Mongolei Transsib Reisebericht: Transsibirische Eisenbahn

Es ist mir sehr schwer gefallen, so bald wieder nach Hause zu fahren, ich wäre liebend gerne noch wochenlang so weitergereist, so unbelastet und frei, ohne Termine, Lärm, Enge und Kleinlichkeiten, nur konfrontiert mit einer alles bestimmenden Natur, die einen nicht mehr los läßt und die einem vor Augen führt, in welch einem unnatürlichen, denaturierten Umfeld wir hier in der vermeintlich „ersten Welt" leben. Ich wünschte, meine Wohnung (und damit mein Leben) wäre rund und weich und schlicht wie eine Jurte und nicht voller Ecken und Kanten.....!

Ich habe auf dieser unvergleichlichen Reise mit der Transsibirischen Eisenbahn durch die Mongolei nur Fragmente dieses Landes kennengelernt, viel zu wenig, um ein halbwegs treffendes Bild zeichnen zu können, und so beschränke ich mich darauf, die erlebten Reisetage zu beschreiben. Es war eine anstrengende, harte Reise, die mir unendlich viel gegeben hat! Es waren 3000 Kilometer näher zu mir selbst!

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Nach 2 ½ stündigem Flug stellten wir die Uhr um 2 Stunden weiter und landeten dann in Moskau, wo wir zu unserer Freude für eine Stunde aussteigen konnten. Der Flughafen empfing uns mit einem bunten Völkergemisch und großer Schwüle bei 26°, aber wir waren trotzdem froh, uns die Beine vertreten und die vielen Geschäfte anschauen zu können, die alles präsentierten, was in jedem großen Flughafen zu finden ist wie Alkoholika, teure Parfums, Edelklamotten, aber auch Spezialitäten des Landes wie hier die Matrioschkas in vielfältigsten Varianten. Das sind die Püppchen in der Puppe, bis zu 20 immer kleiner werdende, hohle Holzpüppchen verbergen sich in dem jeweils nächsten. Und natürlich fanden wir hier den berühmten russischen Bären in allen Variationen vor. Mit meiner Sitznachbarin Elisabeth, die ebenfalls an der Rotelreise teilnahm, unterhielt ich mich über dies und das, als sich ein junger Mongole in unsere Unterhaltung einschaltete. Wir waren baff erstaunt über sein gutes Deutsch, und es stellte sich heraus, daß er in Dresden Betriebswirtschaft studiert. Er brachte uns die ersten und wichtigsten mongolischen Worte bei, nämlich „Guten Tag" und „Dankeschön", die für uns erst einmal schier unaussprechlich waren, die wir dann im Laufe der Zeit aber doch noch lernten.

Unser Flug folgte der Route Jekaterinburg, Nowosibirsk, Irkutsk. Die Sonne ging gar nicht richtig unter, und um 2.00 Uhr nachts begrüßte uns der neue Tag mit grellem Sonnenschein. Obwohl ich sehr müde war, konnte ich nicht einschlafen und nicht aufhören, alles um mich herum zu beobachten. Schließlich stellten wir die Uhr um 5 Stunden weiter (insgesamt + 7 Stunden Zeitverschiebung) und landeten dann am Dienstagmorgen, 17.7., um 8.40 Uhr in Ulan Bator, das uns mit leichtem Regen und grauem Himmel bei 16° empfing. Wo war der „ewig blaue Himmel" der Mongolei?

 

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Wir nahmen die uns zugeteilten Sitzplätze ein. Ich saß auf der letzten Bank zwischen drei Männern. Links neben mir am Fenster saß Martin jr., der mit 19 Jahren der jüngste der Truppe war und diese Reise bei einer Wette mit seiner Mutter gewonnen hatte. Er war wohl ein sehr mässiger Schüler gewesen und sein Abitur hatte in Frage gestanden. Gleichzeitig hatte er seit Jahren von der Mongolei geträumt. Nun hatte seine kluge Mutter mit ihm gewettet, daß er das Abi nicht schaffen würde und wenn doch, würde sie ihm diese Reise schenken. Martin schaffte das Abi nicht nur gerade eben, sondern mit Supernoten, und so kam Martin also zu dieser Reise. Rechts neben mir saßen zwei große, gestandene Männer im Rentenalter, wobei mir mein nächster Sitznachbar Klaus nicht gerade sympathisch war, er schien mir eher zum Fürchten. Das gab sich allerdings im Laufe der nächsten Tage, und er hat sich redlich bemüht, nett und zuvorkommend zu mir zu sein. Günter am Fenster war da wesentlich aufgeschlossener und humorvoller, aber da es keine Platzwechsel gab, herrschte auf unserer letzten Bank meist das große Schweigen, denn auch Martin war anfangs nicht gerade redselig. Dazu kam, daß er nur breitestes Schwäbisch sprach, das ich kaum verstand und dauernd nachfragen mußte. Die älteste Reiseteilnehmerin war Hilda aus Wien mit 80 Jahren. Sie war eine sehr bemerkenswerte Persönlichkeit, voll trockenem Humor und Witz und geistig hellwach. Unentwegt schrieb sie ihren Reisebericht in Steno und skizzierte laufend die Landschaften oder was ihr sonstwie festhaltenswert erschien. Wir haben sie alle sehr schätzen gelernt, und mit ihrem Abschiedsgedicht am Ende der Reise, mit dem sie sowohl die Reise als auch die Teilnehmer sehr treffend skizzierte, wird sie uns allen unvergeßlich bleiben.


Ansonsten waren die meisten Teilnehmer im Rentenalter und kamen aus ganz Deutschland und ein Pärchen aus Österreich. Zwei Ehepaare waren dabei, alle anderen kamen solo bzw. hatten teilweise ihre (Ehe-)Partner zu Hause gelassen. Es waren 9 Männer und 10 Frauen an Bord, dazu der Fahrer mit seiner mongolischen Freundin Eni, die ihm beim Kochen half, und Martin sen., unser Reiseleiter. Ausserdem wurde unser Bus von zwei Mongolen im Jeep begleitet: Bayra, der für uns dolmetschte und sich mit den Besonderheiten und Gepflogenheiten der Mongolei auskannte und früher in der DDR Jura studiert und in der Mongolei während der kommunistischen Zeit 10 Jahre als Polizist gearbeitet hatte und jetzt seit 8 Jahren die Rotelreisen begleitet sowie Bosco, der Jeepfahrer. Eni war an sich Lehrerin für deutsch, englisch und russisch, aber bei Horst verdiente sie ebensoviel und hatte auf diese Weise die Möglichkeit, ihr eigenes Land kennenzulernen. Sie stammte auch Ulan Bator, war also eine Stadtmongolin, und ich war ganz entsetzt zu hören, daß sie nicht reiten konnte und Angst vor Pferden hatte. Wie alle Mongolen, war sie sehr zurückhaltend und still.

Wir fuhren also los vom Flughafen in Richtung Ulan Bator Stadt, als jemand die angeblich 19 Reiseteilnehmer nachzählte und nur auf 18 kam. In der Tat hatten wir eine Reiseteilnehmerin „vergessen", und das war die arme Martha, die einen schlechten Reisebeginn hatte. Sie wartete am Flughafen vergeblich auf ihren Koffer, der in Berlin liegen geblieben war, und als sie schließlich ganz aufgeregt zum Flughafenausgang ging, um nach dem Rotel zu schauen und den Kofferverlust zu melden, stellte sie zu ihrem Entsetzen fest, daß der Rotelbus fort war.... ohne sie.

 

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Ich blickte sehnsüchtig hinterher und war traurig, daß die Reise vorbei war. Beim Landeanflug auf Friedrichshafen zeigte sich ein sonniger Bodensee unter mir und kleine Wäldchen und ordentlich gezirkelte Felder und glatte Strassen. Ach, wieviel lieber wäre mir der Anblick der Steppe mit sanften Hügeln und Pferdeherden darauf gewesen! Aber dann landeten wir sanft, und Jutta stand mit beiden Hunden da, die ein Mordsgebell veranstalteten, und alle waren wohlauf.

Und jetzt bin ich wieder zu Hause und freue mich, daß ich nicht um einen Traum ärmer, sondern um sovieles reicher geworden bin.

 

Konstanz, im August 2001

Maria Gratz

 

Das Einchecken dauerte eine Ewigkeit, aber irgendwann hatte jeder seine Bordkarte. Dann wurden die Shops noch ausgiebig durchgeschaut, und Martha fand einen schönen Mongolei-Kalender für 2002, den Günter netterweise für mich besorgte, während ich einen Kaffee trank. Schließlich startete unser vollbesetzter Airbus mit 40 Min. Verspätung und schweren Herzens sagte ich der Mongolei Ade. Ich wäre so gerne noch in der Steppe geblieben. Ich sitze wenigstens unter lauter Mongolen und schaue mir auch den schönen Dokumentarfilm über die Mongolei nochmals an und hänge meinen Gedanken nach. Im Nu waren die 6 Stunden Flug bis Moskau vorbei, dort durften wir aussteigen und uns eine Stunde die Beine vertreten, dann ging es wieder rein in den Flieger, um die 2 ½ Stunden nach Berlin weiterzufliegen. Dort großes Verabschieden allerseits. Dann entdeckte ich vor dem Schalter der Mongolian Airlines eine Menge Mongolen, die mit „meinem" Flieger nach Ulan Bator wollten. Auch etliche Reisende standen dort, die mir ganz wie Rotelisten aussahen und die ich ansprach. Ich hatte richtig getippt. Es waren die Teilnehmer der nächsten Mongoleitour, und ich berichtete ihnen brühwarm, was sie erwarten würde. Sie waren sichtlich hocherfreut.


Mein Gepäck hatte ich bis Friedrichshafen durchgecheckt, so daß ich nur meinen Rucksack bei mir hatte und erst mal einen Kaffee trank und in Ruhe eine Zigarette rauchte. Etliche Mitreisende hatten auch Anschlußflüge gebucht, und so nach und nach traf ich noch etliche. Ganz zum Schluß begleitete ich Günter noch zu seinem Schalter und ging dann auch zu meinem Flieger. Indessen hätte mein mongolischer Flieger längst wieder in der Luft sein müssen, aber er rollte gerade zur Startbahn, als ich einstieg. So konnte ich von meinem Fensterplatz zusehen, wie er sich in die Lüfte hob und wieder in die nun so ferne Mongolei flog.

 

Mit Susanne ging ich anschließend noch in das große Kaufhaus. In Erinnerung an die Jurten der Steppe muteten die Möbel, Teppiche und Klamotten hier sehr befremdlich an, aber die Stadtmongolen leben ja auch ganz anders als die Nomaden auf dem Land. Im Supermarkt im Erdgeschoß kaufte ich dann noch mongolischen Wodka und Zigaretten, und auf dem Heimweg kehrten wir noch in ein Straßencafe auf einem Balkon ein. Dort hat doch tatsächlich ein Mongole versucht, meine Jacke zu klauen. Auf dem Land wäre das garantiert nicht passiert.

Um 17.30 Uhr warte ich mit etlichen unserer Gruppe beim Hotel auf Martin, der mit uns zu einer weiteren Folkloreveranstaltung fahren will, was auch prima klappt. Martin’s mongolische Freundin war nun endlich auch dabei, er hatte sie sehnlichst erwartet. Sie soll die nächste Mongoleitour begleiten. Für drei Taxen zusammen zahlen wir bloß einen Dollar. Das verstehe ich nicht ganz, denn jeder Kaffee, jede Cola kostet hier einen Dollar. Irgendwas stimmt da nicht. Wir kommen jedenfalls in ein Theater mit einer herrlichen Bühnenausstattung ganz im traditionellen mongolischen Stil, der Saal ist vollbesetzt. Pünktlich fangen die Musiker an, die mich mit Ausnahme der Sängerin nicht so überzeugen können. Dann kommt eine phantastische Tänzerin, die mit drei Milchschalen tanzt. Sie ist hinreissend schön und tanzt wie eine Göttin. Später tanzte sie in der großen Tanzgruppe immer in der Mitte, und ich habe fast nur ihr zugeschaut. Diese Frau hat wirklich phantastisch getanzt und war ein wahre Augenweide. Vor allem die fliessenden Schulter-Arm-Bewegungen sahen aus wie Wellen, sowas hatte ich vorher nie gesehen. Viele andere empfanden genau so. Dann kam eine Schlangentänzerin, mit Abstand die beste, die wir je gesehen hatten. Wir hielten manches Mal die Luft an bei ihren unglaublichen Verrenkungen. Insgesamt war es eine wunderschöne Vorstellung.


Als wir ins Hotel zurückkamen, gab es unser Abschiedsessen im Restaurant. Martin ließ die Reise vor unserem geistigen Auge nochmals vorüberziehen und bedankte sich für das schöne Miteinander und die Harmonie in der Gruppe. Dann ergreift Norbert das Wort und dankt Fahrer und Reiseleiter für ihre enorme Leistung und übergibt das gesammelte Trinkgeld. Dann kommt Martin jr. an die Reihe. Er hat während der Reise einige romantische Gedichte geschrieben und trägt diese vor. Er hat Selbstbewußtsein und Mut und wird seinen Weg machen. Der Höhepunkt des Abends aber ist Hilda’s Gedicht. Hilda ist unsere 80jährige Seniorin voller Witz und Geist, und sie hat den Verlauf der Reise und die markantesten Reiseteilnehmer in ihrem Gedicht festgehalten. Ich hänge es an diesen Bericht an, denn es ist wert, aufbewahrt zu werden. Tosender Applaus war ihr sicher und viel Gelächter. Danach saßen wir noch zusammen und erzählten und lachten und ließen den letzten Abend in der Mongolei ausklingen. Ein letztes Mal krochen wir in unsere Kojen.

Am Montagmorgen, 6.8. mußten wir um 5.00 Uhr aufstehen. Alle wuselten herum und suchten ihre Sachen zusammen. Ein letztes Frühstück auf Klapphockern war schnell gegessen, dann wartete alles auf Lothar, der wie immer der Allerletzte war, weil er abends nicht ins Bett kam und immer zu tief in die Wodkaflaschen schaute oder sein Glück bei den schönen mongolischen Frauen versuchte. Er kam dann im letzten Moment doch noch, und wir fuhren zum Flughafen, wo großes Abschiednehmen von Horst und Martin und Eni und Bayar anstand.

 

Nach ca. 1 ½ Stunden Fahrt kommen wir in den Naturpark und meinen, irgendwo in den Alpen zu sein. Hier sind Berge und Nadelwäldchen, es wachsen viele Enziane und Glockenblumen und die größten Edelweiße, die wir bisher gesehen haben.

Die Klosteranlage wurde 1722 gebaut und 1937 von den Kommunisten vollständig zerstört, ein Gebäude wurde inzwischen wieder erbaut. Ringsherum sehen wir noch die Grundmauern und einige Überreste der ursprünglichen Anlage. Wir machen einen ausgiebigen Rundgang, der leider wieder von Regen beendet wird.

Horst braucht heute wieder einen Berg Zwiebeln, Knofel und Kartoffeln, und wir machen uns trotz Regen an die Arbeit. Schließlich schüttet es derartig, daß ich unter die Küche krieche und dort weiterschäle. Aber bald ist der Guß vorbei, und den ganzen Abend über haben wir diesen schnellen Wechsel von Sonne und Regen. Unsere deftige Suppe konnten wir jedenfalls bei Sonnenschein essen. Anschließend laufe ich noch durch eine herrliche Bergwiese mit wildem Rittersporn, Nelken und vielen anderen Blumen. Als um 21.00 Uhr ein Mordsgewitter mit Regenguß runtergeht, verziehe ich mich in meine Koje und lausche, wie der Regen auf das Dach trommelt. Andere trinken und erzählen bis nach Mitternacht. Ich schlafe prima, bis mein Kojennachbar wieder mit Getöse in sein Bett hechtet und mich dabei aufweckt wie fast jede Nacht.


