Antarktis-Reisebericht:
Südgeorgien liegt nicht in Russland!
Manche Leute fragen mich, ob Südgeorgien in Russland liegt, und ob man da auch mit dem Wohnmobil hinfahren könnte. Nein, Südgeorgien liegt nicht in Russland sondern in der Antarktis. Als Gondwana, die Landmasse, in der einst alle Kontinente zusammen hingen, auseinanderbrach, bildete sich die letzte Bruchstelle zwischen Südamerika und der Antarktis. Die Kontinente trieben auseinander und durch die Meeresströmung entstand der so genannte Scotia-Bogen, der aus den Sandwich-Inseln, den Orkney-Inseln und Südgeorgien besteht. Der Scotia-Bogen ist sozusagen die Verlängerung der südamerikanischen Anden, die sich bis in die Antarktische Halbinsel weiterzieht.
Wie schon zwei Jahre zuvor hatte ich die Reise bei „Colibri-Umweltreisen“ gebucht, weil die zum Ausgleich der Klimabilanz Bäume pflanzen und Artenschutzprojekte unterstützen. Auch das Schiff, die „Grigoriy Mikheev“, war das gleiche, einschließlich der russischen Crew, von denen mich einige gleich wieder erkannten. Wir starteten in Ushuaia, der südlichsten Stadt der Welt, und überquerten schaukelnd und schwankend die Scotia-See. Ich hatte schon viel probiert, um meine Seekrankheit in den Griff zukriegen, doch die kleinen runden Pflaster am Hals schienen das einzige wirksame Mittel zu sein. Aber wie alles im Leben hatten auch die ihre Nachteile: mit dicker Zunge taumelte ich benommen auf dem Schiff herum und sah dabei alles doppelt.
Bestimmt war ich einigen Mitreisenden etwas suspekt: so eine Jungsche mit großen Armeestiefeln, die schon zum zweiten Mal in der Antarktis ist, noch dazu ein Ossi mit fehlerfreiem sächsischem Dialekt, und dann hängt sie auch noch den ganzen Tag auf der Brücke bei den Russen rum… Manchmal studierte ich meine Mitreisenden und wenn ich mal ein Foto von dem ein oder anderen machte, sagte ich aus Quatsch: „Ich schreib grad eine Diplomarbeit über die Psychologie der Antarktis-Reisenden“. Da war zum Beispiel Nadja, eine junge Österreicherin. Ich glaube, sie war noch verrückter als ich: leidenschaftlich sammelte sie ALLES was mit Pinguinen zu tun hatte, Bilder, Plüschtiere, Handtücher, Tassen, Kondome… Während unserer zweiwöchigen Reise begrüßte sie uns jeden Morgen in einem anderen Pinguin-T-Shirt!
Und Ingo, ein Professor aus Leipzig, der war auch cool: während wir unsere Foto-Mengen nicht mehr in Stückzahl sondern nur noch in Gigabyte angaben, saß er immer nur mit einem kleinen Skizzenblock da und zeichnete mit spitzem Bleistift Landschaften und Tiere. Die Zeichnungen waren erstaunlich präzise, man konnte die Landschaften immer genau wieder erkennen. Beeindruckt war ich auch von meiner Kabinengenossin Vera: obwohl man sie schon zu den älteren Passagieren zählen musste, flitzte sie frisch und fit herum, während ich, noch sooo jung, sterbens-elend in der Koje lag. Und dann war da noch Richi, bei dem ich schon am WWF-Armband diagnostizieren konnte, dass er ein echter Öko ist. Wir vertieften uns in ein Fachgespräch über seine Puten, und nach dem dritten Bier hätte ich schwören können, dass er auf der Waldorfschule gewesen ist und seinen Namen tanzen konnte. Aber er bestritt das immer ...
