6.500 km durch den Südwesten der USA vom 4. bis 25. April 1987 * Das Schreiben dieses Reiseberichtes ist nicht ganz einfach, denn wie soll ich die tausend und abertausende Steine, Felsen, Berge und Schluchten beschreiben, die mir auf dieser Reise begegneten? Es scheint mir fast unmöglich, die ungeheure Vielfalt der Naturschönheiten auf dem Papier zu vermitteln. Dies war wirklich eine Reise, die man selbst erleben muß, weil man sie kaum beschreiben kann. Ich versuche es dennoch. Die Reiseroute im Telegrammstil war wie folgt: Start von Frankfurt nach Los Angeles, dann Fahrt entlang der Pazifik-Küste auf dem legendären Highway No. 1 bis nach San Francisco, dann durch das Tal des Todes nach Las Vegas, weiter in den Zion-Nationalpark, zum Bryce-Canyon-Nationalpark, Capitol-Reef-Nationalpark, Arches-Nationalpark, Mesa Verde-Nationalpark, Monument-Valley-National-Monument, Canyon de Chelly-Nationalpark, Grand-Canyon-Nationalpark, durch Flagstaff, Sedona, Prescott, Palm Springs, Joshua Trees-National-Monument und wieder nach Los Angeles. Eine absolute Traumreise, und die bis dahin mit Abstand schönste Reise.
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Am 4. April stand ich reisefiebrig auf dem Frankfurter Flughafen und hielt Ausschau nach Leuten mit orangeroten, runden Aufklebern auf ihrem Gepäck und entdeckte bald auch eine ganze Anzahl davon am vereinbarten Treffpunkt. Auf Anhieb sympathische Leute sah ich leider keine, aber da es nicht meine erste Rotel-Reise war, verdroß mich diese Aussicht nicht sonderlich, denn in der Richtung hatte ich schon anderes erlebt, und manchmal entpuppten sich anfangs unsympathische Leute als Wundertüte. Unser Jumbo startete um 11.00 Uhr und hatte einige Turbulenzen zu bewältigen, bis wir nach elf langen Stunden ebenfalls zur Mittagszeit - Ortszeit - endlich in Los Angeles landeten, das uns mit Frühlingswärme und Blüten empfing. Ein Charterbus holte uns ab und brachte uns zu einem großen Campingplatz gleich gegenüber dem berühmten Disneyland in Anaheim, einem Stadtteil von Los Angeles. Dort standen unsere Rotelbusse. Es waren wegen der vielen Buchungen gleich zwei, und wir lernten unsere Crew kennen. Der Reiseleiter hieß Karl, war von Beruf Journalist aus Deutschland, hatte aber viele Jahre in den USA gelebt und studiert und war von dem Land total begeistert. Er hatte diese Reise für Rotel-Tours ausgearbeitet, und da es eine Pionierreise war, begleitete er uns höchstpersönlich. Unser Fahrer hieß Reinhard und sah aus wie ein Südamerikaner. Die beiden waren ebenso wie Conny und Albert vom zweiten Bus waschechte Bayern, und wir hatten in den folgenden Tagen mit der bayerischen Sprache ähnliche Probleme wie mit dem amerikanischen Englisch der Amis.
Wir starteten gleich zur ersten Stadtrundfahrt ins Zentrum von LA, das ich mir wesentlich unschöner vorgestellt hatte als es dann wirklich war. Vor allem überraschte mich die unerwartete Sauberkeit der Stadt - wie übrigens überall während dieser Reise, denn in anderen Teilen der USA, besonders im Osten, soll es in dieser Beziehung auch so aussehen, wie wir das aus Filmen und Berichten kennen. Wir besuchten den Mexican Market, wo die vielen Mexikaner von Los Angeles ihre Stände aufgebaut hatten. Hier gab es massenhaft Souvenirs, und ich erstand das erste Pferdchen für meine Sammlung.
Auf der Rückfahrt zum Campingplatz nahm ich die Reisegruppe etwas näher in Augenschein und zählte 12 Männer und 11 Frauen. Dabei waren 5 Ehepaare, der Rest war solo. Die Hälfte der Gruppe war zwischen 25 und 45 Jahre alt, die andere Hälfte war im Rentenalter, und ich fand diese Mischung ganz gut. Innerhalb kurzer Zeit hatte ich den einzelnen Leuten Spitznamen verpaßt wie z.B. Kräuterliesel, Piranha, Davidoff, Räusperkönig, Quadrat- und Kugelkopf usw. Im Lästern war ich ja schon immer ganz gut, wohlwissend, daß die anderen es genau so tun. Ich muß allerdings im Nachhinein sagen, daß einige sich als netter herausstellten als es anfangs schien, allerdings gab es auch umgekehrte Fälle. Man lernt bekanntlich in puncto Menschenkenntnis auf Reisen eine Menge dazu, aber nie aus.
Abends hieß es dann, die Tasche zu packen mit den Utensilien für die folgenden 2 bis 3 Tage, da wir die Koffer wie üblich bei Rotel nur alle 2 - 3 Tage bekamen. Dann gab es das erste Süppchen von den vielen folgenden während der Tour, danach kroch ich in "Drei unten", was bedeutet, daß ich die unterste Koje im dritten Fach zum Schlafen zugeteilt bekommen habe. Jetzt reute es mich, daß ich nicht doch etwas Gymnastik gemacht hatte, allerdings hatte ich nach fünf Jahren Rotel-Abstinenz keine so rechte Vorstellung von den Mini-Dimensionen der Rotel-Kojen mehr. Ich habe aber trotz allem ganz gut geschlafen.
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Am nächsten Morgen saßen wir um 7.30 Uhr bei Sonnenschein im Freien beim Frühstück, wie das bei Rotel so üblich ist. Hatten wir am Vortag die Uhren um 9 Stunden zurückgestellt - Pacific Time - so mußten wir heute wieder eine Stunde zugeben, denn am 5. April begann in Kalifornien die Sommerzeit. Um 8.30 Uhr starteten wir mit unserem Rotel zur Stadtrundfahrt und erfuhren von Karl, unserem wohlstudierten und sehr sympathischen jungen Reiseleiter, so manches Wissenswerte über diese Riesenstadt mit 12 Millionen Einwohnern (1987). Davon sind rund 3 Mio Mexikaner, die hier Chicanos genannt werden und denen vor gar nicht so langer Zeit nicht nur diese Stadt, sondern das ganze schöne Land Kalifornien gehört hatte.
Ich hatte mir Los Angeles übrigens ähnlich wie New York vorgestellt, nämlich eine Ansammlung von Wolkenkratzern und Massen von Menschen, die durch die Straßenzüge hetzen. Nichts davon stimmte. Menschen sah man am allerwenigsten, Autos dafür am meisten. Wolkenkratzer, und zwar zum Teil hypermoderne Glassäulen, sah man nur im Zentrum der Stadt, ansonsten leben die Menschen hier in Flachbauten und erstaunlich kleinen Häusern. Da es auch recht viel Grün gibt und alles sehr sauber ist, erschreckt einen diese Großstadt keineswegs so sehr wie erwartet. Allerdings habe ich ein gewisses Flair auch nicht gefunden. Die Stadt finde ich unpersönlich und bekam auch keine Beziehung dazu.
Während unserer Rundfahrt kamen wir auch zum Olympiastadion, in dem im Vorjahr - also 1986 - die Olympiade stattgefunden hatte. In diesem Riesenrund finden 93.000 Menschen Platz, unglaublich! Unterwegs fiel mir immer wieder das frische, helle Grün der Randstreifen auf, das sich später als eine Art Riesenefeu herausstellte. Es blühte schon einiges hier, auch viel mir Unbekanntes. Und selbstverständlich fanden wir hier jede Menge Palmen, die einfach in die Wärme gehören und immer schön und luftig aussehen und an Urlaub erinnern. Trotzdem sah es merkwürdig aus, wenn neben einem ultramodernen Wolkenkratzer eine Palme stand.
Das riesenhafte Gelände der University of southern California besuchten und durchliefen wir auch. Wer hier erfolgreich studiert hat, hat gute Chancen auf einen Arbeitsplatz.
Anschließend fuhren wir zur Hollywood Bowl, einer großen Freilichtbühne, wo alles auftritt, was Rang und Namen hat. Sogar die Beatles sind seinerzeit hier aufgetreten.
In Hollywood angekommen, bestaunten wir das Man’s Chinese Theatre und die vielen Hand- und Fußabdrücke der Stars. Wir fanden die von Marilyn Monroe, Cary Grant, Jean Crawford, Liz Taylor usw. Trotzdem hatte ich mir Hollywood insgesamt viel bombastischer vorgestellt und fand es geradezu bescheiden.
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Dann kamen wir zum Farmer’s Market, wo es alles Mögliche zu kaufen gab. Kunst und Kitsch, Obst, Gemüse und Plastik und Unmengen von Imbißbuden mit Futter aus allen Herren Länder. Hier hätte ich stundenlang stöbern können, aber wie so üblich bei Rotel, ging es fix wieder rein in den Bus, denn es gab ja noch so unendlich viel zu sehen auf dieser Reise, die ja gerade erst begonnen hatte. Wir fuhren den weltberühmten Sunset-Boulevard entlang, dann über den Santa Monica Boulevard nach Beverly Hills, wo die Reichen und Berühmten wohnen und deren Wohnstraßen von größeren Autos oder gar Bussen nicht befahren werden dürfen, denn Gaffer sind hier unerwünscht, was ja auch verständlich ist aus Sicht der Betroffenen.
Weiter ging es in Richtung Pazifik-Küste, und mir fielen die unwahrscheinlichen Hausnummern auf. Hier ist es nicht unmöglich, die Haus-Nr. 20.000 zu haben! Die Straßen sind entsprechend viele Kilometer lang. Wenn man jemanden besuchen will, muß man sich nicht nur die Hausnummer merken, sondern am besten nach dem Stadtteil erkundigen, denn einmal quer durch Los Angeles heißt, etwa 100 Kilometer zu fahren. Hier ist einfach alles überdimensional und riesig, aber wir lernten schnell. Hier in Beverly Hills war alles nobel, gepflegt und luxuriös, eine Ansammlung von Reichen und Superreichen. Merkwürdigerweise sahen wir hier überhaupt keine Menschen, nur etliche Superautos wie Porsche, Rollce-Royce, Mercedes, Jaguar usw.
Am Strand von Santa Monica sahen wir den Pazifik zum ersten Mal, der hier einen herrlichen Strand geschaffen hat, der von vielen Menschen bevölkert war, die badeten oder nur entlangbummelten. Auch wir machten hier Mittagspause, und jeder konnte auf eigene Faust losziehen. So schlenderte ich dann gemütlich über den Santa Monica-Pier, der aus unzähligen Krimis berühmt geworden ist und beobachte die vielen verschiedenen Menschen, esse derweil meinen allerersten, echt-amerikanischen Hamburger - der sehr gut schmeckte - und aalte mich bei dem Gedanken, jetzt wirklich und wahrhaftig in dem langerträumten Amerika zu sein, das ich mir in den vergangenen Monaten unzählige Male vorgestellt hatte. Ein herrlicher Gedanke, hier kurzärmelig das sonnenhungrige Gesicht der Mittagssonne entgegenzurecken, dem Rauschen des Pazifiks zu lauschen und zu wissen, daß drei unbeschwerte, narrenfreie Wochen vor mir liegen. Ich genoß es ganz bewußt!
Übrigens sahen wir hier in Santa Monica - wie an allen schönen Stellen in den Städten - die ersten Jogger. Aber in den Massen, die Fernsehberichten zufolge rumlaufen sollten, sahen wir sie nirgends, am ehesten noch in San Francisco, da wetzten sie wie die Bekloppten in der Mittagshitze.
Weiter ging die Fahrt nach Santa Barbara. Unterwegs durchfuhren wir Malibu, eine Ansammlung von unscheinbaren Häusern aus Holz, die großenteils auf Pfählen direkt an das Meer gebaut und ausnahmslos von sehr betuchten Leuten bewohnt sind. Daß hier aber keine Armen wohnen, merkte man eigentlich bloß an den Luxuskarossen, die vor der Haustür standen.
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Im Gegensatz zu den Bewohnern von Beverly Hills waren diese Menschen hier offenbar nicht daran interessiert, ihren Reichtum zu präsentieren. Auch hier war von Menschen keine Spur. Später bekamen wir auch für dieses Phänomen eine Erklärung. Die Amis laufen nur äußerst ungern, sie brauchen stets und überall das Auto. Ich glaube, ohne Auto kommt sich ein Amerikaner amputiert vor, und das ist wohl doch schon ein ziemliches Zeichen von Degeneration.
Hinter Malibu beginnt die Halbwüste. Hier sind die Klippen von Sträuchern und Gräsern bewachsen, am Hang rechts und links der Straße wachsen viele Opuntien (Ohren-Kakteen), und am Meer sahen wir braune Pelikane, Kormorane und diverse Wattvögel sowie die unvermeidlichen Möwen, die überall auf der Welt zum Meer gehören wie der Spatz in die Stadt. Dann wandelte sich das Bild plötzlich und flache Gemüsefelder wechselten sich ab mit Unmengen von weithin leuchtenden Mittagsblumen, die als Böschungsbefestigung hier um die Wette blühten. Wir hatten großes Glück, gerade um diese Jahreszeit unterwegs zu sein, denn jetzt blühte die Wüste, auch hier war Frühling, und der Regen und Tau der vergangenen Wochen brachte wieder neues Leben in die sonst so tote Wüste bzw. Halbwüste dieses Landes.
Unser Weg führte immer weiter nach Norden auf der wunderschönen Küstenstraße entlang. Links hatte ich während über 500 Kilometers stets den Pazifik vor Augen, rechts die Hänge oder Weite der Halbwüste oder die diversen Orte, die an der Küste liegen. Vielleicht sollte ich noch erwähnen, daß wir diese Reise in umgekehrter Richtung antraten als ursprünglich geplant, denn laut Wetterberichten sollte das Wetter im Gebiet der verschiedenen Nationalparks recht launisch, sprich sehr kalt und regnerisch sein, so daß wir mit unserem Reiseleiter einer Meinung waren, die Reise also mit der Küstenstraße in Richtung San Francisco zu beginnen und drei Wochen später mit der Wüste Arizonas und Kaliforniens zu beenden. Und so stellte sich ein weiterer positiver Aspekt heraus, daß ich meinen Fensterplatz zum Pazifik hin hatte anstatt zur Hangseite, wie es nämlich gewesen wäre, wenn wir die Reise in geplanter Folge vorgenommen hätten. Als binnenlandgewöhnter Flachlandbewohner war es für mich natürlich ein besonderes Bonbon, den Pazifik mit seiner teilweise enormen Brandung tagelang zur Seite zu haben, und ich freute mich sehr darüber.
In dunstiger Ferne sahen wir etwa 16 Kilometer vom Festland entfernt die Umrisse der Channel Islands. Es sind insgesamt 5 Inseln, von denen drei betreten werden dürfen. Hier finden sich Unmengen von Seelöwen, Seevögeln usw. ein, und von Dezember bis März ziehen hier an die 10.000 Grauwale vorbei, die die warmen Lagunen der mexikanischen Baja California aufsuchen, um dort ihre Jungen zu gebären, sich erneut zu paaren, um dann im Frühling wieder Richtung Beringsee zu ziehen, wo sie sich erneut Speck anfressen, um mit dem Beginn des arktischen Winters wieder in Richtung Süden zu ziehen.
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Es ist die längste Säugetierwanderung auf Erden, und es finden sich viele Walbe-obachtungsstationen an der Küste entlang. Das würde ich auch gerne mal erleben. Leider sind jetzt im April hier keine Wale mehr zu sehen, sie sind wohl schon alle vorbeigezogen.
Überall sahen wir hier auch Ölbohrtürme aus dem Meer aufragen, zeitweise waren es ganze Wälder von Türmen, die die wilde Romantik dieser Küstenstraße doch etwas trüben. Kurz vor Santa Barbara, der alten Missionsstadt, sahen wir Polospieler auf grünem Rasen davonpreschen. Dann kamen wir in die Stadt hinein, bewunderten die rosa-violetten Blütenteppiche der Mittagsblumen und bestaunten die traumhafte Wohnlage dieser schönen, kleinen Stadt mit ca. 80.000 Einwohnern. Die 200 Jahre alte Mission mit ihrem wunderschönen Klostergarten ist heute ein Museum als Zeuge längst vergangener Tage. Es war uns sehr warm geworden, und unsere weiße Winterhaut saugte gierig die Sonne auf.
Später können wir durch die Hauptstraße der Stadt bummeln und erfreuen uns an der lieblichen Bauweise der Häuser, die im spanischen Stil erbaut wurden. Eine friedliche, gemütliche Atmosphäre herrschte hier.
Wir fuhren noch ein kurzes Stück auf der Küstenstraße entlang bis El Capitan, wo sich unser Campingplatz für diese Nacht befand. Das Meer liegt nur 10 Gehminuten von unseren Kojen entfernt, und alle liefen gleich an den Strand, um noch einen wunderschönen Sonnenuntergang zu erleben. Danach gab es aus der Rotelküche Erbsensuppe mit Würstchen, dazu ein Lagerfeuer und einen kalten Po für jeden! So sehr die Sonne tagsüber auch schon wärmte, so kalt wurde es nachts. Ich zog meinen Jogginganzug und Socken an und kroch in meine Koje, wo ich prima schlief. Zuvor dachte ich noch an die zahllosen heißen Nächte in den Tropen, wo ich kaum ein Auge zubekommen hatte.
Den nächsten Tag begann ich nicht ohne Schadenfreude, denn es war Montag, der erste Werktag meines Urlaubs. Meine lieben Kollegen und alle anderen Schaffer mußten jetzt ins Büro, während ich die berühmte Traumstraße der Welt entlangfahre und den Abend im schönen San Francisco vor mir hatte. Solche Aussichten habe ich weiß Gott nicht alle Tage und genoß es darum um so mehr.
Frisch geduscht frühstückte ich mit ziemlich klammen Fingern das amerikanische Knaaatschbrot - sehr weiches Weißbrot mit oder ohne Kümmel - und saß dann gutgelaunt im Rotelbus, registrierte mit Zufriedenheit, daß die Sonne wieder schien und ich meine erste "Schale" entfernen konnte.
