Steinbeil und Handy - Kulturen, Menschen und Landschaften
Reise vom 08.08. - 03.09.2000 (teilweise organisiert von Sea New Guinea PTY, Sydney, Heidi Uhlig)
Dieses Reiseziel war erstrangig der Traum Petras, aber natürlich interessierte ich mich auch für die abenteuerliche Insel am Ende der Welt. Mit Jürgen und Herbert, die sich von Nepal her kannten, planten wir diesen Urlaub.
Wegen fehlender Infrastruktur im Land ließ sich ein Erkunden ohne vorheriges Buchen von Transportmitteln nicht machen, es sei denn, der Zeitfonds ist nicht begrenzt.
Reiseveranstalter warben mit Programmen, die sie teils auch wegen uns änderten, waren aber zu teuer. Das Fremdenverkehrsamt PNG in Frankfurt nannte mir eine Adresse in Sydney und folgend e-mailte Jürgen mit dieser deutschen Heidi, bis eine passable Variante gefunden war. (Als er sie überraschend während seines Austra- lienurlaubes aufsuchen wollte, war sie leider im Urlaub.)
Vor Abreise trafen wir uns an einem Wochenende im Hildeweg, um uns gegenseitig mit Herbert bekannt zu machen.
Dann folgten noch diverse Vorbereitungen, die gefälligen Nachbarsleute übernehmen die aufwendige Pflege des Gartens mit seinen hunderten Blumentöpfen, außerdem gibt es eine reichliche Obsternte in diesem Jahr, um die sich Tante Ursel kümmert. Beruhigt kann man also im Sommer vier Wochen verreisen; zeitlich ungünstig, jedoch wir waren wegen des Mt. Hagen-Festes an den Termin gebunden.
Papua-Neuguinea, die zweitgrößte Insel der Erde, liegt nördlich von Australien im Pazifik und umfaßt eine Fläche von 810 000 km². Die Westhälfte ist seit 1969 von Indonesien kolonialisiert (Irian Jaya), während der östliche Teil ab 1975 ein selbständiger Staat der Papuas ist (Monarchie im Commonwealth). Mit 463 000 km² ist dieser etwa ein Drittel größer als Deutschland, hat aber nur ca. 4 Mio. Einwohner und das sind zur Hälfte Kinder. Die größte Stadt ist die Hauptstadt Port Moresby .
Im Jahre 1526 beschrieb Kapitän Meneses die Ähnlichkeit der Inselbewohner mit denen von Guineas in Westafrika.
1884 teilten Deutschland und Großbritannien den östlichen Teil der Insel in noch heute bestehende Provinzen auf.
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1920 übertrug der Völkerbund Australien dessen Verwaltung, die noch heute starken Einfluß hat. Erst 1927 gelang Europäern die Inseldurchquerung. 1942 wird PNG von Japan besetzt. Zwei Jahre später wird es im Pazifik-Krieg von australischen und amerikanischen Truppen zurückerobert.
Die Landessprache ist Englisch, häufig Pidgin und Hirimotu umgangssprachlich gesprochen, dazu noch ca. 700 weitere!
Durch die späte Erschließung und Unwegsamkeit im Landesinnern haben sich Natur- und Kunstschätze, Naturreligionen, Sprachen und noch nicht zivilisationsgeschädigte Bevölkerungsstämme erhalten. Die Hälfte des Territoriums ist gebirgig, mit zig Arten von Regenwäldern bedeckt!, es sind die meisten Arten von Orchideen, Schmetterlingen, Paradiesvögeln und Schlangen dort zu finden. Ebenso 20 000 verschiedene Blütenpflanzen, viele edemisch oder die schönsten Riffe - zumindest lt. Reiseführer.
Die Währung heißt Kina und wird zur DM etwa 1:1 getauscht.
Die Papuas begrüßen die Sonne 8 Stunden früher als wir zur Sommerzeit, wenn sie überhaupt in Deutschland scheinen sollte.
08.08.2000
Das Taxi fährt uns nach 6 Uhr zum Bahnhof. Für 1 DM nehmen wir den Zug nach Frankfurt.
Trostloses Sommerwetter seit Sommersanfang, es ist grau und neblig, die Regentropfen rinnen waagerecht am Fenster vorbei.
In der Abfertigungshalle treffen wir uns, erwartungsvoll, gutgelaunt und sind froh, das schwere Gepäck loszuwerden.
09.08.2000
Um Mitternacht geht die Sonne auf. Wir frühstücken und zielen auf Hong Kong. Schwüle Wärme schlägt uns beim Verlassen des Flugzeuges wie ein Vorhang entgegen. China hat einen monströsen Flughafen zu seinem Territorium bekommen.
Wir haben die Möglichkeit, und dürfen bis zum Weiterflug den verbleibenden Tag zur Stadtbesichtigung nutzen. Dieses hätte ich von den Chinesen nicht erwartet. Per nob-ler Schnellbahn und Bus fahren wir in die Stadt, das Ticket erlaubt nach Stationsplan mehrfach aus- und einzusteigen. Die Menschen sind äußerst freundlich und ungewohnt hilfsbereit. Doch zuerst fahren wir über die längste Hängebrücke der Welt, vom Zug aus sieht man es aber nicht, danach durch Tunnel, durch Bauwerks- und Beton-Canyons. Der Bus quält sich durch den flutenden Verkehr, über Brücken und Straßen in verschiedenen Ebenen, an Betonböschungen, Hochhäusern und an Menschenmassen vorbei. Hier ist jeder Quadratmeter bebaut, man sieht nur Hochhäuser, alle über 20 Geschosse hoch, vor den Fenstern hängt Wäsche oder Stückgut. Innen ist kein Platz dafür.
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Von der ersten Station gelangen wir zur Taoistischen Tempelanlage der Gottheit „Wong Tai Sin“, sie ist stark frequentiert: Schaulustige und Gläubige drängen sich, überall qualmen Räucherstäbchen, werden Gebete gerufen und von Wahrsagern Stäbe geschüttelt. Es ist so sengend heiß und schwül, einige Informationen gehen verloren.
Zweitens sehen wir den Alten Wunschgarten „Kowloon Walled City“, sehr schön angelegt mit vielen exotischen Pflanzen, Schmetterlingen und Blüten. Im Schatten ruhen wir etwas. Unausgeschlafen, die Kleider kleben am Körper, quellend rinnt das Wasser zwischen Hemd und Haut, weitere Neugier wird gelähmt. Sehnsüchtig nähert man sich dem wohlig-klimatisierten Bus, nach 20 Minuten steigen wir leider am Hafen aus und sehen nun die endlose, faszinierende Silhouette HK über dem Wasser: dichtgedrängt Hochhäuser und Türme aus allen geometrischen Gebilden und Formen wie Kulissen eines Phantasiefilmes. Die Stadt vollgepfropft mit sich drängenden Hotels, Geschäftshäusern, Passagen, pulsiert in einem hektischen Flair: stauender Autoverkehr, Abgase, Lärm, Staub, Gerüste, Baumaschinen, Bauzäune, aufgerissene Erde, Schiffshupen, ständig anfliegende Flugzeuge und hastende Menschen.
Bis Mitternacht hängen und lümmeln wir noch herum, dann fliegen wir in 12 600 m Höhe über die Philippinen durch die Nacht Richtung Cairns. Die Monitore an jeder Rückenlehne zeigen die Position des Flugzeuges auf der Karte, die Geschwindigkeit, Windstärke, Temperatur und Zeit an. Die Passage des Äquators wird verschlafen.
Die Sonne geht über Australien auf, beleuchtet die Coralsee, Berge und schließlich Cairns. Auf den Heckflossen der Flugvögel sind Känguruhs gemalt. Guten Morgen, roter Kontinent! Nach Morgentoilette und Frühstück warten wir auf den nächsten Flug. Hier riecht es wie in Neuseeland, nach Leder und Eukalyptus? Die klimatisierten Räume sind unbehaglich, viele Japaner wuseln durch die Gegend.
Pünktlich geht es nach Port Moresby. Unter uns schimmern blaugrünleuchtende Koralleninseln. Es gibt viel Papier auszufüllen und schnell zu essen.
10.08.2000
Gott sei Dank, wir sind da! Steifbeinig, nach knapp 20 Stunden Flugzeit, staksen wir zum Hafengebäude, es ist schön feuchtwarm. Zunächst bekommen wir ein neues Visapapierchen auf das vorhandene geklebt und erhalten erstaunlicherweise unser Gepäck! Zwei nette schwarze Männer mit klobiger Nase und Badelatschen händigen uns Papiere und Voucher aus. Sie halten einen Zettel, auf dem unsere Namen stehen, in den Wind.
