Indien Reisebericht: Reise in ein Land aus 1001 Nacht

Reise in ein Land aus 1001 Nacht
Nach Indien Reisen und Nepal
vom 10. bis 28. April 1981
Von einer alten Dame hatten wir von "Rotel-Tours", dem rollenden Hotel gehört und bei ihr auch den kleinen Katalog mit wenigen schwarz-weiß Fotos angesehen. Und wir dachten, was diese alte Dame seit Jahren kann, das können wir Jungen bestimmt problemlos auch. Na, so ganz problemlos schafften wir es nicht.
Wir wollten es also wagen, mit dem rollenden Hotel nach Indien und Nepal zu fahren. Eine ganze Reihe von Leuten versorgte uns zuvor mit Unmengen von Tips und gutgemeinten Ratschlägen, warnte uns oder freute sich mit. Kurzum, unser ganzer Bekannten- und Verwandtenkreis nahm regen Anteil an den Vorbereitungen zu dieser ungewöhnlichen Reise. Nachdem wir bereits im September 1980 gebucht hatten und ich bis Weihnachten nur mässiges Reisefieber hatte, packte mich das im neuen Jahr mehr und mehr. Die unzähligen Gänge zum Gesundheitsamt, Zahnarzt, Apotheke usw. hielten einen aber auch ständig in Gedanken an dieses ferne und völlig unbekannte Indien, von dem ich so ungenaue Vorstellungen hatte.
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Erni hatte ja die Ruhe weg, selbst am Reisetag war er noch nicht zapplig, während mit laufend heiß und kalt wurde und ich alles andere als ruhig war. Nun denn, der 10. April kam also endlich, und die Koffer - zwei Tage vorher sorgfältig gepackt - wurden in aller Frühe um 5.00 Uhr ins Auto geladen, Freund Gerhard geweckt, und um 5.30 Uhr ging es los in Richtung Frankfurt. Gerhard war schon recht munter und machte unterwegs so seine Witzchen über uns. Er meinte, wenn wir im Rotel schlafen, würde nachts der Tiger von Eshnapur an unseren Reifen schlotzen. Es war eine lustige Fahrt, und wir stellten die wildesten Vermutungen an, was uns auf der Reise alles erwarten würde und was für Sitten und Unsitten da auf uns zukämen.
Wir waren bereits gegen 11.00 Uhr am Flughafen und trafen schon die ersten unserer Gruppe, die den runden Rotel-Aufkleber auf ihren Taschen und Koffern hatten. Von der Rotel-Betreuerin bekamen wir gleich jeder drei Aludosen Früchtereis zum Schmuggeln in die Hand gedrückt und wir witzelten ganz schön, daß die Reis-Esserei bereits am Flughafen losginge. Nachdem wir unser Gepäck aufgegeben hatten, warteten wir in der Nähe des Terminals, um zu sehen, wann unser Flug angezeigt würde, der für 13.35 Uhr angesetzt war. Gerhard packte dann auch seine Sachen und fuhr wieder Richtung Heimat, während wir bis 15.00 Uhr warten mußten, aber dann ging es richtig los. Wir stiegen zum ersten Mal im Leben in einen Jumbo-Jet ein und waren total beeindruckt von der gewaltigen Größe dieses Riesenflugzeugs, in dem 450 Menschen Platz haben. Es sitzen in jeder Reihe 10 Leute nebeneinander, dazwischen befinden sich zwei Gänge. 3 Kinos gab es auch mit verschiedenen Filmen und natürlich schwirrten dazwischen eine ganze Menge Stewardessen herum, die ständig Essen austeilten oder Drinks oder sonstwas. Der Jumbo war übrigens bis auf den letzten Platz besetzt, so daß die Angehörigen von Besatzungsmitgliedern aussteigen mußten (die Angehörigen können verbilligt fliegen, sofern Plätze frei bleiben). Nach dem Start rumpelte und wackelte der Jumbo wie auf einer Schotterstraße, aber als wir in 10.000 m Höhe waren, wurde es ruhig, und wir sahen uns ein wenig um. Die Hälfte der Reisenden bestand aus Indern oder Pakistani sowie sehr vielen Japanern. Deutsche bzw. Europäer waren kaum vertreten. Der Flug ging rund um die Welt über Karachi, Delhi, Hongkong, Tokio, Hawaii, Los Angelos, New York und wieder zurück nach Frankfurt. Es waren da hochinteressante Typen im Flugzeug, Turban-Inder, Spitzbärtchen-Nepali, ne Pluderhosen-Oma und ne ganze Reihe Kinder.
Um 23.00 Uhr landeten wir in Karachi, hatten dort eine Stunde Aufenthalt und flogen dann weiter nach Delhi, wo wir um 5.00 Uhr indischer Zeit (MEZ + 3,5 Std.) endlich landeten. Nach langer Warterei an der Paßkontrolle, bei der wir bereits die vielen neuen Gesichter studieren konnten und auch unsere Gruppe sich so langsam herauskristallisierte, bekamen wir unser Gepäck und wurden von Veronika, unserer Reiseleiterin während der ganzen Tour, in Empfang genommen. Wir gingen aus dem Flughafengebäude raus und lernten Indien gleich richtig kennen: heiß, dreckig und sehr, sehr arm. Vor dem Flughafengebäude lief uns ein Schwein über den Weg, dann sahen wir noch mehrere, daneben kleine, halbnackte, zerlumpte Kinder, die auf dem Boden saßen oder herumliefen. Ein zerfetztes Zelt stand dort, und davor hockte eine Inderin und kochte. Wir konnten gar nicht glauben, was wir da sahen.
Mit dem Bus wurden wir zu unserem Rotel-Bus gebracht, der wegen Achsbruch bei der letzten Tour lahmgelegt war und auf dem Gelände eines für indische Verhältnisse komfortablen Hotels stand. Als wir unseren Schlafanhänger zum ersten Mal sahen, sank uns aber doch das Herz in die Hose. Soooo eng hatten wir uns das nun doch nicht vorgestellt, dann schien der Name "Schneewittchensarg" ja doch zu stimmen! Du liebe Güte, es gab 6 Kabinen für Ehepaare, die jeweils 1 m breit und ca. 70 cm hoch waren, davon immer drei übereinander. Wer im unteren hauste - wie wir - mußte abends einen Hechtsprung in seine Koje machen und morgens mit eingezogenem Kopf langsam nach vorne robben und dabei noch aufpassen, daß ihm keiner von oben auf den Kopf oder die Füße trat. Na, das konnte ja heiter werden. Allerdings hatte jedes Kabinchen am Kopfende ein Fensterchen, das sich sogar öffnen ließ, und davor hing ein mehr oder weniger funktionsfähiges Moskitonetz. Das untere Ende der Kabinen ist offen, davor hängt nur ein loser Vorhang. Außer den 6 Doppelkabinen gibt es noch 28 Einzelkabinen in dem rollenden Hotel (oder auch Mumiensarg genannt, weil soviele alte Leute mitfahren). Na, jedenfalls kann man in dieser Art Hotel nicht behaupten, daß man alleingelassen wird und keinen Kontakt bekommt.
Nachdem wir uns also vom ersten Schrecken erholt hatten, bekamen wir unsere Koffer, die wir auf dem freien Platz vor dem Hotel öffneten und erstmal luftige Klamotten für die nächsten Tage und anderes nötige Zubehör rausholten. Die Inder, die ringsherum im Freien geschlafen hatten, wurden langsam wach und schauten uns interessiert zu. Sie wuschen sich an einem Wasserhahn im Freien und schienen keineswegs unglücklich darüber, daß sie kein Dach über dem Kopf hatten. So unverständlich uns das in diesem Moment war, so gut verstanden wir sie kurze Zeit später, als wir die erste Rotel-Nacht in indischer Hitze hinter uns hatten.
Unsere Veronika hatte für die Damen und die Herren je zwei Zimmer im Hotel reserviert, so daß wir dort Gelegenheit zum waschen und eine Toilette hatten, was in Indien ja keineswegs selbstverständlich ist, denn die durchschnittlichen indischen Haushalte (so kann man die indischen Verhältnisse eigentlich nicht nennen) haben keine Toilette und kein fliessendes Wasser, sondern erledigen ihre "Geschäfte" größerer wie kleinerer Art einfach im Freien an der Straße oder hinter einem Busch, sofern denn einer vorhanden ist.
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Franz, unser Fahrer und Koch, war ein Österreicher von 34 Jahren, natürlich Junggeselle, und hatte eine gehörige Portion Humor und die stoische Ruhe und Gelassenheit der indischen Wasserbüffel, die uns überall begegneten. Franz hatte bereits auf dem Propangaskocher einen Riesenpott Wasser zum Kochen gebracht, machte Tee in einem sicher 50 Liter fassenden Topf, aus dessen Hähnchen sich jeder soviel Tee zapfen konnte, wie er wollte. Wir füllten auch unsere Thermoskannen auf und fanden diese Lösung sehr sinnvoll. Wir bekamen jeder Besteck und ein Brettchen in einer Plastiktasche, die man fast als Antiquität bezeichnen konnte - zumindest vom Dreck her - und konnten uns dann Toastbrot, Butter und Marmelade holen, soviel wir wollten. Jeder hatte sich einen Klapptisch und Klapphockerchen aus dem Bauch des Riesesbusses geholt und probierte vorsichtig die Qualität des indischen Brotes. Es war eßbar. Wir besahen uns bei der Gelegenheit auch unsere Gruppe etwas genauer und stellten zu unserer freudigen Überraschung eine ganze Reihe Leute in unserem Alter (30 - 40) fest, die einen sympathischen Eindruck machten. Es waren 7 Ehepaare dabei, die übrigen 26 waren solo, etliche Männer waren ohne ihre Frauen gekommen, weil die das Klima und die Anstrengungen dieser Reise scheuten.
So saßen wir also unter freiem Himmel, sahen den frechen Raben, Spatzen und kleinen, grünen Sittichen zu und horchten auf all die vielen fremden Geräusche ringsherum. Autohupen, menschliche Stimmen, Vogelgeschrei, Gähnen; kurzum eine erwachende Stadt im Orient, wo sich das Leben ja auf der Straße bzw. im Freien abspielt. Gegen 7.00 Uhr kam die Sonne schon ziemlich stark auf uns runter, und da wir ja noch ganz winterweiß waren, haben wir uns vorsorglich gut eingecremt. Wir waren auch ziemlich müde, denn uns fehlte ja eine ganze Nacht Schlaf. Um 8.00 Uhr stiegen wir dann in einen indischen Bus, während Franz sich bemühte, mit dem Achsbruch fertigzuwerden. Das Ersatzteil mußte von Mercedes aus Deutschland eingeflogen werden. Der Bus kam später direkt nach Agra, wohin wir mit dem einheimischen Bus bereits gefahren waren. Durch den Achsbruch konnten wir den Schlafanhänger nicht mitführen, so daß wir unverhofft zwei Tage lang in Hotels schlafen durften, was wir alle sehr erfreut zur Kenntnis nahmen. Sicher löst ein Achsbruch nur selten soviel Freude aus wie dort.
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Wir fuhren also zum ersten Mal durch Delhi, das sich auf sieben Städte bzw. Stadtteile verteilt. Man findet kein eigentliches Stadtzentrum und schon gar keine Prachtstraßen, sondern eine Bude neben der anderen, armselige Verschläge, Zelte im Freien, aber auch feste Wohnhäuser, wo die reicheren Inder wohnen. Es gibt ganze Straßenzüge, die wie Baustellen so halbfertig aussehen. Und überall sind die Hauseingänge offen, es gibt außer der eigentlichen Verkehrsstraße keine befestigten Wege oder gar Gärten. Alles ist so halb verlottert, auf jeden Fall aber für unsere Begriffe ist es unvorstellbar dreckig und armselig. Wir waren von Delhi derart schockiert und entsetzt, daß wir dachten, daß es hier wohl am schlimmsten sei, aber nach allem, was wir danach noch sahen, war Delhi noch das Beste!
Delhi hat zwischen 5 und 7 Mio Einwohner (1981), genau ließ sich das nicht feststellen, und eine ganze Reihe sehenswerter Bauten. Auf dem Weg zur Verbrennungsstätte Gandhi’s sahen wir jede Menge wilde Pfauen, die ja in Indien zu Hause sind, Affen und vor allem Krähen bzw. Raben. Und überall schliefen Inder im Freien auf einem mit Kokosfasern bespannten Bettgestell, das sehr luftig ist und um das wir sie später manches Mal beneideten, wenn uns die Hitze nachts fertigmachte. Aber davon abgesehen taten sie uns unheimlich leid. Sie hatten überhaupt nichts außer den paar armseligen Fetzen am Leib. Die meisten trugen Dhotis, ein ca. 5 m langes, dünnes Baumwolltuch, das um die Hüfte geschlungen und zwischen den Beinen durchgezogen und in der Taille eingesteckt wird. Also männlich sehen die Männer darin nicht gerade aus, während die Frauen in ihren Saris eine unvergleichliche Anmut besitzen. Sie tragen die Saris bei jeder Arbeit, auf dem Feld wie in der Stadt, und zwar in den schönsten Farben und Mustern, und sie sehen damit jederzeit elegant und schön aus. Selbst in der ödesten, trockensten Landschaft in Staub und Hitze sehen die Sari-Frauen immer noch anmutig und schön aus, das fiel mir immer wieder auf. Ich kann mir die Inderinnen in unseren Kleidern überhaupt nicht vorstellen, der Sari paßt zum Land und den Menschen wie zu unseren Bayern das Bier.
Wir sahen u.a. auch einen Eselkarren, der Kuhdung geladen hatte, und daneben saß eine Frau im Sari mit Goldketten am Arm und wühlte in dem Dung und formte Fladen. Wir trauten unseren Augen kaum. In ganz Indien wird ja der Kuhdung sorgfältig gesammelt, zu Fladen geformt und an den Hauswänden getrocknet. Wenn er trocken ist, wird er aufgeschichtet und als Brennmaterial verwendet. Die Fladenstapel haben wir immer und überall gesehen und auch die Frauen, die die Körbe auf dem Kopf trugen und die Fladen einsammelten.
Nachdem wir Ghandi’s Grab bzw. Verbrennungsstätte besichtigt hatten, fuhren wir an der Stelle vorbei, an der der Sohn Indira Ghandi’s mit dem Flugzeug abstürzte und zu Tode gekommen war. Damals hat ganz Delhi gefeiert und gejubelt, denn Sanjai war sehr verhaßt in Indien.
Wir sahen uns noch verschiedene Tempel und Bauten an und wurden zum Mittagessen in das für indische Verhältnisse beste Restaurant am Platze gebracht, wo wir à la carte essen konnten. In dem Lokal war eine Klimaanlage, aber so kalt und zugig, daß man Angst haben mußte, sich einen steifen Nacken oder eine Erkältung zu holen. So habe ich mir die Stoffserviette während des Essens in den Nacken gelegt.
In diesem Lokal haben wir typisch indisch gegessen, d.h. auf jeden Fall vegetarisch, denn die Hindus essen kein Fleisch, weil in jedem Tier eine menschliche Seele wohnen soll. Die Hindus glauben an die ewige Wiedergeburt in Form von Mensch oder Tier, daher dürfen sie natürlich kein Fleisch essen. Das Essen bestand aus Reis und gemischtem Gemüse und einer sehr, sehr scharfen, undefinierbaren Soße.
Es war gar nicht so übel. Getrunken haben wir Himalaya-Wasser. Dieses Wasser kommt tatsächlich aus den Flüssen des Himalaya und wird auf mühsamem Weg nach Indien geschafft. Eine 0,5 l Flasche kostet auch über DM 3. Und da wir in den ersten 8 - 10 Tagen in Indien täglich ca. 5-6 Liter Flüssigkeit pro Nase zu uns nahmen, gingen die Getränke unheimlich ins Geld, zumal das abendliche Bier je nach Hotel zwischen DM 5,50 und 7,50 DM kostete pro Flasche. Das war also ein echter Kostenfaktor, den wir nicht bedacht hatten. Das übliche Mineralwasser oder Soda schmeckte von Flasche zu Flasche anders, meistens schlecht, faulig, brackig oder schlicht nach nichts oder abgestanden. Aber die süße Limonade nutzte gegen den Durst nicht viel. Kaum hatte man diese Minifläschchen leergetrunken, klebte einem der Hals schon wieder. Ich habe in meinem ganzen Leben noch nicht soviel getrunken wie in Indien. Dabei mußte ich kaum einmal auf die Toilette, sondern habe alles wieder ausgeschwitzt.
Nach dem Essen gingen wir zum Elfenbein-Palast ein paar Meter weiter. Unter den Arkaden krochen und humpelten Bettler und Krüppel entlang, aber so elend, wie ich das noch nie gesehen hatte und mir auch nicht hätte vorstellen können. Eine hatte ganz schlimme Lepra an den Händen, war halbblind und auch noch an den Füßen gelähmt. So schob er sich mühsam über den Weg. Dann kam einer, dem fehlten die Beine, er hockte auf einem Autoreifen, hatte zwei Holzklötze in den Händen und schob sich so vorwärts. Dazwischen überall bettelnde, zerlumpte und vor Dreck starrende Kinder. Kaum kann ein Kind laufen, muß es schon das nächste Geschwisterchen tragen. Wir waren entsetzt und wie gelähmt angesichts soviel menschlichen Leids und hoffnungslosen Elends. Wir haben nicht nur an diesem ersten Tag in Indien mehrmals mit den Tränen gekämpft und kein Wort mehr herausgebracht, und das blieb auch während der ganzen Reise so. Bei allen Schilderungen und Beschreibungen Indiens kann man sich die Tatsache einfach nicht vorstellen, wenn man es nicht mit eigenen Augen gesehen hat. Und das vergißt man nie wieder! Umso unverständlicher ist uns, wie die indische Regierung Millionen und Millionen in den Bau von Atomwaffen steckt. Uns ist schleierhaft, wie man angesichts solchen Elends nicht das Bedürfnis oder die Pflicht verspürt zu helfen, wenn man in der Lage dazu ist. Wenn man hört, daß sogar Reis von Indien nach Rußland exportiert wird, während im eigenen Land Millionen Menschen hungern, dann fehlt mir dafür jegliches Verständnis.
Es hat natürlich auch nicht viel Sinn, den Bettlern etwas zu geben. Die zwei, drei Rupies (ca. 35 Pfennig je Rupie) reichen für ein oder zwei Tage aus, dann hungern sie wieder. Und es gibt ja so eine Unzahl armer Kreaturen, daß man gar nicht jedem etwas geben kann. An diesem ersten Tag haben wir nicht glauben können, daß es noch schlimmere Städte als Delhi geben kann, aber dann haben wir sie mit eigenen Augen gesehen und mit dem Herzen erfahren.
Und überall in Indien findet man die größte Armut neben der größten Pracht. Neben den schönsten und prächtigsten Tempeln und Palästen sitzen die Ärmsten der Armen, und das alles auf diesem einen Erdball.
Wir sind also in den Elfenbeinpalast gegangen, der kein Palast, sondern ein recht großes Geschäft mit Elfenbeinschmuck und Gegenständen daraus ist. Abgesehen davon, daß man dort sehr viel Plastikelfenbein kaufen konnte, waren die echten Stücke genau so teuer wie bei uns. Ein schön geschnitzter, etwa 10 cm großer Elefant sollte 2.780 DM kosten! Und angesichts des Elends um uns herum war uns die Lust auf Souvenirs jeder Art gründlich vergangen!
In Delhi haben wir dann noch verschiedene Bauten zu sehen bekommen, u.a. auch das rote Fort, ein riesiger Bau aus rotem Sandstein und weißem Marmor mit wunderschönen Einlegearbeiten. Es gibt zu jedem Tempel und zu jedem Palast und Grabmal eine Geschichte, und es würde hier viel zu weit führen, näher darauf einzugehen oder gar über die unzähligen indischen Götter zu schreiben. Erstens blickt man durch diese Vielzahl Götter und Legenden sowieso nicht mehr durch, zweitens interessiert das wirklich nicht jeden, so daß man sich im Zweifelsfall ein gutes Buch zur Hand nehmen kann, um darin Details nachzulesen.
In Indien fahren die Autos links, das haben sie noch aus der englischen Kolonialzeit. Dem haben wir auch zu verdanken, daß sehr viele Inder englisch sprechen oder zumindest soviel, daß man sich verständigen kann. Nur bei der Bevölkerung auf dem Land ist mit Englisch nichts zu machen. Im Übrigen sind auch heute noch 78 % der Inder Analphabeten.
