Indien Reisebericht:
Eine Reise in eine andere Welt - mit dem Wohnmobil nach Indien

Mit dem Wohnmobil von Österreich nach Indien -
überland in den 13.000 Kilometer entfernten Subkontinent

Weiß treten die Knöchel an meinen Fingern hervor, so verkrampft halte ich das Lenkrad in meinen Händen, der Wagen zieht extrem stark nach links. Zunächst glaube ich an starken Seitenwind doch schlagartig wird mir klar, dass wir vorne links einen Reifenplatzer haben. Das ausgerechnet während ich fahre und ausgerechnet auf dieser griechischen Autobahn, die keinen Pannenstreifen besitzt. Meine Gedanken rasen: „Hoffentlich keine Polizei – ich besitze keinen LKW Führerschein und hoffentlich kann Harry den Reifen rasch wechseln.“ Hastig lenke ich unsere 4,5 Tonnen auf den rechten Fahrbahnrand und ehe wir auch noch zum Nachdenken kommen schlittern wir auch schon die Leitschiene entlang. Funken sprühen, doch nach einem Feuerwerk ist mir in dieser Situation nicht zumute, zu steil senkt sich dahinter der Abgrund in die Tiefe. Irgendwann steht unser Gefährt und außer der Musik im Radio vermeint man nur noch meinen rasenden Herzschlag zu hören.

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Ich stelle schnell unsere 2 Warndreiecke auf und mein Mann wechselt in Windeseile das kaputte Rad gegen ein Neues. Die Autos rasen mit atemberaubender Geschwindigkeit gefährlich nahe an uns vorbei und zum ersten Mal seit unserer 9monatigen Reise habe ich ernsthaft Angst, dass uns etwas passiert. Nun nichts wie weg hier und bald sind wir wieder unterwegs – trotzdem war mir ein jeder andere unser mittlerweile 8 Reifenplatzer in Iran, Pakistan oder Indien beileibe lieber.

Es geht los

Ende August 2007 geht unsere Reise nach Indien los – mit einem in Ebay ersteigerten Mercedes Wohnmobil 508D, BJ 83 und jeder Menge Vorfreude und Enthusiasmus im Gepäck. Das Modell wählen wir aus dem Grund, weil es sowohl im Iran und Pakistan als auch in Indien weit verbreitet ist und es somit keinerlei Schwierigkeiten bedeuten wird, Ersatzteile zu bekommen. Es soll sich bald als absoluter Glückskauf herausstellen und wir lieben unser neues Zuhause. Er trägt den Namen Otto, zu Ehren des Erfinders seines Antriebsmotors. Auf dem Dach sind neben der Solaranlage, Ersatzreifen, 5 Reservekanistern, einem Surfbrett und zwei Fahrrädern 10 schwarze, reißfeste(so glauben wir zumindest) Säcke befestigt. Inhalt ist in etwa 150 kg gebrauchte Kleidung, in erster Linie Kinderkleidung nebst Spielsachen. Seit Jahren schon sponsern wir ein Waisenhaus in Indien für das wir auch immer wieder Spendengelder im Freundes- und Bekanntenkreis akquirieren. Doch auch unterwegs sollen uns diese Dinge von Nutzen sein. Mit von der Partie sind 2 ehemalige Arbeitskollegen, die uns bis nach Indien begleiten, dort werden sich unsere Wege trennen.


Das Leben zu viert auf so engem Raum ist auch für uns eine neue Reiseerfahrung und Herausforderung und wir lernen viel. Prozentual mit den gemeinsamen Tagen steigt auch der Pegel unserer Toleranzgrenze. Allein beim morgendlichen Wegfahren macht sich mit dem Warten ein Unmut breit und man lernt die unterschiedlichen Lebensrhythmen in diesen kleinen Tageszyklen kennen. Einer cremt sich ein, wir warten. Einer möchte noch ein Brötchen zum Kaffee, wir warten. Uns reicht Kaffee allein, deshalb warten wir und deshalb sind wir auch schon ein bisschen unmutig, wenngleich auch nicht gerechtfertigt, denn eines jeden Prioritäten seien anders gesetzt.