Es ist wieder Sonntag, der 5.8. Der Regen hat aufgehört, aber es ist verdammt kühl geworden und ziemlich frierend frühstücken wir. Dann fahren wir bis kurz vor Ulan Bator zum Dschinggis Khan-Camp. Hier wurde 1991/92 ein Monumentalfilm über das Leben Dschinggis Khans gedreht mit tausenden von mongolischen Statisten. Die Kulissen hat man als Museum stehengelassen, und die sind wirklich sehenswert. Fahrbare Jurten stehen dort, große Holzstelen und kleinere Wagen und dann auch die riesige, prächtig ausstaffierte Palastjurte, in der wir uns um den schönen heißen Ofen scharen und Kaffee bestellen. Zu unserem Entsetzen stellen wir fest, daß in den Jurtenstangen Hunderte echter Schneeleopardenfelle stecken zur Dekoration. Dabei sind diese Tiere akut vom Aussterben bedroht. Wir können gar nicht glauben, daß man soviele Tiere geschossen hat für diesen Zweck. Als wir schließlich die Jurte verlassen, scheint auch die Sonne wieder und wärmt uns auf. Schnell sind wir wieder in Ulan Bator und haben nun Freizeit. Die Koffer für die Heimreise müssen gepackt werden und gegen eine letzte Dusche spricht auch nichts. Die ist zwar wieder eiskalt, aber immerhin bin ich sauber und frisch geworden. Danach laufe ich alleine in die Stadt und finde auch auf Anhieb das österreichische Café, das Martin uns beschrieben hatte. Mir schien das eine gute Einstimmung auf Europa zu sein, und andere dachten wohl das gleiche, denn Susanne und Martin jr. und Toor, die Tochter unseres mongolischen Begleiters, waren auch schon dort. Es gab guten Kaffee und Kuchen und deutsche Zeitungen, die mich jedoch überhaupt nicht interessierten. Ich hatte drei Wochen lang keine Zeitung, kein Radio und schon gar kein Fernsehen vermißt, sondern statt dessen die Freiheit von all diesen vermeintlichen Unentbehrlichkeiten genossen.

 

Wir laufen den Bahnsteig und eine Straße rauf und runter und lungern dann im Zug herum. So hatten wir uns die aufregende Fahrt in der Transsib weiß Gott nicht vorgestellt. Endlich kommt ein Zug an, der unseren Waggon ins Schlepptau nimmt. Hier sind auch noch weitere Fahrgäste in unseren Waggon eingestiegen. Ein wunderschöner junger Russe ist darunter, dunkelhaarig und dunkelhäutig und mit einem herrlich trockenen Profil. So stelle ich mir einen Balletttänzer oder einen sensiblen Schauspieler oder Musiker vor, aber vermutlich bekommt dieser junge Mann nie eine Chance dazu.

Und dann kommen auch die Zöllner und verlangen ein Formular nach dem anderen, es gibt Stempel um Stempel, und irgendwann ist auch das vorbei, und unser Zug setzt sich doch tatsächlich wieder in Bewegung. Aber nach kurzer Fahrt hält er wieder, fährt wieder ein paar Meter, hält wieder. Es ist nervig. Endlich sehen wir den Grenzzaun zur Mongolei und kurze Zeit später halten wir in einer Stadt, in der mongolische Grenzbeamte einsteigen und ebenfalls diverse Deklarationen wollen und uns die gewünschten Stempel verpassen. Inzwischen ist es wieder Nacht geworden, als wir endlich wieder weiterfahren. Irgendwo, vermutlich in Darchan, halten wir, und ein großes Palaver beginnt. Dutzende von Mongolen wollen Tugrik in Dollar tauschen oder uns was verkaufen. Eine alte Oma hat frisch gemachte Hammel-Teigtaschen dabei, und Martin kauft sich eine Portion. Ich beiße mal rein, und auf den ersten Bissen schmecken die wirklich gut. Leider bleibt der gräßliche Hammelnachgeschmack, den ich nur mit Wodka loswerde. Mein Quantum Wodka habe ich auf dieser Reise für Jahre erfüllt! Und den Traum von der Transsibirischen Eisenbahn habe ich auch endgültig ausgeträumt. Mir ist schleierhaft, wie manche Leute mit Begeisterung die elf Tage von Moskau nach Wladiwostok oder Peking fahren können. Das würde ich nicht mal geschenkt machen.


Wir fahren also schließlich weiter in die Nacht hinein. Am nächsten Morgen werden wir gegen 5.00 Uhr geweckt, denn bald sind wir in Ulan Bator. Draußen sehen wir Jurten im Vorbeifahren und haben das Gefühl, wieder nach Hause zu kommen. Als wir in Ulan Bator aus dem Zug steigen, befinden wir uns plötzlich in einer großen Menschenmenge, offenbar ist dies hier die öffentliche Milchversorgungsstelle, denn Hunderte von Mongolen schleppen Kanister und Kannen voller Milch, während andere mit leeren Gefäßen kommen und kaufen. Was für ein Gewirr und Gewimmel von Mongolen, was für ein Leben und Treiben, einfach herrlich. Wir sind wieder daheim! Unbegreiflich, daß die Menschen auf so kurzer Entfernung (500 km Irkutsk-Ulan Bator) so extrem verschieden aussehen können. Mit Taxen fahren wir zu unserem Hotel, wo Horst schon mit dem Frühstück bei Nieselregen auf uns wartet. Wir duschen noch, und dann geht es in die Stadt ins historische Museum, in dem die Geschichte und Entwicklung der Mongolei dargestellt wird. Anschließend ist Mittagspause angesagt, und ich gehe mit einigen anderen in ein kleines Lokal, wo wir allesamt Gemüsesuppe bestellen. Was kommt, ist Hammelsuppe! Ich puhle das Fleisch für Martin raus, der Rest ist eßbar. Inzwischen ist es draußen wieder schön warm geworden, als wir uns auf den Weg zum Kloster Manzushir machen, das in einem Naturpark liegt, in dem wir auch unser heutiges Nachtlager aufschlagen, dem letzten in freier Natur und gerade recht zum Abschied. Wir sind kaum 30 Minuten hinter Ulan Bator, als die Freiheit der Steppe mit ihren Pferden und Yaks uns wiederhat. Wir sind richtig glücklich darüber.

 

9 unserer Gruppe entschliessen sich dann, doch eine einstündige Bootsfahrt zu machen, ich bin dabei. Der Baikalsee sieht aus wie ein Meer und auch der Wellengang ist angesichts des lausigen Wetters entsprechend. An Bord spendiert Lothar gleich eine Runde Wodka für alle, das ist angesichts der Kälte auch kein Fehler. Unser kleines Boot schaukelt höllisch, und schließlich werden die Wellen so hoch, daß mir prompt schlecht wird. Ich ging zur Reling, um frische Luft zu schnappen, als eine gewaltige Welle über das Heck schwappte und mich voll erwischte. Klatschnaß stand ich da und zitterte vor Kälte! Halsschmerzen und Schnupfen erinnern mich noch daran, während ich diesen Bericht schreibe. Die Fahrt war aber bald zu Ende, und im Bus wurde die Heizung angemacht, und bis wir zurück in Irkutsk waren, war zumindest meine Hose wieder einigermaßen trocken und die Haare auch. Im Hotel gab es noch ein gutes Abendessen, dann packten wir unsere Sachen zusammen und fuhren zum Bahnhof, denn nun waren wir gespannt auf die legendäre Transsibirische Eisenbahn, die schon jedem Kind ein Begriff ist. Wir haben den Waggon Nr. 12 mit Vierbettabteilen. Der Zug ist wesentlich komfortabler als ich erwartet hatte. Gerne klettere ich auf die obere Pritsche und richte mein Bett mit einer buckligen Matratze und einer muffigen Wolldecke. Aber immerhin gibt es Bettzeug. Allerdings sind die Pritschen nur 1,75 m lang, da bekommt mancher Probleme mit seinen Füßen. Wir stehen die meiste Zeit im Gang herum und schauen in die vorbeiziehende Taiga hinaus. Der Himmel ist grau, und es wird dadurch früh dunkel, jedenfalls ist das Licht zum Fotografieren zu schlecht. Alle naselang hält der Zug, dann zuckelt er wieder ein paar hundert Meter, dann geht es weiter. Die Gleise verlaufen meist eingleisig und haben immer wieder mal ein Ausweichgleis. Wir mußten offenbar viele schnellere Züge vorbeilassen, denn dauernd standen wir. Es war mühsam und langweilig. Wir sind 150 km am südlichen Ufer des Baikalsees entlanggefahren - bei Nacht! Das fand ich also schon sehr ärgerlich. Irgendwann löschen wir das Licht. Ich liege im Dunkeln und kann kaum glauben, daß ich tatsächlich in der Transsib durch das ferne Sibirien rolle in einem ständigen Ratarat-ratarat, das mich schließlich einlullt. Gegen 6.00 Uhr werden wir von einem lauten Palaver unsanft geweckt. Eine resolute Russin schimpft herum, und unser Reiseleiter ruft, was da los sei. Schließlich stellt sich heraus, daß sich zwei Mongolen in einem Vierbettabteil breit gemacht haben und nicht bereit sind, zwei Betten freizugeben, die zwei junge Schweizerinnen gebucht hatten und die erst hier einstiegen. Erst nach vielem Palaver und Druck von allen Seiten räumen sie ihre vielen Gepäckstücke weg, so daß die Mädchen in ihre Betten können. Ich kann aber nicht mehr schlafen und gehe dann in den WC-Waschraum, der immer noch sauber und in Ordnung ist. Dann hole ich heißes Wasser, das rund um die Uhr zur Verfügung steht, und mache mir einen Nescafé zum Wachwerden. Es regnet jetzt noch stärker als am Abend zuvor. Die vorbeiziehende Landschaft und die kleinen Dörfer sehen total trostlos und verlassen aus. Vor jedem Häuschen sind die Gärten mit Kartoffeln bepflanzt, manchmal sieht man auch Sonnenblumen, die dem ganzen einen heiteren Anstrich geben. Bei Sonnenschein wäre unser Eindruck sicher auch nicht ganz so deprimierend gewesen. Uns ist jedoch schleierhaft, wie die Menschen hier ihr Leben fristen. Hier scheint die Zeit und die Welt stillzustehen.


Unser Waggon gehört zur gehobenen Klasse mit Abteilen, während die übrigen Waggons offen waren und bunte Menschenmengen beherbergen, vorwiegend Einheimische bzw. Mongolen. Ich studiere immer wieder gerne fremde Gesichter.

So nach und nach wachen unsere Reiseteilnehmer auf, und überall wird munter gefrühstückt. Ich sitze im Bett und mampfe Brot und Käse und Tomaten und schaue dabei aus dem Fenster. So habe ich auch noch nie gefrühstückt. Die Landschaft ist eintönig und langweilig, und uns stehen noch viele Stunden bevor. Irgendwo unterwegs taucht ein Schild mit der Aufschrift „5822 km bis Moskau" auf. Schulkinder steigen ein und aus, alle machen einen traurigen, trostlosen Eindruck. Irgendwie schaufeln wir die Zeit hinter uns, und gegen Mittag kommen wir in einem kleinen Städtchen an. Bei jedem Halt werden die Zugtoiletten zugesperrt, und nachdem wir hier lange Aufenthalt haben und die russische Grenzkontrolle über uns ergehen lassen sollen, sind wir gezwungen, die wahrlich grauenhafte Bahnhofstoilette aufzusuchen. Da sehnen wir uns doch glatt nach der großen Toilette in der Steppe zurück. Als ich von der Toilette komme, ist der Zug weg. Ich traue meinen Augen kaum, aber das Gleis ist leer und kein Zug in Sicht. Da stehe ich nun im hintersten Sibirien ohne Paß und ohne einen Pfennig Geld und ohne ein Wort russisch. Was würde ich wohl machen, wenn der Zug tatsächlich nicht wiederkäme? Aber nach dem ersten Schrecken sehe ich eine Lok herankommen mit einem einzelnen Waggon dahinter. Es ist unser Waggon, der hier abgestellt wird, während die Lok davonzieht. Fast 6 Stunden läßt man uns hier stehen.

 

Das Warenangebot ist gleich wie bei uns, und nach unserer langen Obst- und Gemüse-Abstinenz kaufe ich ein großes Glas schwarze Johannisbeeren, die ich handweise mit Genuß verspeise. Überall gibt es Beeren im Überfluß: Johannis-, Erd- und Himbeeren. Dann liegen da Berge von Tomaten, Gurken, Zucchini, Kartoffeln usw. Die Preise sind ähnlich wie bei uns und damit für viele Russen unerschwinglich. Dann gibt es noch einen großen überdachten Markt, in dem bergeweise Wurst, Käse, Fisch und Fleisch sowie Konserven und Lebensmittel aller Art sehr appetitlich angeboten werden. Wir kaufen Brot und Käse und Wurst für unsere Zugfahrt, denn in der Transsibirischen Eisenbahn gibt es absolut nichts zu kaufen. Das wußte der Reiseleiter der letzten Gruppe nicht und sagte, daß man im Speisewagen essen könne. Es gab aber keinen Speisewagen, so daß die arme Gruppe zwei Tage und Nächte hungern mußte. Das sollte uns nicht passieren, und wir deckten uns reichlich ein. Danach liefen wir quer durch die Stadt und dann am schönen Ufer der Angara entlang zu unserem Hotel zurück, wo wir völlig geschafft, müde und verschwitzt ankamen und die Dusche genossen. Im Hotel nahmen wir ein koreanisches Essen ein und schliefen dann in richtigen Betten wunderbar.

Der nächste Morgen war ein Schock, denn es regnete in Strömen, es stürmte und war saukalt. Wir hatten fast alle nur Sandalen an.... Das üppige Frühstücksbüffet mundete uns hervorragend, dann hatten wir noch ein bißchen Zeit und kauften russische Püppchen (Matruschkas, viele Püppchen in einander gesteckt). Mit dem russischen Bus und unserer russischen Reiseleiterin fuhren wir dann durch die Taiga, die 70 % Sibiriens bedeckt und hauptsächlich aus Lärchen, Birken und Nadelhölzern besteht. Sibirien ist 10 Mio Quadratkilometer groß, so groß wie ganz Westeuropa zusammen. Es leben nur 2,3 Einwohner pro qkm. Unterwegs sahen wir erbarmungswürdige sibirische Dörfer, die von der Welt vergessen sind. Wie blaß und blutleer und freudlos die Menschen dreinblickten! Und welch jämmerliche Behausungen dort standen, wenn man von einigen netten Holzhäusern mal absieht. Der graue Himmel und der Regen taten ein übriges, und wir dachten, hier ist wirklich der Hund begraben. Um keinen Preis wollten wir hier leben. Ludmilla beschrieb uns auf der Weiterfahrt den sibirischen Winter und daß hier jeder viel Geld in warme Kleidung investiert. Die Durchschnittstemperatur beträgt hier minus 21,3°. Im letzten Winter waren es über 4 Wochen lang sogar bis minus 54°. Bei minus 30° sprechen die Sibirier schon von Wärme. Der Baikalsee taut erst im Mai auf, seine wärmste Temperatur beträgt im Juli/August gerade mal 10-12°. Die Sibirier sind froh über den Pelzboykott, so bleiben die Felle im Land und können von denen getragen werden, die sie wirklich brauchen. In Sibirien gibt es 22.000 Bären und noch viel mehr Wölfe, die eine große Gefahr darstellen und ganzjährig geschossen werden dürfen, was bei diesen schlauen Tieren schwierig ist. Viele Wölfe kommen auch aus der Mongolei, und da das Futterangebot nicht ausreicht, ist der Viehbestand gefährdet. Es gibt auch noch jede Menge Rentiere, Rotwild, Elche, Feh, Hermelin, Zobel, Moschustiere, Vielfraße, Luchse, Füchse sowie 130.000 Süßwasserseehunde am Baikalsee.


