Vom 27.09. bis 10.10.2008
Von Wasser und Tieren und
Ferien auf einem brasilianischen „Bauernhof"

Meine Augen suchen in der Dunkelheit die Lagune, als ein lautes Fauchen meinen Schritt stoppt. Erschreckt mache ich einen Satz, als ich erkenne, dass ich fast über den grossen Kaiman gestolpert wäre, der vor mir im Gras liegt und mich anstarrt. Erst jetzt begreife ich und sehe immer mehr. Dutzende Mohrenkaimane kommen mit geöffneten Schnauzen und Killerzähnen auf mich zu. Bin ich in einem Horrorfilm oder habe ich einen Alptraum? Weder noch! Ich bin hellwach und befinde mich im Herzen Südamerikas, in Brasilien, und zwar im Pantanal, diesem mit 230.000 Quadratkilometern grössten Überschwemmungsgebiet der Erde, in einem Naturparadies ohnegleichen und am Ziel meiner Träume!
Es war eine Reise „Natur pur", auf der ich auch die brasilianische Variante von „Ferien auf dem Bauernhof", kennen gelernt habe. Vom undurchdringlichen Regenwald am grössten Fluss der Erde, dem legendären Amazonas, bis hin zu den weiten Savannen des Pantanal und zu den gigantischen Wasserfällen von Iguacu, führte die Reise. Die „24-Stunden-Ameise" ist uns ebenso begegnet wie der grosse Ameisenbär, und vom Jabiru bis zum Hyazinthara hat uns die unglaubliche Vogelwelt verzaubert. Wir waren zu Fuss, zu Pferd, per Boot und Jeep unterwegs und haben 40 Stunden in diversen Fliegern zugebracht.
Der Abschied ist mir schwergefallen, und hätte ich die Wahl gehabt, ich wäre in Sao Paulo umgekehrt und wieder „nach Hause" ins Pantanal geflogen, wo wir so glückliche Tage verbringen durften in einer Natur, die uns restlos begeistert hat.
Aber wie immer, berichte ich jetzt schön der Reihe nach.
Als ich vor fast 29 Jahren in Rio auf dem Zuckerhut stand, habe ich versprochen, eines Tages wieder nach Brasilien zurück zu kehren. Viele Reisen habe ich seither gemacht und einiges von der Welt gesehen. Nicht aber den Amazonas, obwohl mich dieser Fluss seit Jugendtagen fasziniert. Nun also geht es wieder nach Brasilien, und dieses Mal wirklich an den Fluss der Flüsse.
Am Samstag, 27.09., stehe ich auf dem Konstanzer Bahnhof und will gerade in den Zug steigen, als Trudchen auftaucht, um mir Ade zu sagen. Versehen mit vielen guten Wünschen von allen Seiten bringt mich der Zug nach Frankfurt, wo mich Schwester Gitte am Bahnsteig erwartet. Sie ist extra gekommen, um mir bei einem Cappuccino die Wartezeit zu verkürzen, die nicht angenehmer hätte sein können.
Dann aber wird es ernst, und bald bringt mich der erste Flieger nach Madrid, wo wir um 22.00 Uhr landen. In diesem grossen Flughafen ist wieder ein Lauftraining angesagt, es sind weite Wege zu Fuss und mit der Hochbahn von einem Terminal zum anderen, jede Menge Rolltreppen geht es rauf und runter, aber irgendwann stehe ich dann tatsächlich am richtigen Flugsteig und warte. Ein junger Mann spricht mich an, ob ich auch mit „Colibri" nach Brasilien reisen will. Es ist der Steirer Gerhard und der erste Mitreisende, den ich kennen lerne. Wir halten zwar die Augen auf und schauen uns die vielen Mitflieger an, können aber niemanden entdecken, der nach „Colibri" aussieht oder einen entsprechenden Kofferanhänger trägt.
Um Null Uhr vierzig erhebt sich der Iberiaflieger und trägt uns in einem zehneinhalb Stunden-Flug die 8.371 km nach Sao Paulo. Um 2.15 Uhr in der Nacht wird das Abendessen serviert, und ich denke, dass das alles schon eine ungesunde Sache ist. Aber wer die Welt kennen lernen will, darf nicht zimperlich sein. Nun ist erstmal schlafen oder dösen angesagt. Irgendwann stelle ich die Uhr um 4 Stunden zurück und bin heilfroh, als auf dem Monitor endlich zu sehen ist, dass wir bald unser erstes Ziel Sao Paulo erreichen werden, denn ich kann bald nicht mehr sitzen und mache fleissig Fussgymnastik und laufe ein bisschen herum. Der Frühstückskaffee weckt die Lebensgeister wieder, und dann landen wir pünktlich um 5.45 Uhr Ortszeit in Sao Paulo, das uns mit einem wahren Chaos empfängt.
