Iran Reisebericht:
Wüstenerlebnisse

Wüstenquerung auf Unwegen

Auf unserem Überlandreise von der Schweiz nach Nepal verbringen Jan und ich fünf Wochen im Iran. Wir sind mit Ganesh unterwegs, unserem 24-jährigen Toyota Landcruiser. Per Zufall sind wir gleichzeitig wie Marilyne und Vincent in Teheran, die wir in Istanbul kennengelernt haben .
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Auch sie sind mit dem Auto unterwegs. Wir treffen sie bei ihren Freunden Nima und Maryam, bei welchen wir uns den Wohnzimmerteppich zum Schlafen teilen dürfen. Nima versichert uns, so lange es in seiner 2-Zi-Wohnung irgendwo Platz auf dem Teppich habe, seien wir herzlich willkommen. Als wir anfänglich dankend ablehnen, da die Tradition im Iran dies so verlangt (Ta’arof), lacht er und sagt, er arbeite im Ausland und spiele kein Ta’arof mit Nicht-Iranern.
Ta’arof schreibt vor, eine Einladung mindestens drei Mal abzulehnen, wird sie ein viertes Mal wiederholt, kann man davon ausgehen, dass sie ernst gemeint ist und darf annehmen. So kommt es, dass wir auf ebenjenem Teppich unsere gemeinsame Wüstenquerung planen. Wir wollen die Dasht-e-Kavir-Wüste von Semnan nach Esfahan durchqueren. In Semnan finden wir nach langem Suchen dank Hilfe der Polizei die Strasse. Wir wundern uns über die Schilder, die uns das Fotografieren und das Verlassen der Strasse verbieten, obwohl weit und breit nichts als Wüste zu sehen ist. Nach 80 km dann die Antwort: wir schauen in die Gewehrläufe von zwei Soldaten, die ein Tor bewachen, uns nervös und verdutzt anschauen.
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Mit den Karten wedelnd und möglichst unschuldig lächelnd steigen wir aus – ob das der auf der Karte eingezeichnet Weg nach Esfahan sei? Nein, ist es ganz offensichtlich nicht. Nach einigem Hin und Her werden uns die Pässe abgenommen, Vincent muss als „Geisel“ in das Armeeauto steigen und wir werden zurück nach Semnan eskortiert, auf das Büro der Pass-, Polizei- und Einwanderungsbehörde. Dort sitzen wir dann drei Stunden, müssen zig Mal unsere Namen, Passnummern und Autokennzeichen aufschreiben. Diese werden dann von jedem Beamten, der mit uns spricht (etwa deren zehn) in ein Notizbuch übertragen. Jeder lässt wieder dieselben Fragen stellen (eine Übersetzerin ist da): warum seid ihr auf dieser Strasse gefahren, warum habt ihr dem Polizisten vertraut (????), was sind eure Berufe, wie habt ihr euch kennengelernt, wieso reist ihr zusammen und vor allem habt ihr Fotos gemacht?
Die Frage: wer ist der Anführer eurer Gruppe, hinterlässt verdutzte Gesichter und schallendes Gelächter unsererseits...und dann endlich auch ihrerseits. Erklärungen unsererseits folgen (die Übersetzerin weiss natürlich bestens Bescheid, wir vermuten, anhand unserer Gespräche, dass ihre eigentliche Aufgabe die Überwachung des Internets ist, welches im Iran stark zensuriert ist). Nachdem sie unsere Kameras kontrolliert haben, lassen sie uns endlich ziehen.
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Wir haben uns von ihnen versichern lassen, dass wir auf der Strasse vom 100km weiter östlich gelegenen Damgan aus nach Esfahan durch die Wüste keine Probleme haben werden. Auf Anhieb finden wir denn in Damgan auch gleich die richtige Abzweigung – ein gutes Omen! Drei faszinierende Tage verbringen wir in der Dasht-e-Kavir, durchfahren ein atemberaubendes Gewitter, bestaunen weiss schimmernde Salzseen, sind begeistert von der immer wieder wechselnden Wüste, einmal steinig in grau, dann sandig gelb mit Dünen oder rot und sumpfig. Es macht Spass, mit zwei Autos unterwegs zu sein, so wagen wir uns nun auch, die Strasse weiträumiger zu verlassen als wenn wir alleine sind. Vincent und Marilyns Land Rover versinkt dann auch prompt an einer unerwartet sumpfigen Stelle bis zu den Achsen im Morast.



