Delphine beobachten bei den Azoren

 

5. 6. 05 Sonntag

Lange nicht mehr in so pünktlichen Fliegern gesessen! Trotz zweier Zwischenstopps in Frankfurt und Lissabon landen wir auf die Minute genau um 18.35 Uhr Ortszeit (- 2 Std. zu Berlin) in Horta auf der Insel Faial. Auch keine Selbstverständlichkeit bei dem heutigen Flugverkehr: Mein Koffer erreicht gleichzeitig mit mir das Urlaubsziel und erscheint sogar als einer der ersten auf dem Band. Zwei Taxis bringen uns zum Hafen, wo unsere kleine Gruppe Wal-Süchtiger auf die Abfahrt der Fähre nach Madalena wartet. Von dort aus ist es im Taxi nur noch eine halbe Stunde bis Lajes, unserem Ziel. Serge Viallelle, der Leiter der Walstation, verzichtet auf das abendliche briefing, zeigt uns schnell unsere Zimmer und geht dann mit uns in eine Hafenkneipe zum Essen. Die milde Luft, die leichte Brise vom Meer sind fantastisch. Der Fisch ist es auch. Das Zimmer eher schlicht, hat aber alles, was ich brauche, im Bad sogar ein Bidet.

{{g_ads}}

 

Lastminute auf die Kanaren


 

Seit meinem ersten Italienurlaub mit ca. 14 Jahren muss ich beim Anblick dieser Dinger immer schmunzeln. Deutschlands Wohnungen waren noch weit entfernt davon (sind es wohl heute noch), so etwas zur Standardausrüstung zu zählen. Rätselnd über den Zweck dieser kleinen Schüssel, entschloss ich mich damals, mir darin die Füße zu waschen, bis mein Vater mir den Namen dieses Beckens erklärte und was es darüber zu reinigen gilt. Schnell merkte ich, wie praktisch ein Bidet ist, und freue mich nun in jedem Hotelzimmer, wenn ich eins vorfinde. Die Terrasse meines Zimmers hängt wie ein Schwalbennest zwischen zwei Hauswänden, lässt aber über niedrige Dächer und eine Palme sogar den Blick frei auf ein Stück Meer.

6. 6. 05 Montag

Das Frühstück in dem kleinen Raum eine Etage tiefer kann nicht enttäuschen, wenn man weiß, dass unser Gastgeber Franzose ist. Er gibt sich wahrscheinlich mit einem Croissant und Milchkaffee zufrieden. Doch er lässt uns auch Brötchen, Toast, zwei Sorten Cornflakes, Marmelade, Honig, Schinken und Käsestückchen servieren. Frisches Obst? – Fehlanzeige. Am interessantesten ist für mich der Wasserkocher mit Beuteln grünen und schwarzens Tees. Wir dürfen ihn auch tagsüber benutzen, denn der Frühstücksraum wird nicht abgeschlossen.

Um 9.00 Uhr treffen wir uns an der base, Serges Walbeobachtungsstation. Mit einem Beamer zeigt er uns Dias von seinem Laptop und erzählt eine Menge dazu: grobe Einteilung der Wale – Zahn-, Barten, Klein- und Großwale – Geschichte des Walfangs, Umgang mit ihnen, Sicherheitsvorkehrungen. Eigentlich diene diese Station nur wissenschaftlichen Zwecken. Aber da, wie üblich, Gelder für die Forschung knapp seien, habe er sich unter strengen Bedingungen entschlossen, Touristen einzuladen. Nach Einhaltung eines großen Mindestabstands unsererseits seien es aber ausschließlich die Delfine, die bestimmen, ob, wie weit und wie lange sie sich uns nähern. Er fahre mit Gästen auch nur in 3 Booten hinaus, will keinen Massentourismus, will die Störung der Tiere so gering wie möglich halten und duldet keine Verfolgung von Delfingruppen, die sich erkennbar entfernen wollen (mehrsprachiges zustimmenden Gemurmel unter den Zuschauern).

{{g_ads}}

Serge hat auch ein paar Anschauungsobjekte in Gläsern für uns parat: Krill, den die Bartenwale fressen, Walwanzen – jene Plagegeister, die sich auf der Haut der Meeressäuger festsetzen und die sie durch Springen bzw. Plumpsen aufs Wasser wieder loszuwerden versuchen.

Zum Abschluss dieser Schnelleinführung auf Französisch zeigt uns Serge noch ein Stück Barten – meterlange, braune, starre Fäden, die wie ein abgenutzter Kamm aussehen, und so funktionieren sie ja auch. Nach dem Hinweis, dass wir uns während der Dauer unseres Aufenthalts jederzeit in der kleinen Bibliothek der base bedienen dürfen, teilen sich die Anwesenden in zwei Gruppen: die whalewatcher und die „Schwimmer“, also diejenigen, die sich, wie ich, für das Schwimmen mit Delfinen (SmD) entschieden haben.

Erstere fahren sofort raus. Unsere 6er-Gruppe wird vom Holländer Herman betreut und trottet ihm in Tauchanzügen, mit Maske und Schnorchel bewaffnet, über die Strandpromenade hinterher zur Badestelle des Ortes, wo er uns im flachen Wasser zeigt, wie man floatet, d.h. ruhig an der Wasseroberfläche treibt. Den Kopf etwas abwendend, verdrehe ich die Augen und denke, dass das wohl überflüssig ist. Schließlich stecken alle profimäßig in ihren Neoprenanzügen, sind entweder Taucher oder Surfer und dürften mit dem Meer, dem Umgang mit Maske und Schnorchel vertraut sein.


Noch einmal erklärt uns Herman, wie wir uns bei Delfinsichtung zu verhalten haben – kein oh-my-god-Gejuchze, keine Hände über den Bootsrand ins Wasser hängen lassen, alles Weitere dann an Bord. 19° C Wassertemperatur sind nicht gerade kuschelig. Draußen auf dem Meer wird es auch nicht wärmer. Aber da man eh nur ca. 15 Minuten mit den Delfinen schwimmen wird, bevor die nächsten Zwei ins Wasser dürfen, wird meine Tauchjacke wohl das Zähneklappern verhindern. An die Möglichkeit, dass ich seekrank werden könnte, will ich lieber gar nicht denken, habe deshalb auch keine der mitgenommenen Kotzpillen (KoPi) geschluckt. Trotz gegenteiliger Erfahrung hoffe ich, dass es vielleicht auch mal ohne geht.

Um 14.00 Uhr stechen wir mit dem Zodiac in See, das im Galopp über die Wellen prescht. Statt stuhlähnlicher Sitze gibt es deswegen auch nur schmale Sättel mit Stangen zum Festhalten. Ich bin begeistert, hebe mein Hinterteil in den „leichten Sitz“ wie ich es bei gestreckten Galoppaden mit Marsala über die abgemähten Felder Sachsen-Anhalts gewöhnt bin. Dieses Gefühl von Schwerelosigkeit hat mich schon immer fasziniert. Dem fliegenden Fisch, der neben dem Boot auftaucht, scheint es genauso zu gehen.

Doch der Übermut vergeht mir, sobald das Zodiac stoppt. Binnen Minuten wird mir schlecht, und ich hänge würgend über dem Bootsrand. Verschämt schaufle ich mit einer Hand Meerwasser über die bekleckerte Gummiwulst, spüle meinen Mund aus und trinke auch einen Schluck, um meinen Salzhaushalt wieder auszugleichen – ein Tipp anlässlich einer anderen, ähnlichen Urlaubserfahrung, der sich gut bewährt hat.

{{g_ads}}

Der Franzose Stefan und ich bilden eine der Zweiergruppen. Hier, wo noch keine Delfine in Sicht sind, demonstriert uns Herman, wie man sich startklar auf den Rand des Zodiacs setzt. Die Füße dürfen dabei noch nicht im Wasser hängen. Dann sollen wir die auf dem Bootsrand befestigten Taue packen, uns umdrehen, dabei abstemmen und lautlos ins Wasser gleiten lassen. Das Zauberwort heißt don’t splash! Endlich kommt das Kommando, dass wir ins Wasser dürfen – Stefan und ich vorne weg, die anderen beiden Pärchen hinterher.

An Bord sind auch der Skipper Pedro und der Biologe André. Zusammen mit Herman wollen sie nun sehen, ob wir wirklich ganz ruhig mit angelegten Armen an der Oberfläche floaten. Herman kommt mit uns ins Wasser, taucht sogar ein paar Meter ab, um uns von unten zu betrachten, ob vielleicht einer von uns Panik bekommt vor dieser endlosen blauen Tiefe. Ich winke Herman zu, mache das Taucherzeichen für O.K. und dümple gelangweilt weiter, bis die Crew uns wieder an Bord pfeift.

Nach 10 Minuten Fahrt die ersten Delfine. Sofort stoppt das Zodiac, und Pedro gibt Zeichen für Christian und Brigitte, die sich als Erste ins Wasser gleiten lassen dürfen. Er zeigt noch, in welche Richtung sie schwimmen sollen (bloß nicht von hintern nähern! Das könnte die Delfine irritieren) und ruft beiden ständig hinterher: Look i n t o the water, not out of the water! Dolphins s w i m , they don’t fly! Vor lauter Aufregung suchen die beiden Belgier die Tiere ständig an der Wasseroberfläche – vermutlich, weil sie sie unter Wasser noch nicht sehen. Schon nach 1 Minute müssen sie wieder an Bord. Die Delfine haben sich einfach verdrückt.

Wir fahren weiter, treffen sie woanders wieder. Nun sind Stefan und ich dran. Spritzerlos wie die Turmspringer tauchen wir ein, und tatsächlich: Nach kurzem Umschauen seitlich und in der Tiefe sind sie plötzlich da, zwei Pärchen und ein Einzelner. Er kommt näher, inspiziert mich und schwimmt rüber zu Stefan, der die Arme über der Herzgegend kreuzt und damit wohl signalisieren will, wie begeistert er ist. Ich recke einen Arm mit dem o.k.-Zeichen aus dem Wasser, damit die Leute im Boot wissen: Hurra! Wir haben sie gesehen!

Nach einmal taucht unter mir ein Delfinpaar auf. Einer dreht sich dabei um die eigene Längsachse, als wolle er mir auf dem Rücken schwimmend nachschauen, und trollt sich dann. – Schade! Stefan und ich gehen wieder an Bord, wo ich ein 2. Mal die Fische füttere. Aber viel kommt nicht mehr raus. Ich zittere vor Kälte (oder vor Aufregung?). Herman rät mir, eine der Windjacken anzuziehen, was mir anfangs nicht einleuchtet. Die dicke Tauchjacke schützt mich doch vor der Auskühlung. Aber das ist ein Irrtum. Wenn der Wind drüberstreicht, entzieht er der Jacke die Feuchtigkeit und kühl die Haut darunter eben doch aus.


 Vor der Abfahrt wurden jedem Gast Regenjacken angeboten. Ich hatte abgelehnt, weil ich meine eigene dabei hatte. Die jetzt aus dem Kanusack rauszuholen, ist bei meinem erbärmlichen Zustand eine zusätzliche Anstrengung.