 

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Harry hat diese Reise im Jahre 1984 schon einmal gemacht, damals waren viele Europäer mit LKWs oder Reisebussen nach Asien unterwegs, um sie dort für gutes Geld zu verkaufen, Harry zählte zu ihnen. Das lukrative Geschäft ist längst vorbei, doch das Abenteuer einer Überlandreise nach Indien reizt noch immer. Diesmal lerne ich die wohlklingenden Orte wie Erzurum, Erzinzan und Dogubeyazyt in der Osttürkei endlich kennen, die ich mir im Geiste nach Harrys schillernden Erzählungen genauso karg vorgestellt habe, wie sie sich mir präsentieren werden.

Am 26. August 2007 ist endlich alles unter Dach und Fach, wir haben unsere Jobs gekündigt, sämtliche Visa besorgt, unser Haus wird in die Obhut unserer Eltern gestellt und wir freuen uns darauf, die nächsten Monate wie die Zigeuner zu leben. Im Zuge einer Abschiedsparty wird unser Bus über und über mithilfe eines Markers mit Sprüchen und Wünschen beschriftet, was uns fortan viele neugierige Blicke beschert und uns den einen oder anderen Polizeistopp erheblich erleichtert indem wir den Beamten kurzerhand einen Stift in die Hand drücken mit der Bitte, uns doch was Nettes drauf zu schreiben.


 

Unsere Route führt uns zunächst nach Italien, weiter durch das ehemalige Jugoslawien nach Kroatien. Wir flüchten vor einer Schlechtwetterperiode, die uns mit der Hartnäckigkeit einer Liebhaberin verfolgt und uns nach wenigen Tagen immer wieder einholt. In Albanien erkennen wir, dass die Armut direkt vor unserer Tür hockt. Der Großteil der Bevölkerung führt ein erbärmliches Dasein und die Müllberge schreien zum Himmel. Kinder von oben bis unten mit Dreck verschmiert bieten uns schüchtern Weintrauben an, im Gegenzug schenken wir ihnen Wurstbrötchen, die sie uns gierig aus den Händen nehmen und hungrig verschlingen. Neben Eselskarren und dürren Ochsen sehen wir vereinzelt Bonzen in BMW oder Mercedesschlitten.

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In Griechenland erst haben wir das schlechte Wetter endgültig hinter uns gelassen und wir verbringen einige Tage mit süßem Strand-leben und um uns aneinander zu gewöhnen.

Das Tor zum Osten

Mit der Grenze zur Türkei nun verlassen wir fast schon Europa, erstaunlich schnell haben wir die Formalitäten hinter uns gebracht und schon fühlen wir uns unserem Ziel wieder ein Stückchen näher.

In Istanbul lädt das Londra Camp zum Übernachten ein. Wie viel habe ich in den vergangenen Jahren von diesem Camp gehört, es soll DER Umschlagpunkt aller Orientreisenden sein, in erster Linie ein Treffpunkt der LKW Fahrer, aber auch Overlander auf dem Weg nach Osten sollen sich hier einfinden. Wie enttäuscht bin ich, als ich eben dieses als schmucklosen überteuerten Parkplatz neben einer Gokartbahn entdecke, gerade einmal Platz für etwa 20 Camper. Das Flair der vergangenen Jahre ist tristem und kaltem Beton gewichen, in 23 Jahren ändert sich halt einiges, dennoch: wir lernen einige Indien-reisende kennen und tauschen Informationen und Emailadressen aus.


 

In der Metropole Istanbul schnuppern wir erstmals auf unserer Reise den Duft des Orients und neugierig atmen wir die fremdartigen Gerüche in uns ein. Auf dem Bazar laden bunt schillernde Stoffe und exotisch riechende Gewürze zum Kauf, wir lassen uns nur allzu gerne von dem Zauber berauschen.

Über die Bosporusbrücke geht es nach Asien und am 29.September kehren wir Europa den Rücken. Traumhafte Landschaften erwarten uns in der Türkei, wir fahren erst entlang der türkischen Riviera, wo uns türkisblaue Strände begleiten und dann ins Landesinnere nach Kappadokien wo wir uns in einem Meer von Gesteinen und endlosen Hügelketten in allen erdenklichen Brauntönen verlieren. Wir besichtigen Göreme und ich nehme meinem Mann das Versprechen ab, hierher wiederzukommen, so sehr begeistern mich die bizarren Gesteinsformationen.

