
Island Reisebericht:
Eine Reiterreise ins unbewohnte Hochland
Von all meinen bisherigen Reisen war diese wohl die ungewöhnlichste. Island ist faszinierend, abstoßend und anziehend zugleich. Es macht neugierig, es erschreckt. Noch nie ist es mir so schwergefallen, einen Standpunkt oder eine Meinung zu finden. Ich glaube, ich muß noch einmal hinfahren, um Klarheit zu finden. Auf dieser Reise habe ich zauberhaft schöne Dinge gesehen und erlebt, aber auch abschreckend feindliche Gefilde angetroffen.
Am 24. Juni fuhr ich mit der Bahn nach Frankfurt, von dort mit einem Zubringerbus nach Luxembourg. Im Bus saßen lauter Amerikaner, und ich suchte vergeblich nach etwaigen Reitern. Auch im Flughafen von Luxembourg waren nur Amis, und erst kurz vor dem Abflug entdeckte ich zwei junge Frauen, deren Schuhwerk auf eine rustikale Reise schließen liessen. Ich sprach sie an, und siehe da, sie wollten auch nach Island zum Reiten.
Kurz vor der Landung in Keflavik (bei Reykjavik) stellte ich die Uhr um zwei Stunden zurück. Am Flughafen wollte ich noch eine Flasche Schnaps kaufen, aber der Duty free-Shop war mit Isländern derart überfüllt, daß ich nur rasch Geld wechselte und dann in den schon wartenden Bus stieg, der uns nach Reykjavik bringen sollte. Und dann kam der erste Schock. Die Landschaft rechts und links der Straße sah aus, als hätten Bomben eingeschlagen, total verwüstet, zerfurcht, nackt und abweisend schwarz von Lava. Ich konnte kaum fassen, was ich da sah. Reykjavik selbst empfing uns mit blitzsauberen Häusern und Straßen, alles war gepflegt. Da es keine Hochhäuser gibt, liegt die sympathische Stadt über eine weite Fläche verstreut. In unserer kleinen Pension fanden wir einfache, saubere Zimmer vor. Da wir mitten im Zentrum der Stadt waren, wollte ich sie auf einem Bummel näher kennenlernen. Leider war es schon kurz vor Ladenschluß, so daß die Zeit gerade noch reichte, um einen Vorrat Postkarten zu kaufen. Ich bummelte also die Straßen entlang und staunte über die unglaublichen Preise.
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Später erfuhr ich dann, daß Island das teuerste Land der Welt sein soll. Ich ging schließlich in eine einfache Pizzeria, wo ich zu einer schlichten Pizza noch eine Cola und hinterher einen Kaffee trank. Dafür mußte ich doch sage und schreibe rund DM 40 bezahlen, was ich gar nicht fassen konnte.
Auch die Preise in den hübschen kleinen Läden mit den vielen Wollsachen von den berühmten Islandschafen waren geradezu abenteuerlich. Ich schlenderte wohl so an die zwei Stunden durch die Stadt und am Hafen entlang. Die Sonne schien, aber es war recht kalt mit 8. Die Berge im Hintergrund sahen aus wie Kohlehalden, schwarz und duster-bedrohlich. Wenn gerade eine Wolke der Sonne den Weg freigab, leuchteten die gleichen Berge plötzlich sanftgrün. Dazwischen glitzerte das Meer. Es war total fremd für mich, und ich war ziemlich verwirrt.
Mir fiel auf, daß hinter fast jedem Fenster ungewöhnlich viele Grünpflanzen standen, auch viele Kakteen. Wahrscheinlich haben die Isländer das Bedürfnis, das im Freien fehlende Grün so auszugleichen. In Reykjavik sieht man ab und zu Bäume, die gehegt und gepflegt werden, aber sobald man die Städt verläßt, ist auf viele, viele Kilometer kein Baum mehr anzutreffen, ja nicht einmal Büsche oder Sträucher, sondern nur noch Gras, Moos, Flechten und verschiedene Kräuter.
Als ich kurz nach 22.00 Uhr ins Bett ging, war es noch genau so hell wie am Nachmittag um 15.00 Uhr. Das konnte ich gar nicht begreifen.
Am nächsten Morgen war der Himmel bedeckt, und es nieselte leicht. Mit dem Taxi fuhren wir zum zentralen Busbahnhof und nahmen dort den Linienbus nach Akureyri, der zweitgrößten Stadt Islands im Norden. Wir mußten jedoch nach etwa 5 Stunden Fahrzeit in Laugarbakki, einem kleinen Dorf im Nordwesten der Insel, aussteigen, wo wir von unserem Reittour-Begleiter abgeholt werden sollten.
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Wir fuhren durch eine Landschaft entlang der Küste, die so beeindruckend und verwirrend war, daß hier entweder eine Dramaturg oder ein Poet herhalten müßte, um sie treffend zu beschreiben. Dieses seltsame Gemisch aus Hell und Dunkel, die ungeheure Weite und Einsamkeit der Landschaft und die bedrohlich wirkenden, schwarzen Berge, auf denen teilweise Schnee lag, beeindruckte mich sehr. Einzelne Höfe lagen weit verstreut. Das Land um die Höfe herum ist kultiviert, das heißt, die Buckelwiesen sind eingeebnet und mit Gras eingesät und werden als Weideland genutzt. Das unkultivierte Land sieht dagegen braun-grau aus.