Am Baikalsee angekommen, machten wir Station bei einem Souvenirgeschäft, in dem außer Matruschkas auch sehr schöne Dosen aus Birkenrinde und viele Edel- und Halbedelsteine zu haben waren.

Der Baikalsee ist 636 km lang und 36-80 km breit. Er hat 336 Zuflüsse, aber nur einen Abfluß, nämlich die Angara. Mit 1637 m Tiefe ist er auch der größte und tiefste Süßwassersee der Erde.

In einem trostlosen Dorf machen wir Halt und besichtigen die orthodoxe Nikolauskirche. Es ist ein totenstilles Dorf. Die Häuser haben alle kein fliessendes Wasser und keine sanitären Einrichtungen, wohl aber Strom. Jedes Haus hat ein separates Saunahäuschen im Garten, das ist lebenswichtig im eisigen Winter.

Wir fahren weiter zu einem Hafen, wo wir bei strömendem Regen frisch geräucherten Fisch aus der Hand essen können. Da es weder Servietten noch Waschmöglichkeiten gibt, verzichte ich von vorneherein darauf. Der Bus stinkt anschliessend entsprechend nach Fisch.

 

Schließlich fahren wir auf der „Hauptpiste" nach Ulan Bator zurück, und ich werde ganz wehmütig. Gerne würde ich diese Reise noch einmal machen, und da ich weiß, daß bei der nächsten Gruppe noch ein Platz frei ist, bräuchte ich bloß anrufen.... aber ich traue mich nicht.

Wir „genießen" nochmal die Piste, dann fahren wir plötzlich in geradezu rasendem Tempo die Teerstraße entlang und kommen nach Ulan Bator, wo es heftig regnet, wo es wieder massenhaft Autos, Lärm und Verkehr gibt, wo die Menschen versuchen, den Westen zu imitieren und dabei ihre eigene Identität verlieren. Wie anders sind doch die Nomaden, die uns so vertraut und sympathisch geworden sind. Ich sehne mich zurück nach der Steppe....

Am Hotel Amarbaysgalant steht schon ein weiteres Rotel mit neuen Reisegästen, die gerade aus Berlin via Moskau angekommen sind und die uns löchern, wie unsere Reise war. Wir können nur versichern, daß es eine wunderschöne, sehr eindrucksvolle, aber auch sehr anstrengende Reise war bis jetzt.

Dann gehe ich unter die Dusche, ziehe frische Sachen an und packe dann meine Reisetasche für Sibirien und die Transsib. In Irkutsk soll es ebenfalls heiß mit 32° sein, so packe ich nur wenige Sachen und eine Jacke und Regenschutz ein.


Der nächste Tag ist Mittwoch, der 1. August. Wir müssen schon um 4.30 Uhr aufstehen und frühstücken im Dunkeln, dann werden wir zum Flughafen gefahren. Nach dem Einchecken entdecke ich einen gewaltigen japanischen Sumoringer, den ich später in der mongolischen Tageszeitung auf der Titelseite wiederfinde. Wir fliegen mit einer kleinen Propellermaschine, die 48 Passagieren Platz bietet und voll besetzt ist. Im Landeanflug auf Irkutsk sehen wir den Baikalsee und einige Städte in der Sonne unter uns und sind schon sehr gespannt, als wir nach 1 ½ Stunden landen. Die langwierige Paßkontrolle bei der Einreise nervt uns, wir müssen sämtliche mitgebrachten Währungen, Schmuck, Arzneimittel usw. deklarieren und etliche Formulare ausfüllen. Dann aber sind wir draußen und werden von einer sehr charmanten Russin namens Ludmilla in Empfang genommen. Untergebracht werden wir im Hotel Irkutsky direkt an der Angara, dem einzigen Fluß, der dem Baikalsee entspringt. Dann geht es gleich weiter zur Stadtrundfahrt. Wir besuchen diverse Kirchen, deren goldene Kuppeln in der Sonne glänzen. Hier blühen die gleichen Blumen in den Parks wie bei uns, das erstaunt mich doch sehr. Es ist heiß und scheint mir sehr ähnlich wie bei uns. Das täuscht im Moment jedoch, denn die grausamen, langen, sibirischen Winter sind Legende. In der Stadt sehen wir auch wunderschöne alte Holzhäuser mit feinen Holzschnitzereien, aber auch prächtige Gebäude, die teilweise schon wieder renoviert wurden. In Irkutsk gibt es insgesamt 10 Hochschulen. Entsprechend viele junge Leute sind hier, und überall ist buntes Leben und Treiben. Ganz besonders beeindruckend ist der große Markt, auf dem viele Bauern ihre Gartenerzeugnisse verkaufen.

 

Auf der Weiterfahrt erzählt uns Martin viel über die sozialen Verhältnisse in der Mongolei, über das Gesundheitswesen und das Schulsystem. Die Mongolei ist ein sehr armes Land, und das durchschnittliche Monatseinkommen beträgt 100 US-Dollar. Das Schulgeld von 400 Dollar pro Jahr können sich viele nicht leisten, so daß nur noch etwa 50 % der Kinder zur Schule gehen. In der sozialistischen Zeit waren es über 85 %. Die Folgen sind absehbar.

Im Bus sind es wieder 34°, und wir rütteln und schütteln auf unserer Fahrt zum kleinen Erdsteine-Nationalpark. Mit großer resp. kleiner Erdsteine-Nationalpark ist nicht die Größe der Steine, sondern die Größe des Nationalparks gemeint. Dieser kleine Erdsteine-Nationalpark gefällt mir noch viel besser als der große. Durch einen engen Paß zwängt sich unser Bus, dann haben wir ein herrliches, grünes Tal vor Augen, das von wunderschönen Bergkuppen umschlossen ist. Wer will, kann laufen bis zu unserem Übernachtungsplatz, den wir aufgrund der Busspuren nicht verfehlen können. Diesen herrlichen Spaziergang lasse ich mir natürlich nicht entgehen. Von dieser Gegend bin ich total begeistert. Dies ist einer der schönsten Plätze, an denen wir übernachtet haben, und ich bin ziemlich traurig, daß es mit den Übernachtungen in der Wildnis nun bald vorbei ist und wir wieder in die sogenannte Zivilisation zurückkehren. Waren im großen Erdsteine-Nationalpark Steinformationen vorhanden, die aussahen wie geformte und aufeinander getürmte Brötchen und Laibe, so sieht es hier aus, als wären Lehmscheiben schräg aneinander gelegt worden. Das milde Abendlicht verleiht der Landschaft einen zusätzlichen Zauber, und wir sind alle sehr angetan.


Die Männer bauen das Schlafabteil auf und geben den Frauen dann Anweisungen, wie wir die zwei Eimer Kartoffeln zu schälen haben, die Horst für das heutige Chili con carne mit Kamelfleisch braucht. Heute gibt es bei mir eine echte „Buschdusche", d.h. ich suche mir einen überhängenden Felsen in entsprechender Höhe und stelle meinen Wasserkanister darauf. Dann drehe ich den Hahn auf und lasse das kühle Naß über mich laufen. Es stört mich auch nicht, daß gerade in dem Moment ein Mongole vorbeireitet. Er läßt sich auch nichts anmerken und reitet weiter. Beim Bus sind etliche Reiter angekommen, auch der Parkwächter mit seinem uralten Motorrad ist da. Sie löffeln gerne unser Chili con carne und sind stille, dezente Besucher. Wir machen später noch ein ordentliches Lagerfeuer und genießen diese letzte Gelegenheit dazu.

Auch der nächste Morgen ist wieder wunderschön frisch und sonnig. Wir erreichen bald in 1668 m Höhe den Heiligen Berg-Nationalpark, und dieser auffällige Berg hat wirklich etwas Magisches an sich. Hier halten wir uns länger auf und hängen auch die Mittagspause dran. Eine Nomadenfamilie tränkt hier ihre Tiere, und viele Mongolenkinder schauen uns interessiert zu. Ich sitze lange auf einem erhöhten Stein und schaue in die Landschaft und genieße die Stille. Hier zählt die Zeit nicht, es gibt keine Termine und nicht 1000 Muß. Wie tröstlich, daß es das überhaupt noch gibt auf unserer Welt.

 

Die Nacht war laut und stürmisch, aber der Morgen ist wieder schön und frisch. Es ist wieder Sonntag, und es gibt wieder Spiegeleier zum Frühstück. Wir fahren zuerst nach Dalandsadgad, um zu tanken und nehmen dann Kurs nach Nordosten, weil wir heute den großen Erdsteine-Nationalpark besuchen wollen. Martin gibt uns wieder viele Informationen über Land und Leute, Sitten und Gebräuche. Wir brettern und rütteln wieder stundenlang durch trostlose, topfebene Wüste, die wie ausgestorben scheint. Dann jedoch überzieht langsam wieder ein leichter grüner Schleier die Landschaft, und bald sehen wir auch wieder die ersten Pferde und Kamele, Ziegen und Schafe. Die Sonne brennt wieder erbarmungslos herab, als wir an einer Wasserstelle Aberhunderte von Tieren sehen, die zur Tränke gehen. Die Nomaden holen das Wasser mit einem Gefäß aus Autoschläuchen aus dem Brunnen und gießen es in eine Rinne, aus der die Tiere nach und nach trinken. Die meisten Tiere dösen regungslos in dieser grenzen- und schattenlosen Ebene.

In einem winzigen Dörfchen kaufen wir ein bißchen ein, dann gibt es auf 250 km keinen Ort mehr. Kurz hinter dem Ort machen wir unsere Mittagspause, während Horst mit einigen Helfern zwei Stoßdämpfer austauscht, eine wahrhaft schwere und mühsame Arbeit bei unserem Mordsgefährt. Schließlich kommen wir in den Aimak Mittelgobi und fahren Kilometer um Kilometer durch eine trostlose, glühende Einöde. Fast alle pennen vor sich hin, aber ich finde die Wolkenbildungen so phantastisch, daß ich eine Aufnahme nach der anderen mache. Dann endlich wird die Landschaft wieder grüner, und wir sehen wieder viele Pferde und Kamele in großen Wasserstellen stehend. Gegen 18.30 Uhr kommen wir an unserem Über-nachtungsplatz im Nirgendwo an und sind von der Hitze und dem anstrengenden Fahrtag total erledigt. Horst hat noch lange nicht Feierabend, sondern kocht für uns noch Nudeln mit einer sehr leckeren Kamelfleischsoße. Der Mann arbeitet jeden Tag 14 - 16 Stunden und das seit über 20 Jahren bei Rotel. Dazu muß man wohl geboren sein.


Wir knobeln wieder, wer welchen Hügel als WC und Waschraum zugeteilt bekommt, und dann sieht man jeden mit seinem Wasserkanister in Richtung Hügel davonlaufen.

Der nächste Morgen ist wiederum schön und sonnig, und ich sitze wieder bei Lothar vorne am Fenster, als wir durch eine interessante Landschaft mit dunklen Kegelbergen fahren. Nach drei Stunden kommen wir endlich zum großen Erdsteine-Nationalpark, in dem wir herrliche Granitformationen vorfinden, die der Phantasie keine Grenzen setzen. Viele Steine sehen aus wie Tierköpfe. Wir laufen und klettern in dieser tollen Szenerie herum, und dann verlaufe ich mich doch tatsächlich in diesem Gewirr von Felsen und Seitentälern. Gerade noch rechtzeitig komme ich zum Bus zurück. Kaum haben wir den Nationalpark verlassen, hat uns die flache, heiße Steppe wieder. Hier wird es wieder grüner, und zum ersten Mal sehen wir auch hohe Gräser. Das Land duftet wieder phantastisch nach Wermut. Wir haben die unwirtliche Wüste fast hinter uns gelassen und fahren nun nach Mandalgow, um Wasser zu tanken und unsere Kanister und Flaschen zu füllen. Ein Mann in einem Bretterhäuschen pumpt von Hand mühsam Wasserschwall um Wasserschwall nach oben, und wir leiten das Wasser in einen Kanister, der dann etliche Male in unseren großen Küchentank umgeleert wird, dann sind wir mit unseren Gefäßen dran. Wenn man das nicht selbst erlebt hat, kann man es kaum glauben.

 

Sobald wir diese Schlucht verlassen, empfängt uns die gnadenlose Wüste wieder. Wir durchfahren schaukelnd und holpernd zahllose Wadis und werden übel durchgerüttelt. Im Bus sind es 33°, aber draußen haut einen die Hitze fast um. Dicke Wolken ziehen auf, und man sieht, daß in einiger Entfernung ein schwerer Regen runtergeht, den die Wüste dringend braucht. Auch wir bekommen ein paar Tropfen ab. Am Anfang der Berge zur Geierschlucht sitzen tatsächlich etliche Geier auf den Bergkuppen und halten Ausschau nach lebensmüden Rotelisten, aber wir halten wacker durch. Plötzlich wird es kühl und windig, und wir befinden uns in einer Art Mondlandschaft, in der allem zum Trotz noch winzige Hauswurze wachsen. Dann dürfen wir endlich raus und laufen in die immer enger werdende Schlucht hinein, die von einem Bachlauf durchzogen wird. Zahllose hasenfarbige Wildhamster flitzen um uns herum und pfeifen. Bis auf zwei Meter lassen sie uns herankommen. Witzig sehen die kleinen Gesellen aus, denen wir spaßeshalber den Namen „Gemeiner Gobi-Fettschwanz-Hamster" geben.


Steil ragen die Felswände zu beiden Seiten auf, und wir erkennen etliche Geier- und Adlernester, deren Bewohner über uns kreisen. Eine große Herde Yaks mit Kälbern kommt uns entgegen, macht aber sofort kehrt, als sie uns sieht und marschiert gelassen durch das Bachbett in die immer enger werdende Schlucht hinein. Diese Schlucht ist nur im Juli und August begehbar, und oft findet man selbst dann noch Eis. Wie eisig muß es hier im Winter sein. Als wir keinen Weg mehr finden und uns nur noch durch das Bachbett fortbewegen könnten, halten wir bei einem Owoo an und sehen etwas über uns etliche Steinböcke. Einer ist so nett und stellt sich direkt auf die Bergkuppe. Gegen die Sonne gibt er ein tolles Profil ab. Auf dem Rückweg mache ich halt bei einem Mongolen, der ein paar geschnitzte Tiere zum Verkauf anbietet. Ein schöner kleiner Stein-Yak wird als Souvenir mitgenommen. Als wir wieder am Bus ankommen, hat Horst schon eine deftige Suppe gekocht und wir langen ordentlich zu. Gegen 19.00 Uhr fahren wir weiter zu unserem Camp in der Nähe von Dalandsadgad und brettern einfach quer durch die Wüste. Laut unserem Reiseleiter hat dieses Jahr noch keine Gruppe soviel Glück mit dem Wetter gehabt wie wir. Die vorige Gruppe hatte 14 Tage Regen, Kälte und jede Menge Schlamm. Da werden sicher andere Erinnerungen mit nach Hause genommen worden sein.

