Island Reisebericht: Herausforderung Island!
Island hat eine Gesamtfläche von 103.000 km2 (das entspricht ungefähr der Größe der neuen deutschen Bundesländer), ist zwanzig Millionen Jahre alt und ausschließlich vulkanischen Ursprungs. Aufgrund der Plattentektonik der amerikanischen und eurasischen Erdplatte kommt es immer wieder zu Vulkanausbrüchen und Erdbeben. Island liegt nämlich genau an der Kreuzung des mächtigen mittelatlantischen Rückens und des Schottland-Grönland Rückens. Die höchsten Gipfel des Rückens ragen sozusagen über die Meeresoberfläche hinaus und bilden die Insel.
Unsere erste Reise 1996 plante mein Vater. Sie sollte uns zu allen bekannten Sehenswürdigkeiten des Landes führen. Wasserfälle, Geysire, Gletscher und Vulkane, aber auch Kirchen und Städte standen auf dem Programm. Einen Teil der Strecke legten wir im Bus zurück, sonst hätten wir nie so viel zu sehen bekommen. Und nun geht es endlich los.
per Rad ----------- per Bus
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Ich sitze dick eingemummelt auf dem Zeltplatz in Reykjavík, starre auf den Campingkocher und hoffe, dass das Wasser bald kocht. Ich brauche dringend etwas Warmes in den Bauch, mir ist kalt, ich bin müde und hungrig. Unsere erste Tütensuppe …
Der Flug von Frankfurt/Main nach Keflavík dauert nur drei Stunden. Das Personal am isländischen Flughafen hat sich augenscheinlich an Radtouristen gewöhnt. Freundlich professionell werden und sie Räder zugeschoben. Leider dürfen wir sie nicht im Flughafengebäude aufrüsten, sondern werden nach draußen verwiesen. So mache ich die erste Bekanntschaft mit dem kalten Wind in Island. Die 40 Kilometer bis in die Hauptstadt Reykjavík legen wir spontan im warmen Bus zurück, der vor dem Flughafengebäude startet und uns direkt vor dem Zeltplatz absetzt.
Nun sitze ich hier auf isländischen Boden. Das Zelt steht windgeschützt an einer großen Hecke und wir haben nur das Nötigste ausgepackt. Es ist schon spät am Abend, fast Mitternacht. Aber eine warme Suppe muss einfach sein vor dem Schlafen! Tütensuppe mit Nudeln – die sollte es während der gesamten reise für uns zum Abendbrot geben. Sie wiegen nicht viel, nehmen in den Satteltaschen nur wenig Platz weg, die Nudeln machen satt und saugen die Suppe beim Kochen gleich mit auf. Das ist äußerst praktisch! Aber ich kann Ihnen sagen: nach vierzehn Tagen Tütensuppen kann ich keine mehr sehen.

Ebenso wie besagte Tütensuppen und Nudeln haben wir auch Milchpulver, Zucker und Haferflocken in großen Mengen aus Deutschland mitgebracht. Alles andere wie Brot, Käse und Margarine besorgen wir uns am nächsten Morgen in einem kleinen Laden in der Nähe des Hafens.
Wieder zu Hause werde ich gefragt, wieso wir denn dauernd dasselbe gegessen hätten. Also, wenn man mit dem Fahrrad unterwegs ist, kann man wirklich nur das Nötigste mitnehmen. Und zum Nötigsten in Island gehören warme Sachen, Regenbekleidung und sämtliche Fahrradersatzteile samt Werkzeug, um Pannen beheben zu können. Natürlich gibt es auch in Island Supermärkte oder auch kleiner Lebensmittelgeschäfte, aber sie befinden sich nur in den Ortschaften. Und die liegen, jedenfalls wenn man mit dem Fahrrad unterwegs und kein Rennfahrer ist, mehrere Tagesreisen auseinander. Und im Hochland gibt es einfach nur Natur. Daher ist es ungeheuer wichtig – und kann sogar überlebenswichtig werden – genügend transportabel und satt machende Lebensmittel im Gepäck zu haben.
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An unserem ersten Morgen auf Island führt uns der Weg erst in ein Lebensmittelgeschäft, dann die Straße aus Reykjavík heraus und ein Stück an der Küste entlang. Am Horizont sind die ersten mächtigen Berge zu sehen. Regenverhangen und dunkel schauen sie zu uns herüber. Sobald wir die teils dreispurigen Zubringerstraßen der Hauptstadt verlassen haben, wird die Landschaft zunehmend einsamer, das Grün der Küste verwandelt sich ein Braungrün. Hier und da sieht man ein paar eingezäunte Pferdekoppeln, jedoch kaum noch einen Hof. Bäume sind weit und breit nicht zu sehen. Es heißt, dass einst die gesamte Insel mit Bäumen bewachsen war, bevor sie zu Brenn- und Bauholz verarbeitete wurden. Von dieser radikalen Rodung hat sich Island bis heute nicht erholt. In mühsamer Arbeit wird jetzt versucht, wieder aufzuforsten. Aber die Bäume bleiben klein, benötigen sehr sorgfältige Pflege und nur wenige Sorten zeigen sich dem Klima gewachsen.
Ein leichter Nieselregen setzt ein und wir ziehen zum ersten Mal auf dieser Reise unsere Regenjacken an. Zwischendurch machen wir immer wieder Fotopausen und bestaunen die einsame, schöne Landschaft Islands. Nach 63 Kilometern erreichen wir den Nationalpark þingvellir, diesen riesigen Grabenbruch, der sich genau über dem mittelatlantischen Rücken befindet und pro Jahr zwei bis drei Zentimeter in die Breite wächst.