Nun liege ich im hinteren Teil des Bootes auf den Planken, den Kopf bequem auf meinen Sack gebettet, und lausche den unwillkürlichen Kontraktionen meiner Beinmuskeln, die versuchen, Wärme zu produzieren. Sogar meine Kaumuskulatur ist verkrampft, die Zähne klappern, und ich schäme mich, weil ich großkotzig (sic!) auf die Tablette verzichtet hatte. Herman kommt öfter, fühlt meine Stirn und fragt besorgt, ob ich wieder an Land will. Es ist zwar in Sichtweite, doch ich will den Anderen nicht den Spaß verderben, sage: Nee, nee – lass man, hier unten geht’s mir gut. Das ist zwar ein bisschen gelogen, führt aber dazu, dass ich auf der Weiterfahrt, als ich den Kopf erneut über den Rand des Zodiacs halten muss, in den Genuss des Anblicks eines Pottwalrückens mit Blas komme.

Nach einer Weile verkündet Herman, wir seien nun auf dem Rückweg. Sehr nett von ihm, finde ich. Kurz darauf ist der Hafen erreicht. Das vermeintlich rettende Ufer ist in Wahrheit aber ein schaukelndes Ponton, das sich der jeweiligen Meereshöhe bei Ebbe und Flut anpasst. Stefan, der wohl mein immer noch grünes Gesicht bemerkt hat, schnappt sich freundlicherweise meinen Kanusack. Jemand anderes trägt meine Schwimmweste, und ich trotte, mühsam Haltung bewahrend, allen hinterher zurück zur base. Dort bedanke ich mich bei den Helfern und verspreche, vor der morgigen Ausfahrt brav meine pilule zu schlucken.

Ach, das macht doch nichts, sagt Brigitte, ich hätte mich am liebsten auch zu dir auf die Planken gelegt! Wie tröstlich. Ohne mich umzuziehen, laufe in der Tauchjacke das kurze Stück die Straße hinauf zu meinem Zimmer. Ob die Anwohner hier solche Gestalten wie mich wohl öfter beobachten können? Schnell gehe ich unter die Dusche, dann ins Bett und schlafe tatsächlich bis morgens um 6.30 Uhr durch, ohne Abendessen ……

{{g_ads}}

7. 6. 05 Dienstag

……. und wache natürlich mit knurrendem Magen auf. Unter meinen Füßen schwankt der Boden immer noch. Nach dem Frühstück gehe ich runter zur base, wo sich die beiden Gruppen, Watcher und Schwimmer, schon wieder zur Ausfahrt vorbereiten. Der Engländer Ryan jammert, er habe gestern bei dem auf Französisch gehaltenen briefing kein Wort verstanden, und die für später angekündigte Englische Version sei ausgefallen. Er bittet mich, ob ich ihm das jetzt während der Fahrt noch mal erzählen könnte. Doch ich muss ihn enttäuschen, denn ich habe beschlossen, mich nach meiner gestrigen Kotz-Orgie etwas zu erholen. Im Gegensatz zu den Anderen habe ich zwei Wochen am Stück gebucht und kann mir Zeit lassen. Außerdem brauche ich unbedingt frisches Obst. Es kann doch nicht sein, dass ich auf einer sonnigen Insel im Atlantik auf meine Leibspeise verzichten muss.

Vom Hotel aus zweimal links um die Ecke finde ich einen kleinen Supermarkt. Na bitte! Ist doch alles da – Bananen, Orangen, Äpfel, Möhren und sogar „Granola“, die offenbar weltweit bekannte Müsli-Mischung. Mit etwas Proviant und einer Wasserflasche mache ich mich auf die Suche nach der Straße, die oberhalb von Lajes entlang führt. Jedenfalls habe ich dort Autos fahren sehen, hoffe auf einen hoch gelegenen Aussichtspunkt mit Blick aufs Meer. Aber erst einmal durchs Dorf, um zu sehen, wo ich hier überhaupt gelandet bin. Hinter der Kirche liegen zwei Lokal, wo ich später vielleicht essen gehen könnte. Weiter die Mole entlang bergauf, rechts immer das Meer im Blick. Keine Boote, keine Wale, nur der Horizont und ein strahlend blauer Himmel. Das genügt schon für zufriedene Seufzer.
Etwas weiter oben finde ich dann die gesuchte Straße – wenig befahren, schön ruhig, viel Grün und der weite Blick über den Atlantik. Auf einer Mauer lasse ich mich nieder – der richtige Platz und die richtige Zeit, um mich über mein Obst herzumachen. Hier oben wird mir erst richtig klar, wie lange ich nicht mehr Urlaub auf einer Insel gemacht habe. Nach ca. 10 solcher Reisen war ich des Meeres, der Palmen schon fast überdrüssig, schlug mich buchstäblich in die Büsche, wanderte durchs Dickicht von Urwäldern, die mich nie wieder loslassen sollten. Nun sitze ich hier oben auf den Steinen und staune, wie sehr ich diesen Blick aufs offene Meer eben doch vermisst habe.


 Ein Taxi hält neben mir. Erst denke ich, der Fahrer will mich etwas fragen. Will er auch: Ob er mich irgendwohin kutschieren soll. Kundensuche also. Er spricht Portugiesisch, ich antworte auf Spanisch; das klappt sehr gut. Ich zeige auf meine Füße, sage, die funktionieren noch prima, und so plauschen wir ein Weilchen. Antonio stellt sich vor, erzählt, dass er in Madalena wohne, dort ein Haus und einen Weinberg habe und eine Freundin, Franziska, mit der ich viele Gemeinsamkeiten habe: offen, selbstbewusst, gern mal allein, trotzdem comunicativa, wie er behauptet Geschenkt.

Sein wiederholtes Angebot, mich ins Dorf zu fahren, lehne ich dankend ab, weil ich noch ein bisschen spazieren gehen möchte. Doch dann sehe ich, wie unten im Hafen die Boote zurückkommen, verabschiede mich von Antonio und gehe runter zur base.

Die Anderen berichten von vielen Delfinen, Orcas sogar. Morgen bin ich wieder dabei, sage ich und lasse mir von Herman noch eine Pille geben, die man für seekranke Kunden immer vorrätig hat (Navicalm, Wirkstoff Meclozin).  Er meint, die helfen garantiert und machten nicht müde; die mitgebrachten Pillen solle ich ruhig stecken lassen. Es ist richtig sommerlich warm geworden. Ich gehe mich umziehen und breche zu einem 2. Spaziergang auf, diesmal in die andere Richtung, aber immer am Meer entlang. Ein verfallenes Haus aus schwarzem Lavagestein lockt mich. Der kleine Anbau an der Ecke, wie ein Elfenbeinturm oder Erker mit Meerblick, ist ein kühler Schlupfwinkel, um sich einen Moment vor der heißen Sonne zu verstecken.

{{g_ads}}

Auf dem Weitermarsch begegne ich einem schmutzigen Pferd auf einem Grashügel, das aussieht, als käme es dort nicht mehr runter. Es schlägt mit dem Kopf wie ein autistisches Tier hinter Zoogittern, ist – wie auch viele Hunde hier – angebunden. Das Seil hat sich so verfangen, dass das Tier weder vor noch zurück kann. Das Pferd ist sehr scheu, legt die Ohren an, als ich mich nähere. Ich setze mich außerhalb seiner Fluchtdistanz einfach ins Gras, schaue weg und mache gar nichts. Nach einer Weile siegt seine Neugier. Es kommt mit gebeugtem Kopf auf mich zu und schnuppert. Nun kann ich vorsichtig nach dem Seil greifen, es vom Felsen abwickeln. - Pause. Als es merkt, dass nichts Schlimmes passiert, hebt es sogar noch den Huf und löst die Schlinge, in die es selbst hineingetreten ist. Schnaubende Nüstern signalisieren mir, dass die Anspannung weg ist. Wir haben uns verstanden haben. Auch das Kopfschütteln hört auf.

Ich ziehe weiter die Straße entlang, links ziemlich dichtes Grün, sehr interessant. Da muss ich bei Gelegenheit mal rein. Also doch wieder Urwälder. Ich schaue rechts aufs Meer, hoffe vergeblich, den Blas eines Wales zu sehen, doch so nahe an die Küste kommen sie wohl nicht.

Als ich ins Dorf zurück trödle, komme ich an der Bar von José Luís vorbei. Vor der Tür stehen Körbe mit kleinen Bananen, Orangen und Avocados – alles 1 € pro Kilo und von der eigenen Plantage, wie er mir erzählt. Die laranjas haben keine makellos Schale, sind klein und z.T. noch grün. Aber von anderen Reisen weiß ich, dass Apfelsinen nicht unbedingt das EU-genormte Valensina-Orange haben müssen, um gut zu schmecken. Ich lasse mir ein Kilo eintüten, nehme noch einen café com leite und beantworte in dem schon bewährten Porto-Spanisch-Gemisch Luís’ Fragen nach meinem Namen, Beruf, Wohnort usw. – Luís habe auch eine Freundin, erzählt er, doch davon dürfe seine Frau nichts wissen. Mit dem Versprechen, ihn nicht zu verraten, verabschiede ich mich und teste auf meiner kleinen Terrasse gleich mal die Orangen: der pure Saft und von angenehmer Süße. Kein Fehlkauf also.

Während ich da so sitze, belausche ich unfreiwillig ein Gespräch.  Mutter und Sohn sowie noch jemand, der außerhalb meines Blickfelds steht. Die Mutter erzählt weitschweifig von der heutigen Bootstour.  Der Sohn sabbelt dazwischen: „Mutti! Und dann habe ich gebrochen!“ Die Mama will dieses undelikate Detail diskret übergehen, doch der Sohn insistiert: „Und dann habe ich gebrochen!“ Das Ganze passiert noch ein drittes Mal. Ich kann kaum an mich halten und möchte den Leuten zuzurufen: “Und gestern habe i c h gebrochen!“

Dazu ist heute aber kein Grund mehr. Abends gehe ich in die Pizzeria „Onda Azul“ hinter der Kirche. Nachdem ich die Riesenteile auf den Tellern der Nachbartische gesehen habe, entscheide ich mich für die kleine Version einer Pizza und bin hinterher so pappsatt, dass ich noch einen Spaziergang raus auf die Mole mache.

Mit Müsli, Banane und Orange sieht das Frühstück doch gleich ganz anders aus. Dazu schlucke ich Hermans Pille, wild entschlossen, diesmal nichts den Fischen zu opfern.

Mit Vollgas prescht Pedro über die Wellen aufs offene Meer hinaus. Anfangs wundere ich mich noch, woher er so genau weiß, in welche Richtung er fahren muss, um auf Delfine zu treffen. Dieses Geheimnis wird sich später aufklären.

