Baltikum Reisebericht:
Tallinn, Riga, Vilnius, die kuhrische Nehrung und die Masuren
5220 km mit dem Bus und 1100 km mit dem Schiff
15. - 30.07.2003
Bodensee – Rostock – Helsinki – St. Petersburg –
Tallinn – Riga – kurische Nehrung – Vilnius –
Masurische Seenplatte/Polen – Posen – Berlin - Bodensee
Was für eine Reise! Wieviel Pracht und Schönheit und wieviel Elend und Armut! Wieviel Schweißtropfen im vermeintlich kühlen Norden! Wieviel zigtausend Eindrücke in nur 16 Tagen!
Dies ist der Versuch, eine unvergleichliche Reise im Telegrammstil zusammen-zufassen für all die Lieben, die nicht mitfahren konnten.
Am Dienstag, dem 15. Juli 2003, war um 2.50 Uhr Aufstehen angesagt. Jutta stand prompt vor der Tür und fuhr mich zur ersten Fähre von Konstanz nach Meersburg, wo schon die ersten Mitreisenden standen. In Meersburg wurden wir vom funkelnagelneuen Wegis-Bus mit Fahrer Rolf und seiner Frau Brigitte in Empfang genommen, lasen an verschiedenen Stellen noch weitere Gäste auf, und mit der aufgehenden Sonne vor und dem Mond hinter uns ging es in flotter Fahrt vorbei an Nürnberg, Leipzig und Berlin bis nach Linstow, etwa 80 km südlich von Rostock, unserer ersten Übernachtung nach ca. 900 km ermüdender Fahrt. Unterwegs wurden wir von Brigitte - einer feschen, flotten Vierzigerin, die mir sofort sehr sympathisch war - auf’s Beste versorgt mit duftendem Schweizer Kaffee, Kuchen und Bonbons und mit diversen Getränken. Brigitte war nicht nur unsere “gute Seele”, sondern auch die beste Reiseleiterin, die man sich wünschen kann und darüber hinaus konnte sie auch noch den Bus fahren und wechselte sich mit ihrem Mann ab. Schon der Gedanke, so einen Riesenbus zu fahren und die Verantwortung für 31 Menschen zu tragen, verursacht mir eine Gänsehaut.
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Je weiter wir nach Norden kamen, desto flacher wurde die Landschaft und desto größer die Felder und weiter der Blick. Brigitte informierte uns über alles Interessante in der Region und gab uns manch sinniges Wort mit auf die Reise. Dank der Klimaanlage im Bus spürten wir die Hitze draußen nicht, kamen aber trotzdem ziemlich erledigt im ziemlich pompösen “Van der Valk-Hotel” in Linstow an, mitten in der Heidelandschaft mit Sandboden. Hier befand sich eine große Ferienhausanlage mit hübschen reetgedeckten Häuschen, in denen viele Familien mit Kindern Urlaub machten. Von den vielen Leckereien des Büffets - argentische, chinesische und italienische Küche - gesättigt, machte ich mit Annemarie, einer Mitreisenden, einen Spaziergang in die Umgebung des Hotels, dann ging es ab ins Bett.
Der nächste Morgen empfing uns bewölkt mit 19. Nach einem guten Frühstück ging es rasch nach Rostock. Dort liefen wir zu Fuß durch die wunderschön restaurierte und z.T. wieder aufgebaute Altstadt, und ich war sehr überrascht, wie schön diese Stadt an der Ostsee ist. Die alte Hansestadt Rostock hat 250.000 Einwohner und einen Überseehafen. Dieses Jahr findet dort die IGA, also die internationale Gartenbau-Ausstellung statt, die ich mir gerne angesehen hätte. Aber alleine dafür hätte man einen Tag gebraucht. Und auch in der Stadt selbst hätte ich noch viel Zeit verbringen mögen, denn die vielen alten Backsteinhäuser mit den herrlichen Giebeln und die vielen Straßencafés waren sehr einladend. Überall flogen Möwen herum und es roch nach Meer. Es gibt hier auch noch kleinere Plattenbauhäuser, die man mit Backsteinen verkleidet hat, so daß auch sie ganz ansehnlich sind und das grau-triste Einheitsaussehen der sonst üblichen Plattenbauten vergessen lassen.
Dann fuhren wir zum Hafen und warteten dort mit vielen anderen Menschen auf unser Schiff nach Helsinki. Es war die “Finnjet”, das schnellste Fährschiff der Welt, das uns 1.100 km weit über die Ostsee bringen sollte. Es war ein Riesenschiff, zwar schon 36 Jahre alt und mit etwas veralteter Ausstattung, aber daher geradezu nostalgisch und gemütlich. Für mich war es sehr interessant zuzusehen, wie die Unmengen Busse, PKW, Motorräder und auch eine ganze Menge Fahrräder aus dem Bauch des Schiffes an Land fuhren. Zuletzt stiegen die Passagiere aus. Und dann fuhren in umgekehrter Richtung wieder Dutzende von Bussen usw. in den Bauch des Schiffes hinein. Schließlich waren auch wir an der Reihe, und bald hatte ich meine Aussenkabine auf dem 6. Deck gefunden und ging dann aber gleich hoch auf das Sonnendeck, denn die Finnjet legte sofort ab. Bei herrlichem Sonnenschein hatten wir eine schöne Aussicht auf Warnemünde und den Sandstrand voller Menschen. Als wir die offene Ostsee vor uns hatten, gab das Schiff Gas und fuhr mit der Höchstgeschwindigkeit von 61 kmh. Bei dieser Geschwindigkeit verbraucht das Schiff 300 Liter Bezin pro Minute und hat einen Bremsweg von 1050 Metern! Die Finnjet faßt über 500 Passagiere und hat 200 Mann Besatzung. Sie ist 29 Meter hoch und hat 9 Decks. An Bord gibt es diverse Restaurants und Bars, Disco, Fitneßraum, Pool, Friseur und diverse Läden, auch einen Dutyfree. Da das Schiff in Tallinn anlegt und Estland noch nicht zur EU gehört, kann dort bzw. an Bord sehr preisweit eingekauft werden, vor allem Alkohol jeder Art, Zigaretten, Parfüm usw. Da die Skandinavier ja nur sehr schwer an Alkohol kommen können und wenn, dann zu horrenden Preisen, fahren vor allem die Finnen sehr oft die 80 km von Helsinki nach Tallinn (1 ½ Std. mit dem Schnellboot für Euro 25), um sich dort entweder zu besaufen oder aber jede Menge Alkohol zu kaufen, den sie dann in Finnland mit großem Gewinn weiterverkaufen. In Tallinn werden die Finnen “Elche” genannt und sind nicht sehr beliebt, weil sie dermassen saufen und häufig aus den Kneipen auf die Straße gesetzt werden. Selbst in unserem späteren Nobelhotel in Tallinn stand angeschrieben, daß betrunkene Gäste “entfernt” werden! Die Überfahrt von Rostock nach Helsinki mit Zwischenstop in Tallinn/Estland dauert 23 Stunden.
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Sobald wir an Bord waren, stellten wir die Uhr auf finnische Zeit um, d.h. eine Stunde vor. Nach einer Stunde Fahrt war der Fahrtwind dermassen stark, daß nur noch wenige Leute dick eingemummt in winddichte Jacken an geschützten Stellen saßen. Der salzig-feuchte Wind zerrte an einem und machte die Haare stumpf und sperrig. So inspizierte ich das ganze Schiff von oben bis unten, trank in der Bar auf dem obersten Deck einen Kaffee mit weitem Blick auf das Meer, besuchte in der Tanzbar eine einstündige Tanzshow mit einer Einlage aus “Die Schöne und das Biest” und fand später auf dem Sonnendeck ein geschütztes Plätzchen, wo ich die Sonne, den Wind und den Urlaub geniessen konnte. An Bord waren auch viele Hunde, die für Euro 70 mit in die Kabine genommen werden dürfen. Auf einer Seite des Schiffs gibt es so eine Art großer Sandkästen, dort dürfen die Tiere ihr Geschäft verrichten und sich auch auf dieser Schiffsseite aufhalten. Ein junger Mann hatte einen Mittelschnauzer und einen 4 Monate alten Riesenschnauzer, die beide sehr verschmust waren und die beide gleich merkten, daß ich sie mochte.
Um 20.30 Uhr fand sich unsere Gruppe an reservierten Tischen zu einem wahrlich köstlichen skandinavischen Büffet ein. Was für Leckereien und Delikatessen gab es da! Vor allem die Fischliebhaber kamen hier auf ihre Kosten, denn hier gab es alles, was das Meer so hergibt: Lachs und Krabben und Heringe usw. in allen Varianten. Aber auch das Dessertbüffet war einen oder gleich mehrere Besuche wert. Ein Jammer, daß die Augen immer soviel größer sind als der Magen! Soviele Herrlichkeiten muß man ungegessen stehenlassen!
Gegen 22.00 Uhr stehen viele Menschen an der Reling des Sonnendecks und schauen der untergehenden Sonne zu, die um 22.30 Uhr glutrot in der Ostsee versinkt. Ein wunderschöner Anblick. Dann leert sich das Deck und alles wendet sich entweder dem Nachtleben an Bord oder dem Bett zu. In der Disco ist der Teufel los, eine Band macht fetzige Musik, die Leute stehen dichtgedrängt, denn Sitzplätze sind längst nicht mehr zu haben. Nach einer Weile werde ich aber doch müde und verziehe mich in meine klimatisierte Kabine, lege mich ins das vibrierende Bett (das ganze Schiff vibriert ununterbrochen) und lese noch ein bißchen Reiseliteratur, schaue noch mal über die weite Ostsee und staune, daß es trotz untergegangener Sonne um 23.00 Uhr noch nicht ganz dunkel ist.
Ich habe sehr gut geschlafen und ein herrliches Frühstückbüffet genossen. Auf dem Sonnendeck finde ich ein windgeschütztes Plätzchen in der Sonne und schaue stundenlang auf die estnische Küste und die vielen Inseln und Inselchen, an denen wir entlangfahren. Gegen 11.00 Uhr legen wir in Tallinn, der Hauptstadt Estlands, an. Der Anblick dieser großen schönen Stadt ist umwerfend. Vor allem die russisch-orthodoxe Alexander-Newski-Kathedrale mit ihren diversen Zwiebeltürmen fasziniert mich. Als die Finnjet steht, scheint die Sonne enorm heiß, aber als wir nach kurzem Halt wieder auf See sind, läßt mich der Fahrtwind wieder ein geschütztes Plätzchen suchen. Bis Helsinki dauert es noch knapp 3 Stunden, die Einfahrt durch die Schären (kleine Felserhebungen und Inselchen) und die Ansicht von Helsinki bei strahlender Sonne ist wunderschön. Über allem thront die mächtige Kathedrale der Stadt. Helsinki ist die Hauptstadt Finnlands und hat 500.000 Einwohner. Das ganze Land hat nur 5 Mio Einwohner und ist daher mit einer Fläche fast so groß wie Deutschland sehr dünn besiedelt. Offizielle Sprachen sind finnisch und schwedisch, und alle Straßenschilder sind zweisprachig. Finnisch ist für uns total exotisch und völlig unverständlich, aber vom Schwedischen können wir doch einiges ableiten und verstehen.
Unsere finnische Stadtführerin Christina begleitet unsere Stadtrundfahrt. Wir bummeln über den Markt am Hafen und lassen uns dann die Schönheiten der Stadt zeigen. Christina wies auf ein Altersheim hin und nannte es Altertumshaus, was wir sehr witzig fanden. Bis vor drei Tagen hat es hier ständig geregnet, und die Menschen sind ziemlich blaß. Es gibt viele Grünanlagen und Parks in der gepflegten Stadt, aber keine Hochhäuser. In einer großen Werft wird derzeit an einem riesigen Kreuzfahrtschiff für die USA gebaut, es sieht gigantisch aus. Insgesamt macht Helsinki einen sehr gemütlichen, sauberen Eindruck.
Unser Hotel liegt mitten im Zentrum, so daß wir nach dem Abendessen noch viele Möglichkeiten zum Bummeln haben. Wie in allen großen Städten gibt es auch hier eine große Fußgängerzone mit feinen Läden und Boutiquen und natürlich jeder Menge Straßencafès und Restaurants. Da es noch lange hell ist, laufe ich erst noch einmal zum Hafen, um die 6 Eisbrecher zu bestaunen, die hier auf den nächsten Winter warten. Es sind enorme Schiffe. Viele Boote dümpeln in der Abendsonne vor sich hin, große Möwen streiten um Futter, und es duftet wunderbar nach Meer. Danach bummele ich am Ufer entlang und komme schließlich wieder an den Marktplatz, schlecke ein Eis, sitze in einem großen Park, der vor flanierenden Menschen nur so wimmelt, schaue in dem einen und anderen Straßenlokal vorbei, höre den Musikgruppen zu, die überall für Lautstärke sorgen und schlendere schließlich wieder zurück zum Hotel und ins Bett.
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Am nächsten Morgen starten wir nach dem Frühstück in Richtung Osten zur russischen Grenze mit dem Tagesziel St. Petersburg, das ca. 380 km entfernt ist. Brigitte informiert uns über die russischen Verhältnisse, über die allgegenwärtige Mafia und daß ohne Geld in Russland nichts geht. Die Russen seien stur und unflexibel und nicht gerade mit Freundlichkeit gesegnet, weil sie das nie gelernt haben. Das konnten wir später nur bestätigen.
