
Es ist steil. Die Schuhe finden kaum Halt, rutschen bei jedem Schritt, der linke Fußballen schmerzt. Meine Wasserflaschen kann ich drehen und wenden, wie ich will. Sie sind schon lange leer. Die Sonne knallt, wir schwitzen und torkeln weiter. Schon seit Stunden. Doch plötzlich dieses Geräusch. Ein Geräusch, das wir kaum noch erhofft hatten. Und von dem wir gar nicht wussten, wie erfrischend es klingen kann.
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Ein Bach plätschert dahin. Unten im Tal glitzert er zwischen den Bäumen. Ich wanke, schmeiße den Rucksack nach hinten, falle vornüber und trinke. Was für ein Augenblick. Trinken, kann so schön sein. Seit einem halben Tag wandern wir hinter unserem Guide Kelly. Eigentlich rennt Kelly mehr, aber auch wir nehmen es sportlich. Rund 20 Kilogramm Gepäck sind in unseren Rucksäcken. Klar, hätten wir auch Träger engagieren können. Aber nein, wir wollen den Kokoda-Trail mitten in Papua Neuguinea alleine durchlaufen. 5 Tage, 94 Kilometer, ständig rauf und runter. Und genau dort liegt das Problem. Wer am Ende in Kokoda ankommt, hat 5.500 Höhenmeter bewältigt.
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Mit einer Isomatte und einem Moskitonetz errichten wir unser Nachtlager am Ofi Creek. In einem dieser Abenteuerreiseführer hatten wir gelesen, dass Salz Insekten abhält. Daher holen wir unser Kilopaket aus dem Rucksack und ziehen eine feine Spur Salz um unsere Matten. Kelly hat so etwas noch nie gesehen, er staunt mit großen dunklen Augen, aber er schweigt! Längst hat er seine Wanderschuhe ausgezogen und läuft barfuss umher. Daneben sehen wir ziemlich albern aus, wie wir auf Knien um unsere Matte rutschen und Kochsalz verstreuen. Wir beschließen, dass das wohl doch überflüssig ist, nutzen lieber das Salz für unsere Spaghetti. Kelly trinkt mal wieder einen Schluck aus seinem mit rotem Sirupwasser gefüllten ¼-Gallonen-Kanister und wirkt zufrieden. Er wird gesprächiger, berichtet von seiner großen Leidenschaft: dem Rugby. Quasi als Gute-Nacht-Geschichte gesteht er uns, dass er noch nie zuvor diesen Kokoda-Trail gegangen sei, aber immerhin schon einmal eine Karte von dem Gelände gesehen habe. Auf die Idee sie einzustecken, kam er nicht. Doch er beruhigt uns, er habe sich schließlich die markanten Punkte für die fünftägige Tour durch den Dschungel eingeprägt! Jetzt schweigen wir. Die Nacht ist laut und stockfinster. Nur vereinzelt blinkt irgendwo ein Stern hoch oben zwischen dem Dach aus Laub. Gleichmäßig rauscht der Ofi Creek. Doch das ist es nicht. Irgendetwas kreischt, anderes hämmert. Da ist irgendwo auch ein Gurren, ein Knurren und dann hoch oben ein Klatschen.
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Dann brechen Äste. Ich will gar nicht wissen, was das alles im Einzelnen bedeutet. Gefährliche Tiere gibt es in den Bergen von Papua Neuguinea eigentlich nicht, vielleicht ein paar Schlangen, Käfer oder so? Die anderen sind bestimmt auch ständig wach – doch wer redet schon gerne darüber in finsterer Wildnis, wenn direkt daneben Kelly selig schläft. Mein Herz rast, die Muskeln schmerzen, der Rachen ist trocken. Diese Nacht bringt kaum Erholung. Und dann geht es los. Ein ohrenbetäubendes Vogelgezwitscher aus Tausenden Kehlen. Gesänge, Gekreische, Gejohle - unglaublich. Der Busch erwacht. Wenig später endlich die erste Dämmerung, dann Sonne. Sofort wird es warm, der Tag verdrängt die kühle Luft, es ist schon früh drückend schwül.

Der dritte Tag bringt neben den Schmerzen in Beinen und Schultern ein weiteres Problem: Blasen! Da wir ständig Bäche und Flüsse durchquert haben, sind unsere Socken und Schuhe fast die ganze Zeit feucht. Teilweise ist die Haut so aufgeweicht, dass sie in Fetzen abgefallen ist. Jeder Tritt schmerzt. Wir sind froh, als wir am Nachmittag unser nächstes Nachtquartier erreichen. Eine einfache Hütte auf Stelzen. Daneben liegen die Reste von einem Flugzeugwrack. Ist eben eine gefährliche Gegend für Mensch und Maschine. Uns braucht das keiner mehr zu erklären. Schnell streichelt die Hand über meine Oberschenkelinnenseite. Ich zucke zusammen, doch der alte Mann, dem die Hand gehört, lächelt nur. Mit Zahnlücken und strahlenden Augen. Mir ist irgendwie mulmig, schließlich steht mir der Dorfchef gegenüber. Zuvor haben wir uns artig die Hand gegeben und jetzt das. Doch das Streicheln des Oberschenkels gilt in Papua als eine herzliche Geste für besondere Gäste.