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Die Türkei überrascht uns aber nicht nur mit ihrer landschaftlichen Schönheit, nein es ist in erster Linie die Gastfreundschaft der Einheimischen, die uns in ihren Bann zieht und die für uns schon fast beschämend ist. Es vergeht kein Tankstopp an dem uns nicht süßer Tee serviert wird, oftmals unterhalten wir uns kilometerlang mit LKW-Fahrern in Zeichensprache während wir überholen und sie uns wieder überholen. So manch einer weist uns den Weg und es ist an der Tagesordnung, dass wir mit frischem Obst, Nüssen, ja sogar Wein beschenkt werden. Wir revanchieren uns mit Zigaretten, speziellen Feuerzeugen oder Postkarten aus Salzburg.


 

Je weiter wir nach Osten fahren desto karger wird die Landschaft, desto karger und härter auch das Leben für die Hiesigen desto ärmer auch das Volk. In Dogubeyazyt machen wir kurz vor der Grenze noch einmal halt, wir rüsten uns für die bevorstehende Grenze in den Iran, räumen auf, vernichten jeglichen Alkohol, wir Mädels verschleiern uns brav so dass kein einziges Härchen mehr hervorlugt, ganz so, wie es das Außenamt (aktualisiert im September 2007) empfiehlt.

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Und hier machen wir auch erstmals Gebrauch von unseren mitgebrachten Kleidern, eine Frau bettelt mit ihrem Sohn und wir suchen schnell etwas Warmes für den etwa 8jährigen heraus. Bestückt mit 2 dicken Pullovern und einer langen Hose winkt er uns strahlend, hätte er keine Ohren, so würde sein Lachen bis an den Hinterkopf reichen. Wir fahren mit der Gewissheit in Richtung Iran, dass er diesen Winter nicht so sehr frieren muss.
 

Persien, eine neue Welt für uns
 

Zollformalitäten, wir werden hierhin und dorthin geschickt, nach zwei Stunden ist alles über die Bühne und wir sind – im Persien!

Nix wie weg von der Grenze, in der Stadt Maku essen wir zu Abend und lernen Hossein kennen, der 17 Jahre lang in Deutschland gelebt hat und mit uns im Bus bis in die frühen Morgenstunden über Religion und Politik diskutiert. Wir erfahren viel über Land und Leute und fallen todmüde und verwirrt in unsere Betten.


 

Anders als erwartet sind die Frauen stark geschminkt und das Kopftuch rutscht angeblich jedes Jahr einen Zentimeter höher. Angesichts dessen lockern Julia und ich sofort unsere Kopftücher. Natürlich gibt es auch unzählige Frauen, die vollständig verschleiert mit dem Tschador erscheinen.
 

In Tabriz werden wir herzlich willkommen geheißen, überall tönt es: ‚Welcome’ und der Gipfel der Herzlichkeit ist, als wir während voller Fahrt auf der Autobahn von einem Pärchen ein Stofftier überreicht bekommen. Unser kleiner Talisman heißt ab sofort ‚Irani’.

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Schlafstellen suchen wir in der Regel an beleuchteten Plätzen oder vor Hotels. Die Straßen sind gut und der Sprit lächerlich billig, Für einen vollen Tank bezahlen wir sage und schreibe nur 0,60 € (in Worten: sechzig Cent!!!)
 
 (Beim Nachhausefahren werden wir noch 380 Liter über die Grenze „schmuggeln“, in einer Werkstätte entdecken wir einen alten Tank, den wir kurzerhand aufs Autodach hieven und mit Sprit befüllen. Angesichts der Dieselpreise in Europa ist uns bei der Rückfahrt kein Gefäß zu klein um es zu befüllen und so werden nach und nach alle erdenklichen Kanister, Kübel und Flaschen mit Treibstoff betankt.)