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Auf dieser Reise kam ich mir vor wie eine Zwiebel, denn ich zog immer mehrere Sachen übereinander an, die ich im Laufe des Tages mit zunehmender Wärme so nach und nach auszog und gegen Abend so nach und nach wieder anzog. Karl erzählte uns, daß es hier ab Juni heiß und trocken ist und daher das Gras nur einmal wächst, was bedeutet, daß Heu als Viehfutter sehr wertvoll ist, weil so rar. Hin und wieder sahen wir Kühe weiden.
Dann verließ die Straße ein Teilstück entlang die Küste und führte ins Landesinnere hinein. Hier sahen wir sehr viele kalifornische Lebenseichen, alles war sehr grün und eine wahre Wohltat für unsere Augen, die ja monatelang nur blätterlose Bäume und Schnee gesehen hatten. Mir kam die Landschaft teilweise vor wie in der Eifel oder im Allgäu, so saftig grün und hügelig war sie. Hier sahen wir auch die ersten großen Farmen mit Kühen und Pferden und auch schon die ersten Weinberge - obwohl der berühmte kalifornische Wein hauptsächlich weiter nördlich von San Francisco angebaut wird. Große Gärtnereien und Baumschulen befanden sich hier und auch Rapsfelder. Schließlich kamen wir wieder an die Küste und fanden bei Pismo Beach einen tollen Sandstrand vor, der kurz danach von Felsenküste abgelöst wurde. Hier standen landeinwärts viele fahrbare Häuser - mobile homes - die wir fortan immer und überall sahen. Viele Amerikaner wohnen ständig in diesen fahrbaren Häusern, die so lang sind wie ein normales Steinhaus. Inzwischen sind aber die Kosten für das Schleppen dieser überdimensionalen Wohnwagen so hoch gestiegen, daß man die Häuser eher verkauft, um sich anderswo wieder ein neues Haus zu kaufen, das ist letztlich billiger als die enormen Transportkosten.
In diesem Teil Kaliforniens sahen wir auch die ersten Truthahngeier in der Luft schweben, sie kommen hier ziemlich häufig vor. Weiter ging es durch den Ort San Luis Obispo, ebenfalls einem kleinen Missionsstädtchen. Sämtliche Orte, die ein San oder Santa vor ihrem Eigennamen haben, sind ehemalige oder auch noch intakte Missionen. In Morro Bay fanden wir die nächste Diesel-Station, um unseren 300 PS-Mercedesbus wieder mal vollaufen zu lassen. Diesel gab es auch hier nicht überall, und manchmal mußten wir ganz schön danach suchen.
Nachdem wir uns in einem Supermarkt mit allen möglichen Fressalien eingedeckt hatten, machten wir Picknick direkt am Meer. So saß ich mit Kartoffelsalat und Cräckern auf den Felsen am Meer und freute mich an dem Rauschen der Brandung und den großen Wellen, die krachend an den Steinen und Felsbrocken brachen. Die Sonne schien, eine kräftige Brise wehte, und ich war seit langer Zeit endlich wieder so richtig restlos glücklich.
Wieder saßen wir im Bus und ließen diese traumhaft schöne Küste auf uns wirken. Der Sandstrand wurde langsam immer mehr von Felsküste abgelöst, die zunehmend steiler wurde. Unser Bus schnaufte und schraubte sich auf schmalen Serpentinen immer höher.
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Und auch uns wurde es langsam sehr warm. Hier sahen wir überall die schönen Golden Poppy, den wir in Deutschland auch Schlafmützchen oder kalifornischen Goldmohn nennen. Es ist die Nationalblume Kaliforniens und leuchtet weithin. Ich habe unterwegs dann auch Samen davon gekauft und zu Hause erfolgreich kultiviert.
An dieser traumhaften Küste machten wir zahllose Fotostops und unserer Begeisterung mit vielen Ah’s und Oh’s Luft. Pflanzenbücher wurden gewälzt und diverse Vermutungen angestellt, welche Pflanze diese oder jene sein könnte. Meist irrten wir, denn die Wildblumen Kaliforniens wachsen meist nicht bei uns und waren uns daher auch unbekannt. Aber Karl hatte ein ganzes Arsenal an schlauen Büchern vor sich aufgereiht und wußte meistens eine Antwort. Und wenn er eine knifflige also unbekannte Blume nicht herausfinden konnte, stachelte das seinen Ehrgeiz an und er suchte und tüftelte so lange, bis er eine mögliche Antwort gefunden hatte. So war es zum Beispiel bei einem herrlich blau blühenden Strauch, der auf viele Kilometer die Küste rechts und links der Straße säumte. Es war nicht eindeutig zu klären, ob dies wirklich der Smoketree war oder nicht, aber ich fragte mich langsam wirklich, ob es sooo wichtig ist, genau zu wissen, wie diese oder jene Pflanze heißt. Manche wollten es eben unbedingt ganz genau wissen. Aber ich freute mich einfach, daß wir Blüten sahen.
Am Julia Pfeiffer-Point, einem Walbeobachtungsposten, haben wir einen kleinen Spaziergang oberhalb einer wunderschönen Bucht gemacht, die ganz versteckt unter uns lag. Ein Wasserfall floß auf den feinen Sand der Bucht, einige Kiefern standen auf dem Felsen darüber und gaben mitsamt den herrlichen Blumen der Bucht einen romantischen Touch. Das wäre der richtige Ort für Flitterwochen, jedenfalls ein wunderschönes Plätzchen, von dem wir alle begeistert waren.
Auf der Weiterfahrt erzählte uns Karl, daß wir nun in das Gebiet kommen, in dem die riesigen Redwoods - Sequoia sempervirens - wachsen. Es sind gigantische Bäume, die bis zu 120 Meter hoch werden können. Wir hielten fleißig Ausschau, und ab und zu entdeckten wir ein kleineres Exemplar vom Bus aus. Karl versprach uns aber für den Abend ein paar richtig dicke, große und uralte Bäume.
Von weitem sahen wir schon den Leuchtturm von Big Sur, einem kleinen verträumten Ort an der Steilküste, wo heute überwiegend Künstler, Aussteiger und sonstige Individualisten leben. Auch Henry Miller lebte die letzten 20 Jahre seines Lebens hier. Wahrhaft ein schönes Plätzchen hatte er sich ausgesucht. Die Küste wechselte hier ihr Gesicht immer wieder. Ab und zu sah man Weideland mit Kühen und Kälbern, die hier zusammenbleiben dürfen, dann folgte wieder extreme Steilküste, und ein faszinierender Anblick folgte dem nächsten. Über das Künstlerörtchen Carmel kamen wir schließlich nach Monterey, von dem ich auf Anhieb begeistert war. Lauter kleine, gemütliche Holzhäuser standen hier in der alten Hauptstadt Kaliforniens, als es noch den Mexikanern gehörte. Hier standen massenweise Hotels und Motels, weil jeder hier einmal übernachten möchte. Hätte ich auch gerne getan, aber mein "Drei unten" wartete auch mich!
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Übrigens hier ein kleines bißchen Geschichte: 2 Wochen, nachdem die Amerikaner den Mexikanern das Land Kalifornien mehr oder weniger abgeluchst, in jedem Fall aber billig abgekauft hatten, wurde hier Gold gefunden! Das fuchst die Mexikaner heute noch.
In Monterey besuchten wir die Fisherman’s Wharf - schwer zu übersetzen, es ist die Straße am Hafen, an der die Fischer früher ihre Fische verkauften und ihre Netze flickten, heute wird zwar auch noch Fisch verkauft, aber überwiegend sind dort Andenkenläden und eine unvorstellbare Anhäufung von Kitsch zu finden. Dort bellten Seelöwen um die Wette, denn sie wollten von den Touristen gefüttert werden. Selbstverständlich konnte man kleine Schälchen voll stinkendem Fisch kaufen, um damit die Seelöwen zu füttern. Es roch hier nach Fisch und Meer und Salz und Algen - also nach Urlaub! Einige Fischotter schwammen zwischen den Jachten hindurch, und die untergehende Sonne tauchte die ganze Szenerie in ein unwirkliches Licht. Wie gerne wäre ich hier geblieben, um nur zu schauen und den Zauber dieses Ortes auf mich wirken zu lassen. Aber die Wahnsinnshupe unseres Rotels blökte schon wieder, also ging es rein in den Bus und weiter zu der Stelle, von der aus man "Die Straße der Ölsardinen" sehen konnte. Es war der Platz der Fischfabriken, über die John Steinbeck in seinem berühmten Roman geschrieben hat. Es standen allerdings keine Fabriken hier, sondern nur die Fundamentplatten dafür. Ganz nahe dabei hat man einen Wellenbrecher aus großen Felsbrocken ins Meer gebaut, und auf diesem Wellenbrecher lagen hunderte von Seelöwen und dösten vor sich hin. Für mich war das ein toller Anblick, weil ich Seelöwen außer im Zoo noch nie gesehen hatte.
Karl drängte zum Aufbruch, und weiter ging es an riesigen Artischockenfeldern vorbei, kilometerweite Flächen voller Mittagsblumen leuchteten, und schließlich erreichten wir nahe bei Santa Cruz unseren Campingplatz, der sich inmitten eines Waldes aus Redwoods, also Riesenbäumen, befand. Bevor die Sonne ganz unterging, machten wir noch einen Rundgang durch diesen Wald und konnten die Dimensionen dieser Holzgiganten nicht genug bestaunen. Mit elf Personen versuchten wir, so einen Riesen zu umfassen, es gelang uns aber nicht. Mindestens einer fehlte dazu noch.
Abends saßen wir doch tatsächlich mitten im Redwood State Park, löffelten unser Süppchen und schlotterten, denn die Hitze des Tages war wieder blitzschnell der Kälte gewichen, die wir allabendlich erlebten. Da wir ja immer im Freien saßen, bekamen wir eine ganz andere Beziehung zu Temperaturunterschieden wie im Alltag, den man ja gewöhnlich in zentralgeheizten Räumen verbringt. Wem würde es schon einfallen, nahe dem Gefrierpunkt im Freien zu frühstücken oder seine Suppe zu löffeln? Das bringen nur hartgesottene Rotelisten! Trotz des Kälte saßen wir noch ein Weilchen beisammen und genossen den feinen kalifornischen Rotwein.
Am nächsten Morgen mußten wir unsere Butter wieder hacken, weil sie nachts wieder gefroren war. Auch das klappte nur, wenn man zuvor das Messer in den heißen Tee oder Kaffee getaucht hatte, aber wir lachten nur darüber. Um 8.00 Uhr brachen wir dann auf nach San Francisco. Da unsere Reise ja in umgekehrter Richtung durchgeführt wurde, mußte ich das Tagesprogramm also immer von hinten her lesen und war manchmal ganz schön irritiert. Aber nach einer Weile war es mir schlichtweg egal, weil es überall so aufregend und schön war. Hauptsache, das Wetter spielte mit. Sonst konnte eigentlich gar nichts schiefgehen, denn die ganze Gegend war einfach phantastisch.
Wir begegneten an diesem Morgen zum ersten und einzigen Male dem berühmt-berüchtigten Nebel, der so oft an der Küste herrscht wegen des Temperaturunterschiedes zwischen Wasser und Land. Erst sahen wir den Nebel nur von Ferne über dem Pazifik, während wir noch in der Sonne fuhren, später aber war er auch auf’s Land gezogen. Wir verließen nun ein Stück weit die Küste, um dem Nebel auszuweichen und kamen durch eine fruchtbare Landschaft, in der viele Farmen lagen.
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Kaum waren wir zurück an der Küste, waren wir von dickem Nebel eingehüllt, der uns düster und bedrückend erschien nach soviel gehabter Sonne. Hier an der stark abfallenden Steilküste beeindruckte die enorme Brandung. Wir fuhren am Leuchtturm St. Pigeon vorbei und sahen dort jede Menge Robben am Ufer liegen. Wieder verließen wir die Küste, und wieder sahen wir große Farmen und Koppeln voller Pferde. Aber Reiter sahen wir keine. Unser Bus schnaufte wieder ganz schön, um eine Anhöhe zu nehmen, auf deren Punkt die St. Andreas-Spalte verläuft, an der die beiden großen Erdplatten sich treffen bzw. reiben und dadurch immer wieder zu schweren Erdbeben führen. Man hat ermittelt, daß etwa alle 70 Jahre ein großes Beben stattfindet, und nachdem 1906 das letzte große Beben war, bei dem die hübschen Holzhäuser von San Francisco durch die nachfolgenden Brände praktisch völlig zerstört worden sind, erwartete man nun jederzeit ein neues Beben. Je Länger die Abstände von einem Beben bis zum nächsten sind, desto heftiger soll das Beben dann werden. Deswegen hätte man lieber bald ein etwas weniger schweres Beben als in weiterer Zukunft ein katastrophales. Diese ganze Region um die St. Andreas-Spalte ist wegen der Erdbebengefahr völlig unbesiedelt, weil hier die Auswirkungen natürlich am stärksten sind. (Das nächste Beben ereignete sich dann sieben Jahre später im Januar 1994, es war gerade 14 Tage her, als ich zum zweiten Mal in Los Angeles war. Aber dazu später mehr).
Wir fuhren auf der Autobahn weiter, und dann lag San Francisco plötzlich im hellen Sonnenschein unter uns. Fast immer liegt anscheinend Nebel über dieser schönen Stadt, und nur im April und September kann man einige Tage mit Sonnenschein und klarer Sicht erwischen. Was sind für doch für Glückskinder, daß die Sonne schien. Wir fuhren in die Stadt hinein, und ich stellte auch hier erstaunt fest, daß es nur im Stadtzentrum Wolkenkratzer gibt und ansonsten fast alles Flachbauten und vor allem aber die wunderschönen, kleinen Holzhäuser im viktorianischen Stil mir Erkern und Säulen und Veranden. Hier hätte ich die Qual der Wahl, denn dieser Baustil gefällt mir sehr. Nichts ist hier protzig, riesig oder modern, sondern ganz verträumt und romantisch, als wäre die Zeit stehengeblieben. Ich konnte mich an diesen Häusern jedenfalls kaum sattsehen und bedauerte sehr, daß es diesen Baustil bei uns leider nicht gibt. Obwohl bei dem letzten großen Erdbeben fast alle dieser Holzhäuschen zerstört wurden, hat man sie liebevoll neu erbaut. Wohl auch deswegen gilt San Francisco als eine der schönsten Städte der Welt, und das konnte ich aus meiner Sicht nur bestätigen.
Weiter ging es zuerst zur alten Mission, die wir kurz besichtigten. Auch hier ist einem zumute, als wären wir um ein Jahrhundert zurück versetzt, so friedlich und ruhig und zeitlos war es in und um das Gebäude der Mission.
Unser nächstes Ziel waren die Twin Peaks, zwei hochgelegene Aussichtstürme oberhalb der Stadt, von wo aus man einen grandiosen Blick über die Stadt hat und von hier aus auch zum ersten Mal die berühmte Golden Gate Bridge sahen, die ausnahmsweise ganz klar und ohne Nebel ihre Bogen über die Bucht von San Francisco spannte.
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Zu meinem Erstaunen entdeckte ich gleichzeitig eine noch viel grössere Brücke, von der ich noch nie etwas gehört hatte. Es war die Oakland Bay Bridge, die nicht nur viel länger, sondern auch älter ist als die Golden Gate Bridge. Aber sie ist nicht so spektakulär gebaut und wirkt ptisch längst nicht so toll wie die Golden Gate Bridge. Ausserdem ist diese das Tor zum Pazifik und verläuft genau an der Trennungslinie zwischen dem Meer und der Bucht von San Francisco. Von hier oben sahen wir auch die Insel Alcatraz, wo sich das ausbruchsicherste Gefängnis der Welt befand. Inzwischen wurde daraus ein Museum gemacht, in dem man nachschlagen kann, was für "Knackis" hier mal gesessen haben. Al Capone war auch dabei.
Der langgestreckte, wunderschöne Stadtpark verblüffte mich sehr. Mitten in diesem Park befindet sich der Botanische Garten, der unter anderem einen traumhaft schönen japanischen Garten beherbergt. So ein Kleinod hatte ich bisher noch nicht gesehen und bewunderte es ausgiebig. Lauter kleine Inselchen mit herrlichen Blumen und Bäumen wuchsen hier. Leider reichte die Zeit nicht, auch noch in die großen Gewächshäuser zu gehen, die bestimmt auch noch viele Schätze bargen. Vielleicht ist es mir bei einer anderen Gelegenheit noch vergönnt. Im gesamten Parkareal waren Jogger und Radfahrer genau so erlaubt wie die vielen Picknickfans. Nirgends standen Schilder "Betreten verboten" wie bei uns. Die Mandel- und Kirschbäume blühten und strahlten mit der Sonne um die Wette, und uns schien, daß die Stadt uns ihr schönstes Gesicht zeigte.
Kurz vor der Golden Gate Bridge machten wir einen Fotostop und knipsten wie verrückt, als gerade ein großer Dampfer unter der Brücke durchfuhr. Bester Laune fuhren wir über diese berühmte Brücke zur anderen Seite hinüber, hielten auch dort noch einmal an und fuhren dann in das kleine, aber luxuriöse Städtchen Sausalio, um dort Mittagspause zu machen. Hier in Sausalito leben auch viele Künstler und reiche Individualisten, aber nirgends war es protzig. Auf einer Bank am Hafen schrieb ich die ersten Postkarten.Mir kam das alles ziemlich unwirklich vor und ich fürchtete manchmal zu träumen, weil alles so schön war.
Nach der Pause fuhren wir mit der Fähre durch die Bucht zurück nach San Francisco, vorbei an der Insel Alcatraz. Nach 45 Minuten kamen wir an und verließen das Hafengelände und überquerten eine der breiten Stadtautobahnen. An einem großen Platz stand das Hyatt Hotel, ein riesiger Wolkenkratzer in hypermoderner Bauart. Im Innenraum des Hotels befanden sich Wasserspiele, die sich einige hundert Meter (!) durch das Gebäude zogen und plätschern, zwischendrin befanden sich Cafés und Restaurants, und die Aufzüge sausten ganz dezent außen an den Wänden entlang. Das Ganze kam mir sehr futuristisch vor und beeindruckte mich sehr.
Mit dem Bus fuhren wir weiter durch die Stadt und sahen endlich auch die berühmten Cable Cars, so eine Art altertümliche Straßenbahn aus Holz, die kreischend und polternd die enormen Steigungen in dieser Stadt mittels Kabel überwindet.
