Südkorea Reisebericht:
Südkorea, der goldene Strand

Es war der letzte Nachmittag des freien Wochenendes ihrer zehntägigen Schulung in Changwong, einer Industriestadt in Südkorea. Bis zu diesem Sonntag Nachmittag hatten sie schon einige Unternehmungen hinter sich, die Millionenstadt Busan wurde per Bus besucht, die wenigen Sehenswürdigkeiten in Changwong hatten sie komplett abgegrast, aber die Lust auf ein wenig Abenteuer war immer noch vorhanden.

Man wollte schließlich etwas zu erzählen haben, wenn man wieder in der Heimat war.

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Eine Gruppe von vier weiterhin unternehmungslustigen Männern saß zusammen in der Hotellobby und beratschlagte, was man an diesem Nachmittag noch anfangen könnte. Der kleine Achim meinte, ein Blick auf die Karte der Umgebung könnte ihnen vielleicht weiterhelfen. Nach einem kurzem Studium der Karte fiel ihnen auf, dass sie noch gar nicht an der Küste des japanischen Meeres waren. So suchten sie einen schönen Strand, den sie erkunden könnten. Da sie nur nach den Namen der Strände gehen konnten, entschieden sie sich für den verheißungsvollen „Golden Beach“. Der Strand war schätzungsweise 15 Kilometer von ihrem Hotel entfernt, das sollte mit einer gemütlichen Taxifahrt kein Problem darstellen.


 

So gingen sie also zur Rezeption und erklärten einer jungen Frau mit Hilfe der Karte ihren Wunsch nach einem Taxi, das sie zum „Golden Beach“ bringen sollte. Sichtlich erstaunt über dieses verlockende Ziel fragte sie nach, ob die jungen Männer nicht lieber einen buddhistischen Tempel in der Nähe anschauen möchten. Natürlich ließen sie sich nicht von ihrem Vorhaben abbringen, besonders da sie den Tempel schon Tags zuvor besichtigt hatten. So blieb der Frau an der Rezeption nichts anderes übrig, als dem Wunsch der Abenteurer nachzukommen.

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Keine fünf Minuten später hielt ein Taxi vor dem Hoteleingang. Der Fahrer, geschätzte siebzig Jahre alt und nur noch im Besitz eines funktionstüchtigen Auges, konnte mit dem auf Englisch vorgebrachten Fahrtziel nicht wirklich etwas anfangen, da er nur der koreanischen Sprache mächtig war.


 

So musste die junge Frau von der Rezeption zu Hilfe geholt werden, die dem Fahrer mit Hilfe der Touristenkarte das Ziel der kleinen Ausfahrt näher brachte. An seiner Reaktion war abzulesen, dass er mit der Gegend bestens vertraut war, was die Gruppe, bester Hoffnung auf einen schönen Nachmittag am Strand, in das Auto einsteigen ließ.

Zielsicher steuerte der Fahrer sein Gefährt in die richtige Richtung, was die Gruppe anhand der Karte mitverfolgte. Mit guter Laune wurde die Fahrt quer durch ein riesiges Industriegebiet genossen.

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Doch plötzlich hielt der Taxifahrer mitten auf einer vierspurigen Straße an, scheinbar doch nicht mehr allzu sicher, ob er noch die passende Orientierung besaß. Er stieg aus und stellte sich wild gestikulierend auf die Gegenfahrbahn, um das nächstbeste Fahrzeug anzuhalten. Kurze Zeit später gelang es ihm tatsächlich ein Auto zum Anhalten zu bewegen.


 

Dem Wagen entstieg ein Ehepaar, das, nach der eleganten Kleidung und einem großen Blumenstrauß im Wagenfond zu urteilen, auf dem Weg zu einer Feier war. Nachdem eine Straßenkarte auf der Motorhaube ausgebreitet worden war, begann eine ausgedehnte Diskussion zwischen dem Taxifahrer und dem Ehepaar über das vermeintlich nicht mehr ferne Ziel der Ausfahrt. Währenddessen entstand in der kleinen Reisegruppe leichte Unruhe ob des unaufhörlich weiter laufenden Taxameters. Die bisher fröhliche Stimmung drohte in das Gegenteil zu kippen, da kam plötzlich Bewegung in das Geschehen.

Die Karte wurde zusammengefaltet, das Ehepaar und der Taxifahrer stiegen in ihre Gefährte.