Nachdem wir Helsinki hinter uns gelassen hatten, fuhren wir durch Birken- und Kiefernwälder, an großen Äckern und Wiesen vorbei. Hier blüht gerade erst der Raps, und die Getreidefelder sind noch ganz grün, die Natur ist 6-8 Wochen später dran als bei uns, holt dies aber durch das viel längere Tageslicht bald auf. Überall rechts und links der Straße sind hohe Elchzäune angebracht, und es gibt auch Elchtunnel, damit die Tiere von einem Gebiet ins andere wechseln können, ohne den Autos in die Quere zu kommen. Leider sind die Elche scheu, so daß wir keinen zu Gesicht bekamen. Brigitte informiert uns über Finnland, seine Menschen und Tiere und die Natur. Es gibt hier lange, kalte Winter und kurze, helle Sommer. Im Norden des Landes (Lappland) gibt es viele Rentiere, auch Bären und Wölfe. Es gibt soviel Wald, daß auf jeden Bewohner 7 Hektar kommen. Und es gibt zigtausende kleinerer und grösserer Seen und weithin unberührtes Land.
Gegen 10.30 Uhr tanken wir kurz vor der Grenze noch einmal, suchen die “Befreiungshallen” (WC) auf und stellen dann unsere Uhren erneut um eine Stunde vor auf russische Zeit. Am Zoll müssen wir ein Formular ausfüllen, unseren Paß vorzeigen und dann in knalliger Sonne warten und warten. Solche Hitze hatten wir hier im sogenannten “hohen Norden” gar nicht erwartet, aber wir sind ja die Hitze von Deutschland her schon seit Wochen gewöhnt. So nach und nach kommen wir untereinander auch ein bißchen ins Gespräch. Wir müssen uns ja erst ein bißchen beschnuppern, denn auf dem Schiff verlor sich die Gruppe bei so vielen Menschen. Es waren überwiegend Ehepaare im Rentenalter dabei, aber auch einige alleinreisende Frauen und Männer. Und wie immer, gab es schöne und weniger schöne, sehr nette und auch zwei gar nicht nette Mitreisende. Es gab “Orginale” und auch ziemlich Farblose, es gab schweigsame und auch solche, die morgens wohl den Mund schon vor den Augen aufmachten und die erst der Schlaf zum Schweigen brachte. Ich habe noch nie eine Reisegruppe erlebt, in der nicht mindestens ein “fauler Apfel” gewesen wäre. Alles in allem war es eine eine harmonische und fröhliche Truppe.
Nach 2 Stunden hatten wir den russischen Zoll überstanden und rollten nun auf russischen Straßen weiter. Brigitte erzählte uns viel über Rußland, das mit 17 Mio qkm und 147 Mio Einwohnern das größte Land der Welt ist und dessen Hauptlandmasse in Asien liegt. Und verblüffend ist, daß in diesem Riesenreich nur eine Sprache, nämlich Russisch, gesprochen wird. Die Pracht und der Reichtum des Zarenreiches gehören der Vergangenheit an, und die meisten Russen sind sehr arm bzw. die Schere zwischen Armut und Reichtum klafft hier weit auseinander.
Wir fahren durch endlosen Wald aus Birken und Nadelhölzern (Taiga) durch Karelien, das ehedem zu Finnland gehörte, aber von den Russen besetzt wurde. Wir kommen in Vyborg an, der ehemals zweitgrößten Stadt Finnlands, die heute reichlich heruntergekommen ist mit vielen leerstehenden und tristgrauen Häusern. Auch die Straßen werden deutlich schlechter. Hier nehmen wir unsere russische Reiseleiterin, Tatjana, eine sehr sympathische junge Frau, auf und halten dann unsere Mittagspause in einem kleinen Park am Wasser. Brigitte hat die Bordküche angeworfen, und nachdem zwei Klapptische mit einem schicken Tischtuch versehen wurden, serviert sie uns Wienerle oder Landjäger oder auch diverse Suppen. Hinterher gibt’s Kaffee und Kuchen. Was für ein Service!
Wohlgestärkt geht die Fahrt weiter. Bis St. Petersburg sind es noch etwa 180 km. Tatjana informiert uns in gut verständlichem Deutsch und mit viel Engagement über Land und Leute in und um St. Petersburg herum, das bis zum Zusammenbruch der ehemaligen Sowjetunion Leningrad hieß und das wohl jedem ein Begriff ist. Auch hier hatte es bis vor einer Woche viel geregnet und war sehr kühl gewesen. St. Petersburg hat durchschnittlich nur 35 reine Sonnentage im Jahr, und davon haben wir einige erwischt, wie wir später erfreut feststellen konnten.
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Wir fuhren weiter schnurgerade durch endlosen Wald, es gab keinerlei Ortschaften, höchstens ab und zu vereinzelte Häuser oder Gehöfte mit Landwirtschaft drumherum. Die Kartoffeln waren hier gerade mal 10 cm hoch. Schließlich tauchen die Vororte von St. Petersburg auf, in denen sich viele Datschas (Wochenendhäuser) der wohlhabenderen St. Petersburger Einwohner befinden. Es sind meist Holzhäuser in einem schönen grünen Gebiet. Dann sehen wir das Meer und den Hafen, jede Menge alte und auch neue Plattenbauten und jede Menge Baustellen. Es gibt hier seit zwei Jahren auch Supermärkte, und selbst McDonalds ist schon da. In den Blumengeschäften werden gerade Tulpen verkauft. Je weiter wir fahren, desto mehr schöne Häuser sehen wir, es sind viele gut restaurierte Jugendstilhäuser dabei, in denen die reichen Russen wohnen. Hier gibt es viele Geschäfte, Boutiquen und Restaurants aller Herren Länder. Schließlich kommen an die Newa, den größten Fluß St. Petersburgs, und sind sprachlos angesichts der leuchtenden Pracht der zahllosen Prunkgebäude aus der Zarenzeit, die anläßlich des 300 jährigen Geburtstags der Stadt restauriert worden sind. Ich wußte gar nicht, wo ich zuerst hinschauen sollte, ein prächtiger Bau stand neben dem anderen, allen voran der berühmte Winterpalast, in dem sich die Eremitage befindet, aber auch die herrliche Isaak-Kathedrale. Es gibt Dutzende Bücher allein über St. Petersburg, und es ist unmöglich, im Rahmen eines Reiseberichts auch nur annähernd die Schönheit und die Geschichte dieser Stadt mit den Prachtbauten der Zarenzeit zu schildern. Das muß man einfach mit eigenen Augen sehen, denn auch die Fotos sind nur ein Abklatsch dessen, was wirklich ist. St. Petersburg ist einfach atemberaubend und wird sicher nicht zu unrecht das Venedig des Nordens genannt mit seinen vielen Kanälen, die sich überall durch die Stadt ziehen.
Wir hatten eine Extraführung durch die wunderschöne Isaak-Kathedrale, die der drittgrößte Kuppelbau der Welt ist. Hier gibt es u.a. riesige Säulen aus Malachit und Lapislazuli, herrliche Mosaike und eine sehr beeindruckene Kuppel. Wir fahren weiter durch das Zentrum und schauen auch in die Hinterhöfe und Eingänge. Da ist es vorbei mit der Pracht, denn Tristesse und nacktes Elend ist da zu sehen. Bettelnde Kinder sind derzeit selten in St. Petersburg, denn man hat annähernd 30.000 Straßenkinder rechtzeitig vor Beginn der 300 Jahr-Feiern vor die Tore der Stadt in Lager geschafft, wo sie bis auf weiteres bleiben werden. Aber arme alte Frauen sahen wir des öfteren, und Brigitte, die schon oft hier war, hatte kofferweise Kleidung aus Deutschland mitgebracht und verteilte diese hier. Ich wechselte in kleinere Rubelscheine und gab diese bei jeder Gelegenheit (32 Rubel = 1 Euro). Ich konnte nur ahnen, unter welchen Umständen diese alten Frauen leben mussten und hatte ein schlechtes Gewissen, weil es uns so gut geht. Der Zufall der Geburt hätte mich auch nach Russland setzen können.
Schließlich fahren wir zu unserem Hotel “Rossija”, das etwa 8 km ausserhalb des Zentrums direkt gegenüber dem Völkerpark liegt und beziehen unsere Zimmer, die ordentlich und sauber und für russische Verhältnisse sehr gut sind. Im Hotel können wir rund um die Uhr Geld wechseln. Im großen, hellen Speisesaal, durch dessen Fenster die Abendsonne hereinscheint und dem Raum viel Freundlichkeit verleiht, wird unser nicht sehr erbauliches Abendessen von jungen Russinnen mit versteinerter Miene serviert.
Danach laufe ich noch 2 Stunden durch den großen Park, in dem sich Springbrunnen, diverse Säulen und Büsten befinden und in dem viele Jugendliche mit Bierflaschen in der Hand herumlaufen oder sitzen. Um 24.00 Uhr ist es nach russischer Zeit noch nicht ganz dunkel (bei uns wäre es 22.00 Uhr).
Samstag, der 19. Juli
So ein Chaos beim Frühstücksbüffet habe ich noch nie erlebt. Unmengen Leute, vor allem Russen, stehen Schlange und drängeln und jeder versucht, nicht nur eine der raren Tassen für den raren Kaffee zu ergattern, sondern möglichst auch noch einen Sitzplatz. An der Bar finde ich schließlich ein Plätzchen und kaue ziemlich lustlos das nicht sehr ansprechende Brötchen und die steife Marmelade. Viele Zutaten dieses Frühstücksbüffets sprechen uns nicht gerade an: eine Art Gulasch, Buchweizengrütze, kalter Reis, grau-fette Wurst. Aber ich habe schon wesentlich schlechter gefrühstückt, wenn auch selten so ungemütlich. Wenn wenigstens ein einziges freundliches Gesicht zu sehen wäre! Wir sind halt in Rußland.
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Um 9.00 Uhr ist es schon sehr heiß, als wir zu unserer Stadtrundfahrt starten. Tatjana hat mir ganz prompt Augentropfen besorgt, denn meine Bindehautentzündung (von der Klimaanlage oder vielleicht auch vom Fahrtwind auf der Finnjet?!) verursacht mir brennende, tränende Augen, was sehr unangenehm ist. Die Tropfen brennen für einen Moment sehr, schaffen aber sofort Besserung. Sie kosteten 32 Rubel, also einen Euro. Bei einem durchschnittlichen Verdienst von ca. 400 - 500 Rubel im Monat ist das für die Russen ebensoviel wie wir hier für Medikamente zahlen.
Auf der Fahrt ins Zentrum fallen uns die blinden, schmutzigen Fensterscheiben sämtlicher Häuser auf. Unverständlich, wieso hier niemand Fenster putzt.
Es ist ein strahlendschöner Morgen in St. Petersburg, der uns wunderschöne Gebäude, gepflegte Parks und eine breite, in der Sonne glitzernde Newa präsentiert. Im Park vor der märchenhaften Erlöserkirche machen wir halt und Fotos. Diese russ.-orthodoxe Kirche ist wunderschön anzuschauen, aber auch von innen ein Juwel. Wir halten vor der Kirche, wo schon viele Händler mit ihren Souvenirs warten und wo alte, zerlumpte Frauen stumm betteln. Protz und Elend nebeneinander. Ich habe Augen für beides.
Danach besuchen wir ein großes Andenkengeschäft, in dem wirklich sehr schöne Sachen zu haben waren, vor allem das herrliche Porzellan aus der Lomonossow-Manufaktur in vielen Varianten. Aber auch jede Menge Bernstein und Matrjoschkas (Püppchen in der Puppe) und vieles andere gab es hier. Einige kauften tüchtig ein. Ich erstand eine kleine Figur aus Porzellan “Väterchen Frost”.
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Für die Mittagspause fuhren wir zum Smolnyj-Kloster, bauten unsere Tische dort auf und Brigitte servierte Würstchen, Kaffee und Kuchen. Etliche Händler waren hier und einer davon hatte wunderschöne Pelzmützen. Und so kam ich zu einer ganz leichten, weichen Polarfuchsmütze, die mich im Winter immer an St. Petersburg erinnern wird.
Wohl gestärkt besuchen wir dann eines der größten und berühmtesten Museen dieser Welt: die Eremitage, die im prachtvollen Winterpalast der Zaren untergebracht ist. In diesem Riesenkomplex sind in über 1000 Räumen 3 Mio Exponate ausgestellt, und man müßte 24 km lang laufen, wenn man alle besichtigen wollte. Wir schafften zwar nur 4 km, waren aber total beeindruckt und hatten dabei so manches herrliche Gemälde alter oder auch neuerer Meister bewundern können. Vor allem Rubens, Rembrandt, Renoir, aber auch van Gogh, Cezanne, Matisse und unzählige andere sind hier reich vertreten. Jeden Tag besuchen durchschnittlich 8000 Menschen dieses Museum, und entsprechende Massen wälzen sich hier durch die Räume mit schlechter Luft. Aber auch die Räume und Gänge selbst sind Kunstwerke ersten Ranges. Man kann es nicht beschreiben, man muß es sehen. Selbst ein aufwändiger Kunstband kann die wahre Pracht nicht annähernd widergeben. Das gilt auch für das gesamte Gebäude, vor dem sich einer der schönsten Plätze der Welt befindet. Es ist ein riesiger Platz, in dessen Mitte die Alexandersäule steht.