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Die Waggons sind nach allen Seiten offen, und die Leute - viele Touristen aus aller Welt - hängen lachend in ganzen Trauben rechts und links aus den Wägen heraus. Aber im Gegensatz zu den offenen Straßenbahnen in Rio brauchte man hier nicht ständig Angst zu haben, ausgeraubt zu werden. Hier war alles friedlich.
Mir fiel auf, daß hier an jedem Bus Plakate klebten, die vor Aids warnten. Das ist in San Francisco bekanntermaßen sehr verbreitet, weil es hier sehr viele Schwule gibt.
Und weiter ging es zur interessanten Fisherman’s Wharf, der alten Fischerstrasse von San Francisco. Es gab zwar auch hier noch jede Menge Fisch zu kaufen, aber wie zu erwarten, waren hier nun überwiegend Souvenirläden zu finden, die einen ungeheuerlichen Kitsch anboten. Das Kapitel Andenken schien fast ein Problem zu werden, denn nirgends konnte ich etwas Hübsches entdecken, und ich wollte nicht irgendeinen schreiendbunten Plastikmist kaufen.
Wieder hörten wir hier die Seelöwen bellen, weil sie von den Touristen Futter haben wollten. Wir schlenderten zum Pier 39, einer Ansammlung alter, aber gepflegter, verschachtelter Holzhütten und Häuser, in denen alles zu haben war, was ein Touristenherz erfreuen kann. Es machte Riesenspaß, über die Holzstege zu schlendern und zu schauen, Menschengesichter zu studieren, Klamotten zu begutachten, zu lästern und zu lachen... Die Zeit verging viel zu schnell.
Die meisten unserer Gruppe fuhren nun mit dem Rotelbus zurück zum Campingplatz, der sich mitten in der Stadt befand. 18.00 Uhr war schon vorbei, und die Mägen wollten ihr Rotelsüppchen. Mir und noch einigen anderen stand der Sinn jedoch nach anderem, und so blieben wir hier am Pier 39 und entdeckten dann während sieben Stunden Fußmarsch die Stadt. Wir begannen wieder mit der Fisherman’s Warf, fanden dann die Endstation der Cable Car, wo sich Massen von Leuten drängelten, weil sie unbedingt einmal mit diesem ungewöhnlichen Vehikel fahren wollten und schlenderten schließlich durch die berühmte Chinatown. Die hatte ich mir allerdings ganz anders vorgestellt, nachdem ich Chinatown in Singapur kennengelernt hatte. Hier waren Läden und keine freien Marktstände auf der Straße, keine Garküchen und großes Hallo, und viele Läden hatten sogar schon geschlossen, so daß hier nicht annähernd das Flair zu finden war, das ich suchte.
Wir liefen kreuz und quer, staunten über bombastische Hotels, luxuriöse Geschäfte und elendlange Superautos mit schwarz getönten Scheiben, damit man nicht sehen konnte, wer drinnen saß. Schließlich kamen wir am Hyatt’s Regency an, einem Riesenhotel, und fuhren mit dem Lift in den 35. Stock, wo sich neben einer Bar noch ein Restaurant befand. Von dort oben sahen wir über San Francisco bei Nacht, wunderschön!
Schließlich kamen wir weit nach Mitternacht und reichlich fußlahm wieder bei unserem Rotel an, aber die Mühe hatte sich gelohnt. Nun wußte ich, weshalb die Leute sagen, daß San Francisco die schönste Stadt der Welt sei.
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Von der geographischen Lage her finde ich Rio de Janeiro schöner, aber vom gesamten Flair her muß ich San Francisco den Vorzug geben, sie ist viel romantischer und erlebnisreicher im positiven Sinne.
Am nächsten Morgen frühstückten wir bei Sonnenschein und starteten dann guter Laune zu unserer Fahr mit der Cable Car. Es war ein beängstigendes Gedränge, und der Schaffner bzw.Fahrer fuhrwerkte wir ein Irrer mit den seltsamen Schalthebeln. Es krachte und kreischte jedenfalls fürchterlich, aber immerhin kletterte die Bahn die Steigungen rauf und auf der anderen Seite wieder runter. An der Lombardstreet stiegen wir aus, die ebenfalls berühmt ist für ihre Einmaligkeit. Aus lauter Jux und Dollerei haben die Amis diese steil abfallende Straße in sehr engen Serpentinen gebaut, dazwischen wachsen jede Menge Hecken und Blumen. Wenn man von unten hochschaut, sieht man bloß die Dächer der Autos oder die Köpfe der Leute, die hier zum Spaß durchlaufen. Hier trennten wir uns, und jeder konnte machen, was er wollte. Ich schlug wieder die Richtung Fisherman’s Wharf ein und durchstöberte unzählige Läden, fand aber nur unbeschreiblichen Mist. Die bedruckten T-Shirts waren noch das Beste. Die Amis sind für ihren Nicht-Geschmack ja weithin bekannt, deswegen wunderte ich mich nicht allzu sehr.
Schließlich entdeckte ich im Hafen ein U-Boot aus dem zweiten Weltkrieg. Da ich sowas noch nie gesehen hatte - weder von außen noch von innen - stieg ich also in dieses beängstigende Gefährt. Mir wurde ganz seltsam zumute, fast bekam ich Platzangst in diesem engen Ding und stellte mir vor, wie dieses Ungetüm unter Wasser dahinfuhr. Mir fiel der Film "Das Boot" ein, und mich schauderte bei dem Gedanken, mit diesem Boot unter Wasser fahren zu müssen. Für kein Geld der Welt würde ich das machen. Ich betrachtete die winzigen Waschbecken und engen Duschen, die Schlafpritschen der Mannschaft, die Mini-Küche und den Aufenthaltsraum. Es war alles blitzsauber, aber mich bedrückte das Ganze unheimlich, und ich konnte mir nicht vorstellen, wie Menschen damit wer weiß wie lange unter Wasser leben konnten und auch heute immer noch können. Ich jedenfalls stieg rasch wieder aus an die Sonne und habe das Gefühl, die Welt wiedergewonnen zu haben.
Inzwischen war es fast Mittag, und ich lief immer am Hafen entlang in Richtung Zentrum. Hier joggten die Amis wie die Bekloppten in der Sonne. Sie hatten ein ordentliches Tempo drauf und begegneten mir in ganzen Heerscharen. Da gleich nebendran eine stark befahrene Straße verlief, fragte ich mich, ob das Joggen mit Blei überhaupt noch einen gesundheitlichen Effekt haben konnte.
Dann erlebte ich auch eine normale Mittagspause an einem Arbeitstag der Amerikaner. Bei McDonalds und anderen Imbißbuden standen sie Schlange und holten sich was, um dann genau so in der Sonne zu sitzen wie wir das tun, wenn sie denn scheint. Sie hatten auch die gleiche Kleidung an wie bei uns, d.h. die Männer mit Krawatte, die Damen in Kostümen oder Kombinationen. Richtige Büromenschen eben.
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Auffallend waren die vielen Japaner und Chinesen - es gibt allein in San Francisco 70.000 Chinesen - ansonsten unterschieden sich die Menschen kaum. Auf dem großen Platz vor dem Hafengebäude befand sich ein großartiger Springbrunnen, vor dem allerlei buntes Volk saß oder lag. Die einen machten Musik, andere tanzten eine Solonummer, andere dösten nur vor sich hin, aber niemand schaut auf, wenn ein besonders exotischer Typ herumläuft. Bei uns würde sich jeder umdrehen. Aber hier waren wir eben in Amerika, dem freien Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Man kann anziehen oder rumlaufen, wie man will, egal ob 4 Zentner schwer oder magersüchtig, egal ob kunterbunte Haare oder Glatze, hier schaut kein Mensch hinterher, und das fand ich toll. Die Amis gestehen sich gegenseitig viel mehr Narrenfreiheit und Individualität zu, und es herrscht bei weitem nicht so ein Klassendenken wie bei uns oder gar bei den Engländern, die hier von einer Ohnmacht in die andere fallen würden. Ich fand diese bunte Vielfalt einfach phantastisch.
Nachdem ich wieder stundenlang gelaufen war, taten meine Füße weh und außerdem meldete sich mein Magen. Ich kaufte mir ein Thunfisch-Sandwich und war angenehm überrascht, denn das zähe Ding hatte einen erstaunlich guten Geschmack, hatte allerdings auch fast DM 10 gekostet. Um 14.00 Uhr sammelte uns der Rotelbus wieder ein, und wir verließen diese schöne Stadt über die große Oakland Bay Bridge in Richtung Osten, um irgendwann im Tal des Todes anzukommen. Von der Brücke aus sahen wir die berühmte Universität von Berkeley.
Schließlich gab es keine Häuser mehr, dafür grüne Weiden mit Rindern und Pferden. Dann verließen wir die Küstenberge und kamen in das breite kalifornische Tal, das die Nummer Eins in der Landwirtschaft Kaliforniens bedeutet. Hier wächst alles, was man sich denken kann, weil dem Colorado-River das erforderliche Wasser abgezwackt und durch ein ausgeklügeltes Kanalsystem zu den Feldern geleitet wird. Auch die bekannten Sunsweet-Pflaumen - getrocknete Pflaumen - sowie Rosinen, Wein, Mandeln, Obst und jede Art Gemüse werden hier angebaut. So fuhren wir viele Kilometer durch fruchtbares Land und bewunderten unterwegs immer wieder die tollen Trucks - riesige LKW’s der Amerikaner. Diese Riesendinger sind stets auf Hochglanz poliert und sehen ganz urig aus. Sie sind auf alle möglichen Arten dekoriert und verziert, und man merkt richtig, daß jeder Fahrer an "seinem" Truck hängt und ihn liebevoll hegt und pflegt.
In Richtung Modesto kamen wir durch riesige Pfirsich- und Pflaumenplantagen, die periodisch bewässert werden können durch das Kanalsystem, das sich durch ganz Kalifornien zieht. Ohne dieses Kanalsystem wäre der weitaus größte Teil des Landes schlichtweg Wüste.
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Parallel zu diesem Kanal verläuft ein Radweg von über 600 km Länge. Er soll sogar noch weiter ausgebaut und der längste Radweg der Welt werden. Überall entlang des Kanals wurden Bäume angepflanzt, damit hier Vögel nisten sollen, die wegen der ursprünglichen Trockenheit hier nicht vorkamen.
Die Arbeiter in diesen Plantagen sind grundsätzlich Mexikaner. Früher waren die Mexikaner hier die Herren, heute sind sie meist die Knechte. Allerdings gibt es auch heute noch einige reiche Mexikaner hier.
Die Obstbäume sehen merkwürdig aus, denn ihre Krone wieder tellerplatt geschnitten, damit man die Früchte bequem ernten kann.
Unterwegs hielten wir bei einer Farm, um Obst oder Nüsse zu kaufen. Die Preise der angebotenen Trockenfrüchte verschlugen uns allerdings die Sprache, denn hier wollten sie z.B. für 200 g getrocknete Aprikosen über DM 10 haben. Also verzichteten wir darauf.
Als wir aus dem Laden wieder rauskamen, stand draußen ein derart fetter Schwarzer, daß wir wie angewurzelt mit offenen Mündern stehenblieben. Konnte das wahr sein, das ein Mensch derart fett wird? Ich vermochte nicht abzuschätzen, wieviel Zentner dieser Koloß wog, aber 250 kg waren es bestimmt, und er konnte gar nicht mehr richtig laufen, sondern schob seine Fettbeine hin und her und wackelte dabei. Überhaupt waren uns schon die vielen Dicken aufgefallen. Die meisten davon sind zwischen 20 und 40 Jahre alt, danach kriegen viele den Gesundheitskoller und verfallen ins andere Extrem und werden extrem mager. Aber diese Vielzahl Dicker entsetzte mich immer wieder, denn sie haben nicht einfach ein paar Kilo zuviel oder wären als mollig zu bezeichnen, sondern sie sind dann wirklich extrem fett. 3 bis 4 Zentner sind hier nichts besonderes, und das sieht schon eklig aus. Sie fressen aber auch ständig Chips und Hamburger mit Ketchup und Pommes. Dazu trinken sie massenhaft Cola und sonstiges süßes Zeug. Die Portionen in Amerika sind für unsere Begriffe riesig. Ich mußte immer extra betonen, daß ich nur eine kleine Menge wollte, aber selbst die war mir meist noch zuviel. Die Amis laufen ständig mit Literbechern herum. Apropos Becher: egal, wo man ist und was bestellt, man bekommt immer und überall Plastikbecher, Plastikteller oder Styropor und Plastikbesteck. Das graust einen bald. Selbst im Lokal bekommt man keine Tasse, sondern einen Plastikbecher mit dünnem, braunem Gesöff, das als Kaffee bezeichnet wird. Ein Königreich für ein Tässchen "Krönung"!
Nach kurzer Zeit hatte ich dann raus, daß die Hamburger und die Salate bei McDonalds weiß Gott nicht die schlechteste Ernährung in Amerika ist. Ansonsten haben wir oft in Supermärkten eingekauft und unterwegs Picknick gemacht. Die Supermärkte sind auch ein Kapitel für sich. Es gibt natürlich auch da Größenunterschiede, aber die meisten haben Dimensionen, die wir uns hier kaum vorstellen können, einfach gigantisch.
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Noch viel mehr habe ich über die Größe der Packungen gestaunt. Da gibt es riesige Regale voll mit Riesentüten von Chips und Kräckern etc., Pudding gibt es in Dosen mit 3 bis 4 kg Inhalt und Mayonaise in 5 kg-Gläsern. Brot und Brötchen sind ebenfalls in großen Stückzahlen abgepackt. Ein Single, der halbwegs schlank bleiben und nicht ständig wer weiß was wegschmeissen will, kriegt hier echte Probleme. Oder aber er wird fett, weil er brav alles aufißt!
Ich muß aber sagen, daß es in diesen Supermärkten wirklich alles zu kaufen gibt, was das Herz begehrt, sei es nun knackfrisches Gemüse oder Obst, sehr gute Konserven, Fleisch oder Wurst und Käse. Es gibt sogar Vollkornbrot nach deutschem Rezept und original Schweizer Käse. Außerdem haben viele Supermärkte ganz tolle Salatbars, an denen man sich bedienen kann. Das ist schon ein seltsamer Gegensatz hier, einerseits eine Freßorgie mit lauter Dickmachern und überdimensionalen Packungen, andererseits der Körperwahn mit Salat- und Steak-Kult. Stimmt schon, in Amerika ist eben alles denk- und machbar.
Nach Modesto durchfuhren wir wieder große Plantagen mit blühenden Apfelbäumen, dann riesige Rinderherden. Die Landschaft wurde nun topfeben und ziemlich eintönig.
Gegen Abend erreichten wir unser Tagesziel, nämlich das Riverland-Motel an einem wunderschönen See gelegen in Nachbarschaft zu einem riesigen Vollblüter-Gestüt. Da es noch sehr warm war, marschierte ich gleich los, um mir die Pferde anzuschauen. Auf den kilometerlangen Weiden tummelten sich schon etliche Fohlen. Die Amerikaner können mit Grund und Boden großzügig sein, denn sie haben wirklich genug davon. Manchmal dachte ich, daß sich die Großzügigkeit und Weite der Landschaft auch im Charakter der Amis ausdrückt, die sehr diszipliniert sind und nie drängeln in einer Schlange usw. Und erst recht lässig und freundlich sind sie beim Autofahren. Immer wieder habe ich gestaunt, daß hier weder gehetzt noch gehupt wird, gleichmässig fließt der Verkehr dahin, egal ob mittags oder zur rush hour auf 8-spuriger Autobahn. Das hat mir schon mächtig imponiert. Es geht also auch so. Wenn man als Fußgänger an der Straße steht, wird man sofort hinübergelassen. Diese Raser und Chaoten, die auf unseren Straßen rumdüsen, gibt es hier nicht, und logischerweise gibt es auch viel weniger Unfälle. Die Höchstgeschwindigkeit liegt bei 55 Meilen, das sind etwa 88 Stundenkilometer. Inzwischen sind auf einigen, besonders gekennzeichneten Autobahnen 65 Meilen erlaubt, aber das ist immer noch bescheiden gegenüber unserem Tempo.
Am Abend saßen wir wieder beim kalifornischen Rotwein zusammen und erzählten Schwänke aus unserem Leben, lästerten über die Kräuterliesel aus der ersten Reihe, die beim Essen immer in Streß kam, weil sie soviele Vorräte horten und verstauen mußte. Man hatte den Eindruck, daß sie ständig was zu essen brauchte, dabei war sie sehr schlank.
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Sie stammte aus Sachsen, hatte einen "Schlafzimmerblick" - halbgeschlossene Augenlider - und war ständig gierig auf alles und daher Objekt für ausgiebige Lästereien. Im Laufe der Reise jedoch mußte ich erstaunt feststellen, daß sie mir trotzdem einigermaßen sympathisch wurde, wobei ich nicht weiß, ob ihre Gier nachgelassen oder meine Toleranz zugenommen hatte. Sie hatte jedenfalls einiges "auf dem Kasten" und war daher eine interessante Gesprächspartnerin.
Am nächsten Morgen lag der See im Nebel vor uns. Wir saßen bei aufgehender Sonne beim Frühstück und freuten uns auf den Tag. Da es schon jetzt warm wurde, fuhren wir zeitig los und kamen bald nach Bakersfield, einer häßlichen Ansammlung von Flachbauten und Ölpumpen und Raffinerien. Auf der Autobahn reichte uns doch so ein verrückter Ami eine Orange aus seinem PKW. Er renkte sich fast den Arm aus, um zu unserem Bus hochzulangen, aber er schaffte es, und wir lachten alle darüber.
Dann kamen wir langsam in trockenere Gefilde. Im April blüht hier noch alles, aber vier Wochen später soll alles braun und verdorrt sein. So genossen wir noch die vielen Blumen in allen Farben am Wegesrand und die wunderschöne Landschaft, die langsam immer hügeliger wurde. Von Zeit zu Zeit sahen wir kleine Doppeldecker, die über den Feldern Spritzmittel versprühten.
Das Bild vor unseren Augen wandelte sich ständig. War es eben noch hügelig und grün, wurde die Landschaft plötzlich flach und halbwüstenhaft, um kurz darauf wieder hügelig und fruchtbar zu werden. Hier siedelten fast keine Menschen mehr. Wir überquerten die südlichen Ausläufer der Sierra Nevada und entdeckten die ersten schneebedeckten Berge von 1800 m Höhe. Auf dem Tehachapi-Paß in 1200 m Höhe standen viele Windräder, die durch Windenergie Strom liefern. Und dann sahen wir auch die ersten Joshua-Trees (Yucca brevifolia). Die Yucca-Art kann bis zu 5 m hoch werden und prägt ganze Landschaftsbilder. Es folgte die High Sonora-Wüste mit den ersten Kakteen, was mich ganz besonders freute. Und ausgerechnet hier war ein Luftwaffenstützpunkt, an dem auch die Space Shuttle landete.