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Der Wagen des Paares wendete und fuhr dem Taxi voraus, um ihm den rechten Weg zu weisen. Dank dieser unerwarteten Wendung kehrte umgehend die gute Stimmung unter den vier Gefährten zurück. Sie freuten sich sehr über die ungewohnte Hilfsbereitschaft des voraus fahrenden Ehepaares. So etwas hatten sie in Deutschland noch nicht erlebt. Nun konnte einem entspannten Nachmittag am Strand wohl nichts mehr im Wege stehen.


 

Nach ein paar Minuten Fahrtzeit hielten beide Wagen am Straßenrand, und der Taxifahrer versuchte seinen Fahrgästen klar zu machen, dass sie ihr Ziel, den „Golden Beach“ erreicht hätten. Das Ehepaar wendete ihren Wagen, winkte zum Abschied freudestrahlend und fuhr in Richtung ihres eigentlichen Zieles davon. Unseren Abenteurern blieb also nichts anderes übrig, als den Taxifahrer zu bezahlen und sich auf die Suche nach dem goldenen Strand zu begeben.

Als sie alle ausgestiegen waren, und sich der Taxifahrer schleunigst aus dem Staub gemacht hatte, wurde zuerst einmal die Gegend inspiziert.

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Was sie erblickten entsprach nicht unbedingt den Erwartungen an einen goldenen Strand.

Am rechten Straßenrand erstreckte sich eine endlos scheinende Steinmauer, auf der im Abstand von wenigen Metern zahllose Angler saßen, die ihre Ruten ausgeworfen hatten. Hinter der Mauer war zwar das Meer zu sehen, aber mit einem „Golden Beach“ hatte das Ganze wenig gemein, es war nur ein schmaler Streifen mit Geröll zu sehen. Auf der linken Seite konnte man diverse Fischrestaurants ausmachen, allerdings konnte man deren Zustand nur als heruntergekommen bezeichnen, und das auch nur mit Wohlwollen. Wenn das äußere Erscheinungsbild auf die angebotenen Speisen hindeuten würde, könnte der Verzehr derselbigen für einen westeuropäischen Magen nur mit einen Katastrophe enden.


 

Nach einer kurzen Erörterung ihrer Lage, und in Ermangelung von wirklichen Alternativen, entschloss sich die Gruppe, einige Zeit der Steinmauer zu folgen und nach dem goldenen Strand Ausschau zu halten.

So ging es also kilometerweit vorbei an unzähligen Anglern und baufälligen Fischrestaurants, keine Spur von einem Sandstrand war auszumachen, geschweige denn einem goldenen.

Der Unmut in der kleinen Wandergruppe wuchs von Minute zu Minute, es musste eine Entscheidung gefällt werden, wie es denn weitergehen sollte.

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Da weit und breit keine Änderung der Umgebung zu erblicken war, beschlossen sie, noch um eine Straßenbiegung zu wandern und sich dann um eine Rückfahrgelegenheit nach Changwong zu kümmern.


 

Hinter der Straßenbiegung konnten sie ein kleines Fischerdorf ausmachen. Dort musste sich doch ein Taxi finden lassen, oder zumindest eine Bushaltestelle. Und tatsächlich, als sie nach weiteren zehn Minuten den kleinen Hafen erreichten, erblickten sie auf der linken Straßenseite einen klapprigen Holzverschlag mit einem Schild davor, das man als Bushaltestelle samt Fahrplan deuten konnte. Selbstverständlich war der Fahrplan für die vier Deutschen komplett unleserlich, da er nur aus koreanischer Nudelschrift bestand. Aber immerhin stand das Bushäuschen auf der richtigen Seite, so konnte es nur eine Frage der Zeit sein, dass ein Bus in Richtung Changwong am Horizont auftauchen würde.

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So machten es sich die vier Abenteurer, mittlerweile müde, durstig und leicht frustriert, am staubigen Straßenrand gemütlich. Mit schwindender Geduld starrten sie in Richtung des Hügels, aus der der Bus kommen musste. Da die Zeit verrann, ohne dass sie auch nur irgendein Fahrzeug erblicken konnten, wuchs langsam ihre Angst, ob sie diesen Ort überhaupt verlassen könnten, es sei denn auf ihren eigenen Füßen.


 

Doch tatsächlich, obwohl die Hoffnung immer mehr schwand, sahen sie von links ein Auto herannahen, das einem Taxi nicht unähnlich war. In freudiger Erwartung standen sie auf und blickten zu dem sich nähernden Fahrzeug. Dieses entpuppte sich beim näher kommen nun leider als Polizeiauto, in welchem zwei sonnenbebrillte, grimmig dreinschauende Polizisten saßen. Unsere müden Abenteurer auf das genaueste abschätzend, fuhren sie im Schritttempo vorbei, ohne jedoch anzuhalten. So blieb ihnen der Besuch einer koreanischen Polizeidienststelle erspart, jedoch nicht die weiterhin quälend langsam verrinnenden Minuten des Wartens.