Wir sind völlig erledigt vom vielen Schauen, von der Hitze und den unzähligen Eindrücken dieses Tages. Anschließend fahren wir mit dem Bus den Newski-Prospekt entlang, das ist die Hauptpracht- und Flaniermeile mit Geschäften aller Edelmarken, mit zahllosen Restaurants und Straßencafés und Menschen, die sehen und gesehen werden wollen. Die Menschen, und vor allem die jungen Mädchen und Frauen sind allesamt rank und schlank, ja fast gazellenhaft, sind supermodisch gekleidet und gepflegt. Echte Schönheiten sahen wir hier und russische Matronen suchten wir vergebens.
Die Erholung kommt in Form einer Bootsfahrt auf der breiten Newa, die hier in die Ostsee mündet, und durch die schönsten Kanäle dieser grandiosen Stadt führt, so daß wir sie auch aus diesem Blickwinkel bestaunen können. St. Petersburg hat mehr als 800 Kirchen und über 300 Brücken über zahllosen Kanälen.
Randvoller Eindrücke und schlapp von diesem anstrengenden Tag fahren wir zurück zum Hotel, bekommen ein nicht “merk-würdiges” Abendessen, das jedoch von einer Folkloregruppe musikalisch untermalt wird. Ein Tenor mit erstaunlicher Stimme singt so laut, als hätte er ein Mikrophon. Er singt klassische Arien, aber auch russische Lieder und hat offenbar auch schauspielerisches Talent. Mir ist klar, daß es sich hier um einen Profi handeln muß. Und siehe da, er erzählt mir, daß er und die übrigen Mitglieder der Gruppe zum Ensemble des berühmten Mariinskij-Theaters gehören und sich durch diese Auftritte etwas dazu verdienen. Zwei CD’s waren zu haben, und ich erstand auch eine. Wir hatten an diesem Abend schon das zweite Geburtstagskind auf dieser Reise, dem wir ein Ständchen sangen.
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Nach dem Essen ging ich auf mein Zimmer, um noch über 20 Karten zu schreiben und das Buch über die Eremitage anzuschauen. Wegen einer Hochzeitsgesellschaft in unserem Hotel war die Nacht ziemlich laut. Zum Frühstück war wieder das große Chaos angesagt, aber um 9.00 Uhr saßen wir alle im Bus und gratulierten dem dritten Geburtstagskind. Von Rolf und Brigitte bekamen die drei jeweils einen Bildband von St. Petersburg mit den Unterschriften aller Reisegäste und dazu Kuchen mit brennenden Kerzen. Solche Geburtstage vergißt man sicher nie.
Als Überraschung hat Tatjana es möglich gemacht, daß wir alle mal mit der Metro fahren dürfen, um sich die Stationen anzuschauen, die teilweise so prachtvoll wie Ballsäle ausgestattet sind. In einer befanden sich riesige Säulen rechts und links an den Bahnsteigen, gespickt mit Sternen und Blumen aus Glas und Marmor und an den Stuck- und Mosaikdecken hängen Monster von Kronleuchtern. Wenn wir hier in Ballkleidern stünden, wären wir passend angezogen. Ahnungslos machte ich einige Fotos von dieser stummen Pracht, als gleich ein Polizist ankam und dies energisch verbot. Warum man hier nicht fotografieren darf, konnten wir nicht herausfinden. Jedenfalls fuhren wir einige Stationen hin und wieder zurück und staunten, wieviele Menschen hier am Sonntagmorgen schon unterwegs waren.
Dann fuhren wir mit dem Bus nach Peterhof, der Sommerresidenz der Zaren, die etwa 25 km außerhalb St. Petersburgs liegt. Auf dem Weg dorthin kamen wir durch Strelna, in dem wir auch das Konstantinow-Schloß sahen, in dem Wladimir Putin mit vielen Staatsoberhäuptern anläßlich der 300 Jahr-Feierlichkeiten tagte.
Die Stadt Peterhof hat 90.000 Einwohner, hier gibt es schöne Villen und Häuser der neureichen Russen, wie Tatjana uns informierte. Auf dem Parkplatz der Sommerresidenz Peterhof standen zahllose Busse und Unmengen PKW’s und die Souvenirstände reihten sich nahtlos aneinander. Es war heiß, und Unmengen Menschen aller Herren Länder drängten zum Eingang. Auch wir hatten es schließlich geschafft und es gibt sicher niemanden, der nicht von den herrlichen Wasserspielen, Fontänen und Springbrunnen dieser grandiosen Anlage begeistert gewesen wäre. Aber in diesem riesengroßen, weitläufigen Park gibt es auch ganz stille, romantische Waldstücke, die bis zur Ostsee reichen. Es gibt immer wieder lauschige Plätzchen, grössere und kleinere Wasserspiele und Springbrunnen, wunderschöne Figuren und Skulpturen, Spiele von Licht und Schatten. Abseits der Hauptwege, auf denen ganze Prozessionen von Menschen flanieren - es ist Sonntag - ist es friedlich, still und idyllisch. Nirgends liegt auch nur ein Papierchen oder eine Kippe herum, alles ist piccobello sauber. Aufpasser pfeifen sofort mit der Trillerpfeife, sobald jemand in ein Blumenbeet oder über die Beetabgrenzung tritt. Ich hätte hier stundenlang laufen mögen, war aber dankbar, daß wir wenigstens 2 ½ Stunden Zeit hatten.
Dann verlassen wir diese Pracht und machen halt bei der wunderschönen altrussischen Peter- und Paul-Kirche nahebei. Zerlumpte Halbwüchsige und junge Kriegsversehrte finden wir hier. Ihnen gibt Brigitte Wienerle und Brot und Chips. Sie hat ein großes Herz und lebt nach der Devise “leben und leben lassen” und gibt, so lange sie hat.
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Auf dem Weg zum Katharinenpalast mit dem legendären Bernsteinzimmer kommen wir an einem Denkmal vorbei, das an die 900 tägige Belagerung Leningrads durch die Deutschen erinnert und den Helden gewidmet ist. Die grauenhafte Geschichte der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts ist allgegenwärtig. Zu grausam und zu groß die Verluste, als daß dies nach mehr als 50 Jahren der Vergangenheit angehören könnte. Es darf auch nicht vergessen werden, um es nie mehr möglich zu machen.
Auf der Weiterfahrt sehen wir große neugebaute Fabrikgebäude: Coca Cola, Gilette und Dutzende andere, die sich hier bereits niedergelassen haben. Den Flughafen lassen wir rechts liegen und fahren dann nach Puschkin, einer 96.000 Einwohner-Stadt, die nach Russlands berühmtesten Dichter Puschkin bekannt ist und wo das Zarendorf mit der Sommerresidenz, dem Katharinenpalast, auf uns wartet. Es ist ein prachtvoller, riesiger Barockbau in Blau-Weiß-Gold, wo Tausende von Menschen auf Einlaß warten, denn alle wollen das neu konstruierte Bernsteinzimmer sehen, das pünktlich zur 300 Jahr-Feier fertig wurde, nachdem 24 Jahre lang daran gearbeitet worden ist.
Wir stehen lange in schlechter Luft, dürfen aber schließlich auch mit der Führung beginnen. Es darf immer nur eine Gruppe von Raum zu Raum gehen, sonst würde man erstens nichts sehen und zweitens bestünde in dem Gedränge die Gefahr von Beschädigungen. Es sind wunderschöne Zimmer, jedes anders eingerichtet, aber in jedem ein deckenhoher Ofen mit blauweissen Kacheln. Und schließlich stehen wir drin, im lang erwarteten und so berühmten Bernsteinzimmer, das glänzt und funkelt und wirklich prächtig anzuschauen ist. Die großen Spiegel verstärken den Glanzeffekt noch, und dieses Zimmer ist wirklich ein Juwel unter den Prachträumen dieser Residenz. Aber wenn ich ehrlich bin, hat mir das sogenannte “Grüne Zimmer” noch besser gefallen, denn es strahlte eine dezente Eleganz aus und wirkte auf mich nicht so überladen bombastisch. Dann war die Führung auch bald beendet, und nach dem Gruppenfoto konnten wir noch durch die schöne Parkanlage laufen und schlichtes Grün geniessen. Es war immer noch heiß und sonnig, und wir waren alle ziemlich geschafft. So fuhren wir denn auch schnurstracks zu unserem Hotel, wo es heute ein recht leckeres Abendessen gab. Danach war ich so müde, daß ich bloß noch ein bißchen über Estland gelesen habe. Mir fiel ein, daß wir heute erst 6 Tage unterwegs sind, aber mir kam es so vor, als wären wir schon seit Wochen auf Reisen. Man kann derart viele Eindrücke in so kurzer Zeit einfach nicht verarbeiten. Wenn ich nicht ständig tagsüber Notizen über den Ablauf gemacht hätte, wäre dieser Reisebericht kaum möglich.
Montag, der 21.07. begrüßt uns mit strahlendem Sonnenschein. Wir laden unsere Koffer in den Bus, kämpfen nochmal am Frühstücksbüffet und fahren dann Richtung Iwangorod/Narav zur russisch-estnischen Grenze. Tatjana begleitet uns bis dorthin. Die Trabantenstädte aus Plattenbauten sehen in unseren Augen häßlich aus, aber anscheinend mögen die Leute diese Wohnungen, vermutlich haben sie auch gar keine Wahl. Es gibt viele Grünanlagen, in denen die Leute mit ihren Hunden spazieren gehen. Es gibt auffallend viele “scharfe” Hunde hier wie Dobermann, Rottweiler, Schäferhunde, aber auch Kampfhunde. Man sieht jedoch auch kleine Hunde. Sobald wir die Stadt hinter uns haben, wird die Strasse immer schlechter und holpriger, da wird das Kaffeetrinken im Bus schwierig. Überall tauchen jetzt Felder mit Kohl und Kartoffeln oder roten Beeten auf. Am Straßenrand blüht der Storchschnabel und viel Blutweiderich. Die Wiesen und Äcker sind schön grün. Mir fällt auf, daß es hier noch viele Kletten gibt, wie ich sie aus meiner Kindheit kenne. Bei uns sind Klettensträucher äusserst selten geworden. Auch riesige Ansammlungen von hohem Bärenklau säumen auf Kilometer die Straße. Die Landschaft ist flach und Wiesen voller Scharfgarbe und Margaritten wechseln sich ab mit Wäldern und kleinen Orten, in denen überwiegend die traditionellen Holzhäuser stehen, von denen viele halbverfallen und verlassen sind.
Kurz vor der Grenze machen wir den letzten “Boxenstop” und Tatjana erzählt uns zum Abschied einen typisch russischen Witz: Ein überladenes russisches Flugzeug droht abzustürzen, daher wird alles unnötige Gewicht über Bord geworfen. Die Maschine sinkt aber weiter, und im Sinkflug steht der Deutsche auf, trinkt ein Bier und sagt: “Es lebe Deutschland” und springt aus dem Flugzeug. Dann steht ein Franzose auf, trinkt ein Glas Rotwein und sagt: “Es lebe Frankreich” und springt raus. Dann steht ein Russe auf, trinkt einen Wodka und sagt: “Es lebe Afrika” und wirft einen Afrikaner raus...!
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An der russischen Grenze müssen wir mit langer Wartezeit rechnen. Aus reiner Schikane werden die Busse bis zu 12 Stunden einfach stehen gelassen, es sei denn, man zahlt entsprechendes Schmiergeld. Es kann sogar sein, daß wir alle Koffer auspacken und vorführen müssen. So stehen wir also direkt am Grenzfluß, der Narva. Die gleichnamige Stadt hat 76.000 Einwohner, wovon 95 % Russen sind. Draußen sind es 26 im Schatten, aber wir müssen den Bus und damit die Klimaanlage abstellen und schmoren still vor uns hin und schimpfen mehr oder weniger über diese Schikane. Dann sehen wir, daß die Reisenden des vor uns wartenden Busses alle ihre Koffer eigenhändig ins Zollgebäude tragen müssen. Nach einer halben Stunde kommen sie mit dem Gepäck wieder heraus und laden alles ein. Mittlerweile kommt ein Linienbus, der vorgelassen wird, aber auch da müssen alle einzeln antanzen. Brigitte verteilt inzwischen “Drachenfutter”, also Bonbons, was unsere Stimmung kurzfristig aufhellt. Nach zwei Stunden werden wir langsam mürbe im Bus, in dem die Luft zum Schneiden dick ist. Aussteigen und draussen rumlaufen dürfen wir natürlich auch nicht. Plötzlich tut sich was, wir müssen alle aussteigen und mit unserem Gepäck und den Pässen ins Zollgebäude. Jeder einzelne wird angeschaut, dann bekommen wir unseren Stempel. Erst als auch der letzte seinen Stempel hat, wird die Tür aufgeschlossen, so daß wir wieder raus und einladen können. Danach dürfen wir aber weiterfahren und überqueren die Narva, sehen die beiden großen Festungen an beiden Ufern und befinden uns dann vor dem estnischen Zoll, wo wir zwar anstatt der kyrillischen Schrift wieder die vertrauten Buchstaben vorfinden, aber trotzdem nichts verstehen, denn estnisch ist dem finnischen verwandt und damit für uns absolut unverständlich. Brigitte hatte unsere Pässe eingesammelt, immer schön das Konterfei nach oben, und wir hoffen, daß wir über diesen Zoll etwas schneller kommen. Diese Warterei an den Grenzen ist immer nervend, zeitraubend und einfach unsinnig. Das trägt nicht gerade zu einer besseren Völkerverständigung bei, aber das ist ja auch nicht der Sinn der Sache. Aber nach einer knappen Stunde haben wir auch diese Hürde genommen und freuen uns auf frische Luft, neue Eindrücke und was zu essen. Zuerst stellen wir aber die Uhr wieder eine Stunde zurück, denn nun fahren wir ja wieder nach Westen. Draußen sind es 28, aber in Überlingen anscheind sogar 37, wie Brigitte telefonisch erfahren hat. Was ist das bloß für ein Sommer?!
