
China Reisebericht:
Ein Paddelboot am Mekong
Das Leben ist zu kurz für Minivans und Tucktucks
Der Mekong durchfließt China, Myanmar, Thailand, Laos, Kambodscha und Vietnam. Besonders seine Schluchten im Mittelgebirge von Laos gelten als Sehnsuchtsort romantischer Flussbefahrungen. Ein Schlauchbootfahrer begibt sich zwischen Huay Xai, an der Grenze zu Thailand und der alten Königsstadt Luanprabang auf eine 300 Kilometer lange Paddelboot-Tour.
Es ist bereits Nachmittag, als du die ersten Ruderschläge machst. Grenzformalitäten, Proviantversorung, Transport und Bootsaufbau hattest du einkalkuliert. Aber die Suche nach einem geeigneten Einstiegsplatz zieht sich hin. Schließlich willst du nicht von einem übereifrigen Zöllner oder Polizisten entdeckt und aufgehalten werden.
Das „Goldene Dreieck“ hat sein Image als Drogenhochburg zwar eingebüßt, Schmuggler-Dorado aber bleibt es. Erst am Abend, als das Schlauchboot verankert ist, dein Gepäck und Paddel vorsorglich an anderen Orten versteckt sind, atmest du auf. Eine malerische Sandbank zwischen glattpolierten Felsen, fern jeglicher
Zivilisation, bildet das erste Nachtquartier. Grillen und Frösche scheinen um die Wette zu lärmen. Am Himmel zuckende Fledermäuse schicken ihren Schall gegen das Heuschrecken-Zirpen im Gras. Du lauschst: Das Geräusch des Wassers ist nicht einfach ein gleichmäßiges Rauschen, wenn du genau horchst, hörst du das Knirschen unzähliger kleiner vom Wasser bewegter Kiesel. Nie zuvor hast du einem Wasserlauf so aufmerksam zugehört. Ein erstickter Schrei, der ganz in der Nähe ertönt, ist durchdringender als jeder Knall. Du zwingst dich zu glauben, dass es nur ein Tier war. Es gibt eine Geräuschkulisse der Nacht und eine des Tages. Den Übergang bildet das Krähen des Hahns. Hundegebell aus den Dörfern, Wasserbüffel im seichten Uferbereich. Gesprächsfetzen von Goldwäschern und Kindergeschrei beim Baden. Eine Säge im Dorf, ein Gewehrknall im Wald und die Erschütterung einer Explosion im 50 Kilometer entfernten chinesischen Bergwerk. Du übst dich darin, blindlings zu rudern, die korrekte Richtung nur durch die Wärme der Sonne auf deiner nackten Haut erahnend. Bald unterscheidest du nur am nahenden Geräusch vier Bootstypen: Speed-Boat für Menschen, Slow-Boat meist für Lasten und den kleine und den mittelgroße Fischerkahn. All das hören die Touristen nicht. Hinter dem Helm-Visier auf ihren lauten Speed-Booten starren sie dich und dein Schlauchboot ungläubig an. Zeit für ein neidisches Foto finden nur die „Öko-Touristen“. Mit fünf bis acht Personen belegen sie einen 300-Tonnen-Mekong-Frachter, extra für sie umgebaut und überdacht.
Aber sie brutzeln lieber auf dem Oberdeck. Menschen mögen normalerweise 30 Grad im Schatten, nur Schlangen und Touristen bevorzugen 45 Grad in praller Sonne. Pro Passagier vernichtet ihr Ausflug 45 Liter Diesel auf 100 Kilometer, Leer-Rückfahrt nicht mitgerechnet. Doch sie vertröstest sich, behaupten, sie verschafften ja den Einheimischen damit Geld. Sie knipsen sich selbst. Du stellst den Hintergrund, damit daheim die Angehörigen fragen können: „Wer ist der Verrückte hinten im Bild?“ Die Möglichkeit, digitale Schnappschüsse sofort anzusehen, müsste eigentlich das Fotografieren eindämmen. Stattdessen knipsen die Menschen immer mehr und mehr, wie Affen, die dauernd ihre stinkenden Pisspfützen hinterlassen, um sich darin zu bespiegeln. Das spricht für Zweierlei: Selbstüberschätzung der eigenen Fotogenität und unverwüstlichen Optimismus darüber, dass das nächste Bild besser wird. Trotz dass sie dich knipsen, störst du sie, entwertest mit deinem Billig-Boot ihre persönliche „Bezwingung“ des Mekongs. Genau wie du sehen sie Mais, Bananen und Teakholzplantagen; wie sich im Morgengrauen der Auennebel vor dem Dunkeln des Dschungels auflöst, sehen nicht. Sie sehen nicht, wie ein Eisvogel taucht. Dieses Geschichte kann gelesen werden oder nicht. Doch wurde sie bis hierhin gelesen, wird sie gelesen.
