Malaysia Reisebericht:
Borneo - Orang Utans und andere Affen

31. 3. 07 Samstag Anreise
Meine Reisegruppe nach Borneo mit den Colibris heißt diesmal Regine – Punkt.
Als wir in Kuching landen, ist es 10.10 Uhr. Ein Fahrer und der Reiseleiter (RL) Tom erwarten und schon. Bis zum Hilton sind es nur 20 Minuten. Eigentlich wollten Regine und ich schnell duschen und dann "downtown" gehen, doch als ich sie anrufe, jammert sie, wie schrecklich müde sie sei. Jetzt müsse erst mal schlafen.Ich hatte das bereits im Flieger erledigt, war fit für den neuen Tag am Zielort und abenteuerlustig.
Meinen Koffer hat Malaysia Airlines zwar in Frankfurt stehen lassen, doch in meinem Handgepäck-Rucksack finde ich bis auf leichte Schuhe alles Nötige für den 1. Urlaubstag. In den von Regine geborgten Trekkingsandalen marschiere ich runter zur Uferpromenade am Sarawak-Fluss.
Es ist knallheiß. Kleine Fähren dümpeln auf dem Wasser, Fressbuden mit Tischchen entlang der Promenade, alles recht idyllisch - vom Verkehrslärm mal abgesehen. Ramschläden für den Touri-Geschmack mit Holzfiguren, geflochtenen Taschen, T-Shirts und den unvermeidlichen geschnitzten Salatbestecken. Ich gehe trotzdem rein, suche aber nur Flipflops, finde sogar welche in Größe 41 für "stolze" 2.90 Rangitt (RM) = 0,60 €. Auch das Deo mit Zederngeruch aus lokaler Produktion reißt mit 3,40 RM ein großes Loch in meine Reisekasse :-))
Als ich mich am Flussufer vor einer der geschlossenen Buden niederlasse, um das Panorama aufzusaugen, fängt es an, wie aus Eimern zu kübeln. Durch den dichten Regenvorhang ist das andere Ufer nicht mehr zu sehen. Nach 15 Minuten nieselt es nur noch. Ich gehe weiter. Kuching (Stadt der Katzen) soll ein Katzendenkmal haben. Ich finde es in der Nähe des Hotels und für meinen europäischen Geschmack grauenvoll kitschig. Zumindest werden diese Tiere dann hier wohl nicht im Kochtopf landen. Auf dem Weitermarsch gerate ich in eine Ausstellung einheimischen Kunsthandwerks. Wieder geflochtene Täschchen und Krimskrams, vor dem es mich nur gruselt. Aber im Innenhof liegen Batik-Arbeiten, die ich durchblättere und mir letztlich ein Raflesia-Motiv aussuche (10 RM), ahnend, dass ich dieses stinkige Ungetüm auch in diesem Land leider nicht zu Gesicht bekommen werde. Außerdem bieten die Frauen rainforest tea an für fast unerschwingliche 1,80 RM, den ich mir später im Hotel schmecken lassen werde. Ich lasse mich durch die Stadt treiben wie ein ankerloses Boot, lege immer wieder Sitzpausen ein, um die Menschen zu beobachten, wie sie miteinander umgehen, ihre Sprachmelodie zu belauschen. Wenn ich ihre Worte schon nicht verstehe, möchte ich wenigstens heraushören, wie Erstaunen, Freude, Ärger klingen. – Nein, Ärger würde man hier wohl gar nicht zum Ausdruck bringen. Das gehört sich vermutlich nicht.
Ich ärgere mich trotzdem, weil es bald 18.00 Uhr ist und ich wieder zum Hotel muss. Wir sind zum Abendessen mit unserem RL verabredet, der die nun ausgeschlafene Regine und mich zum "Topspot Seafood" führt, das ich vorhin auch schon gesehen hatte. Der Reis mit Garnelen, Fisch in süßer Soße und Gemüse ist lecker. doch die Atmosphäre des großen Freiluftlokals ähnelt der in einem Bahnhofsrestaurant. Eine Bude am Flussufer wäre vielleicht gemütlicher gewesen.
1. 4. 07 Sonntag
8.30 Uhr Abfahrt mit Minibus und Boot zum BAKO Nationalpark. Nach einer nassen Landung bewundern wir die am Rangerhaus herumlaufenden Bartschweine, die zwar keine Hauer haben wie die Warzenschweine in Tansania, dafür aber einen langen Steckdosen-Rüssel, der nackt aus ihrem Pelz hervorguckt und ziemlich albern aussieht.
Wir wandern über Holzstege und Baumwurzeln zu einem Strand, der laut Plan ein Bad im Meer verspricht, das wegen Ebbe aber ausfällt. Recht Schweiß treibende Angelegenheit. Vorerst keine Tiere, auch nicht die versprochenen Nasenaffen.
Gegen 14.30 Uhr sind wir zurück am Rangerhaus und bekommen unser Luchpaket: Reis und Nudeln. Makaken filzen die Papierkörbe. Ich stehe daneben, schaue dem Treiben zu. Ein männliches Tier will mich verscheuchen, bleckt die Zähne. Ich bleibe standhaft, zeige auch meine Zähne. Er zieht Leine.
Eine Stunde später laufen wir auf den Holstegen noch einmal in den Mangrovenwald und sehen endlich Nasenaffen. Leider sitzen die Tiere in den Bäumen zu weit weg, um sie zu fotografieren, aber durchs Fernglas sehen die Männchen mit ihren obszönen Gurken im Gesicht zum Piepen aus. Die Weibchen ziert ein eher flacher, schnippisch himmelwärts gerichteter Riechkolben.
Verschwitzt und dreckig kehren wir nach Kuching zurück, duschen nur schnell, ziehen uns um und gehen dann shoppen. Regine braucht noch einen sarong und ich Wasser und Nüsse als Wegzehrung für den morgigen Tag.
Zum Abendessen gehen wir zu einer Bude am Ufer des Sarawak. Ich bestelle mir einen Suppentopf mit shredderd chicken.
2. 4. 07 Montag
Wir verlassen Kuching gegen 8.00 Uhr und bekommen neben einem neuen Fahrer, Moussa, auch einen weiteren RL, einen Chinesen, der sich uns als Along vorstellt. Eigentlich heiße er Gu Keng Kong, sagt er, aber………. Ich ahne bereits, was jetzt kommt. Er sei es leid, immer King Kong genannt zu werden.
Über eine erstaunlich gute Straße fahren wir 1 ½ Stunden westwärts, machen unterwegs halt in einem Dorf, um Wasser zu kaufen und auf einem Markt eine Tüte voll Obst, das lächerlich preiswert ist: 1 Ananas (1 RM), eine Hand Bananen (1 RM), 1 kg Orangen (3 RM).
Ziel ist heute zunächst das Semenggoh Orang Utan Rehabilitationszentrum im BATANG AI Nationalpark (NP). Gleich bei der Ankunft schlurft eine Orang Mutter mit ihrem 3jährigen Sprössling über die Straße. Na, das fängt ja gut an, denken wir – nicht ahnend, dass diese beiden Tiere hier die einizgen sein werden, die wir beobachten können. Die Fütterungszeiten sind für von 9.00 bis 10.00 Uhr und noch einmal nachmittags von 15.00 – 16.00 Uhr angesetzt.
Am NP-Eingang gibt es ein briefing, einen Verhaltenskodex: Verbot von Blitzlichtern und leise sein. Da auch Kleinkinder zugelassen sind (in Uganda/Rwanda bei den Gorillas erst ab 12 Jahren) dürfte das mit der Stille schwierig werden.