Erst genießen wir den weiten Blick von einem Aussichtspunkt, dann radeln wir zwischen zwei hohen Felswänden ins Tal hinunter. Eine Straße zweigt zu den gut erhaltenen Häusern ab, in denen am 17. Juni 1944 die Republik Island ausgerufen wurde. Doch schon sei 930 n. Chr. wurde hier Versammlungen abgehalten und Recht gesprochen.
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Wir radeln ohne Besichtigungspause vorbei an klaren, geheimnisvoll gurgelnden Wasserläufen, durch grüne Wiesen und auf der anderen Seite wieder hinaus aus dem Tal. Bisher sind wir auf geteerten Straßen gefahren, doch nun besteht die Straßendecke aus Lehm und Steinen. Oft schieben wir die Räder, denn um den vielen Schlaglöchern auszuweichen, müssten wir Slalom fahren. Und den isländischen Straßenslalom beherrschen wir noch nicht.
Wir sind so mit den Schlaglöchern und der Straße beschäftigt, dass wir prompt die richtige Abzweigung verpassen. Es dauert einige Zeit, bis wir unseren Irrtum bemerken. Inzwischen sind wir acht Kilometer am þingvallavatn entlanggefahren. Hier stehen ein paar Ferienhäuser und nach beherztem Nachfragen und einem gemeinsamen Blick auf die Karte werden wir freundlich wieder zurückgeschickt. Immerhin haben wir jetzt Rückenwind und kommen gut voran. Doch kaum sind wir auf der richtigen Straße, geht der Nieselregen in richtigen Regen über. Und wenn es in Island regnet, dann regnet es. Ununterbrochen und in dicken Schnüren, wie bei einem Gewitterguss in Deutschland. Isländischer Nieselregen würde ich daher zum Vergleich als „erhöhte Luftfeuchtigkeit“ bezeichnen. Es ist unser erster Tag in Island. Wer kann es uns verübeln, dass wir die Wetterlage unterschätzen? Klatschnass kommen wir schließlich in Laugarvatn an, bauen das Zelt auf und müssen uns dann erst einmal an heißem Automatenkakao des Zeltplatzes aufwärmen.
Von Laugarvatn gibt es nicht viel zu berichten. Ein kleines Örtchen direkt am See mit insgesamt 250 Einwohnern. Aber hier steht nach Reykjavík das größte Schulzentrum. In den Sommerferien wird es, wie übrigens alle Schulen in Island, als Hotel bzw. Schlafsackunterkunft genutzt.
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In der Nacht nimmt der Wind zu und am nächsten Morgen ist der Himmel dunkel und grau. Ungefähr 34 regennasse Kilometer liegen vor uns. Obwohl ich mich diesmal gleich in mein Regenzeug hülle, bin ich bald völlig durchnässt. Die Regenhose ist zwar wunderbar neongelb und gut sichtbar, aber jetzt eher Zierde als Schutz. Sie hält dem isländischen Regen einfach nicht stand. Der läuft mir in den Kragen hinein, die Beine hinunter, staut sich in den Wanderstiefeln, bis es auch aus denen überläuft. Nur nicht anhalten, immer schöne in Bewegung bleiben, sonst gefriere ich zu einer Eissäule.
Am Horizont hebt sich in regelmäßigen Abständen eine weiße Wolke in den Himmel. Das muss er sein der berühmte Geysir, unser heutiges Ziel. Vom Regen durchweicht erreichen wir das Gebiet der blubbernden Wassertöpfe. Zuerst müssen wir uns unbedingt „trockenlegen“. Es gibt hier einen kleinen, kargen Zeltplatz, eine Tankstelle mit einem kleinen Laden und ein Hotel mit Schwimmbad, das für weniger gut Betuchte die billigere Variante der Schlafsackunterkünfte anbietet. So durchgefroren wie wir sind, beschließen wir, uns diesen Luxus zu gönnen. In der Unterkunft ziehen wir uns als erstes trockene Sachen unter die durchnässte Regenkleidung und gehen dann auf Entdeckungstour.
Die Rauchfahne, die wir aus der Ferne gesehen hatten, stammt gar nicht vom großen Geysir, dem Namenspatron für alle spuckenden Wasserlöcher dieser Welt, sondern von seinem kleinen Bruder, dem Strukkur, zu deutsch: Butterfass. Alle zehn Minuten schleudert er seine Wasserfontäne in die Luft. Zuerst liegt das Wasser fast still in dem kreisrunden Becken. Dann steigen kleine Blasen auf, größere folgen – und dann schießt auf einmal die Fontäne in die Höhe. Langsam wird sie wieder kleiner, sinkt in sich zusammen und verschwindet in einem kleinen Strudel in der Tiefe. Dann ist alles wieder still.
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Wie aber funktioniert so ein Geysir? Unten in einem Quellrohr wird Wasser auf 103-104°C überhitzt. Doch es kann nicht kochen, weil der Druck im Förderkanal durch das Gewicht der Wassersäule höher als an der Oberfläche ist. Dadurch kommt es zu einer Verschiebung des Siedepunkts. Das überhitzte Wasser wird leichter und steigt nach oben. Dort erreicht es bereiche der Wassersäule, in denen der Druck geringer ist, das Wasser verdampft augenblicklich, die darüber stehende Wassersäule wird aus dem Quellrohr geschleudert, der Wasserdampf kann entweichen.
Der große Geysir dagegen liegt ganz still da. Nur der Wind kräuselt die blaue Wasseroberfläche. Doch es gibt noch mehr zu entdecken. Große und kleine Erdlöcher, in denen es dampft und blubbert. Löcher, in denen das Wasser in allen Farben schimmert und ich bis auf den Grund sehen kann. Ich fürchte durch die Erde zu brechen, so dünn sieht sie an manchen Stellen aus.