Nach Zanjan wollen wir Teheran umfahren, verpassen (wen wundert’s) die richtige Abfahrt und stecken alsbald im tiefsten Verkehr. Es wird immer enger und enger, auf der 6spurigen Straße wird jeder Zentimeter schamlos genützt, um im heillosen Chaos voranzukommen. Die Beschilderung ist quasi nicht vorhanden und die Erklärungen in Farsi sind für uns, die wir gerade mal vier Sätze gelernt haben, nicht zu entziffern, wir können die Schnörkel, Würstchen und Pünktchen noch nicht unterscheiden. Ein Engel in Form eines verständnisvollen Mopedfahrers erscheint, er fährt uns etwa 20 Kilometer vor und wir sind erleichtert und dankbar und wieder auf dem richtigen Weg nach Isfahan.


 

Isfahan – was für ein Highlight!!! Per Zufall lernen wir Amir kennen, er lebt 6 Monate im Jahr in NY, spricht perfekt Englisch und ist für die nächsten 3 Tage unser Gastgeber, Guide und Freund. Er zeigt uns, wie man ‚Sweet Lemons’ auszutzelt, kauft frische, weiche Pistazien, führt uns in die schönsten Restaurants und bestellt Dinge, die uns bis dato fremd waren. Wir genießen herrliches Safran-Eis und Amir wünscht sich, dass wir bei ihm zuhause österreichisch kochen, diesem Wunsch kommen wir natürlich gerne nach.

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Isfahan bedeutet aber nicht allein aufgrund dieser Bekanntschaft ein Highlight unserer Iran-reise, der Medan (Hauptplatz) mit seiner wunderschönen Moschee, die schwingenden Minarette, die City, einfach traumhaft!!!

Wir verabschieden uns schweren Herzens von unserem neuen Freund. Unser Bus bekommt noch einen Service ehe wir uns wieder weiter gen Osten aufmachen.

(Bei der Rückfahrt werden wir unser Auto in Isfahan noch einmal generalüberholen lassen, sämtliche Teile erneuern und neu spritzen. 3 – 4 Mann sind 9 Tage in der Werkstatt damit beschäftigt –zu einem Spottpreis. Und wir, die wir ja jetzt auch in der Werkstatt wohnen werden zum Mittag- und Abendessen vom einen zum nächsten gereicht – vom Chef zum Mechaniker zu dessen Cousin usw. – und lassen unsere Gaumen mit herrlichen Datteln, Gurken und Käse verwöhnen.)


 

Auf dem Weg nach Pakistan ist kurz vor Kerman plötzlich Polizei bis an die Zähne bewaffnet, wildes Gestikulieren, wir bekommen eine Eskorte. Die Jungs auf dem Pickup fahren mit schwerem Geschütz, die Hand ständig am Abzug. Zeitweise sitzt ein bewaffneter Militär mit uns im Bus, und so sind wir ständig am Platz wechseln, denn im Iran ist es nicht erlaubt, dass ein Mann neben einer ihm nicht verwandten Frau sitzt. Die nächsten Tage wechseln sich die Eskorten immer wieder ab, sodass wir irgendwann zu zählen aufhören, wir müssen beim Militär oder auf Polizeistationen übernachten, fühlen uns aber gut beschützt – auch wenn wir wissen, dass gerade die Polizei als „target“ gilt, dennoch - man ist um unsere Sicherheit auf freundliche Weise bemüht.

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In Bam wollen wir die übriggebliebenen Reste des Weltkulturerbes besichtigen, die Stadt wurde am 26. Dezember 2003 durch ein schreckliches Erdbeben fast vollständig zerstört. Ein Stadtführer ist schnell gefunden, und flankiert von 3 bewaffneten Militärs fühlen wir uns wie VIPs mit Leibwächtern, und lassen uns mithilfe von Achmeds Erzählungen und ein klein wenig Phantasie in eine Stadt wie aus 1001 Nacht entführen. Auch wenn sich einige Gebäude nur mehr im Ansatz erkennen lassen, so lässt sich doch die Schönheit der einstigen Anlage erahnen.
 
 Transit durch Pakistan
 

Da die politische Lage im Land derzeit nicht zum längeren Verweilen einlädt haben wir vor, Pakistan nur auf dem Transitweg zu durchqueren und das auf möglichst schnelle Weise. Aus diesem Grund haben wir auch keinerlei Lektüre über das Land und wissen eigentlich nur das, was Harry uns erzählt, der vor 23 Jahren ebendort war:
 

 Dass die Straßen fürchterlich schlecht seien, die Leute neugierig freundlich, das Essen nur aus lauwarmemHammelgulasch bestünde und die gesamte Polizei  kiffe.