Wir gehen in den Wald hinein und stellen und in großer Entfernung von einer Fütterungs-plattform auf, auf der schon Obst und Gemüse ausgelegt sind. Die Lockrufe des Rangers verhallen im Wald, kein einiger Orang erscheint. Nur die Mutter mit dem Sprössling kommt von der Straße durch den Wald gelaufen - auch nur mit Bananen angelockt – und zeigt sich dem Publikum, das sich nun voll mit den Fotoapparaten auf diese beiden stürzt. Einmal wird die Mama deshalb etwas grantig und startet einen Scheinangriff, vor dem alle schnell zurückweichen. Da die Lichtverhältnis miserabel sind, begnüge ich mich mit einem Foto des Inhalts der Futterschüssel: Süßkartoffeln, Kokosnuss, Bananen und Möhren, wobei ich mich frage, wie ein ausgewilderter Orang Utan in seinem neuen Habitat an Mohrrüben herankommen soll. Ende der Vorstellung. So touristisch hatte ich mir das nicht vorgestellt und bin etwas enttäuscht.
Weiterfahrt bis zu einem Bootsanleger auf einem Stausee. In einem Langboot fahren wir 25 Min. bei Regen bis zum Batang Ai Resort, einem Ableger der Hilton-Kette mit entsprechend fürstlicher Ausstattung. Die Unterkünfte, am Rand eines Hügels gelegen, sind einem Langhaus nachempfunden: Je 8 Zimmer in einem Haus, deren Türen zunächst in eine große Vorhalle hinausgehen. Von dort gelangt man auf eine schmale Veranda mit wunderschönem Ausblick auf den See. Erinnerungen an die Ndali Lodge in Uganda kommen hoch.
Das Abendessen lassen wir ausfallen, essen auf der Veranda unser Obst, schmeißen die große Guave vom Markt (noch total unreif) nach dem Probieren in die Botanik und genießen im Liegestuhl den herrlichen Sonnenuntergang.
3. 4. 07 Dienstag
Eine Bootsfahrt von 50 Min. bringt uns zu einer Ranger-Station, wo RL Tom uns anmeldet, bevor wir noch einmal 30 Min. weiterfahren, um einen zerknitterten kleinen Mann abzuholen, der uns durch den Urwald führen soll.
Zwei Stunden lang laufen wir ihm hinterher, bekommen kein Tier zu Gesicht und kaum Erläuterungen, nur ein Blatt, das man als Schleifpapier benutzen kann. Sehr interessant. Wehmütig denke ich an Roberto in Costa Rica, der auf unseren Wanderungen durch den Primärwald der Finca Curé überall stehen blieb, zeigte, lauschte, erklärte. Das waren immer spannende Führungen durch den Urwald. Wenn ich hier stehen bleibe, um die Größe der Blattschnipsel zu bestaunen, die die Blattschneideameisen abtransportieren, winkt der Führer gleich: Weiter! So bin ich fast froh, als ich endlich das Rauschen des Flusses höre, das signalisiert, dass wir unser Wanderziel erreicht haben: eine Geröllinsel am Ufer, wo fleißige Einheimische schon ein Mittagessen für uns vorbereitet haben, das in dicken Bambusröhren auf einem Holzfeuer gegart ist – Reis mit Hühnchen und Gemüse. Einfach, aber sehr schmackhaft.
Als immer mehr Touristen eintreffen, ist der Platz schnell überfüllt und laut. Gut, dass Regine und ich nur eine Mini-Reisegruppe sind. So packen wir einfach unsere Sachen wieder ins Langboot und suchen uns eine andere Steininsel, wo wir ungestört baden und uns ausruhen können.
Die Rückfahrt zum Resort ist wieder von einem heftigen Tropenregen begleitet, mein Poncho daher sehr nützlich.
Regine legt sich erst mal hin. Ich dusche, ziehe mich um und wandere zum Ende der kleinen Halbinsel des Resorts, suche am Boden, in den Sträuchern nach Insekten, kleinen Reptilien und genieße einfach die Stille.
4. 4. 07 Mittwoch
Frühstücken dürfen wir heute nach Belieben, weil wir erst um 10.00 Uhr zu einem Nature Trail aufbrechen.
Der kleine Mann, der sich als unser Führer vorstellt, entschuldigt sich gleich für sein schlechtes Englisch, da er nur eine Basis-Schulausbildung habe. Er zeigt uns die Ratan-Pflanze, von er es mehrere Sorten gibt, haltbare und weniger haltbare.
An Grab eines Iban-Häuptlings bleiben wir stehen und hören etwas über die für unser Gefühl reichlich gruseligen Begräbnissitten der Iban. Ein Jahr nach dem Tod, werden der Leichname wieder ausgegraben, die Knochen von Fleischresten gesäubert und abermals begraben. Geschenke auf dem Grab reichen von kleinen Geldbeträgen, Nahrungsmitteln bis zu Fläschchen mit Hochprozentigem . . . für ein fröhliches Prost im Jenseits.
Mein Highlight dieser Wanderung eher die Hängebrücke – die längste, über die ich je gewackelt bin. Da vor und hinter mir auch Leute versuchen, das Gleichgewicht zu halten, ist das eine ziemlich kippelige Angelegenheit, und ich bin trotz des Sicherheitsnetzes auf beiden Seiten froh, dass die Brücke irgendwann zu Ende ist. Dort dürfen wir noch einen Hochstand erklimmen, der außer einer wenig spektakulären Aussicht nichts zu bieten hat. Und das war's dann auch schon.
Um 12.00 Uhr holt uns ein Langboot ab und bringt uns in 30 Min. Fahrt zu unserem homestay bei einer Iban-Familie. Die Idee ist gut, Touristen mal nicht in Luxusunterkünften abzuladen, sondern bei Einheimischen, die auf diese Weise nicht nur am "Kulturaustausch" teilhaben (profitieren mag ich nicht sagen, weil sich der auch nachteilig auswirken kann), sondern auch ein kleines Nebeneinkommen erzielen, mit dem Kleidung beschafft – und Schulsachen bezahlt werden können.
Vor der Anreise nach Batang Ai hatten wir deshalb in einem Dorf nach Gastgeschenken gesucht. Tom empfahl uns, Schulhefte und Stifte zu besorgen. Als wir in einem Geschäft danach suchten, fragte der Ladeninhaber gleich zurück: "Wie viele Türen?" Etwas irritiert frage ich, was ein Gastgeschenk mit der Anzahl von Türen zu tun? Dabei ist die Erklärung ganz einfach:
Wir wohnen zwar nur bei einer Familie (die übrigens der Häuptling bestimmt, damit alle mal in den Genuss eines Zubrots kommen), aber zu Gast sind wir schließlich bei allen Familien des Langhauses. Sie wohnen Tür an Tür nebeneinander, jede Familie hat ihre eigene Wohnung, aber alle gehören schließlich zur community, der Dorfgemeinschaft, und jede Familie hat Anspruch auf ein kleines Geschenk. Vereinfacht wird das Schenken allerdings dadurch, dass die Gaben dem Häuptling gesammelt übergeben werden, der sie dann später verteilt an seine „Untertanen“ verteilt.
Wir kaufen also einen Packen Schulhefte samt Bleistiften und Anspitzern. Zusätzlich hat Regine noch ein Meridian-Heft über Dresden mit vielen bunten Bildern mitgebracht und ich zwei Malbücher mit Buntstiften und 3m bunt bedruckten Stoff, den ich vor Jahren auf den Komoren gekauft hatte, um daraus einen Pareu oder Sarong zu machen.
Als wir im Dorf an Land gehen, werden wir von einer verwitterten Holzfigur begrüßt, die mich stark an einen Moai Kava Kava der Osterinsel erinnert. Während der wenigen Schritte durch die Dorfstraße machen die wackeligen, mit Wellblech gedeckten Gebäude einen etwas trostlosen Eindruck auf mich. Bei starkem Regen dürfte hier mit Schlammlawinen zu rechnen sein.
