China Reisebericht:
Hongkong - Die Kunst des Tötens

Hongkong ist mehr als heißer Asphalt, dröhnende Motoren und hupende Taxis. Mehr als schreiende Säuglinge, wimmelnde Menschen und fliegende Händler. Mehr als hämmernde Baumaschinen und rauchende Fabrikschlote. Viel mehr. Hong Kong kennt auch die Einsamkeit. Zu dieser lebendigen Stadt mit ihren mehr als sieben Millionen Einwohnern und dem – angeblich – dichtest besiedelten Bezirk der Welt, gehören unzählige Inseln, Sandstrände, Palmenwälder und über 1000m hohe Berge. Auf einem davon keuche ich in die Höhe. Mein Ziel ist der Lantau Peak. Tropische Temperaturen, hohe Luftfeuchtigkeit und der immer noch vorhandene Jetlag verwandeln die leichte Wanderung in eine beschwerliche Angelegenheit. Eine Besteigung unter Saunabedingungen. Kein Wunder, dass ich auf meinem Weg gerade mal zwei verrückte Engländer treffe. Sonst bin ich alleine. Umso besser, denn so kann niemand zusehen, wie die Schweißflecke unter meinen Achseln bedrohlich rasch die Dimensionen des südchinesischen Meers annehmen.

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Statt der Menschen begleitet mich ein mulmiges Gefühl. Immer wieder treibt der Wind Wolken an den Berg. Wie Nebel legen sie sich auf meinen Steig und lassen die Welt unwirklich erscheinen. Hohe Gräser wachsen links und rechts über den schmalen Pfad. Viele Stellen sind so überwuchert, dass ich den Boden nicht mehr erkenne und meine Beine mit jedem Schritt ins Unbekannte setzen muss. Ein Dickicht, in dem mir meine ängstliche Fantasie wimmelnde Schlangen und Riesenspinnen vorgaukelt. War das der Kopf einer Grünen Mamba? Tauchte da links nicht das lange Bein einer Holzspinne auf? Um mich herum im Grasmeer raschelt und knistert es. Manchmal springen mittelfingergroße Grashüpfer auf. Und mit jedem Meter verstärkt sich die unheimliche Vorstellung, gleich – jetzt – sofort – den Biss einer Cobra im Knöchel zu spüren. 

Doch keine Schlange taucht auf. Stattdessen passiert etwas anderes. Als die Gräser den Weg freigeben und grob behauene Steinstufen erkennen lassen, sehe ich sie. Mitten auf einer Stufe sitzt eine Gottesanbeterin. Schlank und grün und bewegungslos. Das schöne Insekt ist halb so groß wie mein Fuß. Bewundernd komme ich näher, fotografiere das Tier und bin von seiner grazilen Anmut begeistert.

Bewegungslos sitzt es dort. Sitzt und sitzt und sitzt auch noch, als ich mit einem großen Schritt über es hinwegsteige und weiter Richtung Gipfel stapfe. Ich muss gestehen: Ganz nach oben schaffe ich es heute nicht. Dazu ist es schon zu spät, ich bin zu langsam und vom ungewohnten Klima zermürbt. Also kehre ich um und steige auf demselben schmalen Pfad ins Tal hinab. Als ich wieder die Steinstufen erreiche, bin ich wie paralysiert. Denn dort sitzt immer noch die Gottesanbeterin. Unverändert. Keinen Zentimeter hat sie sich von der Stelle bewegt. Sie ist nicht mehr alleine. Ameisenüberflutet liegt sie da. Hunderte der kleinen Biester haben sich versammelt, klettern auf ihr, wimmeln über sie hinweg.

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Ein ungleicher Kampf, den das viel größere Insekt bereits verloren hat. Der Flut kann sie nicht mehr entkommen. Matt liegt sie da. Nur manchmal zuckt sie noch kraftlos. Kein letztes Aufbäumen mehr, nur eine leise Bewegung. Die Ameisen lassen sich nicht abwerfen, ihre Beute kann ihnen nicht mehr entkommen.

Ich stehe da, schockiert und fasziniert. Wie brutal das Leben ist. Das Tier stirbt und ich sehe zu. Ich könnte wenigstens human sein. Wenn schon sterben, dann schnell und schmerzlos. Nur ein Tritt mit meinen Turnschuhen, ein Knirschen, ein Knacken und alles wäre vorbei. Ich könnte es tun, könnte es und kann es doch nicht. Alles in mir sträubt sich. Die Vollstreckung will mir nicht gelingen. Eine unmögliche Tat.

Ich gehe weiter und überlasse die Gottesanbeterin ihrem Schicksal. Doch meine Gedanken bleiben bei ihr, sehen sie zucken und beben. Immer wieder. Deshalb drehe ich um, haste einige Stufen zurück und bleibe dann doch wieder stehen. Nein, es bringt nichts.

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Ich könnte es wieder nicht. Ich könnte meinen Fuß nicht heben und sie unter meinem Gewicht zerquetschen. Ich kann es nicht. Also wende ich mich ab, gehe davon und verabscheue mich ein bisschen. Wie brutal ich bin. Zu sanft zum Töten, aber grausam genug, ein Leben langsam sterben zu lassen.