Hier sahen wir auch die ersten Islandpferde, und es wurden immer mehr. Mein Herz schlug höher! Dann wurden sie so zahlreich wie bei uns die Kühe, die hier nur selten anzutreffen sind, weil sie kein geeignetes Weideland finden. Und dann sahen wir natürlich Unmengen Schafe. Immerhin gibt es ungefähr eine Million davon auf dieser Insel, aber sie sind nie in Herden anzutreffen wie bei uns, sondern meist läuft das Mutterschaf mit seinen Zwillingen allein und hält Abstand zum nächsten Schaf. Während der Sommermonate leben sie völlig frei und sind daher scheu und fliehen, wenn Menschen in Sichtweite kommen.
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Im Laufe des Sommers ziehen sie immer weiter bis ins Hochland hinauf, das völlig unbesiedelt ist, um dann im September unter viel Mühen und Strapazen durch Pferd und Reiter wieder in die Täler zurückgeholt zu werden. Dort werden sie dann in große, runde Pferche gesperrt und von ihren Besitzern aussortiert. Das ist in Island so ein ähnliches Ereignis wie bei uns das Erntedankfest. Die meisten Lämmer werden - wenn sie ein gewisses Alter haben - geschlachtet. Die Mutterschafe bleiben während des harten, isländischen Winters bei den Höfen und kommen bei schlimmem Wetter in Ställe und werden mit dem wertvollen, weil seltenen Heu gefüttert. Gerade jetzt, als wir in Island waren, machten die Bauern alle eifrig das lebensnotwendige Heu für den Winter. In diesem Frühjahr war das Gras gut gewachsen, und sowohl die Pferde als auch die Schafe sahen wohlgenährt aus.
Wir fuhren also weiter die Küste entlang Richtung Norden, hielten ab und zu, um noch einige Fahrgäste aufzunehmen oder um Post aus- oder einzuladen, denn der Bus war gleichzeitig Postbus.
Überall sahen wir viele Seevögel, vor allem Möwen, die hoch oben in den zerklüfteten Bergen brüten.
Nach etwa fünfstündiger Fahrt durch dunkle Berge, weitgezogene, unebene Täler und Grünflächen und vorbei an zerklüfteten Lavafeldern, erreichten wir Laugarbakki. Wir hatten unter den Mitfahrenden keine weiteren, offensichtlichen Reiter mehr ausfindig machen können, doch als wir ausstiegen, gesellte sich noch ein Pärchen dazu, das auch zu unserer Gruppe gehören sollte. Es waren Schweden, Asa und ihr Freund Jan.
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Unser Führer, Begleiter und Helfer für die kommenden Tage war Arinbjörn, den wir Abi nannten. Er wartete schon auf uns. Abi war ein großer, breitschultriger Mann Mitte Dreissig, rotblond, strahlend-blauäugig und eine Mischung aus Wikinger, Robin Hood und Student. Er sprach sehr gut Deutsch und redete mich gleich mit meinem Vornamen an, was mich einigermaßen verwunderte, woher er wissen konnte, wer ich war. Wir fuhren auf Schotterpiste etwa 20 Minuten und kamen dann zu seinem Hof, in dem wir gemütliche Zimmer vorfanden. In diesem Haus war Abi geboren worden, seine Eltern hatten sich unweit davon inzwischen ein neues Haus gebaut, so daß Abi nun sein Elternhaus zu einer Sommerpension für Reiter eingerichtet hatte.
Kaum waren wir richtig da, wurde auch schon das Mittagessen serviert von Abi’s Frau und einer jungen, dicken und gemütlichen Köchin. Und das Essen war die zweite Überraschung, denn entgegen den geschmacksstrapazierenden Speisen, von denen ich in Büchern gelesen hatte, gab es ein sehr wohlschmeckendes Essen, das aus gebratenem Schellfisch, Pellkartoffeln, Buttersoße mit Zwiebeln und einem Rohkostsalat bestand. Ich langte ordentlich zu. Hinterher gab’s den obligatorischen Kaffee, der in Island zu jeder Tages- und Nachtzeit getrunken wird und niemals fehlen darf. Er ist allerdings wesentlich dünner gebraut als bei uns wird weniger als Genußmittel, sondern mehr als Getränk verstanden.
Beim Gespräch stellte sich dann heraus, daß der Schwede Jan eigentlich zum Angeln nach Island gekommen war, und daß er die Reitere nur seiner Freundin zuliebe mitmachte. Er hatte kaum Reiterfahrung, was Abi einigermaßen besorgt zur Kenntnis nahm, da dies die erste Tour des Jahres werden sollte und die Pferde voller Saft und Kraft und Übermut waren. Nachdem er jeden von uns nach den jeweiligen Reitkenntnissen befragt hatte, gingen wir zum Stall, um einen ersten Ritt zu unternehmen und um das für Jeden passende Pferd zu finden.
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In Gedanken hatte ich zwar mit einem Schwarzen geliebäugelt, aber dann bekam ich einen Hellisabellfarbenen, der mich gleich so scheu und mißtrauisch ansah, daß ich mich wunderte, weil ich dies von Isländern nicht kannte. Abi meinte noch, daß er dieses Pferd erst seit vier Wochen habe und selbst noch nicht so recht kenne. Die Gänge wären gut, aber er würde gerne mal durchgehen. Na toll!