Dann kamen wir in die berüchtigte Mojave-Wüste, die mir eher wie eine Halbwüste vorkam, denn es wuchsen doch noch etliche Wüstenpflanzen hier. Hin und wieder tauchte in dieser verlassenen Gegend ein kleines Örtchen auf, in dem es ebenso sauber ist wie fast überall in den Städten auf dieser Reise. Es erstaunte uns immer wieder. In einem Supermarkt deckten wir uns noch einmal mit Fressalien und Wein ein, bevor wir endgültig in die Wüste und weg von der Zivilisation fuhren.
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Die Landschaft wurde nun immer trockener und unwirtlicher, eben wüstenhaft und sehr heiß. Und das wollten wir ja auch. Unsere Mittagspause verbrachten wir im ersten Canyon, der uns auf dieser Tour begegnete, dem Red Rock Canyon. Die Granitfelsen luden zum Klettern ein, was wir prompt auch taten. Hier wurden wir zum ersten Mal vor Klapperschlangen gewarnt, die in allen warmen Gebieten der USA vorkommen.
Nach heißer Mittagspause fuhren wir auf schmaler Straße weiter und sahen dabei einige ausgetrocknete Bachbetten. Dann kamen wir durch zwei Orte namens Randsburg und Johannesburg, weil hier Ende des 19. Jahrhunderts Gold entdeckt wurde und man glaubte, hier nun einen ähnlichen Reichtum vorzufinden wir in Südafrika. Da war jedoch ein Irrtum, denn die Funde waren bald erschöpft, aber die Orte hatten ihren Namen behalten.
Wir fuhren durch sehr hügelig-bergige Landschaften, sahen immer wieder schneebedeckte Berge rechts und links im Hintergrund, und die schmale Straße zog sich wie eine Schnur gerade durch die Wüste. Hier begegneten uns nur noch sehr selten Autos. Schließlich erreichten wir Searles Cahe, einen Salzsee, der fast immer ausgetrocknet ist und an dem Salz abgebaut wird.
Im Panamint Valley haben wir einen schönen Blick auf den Telescope Peak mit über 3000 Metern Höhe und schneebedecktem Gipfel. Vor uns erstreckte sich eine endlose Weite, die Temperaturen stiegen beträchtlich an, und wir merkten, daß wir dem berühmt-berüchtigten Tal des Todes nahe waren. Unser Bus arbeitete sich mühsam auf den Paß in 1700 Metern Höhe hinauf, und dann hatten wir einen prachtvollen Blick auf die grenzenlose Einsamkeit der Wüste, eine riesige, faszinierende, bergige Einöde voller Wildheit und Ursprünglichkeit. Von 1800 Meter Höhe fuhren wir flott wieder bergab, machten einen kurzen Toilettenstop und entdeckten dabei herrlich blühende Kakteen (Beavertail cactus - Biberschwanz-Kaktus - Opuntia basilaris) sowie winzige Bllüten in weiss, gelb und lila. Die Wüste blühte tatsächlich, auch wenn sie im ersten Moment tot und feindlich aussah.
Auf der Fahrt runter zur Talsohle suchten unsere Blicke immer nach blühenden Kakteen, und jedes Mal, wenn wieder ein pinkfarbener Blitzer gesichtet wurde, ging ein Gejohle durch den Bus. Auf solchen Reisen habe ich immer wieder festgestellt, daß irgendwann in den Menschen das verborgene Kind wieder durchkam, was mich ungemein freute. Dann sahen wir die ersten Sanddünen im Tal des Todes und machten Halt. Der Sand ist hier superfein und weich, hin und wieder wächst ein knorriger Strauch, und kleine gebänderte Geckos und Eidechsen flitzen in ihre Löcher. Es war unbeschreiblich still hier. Kein Vogel sang, keine durch Menschen verursachten Laute waren zu hören, nichts mehr, nur noch Stille! Eine bis dahin ungekannte Stille!
Wir rissen uns los vom Zauber dieser Landschaft und fuhren zeitweise unter dem Meeresspiegel weiter, dann hielten wir bei einem Borax-Abbau.
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Als man im vergangenen 19. Jahrhundert hier das Borax entdeckte, schaffte man es mit Karren und Mauleseln aus den Abbaustollen heraus. Es wurde hauptsächlich zum Waschen verwendet. Auch heute wird teilweise noch Borax abgebaut, aber es lohnt sich kaum noch.
Schließlich erreichten wir mitten im Tal des Todes unseren Campingplatz, und das war eine Überraschung. Wir alle hatten hier Stille und Einsamkeit erwartet, einen sternenklaren Himmel und nur unsere beiden Gruppen, die hier friedlich übernachten wollten. Aber was fanden wir? Ganze Massen von Wohnmobilen, Autos, Motorräder, Lagerfeuer, Radios und Lärm. Das einzige, was unserer Vorstellung entsprach, war der sternenbedeckte, klare Himmel und die Toilette, die - wie meist - auch nicht abzuschließen war, weder Licht noch Spiegel hatte und wieder jene eigenartige Konstruktion von Armatur, aus der man immer nur so lange Wasser bekam, wie man den Hahn betätigte. Man konnte also nicht wie bei uns den Wasserhahn aufdrehen und das Wasser laufen lassen, sondern man brauchte eine Hand zum Wasserhahnoffenhalten, während man die andere darunter hielt. Hier in der Wüste war das ja einzusehen, daß Wasser gespart werden mußte, aber dasgleiche System fanden wir überall, selbst in großen Städten.
Häufiger Grund zum Witzeln war auch eine so typisch gewordene Bewegung, daß wir sie den Roteltick nannten, obwohl sie mit Rotel an sich gar nichts zu tun hatte, wohl aber mit Amerika. Die einzelnen Toiletten sind nicht wie bei uns durch ganze Türen voneinander abgetrennt, sondern nur durch halbhohe Türen, die etwa 30 cm vom Boden entfernt anfangen und etwa in Kopfhöhe aufhören. Da die Schlösser der Türen praktisch nie funktionierten und man vom etwaigen Insassen der Toilette jedesmal die Tür vor den Kopf geknallt bekam, wenn man testen wollte, ob sie frei war, hatten wir uns angewöhnt, erst mal kopfunter eine Toilette zu betreten, um nachzusehen, ob Füsse zu sehen waren. Es war immer wieder zum Schreien für diejenigen, die schon im Toiletten- oder Waschraum waren, wenn die Neuen hereinkamen und erst mal den Kopf bis fast auf den Boden neigten, um "Besetzt" oder "Frei" festzustellen.
Hier im Tal des Todes war es erwartungsgemäß sehr heiß und kühlte auch nachts kaum ab. Zum Abendessen gab es hier dicke Steaks und Salat, das Begrüssungsessen von Rotel. Bei unserem obligatorischen Rotwein saßen wir noch eine Weile beisammen in ziemlichem Wind, um dann bald in unsere Kojen zu verschwinden, die heute richtig aufgeheizt waren, wie ich das von früheren Reisen her gewöhnt war.
Am nächsten Morgen starteten wir um 7.30 Uhr zum berühmten Zabriskiespoint, einem herrlichen Aussichtspunkt. In diesen Bergen fanden wir alle möglichen Gesteinsfarben und -formen und konnten uns daran gar nicht sattsehen.
Es war schon enorm heiß, und wir schwitzten während der Fahrt nach Badwater, dem tiefsten Punkt der nördlichen Hemisphäre, denn wir befanden uns hier 86 m unter dem Meeresspiegel. Ein riesiger, fast ausgetrockneter Salzsee glitzerte und flimmerte vor unseren Augen, dann liefen wir über das Salz, das sich in unsere Profilsohlen einfraß. Hier wuchs absolut nichts mehr, nicht mal Algen. In einem kleinen Rest Wasser spiegelte sich wunderschön der Telescope-Peak, die Landschaft war völlig tot, eine krustige, öde, salzige Gegend, die lebensfeindlich und abweisend ist. Das hier nennt man des Teufels Golfplatz, und so sieht es auch aus.
Wir verließen diesen unwirtlichen Ort und fuhren von 86 m unter dem Meer auf 1700 m über dem Meeresspiegel zu einem Aussichtspunkt namens Dantes View. Von hier oben hatten wir einen phantastischen Blick auf den Salzsee, den wir kurz zuvor fast 1800 m tiefer betreten hatten.
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Es war eine unbeschreiblich grandiose Aussicht, und ich war total beeindruckt und begeistert von soviel Extremen. Angesichts dieser unwahrscheinlichen Größe, der unendlichen Weite, der absoluten Tödlichkeit dieser Landschaft, komme ich mir so winzig und total unbedeutend vor, wie ich tatsächlich ja auch bin auf dieser Welt. Unser Leben ist noch nicht einmal ein Wimpernschlag in der Geschichte der Zeit. Was bedeuten hier tausend Jahre oder zehntausend Jahre? Nichts! Dieses Hilflosigkeits- und Winzigkeitsgefühl packte mich immer und immer wieder auf dieser Reise, in jedem Canyon und vor jeder riesigen Felswand, die steil vor mir aufragte oder steil hinabfiel in große Tiefen. Alles auf dieser Reise durch die Geschichte der Erde war geprägt von Superlativen, daher ist es so unwahrscheinlich schwer, eine einigermaßen zutreffende Beschreibung zu finden. Wie Karl schon sagte: dieses Land muß man selber sehen und erleben, man kann es nicht filmen oder beschreiben, es ist dann immer nur ein Hauch von dem, was es in Wirklichkeit ist, eben unvorstellbar!
Tief beeindruckt liefen wir ein Stück den Berg hinunter, wo Reinhard schon beim Rotelbus mit der Suppe wartete, die angesichts der Außentemperaturen ausnahmsweise gar nicht kalt wurde. Überall entdeckten wir herrliche Blumen, vor allem den Wüsten-Malerpinsel, eine knallrote Blume, die einem Pinsel nicht unähnlich sieht. Daher der Name. Diese Blume begleitete uns von hier an fast ständig bis zum Endpunkt der Reise.
Schwitzend fuhren wir nach dem Essen durch eine trostlose, fade Einöde über die Grenze nach Nevada. Hier gibt es von einem Bundesstaat zum nächsten keine Grenzposten oder ähnliches, es sind grüne Grenzen wie in unseren Bundesländern. Es war heiß hier und die Luft flimmerte. Zum ersten Mal waren wir durstig. Wir kamen an dem berühmt-berüchtigen Nuklear-Testzentrum vorbei, weit und breit ist militärisches Sperrgebiet, und man darf die Straße nicht verlassen. Die Gegend ist von den unterirdischen Atomversuchen längst verseucht, dennoch gehen die Versuche weiter. Am Straßenrand stand ein Schild, daß man keine Anhalter mitnehmen darf, weil es sich dabei um entflohene Sträflinge handeln könnte, denn mitten in dieser schrecklichen verseuchten Wüste ist ein Gefängnis. Ohne Wasser aber kann hier kein Wesen überleben...!
Nicht viel weiter befindet sich ein Indianer-Reservat. Aber selbst die Indianer können in reiner Wüste ohne Quelle nicht überleben und bekommen meist Unterstützung durch die Wohlfahrt. Über die Indianer möchte ich in diesem Bericht nicht ausführlich schreiben, aber es schreit schon zum Himmel, was der vermeintlich überlegene weisse Mann mit ihnen gemacht hat. Ich komme später noch einmal darauf zurück.
Wir fuhren also durch immer gleiche, fade Wüste und plötzlich tauchten vor uns Häuser auf. Wir konnten es kaum fassen, aber es waren tatsächlich die ersten Häuser von Las Vegas, das auch wieder ganz anders war als erwartet.
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Es war noch Tag, und die Neonröhren der Casinos funkelten noch nicht mit den Sternen um die Wette, so daß der erste Eindruck dieser Stadt eher langweilig und fad war. Wir fuhren ein bißchen die Hauptstrassen auf und ab, sahen alle paar Meter die berühmten Heiratskapellen und konnten kaum glauben, daß man hier in 10 Minuten verheiratet, aber auch geschieden sein kann. Und das ist dann auf der ganzen Welt rechtsgültig, wenn man das ausgehändigte Dokument in seiner Heimatstadt beglaubigen läßt. Die kleinen Heiratskapellen sind erwartungsgemäß kitschig in rosa und hellblauer Tünche. Ringe, Plastik-Brautsträuße usw. kann man gleich mitkaufen, es ist einfach unglaublich!
Die meisten Häuser sind nichtssagende Flachbauten, und es gibt nur wenige Hochhäuser. In denen sind dann meist die großen Casinos untergebracht. Karl erzählte uns allerhand Interessantes über diese verrückte Stadt mitten in der Wüste, und kurz danach spielten etliche von uns selber verrückt.
Zuerst jedoch suchten wir unseren Campingplatz auf, duschten und machten uns einigermaßen casinofein, um dann eine einmalige Art von Restaurant aufzusuchen, das mir schier die Sprache verschlug. In Las Vegas gibt es 40 sehr große und jede Menge kleinere Casinos. Die großen Casinos verfügen über unvorstellbar große Restaurants bzw. Selbstbedienungsbüffets. Das Essen ist ausgesprochen reichhaltig, vielseitig, gut und als Gag - spottbillig! Für etwa 6 bis 8 DM kann man sich hier einen Schaden anfressen, denn man kann das etwa 50 m lange Büffet - und davon gibt es in "unserem" Casino gleich vier Stück nebeneinander - abräumen, oft man mag oder kann. Und wenn man dann mit seinem vollgepackten Teller am Tisch sitzt und mit offenem Mund staunt, was sich da vor den Augen abspielt, dann kommen sie, die Massen an Menschen, die sich über das Büffet hermachen. Man kann herrliche Studien treiben und Dicke und Dünne, Alte und Junge und alle Hautfarben beobachten. Aber am interessantesten, weil am spektakulärsten, sind die Oberfetten, die sich die Teller vollpacken, daß einem die Augen übergehen. Und die laufen dann wirklich mehrmals mit hochgefüllten Tellern und schaufeln Unmengen in sich rein. Es ist einfach nicht zu fassen, was da gefressen wird. Und am Eingang zu diesem Freßpalast stand eine Frau und sagte ununterbrochen: "Raucher rechts, Nichtraucher links", und das stundenlang! Jobs gibt’s, das ist unwahrscheinlich, einfach Wahnsinn. Ich kam vor lauter Staunen und Schauen kaum zum Essen. Diese Stadt ist aber auch fernab jeder Realität, hier ist alles normal, alles möglich, was sonst verboten oder unmöglich ist.
Aber ich will der Reihe nach weitererzählen. Wir grasten also das überdimensionale Büffet ab und wollten dann durch die beleuchteten Straßen fahren, und das war wirklich unglaublich. Die Straßen waren taghell von tausenden und abertausenden von Neonlampen in allen Farben. Alle Läden haben rund um die Uhr geöffnet ebenso wie alle Casinos, hier gibt es keinen Ladenschluß und daher keine Öffnungszeiten, weil 24 Stunden offen ist, in dieser Neonlichterstadt ist highlife rund um die Uhr, ein Glücksspiel ohne Ende, ein pulsierendes Treiben und Leben, das einen mitreissen kann. Die Nacht wird zum Tag gemacht, zur großen Bühne, auf der jede Realität verschwindet. Wenn die Sterne am Himmel nicht wären, ich wüßte nicht, welche Tageszeit es ist.
Nach der Rundfahrt konnten wir auf eigene Faust losziehen. Einige besuchten die berühmte Show von Siegfried und Roy mit ihren weißen Tigern, andere wollen tatsächlich ins Bett, aber ich wollte auch mal spielen. Da ich wohl nur einmal im Leben in dieser Wahnsinnsstadt war, wollte ich doch wissen, wie die einarmigen Banditen funktionieren - so nennt man eine Art von Glücksspielautomaten. Gott sei Dank sind die Einsätze schon ab ungefähr 10 Pfennig möglich. Mit einigen anderen lief ich also durch die neondurchfluteten Straßen und landete schließlich vor dem renommiertesten Casino von Las Vegas - dem berühmten Cäsar’s Palast.
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Dieser Bau ist der totale Wahnsinn, sowas Kreatives und gleichzeitig Kitschig-Schönes muß man einfach gesehen haben! Männer in römischem Kriegsgewand standen am Eingang, einer Empore, die von Säulen aus Marmor umgeben ist. Überall stehen Marmorfiguren herum, wunderschöne, türkisfarbene Wasserspiele beeindrucken den Betrachter, und eine Säulenhalle nach der anderen verwirrt einen vollends. Es ist ein ungeheurer Prunk und Protz und Kitsch, und vielleicht gerade deshalb so originell und auf seltsame Weise schön. An fast jeder Säule standen im Halbdunkel goldfarbene, fast nackte Männerfiguren und zierten die Säulen. Ich lief ahnungslos an ihnen vorbei und bekam fast einen Herzinfarkt, als so ein vermeintlicher Marmormann mich plötzlich packte und lachte. Ich hätte gewettet, daß diese Goldmänner alle aus Stein wären. Innen findet man dann eine ägyptische Galeere, die Cleopatra von Ägypten zu Cäsar bringen sollte. Hierauf befindet sich ein Restaurant, und die Bedienungen sehen alle aus wie Cleopatra. Auf der Galeere spielte eine Band. Aber die Galeere lag keineswegs auf dem trockenen, sondern ein echter See war eigens für Cleopatra angelegt worden, und das alles mitten im Gebäude. Und eine Brücke gibt es auch noch. Wenn man darüber geht, kommt man auf der anderen Seite nach China bzw. landet in einem chinesischen Lokal. Und so geht das laufend fort, man verläuft sich andauernd in diesem irren Bau.