 

Der nächste Morgen begrüßt uns frisch und sonnig. Wir fahren quer durch die Wüste in westlicher Richtung, immer flankiert von den Altai-Ausläufern. Heute sitze ich bei Lothar vorne in der zweiten Reihe am Fenster. Hier kann ich ungestört die Landschaft anschauen und auch fotografieren, was ich auf meinem Rückbankplatz in der Mitte längst nicht so kann. Ausserdem ist Lothar weitaus unterhaltsamer als meine drei Herren. Um 9.30 Uhr ist es im Bus schon 28° heiß, und wir rütteln und schütteln stundenlang durch die platteste Wüste, die sich denken läßt. Die Pinkelpause bietet uns Frauen keine Auswahl an Hügeln , aber man gewöhnt sich an alles, und wenn es sein muß, nimmt man eben auch mit einem „Flachklo" vorlieb. Allerdings muß man angesichts des ständig starken Windes auf die Windrichtung achten...

Wir fahren ins Gebirge hinein auf einen Paß in 2000 m Höhe und haben einen herrlichen Blick auf die singenden Dünen. Bald haben wir unser Jurtencamp für die heutige Übernachtung in Sicht, fahren jedoch noch einige Kilometer weiter bis zu den Dünen, weil wir diese natürlich erklimmen wollen. Trotz unserer Bemühungen ist selbst der Fuß der Düne noch zu weit, um in weniger als 2 Stunden erreicht zu werden, und da der Himmel sich immer drohender zuzieht und offenbar ein Gewitter ansteht, drehen wir nach einer Weile um. Einige fahren mit dem Bus zum Jurtencamp, aber die meisten wollen zu Fuß zurücklaufen. Ich natürlich auch. Und so laufe ich querwüsteein in Richtung Camp, als es immer stärker zu stürmen beginnt und der Himmel immer dunkler wird. Donnergrollen ist zu hören, und ganze Windhosen voller Sand wirbeln herum. Der Wind wird langsam verdammt unangenehm und der Sand ebenfalls. Meine Zähne knirschen, und ich lege noch einen Zahn zu. Zu dem Sandsturm kommen jetzt auch noch Regentropfen, es wird wahrlich verdammt ungemütlich. Eine geradezu apokalyptische Atmosphäre macht sich breit, und ich bin froh, endlich im Camp anzukommen, wo ich mir erst mal den Sand vom Leib klopfe und dann in das Restaurant gehe, das einer Berghütte nicht unähnlich ist. Hier trinke ich eine Cola für den Kreislauf.


Kurze Zeit später ist die Sonne wieder da, aber der Wind bläst immer noch gewaltig. Wir löffeln unsere Suppe mit dem Rücken zum Wind, da wir sonst eine Riesenschweinerei veranstaltet hätten.

Der nächste Morgen ist windstill, sonnig und sehr angenehm. Wir fahren nochmal an einer anderen Stelle zu den Dünen und freuen uns über die schönen Licht-Schatten-Kontraste der Dünenkämme. Es ist total still hier. Einige Kamele sind in Sicht, und wir wundern uns wiederum, wie hier ein Lebewesen existieren kann. Wir jedenfalls wären hier sehr schnell nur noch Staub. Nach einigen Stunden Wüstenpiste fahren wir extra wegen der Mittagspause ein Stück weit in eine Gebirgsschlucht hinein, wo wir zu unserer Freude eine kleine Herde prächtiger Kamele vorfinden, die jedoch eiligst die Flucht ergreifen, als sie unser Ungetüm wahrnehmen. Wir steigen aus, und während die anderen essen, laufe ich in der Schlucht entlang. Da kommt mir ein stattlicher Kamelhengst entgegen, das größte und schönste Tier, das ich bisher sah. Erst stutzte er, aber als ich dann auf die andere Seite ging, stolzierte er ganz selbstbewußt weiter in Richtung Bus, der hinter der nächsten Biegung stand. Ich hatte erwartet, daß er angesichts der vielen Menschen schleunigst kehrt machen würde, aber er dachte gar nicht daran. Mit stolz erhobenen Kopf und demonstriertem Selbstbewußtsein ging er weiter und gelangte an die kleine Quelle, deren Wasser genau vor unserem Bus entlangfloß. Das war sein Ziel, und er soff gierig das Wasser in großen Schlucken. Ab und zu hielt er inne und schlackerte mit den nassen Lippen, was ganz witzig aussah. Wir waren alle ganz angetan von diesem schönen Tier und fotografierten nach Herzenslust. Er benahm sich wirklich wie ein Star und zeigte sich ausgiebig von allen Seiten.

 

Ich konnte mich gerade noch am Türrahmen festhalten. Das hatte ich schon öfter und es verging auch gleich wieder. Ein paar Minuten später wollte ich Martin etwas zeigen, der im geöffneten Fahrerhaus saß, als mir wieder schwarz vor Augen wurde. Ich kam erst wieder zu mir, als Martin mich festhielt und mir Wasser über den Kopf schüttete. Meine Kinnpartie tat höllisch weh, offenbar war ich auf den Bus aufgeschlagen, ohne es zu merken. Kreislaufkollaps nennt man sowas! Mir war es gar nicht wohl zumute, aber nachdem ich eine Weile flachgelegen hatte und Kreislauftropfen und Wasser getrunken hatte, ging es langsam wieder. Später widerfuhr auch anderen das gleiche, wieder andere hatten ordentliche Erkältungen oder Magen-Darm-Verstimmungen. Insgesamt muß einen das angesichts der Strapazen, der Hitze und der ungewohnten Höhe aber auch nicht wundern.

Später habe ich mit Martha noch einen Hügelspaziergang gemacht, und dann saßen wir alle noch um unser Lagerfeuer unter dem Sternenhimmel.

Am nächsten Morgen fuhren wir durch eine Wüstenlandschaft voll schöner Sand- und Felsformationen weiter Richtung Dalandsadgad in der Südgobi. Hier wuchsen stellenweise Saxaulsträucher und kleine, dornige Polster. Kein Lebewesen ist in Sicht. Dann sehen wir die südlichen Ausläufer des Altai-Gebirges. Hier dürfen wir aussteigen und eine Stunde durch die stille Wüste laufen, bis uns der Bus auf einer Anhöhe wieder aufnimmt. Auf dem Bergrücken steht eine Gazelle wie eine Statue und schaut die längste Zeit zu uns herunter, ohne sich zu bewegen. Nach einer Weile sehen wir von einer Anhöhe aus bereits die größten Sanddünen der Gobi in der Ferne hell leuchten. Diese Sanddünen sind 3 - 5 km breit, 150 km lang und bis zu 300 m hoch. Sie sehen gewaltig aus und heben sich mit dem weißen Sand sehr schön von den dunklen Bergen des Altai ab. Es kostet uns aber noch eine gewaltige Anstrengung, mit 15 kmh über eine gräßliche Rüttelpiste bis zu unserem Übernachtungscamp zu gelangen, wo uns Duschen erwarten und sogar ein ganz ordentliches Restaurant mit luftiger Terrasse. Sogar ein paar Sitzbänke stehen zwischen den Mietjurten, auf die sich angesichts der Hitze in der Gobi niemand setzen mag. Die Hauptattraktion inmitten dieser trostlosen Wüste sind wieder mal die Dusche und die WC’s, die nach vier Tagen Staub und Hitze einen wahren Hochgenuß versprechen. Anschließend frische Wäsche anzuziehen und die Haare im Wind trocknen zu lassen, sind eine Freude besonderer Art. Im Restaurant gibt es nur ein Menü, das aus Nudelsalat, Hammelsuppe, Kamelgulasch und Keksen besteht. Ich genehmige mir eine Tasse Kaffee, die unerwartet gut schmeckt. Als ich etwas Süßes dazu bestelle, bekomme ich gefüllte Kekse. Das ist ja fast wie zu Hause!


Es ist noch früh am Tag, und mein geplanter Spaziergang endet angesichts der trostlosen Gegend und der enormen Hitze sehr schnell. Der Versuch eines Mittagsschlafs scheitert an Hitze und Durchzug, und so finde ich mich bald ebenso wie die meisten anderen auf der luftig-schattigen Terrasse des Restaurants wieder und mache Reisenotizen oder schreibe Karten, bis Horst zum Essen ruft. Heute gibt es doch tatsächlich Yakburger mit massenhaft Zwiebeln und dazu Kartoffelpürree. Eine echte Delikatesse, und das bei Staubsturm in der Wüste Gobi! Heute abend ist wieder Folklore angesagt von einer Künstlergruppe, die alle an der Hochschule Musik studiert haben. Leider fehlt die originelle Kulisse einer Jurte, denn das Ganze findet im wenig erbaulichen Restaurant statt, aber die Künstler sind wirklich sehr gut, sowohl die Musiker als auch die Sänger und Sängerinnen und vor allem auch die Tänzer. Der Flötenspieler hatte die schönsten Hände, die ich seit Jahren gesehen habe, ich war ganz fasziniert von seinem Spiel. Auch der wilde Tanz der Schamanin war begeisternd. Leider hat die Gruppe m.E. einen großen Fehler gemacht, in dem sie doch tatsächlich einen bayerischen Schuhplattler, O sole mio und ein Mozartstück spielte, um den Touristen zu gefallen. Für mich ist das der Anfang vom Ende, und ich war sehr enttäuscht. Gott sei Dank ist die Mongolei insgesamt so schwer zugänglich und in diesem Fall auch Gott sei Dank so arm, daß in den nächsten Jahren sicher keine wesentliche Veränderung der Infrastruktur zu erwarten ist, so daß es mit Sicherheit keine Touristenmengen geben wird. Insgesamt sahen wir nur ein paar Dutzend während der ganzen Tour, im allgemeinen waren wir die bestaunten Exoten.

 

Für mich waren die vielen Hundert zuschauenden Mongolen die größte Attraktion. Was für herrliche Gesichter konnte ich hier beobachten! Vor und hinter der Mauer standen die Leute in vielen Reihen, dazwischen überall Pferde. Dann entdeckte ich eine Gruppe großer, kräftiger Männer in grauen Mänteln und mit dem typischen Mongolenhut, und mir war sofort klar, daß es sich hier um die Ringer handeln mußte. Und siehe da, kaum war die Siegerehrung für die Pferde vorbei, legten die Männer ihre Mäntel ab und kamen in der knappen Ringerkleidung zum Vorschein, d.h. sie tragen ein knappes Höschen und eine vorderteillose Weste. Alle sahen athletisch und muskulös aus, keiner war fett, schon gar nicht zu vergleichen mit den fetten Sumoringern in Japan. Die vorderteillose Weste kommt daher, daß ehedem einmal eine unerkannte Frau sämtliche Männer beim Ringen schlug, was für die Männer eine demütigende Schlappe war. Damit man also künftig immer erkennen kann, daß es sich um einen Mann handelt, haben die Westen nun keine Vorderteile mehr. Wir konnten nun also einige Ringkämpfe beobachten und hatten unsere vom Reiseleiter zugestandene Zeit längst überschritten. Aber keine 10 Pferde hätten mich früher hier weggebracht. Nachdem wir einige Kämpfe beobachtet hatten, zogen wir dann aber doch langsam wieder durch die Menschenmenge zurück zum Bus. Alle waren begeistert von diesem Schauspiel und den herrlichen Fotomotiven. Ich hatte übrigens fast während der ganzen Reise eine ärmellose Weste mit 100 Taschen an, in denen ich alles mögliche verstaut hatte und auf diese Weise keine Tasche oder den Rucksack brauchte. Als ich inmitten der mongolischen Zuschauer auf dem Boden hockte, griff mir doch so ein kleiner Strolch von hinten in eine meiner Westentaschen, aber wie enttäuscht schaute er dann, als er ausgerechnet die Tasche mit dem Klopapier erwischt hatte. Ringsum Gelächter der Mongolen...! Ich grinste nur.

Wir fuhren weiter und hielten dann bei einer Klosterruine inmitten einer Bergkette, in der auch einige der seltenen Gobibäume wuchsen. Das Kloster ist in den 30er Jahren zerstört worden, die 1000 Mönche wurden vertrieben oder umgebracht.

Es war sehr heiß, trocken und staubig, und am tiefblauen Himmel segelten nur ein paar kleine Wolken. Die Landschaft wurde immer karger und flacher, statt Erde gab es hier grauen Kies, der ziemlich trist wirkte. Fata Morganen tauchten am Horizont auf wie riesige Seen, die aus Luft bestehen. Immer öfter sahen wir Kadaver und Skelette in der Wüste liegen, ansonsten bietet sich auf Stunden immer das gleiche öde Bild, denn hier sahen wir auch fast keine Tiere mehr. Selbst Kamele mögen solche Tristesse nicht. Wir verlassen oft die Piste und fahren mit GPS quer durch die topfebene Wüste und machen ein Wettfahren mit unseren Jeepbegleitern. Hinter uns lassen wir gewaltige Staubwolken, die noch kilometerweit zu sehen sind. Ich habe einen Mordsdurst, mag aber das ekelhafte Vanillegesöff nicht trinken, das ich gestern auf dem Markt erwischt hatte, und das mir den Mund verklebt. Abends wollte ich mir bei Horst eine neue Flasche Wasser holen und freute mich darauf.


Ab und zu sehen wir doch wieder Kamele und wundern uns, wie sie angesichts dieser kargen Einöde überhaupt genug Nahrung finden können, um so gesund und wohlgenährt auszusehen. Der Zustand der beiden Höcker gibt Auskunft über den Zustand eines Kamels. Wenn beide Höcker wohl gefüllt sind und aufrecht stehen, ist das Tier kerngesund und in gutem Allgemeinzustand. Das Kamel ist in der Lage, in diesen Höckern pures Fett zu speichern und davon im Bedarfsfall zu zehren. Diese Kamele hier hatten alle schöne pralle Höcker, aber später sahen wir auch etliche mit wackelnden oder schlappen Höckern. In der Gobi gibt es über 200.000 Kamele, ausserdem die letzten 1000 echten Wildkamele, denen man aber kaum begegnen wird, weil sie scheu und in sehr unzugänglichen Gebieten leben.

Auch Gazellen sahen wir hier in Mengen. Sie sind ebenfalls sehr scheu und suchten sofort das Weite, wenn unser lärmendes Ungetüm von Bus auftauchte. Die Landschaft verwandelt sich zusehends in eine platte Mondlandschaft, die nur selten von ein paar Hügeln unterbrochen wird. Die Sonne knallt erbarmungslos vom Himmel, als wir in solch einer Hügelansammlung unseren Übernachtungsplatz wählen. Ich schnappe mir gleich meinen Koffer, um einige Dinge auszutauschen und neue Filme zu holen und um Martha noch ein T-Shirt zu leihen, als mir schwarz vor Augen wird.

 

Nach dem Essen laufe ich von einem Hügel zum anderen und genieße die traumhafte Aussicht auf die unendliche Landschaft und das wunderschöne Spiel von Licht und Schatten. Das milde Seidenlicht am Abend schafft herrliche Konturen. Der Bewuchs hier ist sehr spärlich. Um so erstaunter bin ich, hier viele sibirische Sternwurze (Orostachys spinosus) zu finden. Drei kleine Ableger nehme ich mit und hoffe, daß sie weiterwachsen.

Unsere Gruppe ist so begeistert von der Landschaft, daß auf fast jedem Hügel jemand herumläuft und die untergehende Sonne bestaunt. Es ist absolut friedlich, still und schlicht wunderschön hier am Rande der Wüste Gobi.

Der nächste Morgen ist frisch und windstill. Wir durchfahren eine endlose Ebene, in der man ohne weiteres 50 km weit schauen kann. Daher sagen die Mongolen im Süden, daß sie am Morgen schon sehen können, wer am Abend zu Besuch kommt.