 

Also lassen wir uns mal überraschen….

Schon am Zoll fällt auf, dass wir neues Terrain betreten, durch den Sand stapfen wir zu ein paar kleinen Hütten, wo wir unsere Pässe herzeigen und wo von uns Fotos gemacht werden.

Gemeinsam mit dem Linksverkehr verdreht sich auch die ganze Welt. Zunächst sticht der viele Schmutz ins Auge. Ochsen-karren, Esel, Hunde, Autos, Busse und LKWs – Kinder und Männer (die Frauen scheinen völlig aus dem öffentlichen Leben verbannt zu sein) teilen sich die Straßen.

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Auffallend schön sind die bunt bemalten und phantasievoll verzierten LKWs mit ihren unzähligen Glöckchen und Kettchen. Nicht umsonst werden sie als ‚Art of Wheel“ bezeichnet, wahre Kunstwerke!!! Der Stolz ihrer Besitzer wetteifert mit der Pracht der Trucks. Oftmals reicht der Platz für die Ornamente und Bilder am Auto nicht aus, sodass sogar die Windschutzscheibe als Schmuckfläche dient, was zur Folge hat, dass dem Fahrer nicht mehr als ein schmaler Streifen Sicht auf die noch schmaleren Straßen bleibt.

Vorerst haben wir noch 200 Kilometer Schonfrist und befahren den gut befestigten Highway ehe wir zu Straßen kommen, die deren Bezeichnung nicht einmal im Ansatz verdient haben: Ausgefranst, mit mehr Schlaglöchern versehen als ein Emmentaler mit Löchern - und einspurig, was bedeutet, dass sich bei Gegenverkehr folgender Machtkampf abspielt:


 

Beide Beteiligten bleiben solange auf der Straße, bis der Kleinere (was nicht immer eindeutig ist) oder derjenige mit den schwächeren Nerven (letztendlich doch immer eindeutig) aufs Bankett ausweicht, welches etwa 20 – 30 Zentimeter tiefer liegt. Nicht jeder weiß um die Größe seines Fahrzeugs so genau Bescheid und manchmal sind die Situationen haarscharf und die Autos sausen nur wenige Zentimeter im letzten Augenblick aneinander vorbei - bei voller Geschwindigkeit! LKW Wracks mit Totalschaden, die bei gerader Straße frontal aneinandergeraten sind spektakuläre und eindrucksvolle Zeugnisse dieses Fahrstils, der eben nicht immer funktioniert.

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Anderntags geht es weiter, immer wieder Checkpoints der Polizei, wo wir unsere Namen, Pass- und Visanummern eintragen müssen – so leicht gehen wir hier nicht verloren!!! Später bekommen wir abermals eine Eskorte und werden zur Polizeistation in Nushki geführt, wo wir, flankiert von zwei Leibwächtern in Form von bewaffneten Polizisten unser Abendessen inklusive Chapati besorgen. Auch die pakistanische Polizei ist überaus nett und in allen erdenklichen Dingen um unser Wohl bemüht. Während wir kochen und essen (und Kostproben anbieten) werden wir von unzähligen Beamten besucht, befragt und unterhalten und haben jede Menge Spaß. Skurrilste Erscheinung ist ein Polizeibeamte in Uniform und Waffe sowie einer Mütze, die ein Marihuanablatt ziert!!! Offensichtlich hat sich in den letzten 23 Jahren nichts geändert…
 

In Quetta finden wir ein nettes Hotel und genießen den Luxus eines Zimmers. Im Innenhof können wir im Garten entspannen und lernen einige andere Traveller kennen, wie etwa ein englisches Pärchen, das per Jeep 3 Jahre lang herumreist, oder Lulu und Fred aus Frankreich, die mit den Motorrädern so wie wir nach Indien unterwegs sind. Abends gehen wir alle gemeinsam essen, sehr zum Unmut der Polizei, die uns am Nachhauseweg besorgt aufgabelt: Ohne Eskorte dürften wir gar nirgends hin!!!