Es wird gleich Geld getauscht, einfacherweise etwa 1:1 gegen Kina. Ein Minibus nimmt uns samt Gepäck auf, und die zwei englisch schnatternden Schwarzen fahren im Linksverkehr zur Küste. Aus den Fenstern gibt es nur armselige Hütten, unzählige Autowracks, Zivilisationsmüll und kaschierend hübsch blühende Bougainvilleas zu sehen.
Über einen klapprigen Bootssteg besteigt man ein kleines Motorschiff, welches uns zum übernächsten Inselchen tuckernd bringt. In der Luft hängt der Geruch von abgebrannten Gras, die Rauchfahnen stehen über den Hügeln.
Loloata Island empfängt uns bei abendlichen warmen Licht, frischer Brise von See und emsigbereiten schwarzen Händen. Ein schmuckes komfortables Holzhäusel auf Stelzen wird zugewiesen, inklusive Seeblick über Mangroven und Feigenbäumen, gerahmt von Bergen des Hochlandes, seltene Vogelstimmen, Grillenzirpen - Mensch, was willst du mehr! Die Sonne geht unter, dabei im warmen Wasser zu baden, gibt uns den Rest zum Glück hinzu. Das Abendessen kommt vom Grill, es gibt Wein und Obst und einen bemerkenswert lukullischen Reis in Kokosmilch bereitet. Die lauten Amis am Nachbartisch stören die beschauliche Stimmung.
11.08.2000
Die aufgegangene Sonne glitzert über dem Wasser und blendet, wenn der herrliche Morgenblick genossen werden will. Nach dem Frühstück jagen wir auf einem kleinen Motorboot, heftig auf den Wellen hüpfend, einer kleinen Insel zu.
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Dieses kristallklare Wasser! Wir haben uns Schnorchelausrüstung ausgeliehen. Also los, bei +27° C Wasser- und +29° C Lufttemperatur ab ins Reich Neptuns! Das Hineinsteigen ist beschwerlich am steinigen Korallenstrand, aber dann eröffnet sich eine farbenprächtige Vorstellung: unzählige bunte Fische aller Formen streifen um vielgestaltig gezeichnete Korallen, auch Seesterne entzücken das Auge. Steil fällt das Ufer im Wasser ab, zwischen den Kalkstöcken tummeln sich die Schwärme, zutraulich, neugierig. Einige Fische wirken wie maskiert, grelleuchtende Farben und eigenartige Bewegungen. Einer balzt um meine bunten Badeschuhe, einer stippst an die Beine und dann ziehen sie wieder in den dunklen, undurchschaubaren Abgrund. Fasziniert wie der Blick durch ein Fenster in eine andere Welt, muß man sich gewaltsam losreißen, denn die Haut wird mittlerweile faltig wie bei einem Reptil.
Einheimische treiben in Ketten im Wasser stehend durch Händeklatschen die Fische zusammen. Mittags holt uns das Boot zum Essen, höchste Zeit, denn die Sonne hat längst das Fell versengt!
Es gibt auf der Insel bei einem Spaziergang Tiere zu entdecken: eine halbzahme Kronentaube (70 cm groß!), Wallabies, Baumkänguruhs und eine Seeschlange. Jetzt zur Ebbe ist es möglich, die Insel auf ihrem scharfkantigen Korallenstock zu umrunden. In Restlöchern fotografieren wir verschiedene Krabben, Klippenspringer, Muscheln, gehäuselose Schnecken, massig Seesterne.
Wir baden noch, schwierig über Steine ins Wasser zu kommen. Der erhoffte Sonnenuntergang ist weniger schön als am Vortag, Pech für Fotofreunde.
12.08.2000
Vernünftig betrachtet ist es gut, daß heute Meer und Himmel grau sind, weil die Haut rot ist. Es wird wieder auf der kleinen Insel geschnorchelt und in diese Traumwelt aus Salzwasser eingetaucht.
Am Nachmittag erklimmen wir die Insel, sie hat vielleicht 60 m Höhe und genießen schöne Blicke ohne Sonne.
Ungewöhnlicherweise regnet es am Abend nach dem Grillen, „zu dieser Jahreszeit“, sagt der Chef des Hauses.
13.08.2000
Tiefschwarze Nacht herrscht noch, als wir 5 Uhr aufstehen. Per Boot und Auto gelangen wir zum Flughafen. Heute freuen wir uns auf die „Huli-Wigmans“, die Perückenmänner im Hochland. Nach dem Blick auf Berge, einzelne Hütten, Urwald ohne Wege landen wir in Tari. Durch den Drahtzaun blicken hunderte Augen federgeschmückter Eingeborenen. Ich weiß nicht, wer erstaunter dreinblickte? Halbnackte beladen eine Schüttel von Lieferwagen mit unserem Gepäck (ein Hotelbus war uns offeriert worden), dann klettern wir mittenrein. Eine abenteuerliche Fahrt auf schlechtem Weg, über „Brücken“ mit aufgelegten polternden Brettern, vorbei an winkenden Menschen, Hütten hinter Lehmböschungen, tropischen Obstbäumen, meterhohen gelben Blumenstauden und Cordyline bergauf und ab. Jürgen fragt, was eigentlich diese Menschen zum Mahl von Europäern trinken, ... Rotwein?
Dann Halt in einer Lichtung. Menschen, angemalte Kinder kommen angerannt. Wir schütteln Hände und sollen folgen. Gepäck wird uns abgenommen. Einen glitschigen Pfad eiern wir bergauf, dieser endet schließlich an drei Bambushütten im Wald. Hulis begrüßen uns. Es wurden Tagethes an die Hütten gesteckt und welche in eine Blech-dose. In einem Haus werden uns Schlafstätten (Bambuspritschen) gezeigt, in einem anderem qualmt ein Feuer, hier bekommen wir zu essen und trinken.
Danach geht es bergauf, bergab, über Gräben liegende Baumstämme balanciert, auf rutschig-lehmigen Pfaden in eine Siedlung. Zuerst begrüßt uns händeschüttelnd der Dorfälteste.
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Hundert Kinder rennen nebenher, Erwachsene begleiten uns barfuß. Alle freuen sich, beobachten genau, lachen, hüpfen, staunen. Hier ist der Teufel los: angemalte Gesichter, geflochtene Haare mit Schmuckwerk, Regenschirme ...
Ungebändigte Kinder werden ermahnt, sich angemessen zu verhalten. Nach diversen lustigen Szenen geht es zurück.
Während wir bei Tee in der Hütte sitzen, geht der nachmittägliche Tropenregen nieder. Ehe die kurze Dämmerung hereinbricht (18 Uhr geht die Sonne unter, 6 Uhr wieder auf), gehen wir noch zu den Schilfhäusern des Lumuria-Village unterhalb. Mit Interesse werden die angebauten Pflanzen betrachtet (Taro, Baumtomaten, Bananen, Ananas, Gartenblumen wie bei uns). Nach und nach kommen alle Eingeborenen
heraus, verlieren langsam ihre Zurückhaltung. Zeigen wie Pfeil und Bogen gehandhabt werden, wie eine Steinaxt gefertigt wird, wie das selbstgebaute Gewehr funktioniert, wie Perücken geflochten werden. Hier wohnt auch der Lehrer dieser Gegend, er dolmetscht und fragt uns, ob wir aus Ost- oder Westdeutschland gekommen sind (!).
Zuletzt schüttelt uns noch der Dorfälteste die Hände, klein, mager, wettergegerbt. Leichter Regen setzt wieder ein, der Wald möchte eben als Regenwald bezeichnet werden. Trotz der Kühle hier oben (15° C), sind die Menschen nur mit Blätterröckchen und Schmuck bekleidet. Auf ihren großen, gespreizten Füßen und abgewinkelter großer Zehe hüpfen sie behende über den glitschigen Boden.
Wir haben hier eine der vielleicht schönsten Stunden erlebt. Die Atmosphäre und Freude beim gegenseitigen behutsamen Abtasten zweier gegensätzlicher unbekannter Welten.
Herbert bekommt noch eine Perücke aufgesetzt, da zieht ein alter Huli aus seinem geflochtenen Tragenetz noch eine Spiegelscherbe. Und wie der so kaspert, hüpfen die umstehenden Bewohner vor Begeisterung. Die Frauen leben weiter drinnen im Wald getrennt für sich und halten auf Distanz. Inniges Händeschütteln folgt dem Abschied.
