Serengeti Reisebericht:
Die größte Tierwanderung der Welt

Neben der Wanderung der Karibus (dem amerikanischen Rentier) in den Weiten Alaskas, gibt es nur noch eine spektakuläre Großtiermigration auf unserer Erde. Es ist die Wanderung der Weißbartgnus über die Steppen und Savannen zwischen der Serengeti in Tansania und der Massai Mara in Kenia. Wie jeder weiß, gelang es durch intensives Bemühen von Prof. Dr. Dr. Bernhard Grzimek und seinen Forschungen zusammen mit Sohn Michael, der leider viel zu früh mit seinem Flugzeug abstürzte, dass dieses Gebiet der Serengetisteppe von der Größe Schleswig-Holsteins unter Schutz gestellt wurde.
{{g_ads}}
Schon als Kind verschlang ich Grzimeks Buch „Serengeti darf nicht sterben“ und sah mit der Schulklasse den gleichnamigen Film. Damals in den prüden Zeiten wedelte der Filmvorführer noch heftig vor dem Projektor herum, damit wir Minderjährigen die Geburt einer Giraffe nicht zu detailliert betrachten konnten. In dieses grandiose Gebiet wollte ich unbedingt reisen, aber es dauerte noch bis 2005, bis es sich ergab. Als mich 2 befreundete Paare fragten, war ich nach kürzester Bedenkzeit als fünftes Rad am Geländewagen sofort dabei.

Die große Herde, bestehend aus etwa 1,4 Millionen Gnus, an die 200 000 Steppenzebras und besonders im Süden etwa 200 000 Thomsongazellen, die weitgehend durch die Nationalparkgrenzen geschützt übers Jahr im Uhrzeigersinn das riesige Gebiet durchwandert, erreicht nach der Regenzeit die Serengeti Plains. Hier gibt es in der Kurzgrassteppe drei besonders nahrhafte Grasarten und deshalb gebären die Gnukühe fast alle gleichzeitig in diesem Areal. Ein Schlaraffenland für die großen Raubkatzen, die dementsprechend zahlreich zu beobachten sind. Da diese Ebene in der Trockenzeit kein Wasser bietet, zieht die Herde weiter nach Westen in das Gebiet des Grumeti Flusses in die lichte Baumsavanne. Dann nach Norden über den Mara Fluss in das Kenianische Schutzgebiet von Maasai Mara, wo sich die Tiere etwa von Juli bis November aufhalten. Hier beginnt die Wanderung nach Süden erneut, wie dies wohl seit tausenden von Jahren so abläuft.
{{g_ads}}
Vom Ngorongoro Krater kommend, der ursprünglich auch zum Serengeti Nationalpark gehörte und heute ein eigener Park mit mehr Rechten für die eingeborenen Maasai ist, erreichen wir der Oldupaischlucht nach Westen folgend das Camp am Ndutu See am 26. Januar. Der Platz liegt an der südlichsten Nationalparkgrenze in lockerem Akazienwald.
Zur abendlichen Essenszeit klettert zu unser aller Überraschung eine wunderschöne Ginsterkatze im Gebälk des Esssaales herum. Das scheue und nachtaktive Tier wurde über Jahre angefüttert, holt sich auf einem Brettchen bereitgestelltes Futter ab und verschwindet dann wieder. Nach dem Essen sitzen wir im Freien bei Vollmond am knisternden Lagerfeuer und lauschen den Stimmen der Nacht.
{{g_ads}}
Je nach Niederschlag und darauf folgendem Graswuchs verschiebt sich die Ankunft der großen Herde von Jahr zu Jahr. Wir haben uns aber extra viel Zeit genommen, um die Ankunft abwarten zu können. Und es gibt ja nebenbei so viel anderes zu entdecken, wenn man sich nur dafür interessiert. Fast auf allen Kopjes, so nennt man die solitär aus der Ebene ragenden Granithügel mit begleitenden Bäumen und Büschen, ruhen durch reiches Nahrungsangebot gesättigte Löwen und haben von oben einen freien Blick auf die unaufhörlich heranziehende Beute. Viele Weißstörche schreiten durch die Steppe. Sie sind auf dem weiten Heimweg nach Europa. In der Luft kreisen große Zahlen an Kornweihen, die ebenfalls heim in den Norden wollen. Bei uns kann man solche Ansammlungen mit Sicherheit nicht mehr beobachten. Grantgazellen, die hier territorial leben, grasen in kleinen Trupps in der Steppe. Daneben tummeln sich Strauße, Giraffen, Kuhantilopen, Topis, Impalas, Schakale und viele Vogelarten.
In einer Mulde sitzen 20 Raubadler im Gras und erst bei genauerer Betrachtung erkennen wir, dass sich die Könige der Lüfte mit dem allerdings Eiweißreichen Verzehr von schwärmenden Termiten beschäftigen. Auf der Rückfahrt zum Camp gehen im Norden über Seronera schwere Gewitter nieder, was die große Herde sicher anlockt.
{{g_ads}}
Wie immer in weiten Teilen Afrikas, begleitet uns das vielfältige Gurren unterschiedlicher Taubenarten durch den nächsten Morgen. Auf dem Gamedrive können wir die Jagd einer Gepardin nach einer Thomsongazelle hautnah beobachten, die für das Tier erfolglos bleibt. Nach etwa 400 m Sprint bleibt die Katze zurück und fällt dann erschöpft zur Seite. Die Gazelle bleibt sofort Schwanz wedelnd stehen, als hätte sie nur ein Kräftemessen veranstaltet. Dass fast erwachsene Gepardenjunge schließt zur Mutter auf und lehnt sich wohl hungrig an sie. Inzwischen hat sich die Zahl der ankommenden Gnus und Zebras deutlich erhöht. Wir kurven im Akazienwald um den Masek See herum. Erfahrene Gnus, die wohl wissen, dass es in diesem seichten Gewässer keine Krokodile gibt, kürzen oft rigoros ab und ziehen quer über den See. Wir kommen leider zu spät und sehen nur noch die Fährte, die mit den aufgeworfenen Rändern an die Spur eines Schneepflugs erinnert.