Sandsturm
Leider trennen sich nach diesen wenigen gemeinsamen Tagen unsere Wege. Während Vincent und Marilyn zügig weiterziehen müssen, beschliessen wir, noch einen Tag in unserem Wüstencamp bei Garmeh zu verbringen, um lang aufgeschobene Wasch- und Autoinstandhaltungsarbeiten zu erledigen. Der Tag ist heiss, ein angenehmer Wind weht über die weite Ebene. Gegen Abend herrscht plötzlich Windstille.
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Wir denken uns nichts dabei, bis uns die komisch violette Stimmung am Himmel auffällt. Auch die lässt leider unsere Warnglocken nicht läuten. Der Himmel verdunkelt sich und wir sehen eine gelbe Wand auf uns zurasen. Jan begreift sofort und schreit: ein Sandsturm naht, schnell, alles in Sicherheit bringen. Der Sturm ist innerhalb von Minuten bei uns, das Zelt kollabiert mit den ersten Winden, Matratze und Schlafsack sind noch drin. Jan beschwert das kollabierte Zelt mit einer 30kg-schweren Kiste, in der Hoffnung das Zelt fliege nicht davon. Die Hoffnung verfliegt innerhalb von Sekunden und mit ihr die Kiste. Während ich gegen den Wind ankämpfe und kaum alleine ins Auto steigen kann, schleift Jan am Boden liegend (wo der Wind am schwächsten ist) das flachgedrückte Zelt hinters Auto.
Dort wird es direkt wieder vom Wind erfasst und ans Heck gedrückt wird. Endlich kommt auch er ins Auto. Obwohl Jan mir versichert, dass alles o.k. ist, wir auf festem Boden stehen und nicht Gefahr laufen, vom Sand eingebuddelt zu werden, beobachte ich starr vor Angst den tobenden Sturm. Das Glück ist uns hold – der Wind behält seine Richtung während der ganzen Zeit bei. Nach zwei Stunden ist kaum Sand mehr im Wind und nach nochmals zwei Stunden hat die Stärke soweit nachgelassen, dass Jan rausgehen kann, um die Sachen aus dem Zelt zu holen.
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Nach Mitternacht setzt Regen ein und die Temperaturen fallen von vorher 30 auf 0 Grad Celsius. In diesem Moment bin ich doppelt froh über die weiche Matratze und die warmen Schlafsäcke. Ich kuschle mich an Jan, versuche zu schlafen, doch die ganze Nacht lausche ich dem sausenden Wind und dem peitschenden Regen. Ich bin unendlich froh, als endlich der Tag anbricht und wir in die nahegelegene Oase fahren können. Beim ausgiebigen Frühstück in der alten Karavanserei von Garmeh fühle ich mich zittrig und gleichzeitig unglaublich lebendig.



Kaluts – Sandschlösser in der Wüste
Nach diesem Schrecken besuchen wir erst mal einige Städte und lassen uns von den unbeschreiblichen Bauwerken in Esfahan, Natanz, Yazd und Persepolis betören. Danach freuen wir uns auf einen weiteren Höhenpunkt unserer Iran-Reise: die Sandschlösser der Kaluts. Schon die Passtrasse dorthin ist ein landschaftliches Erlebnis. Eine kurvenreiche Strasse führt durch zerfurchte Felsen. Nach der Passquerung erahnen wir zwischen den Hügeln die von Winden verwehte, riesige Sandwüste.
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Das Erlebnis wird intensiviert, weil wir wissen, dass vor zwei Jahren auf dieser Strasse ein belgisches Paar von der örtlichen Drogemafia entführt wurde. Man hat uns jedoch versichert, dass die Drogenbosse ihre Lektion gelernt haben. Trotzdem befällt mich ein etwas mulmiges Gefühl, das von einem kleinen Sandsturm bei Ankunft bei den Ausläufern der Kaluts hinweggefegt wird. Die Ansicht der Sandschlösser, durch den Sandsturm in einen mystischen Dunst getaucht, ist betörend. Die Kaluts erstrecken sich über 145 km Länge und 80 km Breite. Niemand weiss, wie sie entstanden sind.
Über Erosion bis Ausserirdische - es gibt unzählige Theorien. Für uns ist die Entstehung unwichtig, wir sind einfach nur überwältigt. Nachdem der Wind nachgelassen hat wagen wir uns weg von der Strasse. Der harte Sand trägt unser Auto meist gut und wir kurven zwischen den zum Teil zehn Stockwerk hohen, aussergewöhnlich geformten Sandschlössern herum. Wir finden einen wunderbaren Übernachtungsplatz.
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Er ist geschützt durch zwei Sandschlösser und etwas erhöht, so dass wir das Farbenspiel der untergehenden Sonne auf der Ebene unter uns bestaunen können. Gleichzeitig beobachten wir eine uns inzwischen bekannte gelbe Wand, die anfänglich an uns vorbeizuziehen scheint. Sicherheitshalber verstauen wir unsere Sachen im Auto und können so unbeschwert beobachten, wie ein Sandschloss nach dem anderen in der gelben Sandwolke verschwindet und dann auch wir von ihr eingepackt werden. Wir sitzen im Auto, welches von den Winden gerüttelt und geschüttelt wird, die Spannung in der Luft entlädt sich in Blitzen, die Kaluts sehen wir nur noch schemenhaft. Plötzlich reisst der Himmel auf, die Winde ebben ab, nur um im nächsten Augenblick gleich wieder zu erstarken. Ein unvergessliches Naturschauspiel.