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Als ihre Laune und Hoffnung schon fast auf dem absoluten Nullpunkt angekommen war, sie waren kurz davor den Rückweg zu Fuß zu beginnen, geschah das Unglaubliche, ein Bus quälte sich ächzend über den Hügel in ihre Richtung. Als sie ihn heran nahen sahen, sprangen sie auf und rannten zur Bushaltestelle.


 

Um sicher zu stellen, dass der Bus sie auch tatsächlich mitnehmen würde, stellten sie sich mitten auf die Fahrbahn. Und wirklich, der Bus verlangsamte sein Tempo und hielt für sie an. Das Fahrziel des Busses konnten sie dank der Nudelschrift zwar nicht entziffern, aber außer Changwong konnten sie sich gar kein anderes Ziel ausmalen, schließlich war es die nächste Stadt. Am vorderen Eingang des Busses warfen sie diverses Kleingeld in einen Trichter, bis der Fahrer ihnen bedeutete nach Hinten durch zu gehen, scheinbar hatten sie genug Münzen eingeworfen. Im Bus saßen eine Handvoll Koreanerinnen in fortgeschrittenem Alter, die unser Grüppchen ansahen wie das achte Weltwunder.

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Scheinbar hatten sie noch nie in ihrem Leben Europäer zu Gesicht bekommen, zumindest keine mit strohblonden Haaren, wie sie der kleine Achim hatte, zumindest ließen die offenen Münder diesen Schluss zu. Um kein weiteres Aufsehen zu erregen, setzten die vier sich in die letzte Reihe und verhielten sich still. Der Bus setzte seine Fahrt fort, vorbei an der kilometerlangen Steinmauer samt den immer noch dort sitzenden Anglern. Die Richtung stimmte also, die Stimmung der Gruppe hellte sich auf, Changwong war in greifbarer Nähe.


 

Nun musste der Bus nur noch die große Rechtskurve in Richtung des Industriegebietes nehmen, dann irgendwo im Zentrum aussteigen und zu Fuß ins Hotel, in Changwong kannten sie sich inzwischen recht gut aus. Allerdings gab es am Anfang der Rechtskurve auch eine geradeaus führende Straße, die Dank einer gigantischen Hängebrücke in Richtung Nirgendwo für den Busfahrer scheinbar weitaus verlockender war. Und so geschah es, dass der Bus trotz des gemeinsamen Aufstöhnens und lautstarker Unmutsäußerungen, die den vier Kehlen gleichzeitig entrangen, diese unheilvolle Richtung nahm.

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Man konnte ihnen den Schock spürbar ansehen, sie machten dem Sprichwort, dass man in Sekundenschnelle um Jahre altern kann, alle Ehre. Und so entfernte sich diese Reisegesellschaft immer weiter von Changwong, der Bus fuhr durch ein scheinbar nicht enden wollendes Industriegebiet.


 

Hier auszusteigen, darin waren sich alle vier einig, wäre der reinste Wahnsinn gewesen. Sie wollten also warten, bis der Bus eine belebtere Gegend ansteuerte, um dann bei der nächstbesten Haltestelle das Weite zu suchen. Unglaublicherweise geschah dies ein paar Minuten später, der Bus bog nach links in eine Einkaufsstraße ein. Fast direkt an der Ecke befand sich eine Haltestelle, an der sie schleunigst ausstiegen. Zu ihrer eigenen Verblüffung befand sich auf der anderen Straßenseite ein Taxistand samt wartender Taxen. Soviel Glück auf einmal, das konnten sie nach diesem Nachmittag kaum fassen. Aber wie sollten sie dem Taxifahrer ihr Fahrtziel, das Hotel in Changwong, klarmachen?

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Da zauberte der kleine Achim eine Visitenkarte des Hotels hervor, die zweisprachig gehalten war, englisch und koreanisch. Dank dieser Karte brachte sie der Taxifahrer wohlbehalten zurück in ihr Hotel.


 

Die junge Frau an der Rezeption begrüßte sie mit einem ungläubigen Staunen, sie hätte wohl nicht gedacht, dass man es geschlagene 5 Stunden am „Golden Beach“ aushalten kann, ohne dort zu angeln.

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Auf ihre Nachfrage, ob sie denn einen schönen Nachmittag am Strand verbracht hätten, bekam sie zur Antwort, dass es wohl das schönste Erlebnis ihres ganzen Wochenendes war.

Zumindest hatten sie eines erreicht, sie würden etwas zu erzählen haben in der Heimat.