Kurz vor der Ortschaft Sajchan Owoo taucht ganz unvermittelt ein Gewimmel von Menschen und Pferden auf, und ganz schnell ist uns klar, daß wir hier ein Nadaam-Fest vor uns haben. Das Nadaam geht auf Dschinggis Khan zurück, dessen Krieger sich regelmässig im bogenschiessen, reiten und ringen üben mußten. Aus diesen kriegerischen Wettkämpfen ist im Laufe der Jahrhunderte so eine Art Sportfest mit diesen drei Disziplinen entstanden, und jedes Jahr vom 11. - 13. Juli findet im großen Stadion von Ulan Bator das große Staatsnadaam statt, an dem Hunderte von Pferden und 1024 Ringer sowie die Bogenschützen teilnehmen. Da es den meisten Mongolen unmöglich ist, in die Hauptstadt zu reisen, werden in vielen Provinzen eigene, kleine Nadaamfeste abgehalten, die viel uriger und persönlicher sind als das große Fest in Ulan Bator. Und nun hatten wir also das unwahrscheinliche Glück, Zuschauer bei diesem Nadaam sein zu können. Zuerst fanden wir die Bogenschützen vor, die in prächtiger Kleidung dastanden und ihre selbst hergestellten Bögen spannten, um einen großen Pfeil auf ein weit entferntes Ziel abzuschießen. In einem grösseren Rund, das sonst vielleicht zum Schafscheren oder ähnlichem dient, fand gerade die Siegerehrung des Pferderennens statt. Es reiten immer nur Kinder im Alter von 5 - ca. 8 Jahren, und zwar müssen sie eine Strecke von 35 km im Galopp bewältigen. Sieger ist immer das Pferd, nicht der Reiter. Mit ernsten Mienen und viel Tamtam wurde die Siegerehrung vorgenommen. Dem Siegerpferd wird etwas Airag über die Kruppe gegossen.

 

Während der Fahrt auf unserer einsamen Holperpiste können wir kaum begreifen, daß wir uns auf der Hauptverbindungsstrecke vom Norden in den Süden des Landes befinden. Für uns einfach unvorstellbar, in so einem Riesenland keine einzige Straße vorzufinden, alles ist Natur pur. Heute habe ich von der Fahrt auf der abenteuerlichen Piste gestern ziemliche Kreuzschmerzen, aber das geht etlichen anderen genau so. Für die Bandscheiben ist das hier keine Vergnügungsfahrt. In Richtung Süden hat es offenbar nicht geregnet, denn es staubt wieder gewaltig hinter unserem Riesengefährt her. Die Landschaft ist trocken und flach, und in der Ferne sehen wir zum ersten Mal eine Fata Morgana. Das Schiff auf dem vermeintlichen See entpuppt sich als einsame Jurte. Plötzlich gibt es wieder einige Kilometer Teerstrasse, aber auch nur, weil hier ein ehemals russisches Militärlager steht, das jetzt von den Mongolen genutzt wird. Es gibt derzeit knapp 10.000 Militärs und 5.000 Wehrpflichtige in der Mongolei. Nach ein paar Kilometern haben wir jedoch unsere vertraute Piste wieder. In Arwajcheer füllen wir nochmal unsere Wasservorräte auf und laufen dann zum Markt in dieser ansonsten trostlosen Stadt. Märkte üben ja überall auf der Welt einen besonderen Reiz aus, so auch hier. Jede Menge Mongolen spielen Billard, dahinter finden wir wieder Unmengen Container-Marktstände mit dem immer gleichen, mageren Angebot. Immerhin finde ich hier kleine getrocknete Bananen aus Vietnam, die eine üppige Ergänzung meines Mittagsproviants aus Brot und Wasser bedeuten. Auf diesem Markt gibt es auch Sättel, Teppiche, Klamotten und alle möglichen Dinge des täglichen Gebrauchs, aber auch blutige Felle und Gedärme und dazu noch deutsche Pralinen. Was für Gegensätze! Wir werden wie exotische Tiere beobachtet, was wir sehr gut nachvollziehen können. Wer außer Rotelreisenden verirrt sich schon auf diesen Markt in Arwajcheer? In einer Bar trinken Lothar und Klaus Bier resp. Wodka, während ich das wahrlich abenteuerliche WC im Hinterhof aufsuche, da es sonst absolut keine Möglichkeit dazu gibt. In einem Bretterverschlag befindet sich ein Loch im Boden, durch das ich etwa 4 m tief auf eine undefinierbare Masse blicke. Ich bete, daß der Bretterboden hält.... Er hat gehalten! Ich muß noch ziemlich geschockt ausgesehen haben, als ich in die Bar zurückkehrte.


Ich habe dann noch Wasser gekauft, das sich später leider als eklig-süße Limonade entpuppte, die total künstlich nach Vanille schmeckte. Meinen Vorrat an einheimischem, grauem Klopapier füllte ich hier ebenfalls auf. Ohne darf man nie sein in diesem Land!

Nach diesem denkwürdigen Halt fahren wir bei großer Hitze weiter in Richtung Süden der Wüste Gobi entgegen. Das Land wird zunehmend steiniger und karger, die Berge flacher, und die Steppe geht in Wüstensteppe über. Wir sehen viel weniger Tiere und Jurten hier und so nach und nach führt unsere einsame Piste hinaus ins Nichts. Wir haben den Eindruck, direkt in den Himmel zu fahren, so endlos flach und weit ist die Landschaft, daß die Wolken den Horizont berühren. Die Wüste Gobi ist dreimal so groß wie die BRD und liegt zu Teilen auch in China und Kasachstan. Hier kann es bis minus 50° kalt werden im Winter, dafür im Sommer bis 50° heiß, ein absolut lebensfeindliches Gebiet. Es herrscht totale Trockenheit, und ein scharfer Wind trocknet aus und kühlt. Wir suchen unseren Übernachtungsplatz zwischen einigen Hügeln, um etwas Windschutz zu haben. Weit und breit ist Stille und Einsamkeit, nur der Wind singt sein Lied.

Bei stürmischem Wind schneiden wir wieder Berge von Zwiebeln für Horst, der uns heute Spaghetti mongolese servieren will. Er hat Berge mageren Yakfleischs gekauft, das er von Hand durch den Wolf dreht und uns dann später ein wirklich superdelikates Gericht vorsetzt, zu dem nur noch ein guter Rotwein fehlte.

 

Bald kamen wir wieder an unserem schönen Übernachtungsplatz an und durften dann sage und schreibe 10 kg Zwiebeln hacken, denn Horst wollte uns heute eine üppige Zwiebelsuppe auftischen, was wir mit gemischten Gefühlen registrieren. Aber die Suppe mit einer Brot-Käse-Unterlage war wirklich ein Gedicht. Dann fängt es wieder heftig an zu regnen und wird auch saukalt, so daß die meisten von uns im Bus sitzen und sich die Zeit bis zum Schlafengehen mit Quatschen und Schwänken aus dem Rotelleben vertreiben. Günter trank jede Menge Wodka, um wieder warme Füße zu bekommen, aber nur sein Kopf wurde heiß. Ich brauche wohl nicht mehr zu erwähnen, daß wir wieder von vielen Yaks und Pferden umgeben waren.

Die Klosuche war angesichts der umliegenden Jurten und der Nässe nicht gerade ein Vergnügen, aber irgendwie löst jeder das Problem doch. Nachts zog ich meine wärmsten Sachen übereinander und kuschelte mich in die enge Koje. Der Regen trommelte auf das Dach, und das Schnarchen meiner Mitschläfer lullte mich in den Schlaf.


Am nächsten Morgen stank es in unserem Schlafabteil fürchterlich von den Folgen der Zwiebelsuppe, da stand ich gerne auf und freute mich über die frische, kalte Luft und die Sonne, die bereits zaghaft hervorlugte. Das Frühstück bei gerade mal 10° nahmen wir schlotternd ein und stiegen dann gerne wieder in unseren Bus. Martin erzählte uns viel Wissenswertes über die Tiere der Mongolei, von denen das Pferd das wichtigste ist. Es wird als Reittier, Fleisch- und Milchlieferant genutzt. Schafe werden vor allem zur Filzproduktion gebraucht und natürlich ebenso wie die Yaks als Fleischlieferant. Ziegen werden auch wegen der Kaschmirwolle gehalten.

Unterwegs sehen wir viele Geier um ein totes Tier herum. Übrigens werden auf dem Land auch die Toten so „bestattet", d.h. man legt den Verstorbenen einfach in der Steppe aus und überläßt ihn den Aasfressern wie Geiern und Kojoten, die innerhalb kürzester Zeit ganze Arbeit leisten. In den Städten ist dies natürlich nicht mehr so und die Toten werden begraben wie bei uns. Dies ist jedoch im Winter ein sehr großes Problem, da der Boden monatelang 4 Meter tief gefroren ist. Und das Geld für solch eine Bestattung können viele Mongolen nicht aufbringen. Da liegt es nahe, die traditionelle Art der Bestattung in der Steppe zu wählen.

 

Nach der Mittagspause werden wir von zwei russischen, hochbeinigen Kombis abgeholt, um zum Orchon-Wasserfall zu fahren, denn der Weg ist für den großen Rotelbus nicht geeignet. Ich darf bei Baywar im Jeep mitfahren, was noch ein Stück mehr Erdverbundenheit, aber auch mehr unmittelbare Stöße auf der abenteuerlichen Piste bedeutet, denn es gibt hier gigantische Schlaglöcher und Steine, über die wir fahren müssen. So manches Mal flog ich bis an die Decke. Schließlich braut sich ein Gewitter zusammen, und es beginnt mordsmässig zu schütten. Am Ziel angekommen, ziehen wir alle unsere Regensachen über, und ich freue mich, daß ich meine Gummistiefel doch nicht umsonst mitgeschleppt habe, hier kann ich sie gut gebrauchen. Der Orchon-Wasserfall ist nicht gerade spektakulär, wenn man den Rheinfall zu Schaffhausen vor der Nase und auch die Iguassu- und Viktoriafälle gesehen hat, aber es ist ein ganz romantisches Fleckchen Erde und wir können mal wieder ein Stück laufen anstatt ständig zu fahren. Es geht ein Stückchen bergab, und dann können wir am Orchon entlanglaufen, um dann den Wasserfall von unten zu sehen. Mit meinen Stiefeln gehe ich ein bißchen in den Fluß hinein, der sich durch ein breites, steinübersätes Bett zwingt und nur flach ist. Mit einigen unserer Gruppe gehe ich dann einen anderen Weg zurück, dafür müssen wir durch zwei Flüsse laufen, und diejenigen, die keine Gummistiefel dabei haben, bekommen entweder nasse Schuhe oder gehen barfuß. Der Regen ist in ein Nieseln übergegangen, aber kalt ist es nicht. Hier wachsen große, alte Lärchen. Ein ungewohnter Anblick nach der völlig baumlosen Steppe ringsherum.


Als wir wieder bei unseren Fahrzeugen ankommen, fängt es wieder an zu schütten, und wir sind froh, wieder im Trockenen zu sitzen. Die Pferde und Yaks ringsherum scheinen den Regen zu genießen, weil er die lästigen Fliegen vertreibt. Der Regen hat in der Zwischenzeit die Piste in einen Schlammpfad verwandelt, überall stehen riesige Wasserlachen in den vorher trockenen Senken, so daß unsere Fahrt eine Schlitterpartie wird und wir etliche Flüsse mit Schwung durchfahren müssen, daß das Wasser nur so spritzt. Die beiden Kombis vor unserem Jeep geraten an einer Steigung gefährlich ins Rutschen hangabwärts, und es hätte nicht viel gefehlt, daß sie umgekippt wären. Es sah schlimm aus, ging letztlich aber doch noch mal glatt. Dann erreichen wir einen kleinen Ort, in dem es ein Telefon geben soll. Martin wollte noch anrufen, ob der vermißte Koffer von Martha doch noch angekommen ist, aber das Telefon funktioniert nicht. Das nächste ist 100 km entfernt. Martha ist ziemlich verzweifelt, aber letztlich lernt sie doch, ohne ihren Koffer zu leben, es bleibt ihr auch gar nichts anderes übrig. Sie hat inzwischen reichlich Kleidung von den anderen Reisegästen bekommen, aber scheußlich ist so eine Situation natürlich doch, denn das Gefühl, jedem zur Dankbarkeit verpflichtet zu sein, ist belastend. Später, als ihr Koffer in Ulan Batar am Hotel stand, war sie außer sich vor Freude und hat dann Wodka für alle fließen lassen.

Unterwegs besichtigen wir noch einige Kirgisengräber, die von sogenannten Hirschsteinen umgeben sind. Ich muß zu meiner Schande gestehen, daß ich damit gar nichts anfangen konnte, sondern mir viel lieber die Pferde und Yaks anschaute.

 

Ich kaufe Brot und Wasser und ein paar Tomaten, die es an einem Stand gab, aber die Tomaten stanken fürchterlich. Vermutlich wurden sie aus China importiert und mit Fäkalien gedüngt. Für mich waren sie ekelhaft und ungenießbar, ich habe sie anderen Reisegästen geschenkt, die sie trotzdem verspeist haben. Dann doch lieber Brot und Wasser. Der Fleischmarkt ist einmalig. In einer Art Baracke voller Balken hängen und liegen diverse Fleischstücke voller Fliegen, und auch ganzes Fettschwanzschaf hängt ohne Fell an einem Haken von der Decke. Diese Rasse wird von den Mongolen ganz besonders geschätzt, denn Fett ist hier sehr wichtig zum Überleben, vor allem im grausig kalten und langen Winter. Die Fettschwanzschafe haben anstatt eines normalen Schwanzes einen dicken Knubbel, der aus schierem Fett besteht. Wenn die Tiere laufen, hopst dieser dicke Schwanz wie ein Bommel immer auf und ab, was sehr lustig aussieht.

Dieser Markt ist für die Menschen der ganzen Umgebung sehr wichtig. Hier trifft man sich und kann Geschäfte jeder Art machen. Wir können wieder Menschenstudien treiben und uns an der unglaublichen Szenerie weiden.

Unser Übernachtungsplatz liegt etwas ausserhalb der Stadt, etwa 500 m von der großen Klosteranlage entfernt, die wir anschließend besichtigen. Erst scheint die Sonne wieder heiß und grell vom Himmel, dann brauen sich wieder dicke Gewitterwolken zusammen, und als wir zu Fuß wieder im Camp ankommen, hat Horst wohlweislich bereits eine Suppe gekocht, die wir so gerade noch essen können, bevor der Regen anfängt. Aber immerhin gibt es hier warme Duschen, was unbestritten einen Höhepunkt des Tages bedeutet. Das Wasser läuft zwar nur sehr spärlich, und wir müssen unter dem Wasserstrahl hin und her springen, um naß zu werden, aber wir haben ja Zeit und genießen diese seltene Möglichkeit. Später am Abend ist noch mongolische Folklore angesagt, und entgegen unseren Erwartungen haben wir es hier mit einem sehr guten Ensemble von 12 Leuten zu tun. Wir sitzen erwartungsvoll in einer Jurte, und ich erstehe die einzige Flasche Sangria, die zu haben ist. Es gibt allerdings auch noch eine Flasche Rotwein, dafür aber Wodka und Bier in Mengen. Ich hätte nicht gedacht, daß wir hier den für die Mongolei typischen Obertongesang hören würden, aber tatsächlich treten sogar zwei stämmige Sänger auf, die uns zum ersten Mal diese kaum beschreibbare Gesangeskunst vorführen. Es erfordert viele Jahre der Übung, bis es gelingt, zwei Tonarten gleichzeitig hervorzubringen, was anscheinend sehr anstrengend und wohl auch schädlich ist, denn bekanntermaßen werden die Obertonsänger alle nicht alt. Dafür aber genießen sie in der Bevölkerung höchstes Ansehen und werden verehrt. Wir waren ebenfalls ganz begeistert und beeindruckt, auch von den für uns fremden Instrumenten wie z.B. der Pferdekopfgeige, zu deren Entstehung es eine eigene Sage gibt. Dies würde hier aber zu weit führen. Es traten dann auch noch verschiedene Tänzer und sogar drei junge Mädchen auf, den den Schlangentanz vorführten. Wer schon einmal den chinesischen Staatszirkus gesehen hat, weiß, wie unglaublich diese Mädchen ihr Rückgrat verbiegen können, man kann kaum hinschauen. Klar, daß sie schon als kleine Kinder mit dem Training beginnen müssen. Zum Schluß wurde noch draußen im Freien ein Tanz mit etlichen großen Masken vorgeführt, und wir waren alle ganz beeindruckt. Schließlich saßen wir mitsamt den Künstlern an zusammengestellten Tischen zusammen in der Jurte und tranken Wodka und Bier und freuten uns über diesen einmaligen Abend. Dann wurde Discomusik aufgelegt, und im Nullkommanichts befanden wir uns alle in der Jurtenmitte und tanzten miteinander. Toll war’s!