 

Weiter geht’s, unser nächstes Ziel ist Qila Saifulla. Unterwegs entdecken wir hinten einen kaputten Reifen, fahren dank unserer Zwillingsbereifung jedoch weiter bis zum nächsten Ort. Ein Reifenwechsler ist schnell gefunden, Erkennungszeichen: 5 Reifen vor der Holzhütte. Unter Aufsicht von etwa 30 neugierigen (ausschließlich männlichen) Augenpaaren erklären wir unser Problem mit Händen und Füssen, bald kommt uns ein englisch sprechender Herr zu Hilfe und ernennt sich selbst als Dolmetscher. Der Reifen wird gewechselt und der Alte repariert. Unsere neue Bekanntschaft Sami wohnt nicht weit entfernt und lässt es sich nicht nehmen, uns bei sich zuhause einzuladen. Uns erwartet eine Villa, die hier in der Gegend sicher ihresgleichen sucht. Aufgeregt werden wir von Ehefrau und Schwester empfangen, die Frau greift zum Telefon und trommelt die gesamte Verwandtschaft zusammen. Innerhalb der nächsten halben Stunde trudeln 21 Tanten, Onkels, Cousinen und Cousins ein, um uns eingehend zu beäugen. Wir werden bestens mit Tee und Keksen bewirtet und über alles Mögliche ausgefragt. Die nette Einladung endet mit einem Rundgang ums Anwesen, mit dem Versprechen auf ein Wiedersehen und mit einem Blick in unseren Bus. Unglaublich, wie viele Leute in unseren Bus passen!!!

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Auf diese Weise gestärkt machen wir uns auf nach Dhera Gazi Khan. Die Strecke beginnt schön, hinter einer mit spärlicher Vegetation bewachsenen steinigen Hügellandschaft erheben sich stolze Bergmassive vor tiefblauem Himmel, wir sind gut drauf. Wir kommen den Straßen entsprechend gut voran, und wollen am Abend noch die Stadt erreichen. Als Kopilotin sehe ich das Problem schon vorher: Was ich hinter den nächsten Kurven als Straßensperre vermute entpuppt sich als ebensolche, eine Baustelle, wie man uns verklickert. Pakistanische 10 Minuten lassen sich vergleichen mit europäischen Zwei Stunden und der Sonne weicht allmählich mehr und mehr die Dämmerung. Noch sind wir etliche Kilometer von Dhera Gazi Khan entfernt und vor uns liegt eine Passstrecke die, soviel erkennen wir, zum Großteil unbefestigt ist. Endlich wird die Sperre freigegeben und im Nu stecken wir nicht nur in der Dunkelheit sondern auch im Stau fest. Interessanterweise wurden (einspurig) beide Seiten gleichzeitig losgeschickt und nun geht es weder vorwärts noch rückwärts. Es dauert eine weitere Ewigkeit, bis wir weiterfahren können, was mit den LKWs hinter uns passiert werden wir nie erfahren.

 


 

Was nun beginnt ist ein wahrer Horrortrip – auf der einen Seite erhebt sich eine steile Felswand mit Geröll, deren zum Teil meterhohe Steine zeitweise ein Ausweichen erfordern. Auf der anderen Seite lässt sich ein dunkles Loch erahnen, wie weit es runtergeht wissen wir nicht und vielleicht ist das auch besser so. Bei Gegenverkehr sehen wir rein gar nichts mehr und wissen nicht wo die Straße befestigt ist und wo nicht. Als wir uns ein Plätzchen suchen, um zu übernachten und die Sicherheit des Tageslichtes abzuwarten ist im Nu die Polizei da um uns zu vertreiben, hier sei es zu gefährlich, Straßenräuber seien unterwegs. Harry macht das einzig Richtige: Er hängt sich an zwei Pickups ran, die die Strecke offensichtlich schon mehrmals gefahren sind und im Kegel ihrer Scheinwerfer können wir zumindest einen Teil des Straßenverlaufs erkennen. Nach etwa 1½ Stunden höchster Konzentration kommen wir zu einem Checkpoint und verlieren unsere zwei unfreiwilligen Lotsen – doch zum Glück ist die gefährliche Strecke vorbei und es geht ‚normal’ weiter.