Da es regnete, zog ich meinen großen Poncho über und Abi meinte, daß die Pferde keine Ponchos gewöhnt seien und sich wahrscheinlich vor dem Geflatter fürchten würden. Und wie sie sich fürchteten! In der ersten halben Stunde ging mein Lisingur gleich dreimal mit mir durch, aber da hier weder Autos noch Schaufenster zu befürchten waren, war das nicht weiter schlimm, solange ich oben blieb. Schließlich band ich den Poncho eng um den Bauch zusammen, danach ging es wesentlich besser. Allerdings hatten die Isis einen Zahn drauf, daß ich bloß noch staunte. Und dann ging es so einen dunklen, ziemlich steilen Abhang hinab, aber keineswegs senkrecht, sondern im Galopp quer den Hang hinab. Ich hielt die Luft an... Dann ging es weiter durch einen Fluß, über üble Buckelwiesen, zwischen denen man im Slalom ritt, und zwar sehr flott, dann kam wieder ein sehr steiniges Gelände, aber der flotte Trab wurde beibehalten. Als ich dann schließlich wieder vom Pferd stieg, war ich ziemlich verwirrt und auch etwas schockiert, weil ich bisher alles anders gelernt hatte.
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Aber hier galt, oben bleiben, egal wie! Aber ich mußte auch staunend feststellen, daß diese Pferde eine ungeheure Trittsicherheit und ein ebensolches Temperament besaßen, dazu auch Mut. Mit der größten Selbstverständlichkeit durchquerten sie Flüsse und sausten im Affenzahn und teilweise im Galopp steile Hänge hinauf und hinunter. Derartiges habe ich in meiner bisherigen Reiterei nicht annähernd erlebt und auch hinterher nicht mehr. Das war also Wanderreiten auf Isländisch. Ehrlich gesagt, mir war nicht ganz wohl bei dem Gedanken an die folgenden Tage, die uns ins unbewohnte Hochland führen sollten. Ein derart extremes Gelände hatte ich mir nicht vorstellen können, aber am Ende des Rittes wußte ich, daß es noch viel schlimmer kommen sollte.
Wir saßen nach diesem Proberitt in Abi’s Haus zusammen und erzählten in Isländisch, Deutsch, Schwedisch und Englisch. Dabei erfuhren wir dann, daß Abi zehn (!) Jahre in Deutschland studiert hatte, und zwar in Köln. Dort lernte er dann auch seine Frau Gudrun, eine echte Kölnerin, kennen, die ihm schließlich nicht nur nach Island folgte, sondern das Land derart kennen- und liebenlernte, daß sie sogar die Reiseleiterprüfung ablegte und eben jenes Buch über Island geschrieben hatte, das ich während meiner Vorbereitungen auf Island gelesen hatte. Ich war ziemlich platt, hier die Verfasserin des Reiseführers persönlich anzutreffen. Und daher konnte Gudrun uns natürlich eine Menge Details über das Land erzählen, so auch, daß es in Island Stürme gibt, die Windstärke 14 und 16 erreichen und die es offiziell gar nicht gibt. Und außerdem wußte sie, daß die Sümpfe im Hochland teilweise 60 bis 70 m tief seien...!
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Zum Abendessen gab es gebratene Fleischbällchen, Karotten- und Kohlgemüse mit Pellkartoffeln und Buttersoße. Wir futterten wieder tüchtig und saßen dann noch lange und erzählten, denn da die Sonne nicht unterging, wurde man nicht so an Schlafengehen erinnert wie bei uns. Außerdem war alles neu und hochinteressant, da wurden wir nicht so schnell müde. Draußen regnete es in Strömen, und auf meine Frage, ob das nun typisches Islandwetter sei, meinte Gudrun, daß dafür der Wind fehle... Das Radio hatte Wetterverschlechterung und Abkühlung angesagt, aber angesichts meiner vielen warmen Klamotten schreckte mich das nicht. Ich hatte mich gründlich informiert und vorgesorgt. Es kam schließlich noch ein isländisches Paar zu uns, Svankvit und Ragnar, die in der Nähe wohnten und den Hochlandritt mitmachen wollten. Die beiden waren ebenso nett wie die beiden Schweden, und auf Englisch klappte die Verständigung gut.
Am folgenden Tag regnete es nicht mehr, aber dafür hatten wir nun kräftigen Wind. Nach einem guten Frühstück mit Müsli und Sauermilch packten wir die allernötigsten Sachen in Plastiktüten, die dann wiederum in großen Packtaschen verschwanden, die später von den Pferden getragen wurden. Da wir vor dem Ritt angeln wollten, fuhren wir mit dem Geländewagen etwa eine halbe Stunde auf der Schotterpiste und liefen dann ein gutes Stück quer über die Buckelwiesen und Steine und durch Sümpfe, bis wir schließlich an einem einsamen See ankamen. Anfangs hatte ich keine Lust zu angeln, sondern habe Aufnahmen von der Gegend und den vielen kleinen, leuchtenden Blumen gemacht. Hier gab es überall das arktische Weidenröschen, das unseren Frühlingsanemonen ähnlich sieht, und dann noch hübsche, flache Polster voll leuchtender, winziger Blüten in violett-rosa, die im Wind zitterten. Und selbst hier in der Einöde liefen die Schafe mit ihren Lämmern vor uns davon.
Ich lief ein bißchen hin und her über den Sumpf uns spürte, wie es unter mir federte und waberte, als wenn man über einen Schwamm lief.
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Das war ein seltsames und für mich ganz neues Gefühl. Der Gedanke an Gudrun’s Worte, daß die Sümpfe 60 bis 70 m tief sind, kurbelte meine Phantasie an, und ich dachte an Spukgeschichten.