Wir betreten "unser" Langhaus durch eine kleine Holzpforte – die Schuhe werden draußen abgestellt - und laufen barfüßig zur Wohnung unserer Gastgeber, vorbei an Kunsthandwerk, das die Frauen auf dem hölzernen Boden auf Matten ausgebreitet haben – wohl die zweite Einnahmequelle, wenn Touris zu Besuch kommen. Verständigung mit ihnen ist zunächst nicht möglich, nur Lächeln und Händeschütteln. Später werden Álong und Tom Dolmetscherdienste leisten.
Die Wohnung unserer Gastgeber besteht hauptsächlich aus 2 Räumen – einem Wohnzimmer, dessen Mitte frei ist. Am Rand stehen ein paar Stühle und Sessel, eine Kommode und der unvermeidbare Fernseher, der hier aber nicht eingeschaltet ist. Tagsüber gibt es eh keinen elektrischen Strom, und so schläft die Glotze unter einem Häkeldeckchen.
Dahinter beginnt die Küche mit roh gezimmerten Holzregalen, einer Spüle und einem Propangasherd, an dem sich Tom und Álong auch gleich zu schaffen machen. Wir Gäste dürfen uns erst einmal umsehen, gucken beim Gemüseschnippeln zu, setzen uns zu der Frauenrunde auf den Fußboden, wo auch der reich tätowierte Hausherr erscheint, der die Insignien seiner Macht auf dem blanken Oberkörper bestaunen lässt.
Draußen vor dem Langhaus geht es wenig aufgeräumt zu. Stapel von Holz und Reis sind unter Planen zum Trocknen ausgelegt. Dazwischen Wäscheleinen und zwei an sehr kurzen Schnüren angebundene Kampfhähne vor leeren Fress- und Trinknäpfen. Die Tierschützerin in mir sieht sofort eine Aufgabe: Diese Tiere brauchen Wasser! Sie schlürfen es dankbar und lange. Der Durst muss groß gewesen sein.
Zum Mittagessen gibt es Hühnchen und Tilapia mit Reis, grünen Bohnen und Ocra, diesem stangenartigen Gemüse, das beim Kochen ziemlich schleimig wird. Gegessen wird natürlich auch auf dem Fußboden. In der Mitte alle Schüsseln mit den Zutaten samt Tee und Wasser – wir außen drum herum, fangen mit Hilfe unserer Dolmetscher bereits an, neugierige Fragen zu stellen. Die Unterhaltung kommt in Gang, es wird viel gelacht.
Nach dem Essen ist der Gang zur "Shopping-Meile" vor der Haustür Pflicht. Während wir uns auf Anraten von Tom züchtig in langen Hosen und langärmeligen Hemden bewegen, dürfen die Frauen in schulterfreien Sarongs herumsitzen.
Der Gebrauchswert des ausgestellten Kunsthandwerks mag für uns gering sein. Doch Regine und ich sind uns einig, dass wir aus Dank und Ehrerbietung vor unseren Gastgebern wohl um den einen oder anderen Kauf nicht herumkommen werden. Schwitzend in unseren langen Klamotten, spazieren wie einige Male durch das Langhaus um die Auslagen herum, verständigen uns lächelnd mit den Frauen und kaufen letztlich, der Gerechtigkeit zuliebe, an verschiedenen Stellen einige Kleinigkeiten: einen aus Holz geschnitzten Vogel, halb auf seinen Füßen, halb auf dem Schwanz stehend, und so plump, dass er schon wieder komisch aussieht und in meine Sammlung "schräger Vögel" passt. Er wird zu Hause seinen Platz auf meinem Fensterbrett im Arbeitszimmer finden als Schmunzel-Hilfe am Schreibtisch.
Außerdem erstehe ich die Miniaturausgabe eines Langboots, längsseits mit den Worten ver(un)ziert: Welcome to my Life . . . . . (andere Seite) … my Love. Na ja, das kann man zur Not übermalen, denke ich anfangs, finde dann aber, dass der 1. Teil der Botschaft etwas fast Philosophisches hat.
Der Tag neigt sich, die Frage der Abendtoilette steht an. Wir tun, was viele Dorfbewohner tun: Wir gehen runter zum See auf die breite Holzplattform, seifen uns ein und springen ins Wasser – allerdings relativ unzüchtig im Badeanzug. Die Iban, egal ob Mann oder Frau, bevorzugen die Plätze auf Baumstämmen, die in den See hineinragen. Dort sitzen sie fast in Wasserhöhe, lupfen ihre Sarongs, unter denen sie sich schamhaft, aber gründlich einseifen und dann ins Wasser gleiten lassen.
Bei einem der Sarong-Träger sind wir uns hinsichtlich des Geschlechts allerdings nicht ganz sicher: knabenhafte Figur, aber gezierte Gestik und ein Handtuchturban, wie ihn nur Damen mit langem Haar tragen, wenn sie der Badewanne entsteigen. Warum soll es nicht auch unter den Iban Transsexuelle geben? Wir hoffen, dass sie hier nicht ausgegrenzt werden.
Was ich aber überhaupt nicht leiden kann, ist die leere Shampooflasche, die ein Mann einfach in den See schmeißt. Demonstrativ fische ich sie vor seinen Augen aus dem Wasser und nehme sie mit, um sie später in eine Mülltonne zu entsorgen.
Im Wohnzimmer unserer Gastgeber hat man uns inzwischen 2 Matratzen samt Moskitonetz auf dem Fußboden ausgebreitet. Zu Bett gegangen wird aber noch lange nicht. Der beste Teil des Abends kommt erst noch.
Zunächst ein weiterer Rundgang durch die "Shopping-Meile". Noch zwei aus Pflanzenfasern geflochtene Untersetzer mit Tiermotiven, die mich wieder stark an Südamerika erinnern - eine Art Vogel wie der Tangata Manu der Osterinsel und zwei gehörnte Tiere, die von den Inkas stammen könnten.
Danach steht "gemütliches Beisammensein" auf dem Programm. Ich setze mich zum chief und löchere ihn mit Fragen zur Sozialstruktur, Aufgabenverteilung, Schulsystem im Dorf – alles hin und her übersetzt von Álong oder Tom. Kinder, Frauen gesellen sich zu uns, mustern mich, hören aufmerksam zu und lachen, als ich halb besorgt, halb empört bin darüber, dass es den Kindern hier freigestellt ist, zur Schule zu gehen oder nicht. Irgendwann kommt auch Regine dazu, die Runde wurde noch größer, wir überreichen unseren Stapel Gastgeschenke und ziehen uns an den Rand des Hauses zurück, um Platz zu schaffen für die nun folgende Tanzdarbietung, die – soweit von Männern vorgetragen – eher wild und lautstark daherkommt, weil kriegerischen Ursprungs, während die Damen sich äußerst grazil bewegen. Alle sind fantasievoll gekleidet in glitzernde Kostüme. Die Begleitmusik kommt von einer Art Xylophon, bestehend aus mehreren Glocken, wie Hütchen geformt.
Dann kommt, was man uns schon "angedroht" hatte: Die Aufforderung zum Mittanzen. Nur unvollkommen, aber zur Erheiterung unserer Gastgeber versuchen Regine und ich die Tanzschritte zu imitieren In der anschließenden Quassel-Runde wird dann der berüchtigte Reiswein oder noch schlimmer: Reisschnaps (holy water) serviert, der teuflisch in der Kehle brennt und ein schneller Zungenlöser ist. Nach dem 1. Glas schummle ich mich an dem Schnaps vorbei, trinke nur noch Wasser und kann so ungetrübten Blickes den anderen – einschließlich Tom und Álong – beim Besäufnis zusehen. Lustig auch das Angebot eines alten Mannes, Stehgreif-Legenden mit Gesang vorzutragen, von denen wir zwangsläufig kein Wort verstehen. Unsere Dolmetscher erklären, so lange sie noch zur Artikulation fähig sind, dass der Text von Liebe und Krieg handele.