Wir sorgen uns um den armen Jürgen, ihn plagt eine Nierenkolik.
Später erscheinen noch im feinen Anputz einige Männer und führen einige ihrer Tänze beim spärlichen Schein dreier Kerzen und rhythmischen Trommelschlagen auf. Wir sollen fotografieren, werden befragt, ob es uns gefällt.
Die ganze Nacht tropft es aufs Schilfdach, der beißende Rauch zieht durch die luftigen Hütten, Leuchtkäfer blinken wie funkelnde Lämpchen.
Zum Glück bessern sich Jürgens Schmerzen und wir können am Morgen unseren Treck fortsetzen.
14.08.2000
Wir laufen auf lehmigen, nassen Wegen bergauf, bergab, über glitschige Stämme, Gräben, Stufen, Knüppel.
Der Himmel ist bedeckt, der Schweiß tropft von überall. Entlang des Weges werden Bananen, Süßkartoffeln auf Hügelbeeten (Wasserablauf!) angebaut. An einer Schule angekommen, dürfen wir diese besichtigen. Der bekannte Lehrer führt uns, zwei getrennte Klassenzimmer - ein Lehrer. Bücher gibt es nicht, es steht alles an der Tafel.
Inmitten lichtem bergigen Regenwaldes liegt das Karida-Village. Wieder empfangen uns die Dorfältesten mit Handschlag. In der großen Hütte brennt ein Feuer. Wir bekommen mitgebrachtes Essen und viel Tee.
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Es regnet wieder, und die Sing-Sing-Veranstaltung fällt vorerst aus. Wir sitzen vor der Hütte unterm Dach mit den Kindern in respektvollem Abstand. Jürgen bastelt an der „Hui-Maschine“ (ein Propeller wird mit einem Stöckchen an einen gezahnten Holzstab in wechselnde Drehbewegung gebracht und dabei muß Hui gerufen werden). Langsam rücken die kleinen, nackten, staubigen, kakaofarbenen Jungens näher an uns heran. Ich male mit Kugelschreiber auf Papier und unterhalte mich mit Fingersprache. Schokolade kennen sie nicht und scheinen sie wieder aus dem Mund zu nehmen. Inzwischen kuscheln sich die kleinen an unsere wärmenden Fleecepullover und freuen sich mit uns. Viele Kinder sind erkältet und husten. Keiner will aufstehen und sich trennen. (Überhaupt können wir häufig „laufende Nasen“ bewundern, die außer uns niemanden stören).
Abends sitzen die Hulis am Feuer, wir auf den Bänken und unterhalten uns so gut wie es geht. Die Transistorradios wecken großes Interesse. Die verschenkten Spielkarten werden in der Huli-Runde strapaziert.
15.08.2000
Böser Morgen! Jürgen hat in der Nacht schlimme Koliken gehabt und arg gelitten. Er muß mit dem Guide Anton nach Tari ins Hospital absteigen. Der gute, umsichtige, alte Huli, den ich so sehr mag, geht mit. Für uns drei laufen die Vorbereitungen für Sing-Sing. Beim Schminken dürfen wir zusehen. Derweil scharen sich Kinder und Frauen um uns. Herbert schenkt und zeigt Deutschland auf Postkarten, die gleich wie Reisepässe gehandelt werden. Weil wenig Platz auf dem Balken vorhanden ist, setzt sich Petra auf meinen Schoß. Das ist eine aufsehenerregende Sensation und die Frauen bedeuten, daß es ungehörig ist.
Die Zeremonie beginnt: Trommelklänge, grelle Farben, aufwendiger Paradiesvogelfederschmuck; Ketten aus Perlen, Knochen, Zähnen, Hörner, Pflanzen, Blätter, Blüten und die gigantischen Perücken aus geflochtenen Menschenhaaren. Bemalte glänzende Körper springen im rhythmischen Takt auf und nieder vor einer Kulissse qualmender, geblichener Schilfhütten und exotischer Pflanzen. Schließlich hüpfen wir mit, und alle freuen sich riesig. Es herrscht Fröhlichkeit in der Siedlung. Kleine Geschenke werden so dankbar entgegengenommen, Hände schütteln, „Acheme“, „Thank you“....
Leider müssen wir weiter. Die nächste Herberge ist die Lakwanda Lodge. Sie war bis jetzt belegt, so mußte in diese Villages ausgewichen werden. Es war ein Glücks-umstand. Vor 1 ½ Jahren war einmal ein ZDF-Team hier, sonst verirren sich keine Weiße in diese Gegend. Somit haben sich Ursprünglichkeit und Unverdorbenheit bis heute erhalten.
Unsere großen Rucksäcke werden von Einheimischen getragen, viele begleiten uns und natürlich die Kinder. Winken, Händeschütteln, Winken, da kommt noch der kleine braune Nackedei mit den großen schwarzen Augen, nimmt mir den Stock und schiebt beim Laufen seine kleine Hand in meine.
Die ganze Bande freut sich kreischend, wie wir auf den schlammigen Lehmhängen abwärts rutschen, während sie barfuß flink auf der Pampe schlittern.
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Meistens geht es im knöcheltiefen Schlamm vorwärts, über Bäche und Gräben, einen Baumstamm als Brücke geschlagen. Das Sohlenprofil ist zugesetzt. Es regnet, diese Abkühlung stört nicht. Die Begleiter hüpfen in ihren Blattröckchen, mit Machete, Bogen und buntem Regenschirm bewaffnet, um uns, geben Hilfestellung bei schwierigen Passagen, lassen keinen aus den Augen.
Wir sind immer noch gefangen von dem Erlebten, von der überwältigenden Herzlichkeit, welche uns immerzu entgegengebracht wird.
Der Treck schlittert in ein weites Tal und steht vor dem strömenden Tagarifluß. Wie weiter? Doch da gibt es eine Fähre aus vier zusammengefügten Stämmen und in Etappen werden Mensch und Bagage hinübergeschippert.
Bis ich an der Reihe bin, versammeln sich sofort eine Menge Kinder. Mit Herumkaspern ist man sogleich mittendrin im Getümmel. Die Erwachsenen mahnen mit einem ruhigen Wort und die Bande ist vorzeigefähig.
Vom Fluß aufwärts ist nur ein wadentiefer Schlammgraben begehbar. Welchen Strapazen allein schon die Stiefel ausgesetzt sind!
Lakwanda ist etwas zivilisiert, es gibt eine kalte Dusche und ein Hock-Klo.
Ein Spaziergang führt uns wieder zum Fluß und einer Schule. Sofort laufen alle zusammen. Man stellt sich vor, erklärt emsig und bittet, doch vor den Blumenbeeten das Foto zu machen. Wieder sind es die Kinder, die mit uns ziehen und gegenseitig albern wir herum in kindlicher Freude.
Am Abend gibt es wieder reichlich Reis und Gemüsefleisch. Es sitzt sich gut unter Bambusgeflecht, Grillen zirpen, Regen tropft und dazu wird mit Wörterbuch geschwatzt.
16.08.2000
Geburtstag von Herbert! Spartanisch wird bei einem Kerzenlicht mit ehrlichen Wünschen gratuliert.
Auf dem Programm steht die Besichtigung der Skull-Höhlen. Durch Süßkartoffelgärten führt man uns zum Dschungelrand. In den Höhlen stehen zwei Reisighäuschen mit bemalten Schädeln und Mahlsteinen. Der Ahnenkult wird erklärt, ist mir aber nicht ganz klar geworden. Die Hulis wollen 20 Kina extra bezahlt bekommen. Später erkennen wir den Grund: in einem Schilfhaus steht ein Billard-Automat mit Geldeinwurf und sie spielen so gern!
Folgend lassen wir uns bei einem modernen Medizinmann in seinem Kirchgarten viele Pflanzen und deren medizinische Wirkung erklären. Er stellt uns seine Familie vor, zeigt Fotos und schließt das Tor zur Kirche auf, einer Hütte, die liebevoll dazu hergerichtet ist.
Am Nachmittag - heute scheint sogar die Sonne - werden wir zu den Bachelos geführt. Dort in diesem Camp sitzen die Jünglinge und lassen sich die Haare zu den berühmten Perücken wachsen. Mit Zeremonien und Pflanzensäften wird das Wachs-tum angeregt. Danach dürfen sie heiraten.
Es werden uns Schmuck und Perücken zum Kauf angeboten. Mit einer Eskorte Neugieriger laufen wir zurück.