Bei einem dieser Irrgänge landeten wir in einem Garten bzw. in einem begrünten Innenhof, der nicht weniger prunkvoll angelegt ist wie alles andere. Und wie könnte es anders sein, überall auf Schritt und Tritt, in sämtlichen Hallen und Gängen, stehende hunderte, nein, tausende von einarmigen Banditen, und tausende von Menschen aller Couleur standen oder saßen davor auf einem Barhocker und spielten wie die Besessenen. Dauert schepperte und klingelten die Münzen in den Auffangschalen, und alle träumten vom ganz großen Coup. Die unglaubliche Betriebsamkeit, die niedrigen Einsätze und der ganze Rummel rissen mich mit. Überall liefen Mädchen mit einem Bauchladen aus Münzen herum, bei denen man Scheine in Münze wechseln konnte, und so fing ich ganz klein mit 2 Dollar an, die ich in Nickel, also 5 Cent-Münzen wechselte. Und dann packte es mich ebenfalls, und spielte und spielte und spielte bis zum Morgengrauen. Mal rasselte und klingelte es gewaltig, und ich bekam ganze Hände voll Geld, dann wieder war alles restlos futsch, und ich mußte erneut wechseln. Schließlich ließ ich mich von den anderen breitschlagen, doch endlich ins Rotel zu kriechen. Ich bin alles in allem etwa 25 Dollar losgeworden, aber das war mir der Spaß auch wert. Vor Las Vegas hätte ich Stein und Bein geschworen, daß ich absolut keine Spielernatur bin, jetzt würde ich aber nicht mehr schwören!
Nach sehr kurzer Nacht gingen wir morgens wieder in den Freßpalast zum frühstücken, und wir konnten kaum fassen, daß hier um 7.00 Uhr morgens der gleiche Rummel herrschte wie am vergangenen Abend. Und das galt nicht nur für das Restaurant, sondern auch für die Spielautomaten. Hier gibt es keinen Anfang und kein Ende, 24 Stunden rund um die Uhr klingeln hier die Kassen, und wir konnten es nicht fassen.
Wir fuhren dann aber doch los, um einen Abstecher zum Hoover-Damm zu machen, der den Colorado river aufstaut und so eine Bewässerung der Wüste teilweise ermöglicht. Ohne den Colorada wäre hier kein Leben möglich und Las Vegas mit seiner unglaublichen Verschwendungssucht auch nicht. Die Grenze zwischen Arizona und Nevada verläuft mitten auf dem Hoover-Damm, der 1931 erbaut wurde.
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Der angestaute See ist der Lake Mead, und es sah witzig aus, wenn uns unterwegs in der Wüste Autos begegneten, die ein Boot hinter sich herzogen. Der Damm ist übrigens 380 m lang und 220 m hoch, ein gewaltiges Bauwerk, und es wird einem ganz schwindlig, wenn man oben drauf steht und hinuntersieht. Hier befindet sich auch ein Kraftwerk, das Strom erzeugt. Unterwegs fand ich die ersten großen Kakteen, die man hier Barrel cactus - also Faßkaktus (Ferocactus acanthoides) nennt, und so sehen sie auch aus. Später sind sie uns noch oft begegnet.
Wir fuhren über Las Vegas zurück und nahmen dann den Weg in Richtung Zion Nationalpark, den wir am Abend erreichen wollten. Es war schon wieder heiß, als wir zum Virgin River kamen, der sich hier einen sehr schönen Canyon gegraben hat im Laufe langer Zeit. Hier fanden wir auch viele Kakteen und wurden vor Schlangen und Skorpionen gewarnt. Mir ist allerdings auf der ganzen Reise weder die eine noch die andere Art begegnet. An der Grenze von Arizona zu Utah legte ich den achten Film ein. Insgesamt wurden es 15 volle 36-er Filme, damit hatte ich nicht gerechnet, aber es gab soviel Wunderschönes zu sehen, daß ich noch viel mehr Bilder hätte machen können.
An der Grenze zu Utah mußten wir die Uhren wieder um eine Stunde vorstellen, denn hier gilt Mountain Time. Amerika hat vier Zeitzonen von Ost nach West mit einer Entfernung von 5000 Kilometern. Von Europa nach New York ist es genau so weit wie von New York bis Los Angeles. Für uns sind solche Dimensionen kaum zu glauben.
Utah ist der Mormonenstaat mit dem Zentrum Salt Lake City. Bis dorthin kamen wir aber nicht. Die Mormonen sind sehr strenggläubig, und man bekommt nirgends Zigaretten und Alkohol. Ich war froh, daß ich mir rechtzeitig das Rauchen abgewöhnt hatte, denn hier wäre es mir sehr unangenehm gewesen, zumal ich die einzige Raucherin im ganzen Bus gewesen wäre.
Der erste Utah-Ort, den wir durchfuhren, gefiel uns sehr, weil hier lauter gemütliche, kleine Häuser standen, die von blühenden Obstbäumen eingerahmt wurden. Auf den Koppeln grasten Stuten mit ihren Fohlen, und der Frühling hatte Einzug gehalten. Was für ein schönes Bild!
Dann fuhren wir noch eine ganze Weile durch völlig unbesiedeltes Gebiet mit hohen, teilweise schneebedeckten Bergen rechts und links der Straße, bis wir schließlich in den 800 qkm großen Zion-Nationalpark einfuhren. Unser Campingplatz befand sich in 1300 m Höhe, aber es war nicht kalt. Wir befanden uns inmitten einer herrlichen Szenerie aus blühenden Aprikosenbäumen, aus Bergen und riesigen Felsbrocken aller Formationen und Farben.
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Hier mußten wir einfach noch einen Spaziergang machen, zumal der Virgin River durch dieses Tal verläuft. Am Abend stellte ich eine dicke Blase an der Ferse fest. Na, gleich beim ersten Spaziergang, ob das ein schlechtes Omen war? Es sollte doch eine Wanderreise werden laut Programm.
Am nächsten Morgen sollten wir zum ersten Mal unsere Wander- oder Bergschuhe anziehen, um im Zion Nationalpark einen Höhenunterschied von etwa 500 Metern zu bewältigen. Bei Sonnenschein starteten wir also und liefen auf einem gut befestigten Weg Richtung Sonne, also nach Osten. Teilweise wurde der Weg ganz ordentlich steil und verlief in engen Serpentinen, und mir wurde ganz schön warm vor ungewohnter Anstrengung. Ich war Anfang April noch gar nicht trainiert - aber am Ende der Reise war ich dann topfit. Wir bestaunten die ständig wechselnden, abenteuerlichen Ausblicke, die unglaubliche Vielfalt an Formationen und Farben der Felsen, die steil abfallenden Wände, die zum Teil überhängen und die fortschreitende Erosion an diesen Sandstein- und Granitfelsen. Als wir oben ankamen, waren wir von der Aussicht um uns herum einfach überwältigt. Tief unter uns floß der Virgin River in seinem engen Tal, und die Felswände fielen senkrecht ab. Man mußte sich unwillkürlich festhalten, weil man sonst das Gefühl hatte, hinabgezogen zu werden. Wir liefen auf dem Bergrücken entlang, und es gab unendliche Möglichkeiten, zu laufen und immer wieder Neues zu entdecken. Die verschiedenen Formen der Verwitterung faszinierten mich total, besonders solche, die in flachen, schmalen Scheiben erfolgten, anders kann ich das nicht beschreiben.
Gegen Mittag waren wir wieder im Tal und fuhren nach der Bohnensuppe weiter in Richtung Bryce Canyon, der auf über 2.400 Metern Höhe liegt. Auf dem Weg dorthin mußten wir über einen Paß in 3000 Metern Höhe fahren, dort lag noch eine geschlossene Schneedecke von über einem Meter. Vom Frühling wurden wir schlagartig wieder in den tiefsten Winter katapultiert, aber auch hier schien die Sonne schon sehr stark. Wie mochte es hier wohl im Dezember oder Januar aussehen? Wir verließen das Cedar Breaks National Monument und durchfuhren den Dixie National Forest. Überall standen Schneemobile herum, aber langsam wurde der Schnee weniger. Es sah teilweise aus wie im Schwarzwald im Winter.
Sobald wir an Höhe verloren, wurde es auch wieder wärmer. Während Karl über die Mormonen erzählte, kamen wir ins Land der Navajo-Indianer. Dann entdeckten wir auch die ersten der so berühmten roten Sandsteinsäulen, die es im Bryce Canyon zu tausenden gibt. Schließlich trafen wir pünktlich zum Sonnenuntergang im Bryce Canyon ein und sahen, wie die Sonne am Sunsetpoint verschwand. Es war ein wunderschönes Bild in allen Schattierungen von Sandfarben bis zu Dunkelrot, dazwischen immer wieder Schneereste, und wir waren ganz begeistert.
Als wir bei unserem Campingplatz mitten im Park ankamen, war es saukalt und windig. Obwohl es hier genügend Duschen gab, um die sonst immer "gekämpft" wurde, gab es heute kein Gedrängel. Die schlotternden Mitreisenden hatten den Laden gestürmt, der nebenan lag und auch ein Restaurant beherbergte. Nach einer ungestörten Badestunde sah ich mir den Laden auch mal an und war erstaunt, welch schöne Sachen hier zu haben waren.
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Es waren fast ausnahmslos Dinge, die die Indianer hergestellt hatten, und die haben wirklich einen für meine Begriffe wunderbaren Geschmack im krassen Gegensatz zu den weißen Amerikanern. Dort fand man herrlichen Silberschmuck, der großenteils mit Türkisen verziert war, der den Indianern als heiliger Stein gilt. Da ich davon schon in Deutschland gehört hatte, wollte ich unbedingt so ein Schmuckstück als Andenken haben und fand dann einen wunderschönen Ring, der eine Bärentatze darstellt. Diese Bärentatze ist bei den Hopi-Indianern ein Symbol für Liebe, Glück, Wohlstand und Gesundheit. Und genau das alles kann ich ja gut gebrauchen, auch wenn ich den Ring so oder so gekauft hätte. Und merkwürdigerweise paßte er sogar, was bei meinen großen Händen keineswegs üblich ist. Es gab diesen Bärentatzenring nur hier zu kaufen und jeder, der ihn sah, wollte auch so einen. Wir sahen ihn aber auf der ganzen Reise nirgends mehr, und das macht ihn mir umso wertvoller.
In dem Laden gab es noch wunderschöne Vasen, Figuren und Teppiche, allerdings zu Preisen, die den Rahmen meiner Reisekasse wirklich sprengten und mir sehr überteuert vorkamen. Ein handgewebter Teppich mit den Maßen 70 x 120 war ab 1500 Dollar zu haben. Bei den Indianern ist die Frau bzw. die Mutter hochverehrt, weil sie als Inbegriff allen Lebens gilt, weil sie Leben hervorbringt. Daher sah man überall Tonfiguren, die Mütter mit ihren vielen Kindern darstellen. Je größer die Mutter, desto mehr Kinder hat sie um sich geschart. Die größte Tonmutter, die ich sah, hatte 100 Kinder um sich herum, es sollte die Weltenmutter mit der gesamten menschlichen Kinderschar symbolisieren. Die Figur war etwa 50 cm hoch und sollte 3000 Dollar kosten. Nach langer Suche bei jedem späteren Stop fand ich schließlich am Grand Canyon eine kleine Mutter mit nur drei Kindern, die ich dann auch bezahlen konnte.
Der Rest des Abends verlief nicht sonderlich gelungen, denn ich wollte mit den anderen im angrenzenden Restaurant essen gehen. Man kann in Amerika in den Restaurants nicht einfach einen Tisch ansteuern, der einem gefällt, sondern muß am Eingang des Lokals warten, bis jemand kommt und einem einen Platz zuweist, auch wenn der einem gar nicht zusagt. Das Essen war mies, die Bedienung ebenfalls, dafür war es aber teuer, und um 21.30 Uhr wurden wir rausgeschmissen, weil sie schließen wollten. So war meine erste Erfahrung mit einem amerikanischen Restaurant also nicht gerade ermuntert, noch weitere kennenzulernen, und ich zog fortan McDonalds vor, was ich nie bereute.
Draußen empfing uns eisiger Wind und eine Mordskälte, so daß wir uns rasch in unsere Kojen verzogen. Dick angezogen schlotterte ich auch dort noch eine Weile, außerdem machten mir - und auch diversen anderen den Geräuschen nach zu urteilen - die weißen Bohnen vom Mittag zu schaffen.
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Dann saßen wir zähneklappernd wie immer im Freien und versuchten mit eisigen Fingern, die gefrorene Butter zu hacken. Im Nu waren Kaffee oder Tee kalt, und deswegen sputeten wir uns an diesem Morgen sehr mit dem Frühstück. Gern verzogen wir uns in den Bus, und nachdem Reinhard die Heizung voll aufgedreht hatte, wurde es uns auch bald wieder warm.
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Da es sich hier um eine Jungfernfahrt handelte und selbst Karl hier noch kein alter Hase war, verschätzte er sich ziemlich in der Zeit, die wir für diese Wanderung brauchten. Vereinbart war 12.30 Uhr zum Mittagessen. Die Busse warteten ja immer an bestimmten Stellen auf die Horde Rotellisten. Und ausgerechnet an diesem Tag war ausgemacht, daß schon mittags eine Suppe gekocht werden sollte anstatt abends. Um 12.30 Uhr hätten wir längst auf dem Rückweg zum Bus sein müssen, aber wir marschierten immer noch vom Bus weg, während die Suppe langsam wieder abkühlte, denn Reinhard hatte ja keine Ahnung, daß wir noch lange nicht im Anmarsch waren. Ich hatte zwar auf eigene Faust umgedreht, aber selbst dabei wunderte ich mich, wie lange ich zu laufen hatte, bis ich endlich ziemlich verschwitzt - es war natürlich inzwischen wieder granatenheiß geworden - bei den Bussen ankam. Kurz nach mir kam Karl angesaust, und dann luden wir die riesigen Suppentöpfe in die Busse und fuhren über den holprigen Weg ans Ende der Strecke, wo die erschöpfte Truppe hungrig wartete. Ich hielt krampfhaft den Deckel auf einen Topf, damit die Suppe bei den vielen Schlaglöchern nicht über den Rand schwappte. Alles ging gut, und die Töpfe wurden restlos geleert!
Ich weiß nicht recht, wie ich die Schönheit dieses Canyons beschreiben kann. Es waren wieder andere Steinformationen als bisher in wieder anderen Farben. Am ehestens kann man sich die unglaubliche Vielfalt vorstellen, wenn man die Fotos dazu sieht, aber auch das ist nur ein müder Hauch von der Pracht der Wirklichkeit. Es ist einfach zu gewaltig, zu ungewöhnlich.
Und weiter ging die Fahrt in Richtung Arches Nationalpark, einem weiteren Höhepunkt dieser Reise. Im Arches Nationalpark findet man über 200 Steinbögen, die teilweise eine Spannweite von 100 Metern haben. Das alles ist aus rotem Sandstein, und ab und zu sieht man auch Basalt. Auf der Strecke dorthin fuhren wir weiterhin durch das Colorado-Plateau, auf dem wir uns schon seit Tagen befanden. Die Landschaft ist äußerst dünn besiedelt und wild und ursprünglich. Uns umgaben einsame Monolithen - Felstürme -, einige Seen und überall schneebedeckte 4000-er Berge und Wüste. Nur ganz selten gab es Zeugen von menschlichem Leben, die Landschaft ist zu trostlos zum Wohnen und Leben. Für Besucher allerdings hat die Gegend einen ganz besonderen Reiz.
Erst überquerten wir den Green River, später dann den Colorado, von dem ich doch ziemlich enttäuscht war, denn ich hatte mir diesen berühmten Fluß mindestens so breit wie den Rhein vorgestellt. Das ist aber weit gefehlt, selbst die Mosel ist noch breit dagegen, und ich habe mich gewundert, woher dieser schmale Fluß seine enorme Kraft nimmt. Aber eben die Enge und das Gefälle und die zahllosen Stromschnellen machen die Wildheit dieses Flusses aus.
Etwas südlich der Stadt Moab lag unser KOA-Campingplatz, der auch wieder Duschen hatte. Die meisten Campingplätze innerhalb der Nationalparks hatten nur die notwendigsten sanitären Einrichtungen und meist keine Duschen.
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Die KOA-Plätze hingegen gehören alle zu einer großen Kette in den USA und haben alle den gleichen Standard, der sehr hoch ist. Neben ausreichend sauberen Duschen und WC’s gibt es dort auch Waschmaschinen und Trockner, Aufenthaltsräume mit Fernseher usw.
Zum Abendessen gab es heute keine Suppe, sondern Spaghetti Bolognese, was alle begeistert zur Kenntnis nahmen und die Töpfe leerten. Danach saßen wir im Aufenthaltsraum und tranken unseren abendlichen Rotwein, wobei wir tatsächlich in richtigen Sesseln saßen, welch seltener Genuß! Außerdem gab es hier natürlich auch Licht, was wir ja keineswegs gewohnt waren bei unseren üblichen Abenden im Freien, wo wir höchstens eine Kerze hatten. Leider nervte uns ein ewig plärrender Fernseher. Wir waren ja schon geradezu entwöhnt auf dieser Natur-Reise, dazu paßte das einfach nicht, und so zog ich es vor, diesen zwar bequemen, aber lauten Ort bald zu verlassen und ging in den kleinen Laden nebenan, der Souvenirs, Getränke und anderes anbot. Der Campingplatz war von einem Holländer gepachtet, dessen mexikanische Frau sich um den Laden kümmerte. Und nun drückte mir diese Frau etwas in die Hand und sagte, es seien die Eier einer Klapperschlange. Da ich natürlich neugierig war, öffnete ich die Tüte sofort. Da sprang mir blitzartig etwas entgegen, und ich erschrank fürchterlich. Es waren jedoch keine kleine Schlangen gewesen, sondern ein harmloser Gag für schreckhafte Naturen. Man hatte ein Stöckchen in einem Gummiband eingedreht und festgeklemmt. Wenn man nur die Klemme löste, schnurrte das Gummiband zurück und schleuderte das Stöckchen weg. Und dieses Stöckchen war mir entgegengesprungen. Ein völlig harmloser, aber sehr effektiver Gag, der bei jedem wirkte. Diejenigen, die schon wußten, was kommen würde, lachten sich halbtot, wenn wieder jemand auf den Trick reingefallen war.
Am nächsten Morgen mußten wir doch tatsächlich schon um 5.20 Uhr aufstehen und sogar ohne Frühstück losfahren. Aber wir wollten unbedingt den Sonnenaufgang im Arches Nationalpark erleben und murrten nicht. Und während wir dann die ersten Sonnenstrahlen auf und über den vielen Sandsteinbögen bestaunten, die den Fels in rosa und rotes und goldenes Lichte tauchte, kochte Reinhard für uns Kaffee. Wir befanden uns hier zwar auf 2000 Metern Höhe, aber angesichts dieser majestätischen Farbenpracht und dem Zauber dieser Landschaft, froren wir gar nicht. Noch nie hatte ich erlebt, daß auf der einen Seite voll die Sonne schien und auf der anderen Seite noch der Vollmond leuchtete. Und zu allem Überfluß leuchteten im Hintergrund noch die schneebedeckten Berge. Es war ein grandioses Naturschauspiel, das mich tief beeindruckte und wieder einmal sehr dankbar machte dafür, daß es mir vergönnt war, das alles selbst zu erleben.