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Wir suchen uns wieder einen Lotsen, diesmal eine Polizeistreife, die sich über die Gesellschaft freut, sich selbst zur Eskorte ernennt und uns dann auch bald an die nächste Eskorte übergibt. Eigentlich wollten wir uns schon in Dhera Gazi Khan ein Hotel suchen, 13 Stunden Fahrt sind genug für heute, doch wir werden bis nach Multan eskortiert, nicht zum Hotel sondern zur Polizeistation. So sehr hätten wir uns auf ein paar Stunden Erholung und Essen gehen gefreut, doch der Polizeibeamte erklärt uns: „Sometimes hotel not possible!“ Wie recht er doch hat.

Es ist schade, dass es uns zu gefährlich erscheint, Pakistan eingehender zu besuchen, wie wir hören ist besonders der Norden des Landes wunder,- wunderschön und wir nehmen uns fest vor, diesen in den nächsten Jahren zu bereisen.


 

Indien – am Ziel

Aufgeregt wandern unsere Blicke über das Farbenmeer unzähliger Inder. Frauen in leuchtenden Saris und Männer mit bunten Turbanen drängen sich auf den Tribünen und rufen lautstark nationale Parolen im Chor. Dazwischen wird applaudiert und das Militär patrouilliert zu Fanfaren. Hinter der Grenze lassen sich die pakistanischen Kontrahenten ausmachen – weit nicht so viele, um einiges leiser und nahezu farblos braun, beige und weiß gekleidet. Was wir hier sehen ist ein skurriles Spektakel ‚Indien gegen Pakistan’ (bzw. umgekehrt) was sich laut unserem Reiseführer jeden Abend pünktlich um 17 Uhr abspielt, die Tribünen wurden eigens dafür errichtet.

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Wir haben vor einer Stunde die indische Grenze passiert, es war knapp, denn um 16.00 Uhr schließen die Schalter. Wir waren fünf Minuten vorher da, zu spät – wie man uns erklärte. Ein paar US Dollar Bakschisch ließen die Beamten wieder zu ihren Schaltern zurückkehren, nach dem Motto: ‚I help you, you help me!’
 

Welcome to India!

Endlich – wir können es kaum glauben, tauchen wir wieder ein in eine andere Welt. Sieben Mal haben wir Indien bereist, mit dem Bus, mit der Bahn, mit dem Motorrad. Und immer wieder fasziniert es uns aufs Neue. Schon 50 Meter nach der Grenze pulsiert das Leben auf eine andere Weise. Indien macht sich in erster Linie durch seine Lautstärke, Enge und Buntheit bemerkbar. Lautsprecher senden krächzende Musik, - muss nicht schön sein, laut muss es sein. Zu unserer Freude treffen wir wieder Frauen auf den Straßen an, Frauen im öffentlichen Leben. Die Menschen sind – was für eine Wohltat – in allen erdenklichen Farben gekleidet und lächeln uns neugierig an. Und es sind viele Menschen, unzählig viele. Wir lassen uns von dem Treiben mitreißen, genießen Pakoras (frittiertes Gemüse im Teigmantel) und sind froh, ‚angekommen’ zu sein.
 

Am nächsten Tag fahren wir nach Amritsar, mitten in der Stadt ein bewachter Parkplatz. Bevor wir den Goldenen Tempel besuchen stürzen wir uns in den indischen Alltag und beobachten bei einem Spaziergang das Leben auf der Straße:


 

Kleine etwa 6jährige Jungs, die unter ständigem Rufen Chai feilbieten, Fahrradrikschas, die geschickt ihre Passagiere durch die engen Gassen manövrieren, ein Eierverkäufer, der circa 10 Paletten waghalsig auf sein Fahrrad befestigt hat und diese durch das Gewühl jongliert, Bettler, die ihre dürren Arme ausstrecken und um Almosen bitten. Wir schlendern vorbei an Ständen mit Obst und Gemüse, lassen uns einen frischen Saft pressen und sehen Ratten in den Straßenrinnen. Angeekelt vom Anblick des vielen Schmutzes lassen wir uns im nächsten Augenblick vom Duft eines Räucherstäbchens verzaubern. Das ist Indien – ein Wechselbad der Gefühle, ein Auf und Ab, letztendlich gewinnt aber doch immer der Charme des Landes die Oberhand.