Die anderen hatten teilweise schon einige Lachsforellen gefangen, als ich auch zur Rute griff. Anfangs tat ich mich schwer, denn die Leine wollte nicht fliegen, aber nach einigem Probieren sauste sie auch bei mir weit hinaus. Allerdings wußten die Forellen wohl, daß ich ein Tierfreund bin, denn es biß keine an. Das war mir auch recht. Gegen Mittag fuhren wir mit einer Beute von 13 schönen Lachsforellen wieder zum Hof zurück, wo schon das Mittagessen auf uns wartete. Ich hatte schon wieder Hunger, und das lag wohl an der vielen frischen Luft, die in Island wirklich noch sauber ist.
Nach dem Essen gingen wir zu den Pferden und starteten zur ersten Etappe. Es war ziemlich kalt und windig, und ich konnte Mütze und Handschuhe gut gebrauchen. Mein Lisingur zog wieder ab wie der Teufel und legte einen herrlichen Tölt hin (das ist eine fast schwebende Gangart, die für den Reiter sehr angenehm ist). Nach einer Weile meinte Abi, daß es sehr ungewöhnlich sei, wenn ein Pferd die ganze Zeit von alleine töltet. Ich sattelte ab, und es stellte sich heraus, daß das Pferd auf beiden Seiten der Wirbelsäule kleine Druckstellen von einer Naht der Satteldecke hatte. So wurde er für den Rest der heutigen Strecke als Handpferd mitgenommen, während ich auf einem dicken Fuchs weiterritt. Es ging durch Flüsse, bergauf und bergab, und wir sahen viele mir bis dahin nur aus dem Fernsehen bekannte Vögel wie den großen Brachvogel, den Rotschenkel, die Schneeammer und vor allem den Goldregenpfeifer, der am zutraulichsten ist und einen bis auf wenige Meter herankommen läßt, so daß man ihn gut beobachten kann.
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Auch viele Singschwäne brüteten überall, und ihr eigenartiges Schreien wurde uns im Laufe der Tage ganz vertraut.
Nach etwa 20 Kilometern erreichten wir unser Etappenziel. Hier sollten die Pferde übernachten, während wir mit dem Geländewagen zurück zum Hof fuhren. Zum Abendessen gab es eine Delikatesse, nämlich Lammrücken mit karamelisierten Kartoffeln sowie kalten Rotkohl und Erbsen. Bis zu diesem Tag hatte ich mich vor Lamm, Schaf und Hammel immer geekelt (schlechte Erfahrungen aus der Türkei), aber dieses Lamm war so köstlich und "hammelte" überhaupt nicht, daß ich es sehr gerne aß. Die süßen Kartoffeln waren allerdings Geschmackssache.
Bis 23.00 Uhr spielten wir bei Sonnenschein Mau-Mau. Und ich wunderte mich wieder mal über die nicht untergehende Sonne.
Am nächsten Morgen genoß ich die Dusche sehr bewußt, denn es würde für die nächsten Tage das letzte Mal sein. Im unbewohnten Hochland in den Schutzhütten gibt es kein fliessendes Wasser und keine Toiletten, aber wenigstens hat man ein Dach über dem Kopf. Heute war das Wetter wieder gut, und die Sonne schien. Der Wind wehte auch wieder kräftig. Mit warmem Pullover und Ski-Anorak sowie Mütze und Handschuhen war ich Ende Juni in Island gerade richtig angezogen. Wir frühstückten auch noch ein zweites Mal und fuhren dann wieder zum Standort der Pferde, fingen sie ein und starteten kurz darauf mit drei Packpferden und einem Ersatzpferd. Geld hatten wir keines dabei, denn es gab keine Möglichkeit, auch nur einen Pfennig auszugeben. Das habe ich vorher und hinterher nie mehr erlebt.
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Die erste Stunde führte über Buckelwiesen und Schotterpisten, dann aber verließen wir das besiedelte Gebiet und kamen in ein unbeschreibliches, völlig wegeloses Gelände voller scharfkantiger, flacher Steine, Moosbuckel und Löcher. Aber am schlimmsten fand ich an diesem Tag die Sümpfe, von denen es hier reichlich gab. Wir führten die Pferde durch die Sümpfe, und ich sank teilweise bis über die Wade ein. Manche Pferde versanken bis zum Bauch und machten große Sätze, um wieder herauszukommen. Mir war das schlichtweg unheimlich.
Als wir wieder festen Boden unter den Füßen hatten, packte Abi belegte Brote aus. Kaum herrschte ein bißchen Windstille, kamen Schwärme von kleinen, äußerst aggressiven Fliegen, die einem in Mund und Nase krochen, so daß wir den Wind wieder herbeisehnten. Während unserer Rastpausen liefen die Pferde immer frei. Die beiden Zügelenden waren jeweils mit Panikhaken an der Trense befestigt. Während der Pausen wurde ein Panikhaken gelöst und der Zügel schleifte dann am Boden. Das sollte die Pferde hindern, allzuweit wegzulaufen. Sie waren meist auch recht leicht wieder einzufangen und liefen nie weit weg.
Dann wurde das Gelände noch steiniger, und wir stiegen häufig ab und führten die Pferde über Geröll und Buckel, durch Sümpfe und Bachläufe. Die Packpferde liefen hier völlig frei, sie kannten offenbar den Weg zur Hochlandhütte und machten Tempo.