Und dann frühstückten wir vor dieser unbeschreiblichen Kulisse und genossen die Einmaligkeit der Situation.
Danach starteten wir zu einer ausgiebigen Wanderung in diesem Nationalpark, die wir beim ganz solo dastehenden Delicate Arch begannen, einem dünnwandigen, riesigen Sandsteinbogen, der einsam auf einem Felsplateau ruht. Es war schon ulkig zu beobachten, wie die ganze Bande einer Hammelherde gleich losstürmte, um möglichst als erster die nächste Sehenswürdigkeit zu entdecken, die Karl angekündigt hatte. Der Herden- und Nachahmungstrieb ist doch noch stark ausgeprägt. Knipste einer eine Blume, machten es die anderen nach, ging jemand ein paar Meter abseits und schaute interessiert, konnte er sicher sein, gleich darauf von anderen gefolgt zu werden, die nur ja nichts verpassen wollten. Es ist witzig zu beobachten, aber auch beruhigend, daß Menschen so einfach funktionieren.
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Ich bewunderte ehrlich die Engelsgeduld von Fahrer und Reiseleiter. Aber zum Teil ist das ja auch Geschäftstüchtigkeit, und das ist ja in gewisser Weise auch bewundernswert! Im Übrigen muß ich aber sagen, daß zumindest Karl selbst ein großes Interesse an allem hatte und selbst ständig mit der Kamera rumsauste und knipste, was das Zeug hielt. Ich denke, so ziemlich jeder von uns hat auf dieser Reise viel mehr Fotos gemacht als ursprünglich gedacht. Solch eine unglaubliche Kulisse und soviele traumhafte Motive konnte man sich in der Theorie einfach nicht vorstellen. Bei mir sind es 540 Fotos geworden, die trotzdem nicht annähernd das wiedergeben können, was ich eigentlich einfangen und wiedergeben wollte. Die ganze Pracht und Großartigkeit wurde auf ein Minimum reduziert. In Ergänzung zur Erinnerung jedoch sind die Fotos sehr schön.
Weiter ging es in diesem wunderschönen Park zum Devil’s Garden - Teufelsgarten - und an dem Namen ist was dran. Wild und voller dicker Felsbrocken, Irrwegen und Schluchten lag ein Labyrinth aller nur denkbaren Fels- und Farbvarianten vor uns, das wir in zweistündiger Wanderung erkletterten, erknipsten und erlebten. Es war ein herrliches Erlebnis, und wie schon oft auf dieser Reise durch die Entstehungsgeschichte der Erde war ich dankbar, daß ich sehende Augen und gute Füße habe, um all das erleben zu können. Man empfindet eine unwahrscheinliche Ohnmacht und Winzigkeit angesichts dieser großartigen Natur in allen ihren Dimensionen.
Nach einer heißen Mittagspause fuhren wir weiter in Richtung Canyonlands Nationalpark über ein Hochplateau. Überall sahen wir Mesas - Tafelberge - und kleine Canyons, die aber sehr schöne Formen aufwiesen. Dieser Nationalpark war noch kaum erschlossen, außerdem hatte die Saison noch nicht begonnen, so daß außer uns kein Mensch zu sehen war. Es war gerade so, als wären wir die einzigen Menschen, und das waren wir hier in gewisser Weise ja auch. Wir kamen über eine Piste zu der Stelle, wo der Green River und der Colorado zusammenfließen und als gemeinsamer Fluß weiterstömen. Auf 2000 Metern Höhe hatten wir einen grandiosen Ausblick über die scheinbar endlose Weite um uns herum. Diese Endlosigkeit machte uns fast sprachlos.
Nach diesem einmaligen Ausblick wurden einige von uns - auch ich - zu einem kleinen Flughafen gebracht, von wo aus wir mit kleinen Flugzeugen mit Platz für etwa 5 Leute einen einstündigen Flug über diese Canyonlandschaft unternehmen wollten. Dieser Flug wurde uns von Karl als noch besser empfohlen als der über den Grand Canyon, weil dort schon soviele Flugzeuge abgestürzt waren, daß inzwischen keine Flüge mehr in, sondern nur noch über den Grand Canyon erlaubt waren. Hier jedoch war noch alles erlaubt, und deswegen hatte ich mich für diesen Flug entschieden. So kletterten wir also in eine kleine Cessna mit insgesamt 6 Personen, und auf ging’s. Unter uns taten sich Schluchten und Plateaus, Bögen, Nischen und Türme in allen Farben und Formen auf, daß es eine Pracht war. Wir flogen auch zu der Stelle, an der die beiden Flüsse Green River und Colorado zusammenfließen, und dann, das muß ich zu meiner Schande gestehen, wurde mir hundeelend. Das kleine Flugzeug sackte aber auch ständig ein bißchen ab, was anscheinend mit der ständig wechselnden Erdhöhe unter uns zusammenhing, und ich hatte wirklich Angst, mich übergeben zu müssen. Mit einem Blick in mein wohl leichenblasses Gesicht wurden mir kommentarlos die berühmten Tüten gereicht, und mir war das unheimlich peinlich. Ich schloß die Augen und bekam von der traumhaften Landschaft während der zweiten halben Stunde praktisch nichts mit, denn ich habe fest die Zähne zusammengebissen und mich darauf konzentriert, nicht zu kotzen. Das ist mir auch gelungen, aber dieses "fast" ist beinahe ebenso schlimm. Es war wirklich ein Jammer, und ich kam mir wie ein Waschlappen vor, war aber machtlos gegen meinen rebellischen Magen. Aber der Flug ging vorüber, und kaum stand ich wieder auf festem Boden, ging es mir schlagartig besser. Was für eine Gemeinheit!
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Nach der Rückfahrt zu unserem Campingplatz gingen wir bald in die Federn, um am nächsten Morgen einen zauberhaften Sonnenaufgang zu erleben. Wir saßen fröstelnd beim Frühstück und staunten schon wieder oder immer noch. Manchmal dachte ich, daß ich nun eigentlich ein paar Tage Pause bräuchte, um all die vielen geballten Eindrücke erst einmal zu verdauen, weil es sonst in so kurzer Zeit einfach zuviel wurde. Ohne meine ständigen Notizen für diesen Bericht würde es mir kaum möglich sein, diesen Bericht einigermaßen chronologisch hinzuschreiben. Es war eine derartige Fülle von Eindrücken, daß es in so kurzer Zeit fast unmöglich ist, mehr als grobe Stücke in einem Sieb zu behalten.
Nach dem Frühstück stand die nächste Jungfernroute für Rotel an, denn wir fuhren in Richtung Mesa Verde - grüne Tafel - über Monticello. Wir durchfuhren steppenartiges Land, sahen Pronghorn-Antilopen und im Hintergrund immer die schneebedeckten Berge, die uns schon seit Tagen begleiteten. Karl erzählte uns von der Geschichte der Indianer, denen einst dieses riesige Land gehörte und die heute nur noch in Reservaten leber oder besser: ihr Dasein fristen. Sie haben ihre Kultur nahezu verloren und wurden völlig gegen ihre Natur eingesperrt und vom weißen Mann abhängig gemacht mit der Folge, daß die meisten von ihnen heute alkohol- oder drogenabhängig und zudem arbeitslos sind. Keiner von ihnen kann noch so frei und unabhängig leben wie früher. Der weiße Mann nahm sich einfach, was er wollte und setzte sich mittels Feuerwaffen über alles hinweg. Es ist eine verdammt beschämende und traurige Geschichte.
Die Landschaft wurde immer flacher und trockener, und es wurde sehr heiß. Wir kamen in den Staat Colorado, und links von uns verliefen die Berge der Rocky Mountains. In Cortez machten wir bei einem riesenhaften Supermarkt Halt und tätigten unsere Ostereinkäufe bzw. Fressalien für Picknicks. Dann fuhren wir weiter durch ein großes Navajo-Indianer-Reservat und kamen langsam wieder auf eine Höhe von 2500 Metern, wo der Mesa Verde Nationalpark liegt. Obwohl die Sonne heiß brannte, lag noch viel Schnee hier oben. Wir machten Picknick und ließen uns die liebe Sonne auf den "Pelz" brennen und wurden schläfrig. Aber Müdesein gilt bei Rotel nicht, auf ging’s wieder in den Bus und runter zu den Pueblos, den alten, schon lange verlassenen Dörfern der Anasazi-Indianer, die hier bis vor 700 Jahren lebten und die Gegend schließlich wegen langanhaltender Dürre verlassen mußten. In eine große Felsnische hatten sie mit Lehmziegeln Haus an Haus gebaut. Selbst jetzt nach 700 Jahren sind diese Bauten noch phantastisch erhalten.
Wir wollten an sich auf dem primitiven Campingplatz direkt im Nationalpark übernachten, aber der Boden war hier so aufgeweicht, daß es für unsere schweren Busse problematisch wurde. So fuhren wir ein Stück den Berg hinunter zu einem geeigneteren Platz. Nachdem es gegrillten Schinken mit Kartoffelpürree zum Abendessen gab, rückten wir am wärmenden Grill enger zusammen und sprachen wieder dem Rotwein zu. Ich glaube, so langsam entsteht der Eindruck, daß hier eine Horde Säufer beisammen war, stimmt aber absolut nicht, wir waren alle erzsolide. Mit einem letzten Blick in den herrlich klaren Sternenhimmel schlichen wir schließlich kichernd in die Kojen.
Der nächste Tag war Karfreitag, und wir frühstückten schlotternd vor Kälte um 6.30 Uhr. Aber der Gedanke an das bevorstehende Monument Valley hob unsere Stimmung schnell. Es gab wohl niemanden hier, der dieses berühmte Tal nicht vom Hörensagen oder vom Fernsehen oder aus unzähligen Western her kennt.
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Im Zweifelsfall braucht man bloß an die Marlboro-Reklame zu denken, dann weiß jeder, was gemeint ist. Da wir unser Programm ziemlich flott durchgezogen hatten, war noch fast ein Tag Zeit übrig, den wir natürlich optimal gestalten wollten und Karl’s Vorschlag gern annahmen, denn er wollte uns einen weiteren Nationalpark zu Gemüte führen, und zwar den Canyon de Chelly, den wir später auch noch erreichen sollten.
Alle waren gespannt auf das legendäre Monumentvalley, das wir nun persönlich kennenlernen wollten. Wir fuhren durch das Herz des Indianerlandes über Kayenta. Unterwegs sah man überall die Häuser der Indianer, die teilweise erbärmlich aussahen. Nicht weit hinter Cortez tauchten dann die ersten Monolithen auf, für die das Monument Valley so berühmt ist. Diese Monolithen entstanden durch Winderosion. Auch hier sahen wir immer wieder viele kleinere Pferde, auch gescheckte, eben die typischen Indianerpferde. Wir fuhren an der Grenze zu New Mexiko entlang und kamen dann zu dem einzigen Punkt in den USA, an dem sich vier Staaten treffen, dem Four Corner Point. Hier treffen die Grenzen von Utah, Arizona, Colorado und New Mexiko aneinander. Wir fuhren in Arizona weiter. Zwischendrin sahen wir immer wieder Ölpumpen mitten im Indianer-Reservat. Allerdings sollen die Indianer am Gewinn beteiligt sein, weil es ja ihr Land ist, wobei unter Land eigentlich Wüste zu verstehen ist. Man hat ihnen die Reservate dort zugeteilt, wo der Boden schlecht ist, jedenfalls zu schlecht für den weißen Mann. Wenn die Indianer heute Wucherpreise für ihre Erzeugnisse (Souvenirs, Schmuck, Teppiche, Keramik) nehmen, dann ist das eigentlich nur gerecht. Auf diese Weise nehmen sie den Weißen wieder einen Bruchteil von dem ab, was diese ihnen vor Jahren stahlen.
Unsere Straße folgte dem San Juan River, der später in den Colorado mündet. Die Landschaft war trostlos und öde. Ab und zu sahen wir eine Kuh mit ihrem Kälbchen oder ein paar Pferde und einzelne Häuschen. Und immer wieder kleinere Canyons und Felsabbrüche und Mesas in dieser grenzenlosen Weite.
Schließlich sahen wir immer mehr dieser herrlich-roten Monolithen und wußten, daß wir gleich am Ziel waren. Und in der Tat, unsere Straße führte schnurstracks auf eine Ansammlung wunderschöner, bizarrer Felstürme zu. Wir knipsten wie die Irren, wohlwissend, daß fünf Minuten später noch viel bessere Anblicke kommen würden, denn wir waren ja noch gar nicht richtig da. Touristen sind ein gieriges Volk, in fast jeder Beziehung!
Nachdem wir im Besucherzentrum viele Informationen erhalten konnten, stürmten wir nach draußen und konnten uns nicht sattsehen an dem Naturwunder vor unseren Augen. Zahllose hell- und dunkelrote Monolithen ragten da in der Einsamkeit der Wüste in den Himmel als stumme Zeugen. Und Wind, Kälte und Hitze werden eines Tages ihr Werk vollendet haben und auch diese Reste dem Wüstenboden gleichgemacht haben. Es sind verwunderliche Formen darunter, die die Phantasie anregen. Manche sehen aus wie Menschen- oder Tiergestalten.
Auch hier fanden wir wieder wunderschönen Indianerschmuck und andere Gegenstände, und ich kaufte einige Kleinigkeiten für den Hundesitter, Vogelversorger, Blumengießer und andere nette Leute meiner Alltagswelt zuhause.
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Dann machten wir vor dieser großartigen Kulisse unsere Mittagspause. Es war irre schön, heiß und windig und mir kam die ganze Szenerie fast unwirklich phantastisch vor.
Dann ging es zu unserem schlichten Campingplatz, der leider keine Duschen hatte, obwohl ich mich groggy und verschwitzt fühlte. Aber so ging es den anderen ja auch, und deswegen nennt man viele Rotellisten auch Rotelfüchse...! Zwar machten wir auch an diesem Abend wieder ein Lagerfeuer, aber es war nicht mehr kalt wie sonst. Am folgenden Tag fuhren wir lange durch Navajoland, durch einsame Halbwüste und unendlich trostlose, menschenleere Landschaften. Bei einem alten Handelsposten von 1860 - Trading Post - machten wir Halt und fanden auch hier wieder einen Indianerladen, der sehr schöne, aber für mich unerschwingliche Stücke anbot. Weiter führte die Route durch das Reservat der Hopi-Indianer, von denen es nur noch wenige gibt. Von den Navajos leben immerhin noch 100.000 in Reservaten, von den Hopis nur noch 6.000. Die Hopis betreiben keine Weidewirtschaft mehr, sondern Ackerbau. Dann fuhren wir langsam wieder auf 2000 Meter Höhe hinauf und kamen schließlich zum ältesten Ort Amerikas, der 3000 Jahre alt ist. Wir durchfuhren Keans, ein moderner Hopi-Ort mit Krankenhaus und Schule. Die Hopi-Gesetze verbieten jegliches Fotografieren. Hier tankten wir Diesel und betrachteten vom Bus aus die Indianer, die auch hier alle ziemlich fett und aufgedunsen scheinen wie die Navajos auch.
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Für unsere Mittagspause kauften wir in einem Supermarkt in Tuba City ein, hier leben ausschließlich Indianer. Also waren in dem Supermarkt auch nur Indianer, und ich hatte schlagartig das Gefühl, in einem völlig anderen Land mit einer völlig fremden Kultur zu sein. Ich hatte den Indianern gegenüber Schuldgefühle für das, was die Weißen ihnen angetan haben, auch wenn ich persönlich nichts dafür konnte.
Wir überquerten den kleinen Colorado, der später in den großen Colorado mündet. Hier sahen wir das erste Hinweisschild zum Grand Canyon, unserer nächsten Station. Und im Hintergrund grüßten wieder majestätisch die 4000-er Berge mit den Schneemützen. Was für eine großartige Landschaft! Und dann fuhren wir von Osten her in den Grand Canyon Nationalpark hinein, der 1919 von Präsident Roosevelt zum Nationalpark erklärt wurde und eine Fläche von 5.000 qkm umfaßt. Wir hielten am Desert View und warfen einen ersten Blick hinein in diese größe Schlucht der Erde, die immerhin über 1000 Kilometer lang ist, wovon 490 km in diesem Nationalpark verlaufen. Tja, und dieser erste Blick hinein war für mich ein bißchen enttäuschend. Es war natürlich schon gewaltig und beeindruckend, aber da es sehr dunstig war, schien die ganze Szenerie irgendwie unwirklich. Aber der Hauptgrund war wohl, daß ich schon viel zuviel über den Grand Canyon gesehen und gelesen hatte, natürlich immer im besten Licht mit optimalen Kameras spektakulär festgehalten. So war dieser Naturzustand hier vor mir fast etwas ernüchternd. Außerdem hatte ich mich im Verdacht, daß meine Aufnahmefähigkeit an Wundern wohl langsam erschöpft war. Das jedoch sollte ein Irrtum sein, wie sich am nächsten Tag herausstellen sollte. Wir befanden uns in 2100 Metern Höhe am Südrand des Canyons. Diese größte Schlucht der Erde hat der Colorado River in 2 Milliarden Jahren geschaffen, dieser Fluß, der in 24 Stunden eine halbe Million Tonnen Erde und Geröll mit sich reißt und der den Stausee des Lake Mead eines Tages zugeschüttet haben wird.
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Der gegenüberliegende Nordrand des Canyons liegt 2400 Meter hoch, die Entfernung bis hinüber beträgt immerhin 13 Kilometer. Bis hinunter zum Colorado River sind es etwa 1700 Höhenmeter, die man zu überwinden hat. In der Ebene eine Kleinigkeit, in der Höhe verdammt mühsam.
An den Canyonwänden läßt sich die Erdgeschichte gut verfolgen anhand der verschiedenen Gesteinsschichten. Vom Rand bis hinunter zum 70 bis 100 Meter breiten Colorado muß man mehrere Klimazonen überwinden. Herrscht am Canyonrand subarktisches Klima, so blühen unten im Wüstenklima die Kakteen. So hatte ich oben meinen Skianorak an und trug unten nur noch ein dünnes Top, wobei ich mit "unten" die 800 Meter meine, die ich am nächsten Tag in den Canyon hinablief.