Die erste Gruppe Tümmler, die wir treffen, ist gerade auf Wanderschaft, schwimmt viel zu schnell, als dass es sich lohnen würde, zu ihnen ins Wasser zu gehen. Pedro dreht ab und düst mit Affenzahn zur nächsten Gruppe. Heute sind Stefan und ich, die potenziell Seekranken, als Erste dran. Und wir haben Glück. Zwei Adulte mit einem Subadulten, wie die Biologen das immer so schön nennen, schwimmen in ca. 5m Tiefe im Halbkreis um uns herum, tauchen dann aber leider ab. Insgeheim bin ich etwas enttäuscht, hatte mir die Begegnungen mit den Delfinen länger vorgestellt, gehofft, sie seien neugieriger und würden in unserer Nähe bleiben. Tun sie hier aber leider nicht. So wird es fast genauso wichtig, sie bei der Annäherung an das Boot zu beobachten – Whalewatching eben. Neugierig sind sie nämlich schon, denn eigentlich nähern sich die Delfine uns, nicht umgekehrt. Pedro stoppt bei Sichtung das Zodiac schon in großer Entfernung von den Tieren, schaltet den Motor aus und wartet. Es bleibt ihnen überlassen, die Distanz zu verkürzen oder uns zu ignorieren und einfach weiter zu schwimmen. Und sie kommen tatsächlich näher, umkreisen das dümpelnde Boot, springen manchmal und entfernen sich, wann es ihnen beliebt.

{{g_ads}}

Ich will also nicht unzufrieden sein. Es ist immerhin ein Privileg, dass ich für einen kurzen Moment bei den Delfinen sein darf, ohne dass sie gleich vor Angst das Weite suchen. Wieder an Bord, ziehe ich schnell die Windjacke über. Sie hält tatsächlich schön warm. Und was noch viel schöner ist – mir wird trotz des Geschaukels überhaupt nicht schlecht!

Wir verlassen den Ort, denn Pedro hat über Sprechfunk die Nachricht erhalten, dass an anderer Stelle Rundkopf-Delfine (dauphin risso) aufgetaucht sind – eine eher seltene, sehr scheue Art. Herman erzählt, er habe hier 6 Jahre gebraucht, ehe es ihm gelang, sie mal im Wasser zu begleiten. Von dem deutschen Pärchen hat nur sie das Glück, einen Risso zu sehen. Er geht zunächst leer aus, weil er in die falsche Richtung schwimmt. Aber Pedro gibt sich Mühe, seine Gäste zufrieden zu stellen, überholt die Delfine in großem Bogen und nähert sich ihnen von seitwärts vorn, bevor er wieder das Kommando gibt und mit  seinem: Go, go, go!!! zur Eile mahnt. Gleich danach aber tönt er: Slowly! Don’t splash! Wir an Bord Gebliebenen grinsen uns zu. Pedros Go-go-go-slowly-don’t-splash wird bald zum geflügelten Wort in der Gruppe. Auch Christian und Brigitte tun sich anfangs schwer mit den Rissos, obwohl die Situation vom Boot aus so ungemein günstig erscheint: Die Delfine schwimmen geradewegs auf die beiden zu. Trotzdem kommen sie wieder an Bord, ohne die Tiere gesehen zu haben. Hattet ihr Seetang auf den Taucherbrillen oder was? fragt Pedro. Zähne klappernd schütteln beide die Köpfe. Bei einem erneuten Versuch klappt es dann aber. Überraschend werden auch Stefan und ich nochmals aufgefordert, uns starklar zu machen – und das, wo ich gerade so schön warm und wieder trocken bin und mich meines kotzfreien Lebens erfreue. – Blödsinn! Ein angeblich so seltenes Ereignis lasse ich mir doch nicht entgehen und habe gleich beim ersten Mal Glück: Für vielleicht 20 Sekunden kann ich drei unter mir schwimmende Rissos mit den Augen verfolgen. Ihre hellen Körper heben sich schön von dem sie umgebenden Tiefblau ab. Faszination pur!

Und dann dürfen wir sogar noch einmal ins Wasser. Diesmal ist die Risso-Gruppe so groß, dass es mir schwer fällt, sie zu zählen – 11 oder 15??? Hübsch sind sie allemal mit ihren knuffig abgerundeten Schädeln. Leider kann ich von oben ihre Augen nicht sehen, die so eindrucksvoll sein sollen. – Doch! Einer dreht sich etwas auf die Seite, guckt zu mir hoch und beäugt mich. Am liebsten würde ich ihm zuwinken, lasse es aber, weil ich nicht weiß, ob die Geste ihn erschrecken könnte.


 Über Sprechfunk kommt eine neue Meldung: Pottwale in Sicht! Eine ganze Gruppe! Pedro dreht ab und steuert das neue Ziel an. Unsere Crew mit den geschulten Augen zählt sieben „Individuen“, die gemächlich dicht nebeneinander schwimmen und mit ihrem Blas den Ozean verzieren. Aber da zottelt noch ein Achter hinterdrein. – Ein Männchen, sagt Biologe André. Die da vorn seien junge Weibchen. Typisch Männer, denke ich und stelle mir vor, wie dem Herrn Pottwal unter Wasser förmlich die Zunge raushängt, während er den Weibern hinterher schwimmt…..

Beim briefing hatten wir gelernt, dass der Mindestabstand zu den Großwalen 50m betragen solle. Der scheint mir jetzt aber immer kleiner zu werden. Fährt Pedro doch näher heran, um uns gute Fotos zu ermöglichen? – Nein, er hat Kurs und Geschwindigkeit genau beibehalten. Aber die Wale haben sich uns genähert, weil sie uns offensichtlich nicht als störend empfinden, sagt André. Das freut mich natürlich. Als der Abstand noch geringer wird, dreht Pedro langsam und vorsichtig ab. Der Motor ist bei niedriger Drehzahl erstaunlich leise, fällt mir auf. Ein Vierzylinder, erklärt Pedro. Erst als wir sehr weit weg sind von den Walen, düst er wieder mit voller Kraft los. Das ist dann nicht mehr so leise, und ich frage mich, ob das für die Wale nicht trotz der Entfernung noch Ohren betäubend klingt. Diese Frage gebe ich allerdings nicht an Pedro weiter, weil ich nicht auf eine ehrliche Antwort hoffe.

Gegen 15.00 Uhr sind wir wieder an der base, trinken dort die uns nach jeder Fahrt spendierten Erfrischungsgetränke und verabreden uns eine halbe Stunde später zu einer Fahrt mit dem Taxi zur Ostspitze von Pico nach Ribeirinha an der Punta de Ilho. Dort machen wir eine tolle Wanderung an der Steilküste entlang – zuerst über mit Gras bewachsene Feldwege, durch ein lichtes Wäldchen und schließlich über Stock und Stein durch eine schwarze Felslandschaft aus Lava in allen Formationen: Geröll, spitze Steine, Würste und (meine eigene Bezeichnung) „Elefantenscheiße“. Oh, ich liebe diese Kraxelei durch kleine Täler, das Springen über Mini-Canyons hinweg, den einen Fuß schon in der Luft, gefolgt von der Entscheidung, wo ich als nächstes hintrete. Und linker Hand immer ganz nah das Meer. Das erinnert mich alles sehr an Hawai’i und ist zum Heulen schön.

{{g_ads}}

Die Mitnahme fester Wanderschuhe hatte ich mir aus Gewichtsgründen erspart und bin jetzt sogar froh drüber, dass meine Füße bei dem tollen Wetter in den luftigen Trekkingsandalen atmen können. Nur zwei meiner Sprünge enden in Fehltritten und der Überdehnung der Sehne meines linken Fußes. Der Schmerz kommt erst abends, doch ihn zu ignorieren fällt leicht bei der Erinnerung an diese tolle Wanderung.

Erst bei der Rückkehr nach Lajes erfahre ich, warum sich die Franzosen ausgerechnet zu dieser Wanderung entschlossen hatten: Es war nicht die Liebe zu dieser rauen Natur, sondern sie wollten den Ausflug mit einer profanen Shoppingtour verbinden. Irgendwo am Rande von Ribeirinha soll nämlich jener François wohnen, der die hübschen Butterdosen mit der Walfluke auf dem Deckel herstellt, wie sie bei uns im Hotel benutzt werden. In der base kosten sie 20/25 €, und die Franzosen hoffen, sie bei François billiger zu bekommen. Eine Hoffnung, die nicht trog, wie sich später herausstellen sollte. Aber erst einmal müssen wir das Haus finden, wo er wohnt. Serge hatte uns nur eine gekritzelte Skizze auf einem kleinen Zettel mitgegeben und die Telefonnummer unseres Taxifahrers, damit er uns abends wieder abholen kann. Ich dachte natürlich, jemand habe ein Handy dabei. Nun irren wir über die Hügel des Dorfes und suchen vergeblich nach der Werkstatt von François, bis wir eine Dame nach einer öffentlichen Telefonzelle fragen.  Sie schüttelt nur den Kopf, bietet uns aber an, ihren Privatanschluss zu benutzen. Muito obrigado, senhora! Mit dem Taxifahrer vereinbaren die Franzosen, dass er uns au port abholen möge. Wir haben zwar keine Ahnung, wo in diesem Kaff ein Hafen ist, doch allzu schwer kann der ja nicht zu finden sein. Auf jeden Fall den Hügel abwärts. Also laufen wir  los. Unterwegs fängt es nett an zu gießen. Bevor wir alle komplett durchgeweicht sind, stellen wir uns unter Begehung eines Hausfriedensbruchs schnell in einer zufällig offen stehenden Garage unter.  Als der Regen nachlässt, marschieren wir weiter bergab und warten oberhalb der Mole, wo uns nach ca. 20 Minuten der Taxifahrer aufgabelt und zum Haus von François und seiner Madame bringt. Sie begrüßt uns mit kleinen Gläsern des schweren, aber köstlichen Inselweins, den wir alle jetzt gut gebrauchen können.

Die Regale in der Werkstatt sind voll mit Töpferwaren. Der Stiftebehälter mit dem freundlich lächelnden Potwal gefällt mir zwar. Doch bei der Frage, wo ich den zu Hause noch hinstellen soll, fällt mir partout nichts ein. So verkneife ich mir den  Kauf. Meine Begleiter aber schlagen mächtig zu. Kurz vor 20.00 Uhr sind wir zurück in Lajes. Die Anderen tun kund, dass man sich in einer halben Stunde im Restaurant „Lagoa“ hinter der Kirche zum Abendessen trifft. Da wollte ich heute ohnehin essen gehen. Gegrillter Squid (kleine Tintenfische) mit muito alho ist einfach köstlich, nichts für Leute mit Knoblauchallergie. Wenn ich nur nicht so müde wäre! Nach dem Espresso  verabschiede ich mich bald, obwohl es ein so lustiger Abend war.