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Da Pferde ja Herdentiere sind, wollten die anderen den Anschluß nicht verpassen, und so ging es im Trab und in Windeseile über ein Gelände, das ich hier nicht mal zu Fuß durchqueren würde, geschweige denn zu Pferd. So ging es Stunde um Stunde, die Kräfte ließen langsam nach, aber schließlich kam unsere Hütte in Sicht. Kaum hatten wir die Pferde abgesattelt, wälzten sie sich mit Genuß am Boden, schüttelten sich und gingen dann zu ihrer Hauptbeschäftigung über, das heißt, sie versuchten, in diesem kargen Gelände etwas Freßbares zu finden. Isis sind nicht wählerisch, und können es auch nicht sein, sonst würden sie hier verhungern. Flechten, harte Gräser und Gestrüpp ist ihre magere Kost. Im Winter sind sie sich selbst überlassen und müssen zusehen, daß sie unter dem Schnee etwas Freßbares finden. Abi stellt ihnen dann ein oder zwei Fässer Salzhering hin, und den fressen sie dann tatsächlich wegen der darin enthaltenen Mineralien. Unvorstellbar für unsere verwöhnten Pferde.
Es ging an zu regnen, und nachdem ich schon über eine Stunde "gekniffen" hatte, mußte ich mir nun wohl oder übel ein Plätzchen in einer Buckelwiese suchen. Und so kam es, daß die Realität meiner Vorstellung wenigstens in diesem Punkt entsprach, und ich kehrte wie die Pferde dem Wind mein Hinterteil zu und hockte im Regen mit dem Gedanken, daß ich hier einige hundert Quadratkilometer zur Auswahl hatte.
Die Hütte Lonaborg war sehr einfach, aber zweckmässig eingerichtet. Es gab dort sogar einen Ölofen, einen Grill und einen Herd mit Propangas. Ein großer Tisch mit Bänken war vorhanden, und unter dem Dach lagen auf einer Holzplattform unsere acht Schlafsäcke dicht an dicht. Abi kochte gleich eine leckere Spargelcremesuppe, und wir langten tüchtig zu. Dann packte er sogar noch Kekse aus, und zu dem obligatorischen Kaffee gab es dann wieder Brennivin (isländischer Schnaps), dem alle gern zusprachen außer mir. Ich fühlte mich nach der Anstrengung sehr wohlig und faul und war guter Dinge.
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Da alle noch Lust zum Angeln hatten, machten wir uns auf den Weg zum nächsten See, und der war nicht weit, weil es hier überall jede Menge grösserer oder kleinerer Seen gab. Dort warfen wir unsere Angeln aus. Diesmal klappte das Werfen auch bei mir schon ganz gut, und ich fing schließlich eine Forelle. Als sie im Moos zappelte und ich sah, wie Abi ihr den Haken aus dem Maul pulte, tat mir der Fisch richtig leid. Ich konnte gar nicht hinsehen und beschloß, nicht mehr zu angeln, sondern mir lieber die Gegend anzusehen. Langsam zog dicker Nebel auf rund um den See, das sah geradezu gespenstisch aus, war aber auch sehr schön und stimmungsvoll. Es wäre eine ideale Kulisse für einen Krimi gewesen, zumal auch noch etliche Polarfüchse in unmittelbarer Nähe herumschlichen. Sie sind schwarz und haben eine weiße Schwanzspitze. Sicher wollten sie von unseren Fischen was abhaben. Mit einer Beute von 32 Lachsforellen kehrten wir zur Hütte zurück und verkrochen uns bald in die Schlafsäcke.
Am nächsten Morgen war der Himmel sehr klar, und der Gletscher Eiriksjökull schien wieder zum Greifen nahe zu sein, obwohl er noch etwa 10 km von uns entfernt war. Im eiskalten Seewasser putzten wir unsere Zähne und schmissen ein paar Tropfen ins Gesicht. Zum Frühstücksmüsli gab es Sauermilch, die Abi in einem Kanister in "unserer" Quelle kaltgestellt hatte. Entlang dieser Quelle wuchs herrliches, weithin leuchtendes Stäbchenmoos, das mir so gefiel. Ich sah es später immer wieder an Quellen leuchten. Übrigens gibt es in Island über 500 Moosarten sowie 450 verschiedene Flechten.
In dem weitläufigen Gelände suchten wir mit Argusaugen nach den Pferden. Sie waren perfekt getarnt, aber wir entdeckten sie schließlich doch friedlich grasend - oder besser: flechtend und moosend. So leben sie schon seit 1000 Jahren unabhängig vom Menschen und passen wunderbar in das Land.
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Gegen 11.00 Uhr wurde das Wetter schlechter, Nebel zog auf, und es begann zu nieseln. Mit Abi ging ich zu einem See, wo er die Beute des Vorabends ausnahm und filetierte für’s Mittagessen. Es wurde dann sehr ungemütlich kalt, und durch den Nebel war kaum etwas zu sehen. Abi warnte uns täglich, uns nicht weit von der Hütte zu entfernen, weil man sich in diesem Gelände ohne Baum und Strauch elend verlaufen könne. Alles sieht gleich aus, und es gibt keinerlei Orientierungspunkte. Wohin man auch läuft, es ist überall das gleiche Bild.
Als Abi dann anfing, die Lachsforellen zu grillen - heute war übrigens Ruhetag für Reiter und Pferde - lief uns schon das Wasser im Mund zusammen. Solche Delikatessen bekamen wir ja sonst nur sehr selten, hier war es ein Alltagsessen. Draußen regnete es sehr stark, und wir fühlten uns in der Hütte um so geborgener.
