Wir reisen für unser Leben gerne, die Neugier auf fremde Länder und deren Bewohner hat schon immer unser Leben bestimmt. Im Laufe der Jahre bereisten wir so viele Länder und konnten die unterschiedlichsten Bräuche und Sitten kennenlernen.
Vor einigen Jahren sind wir auf einer USA Rundreise durch Ohio gekommen, und sahen vom Highway dass auf der Landstraße neben uns eine Kutsche fuhr. Man konnte deutlich erkennen dass der Mann auf dem Kutschbock einen Hut trug und einen vollen Rauschebart, schon sehr eigenartig. Dann fiel uns ein dass hier in der Gegend Amish wohnen sollen, wahrscheinlich gehört der Mann und die Kutsche dazu, faszinierend.
{{g_ads}}
Leider gab es damals für uns keine Möglichkeit von dem Highway runter zu kommen, die nächste Abfahrt war zu weit weg von dem Gebiet. Da wir öfters mal in den USA unterwegs sind, nahmen wir uns vor beim nächsten Mal die Karte vorher genau zu studieren um dann einen kleinen Abstecher nach Amish County zu unternehmen.
In 2009 war es nun soweit, unsere Arbeit führte uns wieder in die USA auf eine Rundreise. Da wir den Mann und seine Kutsche nicht vergessen hatten, planten wir nun einen Stopp in einer der Amish Dörfer.
Es ist schon ein sehr interessantes Völkchen, diese Amish. Sie gehören ursprünglich zu den Mennonitengemeinden in der Schweiz, trennten sich aber im späten 17. Jahrhundert von ihnen ab. Der Gemeindeleiter dieser Gruppe, Jacob Amman, war sehr konservativ und verursacht durch die strenge Interpretation der Regeln seiner Gemeinde Unruhe bei den Schweizer und nahen elsässischen Gemeinden. Es ging dabei um die Frage ob auch Nichtmennoniten, die zwar die Lehren der Gemeinde gut fanden aber nicht danach leben wollten, in die Gemeinschaft aufgenommen werden sollten. Da zu dieser Zeit viele Mennoniten verfolgt wurden, gab es Leute, man nannte sie die „ Treuherzigen „ , die zwar nicht zu der Gemeinde zählten, aber trotzdem den Mennoniten halfen. Ammann verlangte nun von diesen „ Treuherzigen „ sich komplett zu ihrem Glauben zu bekennen, mit allen Konsequenzen. Es ging auch darum dass nur wahre Gläubige in den Himmel kommen könnten und nicht diese „ Weicheier „ die nicht so strenggläubig waren wie er und seine Gemeinde. Die Leute die zu seiner Gemeinde zählten waren nun die Amish. Im 18. Jahrhundert wanderte ein Großteil der Amish nach Pennsylvania in Nordamerika aus, da sie dort nicht verfolgt wurden. Die Amischen leben nicht in geschlossenen Siedlungen bzw. Dörfern. Zwar gibt es Gebiete, wo sie dominieren, aber oft leben sie neben „englischen“ Nachbarn.
{{g_ads}}
Und genau so ein Gebiet wollten wir nun besuchen, in Ohio. Hier soll es eine Stadt mit dem Namen „ Berlin „ geben, genauso wie die Stadt aus der wir beide kommen. Es führen zum Glück keine großen Highways in diese Region, daher nimmt man kleine Landstraßen um die Dörfer zu sehen. Die Fahrt nach Berlin entpuppt sich als ein Glücksfall, es ist Sommer und alles grünt und blüht. Je weiter wir uns von den großen Straßen entfernen, umso mehr kann man sich auf die Natur konzentrieren. Wir kommen vorbei an riesigen Maisfeldern, Menschen scheint es hier gar nicht zu geben. Wir sind total neugierig was uns wohl erwarten wird, leben die Amish wirklich noch wie vor 200 Jahren, ohne jegliche Veränderung oder Anpassung an die Zivilisation? Einige von uns wünschen sich vielleicht einmal Abstand zu bekommen von den Zwängen der Zivilisation, der Schnelligkeit des Fortschritts, aber können wir wirklich alles hinter uns lassen was uns lieb und teuer geworden ist? Mal schnell am Morgen zum Bäcker gehen und die Tageszeitung zum Briefkasten bringen lassen, mit dem Handy telefonieren oder einfach den Wasserhahn öffnen und jederzeit warmes Wasser haben? Schwierige Frage, oder nicht?