Wir fahren nun durch Estlands herrliche Wiesenlandschaften voller Glockenblumen. Hier sehen wir auch die ersten Störche. Estland ist etwas größer als die Schweiz und ist von den drei baltischen Staaten am dünnsten besiedelt, denn es hat nur 1,5 Mio Einwohner. Viele Landstriche sind verseucht durch Ölschieferabbau, bei dem viele Giftstoffe freigesetzt werden. Wir machen trotzdem Mittagspause und stürzen uns hungrig auf Wienerle oder Suppe im Freien. Ich komme mir manchmal vor wie bei Rotel, und diese Momente der “Erdverbundenheit” gefallen mir sehr. Der anschliessende Kaffee mit Kuchen baut einen so richtig auf, und wir nehmen die restlichen 163 km bis Tallinn gern noch auf uns. Der Himmel bewölkt sich duster und drohend, und kaum sind wir wieder auf der Piste, regnet es wie aus Kübeln. Was hatten wir doch wieder für ein Glück! Es ist der erste Regen dieser Reise überhaupt. Die leuchtendgelben Rapsfelder brauchen den Regen. Im Hintergrund rechterhand sehen wir die Ostsee. Hier ist weites, plattes Land soweit das Auge reicht. Über den Himmel zucken Blitze. Nach einer Weile ist das Gewitter vorbei, es wird wieder hell, aber die Temperatur ist schlagartig auf 18 gefallen. Wir legen einen Stop bei einem wieder hergerichteten Gutshof ein, wo es außer einer urigen Schenke auch noch einen sehr schönen Verkaufsladen mit geschmackvollen Sachen gibt wie schöne handgestrickte Pullover und Holzschnitzereien. Unsere Fahrt setzen wir nun auf ungewohnt ebener Straße, nämlich einer Autobahn, fort, die kaum Schlaglöcher aufweist. Rechts von uns liegt der Lahemaa-Nationalpark, der zu einem großen Teil noch zu Russland gehört. Hier leben Elche und Bären, Luchse und Nerze und über 200 Vogelarten. Hochmoore und Wälder wechseln sich mit Steppenlandschaft ab. Bei Maardu gibt es viele Chemiewerke und Phosphatabbau. Durch massive Umweltsünden ist hier der Boden total verseucht, was aber in Zukunft verringert werden soll.
Inzwischen scheint die Sonne wieder als wir in die Plattenbauten-Vorstädte von Tallinn kommen, Estlands Hauptstadt mit 420.000 Einwohnern. Hier gibt es viele Neubauten, ein großes Industriegebiet mit modernen Gebäuden. Aber es gibt auch noch viele leerstehende, verfallene Häuser und Ruinen, an denen der Putz abblättert. Dennoch spürt man allenthalben das Aufstreben der Stadt und die Öffnung nach Westen. Unser Ziel ist die schön restaurierte Altstadt von Tallinn, deren Silhouette wir bereits vom Meer her sahen von der Finnjet aus. Die Menschen hier scheinen mir blaß, sind aber modern und gut gekleidet. An unserem “Grand Hotel Tallinn” holen wir Eduard, unseren hiesigen Stadtführer ab. Er ist Historiker und will uns seine Stadt und deren Geschichte nahebringen. Wir sind nach fast 10 Stunden inklusive Grenzwarterei doch ziemlich geschafft, aber die Stadtführung wollen wir doch machen. So fahren wir zuerst zum Katharinental, wie das Schloß der russischen Romanows genannt wird, und dessen Gartenanlage gerade wieder neu angelegt wird. In Tallinn gibt es eine 8 km lange Strandpromenade an der Ostseeküste entlang, und Eduard meint, jeder, der nicht diese 8 km lange Promenade abgelaufen hat, war nicht in Tallinn. Leider ballen sich dicke, dunkle Wolken zusammen, dann beginnt es zu donnern. Meine beiden Schirme befinden sich sinnigerweise im Koffer.
Eduard erzählt uns, daß die durchschnittliche Rente in Estland bei 150 Euro liegt und daß für Miete etwa 80 - 100 Euro aufzubringen sind, der Rest muß zum Leben reichen. Das durchschnittliche Einkommen der Esten liegt bei 470 Euro. Die Esten wollen zu 60 % nicht in die EU, denn sie haben Angst um Arbeitsplätze und vor der Euro-Teuerung. Estland ist arm, aber reicher als Russland, und es will seine Freiheit behalten. Nun, wir werden sehen, was sich 2004 tut.
Inzwischen regnet es leider recht stark, als wir an der gut erhaltenen Stadtmauer mit den dicken Türmen vorbeifahren. Uns wird die “dicke Margarete” ebenso wie der “dünne Erich” und der “lange Hermann” erklärt (alles Türme) und auch der Domberg, aber da es draußen inzwischen fast finster ist und durch die nassen Scheiben nicht viel zu sehen ist, beschliessen wir, zum Hotel zu fahren. Wer will, kann trotz Regen zu Fuß an der Stadtführung teilnehmen, die anderen können ins Hotel. Dort gibt es eine wunderbare Bäckerei mit feinsten Torten und Backwaren. Da ich schon längst Hunger habe, versuche ich hier, zwei Teilchen mit Euro zu bezahlen, das nimmt man dort aber nicht. Die Eurocard funktioniert hier auch nicht seltsamerweise, und an der Reception kann man nur den ganzen Geldschein wechseln, nicht aber nur einen Teil. Da wir morgen aber schon wieder weiterfahren nach Lettland, brauche ich gar kein estnisches Geld, und so verlasse ich halt die Bäckerei unverrichteter Dinge und warte auf das späte Abendessen. Das Gewitter ist sehr hartnäckig, und der Regen will einfach nicht aufhören.
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Das Hotel ist sehr gut, modern und komfortabel, der Service gut und freundlich. Hier lächeln die Menschen wieder. Und auch das Abendessen war phantastisch, sowohl für die Augen als auch für den Bauch. Um 21.30 Uhr schien die Sonne wieder, und so laufe ich mit einem Stadtplan gewappnet in die Altstadt, wo ich mich prima zurechtfinde und bis Mitternacht durch diese herrlichen mittelalterlichen Gässchen laufe, vom Domberg die prächtige Aussicht über die roten Dächer und den Hafen auf die Ostsee geniesse und von der wunderschönen Alexander-Newski-Kathedrale mit den 5 Kuppeltürmen Fotos mache. Diese altrussischen Kirchen faszinieren mich immer wieder. Die Altstadt von Tallinn ist die schönste, die ich bisher sah. Gerne wäre ich in dieser Stadt noch länger geblieben, zumal ich gerne einen freien Tag zum bummeln, flanieren, geniessen und ausruhen gehabt hätte. Die vielen kleinen Bistros und Straßencafés luden zum Verweilen ein, urige kleine Kneipen wollten besucht werden, und viele junge und alte Leute flanierten in friedlich-entspannter Stimmung durch die nächtliche Altstadt, die nun angestrahlt wurde. Was für ein besonderer Zauber lag über dieser ungewöhnlichen Stadt. Hierhin möchte ich sehr gerne zurückkommen. Ich war sehr dankbar, daß der Regen doch noch rechtzeitig aufgehört hatte, sonst hätte ich nie erfahren, was für ein Kleinod dieses Tallinn ist.
Todmüde lege ich mich dann in mein Luxusbett und überdenke dann noch einmal diesen Tag voller Gegensätze: Morgens noch St. Petersburg mit seiner Pracht und abends die schnuckelige Altstadt von Tallinn! Es ist eine ganz andere Welt.
Am nächsten Morgen bin ich noch vor dem Frühstück zur Burg hochgelaufen bei strahlendem Sonnenschein. Danach geniesse ich ein herrliches Frühstücksbüffet mit feinen luftigen Hefeteilchen. Dann geht es wieder rein in den Bus und wir fahren ab in Richtung Riga, der Hauptstadt Lettlands, die 307 km entfernt liegt. Brigitte teilt uns den Spruch des Tages mit: “Nicht, wer wenig hat, sonder wer viel wünscht, ist wirklich arm.” Wie wahr! Heute fahren wir über die Via Baltica, einer modernen, guten Straße, di von der EU gefördert wurde und quer durch die baltischen Staaten verläuft. Die Landschaft hier ist platt wie eine Flunder und liegt durchnittlich nur 50 Meter über dem Meeresspiegel. Weite blühende Wiesenlandschaften mit herrlichen Blumen wechseln sich ab mit Wald. Vereinzelte Gehöfte sind zu sehen, ansonsten ist das Land sehr dünn besiedelt. Die Nationalblume des Landes ist die Kornblume, die wir in Massen in den Wiesen blühen sehen. Das Nationaltier ist die Rauchschwalbe. Aber es gibt auch viele Störche hier. Nach 120 km kommen wir in Pärnu an der Ostsee an. Hier gibt es kilometerlange, feine Sandstrände. Pärnu mit 50.000 Einwohnern ist eine Kurstadt, weil der hiesige Heilschlamm Wunder wirken soll. Die Sonne knallt wieder erbarmungslos vom Himmel, als wir ans Meer laufen, wo es keinerlei Schatten gibt. Der Strand ist so flach, daß man einen Kilometer weit ins Meer hinauslaufen kann. Das ist ein Paradies für Kinder, und ein Galopp an diesem Strand entlang ist bestimmt auch ein Hochgenuß. Pärnu ist eine gepflegte kleine Stadt mit vielen kleinen Gärten.
Bei Häädemeeste verlassen wir die Via Baltica, um auf einer Nebenstraße einen Blick auf die typischen kleinen Holzhäuser zu werfen, wo es sogar noch Ziehbrunnen gibt. Wir fahren parallel zur Ostsee, die teilweise nur 100 m von der Straße entfernt verläuft. Hier gibt es auch kleine Ferienhäuschen, die verschlafen und idyllisch zwischen den Bäumen stehen. Hier können Naturliebhaber friedliche Ferien verbringen. Bei Ikla kommen wir zur Grenze nach Lettland, wo wir ganz flott abgefertigt werden und dann immer an der Küste entlang fahren. Hier könnte man 100 km lang an völlig unberührtem Strand entlanglaufen, es gibt keinerlei touristische Infrastruktur, es ist ganz ursprüngliches Land, Livland, wie dieser Teil Lettlands heißt. Hier gibt es viel Wald und weite Wiesen und fast keine Menschen. Geradezu paradiesisch für den, der Einsamkeit mag.
Lettland hat nur 2,7 Mio Einwohner und ist so groß wie die drei Beneluxstaaten zusammen, ist also extrem dünn besiedelt. 70 % der Bewohner leben in den Städten, hauptsächlich in Riga mit über 800.000 Einwohnern. Riga ist nicht nur die größte Stadt Lettlands, sondern auch die größte der drei baltischen Staaten. Lettland hat eine ganz eigene Sprache, so daß Esten und Letten sich nicht verstehen können. Beide sprechen durch die 50 jährige russische Besatzungszeit jedoch russisch, aber lieber schweigen sie, als daß sie russisch zu sprechen.
An einem Parkplatz direkt am Meer machen wir Mittagspause, laufen zum Strand und vertreten uns ein bißchen die Beine. Dann geht es weiter durch endlosen Wald aus Birken und Nadelhölzern. In einem kleinen Ort werden wir von der Polizei gestoppt, weil wir zu schnell gefahren sind. Da wir hier nur mit lettischen Lats bezahlen können, aber nur Euro haben, zahlen wir eben 10 Euro, dafür ohne Quittung. So einfach ist das.
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Schließlich kommen wir bei 31 in Riga an, einer aufstrebenden, sauberen Stadt mit vielen modernen Neubauten und Läden. Aber es gibt natürlich auch hier noch alte, baufällige Häuser. Es ist immer wieder erstaunlich, welche Aufbauarbeit in den vergangenen 12 Jahren überall geleistet worden ist. Hier gibt es auffallend viele schöne Frauen, die sehr gut und sehr modern gekleidet sind.