Südgeorgien hat die Form einer gekrümmten Banane. Die untere Seite wird vom kalten antarktischen Klima bestimmt, dort gibt es raue Gletscher und wenig Leben. Der obere Rand präsentiert sich dagegen freundlich, mit einer bunten Tierwelt im grünen Tussockgras. Die Insel ist ca. 170 km lang und unter britischer Verwaltung. Grytviken könnte man als eine Art Hauptstadt bezeichnen, dort lag schon immer das Zentrum aller menschlichen Aktivitäten. Richtige Einwohner gibt es auf Südgeorgien nicht, nur Forscher und Touristen.
Unser erster Ausflug in Südgeorgien führte uns in einen 14 km langen Fjord ganz im Süden. Dieser ist nach dem deutschen Forscher Drygalsky benannt, dem Leiter der deutschen Antarktisexpedition 1901. Im Fjord hatten wir Windstärke 7 und unser Kameramann musste sich hinter die Reling ducken, um beim filmen nicht fort geblasen zu werden. Staunend standen wir vor den meterhohen, tiefblauen Gletscherwänden und schauerten, wenn Eisbrocken tosend ins Meer krachten. Am Abend fuhren wir mit den Zodiaks durch die Kelpwälder. Das sind dicke, gummiartige Pflanzen, die größten auf Südgeorgien, in denen sich Robben und Pinguine wie in einem Unterwasser-Wald verstecken.

Pelzrobben
Endlich, der erste Landgang. Freudig stürzten wir uns auf die Pelzrobben – wir mussten erst lernen, dass man vor denen eher weichen sollte. Unter den Robben gibt es zwei Familien: Die Hundsrobben, das sind die, bei denen man kein Ohr sieht und die sich so unbeholfen fortbewegen, z.B. der See-Elefant. Und die Ohrenrobben, bei denen sieht man deutlich die Ohrenzipfel, und die können sich sehr schnell und effektiv fortbewegen. Dazu gehören auch die Pelzrobben. Insbesondere die jugendlichen Rotzer konnten schneller rennen als ich, und obwohl sie kurzsichtig sind beißen sie zielstrebig Gummistiefel durch. Sie sind extrem territorial, schon wenn sie nur wenige Tage alt sind. Und das hat folgenden Grund: die Antarktis ist zum größten Teil von Gletschern bedeckt, für die Tiere bleibt also nur ein schmaler Uferstreifen, auf dem sie leben und ihre Jungen aufziehen können. Hier hängen sie dann in großen Haufen aufeinander. Wenn die Mütter nun von der Jagd im Wasser zurückkommen müssen sie in diesem ganzen Gewimmel ihre Jungen wieder finden. Das schaffen sie einmal durch ihren speziellen Ruf und weil sie sich auf die Territorialität ihrer Jungen verlassen können: die sitzen noch immer an derselben Stelle.
Die Pelzrobben waren um 1820 schon fast ausgerottet, und das alles wegen ihrem schönen Pelz. Die Weibchen wurden mit Keulen erschlagen und die Männchen mit Lanzen erstochen, dann wurden sie gehäutet und in Salz eingelegt. Die Art hat sich aber zunehmend erholt, heute ist es die häufigste Robbenart auf der Welt. Ein Grund für die massenhafte Zunahme ist der Walfang: als es immer weniger Wale gab nahm die Menge an Krill zu und die Robben besetzten die freigewordene Nische in der Nahrungskette. Heute können die Pelzrobben schon zum Problem für andere Tierarten werden: sie „zertrampeln“ die Tussockgras-Hügel in denen Sturmvögel nisten und Schutz vor Temperatur und Feinden suchen. Und auch die Albatrosse verlassen ihre angestammten Plätze, wenn dort zu viele Pelzrobben herumwälzen.
Die Bullen, welche imposante Barthaare tragen, bewachen ein Harem von 15 Kühen. Die Jungen sind normalerweise schwarz, aber mir gelang ein Foto von einem „Blondie“: statistisch ist einer von 800 Jungen blond.