Dann futterten wir, daß die Schwarte krachte. Zum Fisch gab es Buttersoße und Reis, es war köstlich. Danach saßen wir beim Kaffee und erzählten oder spielten Mau-Mau.
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Die Spielregeln sind so einfach, daß alle Nationalitäten keine Probleme damit haben. Schließlich mußte ich mal wieder hinaus, denn der Kaffee trieb, und nachdem ich so lange wie möglich "gekniffen" hatte, blieb mir schließlich nichts anderes übrig, als Sturm und Regen zu trotzen. Es war verdammt ungemütlich, vor allem, wenn man etliche Lagen Klamotten zu sortieren hatte.
Die meisten wollten schließlich doch noch mal zum Angeln gehen. Was daran so toll ist, habe ich bis heute nicht begriffen, aber es gibt da echte Fans mit einer unglaublichen Ausdauer. Als der erste Trupp schon längst weg war, machten die restlichen und ich uns auch auf den Weg zu dem beschriebenen Flußlauf, den wir auch fanden. Dort standen Ragnar und Svankvit und hatten bereits etliche große Lachsforellen gefangen. Da auch sie als Isländer auf dieser Tour zum ersten Mal im Leben angelten, kriegten sie einen richtigen Koller und konnten kaum noch aufhören. Ihre Beute war aber auch wirklich beachtlich. Ich blieb bei den beiden und sah zu. Schließlich fanden wir drei kleine Singschwanküken, die sich sogar auf die Hand nehmen ließen. Sie kennen ja Menschen nicht und habe daher keine Scheu. Kurz danach fanden wir zwei winzige Seeschwalbenküken im Moosnest auf dem Boden, deren Eltern aufgeregt über unseren Köpfen flogen und Angst um ihre Jungen hatten. Wir haben uns dezent zurückgezogen. Da ich keine Lust hatte, immer weiter um den See herumzulaufen mit meinen dicken Stiefeln, wollte ich langsam wieder Richtung Hütte zurücklaufen.
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Ich war zwar allein, aber ganz sicher, den Weg problemlos zu finden. Das war allerdings ein Irrtum, wie ich bald feststellte, als ich plötzlich in einem Sumpf stand, der vorher nicht dagewesen war. Ich lief erst in die eine, dann in die andere Richtung und bekam langsam Panik, weil alles gleich aussah und ich keinerlei Orientierung mehr hatte. Niemand war zu sehen, überall Seen und das gleiche Bild. Schließlich peilte ich den entferntesten See an in der Hoffnung, daß dies der See sein möge, an dem die anderen angelten. Endlich sah ich in der Ferne die leuchtendrote Regenjacke von Abi. Selten habe ich mich so gefreut, einen Menschen zu sehen und war sehr erleichtert.
So nach und nach kamen alle Angler mit fetter Beute heim zur Hütte. Und wir hatten ordentlich Hunger. Es gab heute aber keinen Fisch, sondern ein typisch isländisches Gericht: süßen Kartoffelbrei mit einer dicken Schafswurst. Bei der Wurst mußte ich mich unheimlich überwinden, weil sie eben doch stark "hammelte", aber der Kartoffelbrei war genießbar, wenn auch ungewohnt. Den Rest davon haben die Pferde mit Wonne vertilgt.
Nach dem Essen war ich ziemlich faul und spülte freiwillig, während die anderen zur Quelle gingen, um die Fische auszunehmen, was ich nicht verlockend fand. Später saßen wir alle zusammen bei Studentenfutter, Keksen und Tee und erzählten. Ragnar, der Isländer, rauchte Pfeife, während ich die einzige Raucherin war, und so teilten wir uns den Aschenbecher, ein entfremdetes Plastikteil von irgendetwas. Und Ragnar sagte zu dem Aschenbecher sowas wie Aschback.
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Da dieses Wort mich an Arschbacke erinnerte, konnte ich mir das gut merken. In Wirklichkeit heißt Aschenbecher auf Isländisch etwas anders, es spricht sich zumindest so: Öschkobakki!
Schließlich waren wir um 1.30 Uhr nachts trotz Helligkeit müde und verkrochen uns wieder in die Schlafsäcke.
Am nächsten Morgen gegen 6.00 Uhr stank und qualmte der Ölofen mächtig, weil der Wind heute von der anderen Seite her blies. So standen wir auf und husteten herum. Nach dem Frühstück ritten wir bei klarem, aber kaltem Wetter in Richtung Gletscher Eiriksjökull und Langjökull. Da mein Isabellfarbener heute etwas geschont werden sollte, weil er als Neuling noch nicht soviel Kondition hatte wie die anderen, bekam ich einen kräftigen Fuchs. Wir hatten wieder ein Mordstempo drauf und ich wies vergeblich darauf hin, dann wenigstens etwas mehr Abstand von Pferd zu Pferd zu halten in diesem unebenen Gelände, aber keiner schien zu hören.
Nach etwa einstündigem Ritt über Felsplatten, schroffe Felsen, Buckelwiesen und Löcher strauchelte mein Fuchs und stürzte. Ich sauste ebenfalls zu Mutter Erde, und als ich gerade mein Gesicht aus dem Dreck hob, fiel der Fuchs beim Überschlagen auf mein linkes Bein. Gott sei Dank war hier gerade kein Fels gewesen, sonst wäre das Bein womöglich gebrochen. Es tat trotzdem höllisch weh und schwoll im Laufe der nächsten Stunde so an, daß es fast den Stiefel sprengte. Ich konnte allerdings weiterreiten, das war viel weniger schmerzhaft als zu laufen. Ich ritt nun aber mit einer Portion Angst weiter, denn das Tempo in diesem verfluchten Gelände wurde unentwegt beibehalten. Es ging über Steinfelder, Gräben, durch etliche Flüsse, Sumpf und entlang steilen Abhängen parallel im Galopp.