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Ungewohnt ist es trotzdem und ich kann mich auch nicht dazu durchringen, seine Oberschenkelinnenseite zu streicheln bzw. weiß gar nicht, ob das jetzt erwünscht wäre. Henry ist zu unserer Gästehütte herübergekommen. Als Häuptling gilt sein Interesse dem großen Ganzen. Was machen wir mit einem Dieb in unserem Dorf, will er wissen. Wie bauen wir Straßen und was pflanzen wir in unseren Gärten? Stolz reicht er uns eine Schüssel mit Süßkartoffeln und Mandarinen. Das seien seine, berichtet Henry, und die seien die besten im ganzen Dorf. Wir essen artig und erzählen aus unserem Dorf Köln. Henry ist begeistert und erklärt stolz, dass aus der ganzen Welt Menschen zu ihm kämen. Aus Australien, Neuseeland und Deutschland. Wanderer auf dem Kokoda-Trail, dem National Walking Track. Als sich Henry verabschiedet, kommt ein anderer Dorfbewohner in unsere Hütte. Er hätte hier ein paar Süßkartoffeln und Mandarinen, die seien von ihm und übrigens die besten in dieser Gegend. Wir probieren auch diese.
Das Gästebuch verrät am anderen Morgen, wie viele Wanderer hier tatsächlich vorbei kommen. Zehn Namen in zwölf Monaten! Um Australier, Neuseeländer und Deutsche zu finden, müssen wir Jahre zurück blättern. Seit Stunden starre ich auf die vor mir hin- und herschaukelnde rote Flüssigkeit. Kelly trägt seinen Trinkkanister lässig am Zeigefinger.
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Wir ernähren uns schon lange nur noch von Wasser, Nudelsnacks und irgendwelchen Energieriegeln, die angeblich sogar Astronauten auf ihre Reisen mitnehmen. So steht es zumindest auf der Verpackung. Und wieder rutscht sie mir raus, diese eine, blöde Frage, deren Antwort wir ständig wissen wollen. „Wie weit ist es noch, Kelly?“. Er bleibt kurz stehen, blickt wissend und sagt: „We are coming closer.“

Es ist herrlich kühl auf der 2.190 Meter hohen Ridge of Mt. Bellarmy. Bergregenwald mit moosbewachsenen Baumstämmen und meterhohen Farnen, dazwischen einzelne Palmen. Das Wegstück fällt uns leicht, doch plötzlich schießen wir wieder einen Abhang hinunter. Sofort bin ich hellwach. Umgefallene Baumriesen liegen quer auf dem Weg, doch wir schlittern weiter nach unten zum Eora Creek. Zu Templetons Crossing. Benannt nach einem gewissen Captain Sam Templeton vom 39. australischen Batallion. 1942 verlor er in dieser Gegend sein Leben im Kampf gegen die Japaner. Jetzt erwartet uns ein Kampf mit dem Eora Creek, einem reißenden Wildwasser. Es dröhnt, es rauscht, es ist gefährlich. Darüber das, was Kelly eine Brücke nennt. Ein Baumstamm ragt steil von der Böschung etwa 2 Meter hinunter auf einen Felsblock. Daneben ist eine Liane kniehoch gespannt. Hier soll sich der Wanderer festhalten, während er über den glitschigen Baumstamm nach unten balanciert. Doch die Liane reißt, als wir uns daran festhalten. Niemand von uns kommt nun mehr dort hinunter. Bis auf Kelly.
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Schnelle Schritte, zack zack, ein Hüpfer, ein kleiner Sprung, der einer eleganten Wildkatze sehr nahe kommt und Kelly ist drüben – mit Rucksack und Trinkkanister am Finger. Wir schweigen beeindruckt. Uns bleibt nur der Weg durch die Strömung. Bis zur Hüfte zerrt und zurrt das Wasser. Mit den Füßen schrammen wir über den Boden, bis sie irgendwo wieder Halt finden. Wir angeln uns von Fels zu Fels, ständig in Angst abzurutschen und von der Strömung weggerissen zu werden. Der Eora Creek poltert laut, so als wenn er sich fast freuen würde, dass endlich mal wieder jemand vorbeischaut. Für zehn Meter brauchen wir eine halbe Stunde. Doch Kelly hilft, wo er kann. Er trägt unsere Rucksäcke über den Baumstamm nach drüben, reicht uns immer wieder die Hand und bringt uns so durch den Fluss.
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selbst organisiert, bisher unveröffentlicht