Macaronipinguine
Weiter geht’s zu den Macaronipinguinen. Es gibt weltweit 4 Arten mit solchen gelben Schopffedern, zwei davon auf Südgeorgien: die Macaronis und die Felsenpinguine. Die Macaronis tragen ihre Schopffedern vorne zusammengebunden, die Felsenpinguine dagegen haben an jeder Seite einen gelben Lidstrich der in ein abstehendes Haarbüschel übergeht. Benannt sind die Macaronipinguine nach einer Männerfrisur, die in England im 18. Jahrhundert in Mode kam. Weil dieser Hairstyle ursprünglich aus Italien kam wurden die Männer damals als „Macaronis“ verspottet, und die Pinguine müssen ihnen wohl ähnlich sein.
Die 70 cm großen Pinguine legen 2 Eier, aber nur das zweite, und größte, wird ausgebrütet. Bis heute weiß man nicht warum. Ihr Bestand hat sich in den letzten 30 Jahren halbiert. Grund ist der Rückgang des Krills seit 1970 um 80%. Macaronis sind extrem abhängig vom Krill, diesen kleinen rosa Krebsen, welche die Nahrungsgrundlage für alle Tiere in der Antarktis sind. Wie man weiß, erwärmt sich das Klima in der Antarktis schneller als anderswo, im Durchschnitt bisher um 2,5°. Das bedeutet: weniger Eis. Aber das Eis ist die Kinderstube für die Krill-Babys weil sie sich von Algen ernähren, die an der Unterseite des Eises leben. Ein weiterer Rückgang des Krills wird fatale Auswirkungen auf viele Arten in der Antarktis haben! Die Felsenpinguine, die wir später auf den Falkland-Inseln sahen, sind mit 50 cm die kleinsten polaren Pinguine. Ihren Namen haben sie ihren wirklich erstaunlichen Kletterkünsten zu verdanken. Ihr Bestand auf den Falklandinseln sank von 2.500.000 Brutpaaren im Jahr 1984 auf rund 300.000 Brutpaare im Jahr 1995. Grund war die Überfischung, die dazu führte, dass die Tiere keine ausreichenden Fettreserven für die Brutzeit aufbauen konnten und zu hunderttausenden verhungerten.

Felsenpinguine
Um uns herum lungerten die Riesensturmvögel. Sie sind Aasfresser und werden auch „Stinker“ genannt, weil sie übel riechenden Mageninhalt kotzen wenn sie sich erschrecken. Sie haben einen sehr guten Geruchssinn und man erkennt sie an den Nasenröhren, welche sie auf dem Schnabel tragen. Diese dienen der Salzausscheidung: da sie überwiegend auf hoher See leben nehmen sie sehr viel Salz auf, und das muss der Körper wieder ausscheiden. Auch die Bestände der Riesensturmvögel gehen zurück. Zwei Gründe wurden bereits genannt: der Rückgang des Krills durch Klimawandel und Fischerei. Und das Zertrampeln der Tussockgras-Hügel durch die vielen Pelzrobben. Zwei weitere Gründe kommen noch dazu: Zehntausende von ihnen sterben jährlich als Beifang. Und, die kleinen Sturmvögel werden von Ratten gefressen, welche von den Walfängern eingeschleppt wurden. Heute sind nur noch ganz wenige, kleine Inseln rattenfrei. Diese sind staatlich geschützt und mit Helikoptern werden Rattenköder ausgeworfen. Wegen den Ratten ist auch der Pipit, der einzige Singvogel auf Südgeorgien, stark bedroht.