Am nächsten Tagen fahren wir auf übler Piste in Richtung Arwajcheer, der Hauptstadt des Uwurchangaj-Aimaks im südlichen Landesteil. Die Mongolei ist in Provinzen oder vergleichsweise Bundesländer aufgeteilt, die hier Aimaks heissen.

Wir müssen etliche Holzbrücken überfahren und zittern immer ein wenig, ob die morschen Balken auch halten. Manchmal ziehen wir das Gerumpel durch das Flußbett jedoch vor. Heute sehen wir auch die ersten Kamele mit Jungtieren, dafür immer weniger Yaks. In der vergangenen Nacht hat es offenbar überall geregnet, und das trockene Land braucht auch dringend Regen. Wir durchfahren eine wunderschöne, sanfthügelige Landschaft voller Edelweißwiesen. Das Spiel von Licht und Schatten auf den Hügeln ist faszinierend, ich könnte unentwegt fotografieren. Frieden und Stille sind hier zu Hause.

Wir durchfahren einen Fluß, es geht ständig rauf und runter, und der Bus schaukelt gewaltig. Ständig fallen Jacken, Hüte und anderes aus den Ablagen auf uns herunter, und bei dem Hin- und Hergeschaukele bekomme ich etliche blaue Flecken. Wir haben aber viel Spaß an der Sache, und gelacht wird sowie so sehr viel. Die Truppe paßt gut zusammen, da haben wir Glück gehabt. Wir überqueren riesige Lavafelder, durchfahren Wasserlöcher, Furten und Sümpfe. Überall sind viele Viehherden zu sehen. Der Himmel ist stark bewölkt und verkündet Regen, als wir schließlich einen zauberhaften Platz am Ongi-Fluß erreichen, wo wir unser Nachtlager in 1680 m Höhe aufschlagen. Um uns herum weiden viele Pferde und Yaks in der Flußaue, und wir sind von diesem Platz total begeistert.

 

Bei der Weiterfahrt stehen dicke Gewitterwolken über uns, der Wind fegt eine Menge Staub heran, und dann beginnt es kräftig zu regnen. Die Luft im Bus ist zum Schneiden, und wir hängen total groggy in unseren Sitzen. Mein Magen knurrt hörbar, aber das nutzt ihm nichts, denn es gibt nichts! Wir freuen uns über die Ankündigung, am nächsten Tag in Karakorum wieder Proviant kaufen zu können. Schließlich erreichen wir unseren heutigen Übernachtungsplatz am Sengirfluß in einem pappelbestandenem Wäldchen. Die Luft ist sehr frisch und es windet ordentlich. Diese fortwährenden schnellen Wetterwechsel von kalt zu heiß und naß sind mühsam für uns. Die Männer suchen Feuerholz für das abendliche Lagerfeuer, während wir Frauen wieder Berge von Zwiebeln hacken für den heutigen Wurstsalat. Ich laufe zum Fluß und sitze eine Weile am Ufer, schaue in die Ferne und hänge meinen Gedanken nach. Ich kann manchmal noch immer nicht glauben, daß ich in der Mongolei bin und versuche, mir alles so gut wie möglich einzuprägen, damit ich mir später, wenn ich zu Hause wieder auf meinem Balkon sitze und die Gedanken ziehen lasse, all diese Szenerien wieder ins Gedächtnis rufen kann. So reell die Situation im Moment ist, so fern wie ein Traum wird sie bald sein.

Nach dem Abendessen machen wir ein Feuer und sitzen alle drumherum. Yaks und Ziegen und Schafe ziehen an uns vorbei, während etliche Pferde durch den Fluß schwimmen und dann durch unser Wäldchen laufen. In der Nähe stehen einige Jurten, und wie fast jeden Abend kommen auch hier wieder etliche Hunde zu uns in der Hoffnung, etwas Freßbares zu ergattern. Die Hunde sind in der Regel friedlich, aber in einsamen Gegenden ist Vorsicht auf jeden Fall angebracht.


Am nächsten Morgen schaue ich aus meinem Kojenfenster und sehe wieder eine Menge Yaks und Pferde um uns herum, was mich immer wieder auf’s Neue begeistert. Zum Frühstück gibt es heute sogar Spiegeleier, denn es ist Sonntag, der 22. Juli. Es ist ein wunderschöner Morgen, sonnig, windstill und angenehm frisch, als wir uns auf unsere Rückfahrt nach Karakorum machen. Martin sen. läßt uns schöne mongolische Musik hören und erzählt uns dann wieder ausgiebig über den Buddhismus. Wir sehen Kranichschwärme und viele Greifvögel in einer zauberhaften Landschaft. In Chohot machen wir wieder halt und schauen beim Aufbau einer Jurte zu, trinken in einer Jurte Airag und werden selbst von den Bewohnern und vielen Kindern bestaunt. Horst und Günter filmen und zeigen dann anschließend den Kindern, was sie gefilmt haben. Die Kinder sind total begeistert, wenn sie sich selbst wiedererkennen.

Schließlich erreichen wir Karakorum und gehen auf den Markt. Ein buntes Gewimmel von Menschen zieht an den Containerständen vorbei, die alle mehr oder weniger das gleiche Angebot führen. Da liegt die Kernseife neben dem alten Kohl, ein paar angetrocknete Möhren und Kartoffeln liegen neben Bonbons und Toilettenartikeln, Brot und Kekse liegen zwischen Waschpulver und Flaschen.

 

Der nächste Morgen ist sehr frisch mit 10°. Nach dem Frühstück inmitten von Yaks besuchen wir eine nahegelegene Nomadenfamilie in ihrer Jurte. Hier ist der schöne Mann zu Hause, den ich am Vorabend schon bewundert habe. Seine Frau soll an diesem oder am nächsten Tag das zweite Kind bekommen. Ein vierjähriges Mädchen schmust mit dem Vater am Ofen. Als wir die Jurte durch die niedrige Eingangstür betreten, achten wir sehr darauf, ja nicht auf die Schwelle zu treten und auch nicht an den oberen Türrahmen zu stossen, weil dies Unglück bringen soll. In der Jurte riecht es sehr intensiv nach Hammel und Milchprodukten, aber nach einer Weile merkt man das gar nicht mehr. Der Ofen steht in Mitte der Jurte und gilt als heilig, weil lebenswichtig. Aus Scherengittern in Holz wird ein mehr oder weniger großes Rund aufgebaut. In der Mitte werden vier Pfosten in den Boden gesteckt, darüber befindet sich ein Holzkranz, der mit Gewichten fixiert wird. Dann werden viele Holzstangen in den Holzkranz gesteckt und auf dem Scherengitter befestigt. Auf diese Konstruktion kommt eine dicke Filzauflage, die aus Tierwolle, hauptsächlich Schafwolle besteht und die hervorragend sowohl gegen Hitze als auch gegen Kälte isoliert. So eine Jurte wirkt sofort einladend und sehr gemütlich. Eine Art Holzbank oder Holzbett ist Sitzbank und Bett zugleich. Überall liegen Filzmatten und Tierfelle. Unter der Dachöffnung hängen in Augenhöhe jede Menge rohe Fleischstreifen, die trocknen sollen und als Nahrungsvorrat aufbewahrt werden. Auf dem Herd schmurgeln Hammelfleisch- und Knochenstücke. Die junge Frau bedient uns ruhig, gelassen, freundlich und mit einer Würde, die wir auf dem Land oft feststellen konnten, als wäre es selbstverständlich, am Tag der Niederkunft über 20 Fremde zu bewirten. Wir bekommen steinharte Quarkstückchen, dann noch ein undefinierbares Milchprodukt, das aussieht wie kleine Brösel, dann sehr leckere Yakbutter mit Brot und gesalzenen Milchtee, den ich jedoch sehr gewöhnungsbedürftig finde. Brot ist bei den Nomaden unüblich, sicher wurde es von unserem mongolischen Begleiter Bayar vorher hingebracht, weil wir Brot gewöhnt sind. An der Wand der Jurte hingen auch etliche Fotos von der Familie und vom Dalai Lama, der in der Mongolei ebenso verehrt wird wie in Tibet und vielerorts auf der Welt und der die Mongolei auch schon mehrfach besucht hat. Aufgrund der Statur des Familienvaters frage ich nach, ob er Ringer sei, und siehe da, er ist Ringer und zeigt ganz stolz sein Siegerfoto vom letzten Nadaamfest. Was das ist, erkläre ich an späterer Stelle noch. Schließlich verabschieden wir uns von dieser sympathischen Familie, die uns mit ihrer Schlichtheit und Zufriedenheit sehr beeindruckt hat. Der jungen Frau habe ich beim Abschied ein kleines Schweizer Messer geschenkt, und sie war hocherfreut.


Als wir losfahren, scheint die Sonne wieder. Mein Sitznachbar, Martin jr., sieht leichenblaß und elend aus, und dann greift er plötzlich zur Tüte und muß sich übergeben. Da Fahrerhaus und Bus getrennt sind und wir uns nur über Mikrofon verständigen können, dauert es immer eine Weile, bis wir Signal zum Halten geben können, so daß der arme Martin schließlich aus dem Fenster hängt und sich die Seele aus dem Leib kotzt. Danach steigt er ins Fahrerhaus und Eni, die mongolische Freundin unseres Fahrers sitzt neben mir. Nach einiger Zeit wechselt Martin dann in den Jeep, aber ihm ist immer noch schlecht. Wir fahren durch eine sehr einsame, baumlose und einsame Landschaft unter bewölktem Himmel, es ist schwül, und das Geholpere setzt uns gewaltig zu. Schließlich machen wir Mittagspause. Bei mir gibt es trockene Brotkanten und sauberes Wasser. Wenn man hungrig und durstig ist, schmeckt das ausgezeichnet. Danach durchfahren wir wieder endlose Edelweißwiesen und kommen endlich in Zezerleg an, wo wir das 500 Jahre alte Kloster besichtigen, das als einziges nicht zerstört oder beschädigt worden ist. Gräser wachsen auf den Dachschindeln, und alles sieht ziemlich mitgenommen aus. Im Inneren gibt es immer das gleiche zu sehen, nämlich zahllose Buddhas, Tankas und schöne Holzdecken. Wir sind aber von der Fahrerei total geschafft und haben Mühe, Martin’s engagierten Ausführungen zu folgen.

 

Die Landschaft wird immer steiniger, und streckenweise haben wir den Eindruck, durch eine Mondlandschaft ans Ende der Welt zu fahren. Auf übler Rüttelpiste holpern wir dunklen Wolken entgegen, die Regen verheissen und der Landschaft eine gewisse Trostlosigkeit verleihen. Mein Magen knurrt mal wieder, und meine Vorräte sind bis auf Fruchtschnitten erschöpft. Seit Tagen gibt es absolut nichts zu kaufen, nicht mal ein Stück Brot, und so nehme ich im Laufe der Reise 4 kg ab.

Schließlich taucht in dieser Einöde ein kleines Städtchen - Tariat - auf, in dem es sogar Steinhäuser, eine Schule und ein Krankenhaus gibt. Schließlich erreichen wir den See Terchijn Zagaan nuur, der in 2.060 m Höhe liegt und 16 km lang und äusserst fischreich ist. Die Mongolen essen keinen Fisch, weil Fische nie ihre Augen schliessen und damit als Symbol für die ewige Wachsamkeit gelten.

Wir steigen aus und laufen eine Stunde am Seeufer entlang, während Horst den Bus zu unserem Übernachtungsplatz an diesem See fährt und sich um das Abendessen kümmert, das aus fünf Riesenhechten besteht, die unser mongolischer Freund Bayar schon organisiert hat. Auf unserem Spaziergang zum Übernachtungsplatz begegnen wir einer sehr großen Yakherde und vielen Kälbern, und hier finde ich winzige Küchenschellen, Enzian, Vergißmeinnicht, Anemonen u.a. Es wird schwülheiß und die Luft riecht nach Gewitter. Horst hat schon ganze Arbeit geleistet. Einige Mongolen haben mit Yakmist bereits ein Feuer zwischen zwei Steinen gemacht, darüber haben sie eines unserer Sandbleche gelegt, und darauf kommen die in Alufolie gewickelten Hechtstücke. In Sichtweite stehen etliche Jurten, und so nach und nach kommen etliche Kinder und später auch die erwachsenen Mongolen zu uns zu Besuch, schauen sich ganz dezent unser Riesengefährt und unser Treiben an, und auch wir können uns an diesen für uns so exotischen Menschen kaum sattsehen. Was für bemerkenswerte, eindrucksvolle Gesichter es hier gibt! Besonders die Kerben und Furchen in den gegerbten alten Gesichtern können viel erzählen von grausamen Wintern und Dürrezeiten, aber auch von Lachen und Lebensfreude. Auch der markante, kräftig gebaute Patriarch der Familie und ein weiterer, sehr schöner, athletischer junger Mann besuchen uns. Ich könnte Bildbände von diesen Gesichtern erstellen und wurde nie müde, diese Gesichter anzuschauen.


Schließlich ist unser Abendessen fertig, das aus gegrilltem Hecht mit Pilzreis besteht. Auch einige Mongolen werden zum Essen eingeladen, aber sie nehmen nur den Reis. Beim folgenden Wodka, Bier und Zigaretten sagen sie aber nicht nein.

Hier wird für uns die Toilettensuche etwas schwierig, denn überall in Sichtweite stehen Jurten, und so müssen wir wohl oder übel auf die windumtosten Hügel klettern und uns dort Nischen suchen. Dafür haben wir aber eine grandiose Aussicht auf den See und die umliegenden Berge und den Gewitterhimmel. Hier am See liegen viele Skelette, denn in dieser Höhe ist der Winter wohl besonders hart gewesen. Insgesamt hat die Mongolei im letzten Winter 7 Mio. Tiere verloren durch Frost und Hunger. Hier gibt es auch sehr viele Wölfe, die die Herden zusätzlich dezimieren, und fast alle Mongolen haben deswegen ein Gewehr. Dieses Hochtal wird hauptsächlich als Sommerweide genutzt. Ab Oktober beginnt der Winter, und die Menschen ziehen dann mit ihren schnell abzubauenden Jurten in tiefer gelegene Gegenden.

Wir sitzen im abendlichen Seidenlicht und genießen den Blick über den See, als die große Yakherde an uns vorbeizieht. Sie werden von den Hirten zu den Jurten getrieben, damit die Kühe gemolken werden können. Yakbutter ist sehr intensiv gelb, weil viel fetthaltiger als normale Kuhmilch, und das Fleisch schmeckt dank der natürlichen Kräuterernährung ebenfalls hervorragend, wie wir später noch feststellen konnten.