Heute leben immer noch Indianer im Grand Canyon, und zwar die Havasupai.
Hier stellten wir unsere Uhren wieder auf Pacific-Time um, also eine Stunde zurück. Dann hielten wir noch an verschiedenen Aussichtspunkten, aber da es sehr dunstig war, konnten wir kaum fotografieren. Ein klarer Tag am Canyon soll eine Seltenheit sein, aber der nächste Tag war dann so ein Glückstag.
Wir fuhren zum Grand Canyon Village, einem richtigen Dorf am Canyonrand für die Touristen aus aller Welt, die zu Millionen hierher pilgern und staunen wollen. Ich wüßte gerne, wieviele Ah’s und Oh’s der Canyon schon gehört hat! Hier in diesem Dorf gab es einen kostenlosen Shuttlebus, der die Leute hin und her beförderte. Es gab auch einen gigantischen Supermarkt mit Caféteria sowie diverse Läden und ein hervorragendes Besucherzentrum, das mit sämtlicher Literatur in vielen Sprachen ausgerüstet war. Überhaupt fand ich die Organisation der Besucherzentren ausgezeichnet. Hier bekam man überall sehr gute Karten des jeweiligen Parks oder Bundesstaates sowie jede Menge guter Bücher über Flora, Fauna, Gestein usw. Meinen Nationalparkführer, den ich in Deutschland gekauft hatte, fand ich auch hier in Deutsch wieder. Der Grand Canyon wird ungeheuerlich vermarktet, aber die Leute kauften und kauften. Da viele nicht in den Canyon hinunter laufen wollten oder konnten, trieben sich ganze Heerscharen am Rand und in diesem Touristendorf herum. Sobald man aber in den Canyon hinabsteigt, ist man schnell ganz allein mit der Natur.
Wir fuhren also zu unserem Campingplatz, der etwas südlich gelegen war und ebensolche Ausmasse hatte wie die ganze Anlage mit Restaurants, Kino, Läden usw. Und hier starteten auch die Helikopter für die Rundflüge.
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Nachdem mir jedoch bei meinem ersten Flug so schlecht geworden war, verzichtete ich gerne auf weitere Übelkeit und erfuhr später von den anderen, daß dieser Grand Canyon-Flug bei weitem nicht so schön und eindrucksvoll gewesen sei wie der im Canyonlands-Nationalpark, weil die Hubschrauber oberhalb des Plateaus bleiben müssen, denn schon zuviele sind abgestürzt. Erst letztes Jahr ist das noch passiert. So war ich also im Nachhinein froh, den ersten Flug mitgemacht und wenigstens einen Teil davon gut mitgekommen zu haben.
Unser Campingplatz lag in 2100 Metern Höhe, und mir schwante schon wieder Kaltes für die kommende Nacht. Abends gab`s eine sehr zugige Rotelsuppe, dann gingen wir in das berühmte Kino, in dem nur ein Film gezeigt wird, aber was für einer! Die Leinwand ist 20 x 30 m groß, alles ebenfalls überdimensional. 1984 wurde mit Spezialkameras vom Boot und vom Flugzeug aus ein Superfilm über den Grand Canyon und den Colorado gedreht, und da die Leinwand so riesig ist, erscheint einem der Film so, als würde man sich mitten im Canyon befinden. Die Bilder, die mit dem Flugzeug aufgenommen wurden, sind so täuschend echt, daß man sich im Kino unwillkürlich in die Kurven legt, gerade so, als würde man mitfliegen. Und manchmal fließt der Colorado in rasender Geschwindigkeit so auf einen zu, daß man jeden Moment damit rechnet, daß das ganze Kino mitgerissen wird. Der Film ist phantastisch gut gemacht, so daß ich am nächsten Abend gleich noch einmal hineingegangen bin, damit ich ihn auch nie mehr vergesse.
Es gibt übrigens zwei Wege hinab in den Canyon, der eine ist sehr anstrengend und steil - Kaibab Trail - und führt bis zum Colorado hinunter. Der andere heißt Bright Angel Trail und führt bis zum Indians Garden auf etwa 800 m hinab, also ungefähr die Hälfte des Canyons. Hier gabelt sich der Weg. Links kann man zum Plateau-Point mit herrlicher Sicht auf den Colorado laufen, rechts gibt es den Weg zur Phantom-Ranch, der ebenfalls bis ans Wasser führt. Ich marschierte also bei eisigem Wind und Minusgraden los, angekleidet mit meinem Skianorak und dicken Pullis drunter und hoffte, daß der eisige Wind bald nachlassen möge. Schon nach 100 Höhenmetern konnte ich den Anorak ausziehen. Es ging flott bergab über einen staubigen, steinigen und unebenen, schmalen Weg, aber dennoch ging es viel besser und schneller als erwartet, zumal ich staunend die plötzliche Ruhe und Einsamkeit in dieser grandiosen Felswelt feststellte und immer wieder Interessantes zu betrachten fand.
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Mir schwante zwar schon, daß es zurück sicher weniger flott gehen würde, aber das schreckte mich jetzt noch nicht. Alle paar hundert Meter blieb ich stehen und schaute mir alles genau an. Es wurde zusehends wärmer, und ich zog ein Kleidungsstück nach dem anderen aus. Es wurde richtig frühlingshaft. Oben war alles kahl und winterlich, hier blühten schon eine Menge unbekannter Blumen, und die Vögel sangen. Nach 1 ½ Stunden war ich im Indians Garden auf 800 m angekommen und fand dort zu meiner Freude eine Quelle vor, die seinerzeit die Indianer veranlaßt hatte, hier zu siedeln und die dem Plateau auch seinen Namen gab - Indianergarten! Hier blühte schon der wilde Flieder und die Mandelbäume sowie viele verschiedene Blumen. Auch Kakteen gab es hier in Mengen. Ich löschte meinen Durst und entschied mich dann, doch noch weiter zum Plateau Point zu laufen, weil ich von dort aus den Colorado sehen wollte. So lief ich also in der Ebene etliche Kilometer zwischen Sträuchern, Büschen und Kakteen hindurch. Hier entdeckte ich riesige Faßkakteen, die dick und behäbig in der trockenen Landschaft standen, aber leider noch keine Blüten zeigten. Auch den Hegehogcactus entdeckte ich, der hier schon viele feuerrote Blüten trug. Schließlich hatte ich 10 Kilometer zurückgelegt und wurde dafür fürstlich belohnt mit einer einmaligen Sicht auf den Grand Canyon und den Colorado, der sich durch diese ungeheuren Felsmassen schlängelt. Ich war total überwältigt und mußte mich erst einmal hinsetzen und durchatmen, weil ich kaum glauben konnte, was ich sah. Erlaufen und erschwitzt bekam ich sehr wohl eine Beziehung zu diesem Canyon, und ich wunderte mich jetzt, wie ich am Vortag enttäuscht sein konnte. Jetzt war allerdings auch die Sicht ganz klar und alle Konturen scharf.
So saß ich eine Weile und schaute bloß. Und wieder kam ich mir so klein und ohnmächtig vor angesichts dieser großartigen Natur um mich herum. Ich empfand es als ungeheures Geschenk, daß ich hier sitzen und schauen durfte, und wollte mich bedanken, ich wußte bloß nicht, bei wem.
Dann machte ich mich gemütlich auf den Rückweg. Unterwegs begegneten mir jede Menge Reiter auf Mauleseln. Reiten konnte man das eigentlich nicht nennen, denn die armen Maulesel mußten ihre faulen Reiter im Schritt den Berg hinauf- und hinunter tragen.
Als ich an der Quelle beim Indians Garden ankam, trank ich soviel, wie ich nur konnte, weil es hier unten sehr heiß war und ich wußte, daß es "bis oben" nichts Trinkbares mehr gab. Als ich dann keuchend und schwitzend die ersten 300 Höhenmeter überwunden hatte, war meine Kehle total ausgedörrt, und ich verfluchte meine Unentschlossenheit, d.h. ich hatte einfach zu wenig Vorbereitungszeit gehabt, bei Rotel ging ja alles immer Zackzack. Sonst hätte ich mir das besser überlegt und sicher Trinkbares und auch andere Schuhe mitgenommen. Mit viel Anstrengung kämpfte ich mich weiter und war total fix und fertig und halbverdurstet, als ich endlich gegen 16.00 Uhr am Canyonrand angekrochen kam. Anders kann ich das nicht nennen. Meine Füße taten entsetzlich weh, aber die Militärsocken hatten wenigstens Blasen verhindert.
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Ich kann mich nicht erinnern, jemals so fertig gewesen zu sein und solch schmerzende Füße gehabt zu haben. Kaum war ich oben, ließ ich mich auf die nächstbeste Bank fallen und fror sofort wieder, denn hier oben war es immer noch empfindlich kalt. So zog ich all die Sachen wieder an, die ich im Laufe des Marsches so nach und nach ausgezogen hatte. Dann fuhr ich mit dem Shuttlebus zum Besucherzentrum, wo ich fast die Wasserhähne leertrank. Dann erst machte ich mich auf zu der Caféteria des Supermarktes, wo ich dann sündhaft viel trank. Aber trotz aller Mühe und Anstrengung war ich doch glücklich über dieses Erlebnis. Hätte ich den Grand Canyon nur von oben gesehen, er hätte sich mir bei weitem nicht so nachhaltig eingeprägt wie jetzt.
So nach und nach trudelte die ganze Gruppe ein. Alle, die ein Stück weit in den Canyon gelaufen waren, waren genau so kaputt wie ich. Und dann erfuhren wir zu unserem größten Erstaunen, daß der älteste der Gruppe, ein schmaler Mann Mitte siebzig, und einer in mittleren Jahren doch tatsächlich auf dem schwierigeren Weg bis ganz runter zum Colorado und zurück gelaufen waren. Dafür sieht man normalerweise zwei Tage vor. Der jüngere Mann hatte zu Hause wochenlang trainiert und Ausdauerübungen gemacht, während der ältere keinerlei Vorbereitungen getroffen hatte. Aber er teilte uns mit, daß er seit vielen Jahren jeden Tag 25 km in flottem Schritt zu Fuß läuft und sich nie satt ißt. Er hört immer dann auf, wenn er noch ein bißchen Hunger hatte. Er sagte, dann würde man nie faul und träge. Und ich muß zu meiner Schande gestehen, daß ich in Frankfurt am Flughafen, als ich ihn sah, Sorgen hatte, daß dieses schmale Männchen auch nur den Flug heil überstehen würde. Wie man sich doch täuschen kann! Später dann hat dieser durchtrainierte Mensch uns alle das Laufen gelehrt, keiner konnte längere Zeit mit ihm Schritt halten. Wir waren meist noch auf dem Hinweg, als er schon im Laufschritt zurückkam. Es war fast deprimierend und beschämend für uns Jüngere. Vielleicht ist an dem "nie sattessen" und dafür viel laufen doch was dran!
Am Abend gab es noch ein besonderes Bonbon: Sonnenuntergang am Grand Canyon. Es war wunderschön, wie die untergehende Sonne die Felsen in alle rot-goldenen Schattierungen tauchte, teilweise sogar hell- bis altrosa, einfach wunderbar. Während wir noch standen und schauten, wie die Sonne die Berge in vielfarbige Paläste verwandelte, hatte Reinhard schon wieder ein Süppchen gekocht, das wir wegen der Kälte und dem ständigen Wind im Bus löffelten. Danach fuhren wir zurück zu unserem Campingplatz, wo ich mir nochmal den tollen Film über den Grand Canyon anschaute und dann schlotternd vor Kälte in meine Koje kroch.
Die Landschaft, die wir nun durchfuhren, wurde geprägt von Ponderosa-Kiefern, und die 3600 m hohen Berge begleiteten uns weiterhin. Wir fuhren auf 2100 m Höhe, und draußen war es noch sehr winterlich und eisig. Kurz vor Flagstaff besuchten wir das Museum von Nord-Arizona.
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Vor dem Gebäude blühten die ersten Osterglocken, was uns sehr an heimatliche Gefilde erinnerte. Hier herrscht Hochgebirgsklima, das heißt im Sommer ist es angenehm, aber im Winter kann das Thermometer auf 30 minus absinken. Die Schneemengen sind beträchtlich. Wir schlotterten immer noch im eisigen Wind, hatten wir hier doch bereits wärmere Temperaturen erwartet. Aber die Höhenluft war gut, als wir kurz darauf am kleinen Oak Creek Canyon anhielten. Nachdem wir aber soviel Superlativen gesehen hatten, konnte uns so ein kleiner Canyon nur noch ein müdes Lächeln abgewinnen. Was sind wir doch für eine furchtbare Bande! Wie kann man nur so sensationslüstern sein!
Am nächsten Morgen waren es doch tatsächlich 10 über Null, als wir frühstückten. Um 8.00 Uhr starteten wir in Richtung Palm Springs über Blythe. Die Straße führte lange Zeit bergab, und wir ließen die letzte Hügelkette Arizonas hinter uns. Und dann kam erst die Wärme und danach die Hitze der Wüstenebene Zentralarizonas. Nahezu sämtliche Klamotten wurden ausgezogen und auf vorerst Nimmerwiedersehen fortgepackt, dafür wurden die Getränkeflaschen in Griffnähe gelegt. Und dann - endlich - sahen wir die ersten, langerwarteten Saguaros, jene riesigsten aller Kakteen, die bis zu 15 m hoch werden können. Diese - auch Kandelaberkakteen (Cereus gigantea) genannten - Stachelriesen verzweigen sich im Alter und blühen im Sommer mit einer Vielzahl stabiler, weißer Blüten. Selbst eine Taube kann sich auf so eine Blüte setzen, ohne daß diese abbricht. Wir fuhren noch ein Stück und durften dann im Kakteenland herumlaufen. Ich kriegte mich schier nicht mehr ein angesichts solcher Pracht. Überall Kakteen der verschiedensten Arten, teilweise sogar schon mit Blüten! Aber die riesigen Saguaros beeindruckten mich doch am meisten und ich machte viele Fotos davon. Seit vielen Jahren bin ich Kakteenfan und habe zu Hause eine bescheidene Sammlung, die mir doch Jahr für Jahr wieder viel Freude macht.
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Deswegen war es für mich natürlich ein ganz besonderes Erlebnis, viele der mir bekannten Arten hier in ihrer Heimat sehen zu können. Hier blühten auch die Ocotillos, die mit herrlichen, feuerroten Blüten an ihren Astenden geschmückt waren. Es gibt meines Wissens keine deutsche Bezeichnung für diesen Strauch, weil man ihn bei uns nicht kennt. Dazwischen wuchsen Palo Verde, zu Deutsch etwa: grüner Baum, weil die Rinde ganz grün ist. Es handelt sich aber mehr um einen großen Busch. Fast jeder der großen Saguaros, die bis zu 200 Jahre alt werden können, hat so einen Palo Verde als Amme. Als Sämling und junger Kaktus braucht er noch zeitweise Schatten, um keimen und anwachsen zu können. Daher findet man tatsächlich bei jedem Saguaro so einen Ammenbaum.
Dann ging die Fahrt weiter und Karl erzählte uns, daß die Siedler vor hundert Jahren für die gleiche Strecke, die wir heute fahren, etwa 3 - 4 Wochen gebraucht haben mit ihren Ochsenkarren durch unebene Wüste. Damals hätte man bestimmt nicht geglaubt, daß hier eines Tages Rotelbusse auf guter Straße durchschnurren würden.
Endlich sahen wir dann auch den langersehnten Roadrunner über die Straße rennen, und der ganze Bus johlte und jubelte. Lange hatten wir auf diesen merkwürdigen Vogel gewartet, der auch Wüstenclown und Erdkuckuck genannt wird, weil er oft lange vor einem Fahrzeug herrennt, anstatt wegzufliegen. Er läuft einfach lieber als daß er fliegt. Er hat ein lustiges, keckes Gesicht, und man muß unwillkürlich lachen, wenn man ihn so rennen sieht. Fast alle im Bus hatten den tollen Film über den Roadrunner gesehen, der einige Wochen zuvor im ZDF von den bekannten Tierfilmern Arendt und Schweiger gezeigt wurde. Auf jeden Fall hatten wir jetzt einen Mordsspaß daran, diesen im wahrsten Sinne des Wortes ulkigen Vogel in natura zu erleben. Und dann stöhnten wir wieder, diesmal vor Hitze. Uns soll es mal einer recht machen!
Vom Pool aus hatten wir einen herrlichen Ausblick auf schneebedeckte Berge, den Mount Jaconto und den Mount Gorgonio. Während wir hier also im warmen Pool schwammen, konnten andere oben auf den Bergen skifahren. Dieser Campingplatz kam uns wie eine Oase vor, hier war alles herrlich grün und voller Blüten, die uns begeisterten. Ganze Hecken von Oleander und Bougainvilleen säumten die Zäune und Mauern der Anlage. Am nächsten Morgen konnten wir doch tatsächlich die Butter s t r e i c h e n, Donnerwetter, das haben wir lange nicht erlebt. Es war schön warm, und wir freuten uns über das laue Lüftchen. Nicht viel später, stöhnten wir unter der Hitze. Wir starteten bald zum Joshua Tree Nationalmonument.
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Hier blühten diese seltenen Yuccas, deren Äste so aussehen, als würden sie die Arme zum Himmel recken. Im Hidden Valley - verstecktes Tal - unternahmen wir eine kleine Wanderung. Hier haben sich früher die Viehdiebe und sonstige Gauner versteckt gehalten, und es ist tatsächlich ein schwer zugängliches Labyrinth aus Granitblöcken mit vielen "Sackgassen". Sogar einige von unserer Gruppe tappten herum und suchten den Ausgang. In diesem Tal blühten die Hedgehog-Kakteen in feuerrot und in ganzen Gruppen, daß es eine Pracht war. Ich war total begeistert von diesem Fleckchen Erde.