In Lakwanda treffen wir Anton und können uns nach Jürgens Befinden erkundigen. Er ist nach Port Moresby gekommen, von Mt. Hagen aus gibt es Möglichkeit zu telefonieren.
Abends sind wir Zeuge einer Vorbereitung zum Mumu, dem Erdofen-Essen. In einer ausgehobenen Grube wird Fleisch und Gemüse zwischen Blättern und feuererhitzten Steinen unter Erdabschluß gegart.
Anton treibt Dosenbier auf, wir sind ausgetrocknet durch Sonne und Marsch. Herbert kauft die Vorräte auf. Mit seiner Geburtstagsfeier hat die Trockenzeit ein Ende.
Es regnet. Der Erdofenhühnerbraten mit Süßkartoffeln, Papaya, Reis und Blattgemüse schmeckt gut. Es riecht nach Kräutern und Holzfeuer, wie stetig auch unsere Sachen. Alles ist klamm und lehmig. Insekten, die hier alle riesengroß sind: Falter, Schmetterlinge, Ohrenkriecher, Schaben, Spinnen, Käfer, Blattwanzen erfreuen uns tagsüber. Wenn diese nachts über unser Gesicht laufen, ist das nicht so willkommen.
17.08.2000
Heute ist der Besuch des Maria-Marktes vorgesehen. Mit vielen Einheimischen, diese teils beladen, steuern wir das Ziel an. Auf einem von Bretterbuden umsäumten schlammigen Platz drängen sich massenhaft Verkäufer und Käufer. Es werden angeboten: Bananen, Zuckerrohr, Süßkartoffeln, Mais, Kräuter, Baumtomaten, gebrauchte Kleidungsstücke. Glücksspieler, in der Hauptsache Jugendliche, schieben Spielgeld hin und her. Sobald wir stehen bleiben, sind wir dicht umringt. Als einzige Weiße
erregen wir hier das größte Interesse.
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Einige versuchen ein Gespräch, Hände werden entgegengestreckt, zum Kauf wenig animiert, aber gebeten, zu fotografieren. Hier bekommt man auch Frauen zu Gesicht. Sie sind bunt gekleidet, mit geknüpften Netzen , darin sind die Habseligkeiten, Kinder, Einkaufswaren. Jedoch sind alle denkbaren Kleidungsstücke, manche als solche nicht mehr erkenntlich, miteinander kombiniert.
Es wird laut geschwatzt in ihrem Dialekt mit den kurzen rollenden Lauten. Kinder werden öffentlich gesäugt. Ungenierte Fröhlichkeit und Heiterkeit erregen wir immer in der Nähe von Frauen und Kindern, die uns heimwärts begleiten.
In Lakwanda sind wir die Einzigen. Schließlich wird noch heißes Wasser bereitet.
Aus unserem Nachmittagsspaziergang in den Busch wird nicht viel. An einer Opferstätte beginnt wieder der Tropenregen. Also säubern, packen für die Weiterreise!
Eine handgroße Gottesanbeterin will nicht aufs Foto, Herbert hat für jeden noch ein Bier, der Fluß rauscht, es wetterleuchtet, Leuchtkäfer fliegen, Grillen zirpen, in der Hütte riecht es nach Moder, im Schilfdach knistern die Insekten und bei Herbert bricht eine weitere Latte unter seiner Liegestatt ab.
18.08.2000
5.15 Uhr macht Petra Hektik, auch Anton muß geweckt werden. Nach bescheidenem Frühstück geht es zur Straße hinab, um einen „Bus“ anzuhalten, der uns zum Flugplatz nach Tari bringen soll. Die ersten LKW fahren vorbei, z. T. sind sie schon zum Bersten voll. Keine Aufregung, das Flugzeug wartet schon!
Schließlich hält ein Gefährt. Alle Leute rücken zusammen, nehmen unsere Rucksäcke ab, schnattern laut. Jetzt geht die Fuhre ab: auf der groben Schotterstraße springt der Laster von einem Loch in das andere, knallt wieder auf die Erde auf und neigt sich in der Kurve bedenklich bei diesem Tempo auf die Seite. Das Gemenge aus Menschen, nackten Füßen, Zuckerrohr, Süßkartoffeln, Kindern und Säcken wird durchgeschüttelt. Gut abgepolstert von meiner freundlichen Nachbarin habe ich nicht viel Freiraum, um den physikalischen Gesetzen zu folgen.
Der Fahrpreis ist niedrig, weil man nur die Hälfte der Zeit sitzt oder steht. Der Schaffner hat das Wechselgeld im Mund und versucht, irgendwie abzukassieren.
Eine Frau brennt Zigaretten an und reicht sie einzeln weiter. Je nach entrichtetem Tarif sind 3 oder 5 Züge pro Person gestattet, dann schmaucht die Nachbarin weiter. Außen um das Fahrzeug schwingen die Jungens. Schüler versuchen in Englisch die Konversation. Vom Straßenrand hat jeder etwas zuzurufen.
Vor uns rattert noch so eine Sardinenbüchse, dazwischen ein Polizeiauto und ein Krankenwagen. Mütter zeigen ihre Kinder und bitten, zu fotografieren. Eine Frau bewacht unsere Rucksäcke voller Stolz.
5 m hohes Gras vom Straßenrand wischt uns den Staub vom Rücken. Die Berge sind wolkenverhangen.
Am Flughafen begrüßen uns Ken und der alte liebe Huli in seiner Tracht. Sie wollen uns verabschieden. Hunderte Einheimische stehen wieder am Zaun.
Das Flugzeug kommt, ein wehmütiger Blick zurück. Aus der Fokker blickt man auf Waldlandschaft, grüne Berge und wie immer, Wolken. Um uns zehnfaches Kindergeschrei. Zwischenlandung in Mendi, dann erreichen wir POM.
Beim Autovermieter erfragen wir die Telefonnummer vom Hospital. Diese stimmt aber nicht. Petra telefoniert dann mit dem South-Pacific-Manager, der kommt zum Flughafen und erklärt, daß Jürgen schon in Mt. Hagen ist. Ein weiterer weiß, er ist ins Hotel umgezogen und zuletzt erzählt man uns, er fliegt erst morgen...(?)
Also fliegen wir weiter nach Mt. Hagen. Petra findet es schön, daß der hübsche Steward sich mit ihr unterhält. Der für uns zuständige Mann ist im Gewühl gefunden; er wird uns zum Quartier geleiten. In der Hektik wird statt dem Hotelbus ein Taxi-Bus mit vier finsteren Gesellen bestiegen.
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Und wieder werden wir nach allen Regeln der Kunst durchgeschüttelt. Der Fahrweg wird länger, schlechter, steiler. Die Räder drehen durch, im Moment geht’s nicht weiter. Leiser Zweifel, werden wir wirklich ins Hotel gefahren? Endlich Halt vor einer schönen Anlage - wir sind doch am Ziel und müssen zusätzlich löhnen. Wechselbad der Gefühle.
Wir betreten ein First-Class-Hotel: große Bambus-Holzhütte mit knisterndem Feuer, eine parkähnliche Gartenanlage voller Blumenpracht und Schilfhäusel mit Bad und Betten! Bei der Suche nach Papieren entdeckt Herbert, daß die Schlitzohren im Taxi ihm Fernglas, Brille und Fotozubehör aus dem Rucksack geklaut haben.
Abendessen nehmen wir am Feuer ein, es gibt halbgares Gemüse, guten Hammel und reichlich Kuchen. Von Jürgen trifft ein Fax aus POM ein. Daraufhin rufen wir im Hotel an. Vielleicht kann er morgen nachkommen oder muß Richtung Deutschland fliegen!
Wir suchen am prächtigen südlichen Sternenhimmel noch das Kreuz des Südens, morgen geht es zeitig zum Sing-Sing.
19.08.2000 Die Mt. Hagen-Cultur-Show
Mit dem Allradwagen geht es den schlechten Weg wieder abwärts. Die Brücke ist so schmal wie die Spurbreite. Unweit des Flugplatzes des primitiven Ortes befindet sich der Show-Ground, ein einfaches großes Stadion. Am Rande stehen die Grashütten der Akteure und schmuddlige Kioske. Zunächst staunen wir über die vielen Gruppen der Tänzer, die sich hier schminken. Sie freuen und bedanken sich, wenn wir fotografieren. Dann proben schon die farbenfreudigen Vertreter der vielen Stämme des Hochlandes. Wir mischen uns dazwischen und lichten hektisch ab, was es da so vielseitiges zu sehen gibt. Gegen 11 Uhr beginnt der Einzug in die Arena. Ein grellbuntes lautes Tanzvergnügen mit Trommelschlägen und rhythmischen Gesang, bei vollstem Einsatz der ca. 800 Darsteller, versetzt uns in Begeisterung und Staunen. Soetwas gab es noch nie zu sehen.