Auf dem Weg vom roten Fort zum Bus waren eine ganze Menge Stände mit Souvenirs aufgebaut, und dort erstand ich meine erste und einzige indische Eule für meine Sammlung. Eulen gibt es offensichtlich sehr selten bzw. werden selten dargestellt. Aber dafür haben wir bei einem Bus-Stop irgendwo unterwegs später ein Kind mit einer lebenden Zwergeule von ca. 10 cm Höhe gesehen. Das Kind wollteuns die Eule für 5 Rupies verkaufen.
Außerdem haben wir uns einen Hausgott zugelegt, und zwar den Gott Ganesh. Er ist der Sohn Shivas und wird in Indien sehr verehrt, man sieht ihn an jeder Ecke. Ganesh ist der Gott der Weisheit und des Wohlstands, der Liebe und des Glücks. Kein Wunder, daß er so populär ist. Er wird übrigens mit einem Elefantenkopf und einem dicken Bauch dargestellt. Und dicke Bäuche haben in Indien nur die ganz Reichen, die man selten sieht. Die Inder haben ungeheuer dünne Beine und Oberschenkel, sie sitzen eigentlich nie, sondern hocken, und zwar mit derart angewinkelten Beinen, daß sie aussehen wie Klappmesser. Die strammen Beine unserer Männer wurden daher besonders von den Inderinnen mit größtem Interesse begutachtet.
An diesem ersten Tag konnten wir auch deutsches Geld in Rupies umtauschen bei unserer Reiseleiterin Veronika. Sie hatte genügend Geld bei der Bank geholt, und zwar gibt es das Geld dort in Blocks zusammengeheftet. Am ersten Tag tauschte unsere Gruppe bereits über DM 10.000 um, das sind also 250 DM im Schnitt. Da kamen im Laufe der Reise so einige Devisen zusammen.
Am späteren Nachmittag sind wir dann noch zum tibetanischen Markt gegangen, wo tibetanische Flüchtlinge ihre Sachen verkauften. Dort bettelten auch wieder soviele Kinder, Krüppel und Arme, daß wir die am Morgen gewechselten 2-Rupie-Scheine hier fast alle wieder verteilten, was zur Folge hatte, daß umso mehr Bettler hinter uns herkamen. Wir waren ganz verzweifelt und sind nachher geradezu geflüchtet. Die Veronika hat uns später auch dringend davon abgeraten und schon gar nicht sollten wir soviel schenken, weil die Inder keine Beziehung zum Geld hätten. Wir haben uns das zu Herzen genommen und so nach und nach gelernt, d.h. wir haben nur den ärmsten und vor allem den hoffnungslosen Krüppeln und Leprakranken was gegeben. Zum Schluß haben wir auch viele von unseren Klamotten und Handtüchern verschenkt, außerdem viele unserer Notrations-Kekse und massenhaft Kaugummis, Bonbons und Kulis, aber auch Feuerzeuge und Kämme. Kein Wunder, denn die Inder haben zum großen Teil Läuse. Überall sieht man sie sitzen, wenn sie sich gegenseitig lausen. Wenn man das sieht, juckt es einem auf der Stelle am Kopf.
Am Abend dieses ersten Tages gab es zum Abendessen eine Plastikschüssel mit Suppe aus Franz’ Bordküche, dazu Brot, soviel man wollte. Nach dem Essen spülte jeder sein Geschirr in einer Plastikwanne und versuchte, es mit einem uralten, fetzigen Lappen abzutrocknen. Also pingelig und empfindlich darf man da wirklich nicht sein, sonst verhungert man! Nur muß man aufpassen, daß man kein schimmeliges Brot erwischt, das wäre übel.
Nach dem Essen - es war schnell dunkel geworden wie überall in den Tropen - saßen wir auf unseren Hockern und diskutierten die Eindrücke des Tages. Dazu tranken wir Limca (Zitronenlimonade) und Bier. Wir hatten in Frankfurt im Dutyfree-Shop eine Literflasche Cognac zum Bakterientöten gekauft und sprachen dieser Flasche gleich am ersten Abend gut zu, denn wir hatten im Laufe des Tages unzählige Male Gelegenheit gehabt, uns wer weiß was zu fangen. Um 23.00 Uhr war ich so erschlagen und todmüde, daß ich den ersten Versuch machte, per Hechtsprung in unsere Koje zu kommen, was ich jedoch bald bereute. Es war derart stickig heiß und muffig darin, daß ich es nicht aushalten konnte. Eine Stunde später ging Erni dann auch mit, und so schlugen wir dann schwitzend und mit den unzähligen Moskitos kämpfend die Nacht tot. Geschlafen haben wir kaum, es war grauslig. Gegen 5.30 Uhr stand ich auf und ging in eines der gemieteten Zimmer, wo mir ein ungeheurer, feuchter Dampf von der Duscherei am Vorabend entgegenschlug. Die Toilette war verstopft, die Wasserspülung kaputt. Das fing ja gut an!
Nach dem Frühstück - was im Freien um diese Uhrzeit direkt ein Genuß war - sind wir um 8.00 Uhr also mit unserem Ersatzbus gestartet in Richtung Süden nach Jaipur in Rajasthan, der ärmsten Gegend Indiens am Rande der Wüste Thar. Als wir Delhi hinter uns gelassen hatten, begann eine ganz neue Welt für uns: karge, trockene Landschaft mit vereinzelten Büschen und Bäumen, aufgerissener Boden und Staub, soweit das Auge reichte. Überall sah man Kühe, Ziegen und bei Ortschaften auch viele Streifenhörnchen, Raben und Mischlingshunde. Außerdem überall die gemächlichen, ziemlich dumm dreinschauenden Wasserbüffel, von denen man den Eindruck gewinnt, daß sie nichts auf der Welt erschüttern kann. Mit stoischer Ruhe stehen sie da und glotzen oder kauen, vielleicht das einzig Richtige!
Wir fuhren durch sehr arme Landschaften, vorbei an ausgetrockneten Flußbetten (es hatte seit einem Jahr nicht mehr geregnet) und ärmlichen Dörfern, die aus einigen Lehmhütten mit Strohdächern bestanden. Wir schwitzten wahnsinnig, der Schweiß lief uns wie Wasser am Körper entlang. Wir saßen übrigens in der achten Reihe, der Bus hatte insgesamt 10.
Zwischendurch hielten wir immer wieder mal an zum Fotografieren oder um eine Buschpause einzulegen (Buschpause = Pinkelpause hinter einem Busch, sofern einer da ist). Gegen 12.00 Uhr machten wir Mittagsrast. Als wir aus dem Bus stiegen, fegte uns heißer Wind um die Ohren, es war, als bliese einem ein tüchtiger, heißer Föhn mitten ins Gesicht. Wer wollte, konnte aus Franz’ Bordküche was essen, d.h. es gab die geschmuggelten Aludöschen mit Gulasch und Kartoffeln oder Früchtereis oder ähnliches für DM 2,50. Kochen brauchte Franz das Zeug nicht, denn es war während der Fahrt kochendheiß geworden. Und da diese Mahlzeiten teilweise schon seit Monaten unterwegs waren im heißen Indien, waren sie wohl totgekocht. Aber immerhin hatte man was im Magen, wenn man Hunger hatte. Wir haben allerdings die ersten 5 - 7 Tage mittags nur ein paar Orangen oder gar nichts gegessen, wir lechzten nur nach Wasser, nach Trinkwasser. Und das ist ja in Indien das knappste überhaupt. Hätte Indien genügend wasser, es könnte steinreich sein. So gesehen ist Wasser mehr wert als Gold. Und wir lernten das Wasser schätzen auf dieser Reise. Manches Mal wären wir bereit gewesen, DM 10 für ein Glas Trinkwasser zu bezahlen, wenn wir es nur hätten bekommen können. Wenn man bedenkt, daß man bei uns für eine einzige Klospülung 9 l gutes Trinkwasser verschwendet, während die Frauen hier auf den Dörfern das Wasser in Messingkrügen für die ganze Familie oft kilometerweit heranschleppen müssen aus Brunnen oder manchmal auch stehenden Gewässern, in denen die Büffel liegen, dann sollte man sich bewußt machen, daß wir bei uns in einem sicher nicht verdienten Luxus leben. Wir hatten einfach unheimliches Glück, in Europa geboren zu werden und nicht in Indien oder sonstwo, wo es kein Wasser gibt.
Wir waren sehr froh über unsere zwei Thermosflaschen mit Tee und gingen sparsam damit um.
Gegen 14.00 Uhr kamen wir in Amber ein, einer Stadt mit berühmten Ruinen. Wir ritten auf Elefanten - die fürchterlich schaukeln - hoch zum Maharadschapalat, den wir eingehend besichtigten und auch bestaunten. Und natürlich verfolgten uns wieder die unvermeidlichen, bettelnden Kinder und die Souvenirverkäufer. Wir bewunderten die herrlichen Marmoreinlegearbeiten und haben uns oft gefragt, wieviel Tausende und Abertausende Stunden und Menschen hier wie überall an den prächtigen Tempeln und Palästen am Werke waren und mit welcher Genauigkeit gearbeitet worden ist. Derart arbeitsintensive Bauwerke wie in Indien habe ich noch nie gesehen, und zum großen Teil sind sie ja auch einmalig auf der Welt.
Inzwischen hatten uns die Hitze, die lästigen Bettler und die scheinbar ständig hungernden Kinder (sie zeigen immer auf ihren Mund und Bauch) völlig fertig gemacht. Wir waren froh, daß wir im Innenhof des Palastes einen Tee kaufen konnten, der etwa 9 Pfennig kostete. Dort habe ich auch Sandelholzöl und ein Blumenöl gekauft und einige andere Kleinigkeiten. Nachdem ich den aufdringlichsten Kindern dann auch noch einige Kaugummis gegeben hatte, sind wir langsam wieder den Weg hinunter gegangen zum Bus, immer die wackelnder Elefanten vor uns. Das sind schon Riesentiere. Dabei sollen die afrikanischen Elefanten noch größer sein. Im Nacken dieser Elefanten sitzen diese kleinen Inder und drücken den Elefanten die Knie hinter die empfindlichen Ohren, um sie nach Wunsch zu dirigieren. Außerdem haben sie einen Elefantenstock mit einem Haken daran. Wenn sie mit diesem Haken das Ohr des Elefanten ziehen, bleibt der Riesenbursche sofort stehen.
Wir haben ja immer wieder gestaunt, wie klein und schmal die Inder gebaut sind. "Schmale Würfe" haben wir gesagt. Ein ausgewachsener Mann hat einen Po wie ein 12-jähriger bei uns. Und die Beine sind oben fast so dünn wie unten. Wir haben uns nicht genug wundern können, wie diese kleinen Menschen stundenlang in der Hocke bleiben können, ohne Krämpfe zu kriegen. Und sie können über das heißteste Pflaster barfuß laufen, wo wir keinen Schritt mehr machen könnte, ohne daß uns die Fußhaut kleben bleiben würde. Und zudem gibt es sehr viel sehr hübsche Inder, viel mehr hübsche Männer als Frauen. Die Frauen haben eher derbere Gesichter als die Männer. Im Übrigen haben fast alle indischen Frauen den berühmten roten Punkt auf der Stirn und außerdem rote Farbe auf dem Scheitel und fast jede hat ein Loch im Nasenflügel mit einem kleinen Schmuckstück drin. Entweder ein glitzerndes Steinchen oder ein Sternchen aus Gold oder ähnliches. Das gehört dazu.
Nachdem wieder alle im Bus versammelt waren und über die ungeheure und für uns natürlich völlig ungewohnte Hitze stöhnen (Klimaanlage haben wir wegen der großen Erkältungsgefahr nicht), fuhren wir weiter nach Jaipur, der Hauptstadt des Staates Rajasthan. Wir hatten eine Stunde Zeit, uns die Stadt anzusehen, bevor es ins Hotel ging. Kaum waren wir ausgestiegen, umgab uns eine völlig andere Atmosphäre als in Delhi. Hier lachte alles, eine Unmenge Volk war auf den Beinen, unzählige Rikschas (Fahrrad-Taxis), Fahrräder und kleine Motor-Taxis auf drei Rädern fuhren zwischen den durcheinander quirlenden Menschenmengen hindurch. Musik ertönte aus Lautsprechern überall, und jede Menge heilige Kühe standen regungslos in dem Tumult, und natürlich waren auch die bettelnden Kinder sofort wieder da. Es gibt unglaublich süße Kinder in Indien, von denen wir zahllose Fotos gemacht haben. Die indischen Kinder haben es mir angetan. Mit riesigen Samtaugen gucken sie einen unschuldsvoll an, da soll man nicht schwach werden. Außerdem sind diese Kinder sehr winzig im Vergleich zu unseren. Ein einjähriges Kind ist dort so groß wie bei uns eines mit 3 Monaten oder so in etwa. Jedenfalls sind sie alle hell bis tiefdunkelbraun, haben pechschwarze Haare und - wie schon erwähnt - riesige Augen, die von den Müttern auch noch mit schwarzem Kajalstift umrandet werden. Diese schwarze Farbe soll die bösen Götter abschrecken. Jedesmal, wenn ich wieder so einen süßen, hilflosen Fratz auf dem Arm seiner Schwester sah, mußte ein Foto gemacht werden. Im übrigen werden die indischen Babies ständig getragen, entweder von der Mutter oder von der Schwester, die ein paar Jahre älter ist. Jungen tragen ihre Geschwister nie, sie sind mehr wert als Mädchen und brauchen nichts zu tun.
In Jaipur war jedenfalls ein unglaubliches Leben und Treiben in der Stadt. Es gab fast keine PKW’s, weil die Luxus sind, und wenn überhaupt, fahren reichgeschmückte LKW’s herum. Überall, auf dem Land wie in der Stadt, waren die Lastwagen mit Goldgirlanden und bunten Papierstreifen geschmückt. Wir standen staunend da, tappten durch den Müll und den Dreck und die Pfützen am Straßenrand, schauten in die Töpfe der Straßenrestaurants - wenn man eine offene Feuerstelle mit allerlei Undefinierbarem in der Pfanne so bezeichnen kann - und gingen schließlich durch einen überdachten Bazar, in dem die schon etwas besser gestellten Inder ihre Läden hatten. Der Fußboden ist etwa 15 - 20 cm dick mit Stoff gepolstert, man zieht die Schuhe aus und hockt auf dieser weichen Unterlage, während man Tee trinkt und das Geschäft macht. Es war sehr interessant, diesem Treiben zuzusehen.
Anschließend fuhren wir zum Hotel, das sich als Sommerresidenz des Maharadschas von Jaipur herausstellte. Wir bezogen im Gästehaus ein großes Zimmer, das sowohl einen Ventilator als auch ein Badezimmer besaß und eine richtige Toilette, die auch funktionierte. Unsere Herzen schlugen wahrlich höher als wir das sahen, denn wir waren völlig verschwitzt, kaputt, durstig und sehr dreckig. Während der ganzen Reise waren wir ständig voller Staub, und da man sich der Sonne wegen ja mit Sonnencreme eincremen mußte, haftete der Staub natürlich besonders gut. Schwarzer Staub lag überall, und man hatte ständig das Gefühl, Sand im Mund oder an den Lippen zu haben. Außerdem hatten wir ständige schmutzige Fingernägel, auch wenn wir sie zweimal am Tag reinigten. Gegen soviel Dreck kamen wir kaum an.
Wir ließen also erst einmal Wasser in die Wanne laufen, es wurde zunehmend wärmer und dreckiger, und in der Wanne lagerte sich Sand ab. Das war uns aber egal, wir seiften uns ordentlich ein und gossen mit einem stets vorhandenen Plastikbecher das kostbare Wasser über uns. Was für eine unbeschreibliche Wohltat! Schön erfrischt und in frischer Kleidung aus unserer Reisetasche (die Koffer standen ja noch in Delhi im kaputten Bus), inspizierten wir dann den Palast, der doch tatsächlich einen Swimmingpool hatte, der sich so nach und nach mit den Leutchen aus unserer Gruppe füllte. Es dämmerte langsam, und auf einmal flog eine Fledermaus ins Wasser, was die Frauen zum Kreischen und die Männer zum Lachen brachte. Irgendein Mutiger schaffte dann das arme Tier an den Rand des Beckens, wo es ganz bedeppert und halb ersoffen liegenblieb. Ringsherum flogen Hunderte dieser Fledermäuse herum und gaben diese seltsamen Quietschtöne von sich. Die allgegenwärtigen Raben und Pfauen, die uns mit ihrem widerlichen Schrei den Nerv raubten, waren auch dabei, und in der Nähe stand ein Inder mit einem Stock und ging immer auf und ab. Er sollte auf Schlangen aufpassen...!
Um 19.00 Uhr traten wir dann im Speisesaal des Maharadschas zum Dinner an, was sich als ganz lecker herausstellte. Den Reis kochen die Inder sehr locker-körnig, er schmeckt sehr gut und bildet immer eine gescheite Grundlage, da ist das Drumherum nicht so entscheidend wie bei uns. Es gab dann noch Dal, eine Art Mischung aus Hülsenfrüchten und Getreide, eine seltsame Frucht, die zu Brei gestampft gegessen wird und mir überhaupt nicht schmeckte - wie Pappe! Dazu gab’s noch eine scharfe Soße mit Gemüse. Dazu haben wir wieder ungehörige Mengen Mineralwasser getrunken. Hintergab gab’s noch geschnittene Banane mit einer Art Vanillesoße, und wir waren ganz glücklich, sauber, frisch und satt.
Danach kam ein Puppenspieler mit seinen Marionetten und führte uns eine Art Kasperletheater auf indische Art vor. Er war sehr geschickt und ließ seine Puppen einen Bauchtanz aufführen, einige Götter und Dämonen gehörten auch zum Repertoire, und die ganze Zeit über sang ine Inderin im Hintergrund irgendetwas, ziemlich monoton, aber faszinierend, weil so fremd. Dann kam noch ein Wahrsager, von dem die Veronika erzählte, daß er sehr gut sei und schon erstaunliches vollbracht habe. Es war ein interessanter alter Mann, und wir wollten uns die Zukunft sagen lassen. Und dann hockten wir auf dem Boden in einer Ecke des Hotels und der Wahrsager fing an: er sagte unsere Geburtsdaten auf den Tag genau, daß unsere Eltern noch leben, die genaue Zahl unserer Geschwister usw. Er sagte uns Dinge auf den Kopf zu, die ihm kein Mensch gesagt haben konnte außer uns, wir hatten ja niemandem derartige Tatsachen erzählt. Wir waren total perplex, denn wir hatten das Ganze als faulen Zauber angesehen und wollten uns einen Jux daraus machen. Nun waren wir wirklich sprachlos über das, was der Mann uns an Tatsachen brachte, die einfach stimmten. Und dann fing er an, über die Zukunft zu reden. Also, Erni wird mit 55 ein ganz reicher, berühmter Mann sein, er wird ein Buch schreiben, das ein Bestseller wird und ihn reich macht. Er wird weise und klug sein wie Buddha, und er wird mit 101 Jahren im Bett sterben, ohne krank gewesen zu sein und wird mit mir eine lange, glückliche Ehe führen. Im Übrigen sollen wir nächstes Jahr im September einen Sohn bekommen und im Jahr darauf Zwillinge, einen Sohn und ein Mädchen, und die Kinder werden auch sehr gesund sein. Ich soll übrigens laut Wahrsager mit 99 im Bett sterben an einem Herzinfarkt. Und ich hätte ein Herz wie ein Schmetterling. Mit stünden noch viele Reisen bevor, und ich wäre sehr klug im Umgang mit meinem Mann. Na, nun lassen wir die Zukunft mal auf uns zukommen, das müßte ja mit dem Teufel zugehen, wenn das alles zutrifft!
Wir haben einigen von den großen Sprüchen des Wahrsagers erzählt (das dauerte übrigens fast 2 Stunden), und dann war natürlich das Gelächter groß, und der halbe Bus hat gefrozzelt wegen der Zwillinge. Wir hatten viel Spaß an der Sache und haben noch oft gelacht, wunderten uns aber doch, wie der Mann so einige Tatsachen wissen konnte.
Wir sind dann gegen 23.00 Uhr auf unser Zimmer gegangen, haben einen süßen Gecko entdeckt, eine Art Salamander mit Saugfüßen, der die Wände entlangläuft und Fliegen und Moskitos fängt) und geknipst. Während Erni schon den Schlaf des Gerechten schlief, habe ich noch eine Unzahl Karten an unsere Lieben daheim geschrieben, ehe ich mich gegen Mitternacht auch hinlegte. Stundenlang habe ich mich gedreht und mit Autan eingesprüht gegen die verfluchten Moskitos und habe dann vielleicht zwei Stunden geschlafen. Dann bin ich völlig zerstochen aufgewacht. Beim Frühstück hat alles auf die Moskitos geschimpft, die einen wirklich zum Wahnsinn treiben können, und das noch zu der Hitze, die schon ausreicht, um einen verrückt zu machen.