Zwischen zwei Strophen räuspert sich der Vortragende immer und verlangt nach einem Schmiermittel für seine Stimme – holy water natürlich. Regine hatte sich bereits zurückgezogen, doch aus dem Zimmer ist ihre Stimme zu hören, die auf Englisch sehr ungehalten klingt und offenbar jemanden verscheuchen will. Ein Betrunkener hatte sich ihrer Matratze genähert und wäre wohl gern zu ihr unter das Moskitonetz gekrochen.
Unser RL-Team legt sich draußen zur Ruhe, oder genauer gesagt: der Rausch streckte sie beide dort nieder, wo sie zuletzt gesessen hatten und wir sie am nächsten Morgen schnarchend fanden.
Es wurde eine unruhige Nacht für Regine und mich, weil sich in einem der Nachbarzimmer jemand so die Lunge aus dem Hals röchelte, dass eigentlich eine Ambulanz nötig schien. Aber so was gibt es hier nicht.
5. 4. 07 Donnerstag
Vor dem Frühstück tapern wir wieder runter zum See, um uns frisch zu machen. Ist zwar etwas umständlich, aber genau das finde ich so klasse, mittenmang im dörflichen Leben. Wenn ich hier eine Aufgabe hätte, könnte ich mir gut vorstellen, länger zu bleiben. Das Dorf müsste dringend entmüllt - , die Bewohner zu mehr Sauberkeit im öffentlichen Bereich angehalten werden. Vor allen Dingen aber müsste ich dann erst einmal ihre Sprache lernen, was ich mit Vergnügen täte, um besser in die Dorfgemeinschaft eintauchen zu können. Ich fühle ich mich wohl unter den Menschen hier, die so viel miteinander lachen – definitiv nicht nur über uns komische Touristen – und muss an die köstlichen Berichte des britischen Ethnologen Nigel Barley denken, der in typisch humoriger Art über seine Forschungen in Afrika zu erzählen weiß. Auch ich würde hier bei längerem Aufenthalt bestimmt in so manchen Fettbottich latschen.
In der Küche hat man uns schon das Frühstück vorbereitet, das nicht viel anders aussieht als die übrigen Mahlzeiten, nur dass es mal Reis, mal gebratene Nudeln als Beilage gibt. Ist aber nicht so wichtig. Alles ist frisch zubereitet und verdient die Bezeichnung gesunde Ernährung. Mir schmeckt es jedenfalls.
Nach einem herzlichen Abschied fahren wir mit dem Langboot zurück zum Batang Ai Anleger, wo der Kleinbus auf uns wartet und uns in 4 Stunden über PUSA mit einer Fähre ins MALUDAM Schutzgebiet bringt zu unserer 2. Gastfamilie. Hier wohnen 4 Generationen unter dem Dach eines großzügigen Hauses, dessen Zentrum ein fast leerer Saal ist. Der Fernseher läuft. Nur in einer kleinen Nische am Eingang steht ein Tisch, umrahmt von Polstersesseln, wo uns zur Begrüßung Kaffee serviert wird. Der Hausherr spricht gut Englisch, stellt uns seine alte Mutter vor, eine goldige Oma mit freundlichem Gesicht und lustigem Strickmützchen auf dem Kopf. Viele laute Kinder toben herum. Einige können noch gar nicht toben, liegen in Wickeltüchern, die per Spannfeder an der Decke befestigt sind. En passant zieht jeder mal dran, so dass die Kinderbettchen in Bewegung bleiben und der Inhalt Ruhe gibt.
Dann zeigt man uns unser winziges Zimmer, das ich mir mit Regine teilen muss, und das Moslem-Klo sowie die Waschgelegenheiten: entweder ein Zuber am Haus, frei einsehbar für jeden, der vorbeikommt, oder der Schuppen, wo eigentlich die Wäsche gewaschen wird.
Meinen Trolley lasse ich vor dem Zimmer stehen, weil wir drinnen aus Platzmangel eh schon nicht treten können. Dann brechen wir zu einer 3stündigen Bootsfahrt auf durch den Mangrovenwald, in dem ich zum 1. Mal Palmen sehe, die tatsächlich ihr Leben lang im Wasser stehen – Wasserpalmen halt. Das war dann aber auch schon die einzige Attraktion. Rechts und links vom Kanal sehr viel Grün, aber kein einziges Tier in Sicht, im Ergebnis also unbefriedigend.
Tom hatte es schon durchblicken lassen, dass er sich über unsere Reiseroute wunderte, weil er andere Touren desselben Veranstalters macht, wo es weitaus mehr zu sehen gibt. Auch von dem für übermorgen geplanten weiteren home stay verspreche er sich nichts – da gebe es ganz andere Ecken im Land, wo wirklich Tierbeobachtungen möglich seien.Vermutlich habe der 3. home stay nur die Funktion, die lange Fahrstrecke nach Miri nochmals zu unterbrechen.
Auch Regine äußerste Unzufriedenheit. Schließlich heißt die Reise "Orang-Utan-Tour", und wir hatten erst 2 Exemplare dieser Primaten gesehen.
Mit Landkarte, Papier und Stift zogen Regine Tom und ich uns in unser Zimmer zurück, hörten uns seine Vorschläge an, die gut klangen, aber auch die Stornierung bereits gebuchter Inlandsflüge bedeuteten. Handys werden hervorgeholt, die neu geplante Reiseroute abgecheckt und schließlich die Colibris in Berlin um ihr O.K. Gebeten. Man müsse das natürlich erst mit dem Chef besprechen und werde zurückrufen.
Inzwischen lassen wir uns auf dem Fußboden zum Abendessen nieder, das wieder sehr reichhaltig und lecker ist – u.a. Scampis, Fisch, viel Gemüse. Die Oma trägt jetzt ein anderes Wollmützchen, das auch wunderbar zu ihren wachen, lustigen Augen passt.
Später kommt der Rückruf aus Berlin: Alles klar, fahrt wohin ihr wollt, wir übernehmen die Kosten! – So viel zur Flexibilität unseres Reiseveranstalters. Das müssen andere erst einmal nachmachen!
Gemeinsam mit Tom erklären wir unserem Gastgeber die neue Situation. Er möge bitte nicht böse sein, dass wir nur 1 Nacht bleiben. Wir fühlen uns zwar sehr wohl in seinem Haus, möchten aber noch mehr von der Tierwelt Borneos kennen lernen.
Tom hängt noch eine Weile am Handy, um mit seinem Chef die Neubuchung der Flüge zu arrangieren. Gen Mitternacht gehen Regine und ich zufrieden schlafen.
6. 4. 07 Freitag
Für die morgendliche Körperpflege wähle ich das Waschhaus, stelle mich einfach in die große Plastikschüssel und spritze wie ein Vogel um mich.
Das Frühstück bei unseren Gastgebern besteht aus Küchlein mit süßer Füllung und findet wohl ausnahmsweise mal am Tisch statt. Danach rüsten wir uns für einen langen Fahrtag.
Bis Miri können es 10 Stunden werden.
Stünde das von vornherein so auf dem Plan, würde ich es wohl als Zumutung empfinden. Aber eine selbst gewählte Strapaze überstehe ich offensichtlich leichter. Für Tom und Álong, die sich am Steuer abwechseln, ist es ja auch anstrengend. Zum Mittagessen machen wir halt in einer chinesischen Kneipe am Straßenrand. Die anderen können schon wieder reinhauen, aber ich bin noch satt und begnüge mich mit einer Ananas. Zur Schonung unserer beiden RL legen wir noch einige Pinkel- und Zigarettenpausen und kaufen auf einem Markt einen Obstvorrat: Melone, Girimoya (je 3 RM), Möhren und Bananen.