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Gegen 13.00 Uhr erreichten wir eine Hütte in der Nähe der Gletscher, wo wir Mittagspause machten und eine Suppe kochten. Mein Bein schmerzte ordentlich, und so hatte ich wahrhaftig keine Lust, zu Fuß mit den anderen über Buckelwiesen und Schotter zum Gletscher zu laufen, während die Pferde Ruhezeit hatten.
Ich spülte notdürftig das Geschirr ab und legte mich dann eine Weile auf ein Feldbett. Als die anderen zurückkamen, pfiff ein scheußlich kalter Wind. Wir sattelten die Pferde und ritten dann ein Stück die gleiche Strecke zurück, zweigten dann ab und kamen zum Adlersee, der wunderschön dalag und von teilweise schneebedeckten Bergen umrahmt wurde.
Ein majestätischer Anblick war das, den ich gern ein bißchen in Ruhe genossen hätte. Wir machten hier Rast bei Gunnar, einem komischen Kauz, der hier in einem ausrangierten Bus hauste und Angellizenzen verkaufte. Die Angellizenz für Lachs kostete zum Beispiel DM 1000 pro Tag, geradezu astronomisch! Gunnar kochte Kaffee und Tee, servierte Brennivin, dem er selbst am meisten zusprach, und wir schwatzten eine Weile, während die Pferde frei herumliefen. Wir trugen uns noch ins Gästebuch ein und ritten dann weiter oberhalb des Sees. Es war ein wunderschönes Panorama, und ich hätte gerne Halt gemacht, um in Ruhe zu schauen oder ein Bild zu machen. Aber im Affenzahn ging es weiter und weiter durch das bekannte und inzwischen gefürchtete Horrorgelände. Ich ritt inzwischen wieder den Isabellfarbenen, zu dem ich in puncto Trittsicherheit sehr großes Vertrauen hatte. Er war allerdings ein Stürmer, der jetzt schleunigst nach Hause wollte.
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Endlich kamen wir gegen 22.00 Uhr wieder bei der Hütte Lonaborg an, ließen die Pferde frei und waren ziemlich geschafft. Der Wind war langsam zu einem Sturm angewachsen und heulte schauerlich um die Hütte, während wir bei Nudeln und leckerer Zutat saßen. Ich dachte schon mit Grauen an den Rückritt des folgenden Tages. Die Sümpfe warteten schon! Schließlich kämpfte ich mich noch einmal durch den eisigen Sturm zur Buckelwiese. Mir fror fast der Po ab, und es war denkbar ungemütlich. An diesem Abend ging ich bald zu Bett.
Die ganze Nacht tobte der Sturm um die Hütte und legte sich erst gegen Morgen etwas. Um 10.00 Uhr schliefen noch alle, und ich bereitete schon mal das Frühstück vor, da ich kein Langschläfer bin. Mein Bein war dick geschwollen und schmerzte, besonders am Kniegelenk. Im Sattel spürte ich davon merkwürdigerweise kaum etwas, wahrscheinlich, weil ich mich auf Steine, Gräben und Sümpfe konzentrieren mußte. Ich erfuhr dann später, daß im vergangenen Jahr auch eine Frau gestürzt war und das Bein gebrochen hatte. Bei 0 Grad lag sie fast 8 Stunden dort, bis endlich ein Hubschrauber eintraf, um sie nach Reykjavik ins Krankenhaus zu fliegen. Ein Funkgerät hatte Abi nicht, und der nächste Hof ist gut 5 Stunden mit dem Pferd entfernt. Lustig fand ich das nicht.
Nach dem Frühstück brachen wir allerdings nicht gleich auf, wie ich erwartet hatte, sondern es wurden Kartenspiele vorgekramt. Dann gab es noch Berge von Lachsforellen zum Mittagessen. Erst gegen 15.30 Uhr starteten wir zum Heimritt. Es regnete erst leicht, und ein kräftiger Wind wehte uns um die Ohren, und wir hatten Mühe, die freilaufenden Packpferde nicht aus den Augen zu verlieren, die ein Mordstempo vorlegten, weil sie wußten, daß der Stall rief.
Tja, und dann waren sie wieder da, meine heißgeliebten Sümpfe. Ich sank bis zum Knie ein, und der nasse Modder rann mir in die Stiefel. Jetzt regnete es auch stärker, und innerlich fluche ich nicht schlecht. Der Schwede hatte ganz Recht, ihm war schleierhaft, wie jemand für so eine Tour noch bezahlen kann. Er war total fertig.
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Dann mußten wir einen etwa 3 m breiten, aber sehr spitz-scharf-steinigen Bach überqueren und führten daher die Pferde am Zügel. Und nach der Regel, immer in die Richtung zu schauen, in die das Pferd gegen soll und nicht das Pferd ansehen, gehe ich also durch den Bach und führe das Pferd am Zügel hinter mir. Als ich auf der anderen Bachseite angekommen war, sprang auch das Pferd, allerdings nicht hinter mir her, wie geplant, sondern zwei Meter nebendran. Da ich - gut gelernt - den Zügel fest in der Hand hatte, landete ich mal wieder im Dreck. Ein Jammer, daß jetzt keiner zum Streiten da war, ich hatte eine tolle Laune. Dann ging es im Höllentempo vorwärts, allen war es ungemütlich bei dem strömenden Regen, und auch die Pferde zog es mächtig heim. Voran liefen die freien Packpferde und sie galoppierten von sich aus des Öfteren. Im Schritt gingen wir nur, wenn das Gelände es erzwang, sonst war flotter Trab und - wann immer möglich - Galopp angesagt mit Slalom durch die Buckelwiesen.