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Wir genießen das indische Essen, bei dem umfangreichen Angebot an vegetarischen Gerichten verzichten wir sehr gerne auf Fleisch, das mit Fliegen übersät ohne Kühlkette in der Sonne hängend am Markt auf potentielle Kunden wartet. Indisch Essen bedeutet ein einmaliges Geschmackserlebnis, ein Potpourri an Gewürzen und Kräutern verfeinert die aufwändigen Speisen. Eine feine Schärfe, die aber nie lange anhält unterstreicht den Geschmack und wieder bestätigt sich für mich meine Aussage: „Indisch essen macht glücklich!“
 

Die Strecke in Richtung Delhi stellt höchste Anforderungen an Harry – zwar sind wir indischen Verkehr gewohnt, hier im Bundesstaat Punjab erscheint er aber um vieles heftiger und aggressiver. Die Regeln haben wir schon vor Jahren gelernt, zum besseren Verständnis seien sie hier angeführt:
 

Der Vordere hat Vorrang, wer überholt, muss hupen. Dies hat zur Folge, dass eigentlich jeder hupt. Der Größere hat Vorrang, woraus sich in etwa folgende Hierarchie ergibt: Elefanten, Kühe, LKWs und Busse, wir, Autos, Motorräder, Fahrräder und zu allerletzt da ja am Schwächsten, die Fußgänger.


 

Auf dem Weg nach Goa besuchen wir noch Agra, Jaipur und Udaipur, wo wir uns mit unseren auf dem Autodach befestigten Fahrrädern in Lichterketten, die anlässlich des Diwalifestes einen großen Stadtteil zieren, verheddern. Ein ohrenbetäubendes Gehupe und Geschreie bricht an, im Nu ist Polizei vor ort und mittels Pfeife und Bambusstöcken wird der gesamte Verkehr angehalten und die Leute auseinandergetrieben, sodass sich eine Schneise auftut, durch die wir wieder hinausfahren dürfen.

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Die nächsten Tage sind bestimmt von Fahren, Fahren, Fahren…

„Ja, noch zwei LKW, dann kannst Du überholen,… ja, geht sich aus,… Achtung Schlagloch,….Esel von rechts zweimal,….Vorsicht ein Radfahrer kommt….da vorn ist eine Kuhherde!“ So oder ähnlich hört es sich in unserem Bus während der Fahrt an, aufgrund des Linksverkehrs muss ich speziell beim Überholen mithelfen, dahinter spielt Musik von Santana, Pink Floyd usw.
 

Endlich ist der Tag unserer letzten Etappe angebrochen, wir befinden uns etwa 350 Kilometer vor unserem Ziel und sind nervös in freudiger Erwartung. In einem kleinen Dorf kaufe ich noch Blumengirlanden, die ich zur Feier des Tages auf unseren Bus hänge. (Sie sollen später einer hungrigen Kuh zum Opfer fallen)
 

Und dann ist es soweit: das Bundesland Goa (der kleinste Bundesstaat Indiens aber aufgrund seines Flairs, welches noch ein Relikt der portugiesischen Kolonialherrschaft ist, der meist besuchte) empfängt uns (wie sollte es anders sein) mit einer Polizeikontrolle. Die ist aber zum Glück nicht sonderlich an uns interessiert und wir dürfen bald weiter.


Harry und ich sind überglücklich und können es kaum fassen – wir sind am Ziel!!! Wir fallen todmüde in unsere Betten, mit der feinen Aussicht auf geruhsame und erholsame nächste Wochen und Monate…
 

 

In Agonda stellen wir uns abseits an ein ruhiges Plätzchen und genießen fortan dieses kleine Stückchen Paradies. Um nichts in der Welt würden wir mit dem schönsten Hotelzimmer tauschen wollen, bedeutet uns unser Bus doch jede Menge Freiheit.

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In Goa treffen wir noch auf etliche andere Overlander. Unglaublich, wie viele mit ihrem eigenen Gefährt unterwegs sind. Wer glaubt, dass alle auf der gleichen Wellenlänge schwimmen, der irrt gewaltig. Es gibt sogar welche, die nicht gerne Autofahren. Und dann gibt es andere Freaks, die schon mehr als 30-mal heruntergefahren sind, fast scheint es wie ein Virus zu sein. Und fast dünkt es uns als wären wir bereits von diesem Virus infiziert….