Sobald wir die Maisfelder hinter uns gelassen haben, entdecken wir in der Ferne einige Häuser. Da es hier keine Stromleitungen mehr gibt, muss hier Amish Land anfangen. Und tatsächlich, die ersten Kutschen kommen uns entgegen, alles in Schwarz gehalten. Ganz aufgeregt fummle ich den Fotoapparat heraus, aber schon sind sie weg. Es wird gesagt dass in vielen Amish Gemeinden es nicht erlaubt ist sie Mitglieder zu fotografieren, daher sollte man aufpassen und nicht zu offensichtlich die Leute anvisieren. Vor einigen Häusern sehen wir kleine Kinder die irgendwas an selbstgebastelten Ständen verkaufen, manche Äpfel oder Kürbisse, je nachdem was bei ihnen zu Hause angebaut wird. Die Buben tragen alle einen Hut mit Hemd und langer Hose, die Mädel lange Kleider mit einer Art Haube, die sehen echt süß aus. Die Straßen sind hier auch geteert, man sieht aber deutlich die tiefen Rillen die die Kutschenräder im Teer hinterlassen haben. Vor den Kutschen ist immer nur ein Pferd eingespannt, manche Wagen haben Blinker und sogar Rücklichter. Wir sehen aber auch ganz normale Wagen mit Amish hinterm Steuer, soll der Fortschritt sie nun doch eingeholt haben? Dann endlich sehen wir das Eingangsschild von Berlin, es ist kunterbunt und nicht zu übersehen. Schnell sehen wir dass dies hier eher der touristische Bereich ist, die Stadt ist voll mit Amis, sind ja auch Schulferien. Da nun auch noch Wochenende ist, machen wir uns erst einmal auf die Suche nach einer Bleibe, nach Wochen Reisen auf dem Highway wissen wir wie wichtig es ist frühzeitig ein Zimmer zu finden.
{{g_ads}}
Mit Hilfe unseres genialen Navi finden wir auch eins, ist aber ganz und gar nicht so wie wir es gedacht hatten, von wegen zurück zu der Einfachheit. Dieses Hotel ist das Beste was wir auf der ganzen Fahrt hatten, die Zimmer super eingerichtet und im Bad finden wir sogar einen Whirlpool vor, unglaublich. Ein bisschen schuldig fühlen wir uns ja schon, wollten wir doch eigentlich das Leben der Amish besser kennenlernen. Wenigstens die Eigentümer der Anlage sind Amish, viele der Angestellten auch. Nach dem einchecken ziehen wir aber erst einmal los, nun wollen wir aber richtige Amish sehen. Obwohl der Ansturm der Turis etwas nervt, entdecken wir doch viele interessante Sachen, wie zum Beispiel eine Reparaturbude für die Kutschen, oder vor einem Supermarkt gibt es extra Parkplätze für die Kutschen und Stellen für die Pferde.
Auf einer Karte sehen wir das nicht weit von hier ein schöner Markt sein soll, also nix wie hin. Auf dem Markt verkaufen die Amish alles was sie so auf ihren Höfen anbauen oder selber herstellen. Besonders beliebt bei den Kindern ist der Teil des Marktes auf dem Tiere gezeigt werden. Hier sehe ich das größte Pferd was mir bisher begegnet ist, unglaublich. Diese Art von Pferden wird hauptsächlich bei der Bestellung der Felder eingesetzt, sie sehen wunderschön aus, haben aber nur einen ganz kleinen Stummelschwanz. Neben Obst und Gemüse aus der Region verkaufen hier die Amish Frauen auch Selbstgebackenes und Eingelegtes aller Art, alles sieht super lecker aus. Da wir aber noch für mehrere Wochen unterwegs sein werden, nehmen wir nicht viel mit. Auf der anderen Straßenseite bemerken wir einen alten Mann, auch Amish. Er hat dort einen kleinen Tisch aufgebaut und bietet auch einige Sachen zum Verkauf an. Wir schauen uns auch seinen Stand an, von den meisten Touristen wird er allerdings übersehen.
{{g_ads}}
Da wir gehört haben dass die Bevölkerung teilweise noch Deutsch versteht, versucht Torsten ihn auf Deutsch anzusprechen. So richtig klappt das nicht, der alte Mann schwenkt dann recht schnell auf Englisch um. Später erfahren wir das nur noch die Bibel in Deutsch ist, ansonsten sprechen die Amish einen eigenen Mix , das sogenannte Pennsylvania Deutsch. Weiter geht die Fahrt durch wunderschöne Landschaften, wir verlassen die großen Straßen und suchen uns immer neue Wege, wir lassen uns immer weiter treiben. Die Landschaft ist wunderschön, es fühlt sich wirklich ein bisschen wie Europa, die Schweiz an, nur ohne die Berge. Hier und da sehen wir kleine Höfe, viele sind sehr abgeschieden, aber alle sehen tadellos gepflegt aus.