Unmengen Menschen wuseln durcheinander und suchen nach einer Orientierung. An einem Wechselschalter tausche ich gleich Dollar in brasilianische Reais um. Hier treffe ich auch Gerhard wieder, der mir sagt, dass ich auf jeden Fall meinen Koffer holen muss, obwohl er in Frankfurt bis Manaus durchgecheckt wurde. Da ich der Sache nicht traute, ging ich mit zur Gepäckausgabe, um mich selbst zu überzeugen. Dort stand auch Karen aus Berlin, eine weitere Mitreisende. Und siehe da, mein Trolley war tatsächlich auf dem Band. Wenn Gerhard mir diesen Tipp nicht gegeben hätte, wäre ich gar nicht auf die Idee gekommen, hier mein Gepäck zu holen und nach Manaus neu einzuchecken, denn auf dem Gepäckabschnitt stand ganz klar Manaus. In diesem Fall hätte ich ohne Koffer im Urwald gestanden. Auf dieses Prozedere hätte uns der Reiseveranstalter unbedingt hinweisen sollen.
Endlich hatten wir unser Gepäck, liefen durch den grossen Flughafen dieser 12 Millionen-Stadt und reihten uns dann in die endlose Schlange vor dem Eincheckschalter ein. Mit Absperrbändern waren serpentinenartige Wege angelegt, und langsam schoben wir uns Fuss vor Fuss voran, bis wir endlich an der Reihe waren und unser Gepäck los wurden und die ersehnte Bordkarte bekamen. Darauf stand Gate 7 für den Abflug, auf der Anzeigetafel stand jedoch Gate 1 B. Also wieder nachfragen und absichern. Die Bordkarte stimmte offenbar nicht, und wir wetzten hin und her und fragten mehrmals nach. An sich hatten wir uns auf eine lange und langweilige Wartezeit von fast vier Stunden eingestellt, die aber angesichts des Theaters an diesem Flughafen flott vergingen.
Jetzt wären bei mir ein guter Cappuccino und eine Zigarette angesagt gewesen, aber in diesem Riesenflughafen darf man nirgends rauchen, und Kaffee ohne Zigarette wollte ich nicht, also liess ich es bleiben. In der Zwischenzeit hatten sich auch die restlichen sechs Leute unserer Gruppe eingefunden, so dass wir mit 9 „Colibris" komplett waren. Das Chaos um uns herum irritierte uns ziemlich, wir waren müde und genervt und hatten keine Lust auf weitere vier Stunden Flug. Aber irgendwann klappte doch noch alles irgendwie, und nachdem wir im Flieger von freundlichen Stewardessen einen leckeren Imbiss und Kaffee bekamen und sich nun die Sonne blicken liess, wurden wir wieder halbwegs munter. Die Uhr stellte ich nochmals um eine Stunde auf Manauszeit zurück. Ich hatte einen Fensterplatz und konnte die weiten Ebenen des Pantanals unter mir erkennen und später dann das endlose Grün des Regenwaldes mit den vielen braunen Flüssen, die sich durch die Wildnis schlängeln. Wir fliegen über 8.000 Meter hoch durch dicke weisse Wolkenberge und grelle Sonne.
Endlich landet auch dieser Flieger, und nun sind wir also nicht nur mit dem Finger auf der Landkarte, sondern leibhaftig in Manaus, mittendrin im grössten zusammen-hängenden Regenwaldgebiet und am grössten Fluss der Erde, dem mythenumwobenen Amazonas. Unser Reiseleiter Heinz erwartet uns, und Manaus empfängt uns stilgerecht mit Blitz, Donner und Wolkenbruch. Es dauert aber nur kurz. Mit einem Van fahren wir durch Manaus zur Anlegestelle am Taruma, einem Nebenfluss des Rio Negro, von wo aus wir mit einem Boot in ca. 30 Minuten zu unserer Urwaldlodge „Amazon Ecopark" fahren und all das Neue um uns herum bestaunen. Es ist schwülwarm, wie wir das ja auch erwartet hatten.