Allerdings taucht eine große Herde nervöser Gnus und Zebras im Akazienwald auf und galoppiert in einer großen Staubwolke im Abendlicht an uns vorbei. Ein absolut archaisches Bild. Nachts im Camp am Lagerfeuer lauschen wir wieder den Stimmen der Nacht, dem Brüllen der Löwen und hören bei Wetterleuchten inzwischen auch das dumpfe Grunzen tausender Gnus bis ins Lager. In unmittelbarer Nähe treiben sich zwei Buschhasen herum, denen wir mit unseren Kameras nachstellen.
{{g_ads}}
Beim Gamedrive am nächsten Morgen bricht die Sonne durch die Wolken und wir erblicken tausende von neu angekommenen Gnus und Zebras auf den Plains. Dazwischen unzählige weitere Tierarten, die durch den friedlichen Eindruck ein gewisses Gefühl vom Paradies suggerieren, obwohl es hier gnadenlos um Leben und Sterben geht.
{{g_ads}}
Überall in der Kurzgrassteppe rollen fleißige Skarabäuskäfer frische Dungkugeln vor und hinter sich her. Viele Beobachtungen und Fotos später können wir nahe dem Camp eine nur extrem selten zu sehende Afrikanische Wildkatze entdecken. Es gelingt uns aber kein Bild des scheuen Tieres.
Am späten Nachmittag ziehen wieder gewaltige Gewitter auf, was die große Herde vorwärts treibt und wir fahren ihr trotz Regen und düsterem Himmel erwartungsvoll entgegen. Viele Touristengruppen sind in Geländewagen unterwegs nach Norden. Sobald wir den Akazienwald verlassen und freien Blick auf die Steppe haben, steht eine dunkle Masse von Gnus von Horizont zu Horizont. Trotz schlechtem Licht sind wir begeistert. Die einheimischen Experten schätzen die Herde inzwischen auf 300- bis 400 000 Individuen, ein überwältigender Anblick.
Die nächsten Tage halten wir uns in der wunderbar in eine Granitfelskopje gebauten Seronera Lodge im Zentrum der Serengeti auf. Hunderte von Touristen wechseln hier Tag für Tag, aber tagsüber verläuft sich die Masse auf Gamedrives in den Weiten der Savanne, in der es von Tieren verschiedenster Art nur so wimmelt.
Als wir zurück zum Ngorongoro fahren, erreichen wir das etwas erhöhte Gebiet um die Naabi Hills und halten wie elektrisiert an. In der sich vor uns ausdehnenden Ebene Richtung Ndutu ist alles schwarz von Gnus. Es sind etwa 800 000 Tiere. Tausende von Zebras, Grant- und Thomsangazellen fallen dazwischen nur noch durchs Fernglas auf. Und diese Masse ist immer noch nicht der Höhepunkt der größten Migration der Erde, die wir aus Zeitgründen doch nicht bis zum Ende abwarten können.

Am nächsten Morgen fahren wir hinaus in die Brettebenen Plains um zu sehen, ob die Herde schon kommt. Die ersten im Gänsemarsch ziehenden Ketten von Gnus erscheinen am Horizont der endlosen Weite. Viele Steppenzebras wandern als Vorhut voraus. Das Bild ist schon sehr beeindruckend. Wie muss es erst aussehen, wenn die Hauptherde ankommt, der wir zu unserem Glück anscheinend zuvorgekommen sind?