Als der Regen am späten Nachmittag endlich aufhört, fahren wir ohne Gepäck zum nur drei Kilometer entfernten Gullfoss. Auf deutsch heißt das „Goldfall“, und wenn die Sonne scheint, trägt er diesen Namen sicher zu Recht. Doch auch im grauen Licht sieht er sehr eindrucksvoll aus. Das Wasser tobt und rauscht, die Gischt sprüht mit dem Wind bis zu uns herauf. Auf glitschigen Trampelpfaden tasten wir uns vorsichtig an die Wasserkante hinunter. In Island sind solche Sehenswürdigkeiten nicht eingezäumt, für die Sicherheit ist jeder selbst verantwortlich. Ein bisschen unheimlich ist mir schon – doch der Anblick ist wunderbar. Ich fühle mich überwältigt.
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Wohlig in unsere Schlafsäcke gehüllt besprechen wir den folgenden Tag. Dieser erste Radtag, vor allem aber der Regen, hat uns sehr ernüchtert. Daher beschließen wir, die Strecke über das Hochland nach Akureyri sicherheitshalber im Bus zurückzulegen.
Kein Regentropfen fällt am nächsten Morgen vom Himmel. Bis der Bus kommt, wandere ich noch einmal an den vielen warmen Quellen entlang. Ja, heute glaube ich, dass der Strokkur seine Fontäne 25m hoch in die Luft schleudert.
Als dann der Bus kommt, ist der Fahrer nicht sonderlich erstaunt, als wir ihn bitten, unsere Räder mitzunehmen. Er montiert einfach zwei Haken an die Vorderfront und hängt sie kopfüber an. So ganz wohl ist mir bei dieser kreativen Transportart nicht. Unterwegs machen wir an einem Wintersportort und an weiteren heißen Quellen Halt, um neue Fahrgäste aufzunehmen. Ansonsten verläuft die Busfahrt völlig ereignislos. Schläfrig schaukeln wir in den bequemen Bussitzen dahin und verbringen die Nacht auf dem Zeltplatz inmitten der Stadt Akureyri.
Den heutigen Tag beginnen wir mit Reifenflicken. Und das am Geburtstag meines Vaters! Er ist beim Aufbruch durch eine Glasscherbe gefahren, und nur mit Hilfe einer Nagelfeile können wir die Splitter aus dem Schlauch herausoperieren. Doch das dauert so seine Zeit. Der Bummel durch die Stadt fällt dann auch kürzer aus als geplant, denn wir haben noch ein ganzes Stück weg vor uns. Wir füllen die Essensvorräte auf und kaufen dabei einen süßen, klebrigen Geburtstagskuchen. Die Läden in der Fußgängerzone sind auf Tourismus ausgerichtet, denn im Hafen legen neben den Fischerbooten große Luxusliner an. Nur die 1940 erbaute Stadtkirche oben auf dem Berg besichtigen wir, dann hat uns die Straße wieder.
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Erst einmal umrunden wir den Fjord Eyjarfjörthur, dann komme ich ziemlich ins Schnaufen. Es geht bergauf, bergauf, bergauf, dreizehn Kilometer lang. Meine Gedanken gehen auf Reisen, während sich die Beine selbständig auf den Pedalen im kleinsten Gang abstrampeln. Mein Vater hat mehr Kraft und ist mir weit voraus. Aber er wartet oben auf der Bergkuppe auf mich, und gemeinsam genießen wir eine lange Abfahrt.
Nach 49 Kilometern erreichen wir den drittgrößten Fluss Islands: den 178 Kilometer langen Skjálfandafljót. Seit achttausend Jahren gräbt er sich sein Bett in das Basaltgestein und hat so den Goðafoss, den „Fall der Götter“, geschaffen. Der Name stammt aus der Zeit der Christianisierung, als hier Götterstatuen ins Wasser geworfen wurden. Zehn Meter fällt das Wasser hinunter. An den Steinwänden kann ich die einzelnen Formationen vergangener Vulkanausbrüche und Erdverschiebungen erkennen. Es ist schön hier. An einen Fels gekuschelt genieße ich windgeschützt den Blick
Ein paar Touristen sind auch unterwegs, aber wir kommen uns gegenseitig nicht ins Gehege. Überhaupt ist unsere Kontaktaufnahme zu Einheimischen oder anderen Touristen auf ein Minimum begrenzt. Es gibt einfach keine Gelegenheit dazu. Das Bezahlen von Lebensmitteln, Zeltplätzen oder Busfahrkarten eignet sich für Bekanntschaften nicht.
Der Weg führt uns weiter nach Osten, auf den festen Lehmstraßen kommen wir gut voran. Ein paar Schafe nehmen vor unseren surrenden Rädern Reißaus. Da der Mývatn, der Mückensee, unter Naturschutz steht und dort nicht wild gezeltet werden darf, schlagen wir unser Nachtquartier kurz vor dieser imaginären Grenze auf. Kein Schild weist auf den Beginn des Schutzgebietes hin, die Grenzen sind nur der Karte zu entnehmen. Das ist eine der isländischen Phänomene, die mich beeindruckt haben. Keine eingezäumten Sehenswürdigkeiten, keine Geldmacherei und das Vertrauen in uns Touristen, dass wir das Land schützen und uns an die Vorschriften halten.
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So mancher Nichtzelter wird sich vielleicht fragen, wie so ein Zeltleben fernab von Zeltplätzen aussieht? – Das Wasser zum Trinken und essen stammt aus den Flüssen, Seen und Bächen, an denen wir vorbeikommen. Wo sich eine Gelegenheit bietet, werden die Trinkvorräte aufgefüllt. Das Wasser ist kristallklar und eiskalt, nur das Wasser der Gletscherflüsse ist etwas sandig. Aber das macht uns weiter nichts, denn schon bald ist auch unsere Margarine sandig und der Käse durch die Satteltaschen weich und gequetscht. Wird das Wasser knapp, fällt das Waschen aus, denn dann brauchen wir es für unser Essen.