Das Frühstück war ganz eßbar, englisch mit Rührei und Cornflakes oder Toastbrot mit Marmelade. Um 8.00 Uhr fuhren wir wieder nach Jaipur und sahen uns u.a. den Palast der Winde an, der wirklich sehr schön und filigran gebaut ist. Dann kaufte ich zwei Wickelröcke und einige Melonen. Schließlich konnten oder mochten wir uns der aufdringlichen Bettler und Kinder nicht mehr erwehren und zogen es vor, im Bus zu warten und von dort aus das Treiben um uns herum zu beobachten.
Wir fuhren anschließend zur Sternwarte, die ganz eigentümlich aussieht und eine Menge steinerne Sonnenuhren aufweist. Einige Treppen mit abnorm hohen Stufen führen steil nach oben. Dieses Stufenlaufen hatte mir für die nächsten Tage einen ordentlichen Muskelkater beschert. Von der Sternwarte aus gingen wir zum Palast des Maharadschas, der sogar zu Hause war, d.h. wir sahen ihn in einem silbergrauen Fiat - natürlich mit Chauffeur - davonfahren. Sein Palast ist aber wirklich ein Schmuckstück. Unglaublich fein gearbeitete Türmchen, Erker und Tore aus Marmor und Stein umgaben einen großen Innenhof. Wir konnten bloß noch staunen. Natürlich schwitzten wir wieder wie verrückt, und ich lief nur noch von einer kühlen Marmorecke zur nächsten und horchte den ausführlichen Erklärungen Veronikas nur noch mit einem Ohr.
Veronika machte das alles aber mit soviel Gefühl und Engagement, und das nach acht Jahren Indien, daß wir sie wirklich manchmal bewunderten. Sie liebt Indien und seine Menschen sehr und hat wohl schon so manches von ihnen übernommen. Übrigens hat sie einige Monate nach dieser Reise einen Sikh geheiratet und lebt mit ihm dort.
Nachdem wir vor dem Palast an einem Getränkestand nochmal Himalaya-Wasser im wahrsten Sinn des Wortes getankt hatten (der Menge wegen), begann eine ziemlich lange Fahrt nach Bharatpur, wo sich ein großes und überhaupt das einzige Vogelparadies Nordindiens befindet.
Die Fahrt dorthin war ermüdend. Es war sehr heiß, sehr trocken, und die Landschaft öde. Ab und zu sah man einen der sehr schönen, knallroten Korallenbäume, aber sonst waren außer einigen Bougainvilleenbüschen kaum nennenswerte Bäume zu sehen. Alles war trocken und staubig, und wir konnten kaum glauben, daß jetzt erst die heiße, trockene Zeit beginnen sollte. Mitte März beginnt die offizielle heiße, trockene Zeit. Wie öd und trostlos sieht das Land wohl aus, kurz bevor der Monsum kommt? Unvorstellbar tot und lebensfeindlich für Mensch und Tier.
Alle paar 100 Meter sahen wir einige ärmliche Lehmhütten, Frauen in Saris, die ihren Wasserbüffeln eimerweise Wasser überschütteten, damit sie nicht eingehen. Sobald wir hielten, um eine Fotopause oder einen Buschstopo zu machen, tauchten aus dem Nichts unzählige Kinder auf, die die Hand ausstreckten für ein Bakshish (Trinkgeld). Selbst die kleinen Kinder auf dem Arm der Schwester, die noch gar nicht laufen können, streckten bereits die Ärmchen aus. Das ist wohl das erste, was sie lernen im Leben. Wir hatten aber inzwischen unterscheiden gelernt. Die Bevölkerung auf dem Land ist natürlich arm, aber sie sind wesentlich besser dran als die in den Städten, die in ihrem Elend eng zusammengepfercht sind und überhaupt keine Chance haben, auszuweichen. Die Landbevölkerung muß den ganzen Tag in der Hitze schwer arbeiten, um was zu essen zu haben, aber sie haben keinen Gestank und Dreck und die Enge der Großstadt zu ertragen. Sie sind im Allgemeinen auch besser ernährt als die Städter, die fürchterlich mager sind. Ich glaube nicht, daß die Landbevölkerung sehr hungert, wobei das natürlich sehr vom Regen bzw. von der Ernte abhängt. Wenn es mal ein Jahr nicht regnet, fällt die Ernte aus, und dann kommt auch der Hunger. Und ein weiteres Problem ist die Mitgift, die gezahlt werden muß, wenn eine Tochter heiratet. Dafür verschulden sich viele über Generationen. Wenn dann noch die Ernte ausfällt, suchen viele ihr Heil in der Stadt und enden im totalen Elend. Deswegen wollen die Inder keine Mädchen, und auch heute noch werden viele Mädchen gleich nach der Geburt getötet. Die Frau gilt in Indien nicht viel, sie wird nur als Arbeitskraft und Gebärmaschine für Söhne gebraucht.
Unterwegs war vor uns auf der Piste - anders kann man die schmale Straße, die nur für ein Gefährt reicht, nicht nennen - ein Unfall passiert, bei dem eine Inderin tödlich verletzt worden war. Man hatte sie einige Meter neben die Straße gelegt und bereits eine Grube ausgehoben, in die sie gelegt werden sollte. So schnell verschwindet ein Mensch vom Erdboden.
Überall sah man Berge von Stroh und die Menschen beim Dreschen. Dann wurde die Spreu vom Korn getrennt, indem man die gefüllten flachen Körbe hochhob und den Inhalt langsam herauslaufen ließ. Der Wind besorgte dann die Teilung. Manche hatten sogar schon primitive Windmaschinen, die aber ihren Zweck erfüllten und von den Einheimischen selbst instand gehalten werden konnten.
Unterwegs auf den Baustellen sah man überwiegend Frauen bei dieser harten Arbeit. Sie trugen die Steine auf dem Kopf und schleppten Teer oder klopften Steine. Überall in Indien und später auch in Nepal haben wir gesehen, daß große Steine in kleine Steinchen von Hand zerklopft wurden. Eine wahre Strafarbeit, die aber von den Indern und Nepalesen als normale Arbeit angesehen wird, die einfach getan werden muß.
Soweit das Auge reichte, war die Landschaft topfeben, ausgedörrt und ziemlich kahl. Grasbüschel wuchsen nur vereinzelt, und kleine krüppelige Bäume standen hin und wieder dort. Am Straßenrand wuchsen hin und wieder blühende Büsche. Und immer wieder tauchten in dieser kargen Landschaft Menschen mit ihren Ziegen oder Wasserbüffeln auf, auch Dromedare sah man recht häufig. Ab und zu lag das Gerippe eines verendeten Tieres herum und gelegentlich richtige Knochenberge.
Alle paar Stunden machten wir in einem Dorf Halt, um etwas zu trinken oder Obst zu kaufen. An Obst waren nur ziemlich eingetrocknete Orangen mit vielen Kernen, aber gutem Aroma zu haben sowie hin und wieder Bananen und mehlige Äpfel. Ab und zu fanden wir eine fremde Frucht, so ein Mittelding zwischen Pampelmuse und Orange, die für den Durst ganz gut geeignet war. Es gab auch noch Mangos, die ich aber wegen des leicht fauligen Geschmacks eklig fand und nicht essen mochte.
Schließlich kamen wir am Nachmittag im Vogelparadies von Bharatpur an, wo jede Menge schöner Vögel wie Kraniche, Reiher, Enten und eine Menge mir unbekannter Vögel zu Hause waren. Außerdem lagen massenhaft Wasserbüffel bis zum Rücken im Wasser und waren offensichtlich sehr zufrieden. Wie oft haben wir die Wasserbüffel beneidet, die wir unterwegs sahen, wenn sie so gemütlich im Wasser standen und das kühle Naß genossen. Pfauen sahen wir auch überall und natürlich Streifenhörnchen, die ja ganz putzig sind, so ähnlich wie unsere Eichhörnchen, allerdings sicher um die Hälfte kleiner.
Wir liefen einige hundert Meter auf dem Uferweg entlang zwischen den Sümpfen rechts und links von uns. Unzählige Libellen schwirrten über die Wasseroberfläche, es roch faulig-brackig, und es war fast unerträglich heiß. Schließlich drehten wir um und entdeckten kurz hinter unserem Bus einen Ziehbrunnen, den ein Inder bediente. Wir machten ihm klar, daß er Wasser hochholen sollte, und dann ließen wir uns eimerweise das kühle Naß über den Kopf schütten. Der Inder hat sich bestimmt sehr gewundert über das Gegrunze und Gejohle der eigenartigen Europäer, sowas hat er bestimmt noch nicht erlebt. Es war für uns eine herrliche Erfrischung, und außerdem war es das bisher kühlste Wasser, dass wir in Indien gefunden hatten. In den Hotels kam es immer lauwarm aus der Leitung.
Wir fuhren dann weiter und sahen unterwegs überall am Straßenrand abgestochene Erde, die die Inder für ihren Hüttenbau verwenden. Teilweise gibt es richtige Ziegeleien, in denen die Erde gebrannt wird.
Die Straße wurde zusehends unebener, und wir hopsten teilweise ganz schön von unseren Sitzen. Im Dunkeln kamen wir dann in Agra im Lauries Hotel an, völlig verschwitzt, durstend und erledigt. Riesige Zimmer bekamen wir (unser Rotel stand ja noch in Delhi) mit Bad und WC und waren ganz selig. Nach dem Duschen - zwei Geckos sahen uns dabei zu - gingen wir zur nächstbesten Sitzmöglichkeit gleich neben der Rezeption und tranken zu zweit 12 Flaschen Mineralwasser und vier Bier. Wir hatten das Gefühl, ein Faß ohne Boden zu sein, denn zu Hause trinke zumindest ich sehr wenig. Soviel wie in Indien habe ich noch nie getrunken.
So nach und nach trudelte die ganze Gruppe ein, alle waren völlig geschafft, hatten rote Köpfe und dicke Augen und lechzten nach was Trinkbarem. So langsam hatte sich eine nette Gruppe gebildet, und wir saßen meist zusammen und erzählten oder machten Blödsinn. Der jüngste Teilnehmer der Reiseteilnehmer war übrigens 23, die älteste wurde in Agra 79 Jahre alt.
Nachdem wir uns innerlich und äußerlich erfrischt hatten, wurde typisch indisches Essen serviert, das aus Reis und gemischtem Gemüse bestand und recht lecker war. Wir haben den Rest des Abends noch auf der Terrasse verbracht und sind dann gegen Mitternacht schlafen gegangen.
Morgens war mir unheimlich schlecht, und mein Magen rumorte gräßlich. Nach der anfänglichen Verstopfung hatte ich nun Durchfall und mußte mich zusätzlich übergeben. Danach war mir sterbenselend, und ich fühlte mich sehr schwach und kein bißchen unternehmungslustig. Zum Frühstück trank ich nur ein bißchen Tee und nahm einige Tabletten gegen die Übelkeit. Außer mir ging es noch anderen so dreckig, und einen mußten sie sogar ins Krankenhaus bringen. Er hatte diesen entwässernden Durchfall, der den Körper innerlich austrocknet und der innerhalb weniger Tage zum Tod führen kann. Im Krankenhaus bekam er dann jede Menge Infusionen und konnte am nächsten Tag wieder entlassen werden. Kurios war daran, daß dieser Mann seit 30 Jahren in Sao Paulo lebte und diese Krankheit in Brasilien noch nie hatte. Dazu mußte er erst ins weit entfernte Indien fahren.
Mein Muskelkater in den Oberschenkeln vom Treppensteigen auf der Sternwarte in Jaipur machte sich auch noch negativ bemerkbar, und ich hatte also gewiß nicht die beste Stimmung. So starteten wir dann nach dem Frühstück in Richtung Fatehpur Sikri, der roten Hauptstadt Kaiser Akbars. Diese Stadt ist aus rotem Sandstein gebaut und riesengroß. Auf etwa 2,5 qkm befinden sich unzählige Bauten, Tempel, Paläste usw. Wir tappten also immer hinter Veronika her, hörten den interessanten Schilderungen und Geschichten zu, die sich um jedes Bauwerk ranken, waren von der Hitze schon wieder ganz fertig und natürlich durstig, als ich zu allem Übel auch noch mit dem Kopf an einen Torbogen stieß, der für mich zu niedrig war. Ich war wohl auch unkonzentriert, sonst hätte ich das rechtzeitig erkennen müssen. Die Hitze, die Übelkeit und die zusätzliche "Kopfnuß" trieben mir die Tränen in die Augen, und ich hatte in dem Moment von dem ganzen Indien und den verfluchten Tempeln restlos die "Schnauze voll". Am liebsten wäre ich postwendend nach Hause geflogen. Aber nach einer Weile ging es doch wieder.
Wir fuhren danach im Affenzahn die unebene Straße nach Agra zurück, und wir hatten nicht zum ersten Mal den Eindruck, daß unser indischer Fahrer während der Besichtigungen nicht nur Alkoholfreies trank. Er fuhr aber auch wirklich wie ein Henker, und selbst die sonst nicht so zimperlichen Männer hielten ab und zu die Luft an.
Unser Schneewittchensarg, der eigentlich um die Mittagszeit in Agra eintreffen sollte, stand noch nicht am Hotel. Der indische Bus mußte aber wieder zurück nach Delhi, und so bestellte Veronika für uns 20 Rikschas, die uns nach der Mittagspause zum Roten Fort und zum berühmten Taj Mahal bringen sollten. Wir hatten ja gewisse Hemmungen und Gewissensbisse, uns von diesen schmalen Bürschchen auf dem Fahrrad fahren zu lassen, denn das ist bei der Hitze eine Schinderei und wir wogen viel schwerer als die Inder, die sie normalerweise befördern. Veronika aber meinte, das wäre für die Rikschafahrer nun mal ihr Job und sie wären sehr froh, wenn sie was verdienen könnten. Außerdem bekamen sie von uns das Doppelte, was ein Inder zahlen würde, wir sollten also nicht mehr bezahlen als sie ausgemacht hatte.
Wir hatten also zunächst einmal Mittagspause, einige aßen etwas, andere gingen in den Swimmingpool, der eigens für uns gefüllt worden war, das heißt, seit dem letzten Abend lief das Wasser ins Becken aus einem recht dünnen Rohr, und das Becken war also während der ganzen Nacht nicht mehr als halbvoll geworden. Wir hatten direkt Gewissensbisse, soviel Wasser zum Baden zu nehmen, wo wir unterwegs doch soviele durstende Ortschaften gesehen hatten, wo die Frauen das wertvolle Naß in Messing- oder Tonkrügen mühsam auf dem Kopf heimschleppen mußten. Nichtsdestotrotz war das Bad eine wunderbare Erfrischung, und wir waren danach ganz fit und voller Spannung auf den Nachmittag. Ganz pünktlich kamen unsere 20 Rikschas in den Innenhof des Hotels gefahren. Wir suchten uns einen ganz wilden Typ aus und stiegen auf die schmale Sitzbank. Die war aber für unsere europäischen Po’s reichlich knapp bemessen, und wir saßen ziemlich gequetscht. Dann fuhren wir los, und wir staunten nicht schlecht, als wir merkten, daß die Rikschafahrer unheimlich guter Laune waren, sich gegenseitig alles Mögliche zuriefen und lachten. Man hatte tatsächlich den Eindruck, daß sie froh über diesen großen Auftrag waren.
Unser Fahrer war ein schmächtiges Bürschchen von etwa 40 kg, hatte wild zerzauste und schwarze Haare und blitzende Augen. Sein Hemd war zerfetzt und gelöchert, und seine Hose hing mehr oder weniger in Streifen an ihm. Unterwäsche kannte er nicht wie die meisten Inder. Das haben die reicheren von den Europäern übernommen, die große Masse kennt keine Unterwäsche. Jedenfalls tat uns unser Fahrer sehr leid, und wir haben ihm doch ein Trinkgeld gegeben, nachdem er uns später wieder heil zum Hotel zurückgebracht hatte.
Von der Rikscha aus hatten wir noch viel direkteren Kontakt zur Stadt und zur Bevölkerung. Allein die tausend Gerüche und Gestänke und Geräusche wären eine Beschreibung wert, wenn es sich ausdrücken ließe. Denn das, was man an den Straßenrändern zu Augen bekommt, ist fast unbeschreiblich. Diese Armut, der unvorstellbare Dreck, die halbnackten, verlausten Kinder und die unzähligen bettelnden Hände überall jagten uns die Rückenhaare hoch. Man kann manchmal gar nicht glauben, was man sieht. Aber offensichtlich leiden diese Menschen nicht darunter, jedenfalls nicht so, wie wir das annehmen würden. Für sie ist das ein ganz normales Leben, etwas anderes haben sie ja nie kennengelernt, und sie haben so gut wie keine Informationen von anderen Ländern. Und wenn sie die hätten, könnten sie sich trotzdem kaum ein anderes Leben als das vertraute vorstellen. Unser Mitleid könnten sie wahrscheinlich auch nicht verstehen. Und das Betteln haben sie erst durch die Touristen kennengelernt. Es ist auch zu einem Job geworden, und warum sollen Kinder nicht betteln und etwas zum Familieneinkommen beisteuern? Also betteln sie, das ist nicht sehr anstrengend. Wir waren jedenfalls trotzdem entsetzt.
Zuerst fuhren wir also zum Roten Fort von Agra und bewunderten dort die schönen Einlege- und Steinmetzarbeiten. Treppauf und treppab, überall wunderschöne Handwerksarbeit, die man wirklich gesehen haben sollte. Außerhalb des Bauwerks waren natürlich wieder jede Menge aufdringliche Händler, die uns ihre "einmaligen" Souvenirs verkaufen wollten. Teilweise haben wir tatsächliche hübsche Sachen erstanden. Manches war unerwartet teuer, anderes wieder erstaunlich billig. Am schönsten waren aber die Schnitzereien aus Sandelholz, das so wunderbar duftet. Wir haben einige Elefanten und eine Kette aus diesem Holz erstanden.
Unser Rikschafahrer wartete schon auf uns und ab ging es zum Taj Mahal, auf das wir schon so gespannt waren. Tja, und dann standen wir davor und konnten es kaum fassen. Diese Harmonie, diese Majestät, ein architektonisches Wunderwerk und sicherlich das schönste Bauwerk der Erde. Wir konnten es nur uneingeschränkt bestätigen und waren total sprachlos und fasziniert. Wir standen davor und fühlten uns wie in einem Märchen aus 1001 Nacht, so unwirklich kam uns dieses prachtvolle Grabmal vor. Langsam und sehr respektvoll gingen wir näher und besahen uns dieses Marmorwunder von allen Seiten. Wir mußten die Schuhe ausziehen, wie fast in jedem Tempel, und gingen in den Innenraum des Grabmals. Und was wir dort zu sehen bekamen, verschlug uns wirklich die Sprache. Tausende und Abertausende von Blüten aus Halbedelsteinen waren kunstvoll in den weißen Marmor eingelegt, zierten den Innenraum und die beiden Zenotaphe (Särge von Mumtaz Mahal und Shah Jahan, dem Erbauer). Fenster, aus weißem Marmor in großen Stücken gehauen, befanden sich ringsherum und zwangen uns zur Bewunderung dieser menschlichen Fähigkeiten. Ich habe mir die Mühe gemacht, einmal die Halbedelsteine einer einzige Blüte zu zählen: nicht weniger als 52 einzelne Halbedelsteine gehören zu einer einzigen Blüte, den Stiel und die Blätter noch nicht dazugezählt. Man rechne sich die Millionen von Einzelteilchen aus, die dann noch in das Marmor eingelegt werden mußten, bis das Kunstwerk vollendet war. Wirklich unglaublich. Das Taj Mahal wurde von Shah Jahan vor 350 Jahren erbaut zum Gedenken an seine geliebte Frau Mumtaz Mahal, die bei der Geburt ihres 14. Kindes starb. Es ist eine liebenswerte Ungereimtheit der mohammedanischen Welt, in der die Frau nur eine untergeordnete Rolle spielt, daß das schönste Bauwerk dieses Kulturkreises ausgerechnet einer Frau gewidmet ist. Aber es gab schon immer Ausnahme-Männer.
Ein Heer von 20.000 Arbeitern begann 1631 mit den Arbeiten und war 22 Jahre später fertig. Shah Jahan wollte für sich selbst das gleiche Werk in schwarzem Marmor auf der gegenüberliegenden Seite des Yamuna-Flusses erbauen, aber er hatte durch den Bau des Taj Mahal den Staatshaushalt derart ruiniert, daß sein Sohn ihn bis zu seinem Tod gefangenhielt und danach neben seiner Frau bestattete.