Um 19.15 Uhr kommen wir in MIRI an und werden im Everly Hotel einquartiert. Das Zimmer ist mit allem ausstaffiert – Fön, Wasserkocher samt Kaffee- und Teebeuteln, sogar Bügeleisen. Wir machen es uns nach einer Dusche auf dem Balkon gemütlich, haben nach so einer langen Sitztour keine Lust mehr auf ein komplettes Abendessen und plündern lieber unsere Obsttüte.
Aber schon müssen wir wieder ans Packen denken, wenn auch nur für die eine Übernachtung in Mulu. Dafür genügen unsere Tagesrucksäcke. Unser Hauptgepäck bleibt im Everly Hotel.
7. 4. 07 Samstag
Üppiges Frühstück im Hotel in aller Ruhe. Joghurt, Lychees und die ähnlich aussehenden Lonang, Glasnudeln und Chilischoten – eine etwas unorthodoxe Zusammenstellung.
Eigentlich wollten wir noch schwimmen gehen, doch Regine tut sich mit dem Packen ihres Sturmgepäcks etwas schwer. Da sie sich per Telefon nicht meldet und ich sie auch nicht hetzen will, ziehe ich – ohne Badeanzug – allein los runter zum Meer und finde das vor, was man einen "Naturstrand" mit dem üblichen Müll nennt. Nicht sehr einladend und zum Baden eh nicht geeignet, weil gerade Ebbe ist und sich das Wasser zum Horizont verkrümelt hat.
Um 11.45 Uhr checken wir aus und fahren zum Flughafen Miri, der klein und übersichtlich ist. Die ersten fertig geschriebenen Postkarten werfen wir ein und sorgen an einem Stand gleich für Nachschub – ich auch deshalb, weil ich bereits ahne, dass meine Orang-Fotos diesmal nicht so toll werden wie die von den Gorillas. Mit 20 Min. Verspätung fliegen wir um 13.10 Uhr in einer Fokker 50 (48 Sitzplätze) Richtung MULU. Die Flugzeit beträgt nur 25 Min., die Flughöhe ist gering und bietet schöne Ausblicke aus dem Fenster.
Unsere Wanderung beginnt gleich am Flughafen und führt zu 2 Höhlen, der LANGS CAVE und der DEERS CAVE. Endlich wieder Primärwald, dichtes Unterholz, viele umgestürzte Urwaldriesen! Leider führt der nur 3,5 km lange Weg meist über Holzstege oder gar Beton. Schmetterlinge tanzen in der Luft, darunter auch der schöne James Brook Birdwing Carterpillar.
Mehrere von ihnen sammeln sich seltsamerweise an einer bestimmten Stelle. Sofort fallen mir Bilder aus dem Manú NP ein, wo ganze Schwärme von Schmetterlingen Mineralstoffe aus dem Lehmboden zu saugen schienen. Na klar! Auch hier im Urwald herrscht Nährstoffmangel. Aber was gibt es da auf dem Beton so Leckeres? Eine kleine Pfütze ist alles, was ich sehe. Dann dämmert es mir langsam: Hier hat entweder ein Wildtier oder ein ♂ homo sapiens hingepinkelt, und die Schmetterlinge rüsseln nun die Salze auf.
Das komische Insekt mit dem Rüssel, das an der Baumrinde klebt, hätten wir ohne Tom glatt übersehen – ein Baumwanze (lantern flie). Am Boden hat derweil eine Eidechse Beute gemacht, eine Riesenmotte. Sie beißt hinein, stutzt und lässt die Motte wieder fallen, die wohl doch nicht so lecker ist wie sie aussah.
Beide Höhlen sind schwach, aber ausreichend beleuchtet, so dass man keine Taschenlampe braucht. Stärkeres künstliches Licht würde das Algenwachstum auf den Steinen zu sehr fördern. Die Formationen der Stalaktiten und Stalagmiten sind sehr eindrucksvoll.
Nur ein paar Schritte entfernt der Eingang zur Hirsch-Höhle. Ein Gewölbe so hoch und groß, dass eine ganze Kathedrale darin Platz hätte. Auch hier laufen wir auf Holzstegen, die Wanderschuhe überflüssig machen. Die Felswände am Eingang, wo noch genügend Licht vorhanden ist, sind bewachsen – mit Palmen, wie Tom meint, er habe nur deren Namen vergessen. Die alte Urwäldlerin in mir aber weiß es besser: Das sind keine Palmen, sondern Baumfarne, die zu den erdgeschichtlich ältesten Pflanzen gehören.
In der Höhle gibt es gute Hinweistafeln mit verständlichen, ja zum Teil lustigen Erklärungen in Englischer Sprache. So macht Information richtig Spaß – wenn man sich die Zeit zum Lesen nimmt. Die skurril geformten Feldwände regen die Phantasie an und bedürfen keiner Erklärung. Sie kommen mal rund, mal eckig oder spitz, mal scheiben- oder orgelförmig daher und sind ein wahres Wunderwerk der Natur. Die 2 – 3 Millionen Fledermäuse, die in dieser Höhle wohnen, sieht man nicht, doch man hört ihre Klicklaute, mit denen sie permanent schwätzen.
Der Holzsteg endet auf einer Empore vor dem Höhlenausgang, der zu Fuß nicht zu erreichen ist. Dort, wo Trafokabel am Geländer entlangführen, sitzt eine schier winzige, fast durchsichtige Nackt-Fledermaus, keine 5 cm groß, schrumpelig und dürr wie getrockneter Fisch. Ihr Nano-Schwänzchen, dünn wie eine Nähnadel, bedürfte zur genaueren Betrachtung einer Lupe. Wir sind entzückt von diesem Winzling. Er macht uns sogar die Freude, sich im Schein unserer Taschenlampe mit einem Beinchen unter dem Bauch zu kratzen und dann noch kurz eins seiner Flügelchen auszustrecken. – Putzig!
Es ist inzwischen fast 18.00 Uhr. Wir laufen zum Eingang zurück und bleiben dort stehen. Die rechte Felswand, gegen den Himmel betrachtet, hat genau die Form des Profils von Abraham Lincoln. Für die Fledermäuse wird es Zeit, die Höhle zu verlassen, um auf den abendlichen Beutezug zu gehen. In Gruppen von einigen hundert Tieren schwärmen sie aus, bilden oben am Höhlenbogen erst eine lose Formation, dann einen konzentrischen Ring, ähnlich einem Fischschwarm, der sich wie auf ein heimliches Kommando plötzlich zu einer Schlange auflöst oder zur Form eines Bumerangs, bevor sie endgültig wegfliegen und Platz machen für den nächsten Schwarm mit derselben Flugshow. Das Spektakel wiederholt sich bis zum Einbruch der Dunkelheit. Wir schauen gebannt zum Himmel und sind fasziniert.
Regelrecht finster ist es, als wir zurück wandern – ich etwas vorn weg, weil ich auf dem Weg mit den Geräuschen der Frösche und Zikaden im nächtlichen Urwald mal allein sein möchte. Besonders die Zikaden würde ich anderen Orts wegen Lärmbelästigung verklagen. Zirpen kann man das nicht mehr nennen. Der Radau, den sie mit ihren Hinterbeinen machen, ähnelt eher dem Motorenlärm in einer geschlossenen Fabrikhalle.
Nun ist es Zeit, unser Quartier zu beziehen im feudalen Royal Mulu Resort. Der Mini-Bus fährt uns in 3 Min. dort hin. Wir werden mit O'Saft und kühlen feuchten Tüchern begrüßt. Der Weg zu unseren Bungalows ist weit weg vom Speisesaal und der Rezeption. Ein geradezu riesiges Zimmer erwartet mich – viel zu schade für nur 1 Übernachtung. 2 Betten, Wasserkocher mit Tütchen, was ich immer häufiger zu schätzen weiß, sogar eine vom Klo abgetrennte Dusche, die nach dem langen Tag jetzt überfällig ist.
Einen kleinen überdachten Balkon haben wir auch.