Ich bin auch nicht besonders outdoortauglich. Anders als der Islandautor Christian Hannig, der anscheinend des öfteren in den Flüssen gebadet hat, habe ich mir erlaubdt, solche Luxusgüter wie Waschlappen mitzunehmen und wasche mich damit „scheibchenweise“. Es ist mir sonst einfach zu kalt! An einem extrem sonnigen Tag hat mein Vater +15°C Lufttemperatur gemessen, und das mitten im Sommer. Also, erst oben herum gewaschen und schnell angezogen, dann die untere Hälfte.
Auch die WC-Gänge sind eine Sache für sich. Unterwegs sucht man sich einfach ein nettes Plätzchen neben der Straße – und wie das in solchen Momenten immer ist: kaum hockt man friedlich irgendwo, kommt jemand vorbei. An unseren Übernachtungsplätzen haben wir dann immer eine WC-Ecke bestimmt. Da auch Exkremente klimabedingt nur sehr langsam verrotten kommen wir der Natur etwas zur Hilfe. Wo es von der Erdbeschaffenheit möglich ist, graben wir Kuhlen in den Boden, Toilettenpapier (von zu Hause mitgebracht) wird nach dem Gebrauch verbrannt. Und so haben wir es an all unseren Rastplätzen außerhalb der offiziellen Zeltplätze gehalten.
Nach einer morgendlichen Wäsche im eiskalten See (ausnahmsweise war ich ganz mutig und bin in die Fluten gestiegen), sättigendem Frühstück mit Seewasser, Milchpulver, Haferflocken, Zucker und Instantkaffee und einem schon sehr routinierten Zeltabbau, strampeln wir uns auf den Rädern in den Naturschutzpark hinein. Die Umgebung des Mývatn ist von vergangenen Vulkanausbrüchen geprägt. Hinter uns die Bergketten, teilweise mit Schnee bedeckt, vor uns ein sattes grün mit schwarzen, phantasievollen Steingebilden aus Lava. Leider wird die Straße quer durch das Lavafeld gerade von Planierraupen begradigt. Die Baufahrzeuge machen einen riesigen Lärm, nehmen uns die schöne Sicht und zwingen uns, mehr auf die Straße als auf die Landschaft zu achten.
Der Mývatn ist mit 38km2 die drittgrößte Wasserfläche Islands, wenn auch die durchschnittliche Wassertiefe nur bei 3m2 liegt. Es ist ein Paradies für Vögel, die sich an den zahlreichen Mücken und Fliegen satt fressen können und hier ideale Brutplätze finden. Der See ist mit vielen vulkanischen Inseln übersäht, die wiederum mit unzähligen Pseudokratern besetzt sind. Pseudokrater sehen ein bisschen aus wie Mondkrater oder kleine Minivulkane. Sie entstehen, wenn sich glühende Lava in den See ergießt und das Wasser plötzlich zu Dampf erhitzt. Das führt zu vielen kleinen Explosionen, die die Erde aufreißen und die Krater erschaffen.
Ein paar dieser Krater kann man besichtigen, doch ich bin nicht so begeistert von diesem Ausflug. Es sind zwar keine Mücken, aber hinterhältige kleine Fliegen, die mir unbedingt in Augen, Ohren, Nase und Mund kriechen wollen. Schließlich hülle ich meinen Kopf komplett in ein Tuch ein, aber so sehe ich mehr Tuch als Landschaft.
Am späten Nachmittag richten wir unser Nachtquartier auf dem Zeltplatz ein und brechen zu einem Abendspaziergang auf. In der Nähe des Sees sollen zwei geothermisch aufgeheizte Quellen liegen, in einer soll man gar baden können. Erst folgen wir einem ausgetretenem, sandigen Trampelpfad, der sich bald verliert. Über eine halbe Stunde laufen wir in der Gegend herum, bis wir durch Zufall den Eingang zu einer der beiden Grotten finden. Vorsichtig klettern wir über dicke runde Steine hinunter und bestaunen dort im Zwielicht eine spiegelglatte, dampfende Wasseroberfläche. Nein, hier bade ich lieber nicht; ich bin ja kein Ei, dass gekocht werden müsste.
Mein Vater hat einen ausgezeichneten Orientierungssinn und führt uns geradewegs zum Zeltplatz zurück. Unterwegs finden wir auch noch die andere Wasserstelle. Es ist ein kleines Becken, kleiner als eine Badewanne, und liegt tief in der Erde. Ein Seil hängt an der Wand und ersetzt die Treppe. Aber auch hier möchte ich nicht baden, das ist mir zu unheimlich. Der platz reicht ja gerade zum Wassertreten. Das wäre für mich auch kein Vergnügen und meinen Kletterkünsten traue ich auch nicht.
Es ist spät geworden, als wir endlich beim Zelt sind. Hier in Island sind wir der Mitternachtssonne ein ganzes Stück näher und so richtig dunkel wird es nicht. Schweigend sitzen wir vor dem Zelt, genießen den Blick auf den Mývatn und hängen unseren Gedanken nach.
Für heute haben wir eine lange Strecke mit vielen Sehenswürdigkeiten geplant. Hinter dem nächsten Bergrücken befinden wir uns mitten in einer vom Vulkanismus geprägten Urlandschaft. Der Boden ist schwefelgelb, in den nahen Hügeln dampft es. Hier steht eine Kieselgurfabrik und ein Dampfkraftwerk, dass Wasserdampf aus dem Erdinnern zur Stromerzeugung benutzt.
Wir lassen die Räder stehen und gehen zu Fuß einen kleinen, erloschenen Vulkan herauf. Auch hier kommt heißer Dampf aus der noch warmen Erde und unsere Schuhe hinterlassen tiefe Spuren im Sand. Ich finde es irgendwie unheimlich und faszinierend zugleich. Was für eine Kraft doch die Erde hat!