Die Lodge liegt im Naturschutzgebiet mutterseelenallein an diesem Seitenarm des Rio Negro und ist idyllisch auf eine Anhöhe gebaut aus Holz und Palmblattdächern. Wie überall in den Tropen, gibt es keine Glasscheiben, sondern möglichst viel offene Fenster, damit die Luft zirkulieren und kühlen kann. Bei einem Begrüssungsdrink gibt uns Heinz einige Informationen, dann bekommen wir unsere Zimmerschlüssel, und Gepäckträger schleppen unsere Sachen zu den einzelnen Appartmenthäuschen, die sich weit über die schöne Gartenanlage hinziehen. Mein Häuschen ist „Jwd", also wirklich ganz weit draussen, direkt am Urwald gelegen. Es ist schlicht und einfach, aber zweckmässig und hat auch Moskitogitter. Hier am Rio Negro bzw. seinen Nebenflüssen brauchen wir aber keine Angst vor Moskitos und Malaria zu haben, denn dieses Schwarzwasser ist sehr sauer und enthält kaum Mineralien. Daher können sich die Moskitos darin nicht vermehren, und ich bin froh, dass ich die stark leberschädigenden Malariatabletten nicht nehmen muss.
Nach einer wohltuenden Dusche und leichtester Bekleidung, fahren wir mit einem kleinen Boot auf die andere Seite der Lodge auf die Affeninsel, wo uns im wahrsten Sinn des Wortes eine Affenhitze und grosse Schwüle empfängt. Auf dieser Insel im Urwald leben etliche Affen, die aus privaten Haushalten konfisziert wurden und hier wieder auf das Leben in der Wildnis vorbereitet werden. In ganz Brasilien ist die Haltung von Wildtieren bei strengsten Strafen verboten, aber immer wieder werden solche Tiere aufgegriffen.
Hier sind es vor allem Woll- und Kapuzineraffen, aber auch einige rotgesichtige Uakaris sind dabei. Diese Affen haben nackte, knallrote Gesichter, als wären sie von der Sonne verbrannt. Einige Tiere, die entweder bissig oder noch neu hier sind, werden in einem grossen Drahtkäfig gehalten, andere laufen völlig frei herum. Am zutraulichsten ist Shakira, ein Wollaffenweibchen, das sich sogar streicheln lässt. Ein anderes Weibchen trägt ein niedliches Jungtier mit sich herum. Ein grosses, dickes Wollaffenmännchen krakeelt in den Bäumen herum. Es ist der Chef hier und bissig, ihm darf man nicht zu nahe kommen.
Uns rennt der Schweiss in Strömen, denn die Luftfeuchtigkeit beträgt heute 95%, und es ist fast 40° heiss. Ich bezweifele, dass man sich daran gewöhnen kann. Selbst Heinz, der seit über 20 Jahren hier lebt, schwitzt „wie ein Affe".
Nach diesem Besuch fahren wir mit dem Boot in einen weiteren ruhigen Seitenarm und können an den Bäumen erkennen, wie hoch hier in der Regenzeit das Wasser steht. Jetzt ist Trockenzeit bis etwa November/Dezember, dann kommt die Regenzeit bis etwa März, und die Flüsse steigen bis zu 15 Meter. Alles ist hier dann unter Wasser, und die Fische und Delphine schwimmen durch die Bäume. Das würde ich auch gerne mal sehen.
Das ganze Amazonasbecken ist extrem flach, daher haben die Flüsse kaum Gefälle. Die Fliessgeschwindigkeit beträgt nur 2 Kilometer pro Stunde. Und dies ist der Grund für die weitflächigen Überschwemmungen, die sich Hunderte von Kilometern ins Landesinnere erstrecken.
Wir sehen einige Vögel, hören diese aber viel mehr. Es gibt viele Tukane, Eisvögel, Rabengeier und zahllose Singvögel. Hier leben Anacondas und Jaguare, Flussdelphine, Kaimane und auch der grösste Süsswasserfisch der Welt, der Arapaima, der über drei Meter lang und 150 kg schwer werden kann, und der als Speisefisch sehr begehrt ist. Viele Schlangen leben hier und Ameisen in allen Varianten sind allgegenwärtig.

