unruhig, dass ich lieber ein Nickerchen an Deck mache, damit mir nicht schlecht wird. Zur tea time ankern wir vor Saint Anne, schon mit Blick auf die Zivilisation von Mahé. Schrecklich! Sagt Jörg, und da müssen wir morgen wieder hin! Neben uns ankern noch zwei andere Schiffe unserer Reederei, die Sea Pearl und die Sea Star. Leute von deren Crew kommen uns besuchen, schnorren sich Eis für kalte Getränke. Einige auf den Nachbarbooten laufen Wasserski, was Christian an seine Versuche in dieser Sportart erinnert: 20 Startversuche – 20 Darmspülungen.


 

Abschiedsstimmung an Bord, Wehmut bei allen, dass die Woche schon rum ist, auch wenn einige von uns noch eine Verlängerungswoche gebucht haben und per Handy schon dabei sind, ihre Ausflüge zu organisieren.

Zum finalen Abendessen gibt es einen ganzen Red Snapper. Wir essen diesmal draußen an Deck, was wir eigentlich die ganze Zeit hätten machen sollen, finde ich. Der Fisch auf dem Tisch dekorativ mit Kürbis, Auberginensalat, Ananas im Teigmantel und Reis als Buffet serviert. Markus führt uns nach dem Essen auf seinem  MacBookPro, das er neben seiner ganzen Fotoausrüstung auch noch mitgeschleppt hat, eine Dia-Show mit seinen Lieblingsfotos dieser Reise vor.

In der Ferne sehen wir schon die Lichter von Mahé. Mit leicht angewidertem Unterton meint Jörg:  Und da müssen wir morgen wieder hin!  Als sei die Hauptinsel der Seychellen nach so einer tollen Woche an Bord nur ein Ort ungeliebter Zivilisation. Man wird ganz schön anspruchsvoll, wenn man mit diesen Colibris reist.

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16. 4. 09   Donnerstag

Frühstück gibt es heute schon um 7.30 Uhr. Eine Stunde vorher bin ich wie auf Bestellung wach, auch ohne meinen faulen Wecker. Später in Berlin werde ich feststellen, dass er gar nicht faul war, sondern nur mit einer falschen Batterie beladen. Statt der AA mit 1,5 Volt hatte ich eine Spezialbatterie für Handys mit nur 1,2 V erwischt. Richie sitzt natürlich schon an Deck und raucht. Ich habe noch nie viel Schlaf gebraucht, erzählt er, 4 – 5 Stunden reichen mir.

Die Crew ist auch schon aktiv, sortiert die Tauchausrüstung, legt alles für die Landung bereit. Wir sammeln uns nach dem Frühstück für eine kurze Dankesrede und die Übergabe des Umschlags mit dem Trinkgeld für die ganze Mannschaft. Der captain schiebt mir den bestellten Aldabra-Bildband zu, 35 € bzw. 45 $. Ich zahle lieber in Dollar, um dieses unnütze Geld endlich loszuwerden.

Draußen an Deck schaue ich in die Ecke hinter den Tauchflaschen, wo Christian seine Kokosnuss deponiert hatte. Die ganzen letzten Tage hat sie dort gelegen, ohne Wasser, ohne Erde, und wird vermutlich schon am Vertrocknen sein. Ein so sinnloser Raub an der Natur! Bin gespannt, ob er dran denkt, sie mitzunehmen. Erinnern werde ich ihn bestimmt nicht.


 

Der Anker ist bereits gelichtet, die Sea Bird  auf dem Weg in den Hafen von Mahé, wo der captain das Schiff mit viel Gebrüll an die Crew rückwärts einparkt in eine verdammt enge Lücke – rechts und links passen die Fender gerade noch dazwischen. Alle machen noch Abschiedsfotos von der ganzen Mannschaft, dann geht's wieder in das Dingi, das uns die wenigen Meter zum Anleger übersetzt. Tschüss! – War toll mit Euch, nur leider viel zu kurz!

Der Bus von Creole Tours bringt uns zurück ins Beau Vallon, wo jetzt um 9.00 Uhr die Zimmer natürlich noch nicht fertig sind. Während wir noch so in den Sesseln vor der Rezeption hängen, kommt ein Typ mit einem Bügelbrett unterm Arm angelaufen. Bin gespannt, was der vorhat. Die Aufschrift seines T-Shirts weist ihn als Mitglied der Entertainment-Gruppe aus. Entertainment mit Bügelbrett? frage ich laut vor mich hin, was soll denn das werden? Alle beginnen zu spekulieren, welche Sportart das sein könnte. Vielleicht Tauchen auf 10 m, Unter-Wasser-Bügeln und beim Auftauchen ordentlich zusammen gefaltet im Boot abgeben . . .

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Mit der Dame von der Agentur wechseln wir in den Bar-Bereich. Sie will hören, wie es uns gefallen hat, und erzählt, dass sie 6 Jahre in Berlin war. Daher also ihr hervorragendes Deutsch, das so ganz anders klingt als das unserer türkischen "Mitbürger", die zwar bei uns leben, aber nicht mit uns. Die ganze Familie der Dame scheint ausgesprochen bildungshungrig zu sein. Einige haben in Deutschland studiert.