Eine Hügelkette weiter stehen wir zwischen mit Schlamm gefüllten blubbernden Erdlöchern, den Solfataren. Es riecht penetrant nach Schwefel, und auch hier ist die Erde schwefelgelb. Die Erdoberfläche ist brüchig, Holzstege führen zwischen den einzelnen Schlammlöchern hindurch, andere Wege sind mit Seilen gesichert. Trotzdem entdecke ich am Rand eines Schlammlochs einen deutlichen Stiefelabdruck. Wie alt mag er sein? Von wem stammt er? Unbeantwortet bleibende Fragen. Es ist ein schauerlich schöner Ort, ein Ort, an dem Geschichten von Hölle und Geistern entstehen können.
20 Kilometer weiter verlassen wir die Ringstraße und machen uns auf den Weg zum größten Wasserfall Islands, dem Dettifoss. Ein Verkehrsschild weist uns darauf hin, dass diese Piste nur für Fahrzeuge mit Vierradantrieb zugelassen ist. „Na ja,“ denke ich mir, „zwei Beine plus zwei Räder macht auch vier.“ Oder? Stunden später bin ich am Jammern. Oh, mein armer Hintern. Die Straße hat sich in ein Waschbrett verwandelt, das Grün ist einer Steinwüste gewichen und der Wind fegt ungehindert über uns hinweg. Schon bald fängt mein Fahrrad an zu klappern und klagt mir auf diese Weise sein Leid. Immer wieder muss ich anhalten, um Schrauben an Satteltaschen und Rad nachzuziehen. Wir schieben mehr als dass wir fahren und kommen nur langsam voran. Die Mittagspause hinter einem großen Stein fällt nur sehr kurz aus. Wir müssen weiter.
Dann erreichen wir endlich den Dettifoss. Das Fluss Jökulsá á Fjöllum hat sich im Laufe der Zeit tief in das Gestein gefressen. Donnernd stürzt das Wasser 44 Meter in die Tiefe, der Grund ist in der Gischt nicht zu sehen. Auch hier ist nichts abgesperrt und mein Vater wagt sich beunruhigend dicht an den Fluss heran, um ein paar Fotos zu machen.
Der Dettifoss mag zwar der größte und wasserreichste Wasserfall sein, besonders schön finde ich ihn nicht. Das Wasser kommt aus dem großen Gletscher Vatnajökull im Süden der Insel und ist deswegen sandig und grau. Aber er ist schon sehr gewaltig, das stimmt. Wir gehen ein Stück flussaufwärts und kommen an einen kleineren Wasserfall, den Selfoss. Hier fällt das Wasser durch viele kleine Spalten. Im Gegensatz zum Dettifoss wirkt dieser Wasserfall geradezu lieblich.
Nachdem wir uns satt geschaut haben, radeln wir weiter. Wir radeln und radeln und die Trolle scheinen sich einen Spaß daraus zu machen, immer neue Hinweisschilder zum Zeltplatz (wir sind immer noch im Naturschutzgebiet und dürfen nicht frei zelten) mit immer neuen Kilometerangaben aufzustellen. Die Dämmerung ist über uns hereingebrochen, die Pistenqualität ist weiterhin schlecht und durch die Stille klingt der monotone Pfiff eines Vogels. Ich habe die Hoffnung längst aufgegeben, in dieser Nacht noch einmal in meinen Schlafsack zu kriechen – da erreichen wir gegen 23°° Uhr endlich mit wundem Sitzfleisch unser Nachtlager. Ungefähr 56 Kilometer sind wir heute insgesamt gefahren; mir reicht es.
Auf dem Zeltplatz gibt es in kleines Klohäuschen und mitten auf der Wiese einen einsamen Wasserhahn mit kaltem Wasser. Da ist alle an sanitärer Einrichtung. Eben Camping à la Island. Im Augenblick ist mir alles gleich, ich habe nur den Wunsch, mich von oben bis unten kalt abzuwaschen. Und das tue ich dann auch voller Hingabe.
Ah, tut das gut, die wunden Stellen zu kühlen. Und nun nichts wie schlafen, schlafen, schla…
Der Zeltplatz liegt in einem sehr tiefen Tal. Auch hier fließt der Jökulsá á Fjöllum als breiter Strom hindurch. An einer Flussbiegung sehen wir beim morgendlichen Spaziergang die beiden Steine „Karl und Karling“. Welche Eigenschaften oder Kräfte ihnen zugeschrieben werden, habe ich vergessen. Vielleicht erwachen sie ja in den Nächten zum Leben und treffen sich mit Wichteln und Gnomen?
Kaum brechen wir wieder mit unseren Rädern auf, beginnt es zu regnen. Nach einem kurzen Zwischenstopp im Tal Asbyrgí, dem nördlichsten Punkt unserer Reise, legen wir die nächsten dreiundvierzig Kilometer hauptsächlich schiebend zurück. Die Masse an Schlaglöchern und herumliegenden Steinen macht das Fahren zu einem wahren Parcours. Außerdem haben unsere werten Hinterteile noch etwas Erholung nötig… Und schon ziehen neue Regenwolken beharrlich neben uns her. Zuerst schicken sie einen wunderschönen Regenbogen, dann begießen sie uns. Zurück bleiben lehmige Pfützen, deren Schlamm sich heimtückisch in sämtliche Ritzen meiner Radkette festsetzt. Bevor wir weiterfahren können, muss ich mein Rad erst einmal entrümpeln.
Insgesamt brauchen wir drei Tage bis nach Egilsstaðir, dem östlichsten Punkt unserer Reise. Wir folgen einfach nur der Straße und geben uns dem Radfahren hin. Erst noch auf einer Nebenstraße, dann mit leichtem Gefälle auf der hier geteerten Ringstraße. Wir rollen quasi bis auf den Zeltplatz von Egilsstaðir. Daneben steht ein großer Supermarkt, und wir fallen, kaum steht das Zelt, wie ausgehungerte Heuschrecken über die Lebensmittel her.