See-Elefanten
Beim Landgang auf Gold Harbour sehen wir die ersten See-Elefanten. Ich stieg aus dem Zodiak und dachte: „Was liegen denn hier für große Felsbrocken in der Gegend rum?“ Dann plötzlich bewegte sich was, ein mächtiges Gähnen, ein Flossenschlag… Erst da wurde mir klar: das sind gar keine Felsen, sondern See-Elefanten, die im schwarzen Sand vor sich hin schlummern. Sie sind gerade im Fellwechsel, in großen Stücken blättert ihre Haut ab und darunter ist schon die neue sichtbar. In Filmen werden sie oft als aggressive Tiere dargestellt, die immerzu kämpfen. Aber die Kämpfe finden nur während der Paarungszeit statt, wenn die Bullen um die Weibchen kämpfen. So ein Bulle, 6 m lang und 4000 kg schwer, hat ein Harem von mehreren hundert Weibern. „Beachmaster“ wird er auch genannt. Man erkennt ihn am typischen Rüssel, der sich beim Kampf aufbläst, im Ruhezustand aber nur klein ist. Ich beobachtete, wie sich zwei Bullen voreinander aufrichteten um sich dann mit ihrem ganzen Gewicht aufeinander zu werfen. Dabei versuchen sie, sich gegenseitig ihre Zähne in die Speckfalten zu rammen. Die Weibchen wiegen nur 900 kg, werden dafür aber älter als die Männchen: 18 Jahre. See-Elefanten können beim Tauchen zwei Stunden unter Wasser bleiben denn sie haben einen sehr hohen Hämoglobin-Gehalt im Blut welcher Sauerstoff bindet.

Königspinguine
Auf Südgeorgien haben die Königs-Pinguine ihr größtes Verbreitungsgebiet. In der St. Andrews Bay brüten 150.000 Paare, das ist die größte Kolonie. Meiner Ansicht nach sind die Könige die zutraulichsten unter den Pinguinen. Neugierig kommen sie zu uns heran, wollen sich in unser Gespräch einmischen und auch mal sehn, was ich im Beutel habe. Dabei halten sie, ähnlich wie Hühner, den Kopf schief um mich klar sehen zu können. Auf Bildern verwechselt man Königspinguine leicht mit den Kaiserpinguinen, die jeder aus dem Film „Die Reise der Pinguine“ kennt. Aber meist kann man schon an der Umgebung erkennen welcher von beiden es ist: Steht er auf dem Eis ist es sehr wahrscheinlich ein Kaiser. Steht er im Matsch oder im grünen Gras ist es mit Sicherheit ein König. Gut 30 cm sind sie kleiner als die Kaiser und wiegen mit ca. 15 kg auch nur etwa die Hälfte. Egal, zu welcher Jahreszeit man die Könige besucht, man sieht immer alle Entwicklungsstadien: brütende Tiere, frisch geschlüpfte Kücken und Jungtiere allen Alters. Da ihr Brutzyklus länger als ein Jahr dauert durchlaufen sie ihn nur zweimal aller drei Jahre. Es gibt Früh- und Spätbrüter, deswegen kommt es zu diesem bunten Durcheinander. Sie legen nur ein Ei, und, genauso wie die Kaiser, bauen sie kein Nest. Sie tragen das Ei 54 Tage auf ihren Füßen herum, versteckt unter einer Hautfalte.
In dieser Falte kauern später auch die Kücken gern, dort ist es warm und sicher. Es muss wohl zu schön sein dort drin, denn ich sah auch Jungtiere, die schon viel zu dick waren um in diese Hautfalte zu kriechen, aber die es dennoch unermüdlich versuchten. Mit 6 Wochen bekommen die Kücken das typische braune „Wuschelfell“. Dann sehen sie aus wie zerlumpte Punker und während sie jämmerlich im tiefen Matsch stehen höre ich sie fragen: „Haste ma ´ne Mark?“. Ab diesem Alter besuchen sie den Kindergarten, damit ihre Eltern endlich in Ruhe fischen können.

„Haste ma ´ne Mark?“
Beim Anblick der dicken Pinguinkücken tropf den Skuas schon der Zahn. Die fast 70 cm großen Raubmöwen sind der ärgste Feind der Pinguine und lauern immer in ihrer Nähe. Am Schnabel sitzt ein spitzer Haken, und manchmal rotten sie sich zusammen und überfallen arme Pinguinkücken. Man sagt, Skuas verhalten sich wie Piraten. Sie belästigen andere Vögel und zerren an ihren Schwänzen und Flügeln, um ihnen die Nahrung zu stehlen.