Ich bekomme das Zimmer 229 im 2. Stock des Gebäudes gleich neben der Rezeption mit Blick auf den Parkplatz. Nun ja. Bei einer Stippvisite von nur einer Nacht erwarte ich fast nichts anderes und bin dennoch zufrieden. Das Zimmer ist geräumig, wenn auch ohne Balkon, wo ich mal zum Rauchen rausgehen könnte. Die Duschtasse ist verstopft. Als Jörg anruft, um zu fragen, ob mein Zimmer o.k. ist, habe ich keine Lust zu meckern, moniere eher, dass ich so viel Luxus gar nicht mehr gewöhnt bin.


 

Diesmal wackelt die Duschkabine nicht wie damals nach dem Segeltörn auf den Malediven und der Rückkehr an Land. Ich miste noch den Koffer aus, entsorge ein paar T-Shirts und einen Pulli und – Nein, die rote Sommerhose namens Port Louis, made in Mauritius, und die bunten Rasta-Badeschuhe kommen entgegen meinem ursprünglichen Plan wieder mit nach Hause. Die Hose hat sich doch als sehr praktisch erwiesen, ist leicht, hat viele Taschen und lässt sich gut hochkrempeln. Und die Badeschuhe hatte ich, woran mich die Unterseite wieder erinnert, auf Dominica gekauft – eine viel zu schöne Erinnerung, um sie wegzuwerfen.

Draußen im Hotelgarten suche ich mir ein schattiges Plätzchen zum Schreiben, beobachte wieder die Händler am Strand, von denen manche einfach mal in den Garten gleich hinter dem Zaun kommen, um sich Gesicht und Hände an dem Wasserhahn zu waschen oder um etwas zu trinken. Sofort kommt ein Mann von der Security spricht mit ihnen und scheucht sie weg. Wie mögen die Händler es empfinden, dass sie von ihren eigenen Landsleuten verjagt werden wegen einer Hand voll Wasser?

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14.30 Uhr

Hunger meldet sich, doch kein Appetit auf ein richtiges Essen. Etwas Frisches wäre jetzt gut. Ich laufe ins Dorf, finde zwei Supermärkte und kaufe 2 Joghurts, die sich als labberig, fruchtlos und langweilig erweisen werden. Rosinenkekse und 2 Packungen schottische Butterkekse, ein Plagiat zu Walker's, nur viel billiger. Zusammen mit meinem Rest Schwarzbrot und den BabyBel-Käse  arrangiere ich mir eine kleine Zwischenmahlzeit. Bei dem Käse hege ich allmählich den Verdacht, dass es sich gar nicht um richtigen Käse aus Milch handelt, sondern um dieses billige Kunstzeug, das so euphemistisch Analog-Käse genannt wird.

Bei der Rückkehr ins Hotel finde ich eine Nachricht unter der Tür, dass ich morgen früh um 04.55 Uhr zum Flughafen abgeholt werde. Die spinnen! Nur weil die Qatar bereits 1 Stunde vor Abflug die Schalter dicht macht, treibt man die Gäste zu so einer Folterzeit aus dem Bett. Ich bin stinksauer.

 


Grummelnd setze ich mich wieder in den Garten, lese Joyce Carol Oates zu Ende, bis Richie angedackelt kommt in Quatschlaune u.a. über seine Reise nach Soveto. Er sei allein unterwegs gewesen, nahm sich am Flughafen ein Taxi, das plötzlich von schwer bewaffneten, brüllenden, finster drein blickenden Schwarzen angehalten wird. Türen werden aufgerissen der Taxifahrer angeschnauzt, der vergeblich versucht die Kerle zu beruhigen. Richie glaubt schon, sein letztes Stündlein habe geschlagen. Nach langem Palaver senken die Typen ihre Kalaschnikovs, knallen die Türen wieder zu, der Taxifahrer fährt weiter und erklärt: My friends!

 

Solche Geschichten sind typisch für Richie und seine humorvolle Art, sie zu erzählen ist es ebenso. Ich könnte ihm stundenlang zuhören.

Um 18.30 Uhr gehe ich duschen, bitte an der Rezeption, mich morgen um 4.00 Uhr zu wecken und mir ein Lunchpaket fertig zu machen, da ich um die frühe Abfahrtzeit keine Chance auf ein Frühstück habe. Immerhin darf ich mir wünschen, was eingepackt wird. Dann wandere ich zum Speisesaal, wo ich einen ausgehungerten Markus treffe. Die anderen hocken noch in der Bar-Ecke. Das Buffet ist üppig: Fischspieß, Riesengarnelen, Crêpes. Jörg bestellt Mangosaft. Nach geraumer Zeit und der 1. Mahnung wird O-Saft geliefert, den er – ganz Reisebürochef und anspruchsvoller Tourist – zurückgehen lässt. Schon im Supermarkt hatte ich eine Szene beobachtet, die Anlass zu der Vermutung gibt, dass man den Seychellois beim Laufen die Schuhe besohlen kann: Ein Mädchen wird vom Chef in eine Arbeit eingewiesen – sie zieht "begeistert" einen Flunsch. Jörgs "fat service lady" hat's auch nicht besonders eilig.

Christian, der schräg gegenüber am unserem Tisch sitzt, frage ich, wo er denn seine Kokosnuss gelassen hat, die er auf Saint Pierre unbedingt ausreißen musste. Er stutzt. Jetzt fällt sie ihm wohl auch wieder ein. – Zu spät! Markus und ich verabschieden uns kurz nach dem Essen. Auch er muss morgen früh raus, weil er mit Air France heimfliegt.

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