Nächtliche Besucher
Den zweiten Abend lässt du dich länger im Boot treiben, flutest mit deiner Mundharmonika das Tal. Der Feuerball verschwindet am Horizont. Das lässt die Zikaden ihr lautes Liebeszirpen anstimmen. Zur Partnerwerbung gedacht, gilt das Geräusch allen Stechmücken als Aufruf zur Jagd. Zahllose Moskitos warten darauf, dein Blut zu saugen. Hastig verankerst du ein Moskitonetz im Geäst am Ufer. Du befindest dich in einem kleinen konischen Raum, an dessen oberstem Ende ein Ring ist. Du bist längst aus der Zeit heraus, den Ring anzustarren und dich in Träumen zu verlieren, bist über das vorpubertären Alter hinaus, als man Träume noch nicht bannen konnte, indem man sich fragte, ob man träumt. Je länger du die dunklen Wolken ansiehst, desto mehr verändern sie sich, zuerst gleichen sie einem Kamel, dann einer Frau, dann einem Alten mit einem langen Bart. Das ist so, wie Wände mit Wasserrändern in einem alten Haus. Diese Ränder, auch wenn sie schon lange da sind, werden jedes Mal anders sein. Zuerst siehst du ein menschliches Gesicht, wenn du wieder hinschaust, ist es ein toter Hund, die Eingeweide hängen heraus, dann verwandeln sich die Spuren in einen Baum, unter dem ein Mädchen, es reitet auf einem mageren Pferd.
Du weißt nicht, wie lange du schon geschlafen hast. Nahendes Motortuckern lässt dich aufschnellen. Ein halbes Dutzend Taschenlampen suchen unruhig das Ufer ab. Schon hörst du Stimmen. Ein Sprung aus dem Schlafsack, ein griff zum vorbereiteten Rucksack samt Geld und Pass. Du stolperst einen Pfad hinauf. Gerade als der erste Lampe die Sandbucht mit deinem Boot ertastet, springst du in den Lichtschatten einer Klippe. Dein Herz pocht. Männer steigen aus. „Falang! Falang!“ – Ein Ausländer! Ein Ausländer!, verstehst du, dann findet ein Mann deine Spur. Der steile Uferurwald fast wie eine Mauer – über Äste und Felsen dringst du zehn Meter in ihn ein, verharrst eingekeilt zwischen zwei Baumstümpfen. Es ist so finster, dass man meint die Schwärze anfassen zu können. Du hörst dein eigenes Körperrauschen. Im Atem holen liegt ein entferntes Hoffen. Im Atem halten findet sich eine Spur Ewigkeit. Glühwürmchen täuschen dich, du glaubst ihr Leuchten seien Taschenlampen. Doch niemand scheint zu folgen. Du hörst weder ein Geräusch eines sich entfernenden Motors noch siehst eine verräterische Lampe. Es ist gerade 22 Uhr. Um 23 Uhr verlässt du dein Versteck. Du tastest dich vorsichtig zurück und wunderst dich, wie du es vor einer Stunde schafftest, diesen Steilhang binnen Sekunden unbeschadet zu überwinden. Am Lagerplatz ist alles unberührt. Wer immer da gewesen war, muss plötzlich Angst bekommen haben. So erklärt sich das völlig lautlose Verschwinden der nächtlichen Besucher. An Schlaf ist erst nach einem Standortwechsel zu denken, diesmal auf ein Plateau ohne Einsicht vom Fluss.