Zurück in der Lodge gibt Heinz uns das Programm der nächsten Tage bekannt. Anschliessend streifen wir ein bisschen durch diese schöne Gartenanlage, lauschen den vielen Singvögeln und staunen über die Kolibris. Es gibt hier auch einen Naturpool mit fast schwarzem Wasser, es sieht aus wie Schwarztee. Bei der Rezeption und im Bereich des Freiluftrestaurants hält sich fast immer ein grosser wunderschöner roter Ara auf. Hier hängt ein Schild „Parrott crossing" (Papagei kreuzt). Erst hielten wir das für einen Witz, aber nachdem der rote Ara und auch die kleineren grünen Amazonenpapageien dauernd über unsere Köpfe rauschten, bekam das Schild seinen Sinn. Diese Vögel leben völlig frei, nehmen aber das Nahrungsangebot der Lodge sehr gerne an und klauen den Gästen Früchte oder Brot vom Teller.
Auch ich bin inzwischen sehr hungrig, muss aber bis zum Abendessen um 19.30 Uhr warten. In meinem Häuschen öffne ich die Läden und schaue auf den Urwald direkt vor mir. Es ist Primärwald, der nie von Menschenhand verändert wurde. Um 18.00 Uhr ist es dunkel, um 6.00 Uhr morgens geht die Sonne auf. Jahreszeiten gibt es nicht, nur Regen- und Trockenzeit. Die Geräuschkulisse ist jetzt umwerfend, denn nun haben die Tiere der Nacht ihren Auftritt. Und da es geregnet hat, geben nun auch die vielen Baumfrösche ihr lautstarkes Konzert. Diese Frösche leben fast ausschliesslich auf den Bäumen, die in den höheren Etagen voller Bromelien und anderen sogenannten Aufsitzerpflanzen bewohnt sind. In diesen Pflanzen sammelt sich Wasser. Das reicht den Baumfröschen zum Leben und für Ihren Nachwuchs.
Nach dem leckeren Abendessen im Freiluftrestaurant lege ich mich nach 44 Stunden „Auf den Beinen" ins Bett, lausche noch ein Weilchen der Urwaldserenade und wache nachts vom starken Regen auf, der auf das Dach prasselt. Morgens ist es frisch und unerwartet kühl. Im Bad finde ich einen fetten Monsterkäfer oder vielleicht gehört das etwa 8 cm lange Viech auch zu den Schaben. Es ist dunkelbeige und hat einen hohen runden Rücken, es sieht fast wie ein Mini-Gürteltier aus. Ich finde es allerdings nicht sehr lustig und viel zu eklig, um es zu erschlagen. Also hoffe ich, dass es sich bei Licht von alleine verzieht.
Nach einem wunderbaren Start in den Tag mit frischen Tropenfrüchten und Papageien, Kolibris und Schmetterlingen steigen wir in eine Gaiola, ein typisches Amazonasboot, und starten in Richtung Manaus. Es ist ein herrlicher Morgen, sonnig und heiss, aber unser Boot ist hoch und überdacht, und der Fahrtwind kühlt sehr angenehm. Jetzt sind wir wieder fit und unternehmungslustig, geniessen den Wald rechts und links und das in der Morgensonne glitzernde Wasser. Wir freuen uns, dass wir die Strapazen der Anreise hinter uns und aufregende und erlebnisreiche Tage vor uns haben.
Langsam nähern wir uns den ersten Häusern von Manaus. Am linken Ufer stehen die Luxusvillen der Reichen und modernste Hochhäuser, deren Penthousewohnungen locker eine Million Euro kosten. Entsprechende Jachten liegen davor im Wasser in Garagen. Wir sehen aber auch die Favelas, die Elendsviertel, die es hier auch noch gibt, allerdings längst nicht so viele wie in anderen Städten Brasiliens. Heinz erzählt uns die Geschichte der Stadt und ihren heutigen Stand. 1970 hatte Manaus 350.000 Einwohner, heute sind es schon zwei Millionen. Es gibt viel internationale Industrie hier, vor allem werden japanische Motorräder gebaut, von denen Jahr für Jahr Millionen in alle Länder verschifft werden. Manaus hat als Freihandelszone Investoren aus aller Welt angelockt.
Dann kommen wir zum Rio Negro und unser Seitenarm mündet in diesen gigantischen Fluss. Ich bin total überwältigt von dem Anblick dieser Wassermassen. Der Rio Negro ist hier 12 km breit und glitzert in der Sonne. Schiffe aller Art einschliesslich Ozeandampfer und Tanker fahren darauf und es sieht einfach gigantisch aus. Ich kann kaum glauben, dass es ein Fluss ist, der erst einige Kilometer weiter östlich mit dem Rio Solimoes zusammenfliessen und dann noch viel breiter sein wird. Ich stand an der Reling und war völlig fasziniert und beeindruckt. Das fand ich weitaus imposanter und grandioser als den Baikalsee, der einem einfach wie ein Meer vorkommt. Aber hier dieser Riesenfluss voller Leben war einfach umwerfend.