Die letzte Stunde war die anstrengendste von allen. Bei diesem Tempo und bei diesem unbeschreiblichen Gelände mußte man sich ungeheuer konzentrieren und blitzartig auf alles einstellen. Das Gelände sauste wie im Zeitraffer unter den Pferdebeinen weg, und Lisingur war kaum zu halten. Er wußte genau, daß bald "seine" Weide auftauchen würde. Und endlich, endlich waren wir da! Von elegantem Absteigen konnte keine Rede mehr sein, stumm rutschten wir von den Pferderücken, versorgten die Tiere und sanken dann total erschöpft in die Sitze des Geländewagens, der uns zum Hof brachte, wo das Essen schon auf uns wartete. Ungeduscht und stinkend wie ein Iltis fiel ich ins Bett und schlief wie eine Tote.
Am nächsten Tag war ich so erledigt, daß ich absolut keine Lust verspürte, heute auch nur ein Pferd anzufassen. Die anderen fuhren los, um die Pferde heimzureiten, während ich genüßlich unter der Dusche stand. Ich hatte ziemlichen Muskelkater in Armen und Brustmuskeln, obwohl ich an sich ganz gute Kondition hatte.
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Das hier war aber wohl doch ein bißchen sehr hart gewesen und reichte mir völlig. Ich vertrödelte den Vormittag und schrieb ein paar Zeilen in Abi’s Gästebuch. Dabei versuchte ich, meine vielen Eindrücke zu sortieren und zu verdauen.
Gegen 15.30 Uhr kamen auch die anderen vom Ritt zurück. Die Schwedin hatte meinen Lisingur geritten, weil sie auch mal den Tölt kennenlernen wollte, und sie war total begeistert. Allerdings hatte sie gewaltig Mühe gehabt, ihn zu halten.
Zum Mittagessen gab es eine Art Auflauf aus Krabben, Reis und Mais mit einer dicken Currysoße drüber, und es war wieder sehr lecker. Dann holte Abi den Jan vom Angeln ab, der auch keine Lust mehr zum reiten verspürte, danach fuhren wir zusammen nach Hvammstangi, einem freundlichen, kleinen Örtchen etwa 20 km vom Hof entfernt. Während die anderen sich im Schwimmbad tummelten - wofür ich mich noch nie begeistern konnte, ich bade ja auch nicht mit fremden Leuten - trank ich Kaffee und genoß das Nichtstun. Auf dem Rückweg hielten wir bei einer Tankstelle, wo ich zwei kleine Rollen Kekse erstand für die Heimfahrt. Eine Rolle mit 140 g kostete doch tatsächlich DM 6, ein Päckchen Zigaretten DM 8 und ein Liter Normalbenzin DM 3. Ein halbes Hähnchen an der Imbißecke in Reykjavik kostete übrigens DM 19, Das waren schon unglaubliche Preise.
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Das isländische Paar hatte uns schon am Nachmittag verlassen, jetzt verabschie-deten sich auch die beiden Schweden, die noch eine weitere Woche im Norden Islands verbringen wollten. So verblieb nur ein kümmerlicher Rest, und Abschiedsstimmung kehrte ein.
Nach dem Frühstück am folgenden Morgen ging ich noch einmal zu den Pferden auf die Koppel beim Hof und machte bei Sonnenschein ein paar Aufnahmen von unseren treuen Gefährten der letzten Tage. Dann packten wir unsere Sachen, und Abi fuhr uns zur Bushaltestelle. Auf der Rückfahrt nach Reykjavik regnete es wieder, zwischendrin schien hell die Sonne. Je näher wir Reykjavik kamen, desto abwechslungsreicher wurde die Landschaft und die Berge immer schroffer. Gegen 18.00 Uhr kamen wir an und fuhren wieder zu unserer Pension. Ich ging nochmal in die Stadt, und da ich unterwegs fast kein Geld ausgegeben hatte bzw. nicht konnte, wollte ich hier den Rest in ein Abendessen umsetzen. In einer Pizzeria bezahlte ich für Spaghetti, Suppe und eine Cola stolze DM 55. Das hat mir dann den Rest gegeben.
Am nächsten Morgen mußten wir um 4.00 Uhr aufstehen, um unseren Flieger zu erreichen. Der kam aus New York und hatte Verspätung, so daß wir erst um 9.00 Uhr starteten. Als wir in Luxembourg landeten, brannte die Sonne heiß herab. Ich konnte es kaum fassen und schwitzte in meinem schwarzen Angorapullover. Mit dem Zubringerbus ging es rasch nach Frankfurt und von dort aus nach Hause.
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Und wenn mich jetzt jemand fragt, ob es mir gefallen hat, ist meine Meinung sehr zwiespältig. Island war für mich das beeindruckendste Land, das ich bisher (1985) sah. Es war so fremd und abweisend und doch so faszinierend und anziehend, daß ich es schwer finde, eine Meinung zu finden. Ich muß wohl noch einmal hin.
Und in diesem Sinne vielleicht "Bless" (Auf Wiedersehen).


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