Unsere heutige Bleibe ist das feine Hochhaushotel “Reval Hotel Latvija”mit 27 Stockwerken. Mein Superzimmer befindet sich im 13. Stock mit atemberaubendem Blick auf die Stadt mit ihren vielen Kirchen. Direkt vor mir steht die wunderschöne russisch-orthodoxe Christi-Geburt-Kirche mit den fünf schwarz-goldenen Kuppeln. Mit dem Lift fahre ich in das Panoramarestaurant im 27. Stock und schaue mir die Stadt rundum von oben an, einfach toll! Dann steigen wir bei 35 wieder in den Bus, nehmen unsere Stadtführerin mit und beginnen die Stadtrundfahrt. In Riga gibt es 28.000 Studenten und ausgedehnte Universitäten. Vor unserem Hotel befindet sich ein schöner Park und rechts davon liegt die herrliche Akademie der Künste in Backsteingotik. Riga hat etwa 700 Jugendstilhäuser, von denen schon sehr viele restauriert wurden und noch werden. Unsere Stadtführerin Nora, sagte mir jedoch nicht sehr zu, weil sie vor lauter Äh’s und dauernden nervösen Wortwiederholungen ewig lange brauchte, um etwas zu erklären. Und sie erklärte alles haarklein. So genau wollte zumindest ich nicht alles wissen, und als wir schließlich an der Daugava, dem breitesten Fluß Lettlands, der 1500 km quer durch Lettland verläuft, ausstiegen zum Rundgang durch Riga’s Altstadt, nahm ich meinen Stadtplan und verabschiedete mich von der Gruppe, um auf eigene Faust diese schöne Stadt zu entdecken. So konnte ich da verweilen, wo es mir gefiel, und es gefiel mir vieles. Die Hitze setzte mir zwar gewaltig zu, aber in den schönen kleinen Gässchen mit den liebevoll restaurierten Häusern gab es auch immer Schatten. Auch hier gibt es Unmengen Straßencafés, Bistros und jede Menge junge Leute, die mir hier extrem körper- und modebewußt erschienen. Vor allem junge Frauen tragen sehr gewagte Miniröcke und knallenge, bauchfreie Hosen. Dazu tragen sie hochhackige Pumps mit Bleistiftabsätzen, was auf diesem gemeinen Kopfstein-pflaster geradezu selbstmörderisch ist, wo doch schon das Laufen in Birkenstock & Co. Mühe macht. Gegen diese gertenschlanken, gestylten Superfrauen kam ich mir vor wie das Lieschen vom Lande, und nicht nur mir erging es so. Eine solche Demonstration von Schönheit und bewußter Weiblichkeit habe ich noch nie gesehen, Ich habe gelesen, daß die Frauen hier einen derartigen Kult treiben, um besonders aufzufallen und sich aus der Masse abzuheben, damit sie einen Mann bekommen, da in Lettland Frauenüberschuß herrscht. Man könnte also meinen, daß die Männer hier die Qual der Wahl haben. Bleibt nur die Frage, ob außer Schönheit sonst noch etwas vorhanden ist, was bleibt.
Ich laufe kreuz und quer durch diese schöne Stadt, setze mich in lauschigen Parks auf schattige Bänke und finde ganz zum Schluß auch wieder die schöne Akademie der Künste und die prachtvolle Christi-Geburt-Kirche, die ich schon von meinem Zimmer aus sehen konnte. Leider sind die Bäume um die Kirche herum so hoch und so dicht belaubt, daß ich von keiner Seite ein gutes Foto machen kann. Aus dem Zimmer heraus kann ich auch nicht fotografieren, weil sich die Fenster wegen der Höhe und der Klimaanlage nicht öffnen lassen. Aber am nächsten Morgen steige ich auf die Feuerleiter ausserhalb des Gebäudes und mache doch noch ein Foto.
Nach einer kühlenden Dusche fahre ich mit dem Aufzug die 13 Stockwerke hinunter ins Restaurant. Bisher bin ich immer die Treppen gelaufen, aber nach so einem anstrengenden Tag mit viel Lauferei, bin ich doch zu faul dazu. Es gibt ein wunderbares Büffet in einem sehr gepflegten Rahmen, das wir alle genießen.
Mittwoch, 23.07. Ich habe wunderbar geschlafen, werde mit einem herrlichen Blick auf die Stadt bis hin zur Ostsee gleich wieder munter, und nach einem traumhaft guten Frühstücksbüffet steige ich bald wieder in den Bus. Es ist schwülwarm bei 24, und kaum sind wir eingestiegen, regnet es wie aus Kübeln. Heute haben wir 336 km vor uns bis Nida, dem kleinen Ort auf der kurischen Nehrung in Litauen. Wir fahren landeinwärts durch topfebene Wiesen- und Waldlandschaft in nur 3 - 5 Meter über dem Meeresspiegel. Ab und zu sehen wir Störche, deren Junge noch im Nest sitzen, die aber bald flügge werden. Nach 1,5 Stunden Fahrt kommen wir zur Grenze nach Litauen, wo wir wieder Geld umtauschen, diesmal in litauische Litas (1 Litas = -,33 Cent). Am Zoll werden wir problemlos abgefertigt und können nun weiter durch Litauen fahren, das mit 65.000 qkm grösser ist als Dänemark oder Holland und 3,7 Mio Einwohner zählt, wovon 1/3 in Kaunas und Vilnius, der Hauptstadt, lebt. Die Memel ist mit 937 km der längste Fluß des Landes.
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Wir fahren Richtung Siauliai, wo wir den Berg der Kreuze besuchen, ein Nationalheiligtum und eine Gedenkstätte. Hier wurden auf einem Hügel im Laufe der Jahre 60.000 bis 100.000 Holzkreuze verschiedenster Größe aufgestellt oder abgelegt, ausserdem zahllose Rosenkränze. Der Berg der Kreuze ist Symbol und Hoffnungsträger, aber auch Ausdruck von Protest gegen Unterdrückung; gleichzeitig aber auch Gedenkstätte für Gefallene, Verschollene, Verstorbene. Auch aus Dankbarkeit für die Geburt eines Kindes oder anläßlich einer Hochzeit werden hier Kreuze aufgestellt. So ganz nachvollziehen können wir das nicht, wir können diesen grotesken, fast gespenstischen Berg voller Kreuze nur verwundert oder bewegt anschauen. Unberührt läßt er wohl niemanden. Selbst der Papst war vor einiger Zeit hier.
Dann geht die Fahrt weiter Richtung Palanga und dann an der Ostsee entlang bis Klaipeda, dem ehemaligen Memel mit 210.000 Einwohnern. Hier wird viel Landwirtschaft betrieben, und wir sehen riesige Kartoffel- und Getreidefelder, aber auch Vieh auf den Weiden. Auch heute noch leben 30 % der Bevölkerung von der Landwirtschaft. Und hier wird auch viel Bernstein, das Gold der Ostsee, gefunden. Unterwegs sehen wir schöne, gepflegte Ortschaften mit hübschen Gärten. Es gibt hier mehr gemauerte als Holzhäuser. Das Land ist hier wellig und leicht hügelig und damit viel abwechslungsreicher als die flunderplatten Landschaften bisher. Aber auch hier wie bisher überall, gibt es keine Zäune, und die Kühe sind einzeln angepflockt. Pferde sind erstaunlicherweise nur selten und dann meist einzeln zu sehen. Es sind Kaltblüter, die in der Landwirtschaft eingesetzt werden.
Heute gibt es einen sehr unschönen Zwischenfall, denn eine unserer Mitreisenden wird sehr ausfallend und unfair gegenüber Brigitte, die darüber völlig aus der Fassung gerät. Wir sind alle entgeistert über diese verbale Attacke. Die Frau hat offenbar einige psychische Probleme, die vermutlich auch mit ihrem ewig redenden und belehrenden Ehemann zu tun haben, der sich von morgens bis abends in Selbstbeweihräucherung ergeht und damit allen Mitreisenden und vermutlich auch der Frau gewaltig auf die Nerven geht. Wie auch immer, es war eine scheußliche Situation, und die arme Brigitte hat uns sehr leid getan, weil sie sich das so zu Herzen genommen hat. Wir haben versucht, ihr das Kreuz zu stärken und ihr das Gefühl zu vermitteln, daß wir geschlossen hinter ihr stehen. Endeffekt dieser Attacke war dann natürlich, daß sowohl die Frau als auch ihr Mann sich selbst ins Aus katapultiert haben, denn sie wurden fortan von der ganzen Gruppe gemieden. Auf solche Mitreisende kann man gerne verzichten.
In Klaipeda haben wir Zeit zum Bummeln und für die Mittagspause. Die Memel ist hier etwa 20 - 25 m breit. Ich flaniere mit einem Eis ein bißchen am Ufer und einige Straßen entlang. Schließlich fahren wir mit dem Bus auf die Fähre und setzen über auf die kurische Nehrung, die nur ein paar hundert Meter weiter auf der anderen Seite des kurischen Haffs liegt. Wir hatten dort ein Meer aus Sand mit einer Straße darauf und paradiesische Ruhe erwartet. Wie erstaunt waren wir, als wir fast 50 km weit durch dichten Wald fuhren bis Nida, das am Ende des litauischen Teils der kurischen Nehrung liegt. Diese seltsame Landbrücke, die kurische Nehrung also, ist ein Naturphänomen von etwa 100 km Gesamtlänge, wovon 50 km zu Litauen und 50 km zur russischen Enklave Kaliningrad (früher Königsberg) gehören. Die Nehrung ist zu 70 % bewaldet, der Rest ist Sand bzw. Sanddünen bis 60 m Höhe, die bis ins Meer reichen. 2.500 Menschen leben hier in mehreren kleinen Ortschaften hauptsächlich vom Tourismus. Die schmalste Stelle dieser Landbrücke ist nur 380 m breit, die breiteste Stelle 3,8 km. Das kurische Haff, also das Wasser zwischen dem Festland Litauens und der Landbrücke, ist der größte Binnensee Litauens. An manchen Stellen ist das andere Ufer nicht mehr erkennbar. Viele Gebiete der kurischen Nehrung sind als Naturschutzgebiete ausgewiesen und dürfen nicht betreten werden.
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In Nida erwarteten wir Stille und Abgeschiedenheit. Von wegen! Als wir ankamen, waren Scharen von Menschen unterwegs, überall gab es Straßenlokale, Biergärten und Supermärkte. Jede Menge Fahrräder und Kinderbuggies flitzten herum, und von Stille und Einsamkeit war keine Spur. Ein Souvenirgeschäft reihte sich an das andere, und ich war ganz entsetzt. Aber ich entdeckte auch sehr schöne, gepflegte Holzhäuser mit wunderschönen Gärten voller Blumen. Vor allem prächtige Stockrosen gab es in allen Farben. Dazu eine wunderbar gepflegte Grünanlage und eine sehr lange Strandpromenade, die zum Flanieren einlud. Unser Hotel “Jurate” lag mitten im Zentrum des kleinen Ortes und war eine Überraschung der besonderen Art. Es war nämlich ein uraltes und von der Optik her sehr häßliches Haus mit vielen scheußlichen Nebengebäuden. Es gab keinen Aufzug, aber vier Stockwerke. Im Treppenhaus mit den vielen Steinstufen empfing uns ein widerlich muffiger Geruch, was mich doch ziemlich irritierte. Und dann die Zimmer! Ich fühlte mich schlagartig an die Jugendherbergen der 50er Jahre erinnert. Es gab uralte, abgewetzte Möbel und schäbige, teils löchrige, aber saubere karierte Decken auf dem Bett. Eine Funzel aus der Vorkriegszeit hing an der Decke, und die dünnen gestreiften Frotteehandtücher im Bad stammten vermutlich wirklich aus früheren Jahrzehnten. Es fehlte bloß noch ein ramponiertes Nierentischchen, um die Idylle perfekt zu machen.
Nachdem ich mein Zimmer belegt hatte, sauste ich in südlicher Richtung los, denn ich wollte unbedingt noch vor dem Abendessen auf die große Düne steigen und wußte, daß ich dafür 152 Holztreppen hochlaufen musste. Aber schon bis zum Fuß der Düne mußte ich 20 Minuten stramm laufen. Es war aber ein schöner Weg direkt am Ufer entlang, und schon von weitem konnte man diesen großen Sandberg sehen. Da es sehr warm war, fiel der Aufstieg nicht ganz leicht, aber schließlich war ich oben und hatten einen wunderbaren Blick auf diese Riesendüne aus weissem Sand, die auch die litauische Sahara genannt wird. Man soll die Düne selbst nicht betreten, aber daran hielten sich nicht viele. Mir reichte der Blick. Auf der anderen Seite der Düne lag die offene Ostsee im glitzerndem Licht der tiefstehenden Sonne.
Auf dem Rückweg schaute ich schnell noch in einigen Läden vorbei und bestaunte wirklich schönen Bernsteinschmuck in allen Varianten. Am wertvollsten sind die Stücke mit unversehrten Einschlüssen, z.B. Insekten. Haben wollte ich das alles nicht, aber das Anschauen machte Spaß.
Dann kam das Abendessen im Speisesaal dieses denkwürdigen Hotels Jurate, und das war wirklich ein Knüller. Man hätte Mühe, diese Vielfalt an uraltem Geschirr verschiedenster Art auf diversen Flohmärkten aufzutreiben. Einem Sammler wäre hier bestimmt das Herz aufgegangen. Jeder Teller hatte ein anderes Muster, mal Blümchen, mal nur einen blauen oder goldenen Rand, mal mit Zacken, mal schlicht. Bei den Getränkekaraffen waren auch echte Sammlerstücke dabei. Es standen auch Suppenterrinen zur Selbstbedienung dort, und ich nahm an, daß es sich um eine Art Kaltschale mit Früchten handelte. Da es heiß war, schöpfte ich mir also etwas davon und war erstaunt, zwischen den Früchten dicke Nudeln zu sehen. Aber vielleicht war das gar nicht so übel. Wie sich dann herausstellte, sollte diese “Suppe” der Nachtisch sein. Nun gut. Ich fand das alles herrlich nostalgisch und fühlte mich in längst vergangene Zeiten versetzt, in denen alles einfacher und im positiven Sinne anspruchsloser war. Die Bedienungen flitzten freundlich umher und brachten uns ein leckeres Essen und wir hatten das Gefühl, daß man uns hier alles bot, was möglich war. Vor allem die ungewohnte Freundlichkeit hat uns gefallen.