Schmuck, Bemalung, Gesang, Tanzform sind bei jeder Gruppe verschieden. Ein Wirbel bunter Federn, Perücken, Perlen, Baströcken, Blättern und eingeölter, glänzendbrauner Körper verzaubern uns. Im gleißenden Sonnenlicht weiß man nicht, wo man zuerst hinsehen soll. Stimmung und Empfindung - unbeschreiblich!
Es folgt die Ansprache des Gouverneurs. Auch wir Leute aus Germany werden begrüßt.
Kaum vorstellbar, in den 60er Jahren waren es 40 000 Mitwirkende! Die fortschreitende Zivilisation hat das Interesse vieler einfacher Stammesangehörigen erlahmen lassen.
Die wenigen weißen Touristen läßt man in die Arena ein. Der atemberaubende Spuk läßt sich nun aus nächster Nähe sehen, hören, riechen ...
Die stechende Sonne, das lange Stehen, Durst - man bemerkt es nicht mehr, um uns herum Lebensfreude, Exotik aus einer ganz anderen Welt. Auch „unsere“ Hulis sind zu finden.
Petra kauft einem Tänzer seine Trommel ab und besitzt ein lautes Stück Erinnerung.
Während der nachmittäglichen Heimfahrt gewittert es. Wir warten auf Jürgen, Enttäuschung, er kommt nicht. Es stimmt uns traurig, daß er an den schönen Erlebnissen nicht teilhaben kann.
20.08.2000
Es gibt für uns das Vergnügen noch einmal. Wieder kann sich keiner dem Reiz, alles zu fotografieren und filmen entziehen, besonders die hübschen halbnackten Schokoladenmädels bei ihrem rhythmischen Hüpfen!
Petra wird von der Presse interviewt. War es der Höhepunkt dieser Reise?
Nachdem die Einheimischen den Platz stürmen dürfen, es ist nach Mittag, verlassen wir etwas benommen den Trubel, rechtzeitig vor dem üblichen Gewitter.
Im Garten der Pomoran Lodge fotografieren wir Blumen, packen für morgen. Wer weiß, wo und wann es die nächste Dusche gibt.
21.08.2000
Nach dem nächtlichen Regen ist es neblig. Erst 9 Uhr fährt uns das Auto zu Paradise-Adventure-Tours, wechseln hier das Gefährt. Die Grundstücke in dieser Gegend sind alle gut gesichert. Auf teilweiser schlechter Straße passieren wir trostlose Nester, baufällige Hütten, schlammige Marktplätze mit armseligen Auslagen, Tee- und Kaffeeplantagen.
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Den Bäumen im lichten Wald wird die Rinde entfernt, so sterben sie ab, dann werden daneben die Kaffeebäume gepflanzt. Wie immer lungern die Menschen herum. Die Berge hüllen sich in Wolken.
In Kundiawa bedeutet man uns auszusteigen. Wir stehen verlassen an einer Tankstelle, von hier soll uns das nächste Gefährt in die Berge zu Bettys Farm bringen. Der Tankstellenmann erzählt, in den Bergen sei es kalt und neblig, ein Flugzeug wäre schon abgestürzt.
Aber es kommt ein übel zugerichteter Pick up mit vier Männern und Pappkartons.
Der Fahrer stellt sich als solcher vor und arbeitet für die Forellenfarm. Also einsteigen!
Mit eingeschlagenen Vorderrädern fährt das Vehikel geradeaus, weil die Reifen ohne Profil sich im Schlamm verirren. Immer schön am Abgrund vorbei, denn rechts geht es viele hundert Meter in die Tiefe. Die Brückenbeläge sind eigentlich ein Sieb. Kleinere Autos fallen hindurch. Es holpert und poltert beängstigend. Es ist besser, in das wunderschöne Tal zu blicken: herrlich blühende Büsche und Stauden säumen den Weg, vereinzelt stehen Hütten im kleinen Garten. Daturabäume und Tagethesbüsche, große Fuchsien und dann wunderschön orangeblühende Gehölze, die uns als Cheesepop erklärt werden. Je höher wir kommen, desto üppiger wächst es.
Glücklicherweise hält der Fahrer aller ½ Stunden an, um Wasser in den Kühler zu schütten.
Den Frauen am Wegesrand kaufen wir köstlichste Bananen ab. Zuletzt erklimmen wir Geröllhänge, sind 2 500 m hoch und am Ziel. Bettys Farm genannt, viele Forellenteiche, Beete mit Gemüse, Gewächshaus, alle Blumenarten und ein großes Holzhaus mit mehreren Zimmern. Es herrscht viel Betrieb, Österreicher, Japaner, Hausergruppe und Hunde. Betty (mittelgroß, mittelalt, mittelhübsch) agiert dynamisch und lautstark zwischen allen umher. Überall stehen große Blumensträuße. Neben dem Porzellanklobecken sind Arrangements von weißen Calla trapiert.
Wie im Reiseführer steht, gibt es prima Forellen und Erdbeeren zum Abendbrot und dazu feines frisches Gemüse eigener Produktion (Brokkoli, Erbsen, Möhren, Blumenkohl, Papya).
Es wird geschwatzt - über den letzten Weltkrieg, Sepik, Mücken, Flöhe, Mundarten. Der Österreicher spricht perfekt sächsische Ausdrücke und gefällt mir, die anderen reden Schwachsinn und schimpfen über alle Stationen ihrer Reise. (Gut, daß wir nicht in so eine Gruppe hineingeraten sind!)
Eine Frage ist offen: kommt noch der versprochene Bergführer mit der Verpflegung?
Plötzlich anfliegende schwarze Paradiesvögel und die kleinen drosselartigen in leuchtendem Rot lenken uns ab. Noch sind 18° C hier oben, der Himmel bedeckt.
22.08.2000
Morgens, bei bewölktem Himmel, 15° C, setzen wir uns in Bewegung. Heutiges Ziel ist die Hütte „Lake Piunde“ auf 3 500 m. Wir folgen dem Bergführer auf einem glitschigen Pfad durch einen dunklen, zottig, mit Moos und Flechten verhangenen Urwald. Auffällige Bäume sind bis 10 m hohe Yucca und Pandanuß, dann ab 3 000 m auch Farnbäume. Bei einem guten Schrittempo kann die botanisch interessante Gegend genossen werden. Später wird es licht, der Wasserfall ist zu erkennen, zwischen gespensterhaften Farnbäumen treiben die Nebelwolken. Mittag sind wir auf der Hütte.
Wir gehen noch zum oberen See „Aunde“, Nebelschwaden, einsetzender Regen, von höheren Bergen ist nicht viel zu sehen. Abwärts rutscht man wieder auf den schlammigen Pfaden zur Hütte. Dort liegen wir und hören dem Rauschen des Regens zu, die Luft ist kalt, stickig durch Kerosinkocherdämpfe und frischer Ölfarbe. Herbert soll und will trotzdem auf den Mt. Wilhelm (4 509 m) klettern. Wir zwei halten uns zurück bei diesem Wetter, Zeitdruck und Weglänge! Unruhe in der Nacht, der Bergführer weckt schon 0 Uhr, sie wollen aber erst 2 Uhr weg.
23.08.2000
Erstaunen, 6 Uhr ist der Himmel oben klar! Da hat Herbert aber wohlverdientes Glück, den Sonnenaufgang zu genießen.
Wir laufen zum „Lake Aunde“ nach oben, dabei knistert das bereifte Gras unter den Füßen (und das in Äquatornähe!).
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Schon holen uns wieder Wolkenschwaden ein. Unterhalb schläft alles unter einer weißen Wattedecke, nur Berge ragen ringsum hervor.
Wir lassen die Stimmung auf uns einwirken ..., da ruft es, Herbert und Thomas kommen vom Gipfel zurück. Wetterglück, Gipfelsieg, Gratulation! 9.15 Uhr ist es, da sind sie aber straff gegangen! Wie zu erwarten, war der Weg naß, schlammig, rutschig, vereist und dieses bei Taschenlampenlicht, da hätten wir nicht mithalten können.