Von Tod und Wollust
Am nächsten Morgen lockt dich ein Hämmern aus einem Dorf zu Frühstück. Am winzigen Dorfplatz Getümmel. Dann siehst du wie der Sarg verschlossen wird. Das so lebendige Hämmern galt also der Herstellung eines Sargs. Du gehst weiter. Zu beiden Seiten nur verfallene Häuser, deren Dächer fast bis zur Straßenmitte reiche. Sie sehen aus als würden sie demnächst zusammenbrechen. Bretterbude an Wellblechverschlag, Bambushütte neben Lehmkabuff. Vor jedem zweiten Hauseingang Krämer. Sie haben weniger im Angebot als dein leerer Kühlschrank zuhause, und alle immer dasselbe, eines langweiliger als das andere, ein paar Flaschen Alkohol, Kekse, Trockenobst, oder es hängen Kleider da, wie Erhängte hin- und herbaumelnd. Wer kauft eigentlich etwas in diesen Geschäften? Gehen diese Händler auch noch anderen, seriösen Beschäftigungen nach.
Am Dorfrand, sitzt auf der Schwelle einer aufgestelzten Bambushütte ein Mädchen. Sie ist noch sehr jung, das Gesicht kindlich, Stupsnase, ein kleiner Mund. Mit ihren beiden Zöpfen, den kirschroten Wangen, ihrer Munterkeit und den lebhaften Augen scheint ihre Neugier auf diese chaotische Welt noch grenzenlos zu sein. Machst du jetzt nur eine kleine Geste, sie wird dir folgen, sich an dich schmiegen voller ehrlicher Freude. Du denkst, die Braut ist spitz und zart wie frischausgelöstes Muschelfleisch. Es ist nicht der Altersabstand zwischen ihr und dir, selbst wenn sie dir ganz nahe wäre und du sie mitnehmen könntest, bleibt doch, dass dein Herz vernarbt ist, dass du dich nicht mehr Hals über Kopf in ein junges Mädchen verlieben kannst. Du beeilst dich, ein Lächeln aufzusetzen, dass keines ist, wahrscheinlich reichlich dümmlich, dann schüttelst du entschieden den Kopf. Du drehst dich um und gehst, wagst nicht einmal zurückzuschauen. Du hast Angst vor schönen Frauen. Was ist an ihnen so erschreckend? Hast du Angst, bezirzt zu werden? Längst haben deine Beziehungen zu Frauen ihre Spontaneität verloren. Die Müdigkeit ist weniger einer körperliche Ermattung zuzuschreiben als einer Sättigung an Eindrücken. Man wird nicht mehr erregt. Und wenn doch, dann ist es, wie eine Pflicht erfüllen.
Wenn Leben ohne Lust, welch Leben?
Sex unterlässt du immer öfter, geschweige davon, dass er jetzt Geld kosten würde. Deshalb schläfst du gerne lang. Es ist besser, sich im Schlaf zu langweilen, als wach. Sind Pflanzen vielleicht intelligenter als Menschen? Mit süßen Früchten und bekömmlichen Samen nutzen sie Tiere als Hebammen und verharren ein Leben lang selbstzufrieden an einem Ort, ganz so wie Buddha mit Erlangung zunehmender Weisheit. Vielleicht veranlasste nur eine zunehmende Altersvergesslichkeit Buddhas Ruhe? Mit Alzheimer lernt jeder täglich neue Orte und neue Freunde kennen – und das ohne unterwegs zu sein.
Kommt ein Mensch in die Jahre, sollte er sich da nicht nach einer sicheren Existenz umsehen mit einer nicht zu anstrengenden Arbeit, in einer mittleren Position, sollte er da nicht Ehemann und Vater sein, mit einem behaglichen Zuhause, mit Geld auf der Bank, dass sich von Monat zu Monat vermehrt, so dass etwas fürs Alter und ein wenig für die nächste Generation übrig bleibt? Bis 29 kann man sich meinetwegen rumtreiben, ab dreißig wird es schon eng, aber ab 40, 50 wird der alte Faxenmacher zum alten Bettler.
Du solltest wissen, dass du auf dieser Welt nicht so viel zu verlangen hast. Was du erlangen kannst, sind letztendlich nur verschwommene, traumgleiche unmöglich in Worte zu fassende Erinnerungen. Versuchst du sie zu erzählen, bleiben nur ein paar durch Sprachgitter gehaltene Bruchstücke.