Als ich noch kurz auf die Terrasse gehe, sehe ich die Pfützen vor dem verstopften Abflussloch. Es hatte wohl nicht nur in Ribeirinha wie aus Kübeln gegossen ……

 

 

Bei laienhafter Betrachtung des Meeres würde ich sagen, dass es heute irgendwie unruhiger aussieht als gestern. Ist es auch, wie ich um 9.00 Uhr an der base erfahre. Die Delfine müssen heute ohne uns schwimmen. Wir können „nur“ zum Whalewatching rausfahren. Die Tauchjacke kann ich also wieder aufs Zimmer bringen, vergesse aber leider, die Regenhose mitzunehmen, obwohl ich an der base doch beobachtet hatte, wie sich die ganze Crew dick in Regensachen einpackt – ein untrügliches Zeichen, dass es auf dem Boot heute etwas nass werden könnte. Wurde es auch. Pedro überlässt das Ruder der Biologin Maria, die im Gegensatz zu ihm nicht mit vollem Tempo durch die Wellen donnert, sondern ganz vorsichtig durch die Wellentäler der hereinkommenden Brecher dümpelt. Trotzdem ist meine Wanderhose bald nass, und ich friere wie ein Nacktmull. Andererseits stelle ich mit Vergnügen fest, dass meine uralten KoPi von ratiopharm durchaus noch wirken. Das Meer ist zwar sehr bumpy, und das Boot rollt nach allen Seiten, doch mir wird nicht die Bohne schlecht. Schon gar nicht beim Anblick des einsamen Pottwals, der auftauchte, blies, schwamm und nochmals blies (übrigens kein Wasser, nur kondensierte Luft!), bis er nach ein paar Minuten einen runden Buckel machte, uns seine wunderschöne große Fluke zeigte und abtauchte, um in der Tiefe nach seiner Lieblingsspeise, Tintenfische und Riesenkalmare, zu jagen. Wir bleiben trotzdem vor Ort, weil diese Walart keine langen Strecken auf dem Meeresboden zurücklegt und nach ca. 45 Minuten meist unweit der Abtauchstelle wieder an der Oberfläche erscheint.

{{g_ads}}

Aber während der Wartezeit kommt plötzlich vom Aussichtsturm die Meldung, dass an anderer Stelle eine große Gruppe Gewöhnlicher Tümmler zu sehen sei.

Maria steuert die neue Richtung an und erklärt, was es mit jenem Turm (vigia) auf sich hat, der in Küstennähe steht.  Zu Zeiten, als rings um Pico noch Walfang betrieben wurde, saß dort oben João, einer der Fischer der Insel, bewaffnet mit einem starken Fernglas und Leuchtraketen, die er abfeuerte, sobald Wale in Sicht kamen. Dann ließen seine Kollegen alles stehen und liegen, stiegen in die Boote und erledigten ihr blutiges Handwerk. Herman ergänzt, dass der alte João heute immer noch das Meer beobachtet, aber von seinem Haus an der Küste aus. Den Posten im Turm haben Leute von ESPAÇO TALASSA übernommen, ohne Leuchtraketen, aber auch mit Ferngläsern und dazu Mikrofon und Sender. Auf diese Weise bekommen die Bootsführer Infos, wo gerade Wale zu beobachten sind.

Als wir nun an der Stelle eintreffen, können wir den Tümmlern zuschauen, wie sie die Energie der Wellen zur Fortbewegung nutzen, auf ihnen reiten und manchmal auch Luftsprünge dabei machen.

Kaum wieder an Land, gehe ich sofort unter die heiße Dusche – so durchgefroren bin ich in meinen nassen Hosen. Ich muss vorhin auch mein Hirn im Zimmer liegen gelassen haben, als ich das Regenzeug nicht mitnahm, obwohl ich sah, wie die Bootsleute sich einmummelten. Nun ziehe ich mich mit einem Buch auf die Terrasse zurück, das ich kurz vor der Abreise noch zufällig auf dem Grabbeltisch entdeckt hatte: „Das Lächeln des Delfins“.  Das sind so die Zufälle, die ich öfter erlebe und die eigentlich keine sind. Plötzlich passt einfach alles zusammen, und ich muss nur zugreifen.


 

10. 6. 05 Freitag

Meine Tauchjacke nehme ich morgens erst gar nicht mit runter zur base, weil es immer noch sehr windig ist. Herman meint aber, wir könnten heute vielleicht schwimmen. Mir jedoch steckt die Kälte von gestern noch so in den Knochen, dass ich beschließe, im Boot zu bleiben, lieber ein paar Fotos zu machen. Das Meer ist wider Erwarten ruhig und die 1. Delfingruppe gerade auf Wanderschaft, zu schnell für Schwimmer. Die zweite aber umso besser. Ganz viele und ganz neugierige. Die Leute kommen prustend vor Begeisterung aus dem Wasser, erzählen mit glänzenden Augen, die Delfine hätten sie umkreist und seien ganz nahe gekommen. Muss ich mich jetzt ärgern, neidisch sein? – Ach nein. Ich habe nächste Woche noch fünf weitere Gelegenheiten, denke ich – nicht ahnend, dass das Wetter auf den Azoren auch schnell umschlagen kann…… Im Moment freue ich mich einfach am Anblick der vielen Tiere, die um das Zodiac herum schwimmen, drunter weg, um in einem perfekt gebogenen Halbkreis aus dem Wasser zu schießen und wieder einzutauchen. Das sieht so leicht aus, so ästhetisch, dass ich nicht meine Mitreisenden beneide, weil sie die Delfine von unten gesehen haben. Ich beneide die Delfine um ihre scheinbare Schwerelosigkeit, die ich nur gelegentlich nachempfinden kann, wenn ich – mit Tank, Regulator, Bleigurt und Kamera voll gepackt – mich endlich ins Wasser plumpsen lassen kann und nach dem Verschwinden der Luftblasen, die ich mitgerissen habe, plötzlich sehe, dass ich schwebe. Ein tolles Gefühl! Ach ja, die Nikonos. Jetzt schaue ich mir das Spektakel halt aus der anderen Perspektive an und kann ohne Angst vor Spritzern ein paar Aufnahmen machen. Die Anderen folgen Marias Kommando und dürfen, jeweils zwei zur selben Zeit, nochmals Rissos angucken.

Am Nachmittag will ich mir diesen Beobachtungsturm mal aus der Nähe ansehen und laufe Richtung Terras. Die Tür ist abgeschlossen, doch von oben höre ich den Sprechfunkverkehr mit den Booten. Die Biologen sind uns endlich los und schon wieder draußen auf dem Meer, um ihrer eigentlichen Arbeit, der Forschung, nachzugehen. Während ich da so sitze, an die groben Steine des Turms gelehnt, und die Ruhe genieße, kündigen Schritte das Ende derselben an.

{{g_ads}}

Es sind, Benno und Freundin, die ich schon im Frühstückszimmer gesehen habe und deren Sohn neulich darauf beharrte, sich erbrochen zu haben. Sie erzählen, dass sie morgen in ein anderes Quartier auf der Insel umziehen und laden mich zu einem Abschiedstrunk in die Hafenkneipe „Ritinha“ ein; der Rest der Truppe käme auch. Als ich dort eintreffe, sind wir aber erst zu dritt; ihren Sohn haben sie im Hotel geparkt. Die Anderen sitzen noch beim Apéritif im neuen Hotel von Serge gleich neben der base. Seine französischen Gäste sind dorthin umgezogen, trudeln nun aber nach und nach ein. Ryan, André, Pedro, Herman und ich bilden eine Deutsch/Englisch sprechende Ecke am Tisch, während die Franzosen, auch sprachlich, unter sich bleiben. Diese Grüppchenbildung an zu langen Tischen finde ich immer schade, weil nicht alle sich an der Unterhaltung beteiligen können.

Von André kommen kritische Anmerkungen zu unserem Programm. Er findet, man (damit meint er uns Touris) sollte die Delfine ganz in Ruhe lassen. Herman dagegen plädiert für den sanften Tourismus. Pedro erzählt von seinem Vater, der einer der ersten Weltumsegler war – er selbst, Jahrgang 1976, ist seit seinem 8. Lebensjahr mit dem Vater auf dem Meer. Schuljahre in Faial, zwei Reisen nach Lissabon, das ihm zu hektisch ist. Schon nach kurzer Zeit bekam er einen Koller und fuhr wieder heim. Ein Inselkind also, aber eins mit einer Patchwork-Biografie, die ihn als modernen Tausendsassa ausweist.


 

Bennos Freundin hat inzwischen mindestens das 5. Bier intus, wodurch ihr Englisch auch nicht besser wird. André traktiert sie auf Deutsch mit esoterisch angehauchten Fragen, die sie wohl nicht einmal in ihrer Muttersprache beantworten könnte. Stattdessen versucht sie Pedro zu ihrer Linken mit Körpereinsatz in die Unterhaltung einzubeziehen, dass es fast peinlich wird. Herman steht schon auf und entfernt sich ein paar Schritte vom Tisch, um tief Luft zu holen. Benno, der anfangs neben mir saß und das Benehmen seiner Freundin kommentarlos beobachtet hatte, wechselt rüber auf ihre Seite. Doch 2 Biere später und nach einem Gang zum Klo setzt sie sich gleich neben Pedro und sabbelt ihn weiter voll. Ach, weißt du, Herman, flüstere ich, ich möchte eigentlich gar nicht wissen, wie das hier ausgeht. Er nickt: Komm, lass uns an der Theke zahlen und gehen!

11. 6. 05 Samstag

Beim Frühstück komme ich mit unseren beiden „Mädchen für alles“, Hermínia und Carmen, ins Plauschen. Beide bedanken sich für das Trinkgeld, das ich ihnen auf meinem Bett in zwei kleinen Umschlägen hinterlassen habe. Hermínias Englisch ist erstaunlich gut, dass ich frage, ob sie auf eine besondere Schule gegangen sei. Nein, meint sie, im Alter von 4 Jahren sei sie mit ihren Eltern nach Canada ausgewandert, mit 11 aber wegen einer kranken Großmutter wieder nach Pico zurückgekehrt. Da sei ihr Portugiesisch aber schon so schlecht gewesen, dass sie wieder in die 1. Klasse eingeschult wurde. Später habe sie aber mehrere Klassen überspringen können. Ich wage nicht zu fragen, warum eine Überfliegerin wie sie dann „nur“ eine Stelle als Zimmermädchen bekommen habe, kann es mir aber denken. Es wird ähnlich sein wie auf der Osterinsel. Für die Grundschulausbildung reicht das kleine örtliche Biotop. Doch zur weiteren Förderung müssten die Kinder aufs Festland geschickt werden in Schulen, die der Staat, wenn überhaupt, nur noch zum Teil finanziert. Kinder, deren Eltern das Geld nicht aufbringen können, haben eben Pech gehabt. Chancengleichheit, ein leidiges Thema. Und auf kleinen Inseln wie Pico wohl gar keins. Hermínia kam also mit einem canadischen Pass zurück und erhielt die portugiesische Staatsbürgerschaft nur, weil sie einen Einheimischen geheiratet hat. Ihre Kinder Jessica und Steven dagegen haben von Geburt an die doppelte Staatsbürgerschaft. Als sie Stevens ausländisch klingenden Namen ins Geburtsregister eintragen lassen wollte, verlangte der Standesbeamte in Faial von Hermínia 40 € extra. Freundin Elisabeth hatte sich seinerzeit auch mit der schwäbischen Bürokratie anlegen müssen, als sie ihr Osterinsel-Kind Felix Vai Manu (Wasservogel) anmelden wollte. Dass ein deutscher Standesbeamte der Sprache Rapanui nicht mächtig ist, wäre ja noch verzeihlich gewesen. Doch er weigerte sich auch nach Vorlage eines  Pascuensischen Wörterbuchs und dem Hinweis, dass der Papa Osterinsulaner ist, glatt, den 2. Vornamen des Kindes zu akzeptieren. Erst als Elisa mit Anwalt und Klage vor dem Verwaltungsgericht drohte, resignierte der Beamte.