Wir treffen uns auf meinem, lassen das Abendessen sausen und schwärmen über die herrlich saftigen Mandarin-Orangen aus unserer Tüte. Nur die große Girimoya ist buchstäblich eine herbe Enttäuschung.
Und schon wieder ist Kofferpacken angesagt.
8. 4. 07 Sonntag
Das Frühstücksbuffet im Royal Mulu Resort ist nicht ganz so üppig, der Joghurt wässrig, als Obst gibt es nur Melone, und die Soße zum Reis ist so süß wie heiße Marmelade.
Um 8.45 Uhr fahren wir mit dem Langboot ca. 50 Min. den Miri River entlang unter einer Hängebrücke hindurch, wo Tom an einer anderen Lodge schnell aussteigt und das für uns vorbereitete Picknick abholt. Danach ist es nicht mehr weit bis zur Windhöhle und Klarwasser Höhle (Wind- and Claerwater Cave). Beide sind riesige Gewölbe aus Sandstein mit ebenfalls skurrilen Felsformationen, die von den Führern gern als erotische Motive gedeutet werden, weil man wohl glaubt, das wecke besonders die Aufmerksamkeit von Touristen.
Die Kraft des Wassers, das einst die Gänge dieser Höhlen formte, muss gewaltig gewesen sein und imponiert mir viel mehr. Ich kann mir lebhaft das Erstaunen der ersten Forscher vorstellen, die diese Höhlen entdeckten.
Draußen herrscht tropisch-feuchte Hitze, drinnen ist es angenehm kühl. 480 Treppenstufen sind zur Clearwater Cave zu besteigen. Auf einem Rastplatz mit Tischen und Bänken unter schattigen Bäumen serviert uns Tom zum Glück zwischen den Höhlenbesuchen Kaffee aus einer Thermoskanne. Nur das Baden im Wasser, das aus der Höhle strömt, lassen wir lieber, weil der starke Regen der vergangenen Nacht die Sedimente hochgespült hat und das Wasser nun in schmutzigen Milchkaffee verwandelt hat. Dafür gibt es am Rastplatz einige Pygmäen-Eichhörnchen, nur 9 cm groß, die wir bei ihren hektischen Klettertouren beobachten können. Man sagt, sie und die Schmetterlinge seien die einzigen Tierarten, die nicht die Flucht ergriffen haben, seit die Touris hier massenhaft auftreten.
Nach dem Picknick (Reis mit Gemüse aus einer Lunchbox) fahren wir gegen 13.00 Uhr wieder Richtung Resort, halten aber nicht an deren Bootsanleger, sondern steuern eine unscheinbare Stelle am schlammigen Ufer an, wo wir an Land gehen. Die Fragezeichen in unseren Gesichtern, was das nun wieder soll, verschwinden sofort, als wir die Uferböschung hinaufklettern und sehen, dass wir nach Überqueren der Straße direkt vor dem Fughafeneingang stehen.
Der Flug zurück nach Miri ist für 14.30 Uhr angesagt. Doch Tom meint, in Malaysia sei es immer ratsam, lange vor der Abflugzeit zu erscheinen, weil die Airlines gern mal ein bisschen früher abfliegen als geplant. Und es passiert tatsächlich: Um 14.15 Uhr ist die Maschine voll, alle Passagiere sind an Bord, also fliegt man los. Das heißt, Regine und ich fliegen los. Für Tom war kein Platz mehr frei. Er wird erst morgen nach Miri fliegen und uns von dort nach Kota Kinabalu folgen. Wir jammern grinsend: Oh Gott! Was sollen wir bloß ohne unseren Reiseleiter machen?! Er "tröstet" uns, dass wir in Miri ja vom Fahrer Moussa abgeholt – und später auch wieder zum Flughafen gebracht werden, denn durch die Umbucherei haben wir einen Anschlussflug erst für 22.10 Uhr bekommen.
20 Min. später sind wir in Mulu und für den Rest des Tages heimatlos. Moussa wartet tatsächlich schon auf uns, hat unser Gepäck mitgebracht, das wir im Everly Hotel deponiert hatten. Damit verziehen wir uns nun erst mal in eine Ecke, wo das große Umpacken beginnt.
Als wir damit fertig sind, verkündet Moussa, dass wir unsere Koffer auch gleich einchecken können. – Sehr praktisch! So können wir nur mit unserem Handgepäck zur Stadtbesichtigung von Miri starten. Tom, der in Miri wohnt, hatte dem Fahrer schon ein paar Vorschläge gemacht – das Öl-Museum z.B. – aber danach steht Regine und mir nicht der Sinn.
Im Reiseführer haben wir gelesen, dass es einen Markt gibt, auf dem Produkte des Urwalds verkauft werden. Da wollen wir hin. Draußen am Eingang steht ein großes Plakat, auf dem alle Tiere abgebildet sind, die geschützt sind und deren Fleisch nicht angeboten bzw. gekauft werden darf. Na, hoffentlich halten sich auch alle dran! Alle Produkte sind zu ordentlichen bunten Stapeln aufgetürmt. Allein das macht schon Appetit. Lychees, Pitahaya (Drachenfrucht), Carambol (Sternfrucht). Am liebsten würde ich von allem etwas mitnehmen, doch das Gewicht meines Tagesrucksacks setzt der Kauflust Grenzen.
Anschließend besichtigen wir einen chinesischen Tempel mit 3 imposanten Buddhafiguren, deren Bedeutung uns leider ebenso verschlossen bleibt wie der ganze Pomp drum herum.
Regine zündet draußen auf dem Tempelvorplatz einige Räucherstäbchen an, was wohl auch mit Wünschen verbunden sein darf. In Cartago/Costa Rica habe ich das auch schon einmal (erfolgreich!) zelebriert, möchte mein aber mein Wunsch-Konto nicht überstrapazieren.
Inzwischen ist es 18.00 Uhr – Zeit für ein Abendessen, zu dem wir Moussa in ein Straßenlokal einladen. Lachs mit gebackener Kartoffel, Gemüse, frischer Limonensaft und Capuccino (18 RM = 3,70 €) Um 20.00 Uhr sind wir am Flughafen. Die Maschine ist fast leer und startet natürlich wieder 10 Min. früher als der Flugplan es vorsieht (22.10). Nach nur 30 Min. Flug landen wir in Kota Kinabalu, wo uns, wie Tom versprochen hatte, ein freundlicher Herr, der uns ins nahe gelegene und sehr noble Beverly Hotel bringt, wo wir beim Einchecken 100 RM (oder 20 $ oder 25 €) als Deposit hinterlegen müssen. Die bekommen wir später aber zurück.
Wieder ist alles vorhanden: Fön, Wasserkocher samt Kaffe- bzw. Teetütchen, Seife, Shampoo und …….ein ziemlich schmutziger Fluss mit vermülltem Hinterland.
9. 4. 07 Montag
Das Frühstück im Beverly Hotel ist vom Feinsten. Nichts, was es nicht gibt. Ich würde Tage Brauchen, um das ganze Angebot einmal durchprobiert zu haben. Heute entscheide ich mich für Bircher Müesli mit Sahne, Bananenkuchen und Zwiebelbrot.
10.30 Uhr Abfahrt vom Hotel
13.05 Uhr ab Kota Kinabalu
13.30 Uhr an Sandakan
Wir fliegen über das Chinesische Meer, in dem verstreut viele grüne Inselchen liegen, die zu erkunden sich bestimmt auch lohnen würde.
In Sandakan begrüßtt uns der Fahrer Gary und bringt uns gleich ins Sepilog Rehabilitation Center, wo um 15.00 Uhr die Nachmittagsfütterung der Orangs beginnt. Die Kasse öffnet aber schon eine Stunde früher und man darf bereits zur Fütterungsplattform laufen, wo manchmal einige besonders hungrige Orangs auf die Pfleger warten und derweil das Publikum mit Turnübungen und Grimassenschneiden "unterhalten".