Sobald du einen Fluss befahren, einen Gipfel erklommen hast, verlierst du das Interesse an ihm. Du meinst stets, der Ort dahinter könnte dir Dinge entdecken, die du noch nie geschaut hast. Du hast so viele Jahre in der großen Stadt gelebt und brauchst das Gefühl, dass du eine Heimat hast, damit du zu deiner Kindheit zurückkehren und dir verlorene Erinnerungen ins Gedächtnis rufen kannst. Schließlich erreichst du die nächste Wüste, das nächste Meer. Einmal mehr bleiben die erhofften Mysterien aus, einmal mehr bläst nur der einsame Wind. Du weißt genau, dass du nichts finden wirst, aber wanderst weiter aus Obsession, gewöhnt an diese Einsamkeit.
Wände brauchst du nicht
Am dritten Abend – ein Kloster. Die Mönchen laden dich ein, in ihrem Wat zu übernachten. Im Boot zu schlafen, hatte sich ohnehin nicht bewährt. Die Plastikwände ziehen Kondenswasser an und machen das Boot zu einem feuchten Lager. Du nimmst also an. Schließlich bist du nicht hergekommen, um mit Touristengruppen zu drängeln und zu schubsen, um dann noch mehr Limonadenflaschen, Dosen, und Zigarettenkippen auf den Boden zu werfen.
Dann siehst du diesen Mönch. Er ist gerade vom Berg herabsteigt, lächelt, scheint dich gar nicht zu bemerken. Solche Menschen leben in einer eigenen Welt, die anderen auf immer verschlossen bleibt, sie haben eine eigene Art zu existieren und schlagen sich außerhalb dessen, was als Gesellschaft gilt, durch.
Du kannst aber nur wieder in das Leben zurück, das als normal gilt und darin liegt vielleicht deine Tragödie, auf dieser Erde zu sein, um das Glück zu suchen, aber es nicht zu finden. Wenn du vor den Menschen fliehst, warum hast du dann das Bedürfnis, mit anderen Menschen zusammen zu sein? Kein Ziel zu haben, nicht zu wissen, wonach man sucht, ist reine Höllenqual.
Ein Lager auf einer überdachten Veranda, Wände brauchst du nicht. Als zum Sonnenuntergang dunkle Schatten das Tal überziehen, fällt ein Baumriesen auf, er ragt über das zartgrüne, noch von der Sonne angestrahlte Bambusmeer hoch hinaus. Seine alten, morschen abgebrochenen Äste streckt er wie ein unheilvoller Dämon eigenwillig in alle Richtungen. Du hast verstanden, dass es eine unheimliche Seite tief in deiner Seele anspricht, vor der du selbst erschreckst. Aber ob vor der Schönheit oder der Hässlichkeit du kannst nur zurückweichen. Du betrachtest das Spiegelbild der Sonne im dunklen Mond und schläfst ein.
Vage drängende Trommelschläge reißen dich aus dem Schlaf, einen Augenblick lang ist dir unklar, wo du bist. Es ist drei Uhr in der Nacht. Du begreifst, das Morgengebet hat begonnen. Das Trommeln steigert sich mit dem Summton der Gebete. In dieser dröhnenden Symphonie erklingt plötzlich ein Glockenton, so schwach, dass man ihn für Einbildung hält, wie ein Spinnfaden im Wind oder das zarte Zirpen einer Grille, so flüchtig, so fein, doch so bestimmt in diesem wirren Trommelgewirbel, so hell, klar und unverkennbar. Du suchst nach seiner Quelle und entdeckst den alten Mönchsältesten in seiner abgetragenen, oft geflickten Kasaya. In der linken Hand hält er eine kleine Kelchglocke, in der rechten einen Metallstab, womit er diese Glockentöne mit dem Weihrauch langsam nach oben schickt. Wie ein Fischernetz fängt es alles ein und die Erregung verschwindet.
Tragik des Schnellreisens
Die Tage auf dem Mekong sind lang. Dies ist der fünfte und letzte. Längst hast du deine Scheu vor den braunen Fluten überwunden und kühlst dich immer wieder durch eine Sprung ins Wasser ab. Einheimische schwimmen nie, erledigen höchstens ihre Wäsche und Abendtoilette am Ufer. Wenn in manchen tropischen Ländern die Bevölkerung wasserscheu ist und selbst Fischer nur wie Katzen schwimmen können, ist das nicht nur schade, sondern auch ein Zeichen dafür, dass du vielleicht am falschen Orte bist. Es gäbe Riesen-Aale und –Welse, erzählt man dir. „Aber Menschen gehören nicht zur Beute von Fischen. Menschen von Menschen, wohl“ möchtest du den Leuten zurufen. Doch es würde dich keiner versehen. Seltsam, je mehr Menschen getötet werden, desto mehr gibt es, aber es gibt immer weniger Fische, je mehr aus dem Wasser gezogene werden. Andersherum wäre es besser. Eines haben Menschen und Fische jedoch gemeinsam. Es gibt keine großen Fische mehr und keine großen Menschen. Und damit meine ich nicht die großen Persönlichkeiten, die sich massenweise auf Banketten drängen.