Wir standen bis zum Sonnenuntergang vor diesem traumhaften Bauwerk. Wir wollten spätabends noch einmal wiederkommen, um das Grabmal im Mondschein zu sehen, doch daraus wurde leider nichts, da wir zu spät ankamen und die Tore bereits geschlossen waren. Wir lernten auf diese Weise aber per Rikscha noch einige interessante Ecken Agras kennen und staunten immer wieder über die offensichtliche Bedürfnislosigkeit und Zufriedenheit der meisten Inder.
Als wir vom Nachmittagsausflug zu unserem Hotel zurückkamen, stand dort zu unserem Kummer tatsächlich unser rollendes Hotel. Nun mußten wir also wieder in der heißen Koje schlafen. Aber immerhin hatten wir unsere Koffer wieder und konnten uns endlich frische, saubere Sachen anziehen. Aber die Kojen waren derart aufgeheizt und die Luft darin derart schlecht, daß kein Mensch darin schlafen mochte. Wir haben noch eine Weile vor Verzweiflung draußen gesessen und was getrunken und sind dann mit den Matratzen aus der Koje in eines der Zimmer gegangen, die für die Waschgelegenheit gemietet waren. Dort konnten wir halbwegs normal schlafen, was ja keineswegs selbstverständlich war.
Der folgende 6. Tag war der 15. April, und unsere älteste Teilnehmerin wurde 79 Jahre alt. Es war ihre 10. Rotel-Reise. Allerdings setzte ihr das Klima auch gewaltig zu, und wir hatten später noch einigen Kummer mit ihr. Jedenfalls haben wir alle gratuliert, und von der Reiseleitung bekam sie noch ein nettes Andenken. Im Übrigen hatten wir einige Geburtstage während der Reise, und allen wurde gratuliert und eine Kleinigkeit überreicht von Rotel. Das fand ich sehr nett.
An diesem 6. Tag mußte Erni auch das erste Mal seit Beginn der Reise pinkeln, er hatte also all die Sprudel und Limos und Biere ausgeschwitzt, es müssen ganze Eimer voll gewesen sein. Unvorstellbar!
Nach dem Frühstück kletterten wir also zum ersten Mal in unseren Rotel-Bus, der von nun an unser Gefährt sein sollte. Er war ordentlich dreckig und verstaubt, und es sollte seine letzte Tour sein, bevor er dann von Delhi aus durch Pakistan und Persien zurücknach München zur großen Inspektion fahren sollte. Um diese Tour beneideten wir Franz und Veronika gewiß nicht, aber es gab doch tatsächlich genug Verrückte oder Ahnungslose, die diese Tour gebucht hatte.
Wir saßen also nun in unserem Rotel-Bus, hatten eine stabile Ablage vor uns und erfuhren gleich, daß die Klimaanlage kaputt sei. Wie erfreulich! Die rechte Windschutzscheibe vorn war mit Klebeband gerettet worden, ein langer Riß zog sich quer über die Scheibe. Mit dem Schlafanhänger hintendran war das ganze Gefährt 23 m lang, also ein Riesengefährt. Und überall, wo wir hinkamen, wurden wir bestaunt. Der Bus selbst war ein Mercedes und mit einem starken Motor von 260 PS ausgestattet. Das war also doch recht vertrauenerweckend. So fuhren wir also wieder in die Stadt Agra und besuchten ein weiteres, wunderschönes Grabmal mit herrlichen Einlegearbeiten, auch aus weißem Marmor. Es war Itimat-ul-Daulat. Es war schon wieder unglaublich heiß, und wir beneideten die Büffel, die unten im Yamuna-Fluß standen.
Danach fuhren wir zu einem im Bau befindlichen Tempel. Seit 50 Jahren wird an diesem Tempel gebaut, und es wird voraussichtlich noch weitere 50 Jahre dauern, bis er fertiggestellt ist. Wir konnten die Handwerker und Künstler bei ihrer komplizierten und langwierigen Arbeit beobachten und auch eine Marmorsäge sehen, die stunden- oder sogar tagelang braucht, bis sie einen Marmorblock in Scheiben gesägt hat. Aus diesen Scheiben werden dann die kunstvollen "Fenster" ohne Glas herausgearbeitet. Von dieser Baustelle habe ich einige abgesplitterte Marmorteilchen als Andenken mitgenommen.
Wir haben alle sehr gelitten unter der mörderischen Hitze und endlos viel getrunken. Ich habe eine ehemalige Colaflasche erwischt mit ganz gelb-braunem Rand, und das Mineralwasser drin schmeckte fürchterlich faulig. Da soll einem nicht schlecht werden!
Wir fuhren dann noch zu Akbars Grab, aber Akbar konnte mir den Buckel runterrutschen, ich habe mich unter einen schattigen Baum gesetzt und den Affen und Vögeln ringsherum zugeschaut. Eine ganze Reihe unserer Gruppe tat dasgleiche. Und inzwischen stand ich auf dem Standpunkt, daß ein Grabmal oder Tempel mehr oder weniger auch egal wäre. Nach dem Taj Mahal konnte eh nichts Umwerfenderes mehr kommen. Und inzwischen zehrten die ungewöhnlichen Anstrengungen dieser Reise an unseren Reserven.
Wir hockten also wieder im Bus, dessen Fenster nicht zu öffnen waren, verfluchten die Hitze und hatten Morus vor den nächsten Tagen, die uns laut Franz sehr anstrengende Touren bescheren sollten. Im Hotel angekommen, stürzten sich alle in den Swimmingpool, und Lissi - unser Sonnenschein - faszinierte mit ihrem Umkleidemanöver das halbe Hotelpersonal. Uns ging es wieder gut, und wir hatten viel Spaß, haben eimerweise Limca und Sprudel getrunken und starteten dann kurz nach Mittag in Richtung Gwalior.
Unterwegs sahen wir eine große Dromedarherde mit vielen Jungtieren und einige Zeit danach einen großen Viehmarkt, der von einer wilden Kriegerkaste betrieben wurde. Jede Menge Wasserbüffel mit Jungen, Ziegen und Zicklein standen da unter den schattenspendenden Bäumen und warteten auf Käufer. Diese Inder waren überhaupt nicht aufdringlich, was wir als sehr angenehm registrierten. Die Männer hatten fast kahlgeschorene Köpfe, aber ein langes Schwänzchen am Hinterkopf. Daran sollten sie bei ihrem Tod von Gott in den Himmel gezogen werden!
Dann ruckelten und zuckelten wir durch das heiße Land Stunde um Stunde. Alles hing dösend und schwitzend in den Sitzen bei geschlossenen Fenstern, und einige litten schon ganz ordentlich. Nur unsere Veronika schien eine unermüdliche Energie und sich an die indischen Verhältnisse total angepaßt zu haben, denn sie erklärte und erzählte und las uns Göttergeschichten vor mit viel Geduld und Engagement.
Endlich kamen wir bei der größten Burganlage Indiens und wahrscheinlich der größten der Welt an. Dort haben wir erst einmal den Jungen mit ihren Getränkekästen alles leergetrunken und sind dann - von heißem Wind durchgepustet - zur Burganlage gegangen, die zahllose Gemächer und Kammern und unzählige Treppen hat. Ein unbedingt sehenswertes Bauerk, in dem sich auch ein Staatsgefängnis befindet, in dem wohl keiner alt wurde!
Als wir die Burganlage wieder verließen, um von einem Aussichtspunkt hinabzusehen, tauchten wieder wie aus dem Nichts eine Schar Kinder auf, die die Hände bettelnd ausstreckte. Ein süßer Fratz neben dem anderen, und ich war froh, viele Kaugummus mitgenommen zu haben.
Einige liefen zu Fuß den Berg hinab bis zum Eingangstor, andere fuhren mit dem Bus hinunter und warteten dort. Ich habe unten einige Geierfedern gefunden, die ich mitnahm. Gleich kam ein alter Mann an und wollte ein Bakshish dafür. In Indien muß man für alles und nichts ein Bakshish zahlen, das kann einem nach einer gewissen Zeit unheimlich auf die Nerven gehen. Oder aber man bekommt ein dickes Fell und ignoriert die ausgestreckten Hände. Manchmal wird man aber auch ganz schön wütend, wenn die Bettler und Händler gar zu aufdringlich werden, zumal die Geduld durch Hitze und Durst und womöglich Durchfall ja sowieso ziemlich strapaziert ist. Ich jedenfalls mochte keinen Tempel und keine Bettler mehr sehen und verzog mich in den Bus, der für uns wie eine Burg war.
In Gwalior übernachteten wir vor dem ehemaligen Maharadschapalast, der noch gut erhalten war und nun als Hotel diente. Auf dem schön gepflegten Rasen vor dem Palast lagen tatsächlich dicke Wasserschläuche, die den Rasen und die Pflanzen ringsherum bewässern sollten. Was für eine Verschwendung! Alle stürzten sich wie Verdurstende auf die Kellner und riefen nach Bier und Sprudel. Die beiden gemieteten Zimmer waren gleich belegt mit Reisetaschen und verschnaufenden und pustenden Reisenden, die darauf warteten, mit dem Duschen an die Reihe zu kommen. Wieviel Wasser wert ist, hat wohl jeder auf dieser Reise für den Rest seines Lebens gemerkt.
Anschließend saßen wir wohlversorgt mit kühlen Getränken vor dem Maharadschapalast und genossen. Unsere Clique bestand inzwischen aus sieben Personen, und es herrschte ein herzlicher Ton. Wir nahmen es daher nur unwillig hin, daß sich einige der ungeliebten Reiseteilnehmer zu uns setzten, und als dann auch noch eine, die wir ihrer unsympathischen Stimme wegen die Blechbüchse nannten, gegen unsere Lissi eine taktlose Bemerkung fallen ließ, haben wir sie massiv abgeblockt, und sie hat sich nie wieder bei uns angebiedert. Im Laufe der Reise haben sich die, die wir als unmöglich fanden, ebenso zusammengefunden wie die, die wir nett fanden nach dem Motto: gleich und gleich gesellt sich gern. Jedenfalls hatten wir viel Spaß in dieser Runde, und ganz sicher trifft man nicht auf allen Reisen soviele nette Leute.
Franz hatte inzwischen die Bordküche angeschmissen und eine sehr leckere Kräutercremesuppe hervorgezaubert, die wir alle mit Appetit löffelten. So langsam hatten wir uns das zünftige, legere Leben gewöhnt, und es gefiel uns sehr, mal eine Weile lang keine Verantwortung zu tragen. Und immer abends, wenn es kühler wurde, fanden wir diese Form des Reisens ganz toll. Wenn das bloß tagsüber auch immer so wäre!
Wir hockten noch eine Weile unter freiem Himmel, sahen die vielen Sterne und überlegten dabei krampfhaft, wie wir die Nacht am besten verbringen könnten und wo. Keiner wollte in die heiße, muffige Koje, aber gegen Mitternacht mußten wir doch wohl oder übel hinein. Die Moskitos machten uns trotz Autan wieder ganz fertig, und die ganze Nacht lärmten irgendwelche verfluchten Vögel und sonstige Viecher.
Dementsprechend gerädert standen wir gegen 5.00 Uhr auf. Da waren die Temperaturen noch sehr angenehm. Nach dem Waschen und Zähneputzen mit desinfiziertem Wasser gab es wieder um 6.00 Uhr Frühstück wie üblich mit Toastbrot und Tee, und die Geier auf den Boddhi-Bäumen ringsherum sahen uns dabei zu. Dann starteten wir zu der anstrengendsten und zermürbendsten Fahrt der ganzen Reise. Dieser Tag zwang alle in die Knie, und wer noch keine 44 im Schatten erlebt hat, kann sich nicht vorstellen, wie wir geschwitzt und gelitten haben.
Nach dem Start kamen wir also erstmal in das Hochland des Dekkan, eine fruchtbare Gegend, in der massenhaft malvenartige Blüten zu sehen waren. Welch ungewohnter, schöner Anblick! Dann entdeckte Veronika einen persischen Brunnen oder auch persisches Rad genannt. Ein Dromedar oder ein Büffel läuft im Kreis und fördert so über ein Zahnrad becherweise (nicht eimerweise!) das Wasser aus dem Brunnen. Dem Zugtier werden die Augen verbunden, damit es vom ewigen Kreislaufen nicht irre wird. Eine Schinderei ist das aber schon, und das arme Tier tat mir leid. Einige kleine Jungen kamen auch gleich wieder an, und der eine hatte sich aus Lehm einen kleinen Karren gebastelt, der tatsächlich rollte. Für ein Bakshish konnten wir das Spielzeug mitnehmen, und es wurde unser originellstes Reiseandenken.
Unterwegs haben wir dann noch oftmals die herrlichen Korallenbäume bewundert, an denen ich mich nie sattsehen konnte. Dann haben wir gedöst, bis wir nach Jhansi kamen, einem kleinen Nest, wo wir tanken konnten, was in Indien gar nicht selbstverständlich ist, da das Benzin zeitweise rationiert ist und nur mit Genehmigung des örtlichen Kollektors zu bekommen ist. Jeder Liter wird eingetragen, und es ist nie ganz sicher, daß man Benzin bekommt. Im Übrigen stinkt dieses Benzin in Indien ganz scheußlich. Wenn man durch die Straßen geht, mag man überhaupt nicht atmen, so stinkt das Benzin im Zusammenklang mit vielen anderen Gerüchen, die unsere Nase manches Mal arg kränkten.
Hier in Jhansi ließen wir alle schon die Flügel hängen, und Sigrid verkündete, daß es laut ihrem Thermometer doch tatsächlich 44 im Bus seien. Aber wir hatten das Gefühl, kurz vor dem Verdampfen zu stehen, so eine teuflische Hitze herrschte. Bei jedem Busstop stürzten alle auf den nächstbesten Getränkestand und plünderten ihn. Einer hatte zu schnell eine eiskalte Cola getrunken, und kurz nach dem Start mußten wir halten, weil er sich übergeben mußte. So manchen ging es ernstlich schlecht. Durchfall und Magenbeschwerden über mehrere Tage können einen schon schachmatt setzen. Und was hatten unsere Körper hier nicht alles auszuhalten! Wir waren ja auch von Klima und Lebensbedingungen sehr verwöhnte Menschen. Gegen 13.30 Uhr kamen wir dann in Kjajoraho an, wo tatsächlich ein gefüllter Swimmingpool auf uns wartete. Er brauchte nicht lange zu warten, da waren wir alle im Wasser und fühlten uns wie Gott in Frankreich. Erst durch enorme Strapazen und Verzicht werden vermeintliche Selbstver-ständlichkeiten zu Hochgenüssen.
Auf dieser Reise sind wohl so ziemlich alle menschlichen Empfindungen irgendwann mal wachgerufen worden, denn bei solch extremen Bedingungen ist ein normales, gleichmässiges Leben wie bei uns einfach unmöglich. Ich bin sicher, daß ausnahmslos jeder anschließend die Erkenntnis mit nach Hause nahm, welch ein verdammt gutes Leben wir in Deutschland haben. So kann z.B. ein Glas sauberes, kühles Wasser das Gefühl der größten Dankbarkeit hervorzaubern.
Zu Hause denkt man gar nicht darüber nach oder es würde einem gar nicht einfallen, einfach ein Glas Wasser zu trinken. Vielleicht macht die Reise durch so ein extremes Land einen bewußter und menschlicher und nichts ist mehr so selbstverständlich wie bisher.
Wir fingen in diesem Swimmingpool noch eine dicke Kröte und beobachteten eine Anzahl Wasserkäfer, die mit uns tummelten. Zu Hause hätte sich jeder darüber aufgeregt. Wir tranken kühle Köstlichkeiten und brachen dann gegen 15.00 Uhr zur großen Besichtigung der Tempelanlagen auf, die uns jedoch den allerletzten Nerv raubte. Von den ehemals 80 Tempeln sind noch 20 sehr gut erhalten, die anderen stehen nur noch als Ruinen da. Das Ganze befindet sich auf einem riesigen, parkähnlichen Gelände mit Rasen und blühenden Büschen. Wir hatten dort einen indischen Führer, der ganz gut deutsch sprach, aber dann war unsere Aufnahmefähigkeit und -willigkeit einfach erschöpft, zumal alle Tempel sehr ähnlich waren. Es handelte sich hier um die berühmten Tempel, die mit erotischen Darstellungen übersät sind. Das ist alles sehr schön und kunstvoll gemacht und wirklich bewundernswert, aber wir konnten einfach nicht mehr. Stattdessen hielten wir Einkehr in ein Lokal, das von Schweizern geführt werden sollte, und wir konnten es kaum glauben und stellten uns Schweizerische Sauberkeit vor. Aber weit gefehlt! Es war eine üble, dreckige Angelegenheit mit scheußlichem Mineralwasser und muffiger Bedienung. Die Schweizerin, der dieses Lokal gehörte, war wohl als Hippie hier hängengeblieben.
Wir fuhren mit Rikschas zurück zum Hotel und verbrachten den Rest des Tages bei kühlen Getränken am Swimmingpool, wo es sich gut aushalten ließ. Später, nach dem Abendessen, das aus frischem Salat und einer Suppe bestand, gesellte sich Franz zu uns und erzählte von seinen Reiseerlebnissen. Er hatte auch einen Zinnsarg auf dem Gepäckträger, falls einer das Zeitliche segnen sollte während der Reise. Das kam offensichtlich gar nicht so selten vor, weil ja sehr viele alte Leute solche Reisen mitmachen. 75 oder 80jährige sind bei Rotel keine Seltenheit, und da weltweit rund 65 Busse fahren, kann es natürlich vorkommen, daß es einen Todesfall gibt. Wir haben jedenfalls viel gewitzelt über unseren Zinnsarg und dachten mit Sorgen an unsere Oma mit 79 Jahren, die anfing, verwirrt zu werden. Sie wußte zeitweise gar nicht mehr, wo wir waren und irrte morgens an sämtlichen Hotelzimmern entlang auf der Suche nach unserem Bus. Später dann, in Benares, hatte sie den ganzen Tag anstelle von Tee irrtümlich Whisky getrunken und war wirklich nicht mehr reisefähig. Sie fing im Bus an, sich auszuziehen, weil sie auf Toilette wollte! Und da wir noch einige sehr anstrengende Strecken vor uns hatten, wurde sie von Veronika ins Flugzeug gesetzt und nach Kathmandu geflogen, wo sie auf uns warten mußte. Den Arzt und das Hotel wie auch den Flug mußte sie selbst bezahlen, und so kam sie in arge finanzielle Bedrängnis.
Mit uns im gleichen Hotel waren auch Neckermänner, die uns teilweise bewunderten, teilweise auch hochnäsig auf uns herabsahen oder uns schlichtweg für verrückt hielten. Wir trafen jedenfalls etliche davon immer wieder bis nach Kathmandu, und es behagte denen gar nicht, daß wir für das halbe Geld das gleiche sahen. Übrigens war Neckermann unheimlich bekannt, vor allem in Nepal. Wir wurden immer wieder als Neckermänner angesprochen, in englisch und teilweise von kleinen Jungen auch in Deutsch. Das haben sie von den Touristen schon gelernt. Trotzdem sind wir insgesamt nur sehr wenigen Touristen begegnet. Indien ist halt doch kein Urlaubsland, sondern immer auch ein anstrengendes Land, auch wenn man in Luxushotels untergebracht ist.
Gegen 23.00 Uhr schleppten wir unsere Matratzen an den Rand des Swimmingpools, wo wir dann eine recht gute Nacht verbrachten und die Inder verstehen konnten, die freiwillig im Freien schlafen. Kurz vor 5.00 Uhr standen wir dann auf, frühstückten ordentlich sogar mit Wurst, denn Sigrid und Lissi hatten Wurstdosen und Schmierkäse mitgenommen. Um 7.00 Uhr ging’s dann wieder rein in den Bus und ab in Richtung Benares. Diese Fahrt dauerte den ganzen Tag und führte großenteils über schlechte Straßen, Baustellen und an sonstigen Hindernissen vorbei. Die Ärmsten auf der letzten Bank hatten zeitweise nichts zu lachen, aber sie nahmen die ganze Sache doch mit viel Humor.
So fuhren wir durch Teakholzwälder und durch den Wald, in dem sich Kiplings Dschungelbuch abgespielt hat. Hier gibt es tatsächlich Affen, Tiger, Rotwölfe und natürlich die allgegenwärtigen Geier. Die Straße führte uns steil bergan, wurde eng und schmal und immer schlechter. Jetzt sahen wir häufig riesengroße Mangobäume, die viel Schatten spendeten, den Mensch und Tier hier suchen. Zwischendrin sahen wir ein Kalkstein-Fließband aus Menschen, d.h. die Menschen warfen sich gegenseitig Kalkbrocken zu, die der letzte der Reihe von sicher 30 Menschen in den Ofen warf. Bei einem weiteren Stop sahen wir viele Frauen, die am Fluß ihre Wäsche wuschen, und wieder kamen jede Menge Kinder zu uns gelaufen und hielten die Händchen auf. Oben an der Straße hatte jemand sein Fahrrad mit den Überresten eines Kadavers beladen, die entsetzlich stanken, was den Mann aber keineswegs störte im Gegensatz zu uns.