Wir haben heute besonderes Glück, denn einige Orangs turnen in den Sträuchern am Wegrand herum – ideal zum Fotografieren. Ihre Kletterkünste sind sichtbar fortgeschritten, die Blätter schmecken ganz offensichtlich und unsere Nähe scheint sie auch nicht zu schrecken. Dann ist es Zeit für die Fütterung. Zwei kleine Orangs harren schon der Pfleger, die in Kisten Bananen und Zuckerrohr heranschleppen. Einer der Youngsters schnappt sich gierig 2 Bündel Bananen und verzieht sich damit eine Etage höher. Futterneid. Ihre Artgenossen erscheinen auch nach und nach. Einer greift mit dem Fuß nach einer Stange Zuckerrohr und hangelt sich zu einer kleinen Plattform am anderen Ende. Und als wüsste er, was wir Zuschauer sehen wollen, hält er mitten am Seil inne, damit wir schöne Standfotos von ihm machen können, guckt, ob wir auch gucken. Clowns sind sie alle.
Danach fahren wir mit dem Jeep die paar Meter zu unserem 1. Quartier, dem Sepilog Jungle Resort. Geplant war eigentlich das Nachbarhotel "Sepilog Nature Resort", aber da sind wir planmäßig erst für übermorgen gebucht. An der Rezeption des Jungle Resort weiß man allerdings nichts von unserer Ankunft. Nach einigem Hin und Her bekommen wir 2 EZ ohne Terrasse und dürfen morgen in zwei Balkonzimmer umziehen.
Zum Abendessen setzen wir uns in den open-air-Speisesaal, genannt "Banana Café", sehr hübsch gelegen an einem künstlichen See. Ein Ort zum Träumen und Genießen eigentlich. Doch am liebsten liefe ich jetzt zurück in den Wald, um zu schauen, wo die Orangs ihre Schlafnester gebaut haben. Aus Gründen der Sicherheit und wegen der Infektionsgefahr haben wir zu der Pflegestation keinen Zutritt, dürfen immer nur zur Fütterungsplattform. – Schade, aber verständlich.
Unsere Schlafnester haben fleißige Hände schon vorbereitet.
10. 4. 07 Dienstag
Als wir um 9.15 Uhr zur Orang-Plattform kommen, ist bereits der Teufel los. Ganze Busladungen drängen sich dort, überwiegend Engländer. Zur Morgenfütterung werden die Tagesausflügler der Umgebung zunächst hierher gekarrt. Einmal Orang Utans angucken und dann schnell weiter im Programm. Das wäre nichts für mich.
Wieder grabschen sich einige Orangs so viel sie mit einer Hand und zwei Beinen tragen können und verziehen sich in entlegene Winkel, wo sie dann mit ihrer Beute herummanschen. Wer meint, nicht genug abbekommen zu haben, geht beim Nachbarn betteln. Das sieht aus, als knutschten sie miteinander. Tatsächlich aber ist es die Aufforderung: Gib mir was ab von dem, was Du gerade kaust. Manchmal klappt es sogar, und ein bisschen Bananenbrei wechselt von einer Mundhöhle zur anderen – wahrscheinlich nur, wenn sich zwei besonders gut leiden können.
Während Regine noch mit ihrem Fotoapparat im Gewühl stehen bleibt, gehe ich zurück zum Info-Center, um dort den Foto- und Text-Parcour zu studieren. Die Zeit zu investieren lohnt sich, denn man erfährt, wo und welchen Umständen einige der Orangs gefunden wurden, wie sie sich entwickelt – und einige sich schon erfolgreich fortgepflanzt haben.
Mittags tragen Regine und ich uns in das Trail-Buch ein, um zum Birdwatch Tower und das sich anschließende Water Hole zu wandern. Das Buch dient der Überwachung, dass auch alle Wanderer wieder zurückkehren. Der Weg ist voller Baumwurzeln und Stolpersteine, führt zum Teil über steile Treppen und kleine Hügel. Menschen treffen wir nur wenige unterwegs, und von Tieren keine Spur – nur Ameisen und Eidechsen. Das Water Hole, eher ein kleiner Wasserfall, sieht einladend aus, ist aber für ein kühles Bad eher ungeeignet, denn es gibt reichlich leeches (Blutegel). Man braucht nur die Hand ins Wasser zu halten, und schon saugen sie sich an einem fest. Einen entdecke ich gerade noch rechtzeitig, bevor er sich festbeißen kann, und entferne ihn mit einem Taschentuch. Für die bloßen Finger sind die Dinger einfach zu glitschig. Ein anderer bleibt unentdeckt und bedient sich an meiner Wade. Nur gut, dass ich Toms Rat befolgt – und die Wanderstiefel angezogen habe! Nach knapp 2 Stunden sind wir zurück an der Cafeteria des Orang-Zentrums, wo Tom fürsorglich schon ein Mittagessen für uns bestellt hat (Gemüsereis mit Spiegelei).
Um 15.00 Uhr geht’s gleich weiter zur nächsten Fütterung. Deutlich weniger Zuschauer. Eine Orang-Dame mit Baby erscheint, das schon recht naseweiß und selbständig ist. Gern löst es sich von der Mama und krabbelt auf Tanten herum oder übt Klettern. Als Mutter gehen will, pflückt sie ihr Baby von einem anderen Orang ab und verschwindet, sich am Seil entlang hangelnd, wieder im Gestrüpp.
Auf der Plattform ist Ruhe eingekehrt. Aus leeren Büscheln von Bananen werden die letzten Reste herausgesaugt, noch ein bisschen am Zuckerrohr gelutscht und der Futtermüll als Matratze für die Siesta umgestaltet . . . . . . . bis ein junges Orang-Männchen erscheint, gezielt die auf dem Rücken faulenzende Orang-Dame inspiziert und dann vor den neugierigen Augen der Youngster mit ihr kopuliert. So lernen die Kleinen schon mal, wie man Nachwuchs produziert.
Um 17.00 Uhr kehren wir in die Lodge zurück, ziehen in die Balkonzimmer um und duschen erst einmal. Bei einem guten Kaffe ziehe ich mich mit dem Schreibzeug ins Banana Café zurück. Regine und Tom kommen bald nach.
Ein paar Tische weiter sitzt eine junge Frau, die zurzeit im Zentrum beschäftigt ist. Neben ihr steht ein Käfig mit einer kleinen Eule, die wohl aus dem Nest gefallen ist und die sie nun versucht, mit Fischstückchen zu füttern. In 14 Tagen fliegt sie zurück nach England, erzählt sie, und fragt sich genau wie wir sorgenvoll, wer sich wohl dann um das Eulenbaby kümmern wird . . .
11. 4. 07 Mittwoch
Um 9.00 Uhr warten schon zwei kleine Orangs auf der Plattform. Zwei kleine Orangs warten dort schon auf die Fütterung. Die Touris werden immer mehr. Auch die amerikanische Fat Lady erscheint wieder, die mir schon auf dem Flughafen in Kota Kinabalu begegnet war. Dort hatte sie unschlüssig herumgestanden, ob sie sich auf einen der Plastikstühle setzen sollte, die Idee dann aber verworfen. Alles andere hätte wohl auch zu einer Sachbeschädigung geführt. Die Holzbänke hier uf der Zuschauertribüne waren stabil genug.
Für die Orangs gibt es heute neben Bananen einen Eimer voll Milch, die in eine flache Blechschale gegossen wird. Die Kleinen beugen sich über die Schale, recken dabei ihre Popos in die Höhe und kommen mit bekleckerten Gesichtern wieder hoch. Aber auch ein älteres Männchen tunkt seine Nase in die Milch.
Als ein Orang-Mädchen beim Essen einen Arm auf das Knie des Pflegers legt als wolle es auf seinen Schoß klettern, streicht er die Hand wie beiläufig von seinem Bein. Zu viel Menschenkontakt ist in diesem Stadium der Aufzucht nicht mehr gut für die Primaten; sie sollen sich ja abnabeln und sich nur noch mit ihren Artgenossen beschäftigen. Eine Orang-Mutter würde es bei entsprechendem Alter ihres Kindes genauso machen.