Vor unserem nächsten Landgang verloren wir ein Zodiak im „White-out“. Ich hatte schon einiges darüber gelesen, aber erst jetzt konnte ich selbst erleben wie das ist, wenn alles im Weiß verschwindet und man keinen Horizont mehr erkennt. Obwohl zwischen Schiff und Ufer nur wenige hundert Meter lagen, verfuhr sich das Zodiak im Schneegestöber. Da nützte auch das Funkgerät nichts. Ein weiteres Zodiak fuhr los, um nach den verlorenen Seelen zu suchen. Endlich, eine dreiviertel Stunde später, hatten wie wieder alle beisammen, zwar etwas verfroren, aber gerettet!
Doch, was war das? Standen dort Rentiere zwischen den Pinguinen??? Ich traute meinen Augen nicht. Die gibt es doch nur im Norden, in Skandinavien, Kanada und in der Arktis!
Es waren tatsächlich Rentiere, norwegische Walfänger hatten sie nach Südgeorgien mitgebracht um sich mit Frischfleisch zu versorgen. Aus den 10 Tieren von damals sind heute 3000 geworden. Sie richten in diesem fremden Ökosystem erstaunlichen Schaden an. Mit ihren Hufen zerstören sie Flechten und kleine Pflanzen wie die Pimpinelle. Im Winter fressen sie das Tussockgras und verbeißen es dabei so tief, dass es sich nicht mehr erholt. Übrig bleiben die kargen Hügel, die der Erosion preisgegeben sind. Eingeschleppte Spezies sind, wie überall auf der Welt, ein Problem.
Norwegische Walfänger brachten zum Beispiel Graberde mit nach Südgeorgien, um ihre Kumpanen in heimischer Erde zu begraben. In der Erde waren norwegische Pflanzensamen, und so sieht man heute noch Löwenzahn an alten Walfängersiedlungen wachsen. Die Rentiere tragen mit ihrem Kot dazu bei, dass diese eingeschleppten Samen auf der ganzen Insel verteilt werden. Heute gibt es auf Südgeorgien 35 eingeschleppte Pflanzenarten!
Nach einer durchzechten Nacht besuchten wir Südgeorgiens Hauptstadt Grytviken. Die wurde 1904 vom norwegischen Walfänger-Kapitän Larsen gegründet. Heute ist sie offizieller Regierungssitz und es gibt ein geniales Museum dort, eine Forschungsstation, eine Post, eine Kirche und einen Friedhof. Wir besuchten das Grab von Ernest Shackleton, Held und Mythos in der Antarktisgeschichte. Ich glaube, die ganzen Weiber fahren nur wegen diesem Mann hierher! Ich selbst habe einen ganzen Schrank voller Bücher über ihn… doch das ist eine andere Geschichte.
Im Jahr 1918 gab es auf Südgeorgien 6 Walfangstationen, 175.000 Wale wurden hier zerlegt. In Grytviken befindet sich die einzige Walfangstation, die heute für Besucher zugänglich ist. Früher haben hier etwa 300 Leute gelebt, es gab ein Kino, einen Fußballplatz, eine Skischanze, einen Bäcker, ein Gefängnis und sogar Hühner und Freiland-Schweine. Innerhalb von 24 Stunden konnte man hier 25 Finnwale verarbeiten. Und so ein Finnwal ist fast 30 Meter lang! Fängerboote brachten die Wale, welche am Schwanz vertaut waren, in die Bucht. Mit einer elektrischen Seilwinde wurden sie an Land gezogen. Mit langen Messern schlitzte man ihre Haut auf und zog sie ab wie eine Bananenschale. Die dicke Fettschicht – das Blubber- wurde von rotierenden Messern zerhackt und gekocht. Fleisch und Knochen wurden ebenfalls gekocht. Das Walöl trieb die industrielle Revolution voran und brannte in Straßenlaternen vieler Städte. Auch Tierfutter, Dünger, Tütensuppen, Seife, Kosmetik, Margarine … alles wurde aus Walen hergestellt. Als die Walfänger in die Antarktis kamen wussten sie bereits, was die Folgen dieses Gemetzels waren, denn in der Arktis hatten sie die Bestände bereits so stark dezimiert, dass der Walfang „unwirtschaftlich“ geworden war. Erst viel zu spät begann man, Lizenzen an die Walfangstationen zu vergeben. Doch da waren die Walfänger schon einen Schritt weiter: mit großen Fabrikschiffen konnten sie Wale außerhalb staatlich kontrollierter Zonen fangen und gleich vor Ort verarbeiten. Die Walbestände kollabierten, die Walfangstationen wurden unrentabel und 1965 wurde die letzte geschlossen.