Nach den Mittagsnudeln geht es wieder abwärts in immer noch trockenen Bergstiefeln durch Schlamm, Wolkenschwaden, Farnbaum- und flechtenverwobenem undurchdringlichen Urwald. Die Bäume halten sich mit Brett- und Stelzwurzeln im weichen Boden, seltsame Vogelstimmen sind zu hören, aber um sie aufzunehmen, ist wieder keine Zeit. Aufpassen und nicht ausgleiten, die teure Kamera würde es garantiert übelnehmen.
Bei Betty folgt duschen, trocknen und reinigen der Sachen, umgepackt und in ihrer Farm spaziert. Da darf man die riesigen Forellen ansehen, Maracuja, Erdkirschen und wilde Erdbeeren essen und die vielen, vielen Blüten fotografieren.
Wir treffen die dunkelhäutige, fleißige Frau, deren Blick nichts entgeht, die alle anstellt und unterhalten uns. Ihre Tochter ist in Deutschland verheiratet. Später zeigt sie noch Fotos.
Vor jeder Tür liegt ein Hund auf dem Abtreter, wir freuen uns aufs Forellenessen, draußen wallen die Nebel.
24.08.2000
Bei Regen fahren wir im offenen Pick up nach Goroka talwärts. Diese Gebirgsszenerie ist wirklich beeindruckend, die hohen Berge sind bis oben grün, ganz tief unten rauscht der Fluß. In vielen Kehren, über Brücken trudeln und holpern wir über Geröll, Schlamm an soviel bunten exotischen Pflanzen vorbei. Jeder ruft uns etwas zu, wir kaufen 25 Bananen für 1 DM. Holunderbüsche tragen reife Beeren und Blütendolden. Hier wird an Berghängen Gartenbau betrieben.
Der Fahrer hat ein wahnsinniges Tempo drauf, wenn hier nach der Kurve einer entgegenkäme ...? Wenn ich heil unten ankomme, will ich ein Opfer den guten Geistern bringen!
In Kundiawa steigen wir in den öffentlichen Bus, seine Frontscheibe sieht wie ein Spinnennetz aus, welches mit Klebeband zusammengehalten wird. Am Straßenrand wird gehandelt.
Es ist eine schöne Fahrt durchs Gebirge, typisch subalpine Pflanzen wuchern an den Hängen. Bei Höhe 2 360 m hat man einen guten Blick auf Goroka. Der Fahrer hält seinen Bus an, wenn man fotografieren möchte! Dort werden auch Kränze aus frischen Blumen ausgegeben, den Grund haben wir vergessen zu erfragen.
In Goroka beziehen wir ein feines Hotel „Bird of Paradise“. Zum ersten Mal sieht man ein Stadtbild, und das können wir gut von unserem Balkon ausspionieren.
Hunderte Amaryllen, die hier überall in den Anlagen wachsen, schmücken das Foyer. Im blühenden Garten schlemmen wir Eis und Kuchen auf Kosten Herberts Gipfelsieg. Später bummeln wir durch Supermärkte und die wenigen Straßen. Laute warme Nacht!
25.08.2000
Morgenkaffee auf dem Balkon, wir sind Selbstverpfleger. Dabei beobachten wir das Straßenleben: Jugendliche mit Coladosen, immer leere Lastwagen, saubere Straßen, Männer gehen Hand in Hand, Frauen mit ihren bunten Netzen (an der Art, wie sie es umhängen, ist der Familienstand erkenntlich).
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Ein Guide holt uns ab, er fährt uns in ein kleines, sehenswertes Museum. Zur Geschichte und Kunst sind schöne alte Fotos (1933 erste Berührung mit Weißen), Waffen, Masken, Kleider und Schmuck zusammengetragen. Wegen der isolierten, vielen Bevölkerungsgruppen sind die Exponate sehr vielgestaltig.
Ein Marktbesuch lohnt sich hier. Farbenfreudig liegt qualitativ sehr gutes Obst und Gemüse reichlich aus. Die Verkäufer sind durchweg betrachtenswerte Typen. Die Ware wird laufend befeuchtet und glänzt auf einer Plane, die Menschen sitzen im Dreck.
Der Fahrer zeigt seine Hüttensiedlung, wie immer lungern alle untätig herum, aber freundlich und fröhlich.
Nun gibt es noch das Raun-raun-Theater zu sehen. Nach der Idee eines australischen Architekten ist es aus Holz und Bambus im Hüttenstil erbaut.
Zum Mittag lassen wir es uns gutgehen: sonnen und schwimmen in der Hotelanlage unter Hibiskus und Oleander. Als es wolkig wird, kreiseln wir noch im Ort: erfolglos nach Folklore suchend, Bier gibt es freitags nicht zu kaufen, weil der Zahltag ist. Wir gehen zum Flughafen, um unseren Flug wiedermal bestätigen zu lassen.
Die Preise im Supermarkt sind hoch: Marmelade 5 DM (=Kina), Toilettenpapier
2 Rollen 5 DM, Öl 18 DM , 1 Ei 0,60 DM, Petroleumkocher 150 D M, Radiorecorder
1.250 DM.
26.08.2000
Nochmals Marktbummel, wir erfreuen uns am Angebot: Kokosnüsse, Ananas, Süßkartoffeln, Passionsfrüchte, Kraut, Zuckerrohr, Bananen, Möhren, Bohnen, Betelnüsse ...
Ich kaufe ein Blatt Tabak und stopfe meine Pfeife. Riesenauflauf; wir lassen uns eine große Ananas sezieren, Riesenauflauf. Anschließend spazieren wir im sauberen Ort umher, ein alter Mann bietet seine Führung zu einem schönen Aussichtspunkt an, die Berge ringsum schmücken sich mit Wolken. 19° C.
Zum Nachmittag fliegen wir ans Meer nach Madang. 11 Passagiere sitzen in der kleinen Fokker. Mt. Wilhelm z. T. hinter Wolken versteckt, unter uns blicken wir auf Wälder und schlängelnde Flüsse. Landung.
Es ist feuchtwarm, über 30° C, wir suchen nach einem Bus, aber für uns ist keiner da. Anruf im Hotel, aber dann nimmt uns ein Fahrer mit. Quartier gibt es im „Country Women’s Association Madang“.
Zunächst wird eingekauft. Beim Heimweg beobachten wir tausende, lärmende großer Flughunde in den Straßenbäumen. Im benachbarten Resorthotel gibt es einen botanischen Garten, da darf man staunen und schnuppern.
In der Unterkunft nächtigt noch eine deutsche Studentin. Belustigend unterhalten wir uns mit ihr, diese Type treibt sich schon ein Weilchen im Lande herum und erzählt ihre Erlebnisse.
Hier gibt es ein China-Restaurant mit einer vorzüglichen Küche. Was haben wir da unvernünftigerweise alles in uns reingestopft!
27.08.2000
Statt Sonnenaufgang Nieselregen! So marschieren wir immer an der Küste entlang, unter riesigen Banyan-Bäumen, am Leuchtturm vorbei, an Seerosenteichen, Palmenalleen entlang, unter kreischenden Schwärmen von Flughunden zu „Smugglers In“. Vom Meer her weht es feuchtwarm und schweißtreibend.
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Zurückgekehrt, wollen wir mit einem Boot herausfahren, um zu baden. Doch die sind für die kurze Zeit zu teuer. So baden wir frecherweise im Pool des Hotels. Dort trifft man die zwei Spanier aus Goroka wieder. Ebenso den dicken Schweizer vom Flugplatz, der schon fünf Jahre durch die Welt bummelt und nicht weiß, wie lange noch.
Abends essen wir im Madang-Club, aber Hunger haben wir seit gestern abend keinen. Der Blick auf die Boote und das abendliche Meer ist romantisch.
Mit den Brandenburgern Yvonne und Jan läßt es sich lustig über Erlebnisse in fernen Ländern schwärmen. Man sitzt vor dem Haus, Geckos lärmen, Mücken summen. Sie tourt schon 3 Monate durchs Land und hat viel erlebt.
28.08.2000
Die Sonne lacht, also mit Ahoi und Motoryacht auf Pig Island. Ein nettes amerikanisches Pärchen, die tauchen wollen, sind dabei.
Vor einer kleinen Robinsoninsel setzen sie uns ab. Palmen, blaugrünes, kristallenes Wasser, gelber Sand, kurz: die Verwirklichung eines fiktiven Südseetraumes. Bunte Fische, Korallen, Lichtspiele, Meeresrauschen und diese Farben - ich habe versucht, alles für immer in mich aufzunehmen.