{{g_ads}}

Jetzt am Wochenende sind im Programm eigentlich keine Ausfahrten vorgesehen. Doch Serge hatte vorgeschlagen, das SmD heute nachzuholen, weil wir gestern „nur“ Whalewatching machen konnten. Seinen Zusatz „…, falls noch Plätze frei sind…“ hatte ich wohl überhört. Als ich um 9.00 zur base komme, sind keine Plätze mehr frei. Schade. Das Wetter ist heute besonders schön und das Meer sehr ruhig. Andererseits habe ich nun kein Problem, noch frisches Obst zu kaufen. Gestern hatten die Läden wegen eines Nationalfeiertags geschlossen, heute sollen sie nur bis 13.00 Uhr geöffnet sein. Von einer Ausfahrt wäre ich sowieso zu spät zurück gekommen. Also gehe ich erst einmal die Kisten vor José Luís’ Bar plündern, trinke noch einen Kaffee bei ihm und besorge den Rest, Joghurt und Studentenfutter, im Supermarkt. Beim Auspacken im Zimmer erscheinen Hermínia und Carmen mit einem Stück gelblichem Gebäck auf einer Serviette – ein Brot aus Maismehl, Eiern, Wasser und wenig Zucker, das für das morgige Fest in ihrem Heimatdorf bestimmt sei, sagt sie. Ich koste. – Oh, das ist aber lecker!

Die Damen verschwinden und kommen mit einem ganzen Brotkranz zurück. Ein Viertel davon schneide ich ab und nehme es mit auf meine Wandertour Richtung Westen. Zwei Möhren stecke ich auch ein, falls ich das Pferd noch einmal treffe. Heute steht es angebunden in einem Vorgarten, spitzt schon die Ohren und schnaubt, als ich näher komme. Man kennt sich ja bereits. Das Seil reicht bis zum Zaun. Die Möhre mundet. Das Schmatzen ist nicht zu überhören.


 

Ich laufe weiter die Straße entlang, linker Hand immer das Meer, erreiche das Dorf  Silveira und sehe Schilder: ZUM BERG PICO und ZU DEN LAGOAS. Eine Bergbesteigung muss heute nicht sein. Und zu den Seen werde ich es zeitlich kaum schaffen. Aber die Verbindungsstraße zur Nordküste verspricht wenig Verkehr, und ein Stück bergauf ist gut für die Kondition. Dichtes, üppiges Grün zu beiden Seiten der Straße. Manchmal schimmern Plantagen durch. Hier also bauen die Leute der Umgebung ihre Orangen, Bananen und Yamswurzeln an. Ein kleiner Trampelpfad macht mich neugierig. Er führt direkt ins Unterholz, das einem Urwald sehr nahe kommt: umgestürzte Bäume, herumliegende Äste, ziemlich schattig, nur vereinzelte Sonnenflecken von oben. In dieser angenehm kühlen Unaufgeräumtheit mache ich meine Mittagspause, folge dann einem Seitenweg und stehe plötzlich auf einer leeren Kuhweide in Hanglage. Die Fladen zeugen noch von den Benutzern, aber wie grast man als Rindvieh auf solch schrägen Wiesen? Egal.  Mir sind die Walderdbeeren am Wegrand eh lieber. – Und was ist das? Brennnesseln wohl nicht. Ich zerreibe ein Blatt. Sehr gut! Wilde Minze. Ich pflücke ein großes Bündel und binde es mit einer herum liegenden Strippe an meinen Rucksack.

Zurück auf dem Weg, zieht es mich immer höher, noch eine Kurve und noch eine. Wenigstens auf den Hügelkamm möchte ich noch. Aber da ist dieses merkwürdig schlabbernde Gefühl am linken Bein. – Oh, nein! Der vordere Riemen meiner Trekking-Sandale ist gerissen. Drei Stunden von Lajes entfernt, bedeutet das entweder barfuss weiter laufen oder ...... Am Wegrand ist schnell eine weitere Strippe gefunden, die mir die Schuhsohle wenigstens am Fuß festhält, doch gut Laufen ist damit nicht mehr.

{{g_ads}}

Ich beschließe, lieber umzukehren, obwohl meine Neugier und Wanderlust immer noch die Straße bergauf wollen. Am Ortsrand von Silveira hat inzwischen eine Oma ein Tischchen aufgestellt und bietet frisch gepresste Obstsäfte in recht großen Gläsern an. Der Entsafter steht auch auf dem Tisch und ist auf abenteuerliche Weise mit einem Verlängerungskabel verbunden, das zu ihrem Haus führt. Ich mag gar nicht hinsehen, frage, ob das nicht perigoso sei. Oma lacht und winkt ab. Das mache sie immer so. – Also probiere ich alle vier Sorten Saft, einer leckerer als der andere, trinke von jedem ein Glas, gebe der Oma einen 5-Euro-Schein (statt der verlangten 2 €), weil ihre sucos so deliciosos waren, und muss, zurück in Lajes, erst einmal aufs Klo.

In meinem Krimskrams-Beutel, der mich auf jeder Reise begleitet, finde ich ein paar Utensilien, mit denen ich die Sandale so weit reparieren kann, dass sie den Rest des Urlaubs noch durchhält und dann auf Pico bleiben darf.


 

Während ich gerade auf der Terrasse bastle, steht unten Ryan auf der Treppe und kündigt an, man treffe sich heute Abend um 19.00 Uhr bei Serge im neuen Hotel auf einen Drink. O.K., sage ich, aber vorher muss ich noch was essen gehen, sonst bin ich nach dem 1. Drink schon so betrunken wie neulich Bennos Freundin. Ryan schlägt sich die flache Hand gegen die Stirn und verzieht das Gesicht: Oh noooooo, pleeeeease! Keine Sorge! Ich komme ein bisschen später nach.

Wie sich herausstellt, sind neue Gäste angekommen, eine Clique munterer Franzosen, die sich am Montag zu uns in die Boote gesellen werden. Ich kann schon meine Erfahrungsberichte der ersten Woche zum Besten geben, was die Vorfreude bei den Anderen steigert. Serge erzählt eine Menge von seiner früheren Arbeit beim WWF, den Anfangs-schwierigkeiten hier auf der Insel, dem Argwohn, mit dem ihm die Inselbewohner zunächst begegneten, bis sie merkten, dass mit der Walbeobachtung wieder Leben ins Dorf kam. Die Wandertouristen bleiben ja meist in den Hotels von Faial hängen, geben ihr Geld dort aus.

Es wird ein lustiger Abend, für mich fast ganz ohne Alkohol. Nach dem ersten Glas vinho verde, das Serge spendiert, steige ich um auf würzigen lokalen Pfefferminztee aus losen Blättern. Ryan insistiert, der gehe auf seine Rechnung, weil ich ihm die Unterhaltung so schön simultan übersetzt habe. Ob das alles so perfect war, wage ich zu bezweifeln, habe aber jetzt eine Hochachtung vor Konferenzdolmetschern und ihrer Konzentrationsfähigkeit.

{{g_ads}}

12. 6. 05 Sonntag

Nach diesem wunderschönen Sommertag heute kein Sonntagswetter. Den ganzen Tag hängen graue Wolken tief über der Insel, als würde es jeden Moment zu regnen anfangen. Gute Gelegenheit, mal die Bibliothek der base zu inspizieren. Wie zu erwarten, reihenweise Bücher und Bildbände über Wale aus allen Regionen der Erde. Ich zeige Maria die Allgemeine Einführung über Kleinwale und den Forschungsbericht einer Canadierin über Orcas. Sie notiert beide Bücher, die ich mit aufs Zimmer nehmen darf. Im Frühstücksraum mache ich mir noch eine Tasse grünen Tee und setze mich dann mit den Büchern auf meine zum Teil überdachte Terrasse, eingehüllt in eine Decke. Die Zahl der vielen Delfinarten ist verwirrend. Ich konzentriere mich auf die, die rings um die Azoren vorkommen – einige machen hier nur Station auf ihrer Wanderschaft durch die Meere, andere sind standorttreu, Tragzeiten, Sozialverhalten, Evolution vom Landtier zum Meeressäuger, ihr Nasenloch ist auch „gewandert“ – von der Spitze des Mauls praktischerweise auf den Hinterkopf, wo auch jener „Blubber“ sitzt, der eine wichtige Rolle bei der Echolotung spielt.

Und wie schon bei meinen Urwaldreisen taucht schmerzlich die Frage auf: Warum habe ich damals nicht Biologie studiert? Hätte, wäre, könnte – diese verflixten Konjunktive.

Nach fast drei Stunden intensiver Lektüre brauche ich Bewegung. Inzwischen hat sich der Himmel zwar fürs Wasserlassen entschieden, doch ich bin gut gerüstet, nehme zusätzlich noch den Regenschirm mit und gehe kurz an der base vorbei, um zu fragen, wie es für morgen aussieht. Same procedure as last Monday.

Über den Parkplatz mache ich mich auf in Richtung Piedades, entdecke in der Hafenkneipe Benno mit Freundin. Wollten sie nicht umziehen? Jetzt bloß den Schirm etwas schräg halten und unerkannt weiter laufen. Oben an der T-förmigen Kreuzung führt ein Weg den Berg hinauf. Der Regen stoppt immer mal für 5 Minuten, dann muss ich wieder den Schirm aufspannen. Wenn der Weg sich gabelt, nehme ich mal den rechten, mal den linken Abzweig, ziellos immer der Nase nach. Und die riecht jetzt wieder deutlich Minze.


 

Da ich den Schlund davon nicht voll kriegen kann, sammle ich nochmals ein dickes Bündel und werde wieder Strippen suchen müssen, um alle Stängel im Zimmer zum Trocknen aufzuhängen.

Kurz vor der Bergkuppe versperrt mir eine leere Koppel den Weg. Jetzt riecht es unverwechselbar nach Pferdemist. Aber ich habe hier noch niemanden reiten sehen. Dienen sie nur als Lasttiere? – Keiner da, den ich fragen könnte, aber das ist ja gerade das Reizvolle bei solchen Spaziergängen im Regen. Diese Ruhe, diese Abgeschieden-heit so weit weg von allem – das tut soooo gut.