Auf der weiteren Fahrt konnten wir einem Brückenbau zusehen, und überall saßen Frauen und Männer herum, die von Hand die grösseren Steine in Schotter zerschlugen für den Brückenbau.
In einer kleinen Ortschaft, wo wir auch wieder eine Trinkpause einlegten, waren Töpfer bei der Arbeit. Auf einer primitiven Scheibe, die mit einem Stock ins Drehen gebracht wurde, töpferten sie in weniger als einer Minute ein Trinkschälchen zum einmaligen Gebrauch. Es war interessant und verblüffend für uns.
Dann ging es auf zur letzten Etappe. Franz mußte einige Baustellen rechts bzw. links umfahren, und der riesenlange Bus schaukelte und rumpelte, kam aber wieder prima auf die Straße, und alle haben applaudiert, was Franz mit einem Grinsen quittierte.
Gegen 18.00 Uhr kamen wir völlig verschwitzt, verstaubt und entnervt in Benares an, fuhren über die Gangesbrücke und sahen die Staddt am heiligen Fluß vor uns liegen. Benares schien uns noch elender und armseliger zu sein als die Städte vorher, und das sollte sich auch bewahrheiten.
Wir machten Stop bei einem feudal wirkenden Hotel, das vor allen Dingen einen guten gefüllten Swimmingpool hatte sowie einen sehr gepflegten Rasen und wunderbare Blumenbeete und sogar einen Springbrunnen. Wir hatten wieder zwei Zimmer zur Verfügung, und nach dem ersten Ansturm auf die Duschen kehrte allgemeine Ruhe ein, während ich so einige Klamotten wusch und auf meine Leine hing, die ich einfach zwischen zwei Laternenpfähle spannte, dabei half mir ein Boy und hielt dafür natürlich gleich wieder die Hand auf. Unsere Rupies wanderten nur so. Dann entdeckten wir im Zimmer riesige, fette Kakerlaken von mindestens 6 cm Länge, die sich vor allem im Bad aufhielten. Da ich mich unheimlich davor ekelte, suchte ich bald das Weite und ging an den Swimmingpool, wo schon fast die ganze Gruppe saß. Bis gegen 23.00 Uhr haben wir dort gesessen und Franz’ Erzählungen gelauscht, die er so trocken vorbrachte, daß man unwillkürlich lachen mußte. Er hat ja auch schon so manches mitbekommen auf den vielen Rotelreisen. Übrigens soll unsere Reise ein Renner und immer ausgebucht sein.
Unserer Oma ging es so schlecht heute, daß Veronika einen Arzt kommen ließ. Danach bemühte sie sich um einen Flug, denn die Weiterfahrt bis nach Kathmandu war für die Frau zu riskant. Wir witzelten natürlich und meinten, daß sie die Zeit in Kathmandu gut rumbringen könnte, denn dort würde sie mit Haschisch versorgt. Kathmandu ist ja als Haschzentrum bekannt, zumindest war das bis 1973 so, ehe der offizielle Handel damit verboten wurde. Trotzdem wird es einem ganz offen und überall angeboten. Man wird auf offener Straße deswegen angesprochen.
Wir holten schließlich unsere Matratzen und legten uns am Swimmingpool zum Schlafen hin, dick eingerieben mit Mückenschutzmittel, was aber so gut wie nicht half. Außerdem kam plötzlich ein starker Wind auf, und irgendwelche Viecher und Vögel machten wieder einen Heidenlärm. Um 1.30 Uhr stand ich völlig entnervt und zerstochen auf, reichte meinen schlaftrunkenen Nachbarn rechts und links ebenfalls das Mückenmittel und verzog mich dann in das gemietete Zimmer, wo es recht kühl war. Ich schlief auch sofort ein und wachte erst um 4.00 Uhr auf, als die ersten zum Duschen kamen und Licht machten. Da lag inzwischen noch eine Frau auf dem Bett, und wie ich sie so halbverschlafen ansah, merkte ich, wie eine fette Kakerlake quer über’s Bett und Kopfkissen in meine Richtung marschierte. So schnell bin ich selten wachgeworden und habe mich fluchend verzogen. Um 5.00 Uhr saß ich parat zum Frühstück, war völlig übermüdet und ziemlich schlecht gelaunt. Alle hatten schlecht geschlafen, denn in den Kojen war es heiß, und die Moskitos hatten keinen verschont. Wenn man mehrere Tage nicht richtig schlafen kann, zehrt das ganz schön an der Kondition.
Nach dem Frühstück fuhren wir um 5.30 Uhr zu den Ghats, das sind die Badestellen am Ganges, die die Inder für ihr heiliges Bad nutzen, um von dem Zwang der ewigen Wiedergeburten befreit zu werden. Die Inder glauben, daß sie nach dem Bad im heiligen Ganges (die Mutter allen Lebens) ins Nirwana (Paradies) eingehen können und nicht mehr als anderer Mensch oder als Tier wiedergeboren werden müssen. Deshalb ziehen auch soviele Bettler, Krüppel und vor allem alte Menschen nach Benares, um dort zu sterben und dort verbrannt zu werden. Wenn ihre Asche in den Ganges gestreut wird, sind sie vom Zwang der Wiedergeburt erlöst.
Wir liefen die Straße zu den Badestellen hinab. Rechts und links in mehreren Reihen hintereinander saßen zahllose Alte, Kranke, Krüppel und Leprakranke mit einem Blechschälchen vor sich, in das man Almosen legen konnte. Solch eine geballte Ansammlung von Elend kann man sich gar nicht vorstellen. Es ist erschütternd und berührt einen zutiefst. Wir waren total beklommen und geschockt, konnten wieder einmal nicht fassen, was wir sahen.
Mit Booten fuhren wir dann ein Stück den Ganges hinab und konnten die vielen Tausende von Menschen bei ihrem frühen Bad erleben. Die Frauen standen mit ihren Saris im Wasser, während die Männer sich bis auf einen Fetzen Stoff auszogen zum baden.
Ein Stück weiter war so eine Art Wäscherei. Esel schleppten die Wäsche herbei, und Dutzende von Indern schlugen die Wäsche auf die Steine, anschließend wurde sie auf die Erde bzw. die Ufersteine zum trocknen gelegt. Kein Wunder, daß Weißes nie Weiß blieb oder wurde. In unseren Hotels hatten wir immer mausgraue Handtüche, die arg nach Kuh rochen.
Über uns schwebten Hunderte von Raubvögeln und vor allem Geier. Es sah schon unheimlich aus, wie diese Riesenvögel über uns kreisten. Sie zentrierten sich vor allem an einer Stelle, die sich dann als die Verbrennungsstätte herausstellte. Wir fuhren mit den Booten zurück und stiegen bei den Verbrennungsstätten aus, wo gerade vier Leichen verbrannt wurden. Teilweise schauten noch die unverbrannten Füße oder Köpfe aus dem Holzhaufen, und in der Luft lag ein eklig-süßer Geruch. Uns war nicht wohl zumute. Dabei ist das Verbrennen doch eine hygienischere Art der Bestattung als das Begrabenwerden, zumal in so einem heißen Land. Wer sollte hier auch eine normale Beerdigung bezahlen und woher den Platz nehmen für soviele Menschen? Das Holz für die Verbrennung ist von den meisten Familien hier schon kaum zu bezahlen, denn es gibt nicht viel Holz.
In Indien gibt es allerdings auch eine für unsere Begriffe wirklich üble Art der Bestattung. Die Parsen - eine Religionsgemeinschaft oder Sekte - verehren den Wind, das Feuer und die Erde als heilig. Damit diese drei Elemente nicht verunreinigt werden, legt man die Toten auf den sogenannten Türmen des Schweigens den Geiern zum Fraß hin. Ein Kind soll innerhalb von 10 Minuten von einem Schwarm Geier gefressen werden, sagte man uns. Und überall lagen die Knochen herum.
Nachdem wir wieder unsere Almosen an die vielen bettelnden Hände verteilt hatten, liefen wir durch die engen Gassen der Stadtd und kamen auch durch den "Kuhstall". Das ist eine schmale Gasse, die durch einen kleinen Tunnel führt, in dem es fast finster ist und in dem sich die Kühe während der größten Tageshitze aufhalten und natürlich eine Menge Mist hinterlassen. Da wir das natürlich nicht wußten, hatten manche von uns anschließend grüne Füße, als wir wieder aus dem Tunnel herauskamen. Daher schufen wir den Namen Kuhstall für diese Gasse.
Rechts und links der Gassen sieht man ganz fürchterliche Armut, elende Verschläge, in denen Menschen hausen, in denen Kinder geboren werden, in denen gestorben wird. Vorbeihuschende Frauen und viele kleine Gestalten hocken in dunklen Ecken, und alle, alle haben ein Kind auf dem Arm oder im Bauch. Zwar wird in Indien in jeder Stadt mit Plakaten dafür geworben, nur zwei Kinder in die Welt zu setzen, aber Kinder sind für die Inder das Natürlichste auf der Welt und die einzige Altersversorgung, da nutzen solche Kampagnen wenig. Einer unserer Rikschafahrer hat 10 Kinder und war erst 40 Jahre alt. Wir hatten ihn auf 60 - 65 Jahre geschätzt. Die durchschnittliche Lebenserwartung beträgt derzeit (1981) in Indien 38 jahre, wobei man die hohe Säuglingssterblichkeit natürlich auch berücksichtigen muß. Auch die Müttersterblichkeit ist sehr hoch. Kein Wunder bei diesen Verhältnissen. Man erzählte uns, daß eine Frau, wenn die Wehen einsetzen, mit der Rikscha zur Hebamme fährt (sofern sie in der Stadt wohnt), dort ihr Kind zur Welt bringt und mit der gleichen Rikscha wieder nach Hause fährt. Ich glaube aber, daß diese armen Frauen hier aus den Gassen nicht mal das Geld für die Rikscha erübrigen können und die Kinder zu Hause bekommen, ob nun mit oder ohne Hilfe.
Auf dem Land sieht das noch viel schlimmer aus, da gibt es weder sauberes, gekochtes Wasser noch entsprechende sterile Tücher, und was sich nachts bei höchstens Kerzenschein in so mancher Lehmhütte abspielt, können wir uns wohl gar nicht vorstellen. Dennoch überleben die meisten Kinder und Mütter, und die Bevölkerungszahl steigt beängstigend an.
Wir gingen also weiter durch die Gassen, und Veronika erklärte uns die einzelnen Tempel und Türmchen, in den Götter aus Stein hockten. Hanuman, der Affengott und Shiva und natürlich Ganesh mit dem dicken Bauch. Die Kinder und die Bettler folgten uns auf Schritt und Tritt, ganz zu schweigen von den Händlern, die alle ihre Waren an uns verkaufen wollten. Hinter einem Stand saß ein kleines Mädchen mit einem Welpen von etwa 5 Wochen, ein drolliges Tierchen, das mir natürlich gefiel. Das Mädchen wollte mir den Hund für 50 Paisas, das sind etwa 17 Pfennig, verkaufen!
Ich kaufte zwischendrin einige schöne Seidenschals, für die Benares ja berühmt ist. Die schönsten Seidensaris kommen hierher, und es gibt wirklich wunderschöne Ornamente und Farben. Ich habe mir einmal einen Sari binden lassen, das ist gar nicht so einfach. Aber er paßt nicht zu weißen, großen Frauen, sondern ist einfach ideal für kleine, zierliche, braune Frauen. Wir wirken darin plump. Zu den Inderinnen paßt der Sari wunderbar, und er ist ein ideales Kleidungsstück bei diesem Klima.
Zum Schluß erstand ich noch einen Messingkrug, wie ihn die Inderinnen zum Wasserholen benutzen. Dann ging es weiter mit dem Bus zum berühmten Affentempel. Ich war ganz entsetzt über den unvorstellbaren Dreck in diesem Gebäude. Alles war von den Tauben und den Affen vollgeschissen, es stank ekelhaft, und überall hockten diese lausigen, verdreckten Affen herum. Wie man das als Heiligtum verehren kann, wunderte mich schon. Mich wunderte überhaupt, daß die Inder ihre Heiligtümer nicht sauberhalten und auch, daß sie nicht längst auf die Idee gekommen sind, sich wenigstens Plumsklos oder was Ähnliches zu bauen. Sie verunreinigen ja ihre eigene Umwelt, alle Straßenränder liegen voller Haufen von Mensch und Tier. Es ist einfach ekelhaft, und die Gerüche sind in der Hitze wirklich unerträglich. Manchmal wurde ich direkt aggressiv, wenn es einfach zuviel wurde.
Wir waren mal wieder "bedient" und fuhren dann zurück zum Hotel, wo sich auch eine Bank befand, bei der wir Geld umtauschen wollten. Offiziell machte die Bank um 10.00 Uhr auf, aber in Wirklichkeit erst eine Weile später. Unsere preußische Art mußten wir hier schleunigst vergessen. Wer hat schon eine Uhr? In der Bank lagen die Ordner kreuz und quer hinter den Schreibtischen gestapelt, man palaverte und dachte gar nicht daran, uns zu bedienen. Dann fiel plötzlich der Strom mal wieder aus, und die Ventilatoren standen still. Schließlich blieb einer von unserer Gruppe dort, der für alle wechseln wollte, denn sonst hätte jeder seinen Paß gebraucht und ein Formular ausfüllen müssen. Im Formularausfüllen sind die Inder ja wahre Meister. Ohne Formular geht nichts. Ob sie das noch von den Engländern übernommen haben? Bei jedem Umtauschen und natürlich bei jedem Flug und für die Visa mußten jede Menge Fragen beantwortet werden.
Die Mittagspause verbrachten wir am Swimmingpool. Zum Bonsai-Omelett wurde eine total verdreckte Serviette gereicht, und der Kellner wischte das Messer schnell nochmal mit den Fingern "sauber". Na, dann Mahlzeit! Dann wollten wir zahlen, und wieder ging dieses Theater los mit dem Wechseln. Kein Kellner hat in Indien eine Wechselbörse dabei, sondern rennt mit jedem Geldschein zu seinem Boß, wechselt - wenn man Glück hat, richtig - und kommt dann nach einer Ewigkeit zurück mit dem Restgeld. Man ist also gut beraten, möglichst viel Kleingeld bei sich zu haben.
Am Nachmittag kam ein Schlangenbeschwörer auf die Wiese vor dem Hotel und brachte seine Kobra per Flöte zum Tanzen. In Wirklichkeit hat die Kobra angeblich keine Giftzähne mehr, außerdem tanzt sie nicht, sondern macht nur die kreisenden Bewegungen des Flötenspielers nach.
Dann sahen wir noch tanzende Affen, die an einer Kette ihre Kunststückchen vorführen mußten und die mir wirklich Leid taten. Ein Mungo wurde im Kampf mit einer Schlange vorgeführt, und ich mochte dieser tierquälerischen Darbietung nicht zusehen. Später kam dann noch ein Yogi, der die tollsten Verrenkungen vorführte. Man hatte den Eindruck, daß er Gummiknochen hatte. Zwei Yogaübungen habe ich übrigens auch gelernt, ich kann die Hände auf dem Rücken so falten, daß die Fingerspitzen nach oben zeigen, und ich kann die Beine so hochziehen, daß sie über die Schultern gucken. Sieht lustig aus!
Nach der Pause fuhren wir zu den berühmten Buddha-Tempeln von Sarnath, wo Buddha unter dem Boddhibaum seine Erleuchtung hatte. In Indien gibt es allerdings nur 1 % Buddhisten, zu diesem Tempel kommen deshalb vor allem Japaner. Das Buddha-Museum war sehr interessant, zumal Veronika uns sehr schön die Geschichte dazu erklärte. Sie machte das nach wie vor mit viel Interesse, und wir haben so manches Mal ihr Durchhaltevermögen bewundert. Während wir durch die Parks zwischen den Tempeln gingen, begegneten wir immer wieder den armseligsten Krüppeln, die nicht nur lahm, sondern auch noch blind und halbverhungert waren. Hier haben wir einige Handtücher und Kleidungsstücke hergegeben und an die Kinder Kekse.
Süsse kleine Babies von wenigen Wochen wurden von ihren Schwestern getragen, den ganzen Tag! Ein sechsjähriges Mädchen, das ihren zwei Monate alten Bruder auf dem Arm schleppte, verfolgte uns besonders ausdauernd. Und sie bekam natürlich etwas. Uns versetzte dieses Elend immer wieder neu in Entsetzen, und es war deprimierend, daß man letztlich nicht helfen konnte. Selbst, wenn man Kleidung oder Handtücher oder Schuhe verschenkt, weiß man nicht, ob der Empfänger die Sachen auch trägt oder gegen ein paar Rupies gleich wieder verkauft. Es ist ein Elend ohne Ende, ein einziges Armenhaus.
Anschließend setzten wir zwei Ehepaare unserer Gruppe bei einer großen Leprastation in Sarnath ab. Sie hatten 10.000 Tabletten gegen Lepra aus Deutschland mitgebracht. Wenn man das früher gewußt hätte und die entsprechendenden Kontakte, hätten wir auch Tabletten oder sonstige Hilfsmittel mitgenommen.
Wir fuhren danach weiter zur berühmtesten Seidenfabrik von Benares, wo sogar schon Jackie Kennedy eingekauft hat, was aus diversen Riesenfotos im Verkaufsraum gleich hervorging. Die eigentliche Fabrik besteht aus mehreren Handwebstühlen, an denen kleine Jungen von 10 - 12 Jahren sitzen und den ganze Tag weben. An einem einzigen Tag schaffen sie z.B. ein Stück Brokat von 8 cm Höhe und 120 cm Breite. Man sagte uns zwar, daß diese Jungen dies täglich nur eine Stunde lang machen, um es zu lernen, aber es war ganz offensichtlich, daß es sich hier um Kinderarbeit handelte, was ja in allen armen Ländern zwar verboten, aber dennoch Usus ist.
Im Verkaufsraum sahen wir uns verschiedene Stücke an, die teilweise sehr schön und kunstvoll waren, aber für unsere Geschmäcker meist recht kitschig wirkten. Ein Webstück aus Goldbrokat von etwa 25 x 25 cm kostete dort etwa DM 50. Da wir keinen Platz mehr in der Wohnung hatten, waren wir der Qual der Wahl schon enthoben. Die Seidentücher und Saris waren aber wirklich eine Wucht und kosteten teilweise ein kleines Vermögen. Zwischen DM 80 und 6.000 kostet so ein Seidensari mit Goldfäden usw.
Wir fuhren zurück zum Rotel, wo uns ein heißer Staubsturm empfing wie vor einem Gewitter, das allerdings ausblieb. Wir aßen mit Genuß die heiße Suppe, die Franz in Windeseile aus der Bordküche serviert hatte. Dazu gab es Dosenwurst. So langsam hatten wir uns an die Hitze gewöhnt und tranken längst nicht mehr soviel wie in den ersten Tagen. Auch kehrte langsam der Appetit zurück, nachdem wir am Anfang der Reise tagelang kaum etwas essen konnten.
Nach dem Essen erwartete uns ein besonderer Leckerbissen. Zwei Musikprofessoren der Universität von Benares gaben ein Sitarkonzert für uns, und das war wirklich ein Ohrenschmaus. Da hockten also die zwei Professoren auf dem Boden, der eine recht feist und bebrillt, der andere kein und schmächtig. Der Kleine spielte die Tabla, eine Art Trommel, der Dicke die Sitar mit 18 Saiten. Ganz langsam fingen sie an und hatten uns bald in ihren Bann geschlagen. Sie spielten derart virtuos, daß wir alle staunten und den Professorentitel für berechtigt hielten. Was für eine Arroganz!
Danach verzog sich jeder zum Schlafen in eine andere Ecke oder in die Koje, wo ich wider Erwarten tatsächlich ganz gut geschlafen habe.
Der nächste Tag war erst der zehnte Reisetag und zugleich Ostersonntag. Wir hatten aufgrund der ungeheuren Flut von Eindrücken das Gefühl, schon seit Wochen unterwegs zu sein. Franz hatte es tatsächlich fertiggebracht, 80 Eier zu kochen und zu färben, und ein Boy brachte diese Ostereier auf einem Riesentablett mit einer brennenden Kerze in der Mitte zu uns. Das Hallo und Gelächter war groß, und Franz bekam wieder einen Extraapplaus. So frühstückten wir also am Ostersonntag in Benares richtige Ostereier, die uns eine Weile in Atem hielten, weil sie sich schlecht pellen ließen. Das Abschreckwasser war ja nur lauwarm. Aber das machte auch nichts. Einige Inder sahen wir später mit den bunten Eierschalen in den Händen und verwunderten Gesichter. Bunte Eier hatten sie noch nie gesehen und überlegten wohl, welches Huhn die wohl gelegt hatte.