Eine Stippvisite über den Markt darf nie fehlen, ehe es mit dem Flugzeug nach
Wewak geht.
Von oben erblickt man das verschlungene Knäuel des Sepiks und dann das Meer, von unten dagegen ein Meer von Taiwanern und deren Koffer. Das ist der Grund, warum unsere Rucksäcke, welche schon an der Luke standen, nicht mitgenommen wurden. Ohne Gepäck fahren wir mit der Flugzeugcrew zum „Windjammer-Hotel“, morgen soll es nachkommen.
Wir wollen aber schon morgen früh nach Angoram an den Sepik.
Es bleibt nicht anderes übrig, als mit Bergschuhen zu tanzen, mit Unterhose zu baden und herumzulungern zwischen sonnigem Strand und schattiger Terrasse.
Das Strandhotel hat schon bessere Zeiten erlebt, ist sehr schön gelegen. Hier essen wir, untermalt mit Musik und Meeresrauschen, landestypisch Taro, gedünstete grüne Blätter, Huhn in Kokos und gekochte Bananen. Gut und viel.
29.08.2000
Viel fragen, wenig erfahren - unsere Bagage trifft erst am Abend ein. Die fürsorgliche Managerin der Angoram-Lodge, die uns mitnehmen wollte, hat gewartet und fährt noch jetzt mit uns los. Die Wasservögelbeobachtungskanufahrt ist dadurch ins Wasser gefallen. Aber von der dreistündigen Autofahrt durch den Busch können wir leider nur 45 Minuten genießen, weils dann finster wird.
Die Reise auf schlechter Wegstrecke ist reizvoll, Urwalddickicht, Hütten und Palmen vor einem roten Abendhimmel, Geräusche, Gerüche, Leuchtinsekten, sagenhafter Sternenhimmel und am Horizont eine gewaltige Gewitterwolke, in der es immerzu leuchtet und blitzt.
9.30 Uhr p.m. beziehen wir - für viel zu kurze Zeit - das schöne Quartier. Auf den Betten liegen Blumen, auf dem Tisch Räucherspiralen. Das Mahl bei Kerzenlicht, auch hier ist der Generator defekt. Ein Opa hat uns eingedeckt und brutzelt etwas.
30.08.2000
Petra weckt wieder eine Stunde zu früh, es ist noch dunkel. Herbert nimmt es nur als bösen Traum wahr.
Am kühlen Morgen mit 32° C spazieren wir, begleitet von einem netten Mädel namens Thekla, aus der schön angelegten Lodge, zum Sepik herunter. Dieser Fluß ist der größte und Lebensader des Landes. Über 1 300 km lang, bis 500 m breit und
50 - 200 m tief! Da er von Quelle bis Mündung nur 80 m Gefälle hat, windet er sich in unzähligen Schleifen durchs Land (1 300 km Schiffsreise bedeuten 500 km Luftlinie).
Am Flußrand lassen sich die Kanubauer beobachten, diese Einbäume werden aus einem Baumstamm gefertigt. Malerisch stehen solitär weitausladende Bäume am dichtbewachsenen Ufer.
9 Uhr bringt man uns zu unserem Motorkanu. Die ersehnte zweitägige Wasserfahrt kann beginnen, wieder in Form einer Hausfrauen-Safari. Im Schiff stehen Ölkanister, ein Faß, vorn unsere Rucksäcke und für uns drei verblichene Korbsessel. Die Bevölkerung von Angoram nimmt natürlich Anteil bei unserer Abfahrt. Hinten im Boot steht der freundliche Führer und versucht, noch aufzuräumen, um Beinfreiheit zu schaffen. Schon wirft er den Motor an und es geht ziemlich schnell voran. Bei der drückenden Schwüle ist der kühle Fahrtwind willkommen.
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Viele kleine schwimmende Inseln hellviolett blühender Wasserhyazinthen treiben an uns vorbei. Das Wasser ist lehmigbraun mit Schwebstoffen belastet. Der Fluß hat unterschiedlich mehrere hundert Meter Breite und strömt im Lauftempo dem Meere zu. Das Ufer ist mit bis 5 m hohen, undurchdringlichen Schilf gesäumt, vor uns unendliche Fernsicht, schöne Wolkenbildung und ein flutendes Licht. Der Schiffer schneidet die ausladenden Windungen, kürzt auf Nebenarmen die lange Fahrtstrecke
und befährt auch die Ufer angrenzender Seen. So haben wir Gelegenheit, viele Wasservögel zu beobachten: Eisvögel, Taucher, Reiher, Enten, Raubvögel und unbekannte kleine. Fische springen, große Libellen schwirren. In den langen, spitzen Kanus stehen die Fischer und holen die Netze ein. An Bord haben sie eine Schüssel mit glühender Holzkohle. Das Wasser vom Fluß trinken sie. Romantische Hüttensiedlungen ziehen vorbei. Die Menschen hacken Sagomark aus Palmenstämmen, waschen die Kleidung und fischen. Sie winken und grüßen alle, die Kinder gebärden sich hektisch, um Aufmerksamkeit zu erregen. Um die Dörfer wachsen Palmen und Bananenstauden. Über dem Wasser jagen flink abertausende 30 mm große weißgelbe Eintagsfliegen, die gerade schlüpfen. Zu bestimmten Zeiten sind es so viele, daß ein undurchsichtiger Nebel über dem Wasser liegt. Sie werden auch von den Anliegern verzehrt, aber jetzt nutzen alle Vögel den reich gedeckten Tisch.
Trotz Bedeckung brennt das Gesicht, die Sonne ist erbarmungslos.
Bei einer kleinen Krokodilfarm gehen wir an Land. Die Eingeborenen führen uns ihr Anwesen vor. Große Schmetterlinge taumeln in der heißen Luft.
In einem nächsten Dorf klettern wir das schlammige Ufer hoch und „lunchen“ unsere mitgebrachten Speisen aus einem Pappkarton. Man kommt sich wie Schauspieler auf einer Bühne vor, neugierig beäugen die Dorfbewohner samt Hunden unser Tun.
In Tambanum beschließen wir unsere heutige Kanufahrt und beziehen ein größeres Haus. Vor einem Jahr war es mal kurz bewohnt, seitdem webten nur Spinnen ihre Netze. Es gibt kein Licht, kein Wasser, keine nutzbaren Toiletten, aber Sitzmöbel, Bettgestelle und Stechmücken. Jenseits von Afrika und der Zivilisation. Per Kanu wird eine Köchin herbeigeschippert. Auf Kerosinkocher wird uns heißes Wasser bereitet und es wird viel Tee und Kaffee getrunken. Unsäglicher Durst plagt uns. Der Fahrtwind hat uns ausgetrocknet. Trotzdem schwitzen wir wie in der Sauna.
Der Bootsführer schlägt vor, überzusetzen und das Dorf mit seinen Kunsthand-werksangeboten zu besuchen. Wir schlendern durch eine relativ große Siedlung entlang des Ufers. Die Bewohner legen ihre „Primitivschnitzkunst“ vor ihren Häusern aus, und wie wir so weitergehen, wird es vor uns wieder hingelegt. Sehr eindrucksvolle Masken, Ahnenskulpturen, Taschen, Netze, Tiere in leider viel zu unhandlicher Größe gibt es da.
Gleich geht die Sonne unter und zaubert warmes Lichtspiel auf Palmen und Hütten, während der Sepik im roten Schein glüht. Gefangen von der romantischen malerischen Stimmung fotografieren wir bis leider Film und Akku zu Ende sind. Jetzt rücken die Moskitos an und wir müssen zurück.
Beim Schein der Taschenlampe gibt es Reis und Konservenfleisch und viel Tee.
Insektenschutzmittel und Räucherspiralen helfen gegen die Plagegeister.
Bis 22 Uhr erzählen wir, und die Männer bitten um Tabak. Unter dem Moskitonetz versuchen wir in der Wärme ungewaschen und klebend zu schlafen. Unken gurren, Grillen zirpen, Mücken nerven und ein Gewitter zieht auf. Ich kriege nicht viel mit und bette meinen Kopf auf die zusammengerollte, schweißnasse Hose und schlafe!
31.08.2000
Unser Kanu knattert Richtung Ambunti. Über den Bergketten türmen sich Wolken.
In einem „modernen Dorf“ kauft Petra Cola (gut gegen Durchfall), hier steht sogar ein Rasenmäher! Dann geht es durch einen Seitenarm zu einem See. Malerische Hütten vor Palmen, schwarze Menschen in schwarzen Kanus, im dunklen Wasser vor dunklen Schatten des Gegenlichtes sind schwierig aufs Bild zu bannen. Mit diesen Fischern tauscht unser Bootsführer Betelnüsse gegen frischen Fisch.