 

Hier fließt der Tamir, ein Gebirgsfluß, der bis zu 70 m breit ist und in den Orchon mündet. Unser heutiger Übernachtungsplatz liegt in einem Jurtencamp, wo wir zu unserer Freude auch Duschen vorfinden. Auch Jurten kann man mieten. Überall um uns herum laufen Yaks, Pferde, Ziegen und Schafe. Einige Mongolen bieten ihre Pferde zum reiten an, und nachdem unser Fahrer Horst einen rasanten Galopp um das Camp hinlegt, probiere ich es auch einmal. Ich habe einen schönen Braunen, mit dem ich erst zum Fluß und durch die Aue reite, dann ein Stück durch die Steppe und um große Herden herum. Leider bringe ich mein Pferd jedoch nicht zum Galoppieren, obwohl ich Mord und Brand schreie und alles mögliche probiere, er trabt halt nur, das allerdings sehr flott, und ich spüre, wie der elendharte Holzsattel die Innenseiten meiner Oberschenkel malträtiert. Als ich schließlich wieder im Camp ankomme und anschließend meine Beine anschaue, entdecke ich an beiden Oberschenkeln faustgroße, blutunterlaufene Druckstellen, die noch tagelang in allen Farbtönen schillern. Also sind diese Sättel doch Folterwerkzeuge, und ich lasse das künftig lieber sein.

Als ich am nächsten Morgen um 6.00 Uhr aus meinem Kojenfenster schaue, sehe ich viele Pferde, die rund um unser Rotel friedlich grasen. Was für eine Kulisse! Auch später beim Frühstück an diesem schönen, klaren Morgen sind wir wieder von vielen Tieren umgeben, das empfinde ich geradezu paradiesisch. Auch auf der Weiterfahrt in Richtung Vulkansee Terchijn Zagaan nuur begegnen uns sehr viele Yak- und Pferdeherden, auch Murmeltiere sehen wir hier, die bei den Mongolen als absoluter Leckerbissen gelten. Die Murmeltiere sind allerdings auch Überträger der Pest, die in der Mongolei immer wieder mal ausbricht. Wenn dies der Fall ist, wird ein bestimmtes Gebiet eine zeitlang unter Quarantäne gestellt, bis die Erreger abgestorben sind mangels Ausbreitung in diesem dünnbesiedelten Land.


Wir fahren durch endlose Edelweißwiesen und sind total begeistert von dieser herrlichen Landschaft. Die Stimmung im Bus ist bombig, und Lothar und Dieter bringen wieder alle zum Lachen. Lothar ist ein geistreicher, witzig-charmanter und sehr schlagfertiger Endvierziger, der die seltene Gabe hat, immer und überall Brücken zwischen den Menschen zu schlagen. Dieter hat ein paar weibliche Gene zuviel abbekommen, denn er lacht wie eine Frau mit vielen Juchzern. Wir wissen oft gar nicht, worum es geht, aber allein dieses Lachen von Dieter bringt den ganzen Bus zum Mitlachen.

Der erste schneebedeckte Berggipfel mit 2.968 m läßt sich blicken, wir fahren immer weiter nach Norden am Tamirfluß entlang in das Gebirge hinein. Die umliegenden Berge sind zwischen 2.100 und 2.900 m hoch. Dann kommen wir zur Tschuluut gol-Schlucht. Der Tamir hat sich hier canonartig eine bis zu 50 m tiefe Schlucht in die Lavamassen gegraben, die aus dem Chorgo-Vulkan und seinen Nebenkratern stammen. Wir befinden uns inzwischen auf 1900 m.ü.M. und kommen langsam in ein einsames Hochtal, in dem immer wieder Skelette verendeter Tiere liegen. Hier verleiht das Wechselspiel von Wolken, Schatten und Licht den Bergen reizvolle Kontraste.

 

Gott sei Dank gibt es aber kaum Verkehr, so daß die alten Furchen bald wieder überwachsen sind und die Landschaft nicht nachhaltig verschandeln. Im kleinen Ort Chohot machen wir halt und bekommen von den freundlichen Menschen zum ersten Mal Airag angeboten. Airag ist vergorene Stutenmilch, die angenehm säuerlich-frisch schmeckt. Ungewohnte müssen mit Airag etwas aufpassen, da er eine durchschlagende Wirkung auf das Verdauungssystem hat und einen sehr bald zwingt, „nach den Pferden zu schauen", wie die Mongolen die Toilettensuche im Freien nett umschreiben.

Wir fahren weiter durch eine total einsame, unbesiedelte Landschaft voll grün überhauchter, sanfter Hügel. Hier sehen wir auch die ersten Adler, die ebenso wie die vielen übrigen Greifvögel - Milane, Bussarde, Falken usw. - mangels Bäumen auf dem Boden brüten und die dank der zahllosen Ziesel und Mäuse ein sehr reichhaltiges Nahrungsangebot vorfinden. Diese kleinen flinken Ziesel sehen aus wie Erdhörnchen und flitzen in Unmengen durch das Gelände. In diesem einsamen, stillen Land macht unser großer Bus natürlich einen Heidenlärm, der schon von weitem zu hören ist. Erstaunlich, daß wir dennoch viele Wildtiere zu Gesicht bekommen.

Unsere Mittagspause machen wir heute bei einem großen Owoo inmitten von zahllosen Edelweißblüten. Owoos sind weithin sichtbare Zeichen der Verehrung der Berggottheiten in der Volksreligion. Es sind Steinhügel, die auf Bergen oder Paßhöhen errichtet werden. Jeder sie Passierende hält an und fügt drei neue Steine hinzu, wobei er den Owoo dabei dreimal im Uhrzeigersinn umschreitet. Auch Opfergaben wie Münzen, Geldscheine, Fett und zunehmend auch leere Flaschen und auch Krücken werden abgelegt. Krücken dürfen als einziger Gegenstand wieder weggenommen werden, wenn man sie benötigt. Wenn man genesen ist, werden die Krücken wieder an einem Owoo abgelegt. Wir sahen überall in der Mongolei Owoos, manchmal in beachtlicher Größe.


Bei großer Hitze rumpeln wir weiter und treffen zum ersten Mal auf eine Yakherde. Yaks werden auch Grunzochsen genannt, weil sie ähnlich wie Schweine grunzen, wohl aber einige Töne tiefer. Es sind urige Viecher mit dickem, langem Fell meist in schwarz oder schwarz-weiß, aber es gibt auch schöne Grau- und Brauntöne. Von diesen Tieren war ich auf Anhieb fasziniert. Sie sind wesentlich temperamentvoller und auch angriffslustiger als normale Rinder, und manche haben wahre Prachtexemplare von Hörnern. Die Stiere sind mächtige, ehrfurchtgebietende Tiere, um die wir einen Bogen machten. In der letzten Gruppe wollte ein Unbelehrbarer Nahaufnahmen von so einem Stier machen und ist dann angegriffen und am Bein ziemlich verletzt worden.

Wir kommen nach Zezerleg, einer Stadt mit Holzhäusern, die wie eine Art Laubenkolonie aussieht. Auch hier gibt es ein Kloster, das wir auf der Rückfahrt besichtigen wollen. Hier beginnt das Changai-Gebirge, die Gegend wird zunehmend grüner, und die ersten Bäume und Blumenwiesen tauchen auf. Ausserdem wird es wieder schwül und einige Tropfen Regen fallen. Auf der Paßhöhe Tsaaran Dawaa in etwa 1800 m Höhe steigen wir aus und laufen den Berg hinab durch eine plötzlich völlig veränderte Landschaft, man fühlt sich fast in die Schweizer Alpen versetzt. Hier blühen Skabiosen, Glockenblumen, Storchschnabel, Labkraut und viele andere uns vertraute Blumen. Kaum sind wir wieder in der Ebene angekommen, ist die Landschaft wieder weit und eben.

 

Wir machen uns wieder auf den Weg weiter in den Westen Richtung Karakorum/Zezerleg. Martin erzählt uns die Geschichte von Dschinggis Khan und seinen Eroberungen. Dschinggis Khan hat das größte je bestehende Weltreich erobert mit seinen legendären Mongolen-Reitern, und angesichts der extrem dünnen Besiedelung scheint es schier unglaublich, wie das möglich sein konnte. Er hatte ein ganz ausgeklügeltes Botensystem entwickelt, aber letztlich war dieses unwahrscheinliche Unterfangen nur möglich durch die Pferde. Und die Mongolen lieben ihre Pferde bis auf den heutigen Tag mehr als alles andere auf der Welt. Schon im Alter von 3 Jahren lernen die Kinder reiten - mit oder ohne Sattel - und sie scheinen mit ihren Pferden verwachsen zu sein. Für sie ist reiten so selbstverständlich wie bei uns radfahren, skaten oder später autofahren.

Während der Fahrt sehen wir vereinzelt größte Steinbauten, das sind die Überreste der Kolchosen aus der kommunistischen Zeit unter der Führung der Sowjets, die von 1924 bis 1990, dem Zusammenbruch der Sowjetunion, dauerte. Im Zuge der von den Sowjets angestrebten Sozialisierungsmaßnahmen wurde das traditionelle Nomadenleben weitgehend unterbunden und die Menschen praktisch enteignet, ihr Vieh konfisziert und in Kolchosen verwaltet. Der Buddhismus wurde als reaktionäre Religion verteufelt und verboten und in dessen Folge zahllose Klöster zerstört und Abertausende von Lamas (Mönchen) umgebracht. Nach dem Zusammenbruch des Sowjetreiches 1990 fanden erstmals freie Parlamentswahlen statt, in deren Folge energische Maßnahmen hin zu Demokratie und Marktwirtschaft unternommen wurden. Das ganze Ausmaß kommunistischer Mißwirtschaft zeigte sich erst jetzt, und der Zusammenbruch der industriellen Produktion und Kolchosenwirtschaft hatte Massenarbeitslosigkeit und eine galoppierende Inflation zur Folge, die große Teile der Bevölkerung ins Elend stürzte. Es erfolgte eine Reprivatisierung der Viehbestände, und immer mehr Mongolen gaben ihre unfreiwillige Seßhaftigkeit auf und kehrten mit ihren Herden zu ihrem traditionellen Nomadenleben zurück. Dieser Trend hält bis heute an. Vor einigen Jahren hatte Ulan Bator noch fast 700.000 Einwohner, inzwischen sind es nur noch rd. 500.000. Die Verelendung in der Stadt, in dessen Folge sich außer Arbeitslosigkeit auch Kriminalität und Prostitution überdimensioniert ausbreiten, führt die Menschen zurück zu ihren Wurzeln.


Wir kommen in der Stadt Karakorum an, die 1220 von Dschinggis-Khan als Hauptstadt des mongolischen Großreiches gegründet und 1371 von einem chinesischen Heer zerstört wurde. Aus den Trümmern der zerstörten Hauptstadt wurde 1586 das Kloster Erdene zuu gegründet, das erste lamaistische Kloster der Mongolei. Hier sollen bis zu 10.000 Lamas gelebt haben. Im Laufe kriegerischer Auseinandersetzungen mit mandschurischen Besatzern wurde die Klosteranlage schwer beschädigt, später wieder restauriert. In den Jahren 1941 bis 1990 war der Klosterbetrieb eingestellt und fungierte als Museum. Heute sind noch einige Gebäude und die imposanten Aussenmauern mit jeweils 420 m Länge erhalten, die damit ein Klosterareal von 16.000 qm umfassen. Wir werden dieses Kloster erst auf unserem Rückweg besuchen, denn wir wollen erst noch weiter nordwestlich fahren. Hier in Karakorum hört die geteerte Straße auf, und wir fahren und rumpeln und holpern ab jetzt auf Naturpisten durch das Land. Hier überqueren wir den Orchon-Fluß, den mit 1.064 km längsten Fluß der Mongolei, der in den Baikalsee mündet. Unsere Piste weist stellenweise tiefe Furchen auf, und wir schaukeln und hopsen gewaltig. Unser Bus hinterläßt eine enorme Staubfahne. Teilweise laufen 3 - 5 Pisten parallel, denn bei Regen verwandelt sich alles in Schlamm und die Räder hinterlassen tiefe Furchen, so daß immer wieder neue Pisten gesucht werden.

 

Bei einem Jurtendorf machen wir halt, weil es hier Treibstoff gibt, und tanken 650 Liter Diesel und tanken auch die Reservekanister auf. Bis zur nächsten Tankmöglichkeit ist es noch weit. Manche Jurten sind mit Schriftzeichen versehen, die wir natürlich nicht entziffern können, aber es sind Mini-Restaurants, in denen man meist die allerorts übliche Hammelsuppe essen kann. Diese Möglichkeit wird uns jedoch nicht empfohlen, wenn wir keine Magen-Darm-Probleme haben wollen.

Gegen 18.30 Uhr fahren wir auf eine Anhöhe und sind begeistert von unserem ersten Übernachtungsplatz mit traumhaft schöner Aussicht in die Gegend. Nachdem die Männer den Bus aufgebaut haben, schälen und hacken die Frauen 3 kg Zwiebeln für den heutigen Kartoffelsalat. Bei meinem späteren Rundgang entdecke ich tatsächlich einige Edelweiß. Da ahnte ich noch nicht, daß ich diese später noch zu Millionen sehen würde. Zum Abendessen erscheint ein einsamer Reiter bei uns und hält sich ganz dezent im Hintergrund. Er will nur einfach schauen. Schließlich biete ich ihm eine Zigarette an, die er gerne nimmt. Er möchte, daß ich auf seinem Pferd reite, und da ergreife ich die Gelegenheit und drehe eine kleine Runde im Schritt, denn ich wollte den Holzsattel testen, der in meinem Reiseführer als Folterwerkzeug beschrieben wurde. So schlimm schien er mir jedoch nicht zu sein, aber da irrte ich gewaltig, wie ich später noch feststellen sollte.


Nach einem herrlichen Sonnenuntergang sitzen wir noch eine Weile zusammen und dann sucht sich jeder in den umliegenden Hügeln ein WC. Wir sollen darauf achten, die Landschaft so unversehrt zu verlassen wie wir diese vorgefunden haben, und die meisten halten sich auch daran. Manchmal wird das aber schwierig, wenn weit und breit kein Stein vorhanden und der Boden hart ist, aber im Laufe der Zeit wird man erfinderisch. Das Kapitel Freiluft-WC ist ein Thema für sich. Wenn oftmals weder ein Hügel und schon gar kein Strauch oder gar Baum, sondern nur platte Steppe vorhanden ist, wird es für die Frauen doch manchmal recht schwierig, sein Geschäft zu verrichten, da haben es die Männer eindeutig einfacher. Es bleibt einem nur ein ziemlich weiter Weg hinaus in die Steppe....

Der nächste Morgen ist wieder strahlendschön, klar, frisch und sonnig, und wir haben gut geschlafen und begrüssen guter Dinge den neuen Tag. Kaum sitzen wir in dieser herrlichen Kulisse beim Frühstück, galoppiert eine große Pferdeherde direkt an uns vorbei und der Hirte reitet hinterdrein. Weiter im Hintergrund läuft die nächste Herde. Und alle laufen frei, es gibt wahrhaftig nirgends Zäune. Wo gibt es solche Freiheit sonst? Ich kann das gar nicht glauben und muß mir immer wieder sagen, daß ich wirklich und tatsächlich mitten in der Mongolei bin und nicht träume.

 

Im Hotel haben wir dann zu Abend gegessen und sind dann zum ersten Mal in unsere Kojen gekrochen. Ich hatte dieses Mal „2 oben", das bedeutet, ich hatte vom Eingang aus gesehen die oberste Koje in der zweiten Reihe.