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Alle paar hundert Meter konnte man im Ort Fahrräder leihen, und so mietete ich mir nach dem Essen einen Drahtesel und fuhr damit von einem Ende des Ortes zum anderen. Dabei hatte ich auch noch Gelegenheit, das schöne Bernsteinmuseum anzuschauen, in dem wirklich wunderschöne Stücke zu sehen waren. Es gibt soviele Bernsteinvarianten, daß sich ein Laie damit schon schwertun kann. Ich wußte nicht, daß es auch fast weißen Bernstein gibt, aber auch ganz dunkelroten. So manches Mal entdeckten wir sehr originelle und auch edle Designerstücke dabei.
Ich fuhr mit dem Rad sämtliche Sträßchen entlang und entdeckte dabei wunderschöne Holzhäuser mit meist blauen Fensterläden und oftmals mit Reetdächern und alle mit herrlichem Blumenschmuck davor. Viele waren Ferienhäuser und mit Kind und Kegel und vielen Hunden belegt. Direkt an der Promenade sah ich ein meisterhaft arrangiertes Blumenbeet, leider war es zum Fotografieren schon zu dunkel.
Zu Hunderten flanierten die Leute friedlich an der Promenade entlang. Es waren hauptsächlich Litauer, aber auch Esten und Russen und eine ganze Menge Deutsche. Mein Schock über den anfänglichen Rummel hatte sich längst gelegt. Wir waren wohl gerade in der Zeit angekommen, als die Leute vom Strand zurückkamen und hungrig durch den Ort wuselten. Jetzt war alles friedlich hier in diesem malerischen Ort.
In meiner Kemenate habe ich gut geschlafen und dann ein prima Frühstück bekommen. Danach hatten wir mangels Ortsführerin (oder vielleicht Gott sei Dank) 2 Stunden Freizeit. So holte ich mir gleich wieder ein Fahrrad und fuhr quer über die Insel auf die andere Seite die Düne hoch. Von dort oben hatte ich einen wunderbaren Blick auf den kilometerlangen, weissen Strand und die weite Ostsee. So früh am Morgen waren erst wenige Leute am Strand, aber so nach und nach kamen sie in Scharen. Ich radelte die etwa 3 km zurück nach Nida und kaufte in einem Supermarkt noch ein paar Sachen ein. Der Ort war nun ganz malerisch, gemütlich und ruhig. In einem Bernsteingeschäft kaufte ich mir ein kleines Bernstein-Glücksschwein und saß dann noch ein Weilchen am Wasser, bis der Bus uns alle wieder einlud, denn heute wollten wir noch 368 km bis nach Vilnius, der Hauptstadt Litauens, fahren. Brigitte liest ihrer Teenager-Spätlese, wie sie uns nennt, wieder den Spruch des Tages vor, den ich leider nicht notiert habe, und bald haben wir die kurische Nehrung und auch die Fähre nach Klaipeda hinter uns und fahren auf guter breiter Autobahn nun von West nach Ost. Auf dem Seitenstreifen der Autobahn werden Pilze und Heidelbeeren angeboten, auch ein Radfahrer und ein Mähdrescher fahren munter auf der Autobahn und später führt sogar ein Bauer seine Kuh dort entlang. Das ist kaum zu glauben und bei uns schlicht unvorstellbar. Aber wir sind ja auch nicht bei uns.
Die heutige Mittagspause machen wir bei einer wunderschönen Raststätte mit einigen Teichen und einem tollen Kinderspielplatz, der auch uns Erwachsene anlockt. Hier gibt es wunderschöne Wippen, die ganz liebevoll aus massivem Holz geschnitzt wurden und mit Wichteln oder Pferdchen verziert sind. Dann gibt es dort Bänke, an deren Enden Biber oder Murmeltiere sitzen oder Pilze und Wichtel. Ein großer Holzdrache reißt das Maul auf, und die Kinder können auf seiner langen Zunge auf den Boden herabrutschen. Ein richtig toller, phantasievoller Platz ist das hier. Viele von uns probieren die Wichtelwippe, und es macht auch uns Spaß. Für ein Foto müssen auch Brigitte und Rolf auf die Wippe, was sie natürlich gerne machen. Auf einem großen Findling direkt an einem Teich sitzt ein hölzerne geschnitzte Meerjungfrau ziemlichen Kalibers mit einer großen Heuschrecke auf der Brust. Witzig!
Unterwegs begegnen uns große Sattelschlepper voller gebrauchter PKW’s aus Deutschland. Ich schaue, ob ich meinen Corsa auch dabei entdecke, aber hier sind lauter größere Autos aufgeladen.
Litauen hat die abwechslungsreichste Landschaft der baltischen Staaten, es ist oft wellig und hügelig und damit lieblicher als Estland oder Lettland. Wir kommen auf unserer Fahrt an Kaunas vorbei, mit 400.000 Einwohnern der zweitgrössten Stadt des Landes. Hier gibt es das weltweit einzige Teufelsmuseum, in dem über 2.000 Teufel zu besichtigen sind. Leider haben wir keine Zeit für einen Besuch dort, das hätte mich schon interessiert und die Stadt natürlich auch. Wir machen dafür aber einen Abstecher nach Trakai, wo wir eine einmalig schöne Inselburg besichtigen können. Es ist die einzige gotische Wasserburg Europas, und sie sieht wahrlich eindrucksvoll und sehr malerisch aus inmitten einer schönen Seenlandschaft. Hier wird uns an vielen Ständen schöner Bernstein angeboten und auch viele Leinen-Kleidungsstücke. In dieser Gegend wird noch viel Lein angebaut, aus dem Flachs bzw. Leinen hergestellt und verarbeitet wird. Es sind wunderschöne Sachen dabei.
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Die Fahrt geht auf einer Nebenstrecke weiter. Überall an der Straße bieten die Leute selbstgesammelte Pfifferlinge und Heidelbeeren an. Leider steht uns kein eigener Herd zur Verfügung. Wir fahren durch traumhaft schöne Wiesen voller Blumen, vor allem Kornblumen, die weithin leuchten. Immer wieder denke ich, daß es herrlich sein muß, durch diese Wiesen zu reiten. Wer weiß, vielleicht mache ich auch das noch eines Tages.
Schließlich kommen wir unter einem dunklen Gewitterhimmel in Vilnius an, das nur 80 km von der russischen Grenze entfernt liegt. Wir sind im brandneuen “Reval Hotel Lietuva” untergebracht, das erst im Mai eröffnet wurde und noch sehr nach “neu” riecht und das so modern ist, daß ich es steril und kalt empfinde. Das mag ich nicht so gerne. Nach dem Abendessen marschiere ich gleich wieder los in Richtigung Stadt. Das Gewitter ist zwar vorbei, aber es ist immer noch schwülwarm. Vilnius ist eine große Stadt voller Baustellen. Ganze Straßen werden aufgerissen und ganze Häuserzeilen sind eingerüstet. Viele Häuser wurden schon schön restauriert. Ich laufe stundenlang kreuz und quer durch die Stadt auf der Suche nach der Mitte, dem Herzen der Stadt, aber ich finde es nicht. Liegt es an mir oder am Stadtplan oder gibt es dieses Herz hier nicht? Auf der großen Flaniermeile und vor der bombastischen Kathedrale tummeln sich Tausende junger Leute, vor allem junge Damen stolzieren wie Mannequins auf und ab. Alle sind uniform modisch gekleidet. Da komme ich mir geradezu exotisch vor. Ein Pärchen tanzt Tango, andere schauen zu. Seltsam, in dieser Stadt finde ich kein Plätzchen, das mich begeistert. Und so laufe ich wieder zum Fluß Neris, an dessen gegenüberliegendem Ufer unser großes Hotel steht, das ich mittels Fußgängerbrücke rasch erreiche. Dann gönne ich meinen geschundenen Füssen und dem Rest eine Dusche und falle ins Bett.
Der nächste Morgen begrüsst uns wieder mit strahlendem Sonnenschein. Unsere hiesige Stadtführerin heisst Nadja und ist ausgesprochen hübsch, spricht sehr gut deutsch und erklärt uns die Stadt mit viel Witz. Vilnius hat 650.000 Einwohner und ist so früh am Morgen gerade am Aufwachen.
Dann geht die Fahrt weiter zur 170 km entfernten Grenze nach Polen und weitere 160 km bis Mikolajki, dem ehemaligen Nikolaiken an der masurischen Seenplatte. Darauf freuen wir uns schon sehr. Wir fahren an prachtvollen Wiesen vorbei, in denen Störche nach Futter suchen. Auf einer frisch gemähten Wiese stolzieren etwa 40 - 50 Störche auf einmal hinter dem Mäher her, um Insekten und Mäuse zu fangen. Hier ist Landschaft pur. Pferdefuhrwerke schaffen Heu zu den Gehöften. Das Heu wird auf Holzgestellen getrocknet und von Hand auf die Karren geladen, wie vor vielen Jahren bei uns auch. In Polen gibt es noch 1 Mio Pferde, die vor allem in der Landwirtschaft, aber inzwischen auch wieder im Tourismus eingesetzt werden. Die vielen Seen und die sanfthügelige Landschaft wirken wunderschön verträumt und zeitlos. In Polen brüten noch 10.000 Storchenpaare, sogar der seltene und scheue Schwarzstorch ist in den geschützten Wäldern noch zu finden. Auch viele Biber bauen an den Seen ihre Burgen, und zahllose Vogelarten brüten hier. In den großen dunklen Wäldern sind auch Bären, Wölfe und Luchse zu Hause. Masuren ist ein Land für Naturliebhaber, die die Stille mögen.
An der polnischen Grenze heisst es wieder warten, denn die Zöllner machen Mittagspause. Hier stellen wir unsere Uhren wieder auf deutsche Zeit um. Brigitte informiert uns über Polen, das sich inzwischen zu einem sehr beliebten Reiseland entwickelt hat und weltweit an 13. Stelle steht. Polen hat 38 Mio Einwohner und über 10.000 Seen.
Nach der Zollabfertigung sind wir nun also im ehemaligen Ostpreußen und fahren nun in Richtung Olsztyn, dem ehemaligen Allenstein, wo wir allerdings nicht haltmachen. Auch an Elk fahren wir vorbei, hier wurde Siegfried Lenz geboren, der seiner Heimat in vielen Büchern ein humorvolles Denkmal gesetzt hat.
Pünktlich am Spätnachmittag ziehen wieder dunkle Wolken auf, die einen kurzen, kräftigen Regen bringen. Aber wir sitzen ja im trockenen Bus und fahren durch herrliche Alleen aus Eichen, Linden oder Kastanien. Die Straßen sind holprig und in schlechtem Zustand, aber wir erreichen am Spätnachmittag doch unser Ziel Mikolajki, ein kleines Städtchen mit ca. 6.500 Einwohnern, das mittlerweile völlig vom Tourismus lebt. Auch wir werden hier 3 Übernachtungen haben und müssen nicht jeden Tag Koffer schleppen und ein neues Bett ausprobieren. Unser “Hotel Golebiewski” liegt direkt am Talty-See und ist eine riesengroße Anlage mit 575 Zimmern, die oft voll belegt sind, d.h. an die 1000 Menschen müssen hier versorgt und verpflegt werden. Hier muß man schon ein Jahr im voraus buchen, wenn man mit einem ganzen Bus ankommt. Auf dem Parkplatz stehen auch schon etliche Busse und jede Menge PKW, vor allem polnische, aber auch aus Deutschland sind etliche dort. Für die Nord- oder Ostdeutschen ist die Strecke bis Masuren noch ganz gut zu bewältigen. Vom Bodensee aus müsste man drei Tage rechnen. Zum Hotel gehört u.a. ein großes Erlebnisbad mit einer Riesenrutsche von 74 m Länge und großer Liegewiese. Auch ein Reitstall gehört dazu und man kann Boote jeder Art mieten, ebenso Fahrräder. Hubschrauberflüge über die masurische Seenplatte werden ebenso angeboten wie Ballonfahrten. Es gibt Tennis- und Volleyballplätze und in der Nähe auch einen Golfplatz. Da weiß man gar nicht, was man zuerst machen soll.
In meinem Zimmer habe ich direkten Blick auf den Talty-See und endlich mal keine Klimaanlage. Inzwischen hatte nämlich schon wieder eine Bindehautentzündung davon, und lieber schwitze ich ein bißchen, als ständig künstlich gekühlt zu werden.
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Dann gehe ich gleich zum Pferdestall und informiere mich über die Reitmöglichkeiten. Der Stall ist sehr schön luftig, und die Pferde stehen in großen, sauberen Ställen. Viele Pferde sind draußen auf der riesigen Koppel, die sich über sanfte Hügel hinzieht. Sie sehen gesund und munter aus, es sind auch einige Fohlen dabei und zwei Scheckstuten. Mir scheint, daß es die Tiere hier guthaben. Ein großer Sandplatz gehört dazu, aber man kann auch geführte Ausritte machen, und genau das reizt mich hier. Zwar habe ich seit 16 Jahren nicht mehr auf einem großen Pferd gesessen, aber angeblich verlernt man das Reiten ebensowenig wie das Radfahren, wenn man es einmal konnte. So melde ich mich ganz mutig für einen Ausritt am folgenden Mittag an.