Mittagsrast wird wieder unter Beisein aller in einer Ansiedlung gehalten. Unter den Hütten häufen sich Zivilisationsmüll, Hühner, Hunde, Schweine, Werkzeuge. Wieder wird Kunsthandwerk vor uns ausgebreitet, Netze und Taschen. Es wird gezeigt, wie ein Weißer aus einer Kokosnuß trinken muß.
Später ergibt sich noch die Gelegenheit zum Besuch eines Tambaran-Hauses in Korogo. Diese Ahnen-Geister-Männerhäuser dürfen Frauen nicht betreten. Bei Touristen werden schon einmal Ausnahmen gemacht. Es ist das größte im Ort und sieht mit seinen „Augen“ geheimnisvoll aus. Im unteren Raum treffen sich die Männer, im oberen sind die Kunstschätze der Ahnen, mittlerweile auch zum Verkauf angeboten, ausgelegt. Angehäuft sind vielgestaltige Masken, Totems, Waffen und Skulpturen, eine wahre Fundgrube, äußerst sehenswert!
Herzliche Verabschiedung, es wird weitergefahren. Mittlerweile schmerzen schon die Sitzflächen. Die Gegend wird gebirgig, Hütten werden sichtbar, wir sind in Ambunti. Die Lodge ist auch etwas abgewirtschaftet, doch der Budiker, ein Typ Louis Armstrong, brutzelt ein gutes Essen. Die kalte Dusche ist willkommen. Unsere Guide und Fahrer werden noch mit Kleidungsstücken beschenkt und fahren noch zurück in die Nacht.
Von jetzt ab geht es auch für uns leider Richtung Heimat. Vorerst ziehen wir ein Urlaubsfazit und sind uns einig in allen Punkten: besser konnte es kaum zu erleben sein, wir drei haben gemeinsam viel Spaß, die gleichen Interessen und Empfindungen gehabt und sind problemlos, harmonisch so prima miteinander ausgekommen.
01.09.2000
Um 8 Uhr bringen wir unser Gepäck zum Flugplatz. Auf einer transportablen Personenwaage werden wir und die Rucksäcke gewogen. Danach wird alles zurückgeschleppt. Wann das Flugzeug kommt?? „Am Morgen, ihr werdet es hören.“
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So bummeln wir noch über den Markt. Petra verschenkt Lippenstifte, bekommt dafür einen schönen Strohhut geschenkt, natürlich werden wir ins Gespräch gezogen und nach Deutschland befragt.
Gegen 11 Uhr zieht die Cessna ihre Kreise und landet auf der Wiese. Der Pilot ordnet auf der Tragfläche seine Unterlagen. Ich sage: „der schreibt links“ - antwortet der Pilot: „Ja, der schreibt links und spricht etwas deutsch“. Ein freundlicher, junger Holländer fliegt seit drei Jahren hier im Land.
Er fragt, ob wir hoch oder tief fliegen möchten, und ich darf mich neben ihn setzen. Mehr als vier Passagiere passen nicht hinein.
Er rollt und holpert über die Wiese, und dann sehen wir den braunen Sepik von oben. Aus allen Fenstern nur seine unzähligen Windungen und Schleifen, kleine Siedlungen, einzelne Hütten in Waldlichtungen, Grasland, markante Palmen, hellgrüne Cheesepop, dann urwaldbedeckte Bergrücken ziehen vorbei. Als das Meer in Sicht kommt, landen wir schon leider in Wewak.
Ein tolles Erlebnis, wir sind begeistert! Gute Wünsche und er fliegt wieder davon. Die zwei Frauen aus Angoram (Thekla) begrüßen uns und freuen sich.
Wir steigen nun in eine Fokker von Air Niugini, das sind die, die unser Gepäck ignorierten! Ziel ist Port Moresby. Wieder sehen auf Sepik, bewölktes Hochland, Urwald... und dann das dritte Mal POM.
Einzug ins „Gateway-Hotel“, stinkfein und nobel. Beeilung Herrschaften, gleich machen die Geschäfte zu, Taxifahrt in die City! Hafenblick in der Abendsonne, Supermarkteinkauf und gezahlte Entwicklungshilfe an den Fahrer.
Hotelbummel durch eisige Gast- und Barräume sind ungemütlich. Aber wir haben pikant gegessen und Herbert hat noch zu einem guten Weißwein eingeladen.
02.09.2000
Auf dem Flughafen treffen wir die Amerikaner vom Tauchen an der Märcheninsel. Erinnerungsfoto, gute Wünsche, gemeinsames Ziel: Cairns.
Dort müssen noch die Bordkarten besorgt werden. Herbert muß hierbleiben, er kriegt keine - vorerst ...
Dann fliegen wir wieder über unsere Urlaubsinsel zurück. Bis Hong Kong werden wir ausgezeichnet verpflegt. Es gibt Sekt, Rotwein, Bier und „Wake-up towel“, ein feucht-warmens Wachauf-Handtuch wird gereicht.
Gute drei Stunden verwarten wir dann, bis wir in die große Boeing 474 steigen. Der gigantische Vogel wird uns in reichlich 10 Stunden die restlichen 10 000 km nach Deutschland bringen. Ich blättere in deutschen Zeitungen und schüttle den Kopf über unsere Probleme, es sind noch die gleichen wie vor vier Wochen ...
Nachtflug über China, um Tibet herum, Rußland. Wir fliegen mit der Nacht, immer einen rosa Streifen am Osthorizont zurücklassend.
Leipzig liegt noch im Dunkel, Grünau und der See sind zu erkennen.
In Frankfurt müssen wir lange aufs Gepäck warten und deswegen zum Zug eilen. Herbert begleitet uns noch zum Verabschieden.
Die Heimfahrt ist wie die Hinfahrt: grau und naß. Zu Hause ist alles - dank der fleißigen Nachbarsleute - in bester Ordnung.
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An diesem Reisebericht schreibe ich als erstes, manchmal früh um 4 Uhr, weil die innere Uhr überdreht ist. Langsam gewöhnt man sich wieder an das nüchterne, disziplinierte Deutschland.
Dieses war eine wunderschöne, hochinteressante Reise in eine ganz andere Welt. Sie brachte für alle Sinne staunenswerte Erlebnisse, freudige Überraschungen und keinerlei Streß bei den vielen Ortswechseln, und das finde ich bemerkenswert für dieses Land.
Beeindruckend und rührend waren die Herzlichkeit und Kontaktfeudigkeit der Menschen uns Weißen gegenüber und verdrängte die Fremdartigkeit von Pflanzenwelt und Landschaft an die zweite Stelle.
Das Wechselbad der Gefühle bei den verschiedenen Stationen, manchmal fehlende sanitären Einrichtungen, Wege und Transportverhältnisse, lokale Speisen, wären für Normalbürger keine Voraussetzung für einen Urlaub. Uns hat es nie gestört, da wir hundertfach entschädigt worden sind. Jeder Tag bescherte uns soviel bunte Eindrücke, daß es sich ohne Fotos und Notizen nicht mehr lückenlos erzählen ließe. Ansichtskarten an die Daheimgebliebenen brauchten wir nicht zu schreiben - denn diese gibt es dort nicht!
Der Eingeborenen einfaches Leben, ohne materiellen Besitz, ihre Bedürfnislosigkeit (aus unserem Blickwinkel kurz als Armut abgestempelt), ihre Gastfreundschaft, Fröhlichkeit, Lebenslustigkeit sollte uns zum Nachdenken anregen ...
Unsere Kultur und Lebensart den Menschen dort überstülpen zu wollen, bringt ihnen keinen Segen. Die Einflüsse von Missionaren und Sekten haben außer der medizinischen Betreuung keinen Vorteil gebracht, genauso der Zwang durch Entwicklungshilfe hat nur Kollision mit ihren Kulturen und Naturreligionen ergeben.
Als Ursache für die fortschreitende Umweltzerstörung ist die hohe Geburtenrate zu nennen (10 Kinder pro Familie).
Noch gibt es weiße Flecken auf ihrer Landkarte und Volksstämme, die noch keine Begegnung mit Weißen hatten, aber dieser Zauber wird wohl in den nächsten Jahren verschwinden.
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Wir aber hatten das Glück, noch etwas von diesem Fluidum zu erleben, welches unserer Welt inzwischen abhanden gekommen ist.
Acheme!