Wir können uns kaum beherrschen, doch bevor wir schlemmen, wird Wäsche gewaschen, die Grundordnung in den Satteltaschen wieder hergestellt und wir selber unterziehen uns in den windgeschützten Waschräumen mit warmen Wasser einer gründlichen Säuberung. Aber dann – dann fallen wir über eine Riesenportion Nudeln (ganz ohne Suppe), köstlichen Trinkjoghurt und Schokolade her. Himmlisch.
Sanft schaukeln wir schläfrig in bequemen Sitzen hin und her. Wir legen die 303 Kilometer bis Höfn mit dem Bus zurück. Beim Anblick aus dem Fenster sind wir froh, nicht auf dem Rad zu sitzen. Da hätten wir nur sehr wenige geeignete Plätze für ein Nachtlager gefunden. Links von uns fällt das Land steil ins Meer hinunter, rechts von der Straße gleich der Bergkamm.
Es ist schon Abend, als wir in Höfn ankommen. Trotzdem fahren wir noch ein Stück weiter, um unser Nachtlager an einer Gletscherzunge des Vatnajökull aufzuschlagen. Auf dem Weg dorthin müssen wir das erste Mal ein kleines Flüsschen, eher einen Bach, furten. Das Wasser ist ganz klar, ich kann jeden Stein erkennen. Da ich keine nassen Schuhe bekommen will, ziehe ich die Sandalen an und schiebe mein Rad hindurch. Hurra, meine erste „Furt“!
Am Gletscher angekommen schleppen wir unser gesamtes Gepäck, einschließlich der Räder, einen sehr steilen Abhang hinunter, um ganz nah am Wasser zu sein. Ruhig schwimmen ein paar Eisberge auf der Lagune, der Gletscher spiegelt sich im Wasser. In der Nacht ist es ganz still, nicht einmal der Wind ist zu hören. Es ist so unbeschreiblich schön.
Am nächsten Morgen herrscht hier unten an der Lagune immer noch Windstille. Das Wasser liegt spiegelglatt, die gestrigen Eisberge sind über Nacht geschmolzen.
Das Waschen wird zur Kältetherapie. Mein Geplansche zerstört die Wasseroberfläche und lässt das Spiegelbild in sanften Wellen zerlaufen.
Durch die kleine Furt geht es zurück auf die Ringstraße. Sie ist im Süden Islands fast durchgängig geteert, und so kommen wir gut voran. Zu unserer rechten Seite liegt der Gletscher, zur linken das Meer. Die Sonne strahlt vom blauen Himmel herunter und lässt mich alle vorangegangenen Regentage vergessen. Ein paar Kilometer weiter halten wir an der Lagune Jökulsárlon. Auch sie gehört zum Gletscher Vatnajökull. Wunderschöne Eisberge schwimmen auf dem Wasser. Ebenso ein Motorboot, das uns Touristen dann auch gleich zu den Eisbergen schippert. Die schwarze Färbung im Eis sind Ascheablagerungen vergangener Vulkanausbrüche. Und je blauer das Eis, desto älter ist es. Die Eiskristalle verändern sich durch den auf ihnen lastenden Druck neuer Eisschichten und rufen so die Blaufärbung hervor.
Während der Fahrt auf der Lagune ist es windig und kalt geworden. Dunkle Regenwolken sind aufgezogen, die ich vor lauter Fotografieren kaum bemerkt habe. Wieder an Land ziehen wir sofort unsere Regenkleidung an. Keine Minute zu früh, dann setzt strömender Regen ein, der uns bis in den Schlaf hinein begleitet.
Es regnet und regnet, die ganze Nacht hindurch. Als ich aus dem Zelt krieche, ist der Bach, an dessen Ufer wir unser Lager aufgeschlagen haben, auf die doppelte Größe angeschwollen. Der Wind rüttelt an den Spannseilen. Wir bleiben noch ein bisschen im Zelt, vertreiben uns die Zeit mit Würfelspielen und warten, ob der Wind die Regenwolken fortpustet. Doch er tut uns nicht den Gefallen. Da hilft alles nichts, wir müssen weiter, hinaus ins Nasse.
Wie ein Spielball schiebt uns der Wind voran. Ich weiß nicht, welche Windstärke das ist – ich weiß nur, dass ich sehr aufpassen muss, um nicht im Straßengraben zu landen. Eigentlich wollten wir im Nationalpark Skaftafell eine längere Pause einlegen, um die Schönheiten des Gletschers auf gekennzeichneten Wanderwegen zu erkunden. Doch dann beschließen wir, wegen des Windes lieber weiterzufahren, um noch ein paar Kilometer unter die Reifen zu bekommen.
Ich habe meine Kapuze unter den Fahrradhelm geklemmt und höre so den Bus nicht, der sich von hinten näher. Plötzlich werde ich von einer Windböe erfasst und nach links geschoben. Bremsen kreischen, Sekunden werden zu Minuten. Kurz vor dem Zusammenstoß kommen wir beide – der Bus und ich – zum Stehen. Da hatte ich aber einen mächtigen Schutzengel gehabt! Die Erleichterung steht sowohl dem Busfahrer, der aus dem Fenster herab schaut, als auch mir ins Gesicht geschrieben. Mit weichen Knien fahre ich weiter.