Entlang einem der zahlreichen Bäche, die in Kaskaden in den Mekong stürzen, arbeitest du dich in den Dschungel. Hier soll es Pandabären geben. Worin besteht der Wert der Rettung dieser Tiere? Es ist bloß symbolisch, eine Beruhigung – der Mensch braucht diese Selbsttäuschung. Einerseits rettet er eine Art, die die Fähigkeit zu überleben verloren hat, andererseits beschleunigt er die Zerstörung der Umwelt, die es ihm selbst erst erlaubt, zu überleben. Diese intelligente, absurde Kreatur Mensch kann so gut wie alles ersinnen, von Raketen bis Retortenbabys und doch zerstört er zugleich täglich zwei bis drei Arten. Man glaubt, es gebe keine Steigerungsform von tot. Doch: ausgestorben.
Ein Vogel fliegt auf und lässt sich in dem Netzwerk der Zweige nieder. Eine Schlange stürzt dir zu Füßen von einem Baum. Wenn man Flug und Sturz nicht verfolgt hat, sind Schlange und Vogel kaum zu erkennen, ob sie da sind oder nicht hängt also nur davon ab, ob man ihre Ankunft beobachtete. Vorhanden sein und nicht wahrgenommen werden ist genau so wie nicht vorhanden sein. Du bist meist wie farbloses Wasser im Glas, das rot erscheint, wenn es vor etwas rotem steht und dunkel vor was Schwarzem. Du hältst dich für einen „Nievermissten“, vielleicht nur, weil du zu schnell reist. Wenn die Leute fragten, wo ist eigentlich der mit den Feuerstäben geblieben, bist du, ganz berauscht von dem Gefühl weder erwartet noch vermisst zu werden, schon wieder weg.
Vom Menschenfeind zum Tierfreund
Die Strömung lässt zu, dass man sich über lange Passagen hinweg einfach treiben lässt. Aus Langeweile Urlaubspost schreibst du nicht mehr. Früher bautest du in deine Urlaubsgrüße Zitate aus deinen Büchern ein, um durch die Reaktionen darauf zu erkennen, wer von deinen Freunden deine Bücher liest. Wenn überhaupt jemand Reaktion zeigt, dann durch Reserviertheit, seit er deine Vorlieben für Illegales kennt. Du liebst immer noch solche Tests, legtest neulich im Zugabteil mit einer hübschen Frau eines deiner Bücher mit deiner Fotografie auf dem Buchrücken auf den Tisch. Wartetest, bist jemand sagt: „Das sind doch Sie?“ Doch die Hübschen fragen das nie. Schon früher waren es immer die falschen Frauen, die dir zum Spaß den Hut verrücken oder an den Brusthaaren zupften. Immer die, denen du keine Chance geben wolltest. Heute kannst du froh sein, wenn dir noch keine jungen Frauen beim Gepäck helfen wollen oder gar einen Sitz freimachen. Bei Schönheit gar nicht mehr zu reagieren, geschweige denn zu agieren – ist das die Genugtuung abgewrackter Männer?
Jetzt im Boot kramst du dein Adressbuch heraus. Blätterst darin. Diese Ansammlung von Hinz’ und Kunz’ ist so sehr Maß und Mitte, so gleichgesichtig, dass du sie oft nicht einmal mehr nach Männlein und Weiblein sortieren kannst. Du hast noch niemand getroffen, für den du sterben wolltest, das Glück hattest du nie. Dich kotzen alle an. Du kannst es kaum erwarten, dass der Entsprechende vor dir stirbt, versuchst ihn sogar dazu zu bringen. Du wartest geradezu auf Krebsdiagnosen jener Lebensabschnittsbegleiterinnen, auf die du dich nicht ernsthaft einließt. Du stellst befriedigt fest, dass Frauen, die dich verschmähten, jetzt ihre in die Achselhöhlen wuchernden, zelluliten Hüften vor Fettleibigkeit kaum bewegen können. Bist du überhaupt noch menschlich?