Dann packten wir unsere sieben Sachen, die Männer bauten den Schlafanhänger wieder mal ab, und dann ging es hinauf nach Nepal. Vor dieser Strecke fürchteten wir uns ein wenig, denn sie wurde als sehr übel beschrieben. Aber wir hatten ja keine Wahl und wollten ein Abenteuer. Ich hatte einen leichten Sonnenbrand und ziemlich schlechte Laune. An diesem Morgen gingen mir alle auf den Wecker, wahrscheinlich war es der berüchtigte "Rotelkoller", der jeden früher oder später mal erwischt. Man kann ja nie ausweichen und sich mal zurückziehen, und die Summe der ganzen Reiseumstände war ja auch nicht so ohne weiteres wegzustecken.
Wir starteten also um 7.00 Uhr, fuhren durch die fruchtbare Gangesebene, die wesentlich grüner war als die Landschaft bisher. Die Kinder waren hier unerwartet zurückhaltend und sahen uns nur aus einiger Entfernung zu, was uns ganz seltsam vorkam nach der bisher gewohnten Aufdringlichkeit. Das Wetter war an diesem Tag recht kühl und windig und für uns eine angenehme Abwechslung zu der mörderischen Hitze, die wir bisher erlebt hatten. Unterwegs ließ Veronika plötzlich halten, und dann sahen wir etwa 200 Geier oder noch mehr, die mit vollgefressenen Bäuchen faul um ein fast abgefressenes Rindergerippe hockten oder herumhopsten. Sie hopsten wirklich so herum wie in Kiplings Dschungelbuch, und wir haben sehr darüber gelacht.
So eine Ansammlung Geier haben wir nie wieder gesehen. Veronika erzählte uns dann noch, daß jedes Dorf seinen "Geierplatz" hat, zu dem alle toten Tiere getragen werden. Die Geier sind die Gesundheitspolizei Indiens, denn sie beseitigen innerhalb kürzester Zeit das größte Aas.
Veronika erzählte uns die Geschichte der Ganga, wie der Ganges in Indien genannt wird. In Indien sind alle Flüsse weiblich, und die Ganga ist eine Göttin, die vom Himmel heruntergestiegen ist und das Land mit Fruchtbarkeit durch das Wasser gesegnet hat.
Die Straße hatte viele Hügel und Unebenheiten, und der Bus machte zeitweise ganz tüchtige Hopser, so daß die Ärmsten auf der letzten Bank mehrfach in Richtung Busdecke flogen. Alles johlte und juchzte, wenn wieder so eine Delle überfahren wurde. Offensichtlich stecken auch in uns noch Kinder, und das ist ganz gut so.
Auf den Feldern ringsherum standen auch mächtige Bambushaine, die sich luftig im Wind wiegten. Der Bambus hat mir neben dem Korallenbaum am allerbesten gefallen.
Schließlich - nachdem auch die Hitze wieder da war - machten wir in Ghodakpur Mittagsrast, und zum ersten Mal während unserer Reise hatte ich keinen Durst. Wir schlenderten die Dorfstraße entlang und staunten über die vielen ordentlichen Geschäfte hier. Richtige Läden waren das und zudem relativ sauber. Das haben wir vorher und hinterher nirgends mehr so angetroffen wie in diesem einsamen Nest. Wie merkwürdig! Sogar eine Schallplatte konnten wir dort kaufen von Ravi Shanker, dem berühmtesten Sitarspieler der Welt. Außerdem erstanden wir ein paar ganz originelle Holzlatschen und ein vorsintflutliches Eisenschloß, das demnächst unsere Gartentür absichern soll.
Wir fuhren weiter und verließen das fruchtbare Schwemmland des Ganges und erreichten das Gebiet des Terrai, das man als Urwald bezeichnen kann. Hier standen viele Teak- und Salholzbäume, und langsam ging es bergan. Unterwegs hielten wir ab und zu für einen Buschstop - Frauen rechts, Männer links - dann ging es unermüdlich weiter bis gegen 17.00 Uhr, als wir endlich in Sonauli an der nepalesischen Grenze ankamen. Wir brauchten für Nepal ein Visum und jeder mußte 3 Paßfotos haben und diverse Zettel ausfüllen mit einer Menge Fragen darauf. Nach drei Stunden endlich schienen alle Hindernisse aus dem Weg geräumt zu sein - nachdem Franz den Zollbeamten einige T-Shirts, Kulis und Feuerzeuge spendiert hatte - und wir konnten endlich den vielen hier wieder sehr aufdringlichen Kindern entfliehen, die uns umlagerten. Ich hatte einen etwa 7 Monate alten Jungen auf dem Arm und konnte mich kaum losreissen, da wollte mir der grössere Bruder das Kind doch tatsächlich für 50 Rupies verkaufen - das sind DM 17,50. Ich war ganz erschüttert!
Ringsherum herrschte wieder das schon bekannte Elend: unvorstellbarer Dreck und Gestank, dazwischen halbnackte Kinder, die ebenso wie die Alten im Dreck auf der Straße oder an den Rändern saßen. Kühe liefen zwischendrin herum, um die sich niemand kümmerte, denn sie gelten als heilig. Für uns war das langsam ein gewohntes Bild geworden, obwohl es wirklich schlimm war. Es ließ uns bis zum Schluß nicht kalt.
Um 20.30 Uhr konnten wir also endlich wieder starten und kamen gegen 21.00 Uhr im Lumbini-Hotel an. Veronika meinte, es wäre nicht das Vornehmste, aber das Vornehmste am Platze. Du meine Güte! Als wir die Zimmertür öffneten, sausten erst einmal einige fette Kakerlaken herum, und ich wäre fast auf eine draufgetreten. So bin ich ohne zu duschen - der Andrang ging mir sowie so auf die Nerven - zum Anhänger gegangen, habe unser desinfiziertes Wasser geholt und mich damit ein wenig geputzt. Dann versammelten sich alle im Restaurant zum Essen, denn heute blieb die Rotelküche kalt. Herrjeh, war das ein Saustall! Aber wirklich alles war schmutzig, angefangen vom Geschirr über die Gläser bis zum Tischtuch. Auf dem Tisch hopste ein Floh herum, und das Essen war eine Katastrophe. Da wir noch kein nepalesisches Geld hatten, haben wir mit DM oder indischen Rupies bezahlt. Die DM wollte man gern behalten, aber nicht wechseln, so begann ein entnervendes, sehr ärgerliches Hin und Her, und wir waren zum Schluß echt verstimmt über dieses Verhalten. Das Rausgeld hatte bei keinem gestimmt, alles wurde so über den Daumen gepeilt.
Da der Strom wieder nicht ging und alles mit Kerzen rumsauste und wir nichts mit Kakerlaken zu tun haben wollten und zudem kein Bier mehr vorhanden war (das Bier wurde in Nepal unter deutscher, technischer Leitung hergestellt!) zogen wir es vor, in unsere Kojen zu kriechen. Nachts begann es unheimlich zu stürmen, es wurde kühl, so daß wir trotz der Mücken noch ein Weilchen schlafen konnten. Morgens jedoch wachten wir schweißgebadet und total zerstochen auf, die Laune war daher nicht die beste, und wir waren heilfroh, als es endlich dämmerte und wir aufstehen konnten.
Im Freien haben wir uns mit unserem Wasser gewaschen und die Zähne geputzt und merkten bald, daß wir Zuschauer hatten. Ganz ungeniert standen ne Menge Inder und Kinder um uns herum und staunten wohl nicht schlecht über die seltsamen Europäer. Andere Länder, andere Sitten!
Um 7.00 Uhr gab’s Frühstück, dann verabschiedeten wir uns vom Schneewittchensarg, der hier stehenbleiben mußte, weil er die nun kommende, steile und enge Gebirgsstraße durch Nepal nicht hochkam. Dieser Abschied fiel uns natürlich nicht schwer.
So fuhren wir also um 8.00 Uhr los, nachdem Klaus von Flöhen zerbissen und eine Spinne über den Frühstückstisch gelaufen war und die dreckige Butter niemand gegessen hatte. Wir verließen diesen unheiligen Ort wahrlich gerne und sahen uns die Landschaft an und die fremden Menschen, die schon ganz anders aussahen als die Inder. Hier hatten sie bereits die typischen Asiatenaugen und viel gröbere Gesichter. Die Nepalesen sind eine Mischung aus Tibetern und Indern und nicht sehr hübsch im allgemeinen. Aber natürlich gab es auch hier schöne Menschen. Dieser Menschenschlag ist wesentlich stabiler und kräftiger und gedrungener als die Inder, eben ein richtiges Bergvolk. So fuhren wir also auf der alten Karawanenstraße, die die Inder für den Handel mit Tibet gebaut haben, d.h. sie haben diesen Handelsweg dem Gebirge Meter für Meter abgetrotzt. Diese Straße schraubte sich höher und höher, die Berge ringsherum wurden zunehmend steiler, und wir sahen Tausende und Abertausende von Reisterrassen, die die Nepalesen in mühevoller Arbeit den Bergen abgerungen haben. Sie haben dabei allerdings einen schwerwiegenden Fehler gemacht, in dem sie alle Bäume geschlagen haben, um Land für ihre Terrassen zu gewinnen. Da die Erde auf dem Felsen nun aber keinen natürlichen Halt mehr hat, rutschen oft ganze Hänge bei Regen den Berg hinunter und wertvoller Boden geht dem Reisanbau verloren. Inzwischen hat man diesen Fehler erkannt und ist dabei, so nach und nach die Hänge wieder aufzuforsten. Aber das dauert seine Zeit und ist nicht überall möglich.
Die rotbraune Erde und das herrlich saftige Grün der jungen Reisfelder sowie die Einsamkeit dieser Berglandschaft verzauberte uns geradezu. Ab und zu sahen wir einen Bauern, der zwei Rinder vor einen Ritzpflug gespannt hatte und ein Reisfeld damit umpflügte wie wohl vor 1000 Jahren schon.
Nepal hat das gleiche Bevölkerungsproblem wie Indien. 1911 hatte es ca. 5 Mio Einwohner und 1980 bereits 13 Millionen Menschen. Diese Bevölkerungs-explosion ist Nepals größtes Problem und nur sehr schwer in den Griff zu bekommen, weil auch für die Nepalesen gilt, das Kinder das Herrlichste auf der Welt sind. Die nepalesische Zeit schreibt jetzt (1981) übrigens das Jahr 2037.
Unsere Mittagsrast hielten wir in einem kleinen Ort, dessen Bewohner uns ebenso interessiert betrachteten wie wir sie. Wir probierten sogar einige Kringel aus den seltsamen Töpfen am Straßenrand, aber sie schmeckten nach nichts. Zu Fuß sind wir ein Stück die Straße entlanggelaufen und haben die Landschaft und die gute Luft genossen. Vom vielen Sitzen hatte ich dicke Füße bekommen und war daher froh über diesen Spaziergang. Die Sonne brannte aber auch hier gewaltig, es war feucht-schwül, aber doch angenehmer als in Indien. Hier trugen alle Frauen dicke Ringe durch den Nasensteg und den Nasenflügel, und in den Ohren hatten sie jede Menge Ringe über die ganze Ohrmuschel verteilt. Sicher 10 Löcher hatten sie in jedem Ohr. Das sah nicht unbedingt schön aus, war aber wohl große Mode oder einfach Sitte. So manches alte Hutzelweib sah mit den Ringen durch Nase und Ohren eher wie eine Hexe aus.
Hier stellten wir erstaunt fest, daß die Kinder gar nicht bettelten, sie sahen hier auch alle gutgenährt und zufrieden aus, obwohl Nepal neben Afghanistan das niedrigste pro Kopf-Einkommen der Welt hat. Allerdings hat der Nepalese genügend Nahrungsmittel, und das ist ja an sich das wichtigste. Die Kinder waren ebenso freundlich wie die Erwachsenen und winkten unserem Bus zu, der uns so nach und nach wieder von der Straße aufsammelte. Die endlosen Reisterrassen begleiteten uns ständig, und wir fuhren immer weiter durch dieses gebirgige, zerklüftete Land, das einen seltsamen Zauber ausübt. Es sieht so einsam und still aus, so sauber und versöhnend, und das Wasseer aus dem Fluß unten im Tal würde man bedenkenlos trinken. Diese Vorberge des Himalayamassivs nennt man Siwaliks.
Gegen 16.00 Uhr kamen wir in Pokhara an, unserer Endstation für diesen Tag, und hielten vor einem wirklich schönen Hotel. Alle applaudierten Veronika und Franz für diese Wohltat nach dem scheußlichen Dreckloch vom Vortag. Und kaum waren wir ausgestiegen, sprangen schon lachende Boys um uns herum, trugen unsere Koffer und strahlten die ganze Zeit. Na, sowas! Unser Zimmer war im Gästehaus und recht groß, kühl und praktisch, und das Wasser floß auch.
Nach einer gründlichen Dusche war ich ganz glücklich und ging hinunter in den Hotelgarten, um die vielen Blumen ringsherum in Augenschein zu nehmen, die mir gleich bei der Ankunft aufgefallen waren. Es war angenehm kühl draußen, der große Rasen war sehr gepflegt, und auf den Beeten wuchsen Amaryllis, Nelken, Margariten, Tagetes, Salvien, Kornblumen, Petunien, Oleander, Mohn, Gerbera, Rosen und Sanseverien sowie verschiedene Fettpflanzen. Ich war ganz begeistert, denn das hatte ich wirklich nicht erwartet.
Nachdem ich nepalesische Rupies eingetauscht und sowohl Briefmarken wie auch Postkarten erstanden hatte, tranken wir mehr aus Gewohnheit als wegen Durst etwas im Garten und fanden uns dann gegen 19.00 Uhr zum Abendessen im Hotelrestaurant ein. Wenige Schritte, bevor wir das Haus betraten, überfielen uns plötzlich Hunderte von fliegenden, braunen Käfern von etwa 1 cm Länge. Alle hatten diese Käfer an sich, und wir ekelten uns sehr und schüttelten uns, um die Biester loszuwerden. Nicht mal hier war das Glück unbetrübt, dachte ich mir, aber das war auch das einzige Mal in Pokhara, daß wir von irgendwelchen Viechern belästigt wurden.
Zum Essen gab es Reis mit Gemüse und einer scharfen Soße, es schmeckte sehr gut und sah auch appetitlich aus. Der Service war ganz toll, und die Boys strahlten um die Wette. Nach dem Essen fühlten sich alle wieder wohl, und so gingen wir an die Bar, um noch einen Schluck zur guten Nacht zu nehmen. Auf einmal kam Sigrid ganz aufgeregt angesaust und flüsterte Erni was ins Ohr, der daraufhin auch gleich aufstand und mitging. Wir wollten natürlich wissen, was los war und erfuhren, daß in dem Zimmer von Lissi ein Monster von einer Spinne saß, riesengroß mit schwarzen Haaren. Lissi bekam schon bei dem Gedanken daran eine Gänsehaut, und ich hätte auch um keinen Preis in ihrem Zimmer sein wollen. Die Spinne wurde jedenfalls nicht gefunden, zumal auch hier der Strom ausfiel, so daß mit Taschenlampen und Kerzenschein nicht viel zu erreichen war. Lissi trank sich Mut an und ging trotz Spinne schlafen. Das Biest hat sich jedenfalls nicht mehr gezeigt.
Wir schliefen zum ersten Mal richtig durch bis 5.30 Uhr. Von der Terrasse des Hotels aus konnten wir einen wundervollen Sonnenaufgang erleben und sahen zum ersten Mal einige Bergspitzen des Himalaya: der Machhe Puchhare (gesprochen: Matsche Putschare) zu Deutsch: Fischschwanzflossenberg oder auch Matterhorn Nepals genannt, zeigte sich in seiner ganzen Pracht mit seinen über 7.000 Metern Höhe. Es war ein ergreifender Anblick, weil er so unerwartet und auch so unerwartet schön und klar war. Von Minute zu Minute stieg die Sonne höher und tauchte einen Berg nach dem anderen in grelles Licht, bis das ganze Tal von Sonne überflutet war. Es war so herrlich und fast unwirklich schön. Und als hätte eine Fee uns einen kurzen Blick auf dieses Bergwunder gestattet, so nahm sie uns die Sicht wieder von Stunde zu Stunde, bis auch das letzte bißchen Berg vom Dunst wieder verschluckt wurde.
Ganz beglückt hockten alle am Frühstückstisch, genossen das leckere Omelett am sauberen Tisch und waren voller Spannung auf den Tag. Gegen 8.00 Uhr fuhren wir dann zum berühmten Pehwa-See, der die Perle des Pokhara-Tales ist. Mit kleinen Booten wurden wir von nepalesischen Jungen hinausgerudert und legten irgendwann am Ufer an, wo schon fliegende Händler auf uns warteten. Sie hatten sehr schönen Schmuck und überhaupt hübsche und geschmackvolle Souvenirs wie Gebetsmühlen, Gurkhamesser und eine Reihe von Dämonen und Masken. Wir kauften hier aber noch nichts. Aber nachdem wir später wieder am Ausgangspunkt ankamen und auch dort die Händler wieder auf uns warteten, haben wir alle eingekauft wie die Weltmeister. Wir hatten eine ganze Tüte voll mit verschwitzten T-Shirts, Hemden, Socken und alten Handtüchern. Die haben wir alle gegen Schmuck und sonstiges eingetauscht. Auf diese Weise habe ich ein sehr schönes Armband aus tibetanischem Silber erstanden, das ich während der nächsten Tage nicht mehr auszog, weil es mir so gut gefiel.
Danach fuhren wir noch zum tibetanischen Flüchtlingslager, das ganz in der Nähe war. Als 1959 die Chinesen Tibet einnahmen, flohen viele Tibeter nach Nepal. So entstanden hier überall Flüchtlingslager, in denen die Tibeter aber nach ihren alten Sitten und Gebräuchen leben in der Hoffnung, eines Tages wieder in ihre alte Heimat zurückkehren zu können, was ja derzeit nicht mehr unmöglich scheint.
In diesem Lager kamen uns gleich wieder die Bettler entgegen und jede Menge fliegende Händler hatten am Wegesrand ihre Sachen ausgebreitet und auf uns gewartet. Sie hatten wunderschöne Teppiche anzubieten, und wir konnten die Knüpferei beobachten, was wirklich eine mühevolle Arbeit ist. Wir kauften einen kleinen Teppich von etwa 50 x 50 cm, auf dem ein Yak dargestellt ist. Der Yak ist ja das typische Tier Nepals, und immer war ich auf der Suche danach. Leider konnte ich während der ganzen Zeit in Nepal keinen einzigen finden, so typisch ist der Yak also wohl doch nicht. Und von Yeti, dem legendären Schneemenschen des Himalaya, haben wir natürlich auch nichts zu sehen bekommen.
In diesem Flüchtlingslager war auch ein TB-krankes Kind, das fürchterlich hustete. Lissi, unsere Zahnärztin, hatte aber einige Tabletten dabei, die sie dem Kind gab. Hoffentlich haben sie etwas geholfen. TB ist in Nepal weit verbreitet.
So gegen 12.00 Uhr fuhren wir dann zurück ins Hotel und hatten den Rest des Tages frei. Zu Mittag aßen wir scharfen Curryreis und fuhren dann gegen 14.00 Uhr mit dem Bus nach Pokhara rein, liefen die gesamte Hauptstrasse auf und ab, guckten die Nepalesen genau so wie sie uns, hatten viel Spaß dabei und witzelten. Bald taten mir die Füße weh, und so schlenderte ich mit Gisela allein die Straße zurück, die sich ewig hinzog, bis wir endlich wieder im Hotel ankamen, das etwas außerhalb lag. Nachdem wir geduscht hatten, trafen wir uns zu einem Drink auf dem Rasen und erzählten. Nach dem Abendessen, bei dem wieder etliche nette, lachende Boys uns umschwirrt hatten, was wir wohl mochten, hockten wir bei Cola-Cognac auf dem Rasen, bis uns die Augen schwer wurden. Es hatte den ganzen Tag keinen Strom gegeben, aber wir hatten uns längst an die Kerzen überall gewöhnt, und außerdem hatten wir ja alle Taschenlampen dabei. Die waren mir schon deshalb wichtig, weil ich damit jederzeit das Zimmer nach Kakerlaken absuchen konnte, aber in diesem Hotel Crystal gab es keine einzige. Donnerwetter!
