Bhutan Reisebericht:
Bhutan Reisen mal anders 

Zu den Vorteilen meines Jobs als Beraterin in der Entwicklungszusammenarbeit gehört das Reisen in abgelegene Gegenden der Welt. Letztes Jahr habe ich so meine erste Reise nach Bhutan unternommen – eine schöne Abwechslung im Vergleich zu den sonstigen südasiatischen Ländern.

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Das Eintrittsgeld für Touristenreisen nach Bhutan beträgt 200 US-Dollar pro Tag, weshalb die durchschnittliche Aufenthaltsdauer von Touristen auch nur fünf bis sechs Tage beträgt. Aber ich bin auch nicht als Touristin gekommen. Das Bhutanesische Landwirtschaftsministerium braucht unsere wissenschaftliche Expertise. Aber zunächst liegt noch ein ganzes Wochenende vor mir, denn es gibt nur drei Flüge pro Woche von Kathmandu in Nepal nach Bhutan. Also reise ich schon am Freitagnachmittag mit Druk Air an. Druk bedeutet in Dzongka, der wichtigsten Sprache in Bhutan, Drachen. Der Drachen ist das nationale Symbol Bhutans und er sollte mir in den nächsten Tagen noch öfter begegnen.
 
Druk Air ist die einzige Fluglinie, die Bhutan anfliegt – und das aus gutem Grund, denn der einzige internationale Flughafen des Landes liegt in einem engen Tal. Der Flieger schwebt um mehrere grüne Berge, bevor man die Landebahn sehen kann – nichts für ängstliche Menschen. Ich kam mir vor wie in einer Computersimulation. Als ich aus dem Flieger stieg, kam die erste Überraschung: Bhutan ist ruhig und sauber; die Häuser müssen im traditionellen bhutanesischen Stil errichtet und bemalt werden. Den Verkauf von Zigaretten hat der König verboten.
 

Ich werde von einer Mitarbeiterin des Landwirtschaftsministeriums abgeholt, die die traditionelle Kleidung für Frauen – Kira, einen langen Rock und Bluse – trägt. Für Verwaltungsmitarbeiter und offizielle Anlässe ist diese vorgeschrieben. Wir fahren vom Flughafen in die Hauptstadt Thimpu, die nur 70.000 Einwohner hat. Ich atme auf, nicht nur wegen der guten Luft, sondern auch weil sich hier die wenigen Autofahrer – im Gegensatz zu Kathmandu – an die Verkehrsregeln halten.
 
Meinen ersten Tag in Thimpu verbringe ich damit, meine Präsentation für das Ministerium fertig zu machen und endlich zu laufen, laufen, laufen. Ich gehe einfach aus dem Hotel auf die Straße und kann mich frei bewegen, ohne dass ich von Autos und Motorrädern angefahren oder angehupt werde wie in anderen südasiatischen Großstädten. Am Abend bin ich zum Abschlussessen eines Weiterbildungskurses für Verwaltungsmitarbeiter eingeladen, den meine Kollegen in der vergangenen Woche durchgeführt haben.
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Am zweiten Tag, einem Sonntag, brauchen meine Kollegen nach einer Woche Arbeit als Trainer in der Weiterbildung dringend Entspannung: Wir fahren zum „Tigernest“, einem buddhistischen Kloster, das 900 m über dem Tal an einem Felshang klebt. Das Kloster heißt Tigernest, weil der Guru Rinpoche, der den Buddhismus nach Bhutan gebracht hat, auf einer tragenden Tigerin nach Bhutan geritten ist. Der Guru hatte seinen ersten Stopp auf bhutanesischem Boden genau an dieser Stelle eingelegt.
 
Nach einer Stunde Fahrt machen wir erstmal eine Pause in der zweitgrößten Stadt des Landes, Paro, um einen Tee zu trinken. Die Stadt besteht aus einer langen Straße voller schöner bhutanesischer Häuser, die als Souvenirgeschäfte dienen. Dann geht es weiter in ein enges Tal. Wir lassen das Auto stehen und machen uns durch den Schlamm auf den Weg nach oben. – Es ist Regenzeit. – Der Weg führt durch Nadelwald. An den Bäumen hängen Flechten. Wir fühlen uns wie im Märchenwald. Nach eineinhalb Stunden sind wir am Teehaus angelangt, wo wir schon das Mittagessen vorbestellen. Wir sehen hier das Kloster das erste Mal durch den Nebel. Es hängt an einer Felsklippe und wir wissen noch nicht, wie wir dort hinkommen sollen. Dann sehen wir die Stufen, die erst den Berg direkt über einem Abhang hinauf führen, dann zu einem Wasserfall hinunter und dann wieder den Berg hinauf direkt zum Kloster. Die Stufen sind bequem und meine Schweizer Kollegin versorgte uns mit Schokolade. – Ich fühle mich wie auf einem Spaziergang. – Am Eingang des Klosters müssen wir alle Taschen und die Kameras abgeben. Wir haben aber auch nur noch eine halbe Stunde Zeit, denn das Kloster macht von ein bis zwei Uhr Mittagspause.
 