Unser Abendbüffet ist umwerfend gut, unsere Augen werden immer größer, und vor allem am Dessertbüffet sieht man strahlende Augen überall. Es sind zwar unglaublich viele Menschen im Restaurant, aber die Mädchen am Büffet flitzen und bringen fleissig Nachschub. Ich frage in unserer Gruppe herum, wer auch Interesse an dem Hubschrauberflug hat. Schließlich sind wir vier Leute, und ich gehe zum Hubschrauber, der auf einer Wiese unweit des Hotels steht und melde unseren Flug für 8.00 Uhr am nächsten Morgen an. Wer weiß, ob ich jemals im Leben noch so problemlos zu einem Hubschrauberflug komme, und ich stelle mir den Blick von oben auf die masurischen Seen sehr eindrucksvoll vor.
Später am Abend treffen noch etliche Busse mit deutschen Reisenden ein, das Hotel ist voll belegt, und überall wimmelt es von Menschen. Viele bummeln abends noch durch das Hotel, in dem es auch einige Geschäfte und natürlich weitere Restaurants und Bars gibt und auch eine große Terrasse, wo man noch sitzen und etwas trinken kann. Vor dem Hotel befindet sich ein großer Teich mit Springbrunnen und Seerosen und lauschigen Lauben.
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Am Samstag, 26.07. bin ich früh munter und frühstücke schon um 6.30 Uhr. Ich bin voller Tatendrang und freue mich auf einen sportlichen Tag ohne busfahren, denn ich habe mich für das heutige Programm abgemeldet, um einen Tag für mich zu haben. Ich brauche jetzt einfach mal eine Pause und Bewegung an frischer Luft. Die Luft ist allerdings schon früh am Morgen schwülwarm. Kurz vor 8.00 Uhr finden wir uns beim Hubschrauber ein, und einige unserer Gruppe sind zum zuschauen auch gekommen und machen Fotos von uns vor dem Hubschrauber. Dann steigen wir ein, schnallen uns fest und setzen die Ohrschützer auf, denn der Hubschrauber macht einen Höllenlärm. Dann steigen wir auch schon rasant auf und haben im Nullkommanichts Höhe gewonnen und sehen nun die Welt von oben. Erst jetzt kann man sich ein Bild von den vielen ineinander übergehenden grösseren und kleinen Seen machen, erst jetzt sieht man, wie dünn die Landschaft besiedelt ist, nur hin und wieder taucht ein kleines Gehöft auf zwischen Wiesen und großen dunklen Wäldern. Man kann jede einzelne Gans erkennen. Auch der Ort Mikolajki liegt wunderschön unter uns am Wasser. Überall ringsherum glitzert und funkelt das Wasser in der Sonne. Es ist etwas diesig, so daß wir keine große Weitsicht haben, aber trotzdem sieht die Landschaft wunderschön und friedlich aus. Schließlich haben wir einen großen Bogen gemacht und ganz schnell sind wir dann wieder beim Hotel und landen. Das war schon eine tolle Sache so früh am Morgen.
Dann leihe ich mir ein Fahrrad und radele gleich hinunter nach Mikolajki, das gerade erst erwacht. Ich stelle mein Rad ab und bummele die Hauptstrasse auf und ab und entdecke in den schönen Läden wunderschöne Bernsteinsachen. Für einige Lieben daheim erstehe ich einige davon. Am Ufer liegen zahllose Segelboote, aber auch kleinere Ausflugsschiffe warten auf Touristen. Es ist alles friedlich und still. Dann radele ich weiter durch den ganzen Ort. Am Ortsende finde ich dann auch ein Storchennest, in dem die Jungen gerade flügge werden. Sobald ich den Ort hinter mir lasse, wird die Straße so schlecht, daß das radeln wirklich kein Vergnügen mehr ist. Es gibt riesige Schlaglöcher, und die Gullys sind in Fahrtrichtung verlegt, da muß man höllisch aufpassen und kann nicht mit Muße in die Landschaft schauen. An sich wollte ich von Dorf zu Dorf radeln bis gegen Mittag, aber als ich mehr geholpert als gefahren im nächsten Ort ankomme, stelle ich fest, daß ich in einer Sackgasse bin und daß hier die Straße nicht einen Ort mit dem nächsten verbindet, sondern daß die Straße immer nur sackgassenartig von der Hauptstrasse zu dem jeweiligen Dorf führt. Man muß also immer wieder zurück zur Hauptstrasse und dort bis zur Abzweigung zum nächsten Dorf fahren. Das gefiel mir nun gar nicht, zumal die Polen fahren wie die Henker. Und dieser Ort hier stand in krassem Gegensatz zu Mikolajki, denn hier sahen alle Häuser trist und ärmlich aus. Einige Männer saßen vor den Hauseingängen, einige ältere Frauen arbeiteten in den Gärten, ansonsten tat sich hier gar nichts. Die jungen Leute hatten offenbar alle Arbeit in Mikolaiki und beim Hotel Golebiewski gefunden, dem größten Arbeitgeber weit und breit. So radelte ich also wieder zurück.
Die Luft war gegen Mittag so schwülheiß und drückend, daß man gar nicht vor die Tür mochte, und ich hatte direkt ein schlechtes Gewissen, daß ich den Ausritt gebucht hatte. Um diese Zeit sollte man den Tieren Siesta im Schatten gönnen. Da ich aber nur diesen einen Tag hatte und am Morgen schon alle Termine belegt waren, blieb mir nichts anderes übrig. Auch hatte ich ziemlichen Bammel vor diesem Ritt und keine Ahnung, ob ich überhaupt noch reiten konnte. Ich suchte mir also eine passende Reitkappe, und ein junger Pole brachte mir die schöne Scheckstute Kaskada, mit der ich auf dem Sandplatz ein bißchen üben sollte, um zu sehen, wie ich nach so langer Reitabstinenz klarkam. Kaskada war aber ganz offenbar müde und unwillig und zeigte keinerlei Interesse, das zu tun, was ich wollte. Ich hatte größte Bedenken, aber nach 10 Minuten rief der junge Mann “Auf geht’s” und schon waren wir auf einem Feldweg in Richtung Wiesen und Wald unterwegs. Dann folgte der erste Trab und ich rief mir alles in Gedächtnis, was ich mal gelernt hatte: Tiefer Sitz, Kniee an den Sattel, Absätze tief, Hände ruhig am Pferdehals. Und es klappte wie ehedem. Nach dem ersten Trab war meine Stute plötzlich wach und munter. Der junge Mann, der ein bißchen Deutsch konnte, sagte, daß die Pferde müde seien, weil sie derzeit von morgens bis abends geritten würden, was bei der Hitze sehr anstrengend sei. Und das ewige Reiten in der Sandbahn ist für die Tiere langweilig. Sie kommen seltener ins Gelände. Merkwürdig, daß Ausritte in dieser herrlichen Gegend nicht mehr gefragt sind als Reitstunden in der Bahn.
Wie auch immer, nachdem wir eine kleine Straße überquert hatten, kamen wir in den Wald. Auf wunderbar weichen Sandwegen (Heideland) ging es in flottem Trab dahin. Dann fragte mein Begleiter, ob ich mir Galopp zutraue. Ich traute mich, und was folgte, waren die schönsten und längsten Galoppstrecken meines Lebens. Sicher an die zwei Kilometer ging es auf weichem Boden flott dahin, die Kiefern flogen nur so an mir vorbei, und meine vordem so müde Stute legte ein Tempo hin, daß ich mich ganz schön konzentrieren mußte, um oben zu bleiben. Ich merkte richtig, wie das Pferd sich streckte und sich freute, endlich wieder mal ungebremst rennen zu dürfen. Danach gingen wir in Schritt, und Dutzende gieriger Bremsen stürzten sich auf die Pferde. Wir klatschten sie tot, wo wir sie erwischen konnten und ließen die Pferde am langen Zügel im eigenen Rhythmus laufen. Dann folgten abwechselnd wieder Trab- und noch weitere, lange Galoppstrecken. Die letzte war die schönste und schnellste, denn da wußten die Pferde schon, daß es wieder Richtung Stall ging. In solchem Tempo und auf solch wunderbaren Sandwegen bin ich noch nie geritten, es war aufregend und wunderbar prickelnd. Klatschnaß verschwitzt kamen wir alle vier schließlich wieder am Stall an. Mit wackligen Beinen stieg ich ab und hatte Mühe, gerade zu stehen. Mein Pferd wurde sogleich abgesattelt und in den Stall gebracht. Es hatte sich eine ordentliche Pause verdient. Ich hätte ihm gerne eine Möhre oder Zucker gegeben, aber füttern war hier streng verboten, was ich angesichts der Unvernunft und Ahnungslosigkeit mancher Zeitgenossen auch verstehen kann. Ich besuchte “mein” Pferd aber später noch einmal und hatte das Gefühl, daß es mich wieder erkannte. Auf jeden Fall ist dieser Ritt ein unvergeßliches Erlebnis für mich, und ich bin sehr glücklich, daß ich noch reiten kann. Dieser Ritt hatte allerdings - wie erwartet - einen gewaltigen Muskelkater zur Folge, den ich noch eine ganze Weile spüren sollte. Aber für mich gibt es kaum ein schöneres Andenken.
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Nach dem Ritt ging ich erst mal unter die Dusche, und nach einem kalten Zitronenwasser ging es mir wieder prima. Ich nahm das Fahrrad und radelte wieder nach Mikolajki, wo ich etwas essen und an der Promenade bummeln wollte. Wie entsetzt war ich aber angesichts des Rummels und der Menschenmassen, die ich nun am Nachmittag dort antraf. Hier war Tourismus pur, und ich kam mir vor, als wäre ich beim Ballermann auf Mallorca gelandet, einfach gräßlich. So kaufte ich in einem Supermarkt Getränke und was zu essen und radelte dann zurück zum Hotel. Dann legte ich mich eine Stunde auf’s Ohr und habe wunderbar geschlafen. Ich wollte eigentlich noch zum paddeln gehen, aber der Ritt hatte mich ziemlich geschafft. Ausserdem zogen wieder dicke dunkle Wolken am Himmel auf und ein frischer Wind blies. Es hatte inzwischen merklich abgekühlt. So ging ich nochmal zu den Pferden, bis die ersten Tropfen fielen. Dann war wieder Zeit für ein wunderbares Abendbüffet. Anschliessend sah ich mir noch einen Film über das Leben in Masuren vor dem Krieg an, eine Welt, die es so nicht mehr gibt.
Heute ist wieder Sonntag. Letzte Woche Sonntag waren wir im prächtigen Peterhof in Russland, heute sind wir in Masuren und haben ebenfalls einen wunderschönen Tag vor uns. Schon um 6.00 Uhr war ich am See, der friedlich im morgendlichen Dunst liegt. Dann gehe ich zur Pferdeweide, deren weitgezogene, sanftgeschwungene Hügel mich an die Mongolei erinnert, zumal inzwischen die Pferde dort friedlich grasen. Ein wunderschönes Bild.
Beim Frühstück sind selbst so früh am Morgen schon Massen von Menschen da, und es ist wirklich erstaunlich, wie reibungslos das Hotel mit diesem Ansturm fertig wird. Die Mädchen sind flink, freundlich und umsichtig, alles klappt reibungslos. Hier bekommen wir wunderbares Brot in vielen Sorten, was keineswegs selbstverständlich ist. Täglich reisen die Menschen busseweise an und ab, viele bleiben nur eine Nacht während der Durchreise, andere bleiben mehrere Nächte wie wir, und es gibt auch etliche, die hier 1 oder 2 Wochen Urlaub machen.
Heute machen wir eine 2 ½ stündige Bootsfahrt ins Herz der Johannisburger Heide nach Ruciane-Nida und fahren dabei durch mehrere Seen, u.a. den Spirdingsee. Das ist der größte der masurischen Seen. Die Sonne scheint wieder vom Himmel, und wir genießen das Faulsein an Bord, staunen über die Unmengen von Segelbooten auf den Seen, sehen sogar eine Gruppe Tarpane mit Fohlen im Nationalpark. Tarpane sind eine Wildpferdart, die vom Aussterben bedroht ist und in Nationalparks ein letztes Refugium gefunden haben. Sie haben sich hier schon derart an die Touristen gewöhnt, daß sie sich füttern und streicheln lassen. Kurz vor unserem Ziel werden wir mittels einer Schleuse ca. 2 Meter gehoben, um danach in einem höher gelegenen See weiter zu fahren. Es war sehr interessant zu beobachten.
Im Dörfchen Krutynia hat Brigitte für uns ein Bigos-Essen bei einem Bekannten für uns bestellt. Bigos ist das polnische Nationalgericht und besteht aus Sauerkraut, Weißkraut und kräftig gewürzter, kleingeschnittener Wurst. Das Ganze wird stundenlang geköchelt und schmeckt sehr herzhaft-lecker. Danach gab es einen “Bärenfänger”, also selbstgebrannten Honigschnaps. Der Wirt war allerdings gar nicht mein Fall, denn seine derb-plumpen und schlüpfrigen Sprüche fand ich nicht sehr lustig. Nach dem Essen besuchten wir einen kleinen aber feinen Markt, auf dem es eine Riesenauswahl herrlicher Bunzlauer Keramik gab. Eine solche Vielfalt hatte ich noch nie gesehen, es waren wunderschöne Stücke dabei, und ich hätte etliche Schüsseln, Terrinen oder Gedecke mitnehmen mögen. Nur gut, daß sich das alles schlecht transportieren läßt, sonst hätte ich das wohl auch getan. Aber an einem wunderschönen Teil kam ich einfach nicht vorbei. Es ist eine Platte mit einem Deckel darüber in einem dezenten Blaugrün gehalten. Diese Bemalung fiel aus dem Rahmen, und wie sich herausstellte, war es ein Unikat. Ich mußte es unbedingt für eine liebe Freundin haben, die sicher Freude daran haben wird.
