Indien Reisebericht:
(Kein Hauch von) Millennium
Wir arbeiteten gerade für das Komitee 'Ärzte für die 3. Welt' in Slumgebieten von Kalkutta und freuten uns, über Sylvester die Hektik dieser Stadt gegen grüne Landschaft und Ruhe eintauschen zu können.
Am Rande der Sunderbans, dem Gangesdelta, liegt ein Tuberkuloseprojekt, welches von unserem Komitee unterstützt wird und das wir besuchen wollten. Hierzu wurden wir von Babul, einem der Fahrer des Projektes, abgeholt und über holprige Straßen nach Bhangore gebracht. Unterwegs stoppte er kurz an einem Markt, um - wie er sich ausdrückte - 'marketing' zu machen; das ist wohl das indische Pendant zu 'shopping'.
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Mr. Wohab, der Initiator und Direktor des Tb-Projektes, nahm uns herzlich in Empfang, führte uns durch das Krankenhaus und informierte uns ausführlich über das Projekt. Mittels eines sehr effektiven Schneeballsystems wurden unter anderem ehemals Tb-Kranke in ihrem jeweiligen Dorf zum Gesundheits-Obmann ernannt, um Neu-Erkrankte zu unterstützen und als gutes Beispiel zu zeigen, daß Tuberkulose bei Durchhalten der langdauernden Therapie heilbar ist und nicht zu sozialer Ausgrenzung führen muß. Da viele Kranke das Geld für den Weg ins nächste Krankenhaus und die Behandlung nicht aufbringen können, fahren Mitarbeiter des Programms in die Dörfer zu den Patienten. Um in den von vielen Wasserwegen durchzogenen Sunderbans auch entlegenere Dörfer zu erreichen, wurden eigens vier mit Röntgeneinheiten ausgestattete Boote eingesetzt. Kombiniert mit einer breiten Gesundheitsaufklärung und weiteren Maßnahmen konnten schon beeindruckende Erfolge verbucht werden.
Da wir gerade den 31.12.1999 schrieben, meinten wir, man könne wohl zuversichtlich ins bevorstehende Jahrtausend blicken, ernteten jedoch nur ein Lächeln. In vielen Teilen der Welt wurde bereits Monate im voraus ein ziemlicher Wirbel um die Jahrtausendwende veranstaltet, nur hier kümmerte es kaum einen, erklärte uns Mr. Wohab. In Kalkutta, wo viele Religionen nebeneinander existieren, hatten wir noch vereinzelte 'Happy Millennium'-Schilder und Girlanden gesehen. Im ländlichen Westbengalen jedoch lebten die Menschen nach einer anderen Zeitrechnung: Der bengalische Kalender zeigte das Jahr 1406 und erst in etwa einem Vierteljahr sollte das Jahr 1407 folgen. Da also eine Jahrtausendwende (oder auch nur ein 'banaler' Jahreswechsel) in weiter Ferne lag, war von Feierlichkeiten nichts zu merken. In Deutschland wurden vermutlich Tausende bengalischer Lichter abgebrannt, lediglich in Bengalen selbst gab es davon keine Spur. Nur im einzigen Fernseher des Krankenhauses, den sich eine der Krankenschwestern wenige Tage zuvor gekauft hatte, liefen Übertragungen aus Fidschi, Australien und Indonesien, wo das neue Jahrtausend bereits lautstark gefeiert wurde.
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Das Bier, das wir extra zum Anstoßen mitgebracht hatten, lag einsam und vergessen im sicher verschlossenen Auto. So auf dem Trockenen sitzend legten wir uns gegen 22:30 Uhr hin und verschliefen das Millennium.
Auch wenn der Rummel, der in Deutschland schon über Monate betrieben worden war, mir vielleicht anderes einreden wollte, so hatte ich doch das Gefühl, genau zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein.
Schließlich begrüßten auch wir das neue Jahrtausend und stießen am 1.1.2000 mit frisch geernteten Kokosnüssen an.