Der Wind weht mit unverminderter Stärke, doch der Regen pausiert. Erst gegen Abend ziehen wieder dicke Regenwolken auf und im gleichen Maße sinkt meine Stimmung. Außerdem wird diese Region Islands landschaftlich stark genutzt, und wir haben das erste Mal auf unserer Reise Schwierigkeiten, ein Nachtlager zu finden. Entweder liegen eingezäunte Wiesen oder abgesperrte Lavafelder neben der Straße. Kurz bevor ich endgültig die Nase voll habe, finden wir ein nettes Plätzchen auf einer schönen Wiese am Fluss. Nur noch über das Viehgatter – endlich Ruhe. Weit hinten funkelt ein Licht durch den Regen. Vermutlich von dem Hof, auf dessen Grundstück wir uns befinden. Eigentlich müssten wir uns dort die Erlaubnis zum Übernachten holen; es ist ja Privatgrundstück, auf dem wir unser Zelt aufschlagen. Aber wir sind so müde… Mitten im Abendessen (immer noch in Regenkleidung und immer noch bei Tütensuppe mit Nudeln) kommt auf einmal eine Herde Jungvieh auf uns zugetrottet. Wir haben uns ausgerechnet an deren Wasserstelle niedergelassen und nun wollen sie wissen, was wir so tun. Sie kommen näher, immer näher. Hilfe!
Das ist für diesen Tag zu viel für meine Nerven. Ich bin ja eigentlich recht tierlieb, aber eine Kuh, die ihre Nase in meinen Suppenteller steckt, geht heute doch über meine Kräfte. Nach kurzer Überlegung, ob ich besser in den Fluss fliehe oder ins Zelt, ziehe ich letzteres vor. Meine Suppe darf mein Vater essen, meinetwegen auch die Kuh! Ich streike. Mein Vater amüsiert sich dagegen köstlich.
Das ist sicher die Rache der Hof-Trolle, weil wir ohne Erlaubnis hier zelten.
Ich scheuche meinen Vater schon um fünf Uhr früh aus dem Schlafsack. Ich will weg hier, bevor die Kuherde wider kommt oder womöglich ein wütender Bauer. Immerhin hat sich der Wind gelegt. Das Frühstück holen wir einige Zeit nach dem Aufbruch nach und dann habe ich auch mein inneres Gleichgewicht wiedergefunden. Fürs Erste jedenfalls.
Auf unserem Weg gibt es eine kleine, grasbedeckte Kirche zu besichtigen, die wegen ihres besonderen Steinfußbodens berühmt ist. Wir lehnen unsere Räder gegeneinander und gehen in das Kirchlein. Drinnen macht sich gerade eine Reisegruppe zum Aufbruch fertig. Dann ist es still in der Kirche und recht dämmrig. Vom Fußboden kann ich nicht viel erkennen, dafür interessiere ich mich mehr für das Glockenseil (ich wollte schon immer mal Kirchenglocken per Hand läuten) und die kleine Orgel. Schließlich wollen auch wir gehen – doch die Tür geht nicht auf. Irgendjemand aus der Reisegruppe hat sie wohl ordentlich von außen verriegelt und dabei nicht an uns gedacht. Tja, was machen wir nun?
Wir sitzen fest. Wir warten. Inzwischen überlege ich, ob ich die Orgel ausprobiere oder endlich meinen Traum vom Glockenläuten erfüllen kann, bis uns jemand hört und befreit. Doch noch während ich den Plan meinem Vater unterbreite, öffnet sich die Tür und eine neue Reisegruppe strömt herein. Hurra, wir sind frei!
112 Kilometer wollen wir in zwei Tagen zurücklegen und zunächst durchqueren wir den wegen seiner plötzlichen Sandstürme gefürchteten Mýrdalssandur. Auf jeder Seite dieser kilometerlangen Sandwüste sind Warnschilder aufgestellt, die mit roten Lampen warnen, wenn im Innern ein Sandsturm tobt. Wir haben Glück und kommen ungehindert hindurch, umgeben vom eintönigem Grau.
Nach einer Übernachtung auf dem Zeltplatz von Vík radeln wir zum sechzig Meter hohen Skógafoss. Hier wollen wir in den Bus steigen und zurück nach Reykjavík fahren. Der Wasserfall liegt wunderschön von der Sonne beschienen vor uns. Überhaupt haben wir in den letzten Tagen fast durchgehend Sonnenschein gehabt. Regen in Island, Stimmungstiefs – all das ist unwichtig geworden und in Vergessenheit geraten.
Zurück zum Skógafoss. Der Legende nach soll sich hinter dem Wasserschleier ein goldener Schatz befinden. Einst gelang es einem Jungen, so erzählt die Sagen, hinter diese Wand aus Wasser zu klettern. Er konnte gerade einen goldenen Ring ergreifen, da verschwand der Schatz.
Ein schmaler Trampelpfad führt neben dem Skógafoss in die Höhe. Von oben haben wir einen wunderschönen Blick bis zum Meer. Da ich nicht ganz schwindelfrei bin, taste ich mich bald wieder langsam den glitschigen Pfad hinunter. Hier hat es sich inzwischen deutlich belebt. Neue Touristen sind angereist und quartieren sich im nahe gelegenen Hotel oder Zeltplatz ein. Gegen Mittag kommt der Bus. Diesmal wollen mehrere Radfahrer mit, und so hängen schließlich fünf Räder am Heck des Busses. Dann schaukeln wir gemütlich von dannen.
Am Busplatz von Reykjavík endet die Bequemlichkeit. Wir fahren durch ungewohnten Stadtverkehr zum Zeltplatz, an dem unsere Reise begann. Doch ein paar Tage liegen noch vor uns.
Es ist ein strahlender Sonntag. Nach einem Gottesdienstbesuch in Reykjavík machen wir uns auf den Weg in den südwestlichsten Zipfel Islands, ein ungefähr tausend Jahre altes Lavagebiet. Vorbei am See Kleifarvatn radeln wir in das Thermalgebiet Krysuvík. Auch hier ist die Erde wie am Mývatn schwefelgelb. Heißes Wasser fließt in Bächen von den Hängen und wir wandern daran entlang.