Die Felder stehen in voller Blüte. Die Amish haben auch eine ganz eigene Art das Heu aufzustocken, wie kleine Pyramiden sehen diese Hügel aus. Heute scheint auch überall Waschtag zu sein, viele Häuser haben zwischen Haus und Scheune lange Leinen gespannt, auf denen nun die Wäsche trocknet. So langsam bekommen wir nun Hunger, das Frühstück heute Morgen ist schon lange her. Obwohl wir nach Restaurants Ausschau halten, hier draußen scheint es keine zu geben. Also fahren wir zurück in Richtung unseres Hotels, dort finden wir ein lokales Diner, es rühmt sich das beste Essen im Ort zu haben, na dann nix wie rein. Das Essen wird rasch serviert, und wir staunen nicht schlecht, die ganze Belegschaft des Restaurants scheint aus Amish Mädchen zu bestehen, jedenfalls tragen alle die typischen langen Kleider mit den Hauben. Also scheinen doch die Amish außerhalb ihrer Gemeinde arbeiten zu können. Früher wohnten und arbeiteten die jungen Leute auf der Farm ihrer Eltern, dann übernahmen sie die Wirtschaft oder wenn sie heirateten zogen die jungen Mädchen zu der Familie des Mannes. Gab es im Haushalt einer Familie mehr Kinder als Platz war, wurde mehr Land gekauft so dass auch diese Kinder ihre eigene Farm bekamen und genug Land besaßen um sich und die Ihrigen zu ernähren. In den letzten Jahren soll aber das Land sehr teuer geworden sein, so dass viele Familien nichts mehr dazu kaufen konnten und sich nun gezwungen sahen ihren Kindern neue Möglichkeiten zu geben um ein Auskommen zu haben. Die Amish Leute waren schon immer sehr geschickt gewesen und haben in der Vergangenheit viel im Haus selbst gemacht, daher arbeiten heute viele Amish als Tischler, stellen wunderschöne Möbel und andere Gebrauchsgegenstände her. Die Handwerkswaren der Frauen, ob es sich nun um Selbstgebackenes oder Wollartikel handelt, werden gerne von Touristen gekauft. Was aber unsere Aufmerksamkeit fesselte waren 3 junge Mädchen am Tresen. Laut tuschelnd und lachend tippten sie fleißig SMS in ihre Handys, jetzt waren wir doch baff vor Überraschung.
{{g_ads}}
Fast ein wenig traurig verabschieden wir uns vom Gedanken dass hier die Welt des Fortschritts doch noch keinen Einzug gehalten hat, aber wahrscheinlich müssen die Amish einige ihrer Regeln lockern um nicht unterzugehen. Später im hoteleigenen Kino zeigen sie uns einen kurzen aber sehr aufschlussreichen Film über das Leben der Amish. Wir erfahren dass es auch innerhalb der Amish Gemeinden unterschiedliche Ansichten über das Leben und den Fortschritt gibt. So erlauben einige liberalere Gemeinden ihren Mitgliedern das Benutzen von Traktoren und Autos, andere Gemeinen erlauben zwar den Besitz von Autos aber verlangen dass alles in Schwarz zu streichen ist, auch die Stoßstangen.
Auch interessant zu erfahren war auch dass die meisten Amish immer noch ihre Kleidung selber herstellen und dass an keinem Kleidungsstück Knöpfe sein dürfen, sie benutzen stattdessen Kleidernadeln oder haken mit Ösen. Auf unsere Fahrt hatten wir zwar auch aus der Ferne einige Amish beobachtet, aber da wir nicht wie die übrigen Touristen sie angaffen wollten, waren wir sehr dankbar über diesen kleinen Film, der doch so viel interessantes über die Kultur und das tägliche Leben der Amish erklärte. Auch wurde uns erklärt dass Kinder zwar in der Gemeinde aufwachsen, aber sobald sie Jugendliche sind, entscheiden sie selbst ob sie der Gemeinschaft beitreten wollen oder nicht. Entscheidet sich ein Jugendlicher in die Gemeinschaft einzutreten, muss er alle Gebote befolge, ansonsten wird es also Vergehen geahndet und derjenige kann aus der Gemeinschaft ausgeschlossen werden.
{{g_ads}}
Bei unsere Fahrt durch das Amish Land hatten wir vergebens nach einer Kirche Ausschau gehalten, obwohl doch die Amish sehr religiös sein sollen. Nun erfuhren wir dass es in ihrer Religion keine richtigen Kirchen gibt, stattdessen treffen sich die Mitglieder einer Gemeinschaft alle 2 Wochen an einem Sonntagmorgen im Privathaus eines Mitglieds, jedes Mal bei einem anderen. Dann räumt man das Wohnzimmer frei und macht Platz für alle. Die Bibel kommen in einem speziell ausgebauten Wagen, dem Bibel Wagen.
Alles im allem war der kurze Einblick in das Leben der Amish faszinierend, sie können mit Recht stolz sein was sie alles geschaffen haben. Die Gemeinschaft ist unheimlich wichtig, der Zusammenhalt und selbst die teilweise harten Regeln haben ihnen das Überleben in dieser so schnelllebigen Welt ermöglicht.
{{g_ads}}
Wir beide hoffen dass sie sich auch in Zukunft ihre Einzigartigkeit bewahren, so dass auch noch kommende Generationen von ihrem Wissen profitieren können. Im Gegensatz zu anderen Minderheiten die wir im Laufe unserer Reise besuchen durften, leben die Amish nicht nur das ursprüngliche Leben wenn Kameras in der Nähe sind, sie versuchen den Spagat in beiden Welten zu Hause zu sein.