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Nachdem wir unsere “Beute” verstaut hatten, gingen wir ein Stückchen weiter zum gleichnamigen Flüßchen Krutynia, wo schon die Boote mit den Stakern auf uns warteten. In jedes Boot passen 6 Leute plus Staker. Ich stieg in das letzte Boot als siebte Person. Wir wollten schon ablegen, als noch eine angerannt kam, also Nr. 8. Dann ging es los. Nach 100 Meter rief Brigitte von der Brücke, daß noch jemand kommen würde, also Nr. 9. Margret hatte beim Bus gewartet und nicht mitbekommen, daß wir zur Brücke gehen sollten. Sie stieg also auch noch ein, und der arme Staker schluckte ziemlich, denn drei Personen mehr bedeuten etwa 200 kg mehr. Das Flüsschen Krutynia ist sehr flach und nur zwischen 30 und maximal 80 cm tief. Einer aus der Gruppe meinte, wer hier ertrinkt, ist nur zu faul zum saufen! Und unser armer Staker mußte nun 9 schwere Touris rund 3 km flußaufwärts staken. Er war zwar jung und ein Muskelmann, trotzdem tat er mir leid. An sehr seichten Stellen setzten wir ein paarmal auf, aber mit viel Anstrengung schaffte unser Mann es doch immer wieder. Diese Bootsfahrt könnte sicher sehr romantisch und verträumt und friedlich sein, wenn es nicht gerade Sonntag in der Hochsaison wäre. Es sind hunderte von Paddelbooten unterwegs, die die Idylle trüben. Viele Kinder plantschen in dem flachen Wasser und haben Spaß. Hier müßte man ganz frühmorgens um 5.00 oder 6.00 Uhr paddeln, das wäre sicher unvergleichlich schön. Aber als wir an einem kleinen See ankommen, drehen wir wieder um, und nun geht es flußabwärts viel leichter und schneller und unser armer Staker kann ein bißchen verschnaufen. Ganz flott sind wir wieder an der Anlegestelle und sitzen bald darauf wieder im Bus, der uns durch eine herrliche Wald- und Wiesenlandschaft wieder nach Mikolajki bringt. Unterwegs machen wir noch Halt beim Geburtshaus des Schriftstellers Ernst Wiechert.
Heute gibt es zum letzten Mal ein wunderbares Abendbüffet im Hotel Golebiewski, wo ich mich sehr wohl gefühlt habe. Danach gehe ich nochmal zu den Pferden und schwatze anschliessend mit etlichen aus unserer Reisegruppe. Das wird immer netter.
Am nächsten Morgen sehe ich “meine” Kaskada auf der Weide grasen. Mein Muskelkater erinnert mich noch tagelang an sie. Nach dem Frühstück laden wir alle Koffer wieder in den Bus und fahren heute 424 km auf polnischen Pisten nach Posen. Um 9.30 Uhr sind es schon schwüle 27. Wir fahren auf unebenen Straßen Stunde um Stunde vorbei an riesigen Getreidefeldern, Seen und Wäldern. Brigitte läßt ein dickes Album mit Bildern von der kürzlichen Nordkapreise herumgehen, um uns auf den Geschmack zu bringen. Auch von der Griechenlandreise vom Mai dieses Jahres gibt es ein schönes Album. Es gibt ja noch soviele schöne Ziele auf der Welt, und wir sind ja gerade auf Reisen, da kann ich noch nicht an die nächste denken.
Schließlich kommen wir in einer der schönsten und größten Städte Polens an: Thorn an der Weichsel. Diese Stadt wurde im Krieg nicht zerstört, so daß sie das beste Beispiel für eine mittelalterliche Stadt darstellt. Hier haben wir Zeit für die Mittagspause und Besichtigung auf eigene Faust. Als wir aus dem klimatisierten Bus steigen, trifft uns fast der Schlag. Diese schwüle Hitze haut uns fast um. Laut Brigitte sind es 32, aber ich habe das Gefühl, daß es eher 40 sind. Sofort klebt einem jede Faser am Leib. Dennoch gehe ich zuerst auf die große Brücke über die breite Weichsel, die jedoch sehr wenig Wasser führt zur Zeit. Danach laufe ich am schiefen Turm von Thorn vorbei in die wunderschön restaurierte Innenstadt. Herrliche Häuser in Backsteingotik und Jugendstil gibt es hier zu bewundern. Gemütliche Geschäfte laden zum Bummeln ein, aber dafür ist es mir zu heiß. Ich kaufe ein paar Aprikosen und in einer feinen Bäckerei was “zum Kaffee” und schlendere dann an der Weichselpromenade und der alten Stadtmauer entlang zurück zum Bus, wo schon etliche der Gruppe in den Bus geflüchtet sind vor dieser Affenhitze.
Die Fahrt geht weiter durch Wald und Wiesen und wir dösen vor uns hin. Schließlich zieht sich der Himmel wieder zu, und ein Gewitterregen geht herunter mit der Folge, daß es schlagartig auf 20 abgekühlt hat. Wir fahren an Gnesen vorbei und kommen um 17.30 Uhr bei dunklem Himmel in Posen an. Diese Stadt hat 600.000 Einwohner und ist die wohlhabendste Stadt Polens. Wir überqueren über die Warthe und finden auch einen Parkplatz, damit wir ins Zentrum laufen können. Bald finden wir den wunderschönen großen Marktplatz, in dessen Mitte ein wahrlich imposantes Rathaus steht. Ringsherum gibt es wunderschön und liebevoll restaurierte Häuser, alle mit verschiedenen Giebeln versehen. Vor den Häusern rund um den Marktplatz ist ein Straßenlokal neben dem anderen. Jede Menge junge Leute laufen oder sitzen herum, aber zu unserem Erstaunen sind dies nicht mehr gepflegt-modische Jugendliche, sondern diese haben häßlich-schlampige Klamotten an, sind ungepflegt und viele laufen mit einer Bierflasche in der Hand herum. Polizisten laufen fortwährend herum, und ganz offenbar gibt es hier Alkohol- und Drogenprobleme. Also, hier in Posen würde ich ganz sicher nicht bis in die Nacht alleine herumlaufen wie ich das bisher immer machen konnte, denn in den baltischen Staaten habe ich nie Grund zur Sorge gesehen oder mich gar bedroht gefühlt. Hier jedoch sieht die Sache anders aus.
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Gegen 19.00 Uhr kommen wir im “Hotel Trawinski” an. Es gibt bald Abendessen, und da ich total müde bin, läuft heute sonst nichts mehr.
Am Dienstag, 29.07. wache ich mit einem mordsmässigen Muskelkater auf, laufe mich im Park gegenüber dem Hotel aber bereits um 6.30 Uhr warm. Nach einem wunderbaren Frühstück machen wir uns wieder auf den Weg ins 250 km entfernte Berlin. Ich denke darüber nach, daß wir heute vor 14 Tagen am Bodensee gestartet sind, aber durch die Vielzahl der Stationen und die unglaublichen Eindrücke in jeder Beziehung habe ich das Gefühl, schon monatelang unterwegs zu sein. Es wird Zeit für eine Pause, man kann das alles gar nicht so schnell aufnehmen und verarbeiten.
Brigitte liest uns auch heute wieder das Gedicht zum Tage vor. Immer findet sie das Passende, mal heiter, mal nachdenklich, mal tiefgründig-sinnig. Sie hat eine gehörige Portion Menschenkenntnis und dadurch “Tiefgang” und sensible Antennen be-kommen im Laufe der Jahre. Das macht sie mir sehr sympathisch.
Wir kommen zum Grenzübergang in Köstrin, wo wir noch schnell auf den Polenmarkt gehen. Dies ist ein riesiger überdachter Markt, wo es alles Mögliche und Unmögliche zu kaufen gibt, von der deftig-würzigen polnischen Wurst bis hin zu Möbeln und Schnickschnack. Es macht Spaß, durch das kunterbunte Angebot der vielen Gänge zu schlendern. An einem Stand entdecke ich leckere Pralinen, die wie Bonbons in Papierchen eingepackt sind. Für meine letzten Zlotys nehme ich eine Tüte voll davon mit.
An der Grenze kommen wir flott weiter, überqueren die Oder und sind nun wieder auf heimatlichem Boden. Brigitte legt das Deutschlandlied auf, und wir stellen fest, daß wir plötzlich keine “Ausländer” mehr sind. Die ganze Gruppe ist fröhlich und lacht. Jetzt zieht es uns nach Hause, aber bis dahin sind es noch fast etwa 900 km. In flotter Fahrt geht es nach Berlin, unserer Bundeshauptstadt mit 3,5 Mio Einwohnern, das 38 km breit und 45 km lang ist. Wir können den Fernsehturm schon von weitem sehen. Netterweise machen Rolf und Brigitte hier noch freiwillig ein Sonderprogramm für uns, in dem sie uns die wichtigsten Punkte dieser Riesenstadt zeigen. Ich war zwar schon zweimal in Berlin, das letzte Mal 1991, aber ich hätte die Stadt fast nicht wieder erkannt. Vor allem den ehemaligen Ostteil nicht. Hier hat sich dermassen viel verändert, wurde restauriert, wieder aufgebaut und überall sind riesige Baustellen. Kurz vor dem Brandenburger Tor leuchten mir Unmengen lebensgroßer, bunt angemalter Bären entgegen und ich bitte um Fotostopp. Daraufhin bekommen wir 45 Min. zum Aussteigen und Schauen, und ich wetze gleich rüber zu dem Platz mit den bunten Bären. Eine spanische Sängerin mit einer faszinierenden Stimme singt hier, und ich erfahre, daß diese 123 “United Buddy Bears” von Künstlern aus aller Welt verschieden bemalt wurden, für jede der 123 Nationen gibt es einen anderen Bär. Es gibt wunderschöne Exemplare darunter, und ich bin ganz begeistert davon. Später erfahre ich, daß die Bären bis November 2003 hier bleiben, danach gehen sie auf Tournee und sollen später versteigert werden. Auf einem besonderen Bär vor der Ausstellung stehen Albert Einsteins weise Worte: Frieden schafft man nicht durch Gewalt, sondern nur durch Verständnis. Wenn das bloß die Menschen kapieren würden!
Wir fahren quer durch das Zentrum der Stadt, durch das Regierungsviertel und über den Kurfürstendamm, dann durch den Grunewald und am Wannsee entlang und kommen schließlich nach Potsdam, schauen uns das russische Viertel an, kommen am Schloß Cecilienhof vorbei und haben dann Zeit für einen kurzen Besuch beim Schloß Sans Souci, das der “Alte Fritz” sich erbauen ließ und in dem er neben seinen geliebten Windhunden begraben liegt. Hier hat sich gegenüber meinem Besuch 1991 nicht viel verändert äusserlich. Der Park ist wunderschön. Die Zeit reicht leider nicht für das Chinesische Teehaus, das mir damals schon so gut gefallen hat.
Anschließend fahren wir noch zur Fußgängerzone von Potsdam und haben Zeit zum Bummeln. Danach geht es ab zu unserem heutigen “N.H.Hotel” in Kleinmachnow, direkt am Teltow-Kanal und an einem Park gelegen. Nach dem Abendessen machen wir noch einen Spaziergang am Kanal entlang und halten noch einen Plausch mit Rückblick auf die Reise.
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Nach einem allerletzten Superfrühstücksbüffet fahren wir um 7.30 Uhr los nach Süden, denn wir haben ca. 750 km zu fahren heute, allerdings auf deutschen Autobahnen. In flotter Fahrt geht es an Leipzig und Nürnberg vorbei und irgendwann sehen wir “unsere” Alpen vor uns, die Landschaft ist herrlich grün und heimatlich, ein gutes Gefühl. Brigitte gibt uns noch einige gute Worte mit auf den Weg und überreicht jedem ein Feuerzeug, das symbolisch gemeint ist, damit wir immer ein Licht sehen, wenn es mal dunkel ist. Für den 7. November vereinbaren wir ein Wiedersehen in der “Apfelblüte” in Salem-Neufrach zum Alben- und Gedankenaustausch und um sich vielleicht Appetit auf die nächste Reise zu holen.
Dann steigen in Ravensburg die ersten aus, später in Markdorf weitere und schließlich beim Betriebshof von Wegis-Reisen in Ahausen die meisten, weil sie dort ihre Autos stehen hatten. Ich steige mit einigen aus Konstanz in Meersburg an der Fähre aus, drücke die Brigitte nochmal und hoffe, daß ich sie eines Tages während einer Reise wiedersehen werde. In Konstanz hatte Brigitte schon Taxis für uns bestellt, die uns rasch nach Hause bringen. Keine halbe Stunde später schließe ich meinen Schatzehund wieder in die Arme und erst dann bin ich wieder zu Hause.
Und nun darf ich dankbar zurückdenken an eine wunderbare, sehr eindrucksvolle Reise.
Maria Gratz
1. August 2003