Wanderalbatrosse
Unsere Expedition nach Südgeorgien neigte sich zum Ende. Einen letzten Ausflug unternahmen wir nach Prion-Island zu den Wanderalbatrossen. Mit 3,7 Metern Flügelspannweite sind das die größten fliegenden Vögel der Welt. Ein Männchen bringt 10 kg auf die Waage und die Kücken können noch viel schwerer als die Alten sein, da sie nur alle 4 bis 5 Tage Futter bekommen. Albatrosse haben die längste Kückenaufzucht von allen Vögeln: 278 Tage. Sie brüten nur auf ganz bestimmten Inseln, und wenn sie flügge sind verbringen sie ganze fünf Jahre auf See. Danach kehren sie wieder an ihren Geburtsort zurück und heiraten auf Lebenszeit. Sie können über 60 Jahre alt werden, und je älter sie werden desto weißer wird ihr Gefieder. Albatrosse haben einen biologischen Nachteil: sie werden erst mit 11 Jahren geschlechtsreif und legen nur alle zwei Jahre ein Ei. Dazu kommt eine sehr hohe Jungensterblichkeit. In den letzten 30 Jahren hat sich ihr Bestand um die Hälfte dezimiert, sie sind heute die am meisten bedrohte Vogelfamilie. Hauptgrund ist die Fischerei. Albatrosse fliegen zur Futtersuche bis zu 7000 km weit. Die Weibchen bevorzugen die subtropischen Gebiete wo sie als Beifang der Tunfischindustrie sterben. Die Männchen jagen vorwiegend in Südgeorgien, und hier werden sie zu tausenden Opfer der Langleinen-Fischerei. An 30 km langen Leinen, bestückt mit 40.000 Haken, an denen Köder hängen, werden Seehechte gefangen. Die Albatrosse verschlucken die Köder und ertrinken an den Haken. Es gibt Untersuchungen, die belegen, dass folgende Veränderungen den Tod der Albatrosse verhindern können:
- Fischen bei Nacht (Albatrosse jagen am Tag)
- Scheuchbänder an den Leinen anbringen
- Gewichte an den Leinen anbringen, damit diese schneller absinken
- Keine Abfälle / Essensreste aus den Schiffen werfen um die Albatrosse nicht anzulocken
- Den Leinen-Auslass so am Schiff anbringen, dass er unter Wasser ist.
Diese einfachen Mittel werden bereits angewendet, aber nur innerhalb der 12 Meilen-Grenze um Südgeorgien, weil nur dieses Gebiet staatlich kontrolliert werden kann. Weiter draußen sterben die Albatrosse weiter.
Diese Reise können Sie buchen beim Reisebüro Colibri,Ihrem Spezialisten für Antarktis Reisen:
Von Nora Petzold, 34, Dresden
Ich hatte immer einen großen Traum: die Antarktis. Das ist genauso, wie wenn man eine Geliebte hat: man denkt ständig an sie, man würde Berge versetzen, um sie zu sehen und vor dem ersten Date ist man total aufgeregt. Unser erstes Rendezvous hatten wir 2005 auf der Antarktischen Halbinsel. Ich schrieb darüber im Reisebericht „Was eben so passiert zwischen Antarktis und Äquator“. Schon damals war mir klar: ich war süchtig nach ihr. Trotzdem hätte ich nicht im Traum gedacht, dass wir uns schon 2007 wieder sehen würden. Auf Südgeorgien.