Auf dem Rückweg mache ich noch mal halt auf dem Mäuerchen oben an der Straße, will eigentlich noch gar nicht zurück ins Dorf. Andererseits knurrt mein Magen. Ein Fisch muss her, mit Knoblauch und Salat und vielleicht gebackener Yamswurzel. In der Hafenkneipe finde ich alles – bis auf Yams. Warum versteckt man diese leckere Knolle vor den Touristen? frage ich den Kellner, gestern habe ich oben bei Silveira doch welche gesehen. Er lacht. Gemüse, das sie nicht kennen, mögen sie nicht. Das habe ich irgendwie schon mal gehört.

An der Tür zur base ist ein Zettel angepinnt mit dem Wetterbericht: Morgen eine geringe Chance für eine Ausfahrt. Danach Sturm und Regen bis Freitag.

13. 6. 05 Montag

Es ist heute voll im Frühstücksraum. Die neuen Gäste plus eine französische Großfamilie mit 9 Kindern, deren fettestes Mitglied gestern mit einem Gameboy auf der Treppe saß und mit seinem gigantischen Gesäß den Durchgang versperrte. Auf die Idee, mal beiseite zu rücken, kam der Junge offenbar nicht. Später erfahre ich, dass es sich um einen Sportlehrer samt Kollegin mit schwer erziehbaren Kindern aus Problemfamilien handelt. Sie machen eine „pädagogische Reise“. Es fällt mir schwer, dieser lärmenden Horde das Verständnis entgegenzubringen, das sie eigentlich brauchen. Ich kann nur versuchen, sie auf neutrale Weise zu ignorieren.

{{g_ads}}

Die Wolken hängen wieder sehr tief heute. Der Berg Pico versteckt sich wie eine Jungfrau hinter einem Duschvorhang. Ich gehe zur Post, um endlich meine Karten abzuschicken – mit correio azul. Macht stolze 1,75 € pro Karte. Anstelle von Briefmarken gibt es Aufkleber aus dem Frankierautomaten, die kaum Platz auf den Karten haben. Dazu kommt noch ein Luftpoststicker von der Größe einer Espresso-Untertasse. Den auch noch unterzubringen, gerät zu einem überlappenden Kunststück.

Als das erledigt ist, laufe ich zur Mole. Es regnet bereits. Am Strand keine Menschenseele. Hier im flachen Wasser kann ich die 2. Hälfte meiner Gummi-schrippe vom Frühstück an die Fische loswerden – aus der Hand…..

Die Mädchen brauchen bestimmt noch etwas Zeit, um die Zimmer zu reinigen; da will ich nicht stören und gehe weiter zum Museum, das laut Aushang geöffnet sein müsste, aber verschlossen ist. Der „Artisanão-Laden“ gleich nebenan hat außer T-Shirts und Walkitsch nur Schnitzereien aus Walzähnen zu bieten, was m.E. verboten gehört. Ein Einrichtungsgeschäft gibt es auch mit Deko-Artikeln, Gräsern, Farnen und anderen getrockneten Pflanzenteilen – ökologisch zwar korrekt, doch nicht transportabel, weil zu zerbrechlich.


 

Dem Regen zum Trotz laufe ich runter ans Meer, ziehe meine Schuhe aus, streife die Kapuze vom Kopf und schlurfe durch das seichte Wasser. Nasser geht’s eh nimmer. Gesalzene Füße, weich gespültes Haar. Die Zeit bis zum briefing für die neuen Gäste verbringe ich mit Lesen. Das Meer sieht nicht so aus, als könnten wir heute rausfahren oder gar schwimmen. Als ich zur base komme, stehen dort schon André und Herman und bestätigen meine Ahnung. Noch schlimmer: Das Tiefdruckgebiet, das im Anmarsch ist, soll genau über den Azoren hängen bleiben mit Regen und Sturmböen bis zu 60 km/h. Ausgerechnet jetzt ein Tiefdruckgebiet, wo die Meteorologen doch immer von diesem Azoren-Hoch erzählen, das schönes Wetter bringt.

Aber das ist ja auch geflunkert. Tatsächlich bildet sich jenes Hochdruckgebiet stets etwa 1.500 km weiter westlich von den Azoren über dem offenen Meer, wo keine Landmarkierung existiert, um diesem Wetter-Phänomen einen Namen zu geben. Also mussten die nächst gelegenen Inseln dafür herhalten.

Ich wünsche den beiden Männern noch einen schönen Tag und marschiere ostwärts, um meinen Spaziergang von gestern fortzusetzen, auf einem anderen Abzweig diesmal. Der Regen hat aufgehört, die Sonne scheint sogar ein bisschen, und der Pico hat seinen Duschvorhang klammheimlich beiseite geschoben. Hätte ich bloß meine festen Wanderschuhe mitgenommen!  Die grünen Hügel sind hier terrassiert, waren früher vermutlich Getreide- oder Gemüsefelder, mühsam vom Lavagestein befreit, das an den Rändern zu niedrigen Mauern aufgeschichtet wurde. Verstreut in der Landschaft verfallene Hütten, die ich anfangs für Ställe halte.

{{g_ads}}

Beim Näherkommen aber sehe ich an den Grundrissen der Raumaufteilung, dass hier wohl Menschen gelebt haben, vielleicht ausgewandert sind nach Brasilien oder aufs Festland. Der Feldweg mit den frischen Spurrillen verrät aber, dass hier immer noch Autos entlangfahren. Alles ist jetzt ziemlich matschig. Hier auszurutschen wäre bestimmt lustig. Ich schaue auf die Uhr – 17.30 ….. in der bald einbrechenden Dunkelheit vielleicht doch nicht so lustig. Und mit diesen vom Schlamm verkrusteten Sandalen ins Hotel? Das kann ich Hermínia und Carmen unmöglich antun, muss auf dem Rückweg noch mal am Meer vorbei. Irrtum. Kurz vor der Hochstraße komme ich an einer wilden Müllkippe vorbei – entsorgte Kühltruhen und Fässer. Eklig zwar, doch da hat sich Regenwasser gesammelt, mit dem ich die Drecksarbeit schon hier erledigen kann. Wieder halbwegs sauberen Fußes entscheide ich mich an der Kreuzung dann doch noch für einen Umweg über die Hochstraße. Auch dort schmeißen die Leute alles an den Straßenrand – Bierpullen, Plastikflaschen, Zigarettenschachteln, leere Zementsäcke, Verpackungen. Solche Ferkel gibt es halt überall. Immer eine Plastiktüte im Gepäck, fange ich an, die größten Teile einzusammeln und entsorge sie unten am Parkplatz in den großen Container eines Lokals.

Nach diesem guten Werk könnte morgen nun wirklich besseres Wetter werden.


 

14. 6. 05 Dienstag

Von der Terrasse aus wirkt das Meer heute Morgen zwar immer noch sehr „berauschend“, doch als ich nach dem Frühstück mal eben runter gehe zur base und Serge frage, ob wir heute rausfahren, sagt er: Oui, oui – maintenant! Für Mittag seien schon wieder Nebel und Regen angesagt, also müssen wir das kleine Wetterfenster ausnutzen. Gut dass ich meine KoPi vorsorglich gleich mitgebracht habe. Ich schlucke sie schnell mit etwas Wasser auf dem Klo der base und renne hoch, meine Sachen holen.

Unsere Biologin ist heute Marie, die ihrer Kollegin Maria auch noch zum Verwechseln ähnlich sieht. Unverwechselbar dagegen ist Hélène aus der neuen Franzosengruppe. Ihr barocker Körper steckt in einem Neoprenanzug, bei dem es sich nur um eine Maßanfertigung handeln kann. Diese Größe gibt es nicht mehr von der Stange. Ob Hélène das wohl hinbekommt mit dem slowly, don’t splash ? Auf jeden Fall muss sie hinten im Zodiac sitzen – wegen der Gewichtsverteilung. Hoffentlich hat sie die bösartige Postkarte noch nicht gesehen, die in der base an einer Pinnwand hängt – geschrieben von ehemaligen Gästen aus den USA. Rückenansicht einer fetten Frau mit vielen Speckrollen und dem Gruß darunter: Whalewatching in Florida

Wir müssen ziemlich weit rausfahren, um auf die 3 Pottwale zu treffen, die uns der Turm gemeldet hat. Wir folgen ihnen in gebührendem Abstand. Nach 10 Minuten müsste es langsam Zeit sein zum Abtauchen. Und richtig. Erst die krummen Buckel, dann die Fluken in der Luft. - Ooooch, die sind aber noch klein!

{{g_ads}}

Marie greift zum Sprechfunkgerät, fragt, ob es sonst noch etwas gibt. Da und dort seien heute Morgen Delfingruppen gesichtet worden, hören wir, fahren hin und suchen – mit Erfolg, und was für welchem! Zwei ganze Schulen von Gewöhnlichen- und Fleckendelfinen. 30 Tiere? Oder 50? Alle wuseln seitlich und vorn am Boot vorbei, drunter durch, schwimmen auf uns zu und drehen wieder ab. Sie spielen mit uns! sagt Marie begeistert. Am lustigsten sind die Babys, nur einen halben Meter lang. Sie schwimmen ganz dicht neben ihren Müttern, lassen sich von ihrem Sog mitziehen – das hilft Kraft sparen. Parallel zu den großen Rücken mit großer Finne jeweils ein kleiner Buckel mit Mini-Finne. Springt die Mama, gibt es synchron an ihrer Seite einen moderaten Hopser. Fast glaubt man zu spüren, mit welchem Vergnügen sich auch schon die Minis zurück aufs Wasser plumpsen lassen. Wahrscheinlich aber sind das eher noch recht hektische Atemzüge.

Uns ist klar, dass wir nicht mit ihnen schwimmen dürfen. Es würde die Kleinen irritieren. Doch es macht einen Riesenspaß, ihnen zuzuschauen. Nach einer Viertelstunde ziehen sie weiter. – Viel Glück! Gegen 13.00 Uhr sind wir zurück.

Wind und Regen der vergangenen Tage haben viel Sand und Pflanzenteile auf meine Terrasse geweht und das Abflussloch verstopft. Als ich jetzt ins Haus komme, steht dort einsam und verlassen ein Besen – die Chance, mal zu fegen, wofür die Mädchen keine Zeit haben.  Ich hatte schon befürchtet, dass beim nächsten Regen das Wasser ins Zimmer schwappt, stochere den Abfluss wieder frei, so dass das Wasser eine Etage tiefer im Innenhof landet. Wo es dort hinfließt, möchte ich gar nicht so genau wissen….


 

Nur noch 1 Orange? – Ich muss noch zu José Luís! Enttäuscht stehe ich vor seiner Bar, starre in eine fast leere Kiste. Nur noch ein paar Bananen. Na, wenigstens etwas. Als ich reingehe, um zu bezahlen, grient er, greift unter die Theke und holt eine Papiertüte hervor: Hab’ mir schon gedacht, dass Sie heute noch kommen und Ihnen ein paar aufgehoben. Ach, José – Sie sind ein Engel! Sagen Sie das mal meiner Frau!