Wir fahren immer am linken Ufer ostwärts an Manaus vorbei, sehen Boote, Schiffchen, Riesencontainerschiffe und grosse Tanker. In der Raffinerie von Manaus wird das Rohöl in Benzin und Diesel verwandelt und von hier aus wird das gesamte Amazonasgebiet bis nach Peru und Bolivien beliefert. Wir kommen aus dem Staunen nicht mehr raus. Unser kleines Schiff wird von einer Frau gesteuert. Sie lebt auf und von diesem Schiff mit ihrer Familie.
Heinz zeigt uns anhand einer grossen Karte die brasilianischen Staaten und vor allem den Staat Amazonas. Hier ist der Holzeinschlag in den letzten Jahren um sage und schreibe 60 Prozent zurückgegangen. Dafür wurden viele Nationalparks gegründet, um die Natur zu erhalten und auch den Indianern wieder Lebensraum zu geben. In anderen Staaten, vor allem Mato Grosso und Rondovia hingegen ist die Abholzung leider ganz schlimm. Allen voran Holzkonzerne aus der Schweiz und Holland schlagen hier gewaltige Wunden in den Regenwald.
Im ganzen Bundesstaat Amazonas, der viermal so gross wie Deutschland ist, leben nur drei Millionen Menschen, davon allein zwei Millionen in Manaus, das heisst, dass hier nur 2 Menschen pro Quadratkilometer leben. Es gibt heute noch viele völlig unerforschte Gebiete, und immer wieder werden neue Tiere und Pflanzen entdeckt. Erst vor kurzem wurde ein bislang unbekannter Indianerstamm gefunden. Brasilien setzt inzwischen sehr stark auf den Öko-Tourismus, der immerhin schon 30 Prozent des Bruttoinlandsproduktes ausmacht. Und Touristen wollen vor allem intakte Natur, Wälder und Tiere sehen.
Wir legen an und besuchen ein typisches Caboclodorf. Caboclos nennt man Mischlinge von Weissen und Indianern. In diesem Dorf stehen die Holzhütten alle auf Stelzen, es ist ein sehr einfaches Leben. Hier wird uns die Kautschukgewinnung vorgeführt. Eine ganz mühsame Angelegenheit. Heute kann davon keiner mehr leben. Es ist sehr schwülheiss an Land, und nachdem wir den Frauen und Kindern ein paar selbstgemachte Ketten und Arapaima-Schuppen abgekauft haben, sind wir über den Fahrtwind an Bord sehr froh. Der Arapaimafisch hat riesengrosse, verhornte Schuppen in weiss mit grauer Kuppe. Ich wäre nie darauf gekommen, dass ein Fisch solche Schuppen haben kann.
Etwa acht Kilometer hinter Manaus bietet sich uns ein fast unbeschreibliches Naturschauspiel, das ungeheuer beeindruckend ist. Es ist der Zusammenfluss der beiden Riesenströme Rio Negro und Rio Solimoes, der erst ab hier auch von den Brasilianern Rio Amazonas genannt wird. Wir fuhren bisher auf dem Schwarzwasserfluss Rio Negro, der klares, fast schwarzes Wasser führt. Der Rio Solimoes hingegen ist ein Weisswasserfluss, der in den Anden Perus entspringt und damit der eigentliche Amazonas ist. Er enthält viele Schwemm- und Schwebstoffe, die ihn schmutzigbraun färben. Nun treffen diese beiden Flüsse aufeinander und fliessen noch etwa 15 Kilometer farblich getrennt nebeneinander her, bis sie sich schliesslich vermischen. Die Wassermengen dieser beiden Flüsse sind schon beeindruckend genug, aber erst die farbliche Trennlinie, auf der wir fuhren, ist atemberaubend. Man kann gar nicht glauben, dass sich das Wasser nicht vermischt. Hier das schwarze Wasser, daneben das schlammigbraune. Dass sich die Wasser nicht sofort vermischen, liegt an der verschiedenen Zusammensetzung und Fliessgeschwindigkeit des Wassers. Wie auch immer, dieses Schauspiel ist phänomenal. Ich fand es einfach überwältigend.