Auf einem kleinen Pfad radeln wir zur Küste. Auf diesen Abschnitt der Reise freue ich mich schon lange, denn hier sollen die Papageientaucher ihre Brutplätze haben. Eifrig laufe ich die letzten hundert Meter auf die Steilküste zu – aber keiner ist zu sehen. Nur ein paar Möwen lassen sich vom Wind tragen. Ich bin enttäuscht. Inzwischen weiß ich, dass die Papageientaucher nur zum Brüten an Land kommen und die Brutzeit war schon lange vorbei.
Der Wettergott meint es weiterhin gut mit uns. Die Sonne scheint auf uns herab, das Meer leuchtet blau und hebt die moosig grün-braune Pflanzenwelt leuchtend hervor, während wir das Naturschutzgebiet hinter uns lassen.
Wir fahren und fahren, um uns herum Lava, kleine Hänge und große Erdkuhlen. Aber kein Fleckchen Rasen oder Sand zeigt sich. Am Abend wollen wir in einer windgeschützten Mulde das Zelt aufschlagen und schleppen die gesamte Ausrüstung rutschend und mehr purzelnd als gehend den steilen Hang hinunter – nur um dort festzustellen, dass wir die Zeltheringe nicht im Boden verankern können.
Müde und frustriert schleppen wir alles wieder nach oben und machen uns erneut auf die Suche nach einem Lagerplatz. Es ist schon dunkel, als wir ein kleines Stückchen Rasen finden. Leider sind wir unterwegs an keinem Bach vorbeigekommen und konnten unseren Trinkwasservorrat nicht auffüllen. Also fällt das Waschen mal wieder aus. Das Wasser brauchen wir für die Suppe. Es ist übrigens die fünfzehnte dieser Reise.
Während der vergangenen Tage waren wir sehr sparsam mit unserer Ration an Schokolade. Weil wir sie nicht wieder mit nach Deutschland nehmen wollen, reichern wir unsere morgendlichen Haferflocken damit an. Schokoladenflocken, sozusagen.
Die Piste führ uns vom Meer weg, die Gegend wird hügelig. Ein Fußmarsch bringt uns die Strasse hinauf und auf der anderen Seite auch wieder hinunter. Es ist uns zu steil und die Straße zu schlecht, um eine Abfahrt zu wagen. Je mehr wir uns dem Ort Grindavík nähern desto schmuddeliger wird die Umgebung. Im Straßengraben liegt Müll und die Straße gleicht stellenweise einem Vogelfriedhof aus überfahrenen Seeschwalben. Möglichst schnell lassen wir diesen unwirtlichen Ort hinter uns und biegen ins Landesinnere zur berühmten Blauen Lagune ab.
Die Blaue Lagune ist eigentlich ein Abfallprodukt des Fernheizwerkes, das mit Hilfe der heißen Quellen Trinkwasser erhitzt und durch riesige Leitungen in die umliegenden Städte schickt. Das „Abfallwasser“ hat sich zu einem milchigblauen, mineralhaltigen See aufgestaut. Dieser natürliche See wurde eingezäumt und zum Thermalbad ernannt, denn das Wasser soll heilende Wirkung bei einigen Hautkrankheiten haben.
Erst genieße ich die heiße Dusche des Schwimmbads, wasche und schrubbe mich, bis ich krebsrot bin, dann stürme ich ins Wasser. Es ist wunderbar. Nur beim Schwimmen gerate ich ab und zu in kalte Zonen. Und ein paar Mal schwimme ich auch auf Felsen auf. Sie liegen dicht unter der Wasseroberfläche und sind wegen des milchigen Wassers nur zu ertasten, nicht zu sehen. Zum Glück sind die Steine mit einer Mineralschicht überzogen und daher ganz glatt, so dass das „auf Grund laufen“ keinen Schaden anrichtet.
Nach einem sehr teuren Hot Dog in der Cafeteria der Blauen Lagune fahren wir weiter nach Westen. Abschiedsstimmung kommt auf. Unsere letzte „wilde“ Übernachtung und die vorletzte dieser Reise steht bevor. Zwischen Lavablöcken, nicht weit von der Straße, lassen wir uns nieder. Wie gut, dass wir vorher baden waren und die Wasservorräte aufgefüllt haben. Auch hier gibt es weit und breit kein frisches Wasser.
Ausgerechnet am letzten Tag habe ich Probleme mit der Gangschaltung. Ich lade das Gepäck wieder ab, um den Schaden zu beheben. Aber die Kette ist es nicht und auch sonst finde ich keinen Grund für das Versagen der Gangschaltung. Zu guter Letzt versucht mein Vater, die Kette einfach ein bisschen zu ölen. Und siehe da: Plong – fällt ein Stein aus der Gabel, der alles blockiert hatte. Nun kann es ja weitergehen.
Die letzte Nacht verbringen wir auf dem Zeltplatz von Keflavík, dann radeln wir nachts um vier die letzten drei Kilometer zum Flughafen. Ein komisches Gefühl. So zur Hälfte der Reise habe ich mich schon auf zu Hause gefreut, auf mein weiches Bett und all die Annehmlichkeiten der Zivilisation. Doch jetzt überkommt mich der Abschiedsschmerz. Vorbei die Stille, vorbei die Einsamkeit. Ich glaube, ich bin vom Islandvirus infiziert.
Lenker einschlagen und die Pedalen abschrauben, Luft aus den Reifen lassen, dann werden die Räder am Schalter aufgegeben. Scheinbar endloses Warten in klimatisierten Räumen. Dann endlich steigen wir in das Flugzeug - ein letzter Blick auf die im Dunkel verschwindende Insel.
In Frankfurt/ Main empfängt uns staubige Hitze, Verkehrslärm und Menschengedränge.
P.S.:
Und wenn Ihnen dieser Reisebericht gefallen hat, dann lesen Sie auch die Teile II (Island 1996) und III (Island 2001)
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