Dann ging es weiter nach Palm Springs, wo über 1000 Millionäre leben. Die kleine Stadt ist eine Oase in der Wüste, aber hauptsächlich im Winter bewohnt, weil es hier dann angenehm ist. Jetzt, im April, wurde es schon granatenheiß, und die Leute zogen nach und nach wieder in kühlere Gefilde. Daher hatten die Klamottenläden oder besser: Geschäfte und Boutiquen mit Edel-Kleidung - nun so eine Art Schlußverkauf. Das kam mir doch komisch vor, aber ich erstand tatsächlich ein flottes Top, das ich auch sofort anzog. Und es war von guter Qualität, denn ich zog es noch 12 Jahre später bei der Gartenarbeit an! In Palm Springs machten wir Mittagspause, und ich verdrückte einen 12 Marks-Hamburger. Hier war eben alles ein bißchen teurer und nobler, und der Hamburger war echt gut! Die exclusiven Läden hatten wirklich sehr schöne und ungewohnt geschmackvolle Sachen zu Wahnsinnspreisen. Und hier fanden wir dann auch die mageren oder besser dürren, reichen Frauen in edlen Klamotten. Mager ist in diesen Kreisen eben "in". Es ist noch gar nich so lange her, da galt ein Bauch als Wohlstandssymbol, und in vielen Ländern der Erde ist das heute noch so.
Schließlich saßen wir schwitzend im knackheißen Bus und schnauften Richtung Los Angeles, das uns mit Feierabendverkehr empfing. Aber ich staunte mal wieder über die Ruhe und Disziplin der Amis. Hier fuhren sie in 8 Spuren, aber es entstand weder Hetze noch Gehupe oder Stau. Als wir wieder im Vacationland, unserem Campingplatz vom Start der Reise her, ankamen, fühlten wir uns fast wieder zu Hause. Nach Spaghetti Bolognese hockten wir noch eine Weile bei unserem letzten Rotwein um den Bus herum und tauschten unsere Ansichten aus.
Der nächste Tag stand zur freien Verfügung, und ich hatte mich aufgrund des Reiseführers für die ziemlich unbekannte Insel Santa Catalina entschieden, die sehr schön sein sollte. Ich würde zwar auch gerne einen Tagesausflug nach San Diego machen, aber alles ging nun mal nicht, und nachdem ich erfahren hatte, daß mich nicht nur eine sehr schöne Schiffstour, sondern auch ein besonders empfehlenswerter botanischer Garten auf Catalina erwarten würde, entschied ich mich also dafür. Und das habe ich wirklich nicht bereut, denn es war ein traumhaft schöner Tag, der diese Reise ganz toll abgeschlossen hat. Wir wurden mit den jeweiligen Bussen am Campingplatz abgeholt und zum zentralen Busbahnhof gebracht, von wo aus jeder in seine gewünschte Richtung umsteigen konnte. Schließlich kam ich in Long Beach am Hafen an, sah erst einmal das riesige Passagierschiff "Queen Mary", das heute als Museum, Hotel und Restaurant dient und wahrhaftig gigantisch ist und stieg dann auf das Schiff "Catalina King", das mich in zweistündiger Fahrt über tintenblauen Pazifik zu der wunderschönen Bucht von Avalon brachte. Avalon ist die einzige Stadt auf dieser 30 km langen Insel, die 40 km vom Festland entfernt liegt. Hier wohnen viele reiche Leute wegen des angenehmen, mediteranen Klimas.
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Ich stiefelte ein bißchen durch die verträumten Gäßchen und Straßen. Hier standen auch lauter kleine, romantische Holzhäuser mit Erkern und Veranden, und ich hätte mich am liebsten hier eingemietet, denn hier würde ich auch gerne den Winter verbringen. Aber wenn ich nicht doch noch im Lotto gewinne, werde ich mir das selbst im Rentenalter nicht leisten können, wenn ich wenigstens die Zeit dazu hab.
Im Besucherzentrum besorgte ich mir einen Plan der Insel und lief dann etwa 3 km bergan. Auf dem Weg zum botanischen Garten kam ich an einer Ranch vorbei, auf der mindestens 50 Pferde in den Koppeln standen. Etliche standen gesattelt vor dem Stallgebäude, und mir zuckte es doch in den Beinen. Die Insel zu Pferd zu erkunden, muß ein Vergnügen sein, aber da ich nicht wußte, wieviel Zeit ich für einen Ritt brauchen würde, ließ ich es doch sein. So kam ich bald zum botanischen Garten, der mein Herz wahrlich höher schlagen ließ, denn hier fand ich alles, was einen Kakteenliebhaber freut. Und außer den seltenen Exemplaren fand ich auch riesige Kugelkakteen in voller Blüte (Grusonii und Ferocactus), ein echtes und seltenes Erlebnis für uns Europäer. Ich bin sicher ein Dutzend mal auf und ab gelaufen, bis ich fast jeden Kaktus von den vielen hundert kannte und war restlos begeistert, zumal außer mir keine Menschenseele weit und breit zu sehen war. Es kam mir geradezu paradiesisch vor.
Schließlich ging ich langsam wieder zurück zum Hafen und freute mich an den vielen kleinen Elektroautos, die hier herumfuhren, denn normale Benzinautos sind hier verboten. Der Gipfel war allerdings der Golfplatz, auf dem die Amis ebenfalls mit kleinen Elektrowägelchen rumfuhren anstatt zu laufen. Was daran noch sportlich sein soll,muß mir erst jemand erklären.
Schade, daß ich nicht mehr Zeit hatte, diese Insel hätte ich gerne ausgiebig und rundum erkunden mögen, und das zu Pferd. Vielleicht ist es mir vergönnt, dies eines Tages nachzuholen.
Abends, nach herrlicher Seefahrt, brannte mein Gesicht von der vielen Sonne, aber ich hatte auch eine tolle Farbe bekommen. Ich war restlos glücklich wie selten im Leben und werde diesen Tag sicher nie vergessen.
Aber keine Freude bleibt ungetrübt, denn es war der letzte, der Abschiedsabend, und zum Abschiedsessen gab es Riesensteaks mit diversen Salaten und literweise Wein. Und siehe da, auf einmal wurden alle ganz lässig und locker und lustig, und es kam eine Bombenstimmung auf. So hätte es schon längst sein müssen, also brauchten die Leute den Alkohol wohl doch, wenn sie sonst nicht fröhlich und locker sein konnten. Auf jeden Fall war es ein sehr lustiger und gelungener Abschiedsabend, der nur durch die Tatsache getrübt wurde, daß es am nächsten Morgen schon um 5.15 Uhr Frühstück für alle gab, weil wir einen Großteil der Gruppe zum Flughafen bringen mußten, die noch eine Woche Hawaii zusätzlich gebucht hatten.
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Ich fand den Preis für eine Woche Hawaii für meinen Geldbeutel zu hoch, wäre aber furchtbar gerne noch geblieben. Aber alles geht einmal zu Ende, und sehr schweren Herzens packte ich am nächsten Morgen nach dem frühen Frühstück meinen Koffer, der viel schwerer war als zu Beginn der Reise durch die vielen Hefte und Bücher, die ich gekauft hatte.
Die beiden Reiseleiter waren mit der Hawaii-Gruppe geflogen, so daß sich nun die beiden Fahrer um uns übriggebliebene Heimfahrer kümmern mußten. Ich war traurig und nachdenklich, weil ich mich noch gar nicht an den Gedanken gewöhnen mochte, daß nun diese phantastische Reise schon wieder zu Ende sein sollte. Ich hätte noch wochenlang so weiterziehen mögen. Die Zeit war so unglaublich schnell vergangen, und ich hatte mich ein ganzes Jahr lang darauf gefreut und vorbereitet.
Aber Albert und Reinhard gaben sich wirklich alle Mühe, uns noch einen schönen Morgen zu gestalten. Wir fuhren zur Queen Mary und anschließend zur Fisherman’s Wharf von Long Beach, die ich noch schöner und interessanter fand als die in San Francisco. Der Hafen von Long Beach ist riesengroß, und dort lagen auch gigantische Schiffe vor Anker. Direkt vor uns lag ein Frachter aus Japan, aus dessen Bauch 6.500 Autos herauskamen. Ein Wahnsinn!
Schließlich mußten wir zum Flughafen aufbrechen. Dann großer Abschied, und dann verlor sich alles im Flugzeug, weil unsere Plätze verstreut waren. Nach zehnstündigem, zermürbendem Rückflug nach Frankfurt, landeten wir bei Sonnenschein, was mich sofort versöhnte.
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Es blühte und grünte überall, und dann freute ich mich doch auf zu Hause, wo mich der Garten mit 700 blühenden Tulpen und Narzissen empfing.
Dies war meine bis dahin absolut schönste Reise, die sich mir unauslöschlich eingeprägt hat. Amerika, ich komme wieder!
Wir überquerten mal wieder den Colorado und kamen gleichzeitig zur Grenze von Kalifornien. Durch die Bewässerung durch den Colorado war die Wüste plötzlich zu Ende und wich einem fruchtbaren, grünen Land. Welch inzwischen ungewohnter Anblick das doch war! Hier wuchsen Palmen und schaukelten ihre Köpfe im Wind. Aber wir waren wohl durch so eine Art Oase gefahren, denn kurz danach hatte uns die Wüste wieder, und die Temperaturen im Bus stiegen auf 35. So fuhren wir direkt zu unserem Campingplatz, weil der einen Swimmingpool zu bieten hatte, der uns jetzt mehr reizte als das Joshua Tree Nationalmonument, das wir uns am nächsten Tag ansehen wollten. Kaum waren wir ausgestiegen, waren die ersten schon im Pool unter Palmen. Für unsere Körper waren diese extremen Temperaturunterschiede innerhalb so weniger Stunden sicher nicht ideal, aber wir haben es gut weggesteckt.
Wir fuhren dann lange Zeit am Oak Creek Canyon entlang, der erst so nach und nach seine wahre Schönheit zeigte. Je mehr wir in niedrigere Höhenlagen kamen, desto frühlingshafter wurde es auch. In Sedona, das im Wildweststil mit Saloons usw. erbaut wurde, blüten die Forsythien und der Flieder.
Weiter ging es zu Montezumas Castle, einem in den Felsen gebauten Haus der Anasazi-Indianer. Dieses Montezuma Castle ist eines der schönsten Pueblos, die es noch gibt. Und hier wurde es auch warm, und unsere Knochen tauten langsam wieder auf. Dann fuhren wir durch die wilde, ursprüngliche Landschaft Arizonas, und ich war unheimich guter Laune. Den Weg, den wir nun einschlugen, ist vorher noch kein Rotelbus gefahren, also wieder eine Jungfernroute. So kamen wir nach Jerome, einem kleinen, verträumten, schmuddeligen Örtchen hoch oben am Berg. Hier in den Bergen wurden große Kupfervorkommen abgebaut, dadurch entstand auch dieses Städtchen. Als kein Kupfer mehr zu holen war, wanderten die Leute ab. In den letzten 20 Jahren siedelten sich hier Künstler, Träumer, Aussteiger und andere Individualisten an. Wir bummelten die Straße auf und ab, tranken Kaffee und ließen den eigenartigen Zauber dieses Örtchens auf uns wirken. Dann fuhren wir wieder auf 2.200 m hinauf, um auf der anderen Seite in Serpentinen wieder hinab zu fahren nach Prescott, der früheren Hauptstadt Arizonas. Wir kamen ins Prescott-Tal, wo wir beim Lake William in 1500 m Höhe übernachteten und schon wieder jämmerlich froren. Hitze, wo bleibst du?
Am folgenden Tag schien zwar schon in aller Frühe die Sonne, aber es war erbärmlich kalt. Nachts waren es fast 10 minus, und wenn man dann bei 8 minus im Freien frühstücken soll, macht auch das Butterhacken keinen Spaß mehr. Der eisige Wind sorgte dafür, daß wir ganz schnell fertig waren und uns in den Bus verzogen. Heute fuhren wir Richtung Süden, wo uns eine tolle Hitze versprochen wurde. Die konnten wir nach soviel Kälte auch gut gebrauchen und träumten schon vom Sonnenbaden.
Der nächste Tag war Ostersonntag! Ostersonntag am Grand Canyon, das war schon eine Sache! Mir fiel ein, daß ich sechs Jahre zuvor am Ostersonntag in Benares war, was mir ebenfalls unvergeßlich bleiben wird. Karl und Reinhard verteilten auf Papptellern bunte Ostereier und Kuchen, worüber wir uns wie die Kinder freuten. Wir aßen bei fast 10 minus ganz rasch und schlotternd unser Ostermahl und wurden dann vom Bus am Rand des Canyons abgesetzt. Dieser Tag stand zur freien Verfügung und jeder konnte machen, was er wollte. Als Waage-Mensch hatte ich mal wieder die Qual der Wahl und kämpfte mit meinem inneren Schweinehund, ob ich nun faul am Rand des Canyons entlanglaufen sollte oder mich nicht doch lieber ein Stück hinab trauen sollte. Karl hatte uns eindringlich eingeschärft, auf jeden Fall genug Trinkbares mit hinunter zu nehmen, weil es dort absolut nichts mehr zu kaufen gäbe und der Flüssigkeitsverlust enorm sei. Nun stand ich also mit meiner schweren Tasche samt Kamera und 1000 Kleinigkeiten von rund 5 kg am Rand und kämpfte mit meiner Faulheit. Aber schließlich siegte doch der Reiz des Unbekannten, und obwohl ich weder Trinkbares noch die erforderlichen Wanderschuhe, sondern nur Joggingschuhe trug, begann ich also mitsamt der schweren Tasche meinen Abstieg in den Canyon. Wenigstens eine halbe Stunde wollte ich hinablaufen und neue Eindrücke gewinnen.
Danach kamen wir durch die Painted Desert - die gemalte Wüste - weil das Gestein hier in unglaublichen Farben von fast Weiß über beige und rot bis zu grün und schwarz leuchtet. Für uns ein wunderschönes Bild, für die Indianer eine Trostlosigkeit, denn im Sommer ist es trocken und unerträglich heiß, während im Winter die Temperaturen auf minus 25 absinken. Hinzu kommt ein unablässiger Wind.
Auf einer Nebenstraße fuhren wir dann weiter durch das Navajo-Reservat, um einen Blick hinter die berühmten Film-Kulissen zu werfen. Im Bus waren es 32, und wir wurden sehr schläfrig, als wir durch endlose, eintönige Halbwüste dahinfuhren, um schließlich den Canyon de Chelly zu erreichen, von dem ich zuvor noch nie etwas gehört hatte. Er ist etwa 300 qkm groß und wunderschön. Nachdem wir im Besucherzentrum wieder alle möglichen Informationen erhalten hatten, zogen wir los. Von einem Plateau aus sahen wir tief in den Canyon hinab, aus dem 224 Meter hohe Felssäulen emporragen, unten fließt der Rio de Chelly, und am Ufer grasten Wildpferde, die man von hier oben gerade noch wie Spielzeugpferdchen erkennen konnte. Wir fuhren zu verschiedenen Aussichtspunkten und genossen immer wieder neue Ein- und Ausblicke, die uns begeisterten.
Wir fuhren in den Teil des Parks, wo die Sonne aufging und die Säulen des Bryce Canyon am schönsten beleuchtete. Sämtliche Rosatöne sind hier zu finden, und es war wirklich ein atemberaubendes, phantastisches Schauspiel. Wir liefen den Navajo-Trail hinab durch diese unglaublichen Felsformationen, und da die Sonne auch bald wieder schien, war es ein schöner und hochinteressanter Spaziergang. Zwar lagen überall noch Schneereste, aber der Frühling war doch schon überall zu ahnen. Immerhin befanden wir uns in 2400 Metern Höhe, da dauert es auch bei uns etwas länger. Die Sandsteinsäulen des Bryce Canyon sind durch Erosion entstanden und ziehen sich etwa 30 - 40 Kilometer durch die Landschaft, sie sind einmalig.
Nach unserer Wanderung fuhren wir zum Mittagessen wieder zum Campingplatz zurück. Der See taute langsam auf, und wir saßen in der Sonne und froren überhaupt nicht mehr. Dann setzte sich unser Rotel wieder in Bewegung, und auf ging es zum nächsten Nationalpark, dem Capitol Reef Nationalpark, und zum allerersten Mal fuhr ein Rotelbus diese Strecke.
Wir kamen durch ein wildes, ursprüngliches Gebiet, ein großenteils wegeloses, halbwüstenhaftes Gelände, das kaum oder gar nicht besiedelt ist. Utah ist einer der interessantesten Staaten der USA mit sehr abwechslungsreicher Landschaft. Ab und zu sahen wir Rudel der häufig vorkommenden Maultierhirsche, die wegen ihrer großen Eselsohren so genannt werden. Dann tauchten ab und zu ein paar Äcker der Mormonen auf und sonst sahen wir keine Menschenseele. Dafür aber Berge ringsheruum, die alle um 3500 Meter hoch sind. Wir schraubten uns auf einen Paß in 2.800 Metern Höhe hinauf, und hier lag teilweise wieder viel Schnee. Aber da die Sonne schien, sahen die kahlen Espenwälder sehr schön leuchtend aus. Nach einer Fahrt durch völlig unbesiedeltes Gebiet kamen wir schließlich zum Capitol Reef Nationalpark, der etwa 1000 qkm groß und doch noch recht unbekannt und unerschlossen ist. Er hat eine Nordsüdausdehnung von 200 km, besteht aus Halbwüste und ist völlig unbesiedelt. Unser Campingplatz lag am Fremont River bei einer Plantage aus blühenden Aprikosenbäumen. Durch die Schneeschmelze führte der Fluß viel Wasser, das schon einige Teile des Uferweges weggerissen hatte. Auf einem ersten Spaziergang entdeckten wir wieder Maultierhirsche und ein Murmeltier. Nach unserem Rotelsüppchen wurde es jedoch wieder schnell kalt, und wir verzogen uns recht früh in unsere Kojen.
Das Frühstück am nächsten Morgen konnten wir ohne Minusgrade genießen, obwohl die Holzbank, auf der wir saßen, so eisig war, daß ich hinterher fast kein Gefühl mehr in meinem Hinterteil hatte. Aber kurz danach waren wir wieder mit Bergschuhen und Zwiebelklamotten - also mit etlichen Kleidungsstücken übereinander - gut gerüstet und starteten zu einer ausgedehnten Wanderung im Capitol Gorge, wie dieser Teil des Nationalparks heißt.
Am nächsten Morgen fanden wir dicke Eisblumen an unseren Kojenfenstern und schlotterten schon wieder. Es war 8 minus hier, und am Tag zuvor hatten wir in der Hitze Nevadas geschwitzt. Aber gut geschlafen hatte ich dennoch. Lieber Kälte als diese Wahnsinnshitze, die ich auf früheren Reisen schon fürchten gelernt hatte.
Reisebericht aus dem wilden Westen