Ich bedanke mich und laufe gleich weiter zur Kirche. Reis mit Meeresfrüchten in der Pizzeria und einen großen Espresso. Nach dem Bezahlen stecke ich die ohnehin etwas bekleckerte Tischdecke aus Papier ein, um darin später meine Minze reisefertig zu verpacken.

Meine Wanderhose starrt vor Dreck. Ganz Schlammklumpen bröckeln heraus. Da ich ohnehin noch einen Abendspaziergang machen will, nehme ich sie mit, weiche sie an der Mole im Meer ein und spüle sie gründlich aus. Handwäsche folgt später, nehme ich mir vor - und im Zimmer „mal eben“ das Buch über die Orcas zur Hand. Der Bericht ist so spannend, dass mir die Hose erst wieder einfällt, als es fast Mitternacht ist. Jetzt noch die Nachbarn mit Wasserrauschen belästigen? – Lieber nicht.

15. 6. 05 Mittwoch

Ein Blick heute Morgen um 7.30 Uhr aufs Meer genügt, um zu wissen, dass ich noch ein bisschen weiterschlafen kann. Eigentlich hätte schon ein offenes Ohr gereicht, denn selbst bei geschlossener Terrassentür hört man das Meer besonders stark rauschen. – Keine Chance also für eine Ausfahrt.

Die anderen Gäste scheinen zu derselben Erkenntnis gekommen zu sein, versammeln sich alle erst nach 9.00 Uhr beim Frühstück. Die verhaltensgestörten Kinder der Herrn Lehrer sind auch durch ein wiederholtes „Tschschscht!“ nicht auf Zimmerlautstärke runterzupegeln. Am liebsten würde ich meinen Teller nehmen und demonstrativ den Raum verlassen.

{{g_ads}}

Aber in dem Moment kommt gerade Hermínia und stellt mir ihre 10-jährige Tochter Jessica vor, die heute erst um 10.00 zur Schule muss. Bis dahin hilft sie der Mama beim Abräumen und Abwaschen des Geschirrs, erzählt das Mädchen in vorzüglichem Englisch. Mutter Hermínia nickt stolz und ergänzt: Nächstes Jahr geht Jessica nach Porto aufs Gymnasium! Ich bin richtig erleichtert, dass die nächste Generation doch noch Aufstiegschancen hat.

Was tun bei dem Wetter heute? Auf der Suche nach Nachschub für meinen Grünen Tee sehe ich, wie die Brandung gegen die Kaimauer und Felsen donnert, jedes Mal neue, vergängliche Wasserbilder in die Luft malt. Das ist doch kein schlechtes Wetter!

Auf dem Rückweg komme ich am Wal-Museum vorbei. Die Tür steht offen. 1,25 € Eintritt ist nicht zu viel verlangt für diese umfangreiche Sammlung. Nicht nur angenehme Bilder und Exponate erwarten mich dort: Harpunen, Lanzen, Fotos von toten Pottwalen, alle mit geöffnetem Maul, als schnappten sie verzweifelt nach Luft. In einen der aufgeklappten Rachen hat sich ein Fischer postiert. – Siegerpose. Wie feige! ist mein erster Gedanke. So haben sich auch die englischen Tiger-Jäger in Indien ablichten lassen – ein Bein stolz auf dem erlegten Opfer abgestellt. Doch in Indien wurden die Tiger aus purer Mordlust zum Zeitvertreib abgeschlachtet, während es für die Fischer hier ein lebensgefährlicher Job war, um Geld zu verdienen. Der Film aus den 50er Jahren, der im Untergeschoss gezeigt wird, ist nicht ohne Ironie und bestätigt, was ich schon gehört hatte: João feuert die Leuchtrakete ab, die Fischer im Dorf unterbrechen ihre Arbeit – auch jener, der gleichzeitig Dorfbarbier ist und seinen Kunden mit eingeschäumtem Gesicht, halb rasiert und verdutzt guckend auf dem Stuhl zurück lässt, um in eins der Boote zu stürzen.


 

Es ist ein bestialisches, langwieriges Gemetzel. Viele Wale werden gleichzeitig abgeschlachtet, die toten mit einer Signalflagge markiert und – da sie nicht untergehen – per Seil an Land gezogen. Am Schluss des Films der Satz des Kommentators, dass „…. die Kunst des Walfangs bald ein Ende haben könnte.“ 1986 war es auf Pico dann soweit. Die Jagd war unrentabel geworden, das aus dem Walfett gewonnene Öl nicht mehr konkurrenzfähig mit den industriell hergestellten Ölen.

Unter den Exponaten sind viele Schnitzereien auf Knochen und Zähnen von Walen. Kunstvoll, aber auch traurig. Nur einer der Künstler beschäftigt sich bei seinem Motiv mit den Gefahren des Walfangs: Eine riesige Fluke neben einem gekenterten Boot – herabstürzende, durch die Luft fliegende Fischer – einer, der bereits in der stürmischen See ertrinkt, die Arme Hilfe suchend nach oben gereckt.

In einer der Vitrinen liegt etwas, das ich für ein geschrumpeltes Pottwal-Baby halte, ca. 50 cm lang. Später in der base lese ich in einem Buch, dass Pottwale bei der Geburt um die 4 m lang sind. Es muss sich bei dem Exponat also um den Embryo aus dem Leib einer getöteten Walkuh gehandelt haben.

{{g_ads}}

Nachdenklich verlasse ich das Museum und versuche mir vorzustellen, wie ich mich als Kind gefühlt hätte, wenn mein Vater immer wieder aufs Meer hinaus fährt und ich nie weiß, ob er zurückkommt. Und was geschah mit den Familien, deren Väter tatsächlich für immer verschwanden? Wie haben sich solche Erfahrungen auf die Menschen hier ausgewirkt? Hat es sie verhärtet oder haben sie es als Schicksal einfach so hingenommen?

Ich gebe die beiden ausgeliehenen Bücher in der base zurück und stöbere ich weiter. Ein großer Bildband mit viel erklärenden Texten erscheint mir genau das Richtige. „Das große Buch der Delfine“ (Dauphins en Libertée) von Gérard Soury. Das Buch ist, wie sich bald herausstellt, ein Glücksgriff. Neben ausführlichen Fakten zur Entwicklungsgeschichte und Anatomie erzählt Soury wunderschöne Geschichten über seine weltweiten Begegnungen mit Delfinen. Als Vorwort hat Soury die Rede des Häuptlings Seattle gewählt, die ebenso einfach wie aufrüttelnd ist. Sie endet mit den mahnenden Worten: Wo ist das Dickicht? Verschwunden. Wo ist der Adler? Verschwunden. Das ist das Ende des Lebens und der Beginn des Überlebens. (1854)

Als ich gegen 17.00 Uhr Appetit auf Kräcker bekomme und beide Supermärkte geschlossen finde, beantwortet sich die Frage nach dem Warum und den Halbmastflaggen vor der Polizeistation auf dem Weg vorbei an der Kirche: Eine Beerdigung. Und das ganze Dorf ist dabei.


 

16. 6 .05 Donnerstag.

Das Wetter ist, wie vorhergesagt, heute wieder zum Ausschlafen. Erst Samstag soll es besser werden. Wäre ja zum Abschied auch sehr nett vom Wetter.

Zum Frühstück gibt es jetzt auch den auf der Insel hergestellten queijo fresco, unserem Quark sehr ähnlich und ohne Zutaten ziemlich fad. Das Salz, um das ich Hermínia bitte, ist zu feucht und nicht streufähig, die Dose nicht zu öffnen. Also greife ich wieder einmal auf meine eigenen Bestände zurück – die auf vielen Flügen gesammelten Salz- und Pfeffertütchen.

Da mir die Beerdigung gestern einen Strich durch die Kräcker gemacht hat, decke ich mich heute damit ein – plus Joghurts, Weintrauben (aus Chile), heimischen Äpfeln und natürlich Orangen von José Luís. Ich könnte süchtig danach werden.

Ich packe das Vitamintabletten-Röhrchen ein, das mich auf Reisen auch stets begleitet, um Sand des Urlaubsgebiets heimzuschleppen. Da Sandstrände für Pico aber nicht gerade typisch sind – bis auf die Badestelle, wo wir gefloatet sind – sammle ich halt das nächst Typische: kleines Lavageröll zwischen den Felsen an der Mole, dekoriert mit der Muschel, die mir gestern buchstäblich zugeflogen ist.

Während ich an der Terrassentür saß und schrieb, schepperte es draußen plötzlich – und da lag diese schwarze Muschel. Über mir auf dem Balkon hörte ich Stimmen. Offenbar hatten die Gäste über mir (später sah ich, dass es die barocke Hélène und ihre Freundin sind) gerade ihre am Meer gesammelten Schätze sortiert, wobei einer über Bord ging. Ich tat, als bemerkte ich die Muschel nicht, und habe mich nicht für das Fundstück bedankt. Im Anschluss an meine eigene Sammelaktion gucke ich mir den Friedhof mal etwas genauer an, auf dem gestern jemand beerdigt worden ist. Das frische Grab ist übersät mit kleinen Kränzen und Blumensträußen in diesem hässlichen Cellophanpapier, die man bei uns als sog. Fertigsträuße zum Ramschpreisen verkauft.

{{g_ads}}

Hier aber dient die Verpackung eher der längeren Haltbarkeit der Blumen, denn der Friedhof liegt direkt an der Uferpromenade und wird vom Wind arg gebeutelt. Deswegen zieren hier die Gräber auch keine frischen Blumen, sondern welche aus Plastik. Über die Ästhetik solchen Grabschmucks lässt sich streiten, doch gepflegter als zerzauste Blüten sieht es allemal aus. Sofern Grabsteine vorhanden sind, werden sie fast immer mit einem Foto des/der Verstorbenen versehen. Der Älteste ist mit stolzen 115 Jahren verblichen (1882 – 1997). Falls man nicht gerade bei der mörderischen Arbeit umkam, muss das Inselleben sehr gesund gewesen sein. Mit der Nikonos mache ich ein paar Fotos von der Brandung und klettere für das letzte Bild sogar noch einen 45° steilen Mauersims empor, nur um anschließend auf der Kaimauer nah genug an mein Fotomotiv heran zu kommen: das Erkertürmchen an dem verfallenen Haus über spritzender Gischt. Dann fängt es zu regnen an, und ich kann mir ausrechnen, dass die Mauerschräge bei Nässe schön glitschig, vielleicht unpassierbar wird. Darum wähle ich für den Rückweg lieber gleich die Flucht nach oben den steilen Abhang hinauf zur Uferpromenade, was bei dem Geröll so einfach auch nicht ist. Oben steht eine Frau, die nur den Kopf schüttelt über diese bekloppte Touristin. Doch sie streckt mir helfend ihre Hand entgegen. Ich lehne dankend ab, will das wieder mal allein schaffen.