Von der Klostermauer bietet sich ein grandioser Blick über das Tal. Die Buddhastatuen im Kloster sind dagegen eher unspektakulär im neotibetischen Kitsch-Stil gehalten. So schaffen wir es auch rechtzeitig das Kloster zu verlassen und zum Mittagessen im Teehaus zu erscheinen. Es gibt das bhutanesische Nationalgericht: Kartoffeln mit Chilis. – Sehr scharf!
 
Während des Essens beginnt es zu regnen, doch mein indischer Kollege muss seinen Regenschirm nicht auspacken. Der kräftige Schauer hört nach einer Stunde wieder auf. Der Rückweg verläuft zwar ruhig, aber durch einen wieder einsetzenden leichten Regen. Am Parkplatz sehen wir die Mönche aus dem Kloster in ihren roten Roben, die mit Handys und Vorräten vom Wochenendbesuch aus der Stadt zurückkommen.
 
Am Montag habe ich dann das bisher schrägste Erlebnis meiner beruflichen Laufbahn. Das bhutanesische Landwirtschaftsministerium entpuppt sich als eine Ansammlung gepflegter Holzbaracken und der Minister als ein ehemaliger Kollege aus unserem Forschungsinstitut ICIMOD (International Center for Integrated Mountain Development in Kathmandu.
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Er empfängt uns in der vorgeschriebenen traditioneller Kleidungfür Männer, einem kurzen Rock, in seinem Arbeitszimmer und will erst mal den Klatsch aus dem Institut wissen. Am Nachmittag präsentiere ich dann im Ministerium. Etwa 20 Herren und eine Dame in traditioneller Bekleidung warten auf uns, damit ich eine Power-Point-Präsentation zu Ausgleichszahlungen für Naturschutz halte. Der Gegensatz zwischen Moderne und Vergangenheit könnte nicht größer sein. Die Herren fragen ganz intensiv nach, aber nach zwei Stunden ist die Vorstellung auch vorbei.
 
 
Dieser Widerspruch zwischen Moderne und Vergangenheit wird uns hier noch öfter begegnen, z. B. in der einzigen Pizzeria der Hauptstadt, in der es auch Steaks gibt, obwohl die Bhutanesen keine Tiere schlachten und alte Rinder oft einfach freilassen. Das freilaufende Vieh ruft allerdings Erosion in den Wassereinzugsgebieten hervor, um die sich meine Kollegen kümmern sollen. Am Dienstag schauen wir uns daher ein Wassereinzugsgebiet an. Wir fahren im Jeep in Richtung eines Passes bis auf knapp 2.900 m Höhe und besichtigen auf dem Weg nach oben verschiedene Wetterstationen und Messstationen an Bächen.
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Die Straße führt durch dichten Nadelwald, der (noch?) bestens erhalten ist. Ganz oben soll es sogar Leoparden geben. Immer wieder wehen Gebetsfahnen im Wind. In den Bächen drehen sich Gebetsmühlen. Wir sind jetzt richtig entspannt durch die Ruhe und die klare Luft.
 
Am Abend testen wir dann ein neues Restaurant in Thimpu. – Die Bedürfnisse der Touristen und die der einheimischen Oberschicht wachsen. An diesen Orten trifft man Vertreter beider Gruppen an.
 
Der letzte Tag ist für Projektplanungen vorgesehen und am Abend können wir noch an einem Abschlussessen einer Konferenz teilnehmen und weitere Kollegen aus der internationalen Zusammenarbeit mit Bhutan kennenlernen. An diesem Abend lerne ich viel darüber, wie die Gesellschaft hier funktioniert. Ein Beispiel: Man bekommt alle Genehmigungen viel schneller, wenn man den Beamten getrocknetes Büffelfleisch aus Kathmandu übergibt. Und man braucht hier viel Büffelfleisch, denn man braucht für alles eine Genehmigung wie z. B. auch für den Besuch im „Tigernest“.
 
Wir bekommen zur Abreise von einem Kollegen noch eine Tasche mit getrocknetem Fisch, mit Pfifferlingen und mit Schweizer Käse auf den Weg. – Der Fisch stinkt scheußlich. Wo er herkommt, weiß ich bis heute noch nicht, denn Bhutan ist ein Binnenland. Die Pfifferlinge schmecken wunderbar und werden am Straßenrand verkauft.
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Für ihren Käse haben die Schweizer eine eigene Fabrik in Bhutan errichtet. All diese Dinge bringen wir auch erfolgreich durch den Zoll (die Mitnahme von pflanzlichen und tierischen Produkten ist laut Hinweisschild auf dem Flughafen streng verboten!) und bis nach Kathmandu zur Schwiegermutter des Kollegen.
 
Auf dem Rückflug sehen wir noch den Mount Everest. – Nur, welcher der vielen Berge mit Schnee oben drauf ist es, wenn man aus dem Fenster sieht? – Dann hat uns das chaotische Kathmandu-Tal mit seinen 1,5 Millionen Einwohnern, Lärm, Smog und tausendende Autos wieder.