Wir schliefen wieder einmal prächtig bis 6.00 Uhr, dann schauten wir aus dem Fenster und - oh Wunder - es regnete und war kühl. Nach all der Schwitzerei in den vergangenen indischen Tagen war uns diese Abkühlung ganz recht, und so frühstückten wir ein letztes Mal in dieser Oase, ließen uns von hübschen, freundlichen Boys den Kaffee einschenken und packten dann unsere sieben Sachen zur Abfahrt zusammen. Nach einem sehr herzlichen Abschied und viel Gewinke fuhren wir los in Richtung Karawanenstraße nach Kathmandu, auf das wir so gespannt waren. Wir lästerten unterwegs und stellten fest, daß jeder den Rotel-Härtetest bestanden hat, der Kakerlaken fressen kann usw. Wir fühlten uns so wohl, so sauber und erfrischt und brauchten gar nicht mehr schwitzen. Und so kam, daß einer anfing, neue Reisepläne zu schmieden und alle machten mit. Und so sehr wir vorher auf Rotel und den Schneewittchensarg geschimpft hatten, so eifrig waren wir nun dabei, neue Rotelreisen anzupeilen. Einige wollten nach Indonesien, andere nach Malaysia, wieder andere in die Türkei oder nach Afrika. Doch diese Pläne sollten uns sehr rasch wieder vergehen, denn kurz darauf zeigte uns die Sonne wieder ihre Macht. Wir machten Mittagspause und liefen derweil etwa 5 km weiter auf dieser phantastischen Straße durch die Berge, immer am Fluß Trisuli entlang in herrlicher Einsamkeit. Wir schwitzten wieder ordentlich, waren aber guter Dinge.
Schließlich lud uns der Bus wieder alle ein und - kaum daß wir losgefahren waren - machte der Bus plötzlich einen Schlenker in Richtung Bergseite und setzte dann wieder zurück in Richtung Abgrund. War Franz verrückt geworden? Wir dachten, er mache Witze, aber er setzte noch mehrfach vor und zurück, bis die hinteren 2-3 Meter des Busses über dem Abgrund hingen und alle Insassen des hinteren Busteils anfingen zu schreien. Wir hatten wirklich Angst bekommen und einige hatten echte Panik und schrieen um ihr Leben. Es war aber auch wirklich zum Angstkriegen, wenn man unter sich keinen Boden mehr sah, sondern tief unten den Fluß. Die Räder waren allerdings noch einen Meter vom Straßenrand entfernt, aber wie stabil war der Abgrund hier bei so einem schweren Bus? Auch nachdem Franz den Bus ganz gewendet und auf der gleichen Straße wieder in die Richtung zurückfuhr, aus der wir gekommen waren, saß uns der Schrecken noch lange in den Gliedern, und für diesen Tag gab es kein anderes Thema mehr. Cognac und Underberg machten die Runde, und einige hockten schreckensbleich auf ihren Sitzen. Sigrid war in ihrer Angst von der letzten Bank nach vorne in den Bus gesaust, wohl in der Annahme, daß ihr da weniger passieren konnte als hinten, was natürlich ein Unsinn war. Später haben wir uns darüber köstlich amüsiert und darüber gelacht. So ist das halt mit den Erlebnissen, die man nicht vergißt. Es sind oft die unangenehmen oder beängstigenden Dinge, die man später als Erlebnis empfindet.
Jedenfalls lachte der Franz die ganze Zeit und fuhr zu dem Dorf zurück, in dem wir Mittag gemacht hatten, weil dort eine unserer Mitreisenden ihre Handtasche vergessen hatte. Und wegen einer blöden Tasche all diese Aufregung, die später zu einem abendfüllenden Thema wurde. Allerdings waren in der Tasche Geld und Ausweise usw., uns es hätte viel Ärger geben können ohne diese Sachen.
Als alles wieder im Lot war und wir ein ordentliches Stück hinter uns gelassen hatten, kamen wir an eine lange Hängebrücke, die quer über den Fluß Trisuli gespannt war. Die meisten von uns wagten sich über dieses schaukelnde und schwankende Gebilde, aber ganz wohl war es den meisten nicht dabei. Auf der anderen Seite des Flusses warteten bereits wieder die ausgestreckten Kinderhände auf uns, die wir soweit wie möglich füllten. Meine Kaugummis gingen langsam zur Neige, obwohl ich eine Unmenge mitgenommen hatte.
Schwitzend erreichten wir dann wieder das andere Ende der Hängebrücke und fuhren weiter über die holprige, staubige Karawanenstraße, die auf den letzten 30 km nicht mehr geteert war, sondern aus Schotter und Staub bestand. Wir wurden ordentlich durchgerüttelt und eingestaubt, fuhren um kriminell enge Kurven, und die linken Hinterräder hingen bei solchen Manövern mehr als einmal bloß noch in der Luft, wie Franz uns später erzählte. Nur gut, daß wir das nicht gemerkt haben, sonst wären einige von uns bestimmt durchgedreht. Dabei konnten wir Franz ja an sich vertrauen, er kannte die Strecke ja. Andererseits war die Straße nicht befestigt, und bei jedem Monsunregen brachen wieder einige Stücke der Straße ab, so daß keiner mehr durchkam, bis die Straße repariert war. Wer sagte also, daß bei uns der Rand halten würde? Schließlich hatten wir einen schweren Bus. Also ganz wohl war uns während dieser Tour nicht. Schließlich hatten wir den Paß in 1.500 m Höhe erreicht und hatten von dort oben einen herrlichen Blick auf das Tal und die Straße unter uns. Wir konnten riesige Staubwolken sehen, die hinter den heraufkeuchenden LKW’s in den Himmel stiegen. Die ganze Luft schien voller Staub zu sein, aber es wehte eine Brise, die den Schmutz schnell weitertrug.
Nach einem kurzen Stop ging es dann auf zum Endspurt hinunter in das Kathmandu-Tal, das 1.400 m hoch liegt. Gegen 16.30 Uhr kamen wir dann ziemlich ausgelaugt in Kathmandu an, sahen die ersten Touristen - wie unangenehm -, etliche Hippies, diverse internationale Reisebüros und schließlich den Königspalast, denn Nepal ist ja ein Königreich.
Wir stiegen wieder in einer Oase ab, die sich Hotel Shanker nannte, und wir witzelten tüchtig über diesen Namen. Aber drinnen war alles bomfortzionös mit vielen Schnitzereien und dicken Teppichen und einer Menge Boys, die aber weniger hübsch und auch nicht mehr so freundlich waren wie die in Pokhara. Waren wohl schon von zuvielen Touristen versaut. Wir bekamen ein großes Zimmer mit Bad, fanden keine Kakerlaken und waren ganz zufrieden. Nachdem ich dann den tollen Garten bewundert hatte, der sogar eine Kakteensammlung aufwies mit vielen Echinopsen, fühlte ich mich sehr wohl. Wir saßen alle noch eine Weile zusammen, redeten noch lange über das "Wendemanöver" und prägten Schlagzeilen wie "Rotel-Tours reduzierte seine Kunden am Himalaya" usw.
Das Restaurant des Hotels befand sich im Untergeschoß, das an sich eine prächtige Festhalle war und früher sicher rauschende Fest und Ballnächte gesehen hatte. Uns empfing dieser prachtvolle Saal im Kerzenlicht, denn der Strom war wieder mal weg. Das wirkte aber geradezu romantisch und war uns keineswegs unrecht. Auf das Essen wirkte sich der fehlende Strom nicht aus, denn man kochte hier wie überall auf offenen Feuerstellen. Der obligatorische Reis schmeckte gut, und die Beilagen waren auch eßbar. Danach gingen alle in die Bar und debattierten schon wieder über das Wendemanöver. Franz saß dabei und lachte sich schief über uns Angsthasen.
So gegen 23.00 Uhr gingen wir ins Nest und schliefen auch hier wieder prima. Nach dem Aufstehen bin ich dann gleich in den Garten gegangen und fand - wie erwartet - vier geöffnete Kakteenblüten in makellosem Weiß vor. Wunderschön! Der Himmel war bedeckt, und kein einziger großer Berg war zu sehen, selbst die Vorberge lagen im Dunst, und es sah aus wie bei uns im Allgäu, zumal auch noch ein Kuckuck rief.
Zum Frühstück wurden Eier serviert, die so eklig schmeckten, daß kein Mensch sie essen mochte, man behalf sich halt mit dem muffigen Toast. Anschließend wurden wir von einem nepalesischen Führer durch Kathmandu geführt und besichtigten zuerst Swayambhu Nath mit dem größten Stupa Nepals. Ein Stupa ist ein halbkugeliger Bau, auf dem ein Spitzturm steht und auf dessen vier Seiten je ein Gesicht aufgemalt ist. Und dieser Stupa hier ist weltberühmt und liegt auf einem Berg. Schon als wir den Weg dorthin hochliefen, fiel uns der Dreck und vor allem der unerträgliche Gestank auf. Überall lagen haufen herum und teilweise lief die Scheiße einfach den Weg hinab, anders kann man das nicht beschreiben. Es war eine unglaubliche Sauerei, wir waren ganz entsetzt und haben echt geflucht auf diese Ferkel, die ihre eigene Umwelt und ihre Heiligtümer so verdrecken lassen. Uns verfolgten wieder die lästigen Bettler und die Händler, die Hitze kam auch wieder und - endlich oben angekommen - war unsere Enttäuschung perfekt. Enten, räudige, verlauste Hunde, Affen und Tauben liefen quer durch die Tempelchen und Pagoden, alles war vollgeschissen und verdreckt. Federn von den schon halbgerupft aussehenden Enten flogen herum, und tote Ratten lagen auch noch herum. Wir waren angewidert und geschockt und wütend über diesen Anblick. Ein paar fette buddhistische Mönche liefen an den Gebetsmühlen vorbei und drehten sie, und überall spielten Kinder im Dreck und in den Nischen dieser Heiligtümer Verstecken. Wir gingen ein bißchen abseits und wollten wenigstens den Blick ins Tal genießen, als wir merkten, daß hier jedes freie Quadratzentimeterchen als Toilette benutzt wurde. Es stank bestialisch, und unsere Stimmung war endgültig verdorben.
Danach fuhren wir in das Zentrum von Kathmandu, das ebenso verdreckt und widerlich war. Die ehemals sicherlich sehr schönen fünfstöckigen Pagoden waren von Tauben völlig verdreckt, und auf den freien Plätzen fanden sich zahllose Bettler, Krüppel, fliegende Händler und Kinder, die alle was von den Touristen wollten. Es war schlichtweg abstossend. Darüber konnte uns auch die Einmaligkeit dieser Bauwerke nicht hinwegtrösten, zumal wir uns von Kathmandu soviel versprochen hatten. Wir waren maßlos enttäuscht und haben fast bereut, überhaupt hierher gefahren zu sein. Wir waren wieder um eine Illusion ärmer.
Ich erstand dann schließlich noch eine Eule, die einzige aus Nepal, und wir hockten uns dann in den Bus, der uns wie eine Zufluchtsstätte in diesem Dreckhaufen erschien. Dort konnten wir beobachten, wie einige gläubige Nepalesen einem im Freien aufgestellten Gott Geldscheine opferten. Und kaum waren sie weg, kamen andere und nahmen sich das Geld. So wird offensichtlich vermittelt zwischen arm und reich oder zwischen clever und naiv. Wir sahen auch die Pagode, vor der jedes Jahr zu einem bestimmten Tag 120 Wasserbüffel auf einmal geopfert werden. Man stelle sich diese Schlachterei mit deren Mitteln (Gurkhamesser) einmal vor.
Und dann sieht man überall die legendären Hippies, die auszogen, das Paradies für sich zu finden mittels Haschisch. Übriggeblieben von dem Boom der 70er sind wirklich die allerletzten, vergammelten, dreckigen Typen, verlaust und mit bescheuertem Ausdruck im Gesicht. Mein Gott, was für jämmerliche Gestalten! Im Grunde arme Teufel, die nirgendwo mehr hingehören und die niemand mehr will.
Unser nepalesischer Führer fuhr dann mit uns durch die wohl breiteste Straße von Kathmandu, an der sich rechts und links ein Laden neben dem anderen befand. Und er hatte doch tatsächlich den Nerv zu sagen, dies sei die Prachtstraße von Kathmandu, vergleichbar mit der Champs Elysée in Paris. Wir haben uns bald nicht mehr eingekriegt.
Zurück im Hotel aßen wir eine Kleinigkeit und erfuhren dann, daß wir für die erneute Einreise nach Indien ein Visum brauchten, denn wir sollten ja auf dem Rückweg noch einen Tag in Delhi verbringen und dann erst nach Frankfurt weiterfliegen. Für dieses Visum waren jedenfalls von jedem drei weitere Paßfotos erforderlich, und nur ganz wenige hatten genügend Paßfotos dabei, zumal uns vor der Reise gesagt worden war, daß wir kein Visum bräuchten. Aber da ich immer auf Nummer Sicher gehe, hatten wir Gott sei Dank genügend Paßbilder dabei. Die anderen ohne Bilder mußten hier noch zum Fotografen, der nicht gerade billig war. Und viele haben tüchtig gemotzt über diesen unnötigen Aufwand.
Wir sahen uns dann noch verschiedene Tempel und Pagoden an, unter anderem auch den berühmten Kumari-Devi-Tempel, in dem ein der Jungfräulichen Gottheit geweihtes, siebenjähriges Mädchen wohnt, bis es die Pubertät erreicht. Dann wird durch ein strenges Ausleseverfahren eine neue Göttin ausgewählt. Das arme Ding darf den Tempel nur ein einziges Mal im Jahr verlassen und bekommt mit Sicherheit seelische Störungen, wenn es dann mit 12 oder 13 Jahren wieder ins normale Leben einsteigen soll. Es bekommt mit größter Wahrscheinlichkeit nie einen Mann, denn welcher Mann hat schon den Schneid, eine ehemalige Göttin zu heiraten? So hat sich der Staat bereit erklärt, dem Mädchen eine lebenslange Pension zu zahlen. Diesen Tempel sahen wir uns also auch an, bewunderten die wirklich sehr schönen Holzschnitzereien und ekelten uns gleichzeitig vor den vielen Tauben und den herumfliegenden Federn und dem Dreck. Wir hatten die Nase restlos voll und träumten von gescheitem Essen und Sauberkeit. Wir schwärmten uns gegenseitig was vor von Kartoffelsalat mit Würstchen, von Schweinebraten mit Knödeln oder Nudelsalat. Es wurde Zeit, daß wir wieder nach Hause kommen, dabei waren wir erst 14 Tage weg von zu Hause, es war nicht zu glauben.
Gleich im Anschluß fuhren wir dann zum Theater, wo wir einen nepalesischen Folkloreabend erleben konnten. Einige hatten keine Lust dazu und gingen ins Hotel. Aber Peter und Gisela gehen mit, und wir erlebten einen wirklich interessanten und schönen Abend mit seltsam fremder Musik. Ich habe die Kassette mit der Originalmusik gekauft als Andenken. Danach fuhren wir bei Kälte und strömendem Regen (es hatte ein Gewitter gegeben, während wir im Theater saßen) zurück ins Hotel, wo wir dann gleich zu Abend aßen. Das Essen war ganz leidlich, aber der Kuchen hinterher schmeckte übler als Seife, dabei hatte ich mich so auf was Süßes gefreut. Und der Kaffee dazu riecht wie Tee und schmeckt nach nichts. Aber was soll’s, wir haben keine Wahl und wollten ja die Fremde. Die hatten wir nun. Alle redeten von ihrer Enttäuschung über Kathmandu, das bei uns fortan nur noch Kackmandu genannt wurde. Selbst die tolerante Veronika sagte, daß Kathmandu die dreckigste Stadt sei, die ihr je begegnet ist, und das wollte was heißen.
Unseren Kummer haben wir anschließend in der Bar mit einer Literflasche Cognac aus dem Frankfurter Flughafen weggespült, allerdings verdünnt mit Cola und auf etliche Gläser verteilt. Auf jeden Fall waren wir noch nüchtern genug, anschließend in unserem Bad eine fette Kakerlake zu finden und zu erschlagen. Pfui Teufel!
Veronika hatte uns noch erzählt, daß nur 17 % der Fläche Nepals wirtschaftlich nutzbar ist, 83 % sind Gebirge. Kathmandu hat keine Kanalisation, aber das hatten wir selbst schon längst gemerkt. Es ist eben doch Kackmandu!
Wir haben recht gut geschlafen und saßen um 6.30 Uhr am Frühstückstisch, wo uns wieder ganz eklige Eier und muffiges Brot sowie schimmlig gewordene Marmelade den Appetit verdarben. Um 7.00 Uhr fuhren wir dann zum Flughafen, denn an diesem Morgen sollte unser Himalayaflug stattfinden, auf den wir uns alle sehr gefreut hatten. Der Himmel schien klar, und es blitzte ab und zu auch schon ein Berggipfel hervor. Am Flughafen warteten in der Halle ganz abenteuerliche und hochinteressante Typen, die ich gerne gemalt hätte. Es waren da Männer mit einem Dutt im Nacken und Schlitzaugen, dick vermummte Gestalten, die eher wie Chinesen aussahen und natürliche ne ganze Menge hochnäsiger Europäer und einige feine Dämchen, die eher dämlich als fein wirkten. Es war also ein illustres Publikum für uns.
Nach einiger Warterei, während der unser kleines Flugzeug von Hand aufgetankt wurde mittels Hebel und kleinem Tankwagen, konnten wir quer über den Platz laufen und in unsere Maschine einsteigen, die etwa 50 Plätze hatte. Wir starteten und bekamen Bonbons als Imbiß gereicht, wie witzig! Nach wenigen Minuten schon sahen wir entfernt die Berge des Himalaya, die schneebedeckten Gipfel und unter uns die Reisfelder bzw. -terrassen. Und dann waren wir auf einmal mittendrin in den eisigen Giganten in ewigem Eis! Jeder durfte zum Piloten in den Cockpit und konnte sich in Ruhe die traumhafte Bergwelt in dieser majestätischen Form ansehen. Und dann sahen wir ihn, den König aller Berge, das Dach der Welt: den Mount Everest! Dieser Gigant mit fast 9.000 Höhenmetern ringt einem wirklich Beachtung und Respekt ab, und es ist schon ein erregender Gedanke, den höchsten Berg der Erde aus unmittelbarer Nähe direkt vor sich zu sehen. Das kann und will man nie mehr vergessen. Und sicher auch nicht den stillen, einsamen Zauber dieser so unwirklich scheinenden Welt der Sieben-und Achttausender, die so unbeweglich starr und ewig daliegen. Ein unvergeßliches Erlebnis und neben dem Taj Mahal das größte und eindrucksvollste Erlebnis dieser ganzen Reise. Ich war ganz erfüllt von Dankbarkeit, daß ich die Möglichkeit hatte, das zu erleben.
Nach der Landung gingen wir alle wie benommen von diesem Erlebnis wieder zum Bus und zu unserem Reise-Alltag zurück. Zurück in den Dreck und die Realität von Kackmandu. Aber der Bus fuhr uns noch nach Pashupatinath am Ufer des heiligen Bagmati-Flusses, an dem auch eine Verbrennungsstätte der Hindus liegt. Als wir dort ankamen, verbrannten sie gerade ein kleines Kind von ca. 3 Jahren. Der Kopf und ein Füßchen schauten aus dem Holzstapel noch heraus, und uns schauderte. Richtig unheimlich wird einem da zumute, dazu noch der süßliche Geruch, der mit dem Qualm aufsteigt. Also wirklich kein Ort zum Wohlfühlen, wohl aber zum Nachdenken. Seltsamerweise trauerte kein Mensch. Nur ein einzelner Mann schürte das Feuer und verlangte von uns Geld für’s Zusehen.
Wir gingen weiter den Berg hoch, um den berühmten Tempel von oben besser sehen zu können, denn kein Nicht-Hindu darf den Tempel betreten. Auf dem Weg dorthin folgten uns wieder ganz elend verkrüppelte Bettler und Kinder. Eine Bettlerin war so schlimm entstellt, wie wir das noch nie gesehen hatten. Ihre Wirbelsäule war so gekrümmt, daß sie den Kopf fast auf den Knieen hatte und nur schräg noch oben sehen konnte. Ganz furchtbar! In solchen Fällen gaben wir immer etwas, und uns ging solch ein Schicksal sehr nach, und auch wenn man noch soviel Elend gesehen hat, läßt es einen doch nicht kalt und zumindest ich gewöhnte mich nicht daran, sondern war immer wieder neu erschüttert und tief berührt.