Im Zimmer hat Hermínia meine Geröllsammlung bereits auf einer alten Zeitung zum Trocknen ausgebreitet. Und daneben ein Geschenk: ein Foto von ihr und Carmen, gerahmt in türkisfarbenem Porzellan (???), verziert mit Delfinen und anderem Meeresgetier. Ich finde das ganz reizend, bin wirklich gerührt und laufe zu den Beiden ins Nachbarzimmer, wo sie noch bei der Arbeit sind, um mich ganz herzlich zu bedanken. Dass ich den Rahmen etwas kitschig finde, muss ich ihnen ja nicht sagen.

Nach einer ausgiebigen Dusche versuche ich so etwas wie eine ordentliche Frisur hinzubekommen. Aber bei dem Wind hier ist das fast vergeblich. Der Regen variiert sein Programm zwischen Tröpfeln, Pieseln und Sturzbächen aus Kübeln.


 

17. 6. 05 Freitag

Ich glaube es kaum! Ist das, was ich da durchs Fenster sehe, ein Stück blauer Himmel? Ein Blick von der Terrasse aufs Meer bestätigt es: alles ruhig. Wir fahren heute raus! Aber nicht vom Hafen vor unserer Haustür. Der ist infolge ungünstiger Windrichtung von zu hohen Wellen blockiert – jedenfalls für Boote mit Gästen. Skipperin Marie und ihre Crew müssen da durch, doch wir werden im Bus nach Ribeira gefahren, wo wir von der dortigen Mole ins Zodiac springen müssen. Für die dicke Hélène ein schwieriges Unterfangen, aber sie scheint es gewöhnt zu sein, dass immer jemand zur Stelle ist, der ihre Leibesfülle schon irgendwie auffängt.  Der Aussichtsturm meldet zwar etwas, doch alles, was wir sehen, ist eine einsame Delfin-Finne. Die danach gemeldeten Pottwale sind längst abgetaucht, als wir die Stelle erreichen. Marie findet mithilfe des Turms einen anderen Pottwal, der nach einigen Minuten Beobachtungszeit recht unspektakulär verschwindet. Ein Dritter ist größer und hebt wenigstens schön seine Fluke vor dem Tauchgang.

Dann dümpeln wir lange Zeit ratlos im Meer, und mir wird trotz der KoPi schlecht. Wieder hänge ich über dem Bootsrand. Verdammt müde macht sie diesmal auch. Vielleicht ist es auch nur die Langeweile, die mich überkommt, weil so rein gar nichts auf dem Wasser passiert. Und selbst wenn doch, dürften wir heute nicht schwimmen. – Zu hoher Seegang. Letztlich treffen wir dann doch noch auf eine kleine Gruppe Rissos, die – ich muss es zugeben – vom Boot aus viel hübscher anzuschauen sind.

Um die verpassten Ausfahrten der vergangenen Tage nachzuholen, kehren wir nicht nach Lajes zurück, sondern bleiben in Ribeira und essen dort in einem kleinen Restaurant zu Mittag. Leider habe ich vergessen, eine 2. KoPi mitzunehmen, ahne also, was mit dem Essen passiert, wenn ich wieder ins Boot steige.

{{g_ads}}

Francesca, eine Spanierin, hat auch keine Lust mehr. Kein Problem. Marie informiert den Turm, dass zwei Leute an Land bleiben. Der Turm wiederum gibt Serge Bescheid, dass man uns in Ribeira abholen möge. Während die Anderen losdüsen, warten Francesca und ich in der warmen Sonne auf unser Shuttle-Taxi, verabreden uns – nach einer Dusche – zu einem Spaziergang am Meer und einem schönen Kaffee irgendwo.

„Du hast in Südamerika Spanisch gelernt, stimmt’s?“ fragt Francesca. Bevor ich jetzt sage: Ja, leider (Fran spricht als Madrileña ein wunderbares Hochspanisch) zähle ich einfach die vielen Stationen auf, an denen ich diese Sprache aufgeklaubt habe, inklusive der vielen Reisen nach Mittel- und Südamerika, die mich letztlich auch mal 6 Monate auf die Osterinsel geführt haben, wo man – dessen bin ich mir bewusst – nicht gerade das eleganteste Spanisch lernt. Zum Glück ähnelt es ein wenig dem Portugiesischen, so dass ich mich hier ganz gut durchschlagen kann.

Als sie hört, dass man sich in der base Bücher ausleihen kann, will Fran gleich zurück und auch die Delfine studieren. Ich gehe mit, weil ich aus dem Bildband von Soury noch ein paar Kopien machen möchte. Im Schreibwarenladen um die Ecke steht so ein Monstrum.


 

18. 6. 05 Samstag

Die Schlechtwetterperiode scheint endgültig vorbei zu sein. Zum Frühstück erscheint die Freundin von Hélène tatsächlich im Tauchanzug (la „combi“ = combinaison). Eine gute Figur hat sie zwar, doch ein bisschen komisch sieht das am Tisch schon aus. Sie hat den Schnorchel und die Tauchermaske vergessen! flüstert Hermínia mir ins Ohr. Mir fällt beinahe der Quark wieder aus dem Gesicht, ich fange an zu husten und flüchte raus auf die kleine Terrasse des Frühstücksraums. Das Meer scheint besonders ruhig heute und der Himmel strahlend blau. A Perfect Day for Bananafish würde Salinger sagen.

Obwohl wir auf dem Wasser noch nichts gesehen haben, bedanke ich mich schon – ja, bei wem eigentlich? – für diesen schönen Abschiedstag. Die erste Delfingruppe wandert gerade und hat keine Lust, mit uns zu spielen. Aber der Turm meldet Rissos an anderer Stelle. Ich hatte Herman gesagt, dass ich, falls wir mit ihnen schwimmen können, als Letzte ins Wasser gehe, weil die Anderen seit ihrer Ankunft überhaupt noch keine Chance hatten, die Tiere im Wasser zu erleben. Er teilt mich mit dem Apnoe-Taucher David aus Lyon als 4. Paar ein. Zuerst geht ein frz. Pärchen ins Wasser, gefolgt von Hélène mit ihrer Freundin (die dann aber doch an Bord bleibt) und schließlich Francesca. Sie hat weder eine combi mit noch Schnorchel oder Maske – nur eine Schwimmbrille und ihren Badeanzug, über dem sie – aus welchem Grund auch immer – eine Schwimmweste trägt. Panik?

{{g_ads}}

Wegen des schlechten Wetters hatte Herman mit den Anderen keine vorbereitenden Übungen an der Badestelle machen können, erklärt jetzt allen auf Englisch wie man sich ins Wasser gleiten lässt. Aber das ist wohl nicht bei allen angekommen. Jedenfalls lässt sich das frz. Paar recht unsanft ins Meer platschen mit der Folge, dass der Mann Schnorchel und Mund gleich voller Wasser hat und prustend wieder am Bootsrand hängt. Seine Madame schwamm zwar auf Maries Zeichen in Richtung der Möwen, die auf der Oberfläche tanzen, sah aber nur einen Schwarm kleiner Fischchen – das Möwenfutter. Beim 2. Versuch deselben Paares krachen sie so laut mit ihren Flossen aufs Wasser, dass die Delfine wohl Reißaus genommen haben. Marie und Herman rufen ihnen noch hinterher don’t splash!!! , aber vergeblich. Danach fror Madame jämmerlich, und auch ihr Gatte hatte die Nase voll.

Dass Hélène eher wie eine Tonne ins Wasser fällt, war mir klar. Trotzdem habe sie  drei Rissos gesehen, erzählt sie. Hélène dann aber über eine kleine Leiter am Heck wieder ins Boot zu hieven, war ein fast absurdes Schauspiel.

Nun David und ich. Erst nach einigen fragenden Blicken zu Marie (wo sind sie denn, die Rissos?) sehe ich sie plötzlich, etwa 10m vor meiner Nase! Die Nikonos hängt schussbereit um meinen Hals. Ich hatte bereits an Bord Blende, Verschlusszeit und Entfernung auf Verdacht eingestellt, denn mein kleiner Unter-Wasser-Panzer ist noch ein altmodisches, aber sehr robustes Teil ohne jede Automatik. Jetzt halte ich einfach drauf zu und drücke ab.

Ein einzelner Risso schiebt sich zwischen die Gruppe, die ich gerade fotografiere, und mich, verharrt im Wasser und schaut mich an. – Ich drücke wieder auf den Auslöser. Und gleich noch mal. Aber was will er? Ich lasse die Nikonos los und beobachte ihn. Ganz langsam umkreist er mich, lässt mich nicht aus den Augen. Ich drehe mich um die eigene Achse. Es kribbelt so unter meiner Tauchjacke, als hätten sich Käfer darunter verfangen. Nicht auf dem Rücken, sondern vorn. Ich greife nach dem Reißverschluss, versuche zu kratzen. Der Risso und ich schwimmen immer noch umeinander herum. Und es kribbelt weiter. Dann plötzlich zischt er mit einem kräftigen Flukenschlag in 2m Abstand an mir vorbei und reiht sich in die Gruppe ein. Die Käfer sind weg. Wo ist David? Er dümpelt hinter mir, macht das o.k.-Zeichen, hat sie also auch gesehen. Ein Pfiff von außerhalb des Wassers und Gebrüll: Stop! Artig kehren wir sofort um und gehen wieder an Bord. Aber was war los? Haben wir etwas falsch gemacht?

Wir waren beide so auf die Delfine konzentriert, dass wir – die Köpfe natürlich im Wasser – gar nicht merkten, wie wir geradewegs auf einen Schwarm dieser gefährlichen Medusen zusteuerten, deren Fäden höchst unangenehme Verletzungen verursachen können.

{{g_ads}}

Ich erzähle von den Käfern in meiner Tauchjacke, die so gekribbelt haben. Marie lacht. Der Risso hat Dich per Echolot abgesondet, wollte wissen, wer Du bist und ist dann zu seinen Freunden zurück geschwommen und hat ihnen von Dir erzählt. Ich bin sprachlos. – Wirklich? Ja. Wenn sie das aus geringer Entfernung machen, spürt man es auf der Haut. Es war wie Kitzeln, nicht? Herman ruft: So! – Wer will noch mal – wer hat noch nicht?

David und ich wollen nicht unverschämt sein, lassen die Hände unten. I want to go! I want to go! sagt Marie und hüpft ganz aufgeregt, aber sie muss ja am Ruder bleiben. Da sich niemand meldet, darf ich mit David noch zweimal ins Wasser, denn die Rissos haben offenbar noch nicht genug von uns, schwimmen weiter um das Boot. Sie geben uns eine wunderschöne Abschiedsvorstellung, die mit 2 Klicks meiner Nikonos endet. Natürlich hätte ich gern mal einen Delfin berührt oder, noch besser, mich von einem anrempeln lassen. So bleibt es eine Faszination aus respektvoller Distanz, und die kribbelt in der Erinnerung weiter.