Das eigene Spiegelbild findet man oft noch passabel. Weit realistischer sind da Foto und Film. Du beginnst dein Foto im Reisepass zu betrachten. Zuerst denkst du, ein charmantes Lächeln, dann siehst du, das Lachen in den Augenwinkeln sei eher spöttisch, hochmütig und abweisend, aus Eigenliebe und einem Gefühl der Überlegenheit herrührend. Doch plötzlich stellst du eine Art Kummer fest, begleitet von einem Ausdruck tiefer Einsamkeit und einem vagen Entsetzen, eine gewisse Bitterkeit zeichnete sich darin ab. Dies ist bestimmt nicht das Gesicht eines Gewinners. Du hängst seit Jahren in der Warteschleife zum richtigen Leben, das nun hoffentlich bald losgeht. Gegenfrage: Mit wem? Weil du kaum noch platonische Freundinnen hast, kennt deine Erwartung an eine temporäre Gefährtin auch kein Maß. Es ist nie die Durchschnittsfrau, für die du dich interessierst.
Es ist noch nicht so weit, dass an den Orten, an denen du dich bewegst, die scheintoten Transvestiten dir keine Beachtung mehr schenken, noch nicht! Die allgegenwärtigen Adressentauscher, die dann irgendwann einmal in ‚Germany’ aufzutauchen gedenken, werden immer schäbiger. Deine noch nie stark ausgeprägte Anziehungskraft auf Frauen macht nun einer für Tiere Platz. Vor allem einäugige Katzen und dreibeinige Hunde, vor denen sich die Menschen ekeln, finden ihren Weg zu dir. Du selbst bist wie ein verletztes Tier, das jeder meidet. Eine Art humpelndes Wildschwein. Du liebst plötzlich Geckos, diese glucksenden Reptilien, die jedem Naturgesetz trotzend an der Zimmerdecke hängen und Moskitos jagen. Wie sollte man sie nicht lieben, diese lustigen, einsamen Jäger?
Am Ziel und gleichzeitig am Ursprung einer Reise
Erst im Dunkeln, völlig erschöpft – du wolltest ja das Mitnahmeangebot eines Ausflugbootes auf den letzten 26 Kilometern nicht annehmen – erreichst du Luangprabang. Auch hier wird die Dunkelheit ebenso gefürchtet wie das Meer, Seen und Flüsse. Gegen Nacht- und Wassergeister helfen Lärm und Licht. Wo Muezzin-Gebrüll vom Minarett oder die nächtlichen Gongs der buddhistischen Mönche nicht praktiziert werden, sorgen Karaoke-Bars mit Straßenbeschallung oder extra laut gestellte Bootsmotoren für den nächtlichen Lärm. Ja, denkst du, es gibt einen janusköpfigen Wassergeist. Er ist bereit, den organischen Müll der Menschen in seinen Flüssen zu schlucken, schleudert ihnen aber ihr Styropor und Plastik an die Küsten zurück. Das erinnert an Trapperstationen im hohen Norden. Wie in einer Müslipackung immer die Rosinen und Nüsse nach oben geschüttelt werden finden sich hier Knochen und Sargteile an der Erdoberfläche. Ein Friedhof im Permafrostboden, der zyklisch gefriert und taut, ist keine gute Idee. Ebenso Styropor als Verpackungsmaterial.
Du bist am Ziel deiner Reise, gehst in eine Herberge, in der du nicht lange bleiben wirst. Du stiegst selten irgendwo für länger als für eine Nacht ab, wie jemand, der eine Reise völlig ziellos immer weiter fortsetzt, sich tagaus tagein nur treiben lässt. Die Bewegung des Suchens wird zum Selbstzweck, das Gesuchte gleichgültig. Du bist ein Schnellreisender, weil du auf Freakshows stehst. Der eigentliche Freak bist du. Wie sonst ist zu erklären, dass ausgerechnet jene Gasthäuser, die du in Reiseführer auswählst, bei deiner Ankunft gar nicht mehr existierten? Wie kann man nur deshalb Vegetarier werden, um das lästige Studieren von Speisekarten zu verkürzen? Ist es nicht freakhaft in Südostasien plötzlich auf Blondinen abzufahren? Du trinkst keinen Alkohol und wo du auch hinkommst, du hältst dich überall ein wenig abseits auf, beobachtest nur.