Anschließend ging es zurück zum Hotel, und wir wollten den Nachmittag für uns verbringen, während das offizielle Programm nach Bhatgaon führen sollte, der dritten Königsstadt. Nachdem wir aber schon soviele Tempel gesehen hatten, die sich alle ziemlich ähnelten, wollten wir lieber auf eigene Faust in die Stadt gehen. So fuhren wir mit Rikschas in die New Road (die Champs Elysée von Kackmandu!) und schlenderten durch eine bazarähnliche Straße, wo Lissis etliches Tankas erstand. Tankas sind nach einem bestimmten Muster bemalte Stofftücher, die je nach Feinheit der Malerei ein Sündengeld kosten. Einige gefielen mir auch, aber wohin damit?
Wir wurden von allen Seiten angequatscht und hatten bald genug davon. Wieder mit einer Rikscha fuhren wir kreuz und quer durch die sehr lebendige und bunte Stadt zurück zum Hotel. Nach dem Duschen bei Kerzenschein - der Strom war natürlich wieder mal oder immer noch weg - gingen wir zum Abendessen, das gleichzeitig das Abschiedsessen sein sollte, denn Franz und Veronika sollten am nächsten Tag ihre anstrengende Rückreise per Bus nach Delhi beginnen. Es gab wirklich was Leckeres zu essen, nämlich Reis in einer dicken Fleisch-Pilz-Soße und hinterher Eis, das wir trotz aller Warnungen aßen. Außerdem hatten Franz und Veronika 4 Liter Whisky und Gin spendiert, das sollte gegen Bakterien aller Art wohl helfen.
Am nächsten Morgen waren wir schon früh auf den Beinen und konnten dem Rotel noch zum Abschied winken, der noch einmal mordsmässig hupte. Dann fanden wir uns zum schon bekannten Widerlich-Frühstück ein mit ekligen Eiern und muffiger Marmelade. Und da ich jede Menge Mückenstiche abbekommen hatte, die entsetzlich juckten und zudem ständig zwischen Durchfall und Verstopfung hin und her pendelte, war meine Laune nicht gerade bestens. Aber offensichtlich ging es den meisten anderen auch so ähnlich.
Mit einem Bus von Yeti-Travels, dem größten nepalesischen Reiseunternehmen, fuhren wir dann los nach Dak-Schin-Kali, einem etwa 20 km entfernten Örtchen, wo zweimal wöchentlich der blutrünstigen Göttin Kali männliche Ziegen, Hähne und Enten etc. geopfert werden. Wir fuhren durch eine interessante Landschaft, sahen hinab in tiefe Schluchten, suchten aber die schneebedeckten Gipfel des Himalaya vergeblich. Kurz vor Dak-Schin-Kali sahen wir schon die Leute mit ihren Tieren in Richtung Opferplatz laufen. Ich wollte mir dieses Gemetzel auf keinen Fall ansehen, weil mir die Viecher so Leid taten. Außerdem fehlt mir jedes Verständnis dafür, obwohl es in vielen Kulturen immer schon Brauch war und teils immer noch ist.
Wir hielten schließlich auf einem großen Parkplatz und wurden gleich wieder von aufdringlichen Händlern und Bettlern umlagert. Es war wirklich zum Dreinschlagen, und so langsam hatte ich wirklich keine Nerven mehr für dieses ewige Anpöbeln. Der Weg führte treppab zu verschiedenen Tempelchen, und eine kleine Brücke führte über einen schmalen Fluß, der vielleicht 20 cm Wasser führte. An diesem Fluß saßen die Menschen und rupften die geschlachteten Hähne oder Enten oder schabten den geköpften Ziegen das Fell ab, nachdem sie vorher in einer Tonne mit einer heißen Dreckbrühe drin gebrüht worden waren. Die Leute standen bis zu den Knöcheln in Federn, Fell und Blut, und für mich war das eine grausige Angelegenheit.
Unser einheimischer Reiseleiter erklärte uns, daß die Opfertiere vorher gefragt würden, ob sie geopfert werden wollen, und dabei verwendet man einen Trick, indem man den Tieren Wasser über den Kopf schüttet, woraufhin sie natürlich den Kopf schütteln. Dieses Kopfschütteln wird als Zustimmung gedeutet. So ein Quatsch! In Wirklichkeit stemmen sich die verzweifelten Tiere mit aller Kraft dagegen und werden hinter ihren Schlächtern hergeschleift. Eine widerliche Szene, die ich nicht nochmal mit ansehen möchte. Von anderen hörte ich später, daß innerhalb 10 Minuten mindestens 10 Ziegenköpfe und 35 Hähnchenköpfe im Akkord abgeschlagen wurden. Es wird übrigens nur das Blut der Göttin Kali geweiht, das Fleisch wird als heilig gegessen, und diejenigen, die ihre Tiere zum Opfern bringen, müssen auch noch für das Schlachten bezahlen, obwohl sie so arm sind. In meinen Augen ist das kalte Geschäftemacherei von einigen, die vermeintlich ein bißchen cleverer sind als die anderen. Aber der Glaube versetzt ja bekanntlich Berge.
Auf dem Rückweg zur Asphaltstraße, die von den Chinesen erbaut wurde und die zur chinesischen Grenze führt, sahen wir riesengroße Agaven, die teilweise schon meterhohe Blüten oder aber Knospen hatten. Solche Giganten habe ich vorher noch nie gesehen.
Unser Reiseleiter erzählte uns so allerlei, und u.a. auch, daß die Nepalesen glauben, Neckermann sei ein Ort, den dem Deutsch gesprochen wird, und daß es Neckermänner und Neckerfrauen gäbe.
Die Gegend, durch die wir fahren, soll auch noch die Heimat von Leoparden sein. Das hatte ich hier auch nicht erwartet.
Die Straße führte streckenweise steil bergan, und der Motor schnaufte ganz ordentlich. Ringsherum wuchsen Bananen und überall sah man die Menschen damit beschäftigt, sich zu lausen.
Unser Ziel war Kodari, ein kleiner Ort an der chinesischen Grenze. So fuhren wir Stunde um Stunde bergan durch tiefe Schluchten und tief unten ein Fluß, der herrlich kühles und sauberes Wasser versprach. Vielleicht kam unser Himalayawasser, das wir in Indien kaufen konnten, aus diesem Fluß. Laufend sahen wir waghalsige Hängebrücken, die hoch über den Fluß gespannt waren und über die sich nicht jeder trauen würde. Es ist schon eine wacklige und schwankende Angelegenheit.
In einem kleinen Ort hielten wir Mittagsrast, und da ich weder Hunger noch Durst hatte - das Klima war an diesem Tag recht angenehm - bin ich etwa 5 km die Straße entlanggelaufen. Aber selbst hier in der Einöde wurde ich unterwegs von einzelnen Leuten oder Kindern angebettelt. Nicht mal in dieser Bergeinsamkeit hatte man seine Ruhe vor den lästigen Bettlern, die hier beileibe nicht so arm dran waren wie die in Indien. Hier waren alle ganz gut genährt, und Nepal hat soviel Reis, dass es sogar nach Bangla Desh exportieren kann.
Unterwegs sah ich dann einige wunderschöne Opuntien in voller Blüte, das allein hat die Mühe gelohnt. Der Bus kam dann schließlich auch wieder, und so fuhren wir dann bis an die chinesische Grenze, wo es regnete und ziemlich kühl war. Die Kinder ringsherum schlotterten vor Kälte, und wenn wir das vorher gewußt hätten, hätten wir noch einige von unseren Klamotten hergegeben. Hier waren die Menschen wirklich arm dran mit ihren wenigen Fetzen am Leib.
Man durfte hier nirgends fotografieren, vielleicht hatten die Chinesen Angst, man könnte ihre Berge wegfotografieren. Einige Kinder kamen an mit chinesischen Geldscheinen, und ich tauschte einen ein als Souvenir.
Dann zockelten wir stundenlang wieder zurück, dämmerten teilweise vor uns hin und staunten ab und zu immer wieder über die immensen Ausmaße der Findlinge, die unter uns im Fluß lagen. Das Gebirge war hier stark zerklüftet und ging teilweise senkrecht in die Höhe, zeitweise waren die Gipfel schneebedeckt. Eine ganz wilde, ursprüngliche Landschaft, die schon einen starken Reiz hat, zumal eine grenzenlose Einsamkeit dazu gehört.
Wir kamen ziemlich geschafft und müde gegen 19.00 Uhr wieder im Hotel an, hatten einen Mordshunger und haben von Kartoffelsalat oder Pommes und anderen Leckereien geträumt und uns gegenseitig den Mund wässrig gemacht. Zum Abendessen gab es dann Wasserbüffelbraten, der uns gut schmeckte, aber für unseren Kohldampf - wie hatten seit dem Frühstück nichts mehr gegessen - leider zu knapp bemessen war.
In der Bar erzählten wir uns später noch alles Mögliche, und gegen 22.00 Uhr war ich so müde, daß ich ins Bett ging. Kaum lag ich flach, hörte ich ein seltsames Knispern und Knabbern. Auf Zehenspitzen schlich ich durch’s Zimmer und suchte nach der vermeintlichen Maus. In Wirklichkeit kam das Geräusch aus der Reisetasche, und siehe da: auf meinen Keksen hockte eine riesige, etwa 9 cm lange, fette Kakerlake und war dabei, sich einen Keks einzuverleiben. Sie wanderte ins Klo und wurde dreimal nachgespült, damit sie ja nicht wieder hochkam. Wie ekelhaft!.
Das Frühstück begann wieder mit fauler Marmelade und miesem Kaffee, dann ging auch wieder das Licht aus, und so hockten wir mehr oder weniger gelangweilt in der Hotelhalle herum, bis gegen Mittag der Regen aufhörte. Unsere Zimmer mußten wir bis mittags räumen, da wir abends wieder nach Delhi fliegen sollten. So stellten wir alles in einem Raum unter, gingen nochmal ins Restaurant zum Mittagessen, das Chowmien hieß und das wir "Gemischter Hund" nannten, weil es was Chinesisches war und sehr gut schmeckte.
Mit der Rikscha fuhren wir nochmal in die Stadt in die berühmte Fixer-Straße, in der die Hippies ihr Haschisch kaufen und wo man deswegen auch laufend angesprochen wurde. Hier lungerten unglaubliche Typen herum, alles Kaputte, die nirgends mehr Fuß fassen.
Ein ziemlich starker Wind kam auf und blies uns Dreck und Sand ins Gesicht, so daß wir es schließlich vorzogen, den Rest der Zeit im Garten des Hotels zu warten, bis wir am Nachmittag zum Flughafen gebracht wurden. Um 19.10 Uhr startete die Royal Nepal Airlines mit uns in Richtung Delhi, wo wir um 20.30 Uhr ankamen. Als wir ausstiegen, traf uns die Hitze wie ein heißer Waschlappen mitten ins Gesicht. Der Schweiß brach uns augenblicklich aus, und wir fühlten uns fast wieder "daheim". Indien bzw. die Inder waren uns wesentlich sympathischer als die Nepalesen geworden, und so freuten wir uns geradezu über diese Rückkehr. Wir wurden ins Hotel Vikram gebracht, das in einem besseren Viertel von Delhi liegt an der großen Ring Road. Unsere Zimmer waren denkbar dreckig - obwohl es angeblich ein Luxushotel war - überall Löcher, und der Teppichboden wurde mit dem Handbesen gekehrt, denn Staubsauger gab es nicht. Man stelle sich das einmal vor! Unsere Zimmernachbarn waren ganz entsetzt, als sie gleich 6 Kakerlaken entdeckten.
Das Restaurant war sehr nett hergerichtet, und ein großes kalt-warmes Büffet war für uns aufgebaut. Leider war der Raum durch die Klimaanlage unheimlich kalt, und wir froren. Diese Klimaanlagen sind eine gefährliche Sache, den durch den krassen Unterschied von draußen heiß und innen kalt holt man sich ganz fix eine schwere Erkältung, was denn auch einigen prompt widerfuhr.
Das Abendessen schmeckte ganz gut, es gab natürlich wieder Reis, dazu Spinat mit Kartoffelstückchen, Linseneintopf, gemischtes Gemüse mit Käse und ziemlich fett sowie Hähnchenfleisch und Salat mit Joghurtsoße. Einige kalte undefinierbare Sachen gab es auch, und ich probierte eine etwa walnußgroße, grüne Kugel, was ich sofort bereute, denn das Ding war nicht nur ungeheuer scharf, sondern auch noch sauer-bitter und zog mir alles zusammen. Mein Mund war wie betäubt, und selbst nach zwei Stunden war dieses ekelhaft pelzige Gefühl noch nicht weg. Weiß der Geier, was ich da erwischt hatte.
Als wir unsere Getränke bezahlen wollten, nahm der Kellner das Geld und kam nicht wieder. Wir reklamierten schließlich energisch, und da stellte sich heraus, daß niemand aus der Gruppe das Wechselgeld herausbekommen hatte. Der Kellner sagte zu jedem, daß er kein Wechselgeld habe. Daraufhin haben wir ihn aber ausgetrickst und Getränke bestellt, die wir dann nicht bezahlten. Darüber hat er gelacht. Das ist schon eine andere Welt!
Der nächste Tag in Delhi stand zur freien Verfügung. Wir sollten in der folgenden Nacht um 2.55 Uhr nach Frankfurt starten, welch unchristliche Zeit!
Vor dem Hotel und ringsherum auf den Wegen neben der eigentlichen Straße lagen viele Inder und schliefen in ihre Tücher eingerollt. Der Lärm der hupenden Taxis, das Geschrei der Zeitungsträger etc. schien sie nicht im Mindesten zu stören. Nerven haben sie wohl wie Drahtseile! Mir ist übrigens immer wieder aufgefallen, daß die umherstreunenden Hunde kreuz und quer auf dem Weg oder der Straße lagen und daß sie merkwürdigerweise von keinem überfahren oder getreten wurden. Hunde gibt es übrigens massenhaft, außerdem überall Hühner, Enten und Ziegen, alle mit Nachwuchs, und das mitten in der Stadt ebenso wie auf dem Land. Bei uns unvorstellbar! Dort ist die Natur in der Hinsicht noch Natur, denn keiner pfuscht dazwischen. Die Hennen haben ihren Hahn und die Hunde finden auch ihre Partner wie die Ziegen. Ganz süße Hunde gibt es da, aber auch arme Kreaturen, die die Räude oder sonstige Krankheiten haben und sich ständig schubbern. Ich traute mich daher auch nicht, sie zu streicheln.
Nach unserem Frühstück fuhren wir mit einem richtigen Taxi zum Zoo von Delhi, denn wir wollten unbedingt den legendären weißen Tiger sehen. Der Zoo ist ein riesiges Gelände, sehr weitläufig mit vielen Teichen und schönen Bäumen und viel Rasen. Das hatten wir in der Armut Delhis wirklich nicht erwartet. Wir sahen viele bekannte Tiere wie Marabus, Kraniche, Nilpferde und Nashörner und schließlich fanden wir auch den Dschungelkönig, den Tiger. Ein prächtiges, männliches Exemplar tigerte in Augenhöhe nur 20 cm von uns entfernt auf und ab und schnaufte beängstigend. Ein Riesenkerl war das mit wunderschönen Augen und Mordspranken. Wenn so einer auf Menschenjagd geht, hat man keine Chance. Es war ein herrliches Tier, aber ein Jammer und eine Schande, ihn in so einem engen Käfig zu halten. Gott sei Dank war aber auch ein großes Freigehege dabei, und siehe da, in diesem Freigehege entdeckten wir den weißen Tiger. Er war aber nicht richtig weiß, sondern hellbeige mit mittelbraunen Streifen und sehr mager. Wirklich keine Schönheit, aber selten. Wer weiß, wieviel bzw. wie wenig Futter die Viecher bekamen, sie sahen alle nicht gut genährt aus. Klar, wenn die Menschen nicht genug zu essen haben, wie soll es dann für die Tiere reichen? Nicht mal die heiligen Kühe werden gefüttert, sie müssen selber sehen, daß sie von den Straßenabfällen satt werden, und wir haben oft gesehen, daß sie sogar Zeitungspapier gefressen haben.
Einige Affen lärmten und spektakelten fürchterlich, und wir lachten und alberten darüber. Einige Inder und etliche Sikhs liefen kichernd hinter uns her. Wir haben während der ganzen Reise nur ein einziges Mal ein Pärchen Hand in Hand gehen sehen, sonst gehen die Frauen immer einige Schritte hinter ihrem Mann her. Das hätte unseren Männern wohl auch gefallen. Na, jedenfalls hatten wir auch unseren Spaß an den Sikhs und haben uns wieder mal über ihre "Nester" auf dem Kopf amüsiert. Die Sikhs sind eine religiöse Sekte, deren Mitgliedern nicht erlaubt ist, die Körperhaare zu schneiden. So haben die Männer also alle einen wallenden Bart - was ich toll fand - und langes Haupthaar, das sie auf dem Kopf zu einem Dutt drehen und ein Tüchlein darum binden, und über dieses Tüchlein kommt dann der dicke, bunte Turban. Bei den kleinen Jungen bindete man noch keinen Turban, sie tragen nur dieses Ei auf dem Kopf, und das sieht lustig aus. Die Sikhs machen 2 % der indischen Bevölkerung aus und sind ein kräftiger, gesunder Menschenschlag, der weder Alkohol trinkt noch raucht. Die Hauptthesen dieser Religion sind Nächstenliebe, Toleranz und Dankbarkeit, und sie haben viel Mitgefühl für Bedürftige, die in jedem Sikh-Tempel kostenlos Unterkunft und Verpflegung finden. Man sagt in Indien, daß die Sikhs eine ähnliche Rolle spielen wie die Juden, weil sie stark, gesund und sehr, sehr geschäftstüchtig sind.
Gegen Mittag waren wir genügend durchgeschwitzt und hatten im Zoo so ziemlich alles gesehen. So fuhren wir mit einem der unzähligen Motortaxis auf drei Rädern - sieht lustig aus - zurück zum Hotel. Das Benzin stank wieder fürchterlich, und die Hitze kam in den Straßen wie mit einem riesigen Föhn in das Vehikel. Schließlich hatten wir es geschafft und zahlten für diese Strecke von etwa 6 km DM 1,25, wobei das schon wesentlich mehr ist als ein Inder gezahlt hätte.
Wir machten ein bißchen Mittagspause und hauten uns dann auf’s Ohr. Gegen 23.30 Uhr wurden wir mit dem Bus zum Flughafen gebracht, wo wir gleich wieder ein Formular in die Hand gedrückt bekamen. Rings um uns herum standen oder lagen Unmengen Inder und sonstige Reisewillige, ein Riesenberg Koffer stand parat, um in den Bäuchen von diversen Jumbos zu verschwinden, und nachdem wir dann auch noch die Paßkontrolle hinter uns hatten, saßen wir schließlich im Warteraum. Es war dort lausig kalt und zog wie Hechtsuppe von der Klimaanlage her, die ich gar nicht schätzte. Lieber ein bißchen schwitzen als sich erkälten oder mit steifem Genick rumlaufen müssen.
So warteten wir dann tatsächlich 3 ½ Stunden, bis wir endlich um 3.30 Uhr in der Nacht in unseren Jumbo einsteigen konnten. Blöderweise hatten wir keine Sitzplätze nebeneinander, die ganze Gruppe saß verstreut in dem voll besetzten Flugzeug. Es kam von Tokio und hatte massenhaft Japaner, aber auch Inder an Bord. In Karachi stiegen dann auch noch etliche Pakistani ein, so daß wir wohl eine malerische Gesellschaft ergaben. Wenn man ganz hinten im Jumbo stand und über die Köpfe nach vorn sah, waren sicher 95 % der Fluggäste schwarzhaarig.
Es gab dann auch bald was zu essen, und wir versuchten, ne Weile zu dösen. Dann endlich, nach über 10 Stunden reiner Flugzeit, wurde gegen 11.00 Uhr deutscher Zeit die Landung in Frankfurt angekündigt. Endlich! Und um 11.20 Uh landeten wir tatsächlich und kamen glatt durch die Kontrollen. Aber was für ein Gehetze und was für muffige, unfreundliche Gesichter diese Menschen im Flughafen machten! Hier lächelte keiner, alle hasteten und nirgends sah man farbenfrohe Saris und freundliche Menschen. Wie kraß war das gegenüber den Menschen, die uns in den letzten Wochen begleitet hatten. Je ärmer, desto fröhlicher?
Freund Gerhard stand auch schon da, um uns sicher wieder nach Hause zu bringen, das uns mit richtig echter Kälte ohne Klimaanlage empfing. Wir waren also wieder daheim, und ab jetzt heißt es zurückdenken an diese so eindrucksvolle und anstrengende Reise mit vielen liebenswerten Menschen, mit viel Dreck und Gestank und umwerfender Hitze, aber auch mit viel Spaß und nicht zuletzt mit dem "Schneewittchensarg".
Namasté India (Aufwiedersehen Indien)!