Viele Affen kommen heute nicht zur Fütterung, jedenfalls nicht zu der Plattform, die wir einsehen können. Es gibt noch 3 weitere hinten im Wald, die wir aber nicht besuchen dürfen. So können wir uns heute endlich einmal den Videofilm über Orangs im Info-Center ansehen und bekommen so Einblicke in die Arbeit der Pfleger im Hintergrund.
Zurück im Hotel packen wir wieder mal Koffer und ziehen um in das gegenüber liegende Sepilog Nature Resort. Auch in dieser Anlage drapieren sich die Bungalows rings um einen künstlich angelegten See, heißen hier aber Chalets. Da es 12.30 Uhr ist, unsere Domizile aber noch nicht fertig sind, plündern wir gleich bei der Ankunft das Mittagsbüffet: frittierter Tintenfisch mit Fenchelgemüse und frischem Saft einer Honigmelone.
Mein Chalet ist ein Holzhaus, das aus einem riesigen Raum und abgetrenntem Bad besteht. Von den 2 Betten dient mir eins als Ablagefläche. Ansonsten gibt es eine Kleiderstange, einen Tisch mit 2 Stühlen, ein Bänkchen und einen Fernseher (forget it). Wichtiger sind mir Kühlschrank und Kaffeekocher. Das Bad hat sogar eine Wanne, aber keine Ablagemöglichkeiten außer einem labilen Plastikbrettchen. Ich öffne erst mal alle Fenster vor den Moskitogittern, hoffe auf einen kleinen Luftzug, denn draußen steht die Hitze bei geschätzten 40° C. Die Dusche bringt nicht viel. Zehn Minuten später klebe ich wieder.
Egal. Die Nachmittagsfütterung der Orangs beginnt in knapp einer Stunde. Auf der Plattform wird zwar gegessen und manchmal auch Siesta gehalten, aber man ist ja stubenrein. Zum Pieseln hangeln sich die Kleinen ein paar Meter weg, hängen buchstäblich in den Seilen und erledigen ihr Geschäft, während sie sich königlich zu amüsieren scheinen über die gaffenden Touristen. Auf der Plattform gibt es derweil ein Knäuel aus spielenden Orang-Kindern. Die Zuckerrohrstangen werden am Ende ausgekaut, der Saft herausgelutscht. Aber was dann? Wie kommt man an das nächste saftige Stück??? Der Pfleger macht's vor: Stange übers Knie gelegt, durchgebrochen et voilà! Der Kleine hat's sofort kapiert und macht es nach. Bald sind alle satt und einer nach dem anderen verschwindet wieder im Gestrüpp. Ich würde ihnen so gern folgen und zugucken, was sie da noch alles anstellen.
Im Anschluss erkunde ich die Anlage, besuche den Orchideengarten, wo zurzeit kaum etwas blüht. Die Anzucht der Pflanzen erfolgt hier zwischen Brocken zertrümmerter Ziegelsteine und Holzkohlestückchen. – Seltsam, doch offenbar effizient.
Zum Abendessen gibt es Scampis, Fischnuggets und Jackfrucht. Die Holzdecken des luftigen Speisesaals sind mit Stoffbahnen dekoriert, an denen, wie Broschen, Nachtfalter von der Größe meines Handtellers sitzen.
12. 4. 07 Donnerstag
Das Frühstück im Nature Resort scheint artenreicher als die Tierwelt hier. Gebratene Glasnudeln, Crêpes mit Orangenmarmelade, Wasser- und Honigmelone, Reis, Würstchen aus Hühnchenfleisch, Croissants, Toast, Brötchen und Kuchen.
9.15 Uhr rüber ins Orang-Zentrum. Die üblichen 3 kleinen Fellträger sitzen schon auf der sauberen Plattform. Endlich hatte mal jemand die Essensreste der vergangenen Tage auf den Boden gekehrt.
Heute erscheint als seltener Gast auch Mister G (der Gruppenchef Gintak) mit den dicken Backenwülsten. Er schnappt sich ein paar Bananen, hängt eine Weile im Schaukelsitz am Seil, den Rücken uns zugewandt. Zaghaft hangeln sich zwei Kleine heran und fassen mit langem Arm und nur ganz kurz in sein Fell, als wollten sie prüfen, ob der Chef auch wirklich echt ist und wie er reagiert. Er reagiert gar nicht.
Die Horde Makaken ist samt ihren Winzlingen auch wieder da. Sie sind geduldete Kostgänger bei den Fütterungen. Deren Chef kopuliert mal eben auf dem Frühstückstisch mit einer Dame und scheucht einen Konkurrenten, der sich am Seil nähert, in die Flucht. Die Makaken-Dame, das sieht man, wäre einem Gen-Shopping nicht abgeneigt, hat aber keine Chance.
Am Waldrand vor meinem Balkon tummeln sich auch Makaken direkt vor meiner Nase. Ein Leguan züngelt durchs Unterholz, und ein schwarzes Eichhörnchen mit beige-rostbrauner Brust rennt hektisch durch das Geäst eines Baumes.
Nach dem Mittagessen mit Tom drüben im Banana Café unseres alten Quartiers gehen wir ein letztes Mal ins Zentrum. Enttäuschung zunächst, kein einziger Orang in Sicht. Erst gegen 14.30 Uhr bewegt sich plötzlich das Kletterseil, das in den Wald hineinführt. Es erscheint Orang-Mama Minu mit ihrem 3 Jahre alten Sprössling Ronny. Mister G soll – sehr zum Leidwesen der Mama – ganz närrisch sein nach dem Kleinen sein. Sie gibt ihn noch nicht gern in fremde Hände. Keck lugt er aus dem Fell der Mutter hervor und beginnt, sobald sie die Plattform erreicht hat, selbständig zu klettern. Sein Fell schimmert orange in der Nachmittagssonne.
Ein Jüngling kommt angeklettert, muss an einem Orang-Mädchen vorbei, das mitten auf der Strecke im Schaukelsitz hängt und ihm den Weg versperrt. Ihre edlen Teile sind in dieser Haltung sehr exponiert. Und was macht ein Mann, wenn er so etwas sieht? Er prüft natürlich ihre Paarungsbereitschaft. Vergeblich. Also weiter zur Plattform, wo sich Minu gerade mit Sohn im Arm und recht einladender Pose auf den Rücken gelegt hat. Der Möchte-Gern-Orang-Mann prüft wieder, sehr ausgiebig sogar. Minu hält ihn manchmal auch am Arm fest, als wolle sie ihm signalisieren: Nur zu, mach weiter! Aber mit einem Dreijährigen im Schlepptau dauert es mindestens noch weitere 4 Jahre, bis die Mama wieder an ein Schäferstündchen denken kann.
Aber beide rangeln spielerisch miteinander – er kopfüber am Seil hängend, sie auf den Planken sitzend reißt ihn schließlich zu sich herunter. Die beiden mögen sich offensichtlich. Als das Männlein sich trollen will, greift Klein-Ronny ihm noch mal ins Fell und hält ihn fest. Er weiß jetzt, dass das Mamas Freund ist und will auch mit ihm spielen.
Inzwischen haben die Handys zweier Touris gebimmelt und ein ca. 2-jähriger homo sapiens hat angefangen, aus vollem Hals zu brüllen. Anlass für mich zu flüchten, zumal die Affen auch alle schon weg sind.
Plötzlich wird mir wehmütig klar: Dies war unser letzter Besuch bei den Orangs auf dieser Reise. Gut, dass wir den Verlauf abändern konnten und mehr Gelegenheiten hatten, die Tiere zu beobachten als ursprünglich vorgesehen war.