Der nächste Morgen empfängt uns mit Sonne und angenehm frischer Luft. Wir bauen die Klapptische und -hocker auf und nehmen das erste Rotel-Frühstück ein. Um 8.00 Uhr fahren wir los, und Martin teilt uns die Startkilometer mit 423.442 mit. Soviel ist dieses Fahrzeug in 7 Jahren gefahren, aber es sieht älter aus. Ich hatte es auf mindestens 15 Jahre geschätzt, aber es hat auch verdammt viel aushalten müssen.

Wir besuchen zuerst das Gandankloster in Ulan Bator, das ist eine große und die wichtigste Klosteranlage der Mongolei. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wurde die Mongolei vom „großen Bruder" in die Freiheit entlassen und damit wurde auch die Ausübung des bis dahin unterdrückten Buddhismus wieder möglich. Viele Klöster sind von den Kommunisten bis auf die Grundmauern zerstört worden, und die Mongolen sind nun dabei, die wichtigsten Klöster zu restaurieren bzw. wieder aufzubauen. Dieses Gandankloster ist bereits fertig erstellt, und für mich war es das schönste und beeindruckendste Kloster, das wir gesehen haben. Das lag auch daran, daß es wieder mit Leben erfüllt ist und wieder Mönche ausgebildet werden. Sie werden auch medizinisch geschult und wirken dann als Sanitäter und Ärzte im ganzen Land. Für mich sehen diese kahlgeschorenen jungen Männer und Kinder in ihren dunkelroten Gewändern sehr schön und interessant aus. Im Hauptgebäude der Klosteranlage steht ein 26,5 m hoher Buddha, dessen Original von den Sowjets vermutlich nach Russland verschleppt wurde. Dieser nachgebildete Buddha besteht aus Beton, Stahl und diversen anderen Materialien und hat eine Goldauflage, er sieht sehr beeindruckend und ehrfurchtgebietend aus. In diesem Klosterraum befinden sich Aberhunderte von kleineren Buddhafiguren, Seidenbildern (Tankas) und vielen religiösen Gegenständen, Masken und Holzkassettenbildern an der Decke. Im übrigen sehen die Klöster alle mehr oder weniger gleich aus, und es würde im Rahmen dieses Berichtes zu weit führen, Details zu beschreiben. Überall auf dem Klostergelände fliegen Hunderte von Schwalben durch die frische Luft, und es mutet seltsam an, in diesem fernen, so fremden Land die vertrauten Schwalben vorzufinden.


Danach fahren wir zum naturkundlichen Museum, in dem ua. hervorragend erhaltene Skelette und Teile von Sauriern anzuschauen sind. Die weltweit größten Saurierfunde hat man in der Südgobi gemacht, und ein Teil davon ist hier zu sehen. Dann gibt es in diesem Museum aber auch alles, was an Flora und Fauna in der Mongolei zu Hause ist, und das ist eine ganz erstaunliche Artenvielfalt.

Dann steigen wir wieder in unseren Bus und beginnen die eigentliche Reise, die uns zuerst nach Westen in Richtung Karakorum und Changaigebirge führt. Wir haben wunderbares, sonniges Wetter und sind guter Dinge und voll Abenteuerlust.

Wir sind kaum aus der Stadt heraus, als uns die ersten Herden von Schafen, Ziegen, Rindern und vor allem Pferden begegnen. Und die ersten freistehenden Jurten sehen wir hier auch in einer sanfthügeligen, grün überhauchten Landschaft. Die Teerstrasse wird immer schlechter und weist jede Menge Schlaglöcher auf. Unsere Mittagspause machen wir in herrlicher Steppenlandschaft umgeben von einem umwerfend intensiven Duft nach Kräutern wie Wermut und Kamille. Ich laufe in den Hügeln herum und entdecke einen Wiedehopf, der kurz vor mir hochfliegt. Massenhaft laut schnarrende Heuschrecken fliegen und hüpfen um uns herum. Was für eine andere Welt ist das hier!

Auf der Weiterfahrt sehen wir immer mehr Tiere und vor allem Pferde, die bei der Hitze gerne in Wasserlöchern stehen und nach den Fliegen schlagen. Auch die ersten Kraniche und Greifvögel sehen wir hier. Da es in der Steppe keine Bäume gibt, nisten sogar die Adler auf dem Boden.

 

Man kann sich unschwer diese mißliche Lage vorstellen, und sie tat uns hinterher auch entsprechend leid. Wir fuhren jedenfalls umgehend zurück zum Flughafen, nahmen die aufgelöste Martha auf und versprachen, ihr mit Klamotten und allem anderen auszuhelfen, das war Ehrensache. Und so kam es dann auch, und Martha konnte jeden Tag die neuesten Klamottenkreationen vorstellen. Aber lustig war ihr dabei natürlich nicht zumute, obwohl sie es anfangs mit Fassung trug, als sie hörte, daß ihr Koffer in den nächsten Tagen nachgeschickt würde (das war allerdings eine vergebliche Hoffnung...)

Wir fuhren nun also komplett wieder in Richtung Ulan Bator, als in einer Kurve die Tür aufsprang und Lothar’s im Duty free gekaufte Flasche Edelwhisky auf der Straße zerschellte. Fortan schloß Lothar die Tür immer auf das sorgfältigste, aber der Whisky war zu seinem großen Leidwesen hin! Er wußte sich aber mit flaschenweise mongolischem Wodka und Bier zu trösten....!

Ulan Bator erschreckte mich nicht sehr, denn ich wußte schon, daß es eine häßliche Plattenbauten-Stadt war, ärmlich und weitläufig. So war es auch. Wir fuhren dann gleich zum Denkmal des unbekannten Soldaten und liefen über 300 Stufen bei großer Hitze zum Denkmal hinauf. Der Nieselregen war längst vorbei und einer strahlenden Sonne gewichen. Diese schnellen Wetter- bzw. Temperaturwechsel sind typisch für die Mongolei und sollten uns fortan begleiten. Von diesem Berg aus hatten wir eine gute Übersicht über die große Stadt und die weitläufige Landschaft. Anschließend ging es hinein in die Stadt zur ehemaligen Sommerresidenz des letzten mongolischen Kaisers, dem Bogd Khan. Hier erkannte man starken chinesischen Einfluß an der Bauweise dieser großen, schönen Palastanlage. Im Inneren fanden wir Prachtgewänder, aufwendige Möbel und den Thron vor sowie eine Unzahl an Buddhas, Tankas usw. In der Mongolei ist der tibetische Buddhismus die vorherrschende Religion, und da ist Martin sen., unser Reiseleiter, voll in seinem Element, denn diese sanfte, vergeistigte Religion entspricht sehr seinem Wesen. Selbstverständlich beherrscht er auch den Lotussitz, wie wir noch feststellen konnten. Jedenfalls informierte er uns ab diesem Zeitpunkt äusserst umfassend über den tibetischen Buddhismus, und wir staunten, wie unglaublich viel er darüber wußte. Wir hatten angesichts unserer Müdigkeit und der Hitze jedenfalls einige Mühe, seinen Ausführungen zu folgen und waren froh, als wir dann endlich zum Hotel Amarbaysgalant gefahren wurden, wo jeweils für die Damen und die Herren ein Zimmer gemietet wurde wegen der sanitären Anlagen. Ausser einer wohltuenden Dusche war auch Koffer- und Taschepacken angesagt. Zwar konnten wir während dieser Reise jeden Tag an unsere Koffer, da es keinen Kofferraum gab, sondern diese wegen Platzmangels tagsüber während der Fahrt in den Schlafkojen untergebracht und festgezurrt wurden. Das kannte ich noch nicht und hatte natürlich auch kein Seil zum Festbinden dabei, aber es ging auch so.


Dann sollten wir uns noch mit Mittagsproviant für die folgenden Tage in der Wildnis eindecken. Martin beschrieb uns den Weg zum Supermarkt und meinte, in 3 Minuten wären wir dort. Diese 3 Minuten entsprachen in Wirklichkeit 30 Minuten Fußmarsch, und fortan haben wir bei Zeit- oder Entfernungsangaben immer nachgefragt, ob es sich um „Martin-Minuten" oder echte Angaben handelt. Das hat Martin ziemlich irritiert, aber dann konnte er doch darüber lachen wie wir auch. Dieser Supermarkt befand sich im Erdgeschoß eines Kaufhauses. Für unsere Vorstellungen war das Angebot sehr dürftig, aber nach der Reise hatten wir das Gefühl, ein üppiges Angebot vorzufinden. Es gibt in der Mongolei z.B. keinen Käse, wie wir ihn kennen, sondern eine Art Quark, der in Platten auf den Jurtendächern in der Sonne getrocknet und derart steinhart wird, daß man Angst um seine Zähne haben muß. Dauerwurst und ausländische Konserven, vornehmlich aus Deutschland, waren jedenfalls zu haben, aber so gut wie kein Obst und Gemüse, dafür aber ganz ordentliches Brot und Unmengen Schnaps aller Varianten. Die Mongolen - und nicht nur die - sind bekannt für ihre ausgesprochene Trinkfreudigkeit. Im Hotel füllten wir dann auch unsere Wasserkanister für die Übernachtungen in der Wildnis.

Martin hatte von allen Teilnehmern 100 US-Dollar eingesammelt. 50 Dollar wollte er für jeden in Tugrik, die Landeswährung, umtauschen. 1050 Tugrik entsprechen 1 US-Dollar = ca. DM 2,35 derzeit. Wir haben es bis zum Ende der Reise nur mit Mühe geschafft, dieses Geld auszugeben. Allerdings kann man in den Städten auch mit Dollar bezahlen. Die restlichen 50 Dollar waren eine Vorauszahlung für diverse Eintritte und die fakultative Fahrt zum Orchonwasserfall.

 

Wir gingen durch die Passkontrolle und nahmen dann unsere Koffer in Empfang. Unser Reiseleiter war mit uns geflogen, aber das wußte ich bis dahin noch nicht. Martin war ein smarter 40jähriger mit sehr sanftem, liebenswertem Wesen, der Ethnologe ist und bereits eine Mongoleireise für Roteltours durchgeführt hat. Vor dem Flughafen steht unser Rotelbus und Horst, unser Fahrer für die 3000 km durch die Mongolei. Horst ist ein gestandener, kerniger Bayer in den besten Jahren, der nicht den Eindruck machte, zimperlich zu sein. Und das war er weiß Gott nicht! Unser Rotelbus war ein ganz kompaktes und sehr robustes Fahrzeug (Mercedes) mit 350 PS und insgesamt 26 m Länge. An den Seiten hingen Sandbleche, und die Kühlerhaube wurde von einem Steinbockgehörn geziert. Dieser Bus faßt 350 Liter Trinkwasser und kann 700 Liter Diesel tanken, damit sind wir in der Wildnis also gut ausgerüstet.

 

Am Montag, 16. Juli, war es endlich soweit und mein wochenlanges Reisefieber verwandelte sich in ruhige Gelassenheit und Vorfreude auf die lang ersehnte Mongolei. Superpünktlich wurde ich um 7.30 Uhr von Hildegard und Helmut bei strömendem Regen zum Flughafen nach Friedrichshafen gebracht, und versehen mit zahllosen guten Wünschen checkte ich mein Gepäck durch bis Ulan Bator in der Hoffnung, meinen Koffer dort auch wieder in Empfang nehmen zu können. In Berlin weinte der graue Himmel auch, und da ich noch reichlich Zeit bis zum Abflug nach Ulan Bator hatte, inspizierte ich den Flughafen in aller Ruhe und fand auch gleich den Abfertigungsschalter der Mongolian Airlines, vor dem sich bereits viele Mongolen mit Sack und Pack eingefunden hatten. Wie exotisch wirkten diese Menschen auf mich und wie blaß und fad kamen mir dagegen die Europäer vor! In dem Bewußtsein, in der nächsten Zeit kaum Obst oder Salat zu bekommen, genoß ich noch einen großen bunten Salatteller und fand mich zum verabredeten Zeitpunkt vor dem Abfertigungsschalter ein. Der Airbus 310 der Mongolian Airlines (der von einem Pferdekopf mit wehender Mähne geziert ist), der immer montags und donnerstags ab Ulan Bator nach Berlin via Moskau und zurück fliegt, war um 13.25 Uhr gelandet, und ich hatte angesichts der vielen Mongolen den Eindruck, bereits in einer anderen Welt zu sein. Einige meiner Reisegefährten konnte ich anhand der roten Rotelaufkleber bereits erkennen, dann verloren sich diese aber im vollbesetzten Flieger. Es waren jedenfalls weitaus mehr Mongolen an Bord als Europäer. Um 16.05 Uhr hoben wir ab und sobald wir die erforderliche Flughöhe erreicht hatten, wurden wir von hübschen mongolischen Stewardessen mit Getränken und Essen versorgt. Währenddessen wurde auf den Bildschirmen an der Decke laufend die aktuelle Flugposition auf der Landkarte angezeigt und dann folgte ein wunderschöner Dokumentarfilm über die Mongolei - eine tolle Einstimmung auf diese Reise. In einer mongolischen Wochenzeitung wurde über das aktuelle Sumoturnier in Japan berichtet, an dem auch drei Mongolen teilnahmen. Da ich seit Jahren ein großer Sumofan bin, hoffte ich, in der Mongolei vielleicht das Glück zu haben, mongolische Ringer zu Gesicht zu bekommen.

 

Man stelle sich vor, in einem Meer von Edelweiß zu stehen, das bis zum Horizont reicht und die Wolken berührt.....

Man stelle sich vor, bei der Rast in freier Natur von Hunderten freilaufender Pferde, Yaks, Ziegen und Schafen umgeben zu sein.....

Man stelle sich vor, wochenlang keine Teerstrasse zu sehen, keinem einzigen PKW zu begegnen, kein Flugzeug zu hören oder zu sehen und nur ab und zu ruhigen, friedlichen Menschen zu begegnen, die im Einklang mit der Natur leben in einer grandiosen Landschaft voller Stille und Unberührtheit......

Man stelle sich die kahle Unendlichkeit der völlig schattenlosen Wüste Gobi vor, von deren Grausamkeit Tierskelette zeugen und die einem die eigene Verletzlichkeit vor Augen hält.....


Man stelle sich vor, nach mehreren Tagen Rüttel- und Schlaglochpiste, gigantischen Staubwolken und Hitze den Luxus sauberen Wassers auf dem Körper genießen zu dürfen.....

Man stelle sich vor, das nächste Telefon erst in 100 km Entfernung zu finden, das dann nicht funktioniert......

Man stelle sich vor, unseren Maßstab, unsere Lebensanschauung und unsere Ansprüche zu vergessen und sich zu reduzieren auf das Wesentlichste......

 

Sibirien - Baikalsee - Transsibirische Eisenbahn

vom 16.7. bis 6.8.2001

Dieses beeindruckende Land ist nicht zu beschreiben, man muß es mit eigenen Sinnen erleben! Es ist anders als alle Länder, die ich bisher gesehen habe. Sollte ich künftig den Begriff Freiheit definieren, so brauche ich nur zu sagen: Mongolei!

Man stelle sich ein Land vor, das fünfmal so groß ist wie die BRD und nur 2,4 Mio Einwohner zählt, wovon allein in der Hauptstadt Ulan Bator 500.000 leben.....

Man stelle sich vor, daß es in diesem Riesenland keinen einzigen Zaun gibt, aber rd. 24 Mio. Haustiere, die alle frei laufen.....

Man stelle sich vor, daß es in diesem Land fast keine Bäume und Sträucher gibt, dafür unendliche Weiten grüner Steppe mit dem intensiven Duft von Wermut und Kamille.....