Du wählst derart spartanische Hotels aus, dass sich nicht nur der Besitz eines Universal-Stöpsels und eines Stromadapters, der aus einer Glühbirnenfassungen Steckdosen macht, bewährt, sondern auch das Mitführen von Nägeln, um diese als Kleiderhaken in die Wand zu schlagen. Dielen knarren in den oberen Etagen. Alles kahl und verstaubt, zerrissene Spinnweben im Türrahmen und vom Türsturz rieselt der Staub. Keine Fliegengitter. Die Toilettenspülung funktioniert nicht und die Dichtungen sind defekt, auch Papier und Handtücher fehlten. Aus keinem der Hähne kommt Wasser. Auf dem weißen Porzellan der Klosettschüssel sind rostrote Ringe, an denen man sieht, wie die Brühe, die einst in dem Becken gestanden hatte, langsam ausgetrocknet war.
Übler noch die speckigen Kopfkissen und Schlafmatten, deren Fauna unter den schmierigen Laken zuckt, ein Biotop inklusive Flohstich-Souvenirs. Willst du dich waschen, musst du die Dunkelheit abwarten, um dich dann im winzigen, feuchten Hof umzuziehen, und Wasser mit einer Schüssel über den Kopf zu schütten. Im Halbdunkel deines Zimmers ist kaum etwas zu erkennen, nur, dass es einem Taubenschlag ähnelt. Dein Kopf stößt fast an die Decke. In diesem Raum kann man sich nur hinlegen. Der Spiegel über dem Waschbecken ist zerbrochen – er wirft ein schiefes, zerschnittenes Gesicht zurück, eine Dämonenfratze. Die Rezeptionisten sehen diesem Gesicht an, es will das billigste Zimmer, genau so wie der Mann vom Motorradverleih ahnt, du willst die älteste Mühle, nur um noch zwei Euro zu sparen. Der Vorteil: Du wirst nur noch selten betrogen, zu abgebrüht wirkt deine Visage selbst auf den fiesesten Halsabschneider vor Ort. An Orten mit derartigen Erkenntnissen wünschst du dir am dringendsten ein Fenster und dahinter einen freundlichen Raum und jemanden, den du lieben kannst und der dich liebt, das wäre genug, alles andere wäre vergeblich und falsch. Die Seligkeit, sich geliebt zu fühlen, mildert jeden Schmerz. Stattdessen diese Absteigen, in denen selbst unsensible Männer begreifen, warum Frauen, nicht in jedem Loch Wollust empfinden können. Absteigen, durch deren Korridore die Insassen beschämt mit gesenktem Kopf huschen.
Also nimmst du beim nächsten Mal ein besseres Hotel. Die meisten der Gäste sind dunkelgesichtige Männer mit aus der Mode gekommenen Kleidern oder affektierte Bürschchen mit grellen Hemden und ihre Flittchen, übertrieben geschminkt mit Glitzerschmuck behängt. Nur keinem Bekannten begegnen! Nur niemanden kennen lernen, den man wiedersehen könnte. Eigentlich egal. Man trifft beim Reisen ohnehin keine Geistesgrößen. Stattdessen diese Fragen, die man meiden sollte: Wo kommst du her? Wohin gehst du? Was ist dein Job? Wie lange bleibst du? Mit der letzteren will man herausbekommen, ob ein Gespräch mit dir überhaupt lohnt. Am Bahnsteig oder Flug-Gate sucht man ja auch keinen Freund fürs Leben.
Nach 11 Stunden in einem Flieger voller Thrombose-Strumpf-Träger, zurück im Land der Graupelschauer und ignorierender Blicke, dass deine überteuerte Heimat ist, stehst du vor deiner Wohnung und weigerst dich minutenlang aufzuschließen. Drinnen kramst du ein paar Ansichtskarten hervor, adressierte sie an drei auf der Reise liebgewonnene Menschen: „Grauenvolles, Essen, doofe Leute, mieses Wetter, kein Meer. Hier bleibe ich nicht lange. Grüße aus München.“
Robert Mohr, Vientiane/München 2009