Der Amazonas ist 6.470 Kilometer lang und bewegt pro Sekunde 160.000 bis 200.000 Kubikmeter Wasser. Genug, um den Durst der gesamten Menschheit in einer Stunde zu löschen! Von Manaus bis zur Mündung in den Atlantik bei Belem sind es noch 1.600 Kilometer und noch 200 Kilometer weit ist im Atlantik das Süsswasser des Amazonas nachzuweisen. Was für ein gigantischer Strom!
Nach einer Weile legen wir auf einer grossen Insel im Fluss an und laufen über schwankende Bretter übers Wasser ans Ufer ins Dorf, wo unser Mittagessen in Büffetform auf uns wartet. Dieses Restaurant gehört ebenfalls zur Amazon Ecopark Lodge und das Essen ist ebenso gut. Hier konnten wir zum ersten Mal den sehr delikaten Arapaima-Fisch probieren, den wir eher für sehr zartes Geflügelfleisch gehalten hätten. Da unser Freiluftrestaurant auf hohen Stelzen steht, haben wir einen schönen Rundumblick und können an den Stämmen der Bäume am Flussufer sehr gut sehen, wie hoch das Wasser in der Regenzeit steht. Riesige Mangobäume hängen voll reifer Früchte, und grosse Schwärme kleiner grüner Papageien kreischen und schnattern im dichten Laub, so dass sie perfekt getarnt und daher unknipsbar sind. Nur wenn sie schwarmweise über uns hinwegfliegen, sieht man sie, und sie lärmen so wie die Starenschwärme in unseren Kirschbäumen. Überall liegen angefressene Mangos auf dem Boden.
Jetzt zur Mittagszeit ist es schier unerträglich heiss und schwül. So sind wir froh, als wir auf dem Boot wieder Schatten und Fahrtwind haben und mit vollem Bauch gefahren werden. Die Fahrt dauert aber nicht lange, da sind wir schon in Manaus, das wir natürlich auch noch kennen lernen wollen, und legen an. Als wir aussteigen, haut uns die brüllende Hitze fast um und Christine meint in ihrem Wiener Dialekt ganz trocken: „Da is a kuschelig". Das fand ich zum Schreien komisch.
Ein durch Klimaanlage wahrlich eisgekühlter Transporter fährt uns durch das riesige Industriegebiet der Stadt ins Zentrum zur berühmten Oper, die die Kautschukbarone 1896 in ihrem Geldwahn nach dem Vorbild der Pariser Oper hier erbauen liessen. Nachdem die Engländer trotz aller Strafandrohungen Kautschuksamen nach Asien geschafft hatten und es dort gelungen ist, Kautschuk in Plantagen anzubauen, brach hier am Amazonas der Kautschukboom total zusammen. Die einstmals reichste Stadt der Welt wurde bedeutungslos und verkam. Auch die Oper stand bald leer und verfiel zusehends. Erst vor etwa 10 Jahren wurde sie aufwendig restauriert, und heute finden täglich Aufführungen aller Art statt, die entweder kostenlos oder sehr preiswert sind, damit auch die arme Bevölkerung am kulturellen Leben teilhaben kann.
Wir bewundern dieses Prachtgebäude ausgiebig. Allein die phantastischen Kronleuchter sind schon Schmuckstücke, dann auch die herrlichen Marmörböden und die Deckengemälde. Ausgerüstet mit Filzpantoffeln schlurfen wir über die wunderschönen Holzmosaike. Alles wurde in Europa hergestellt und nach hier geschafft. Was für ein Aufwand! Die Primaballerina Margot Fonteyn hatte hier ihren letzten öffentlichen Auftritt mit „Giselle". Ihre Ballettschuhe hat sie danach diesem Opernhaus geschenkt. Ihre zierlichen Schühchen von vielleicht Grösse 34/35 sind in einer Glasvitrine anzuschauen.
Nach einem Espresso im Café der Oper fahren wir weiter, um die Prachtvilla des deutschen Kautschukbarons Waldemar Scholz von aussen anzuschauen. Wahrlich ein eindrucksvoller Palast ist das und bis heute sehr schön erhalten.
Heinz informiert uns sehr nett und in genau richtigem Masse über alles Interessante. So zum Beispiel auch darüber, dass so nach und nach die Favelas (Slums) abgerissen werden, nachdem man den Bewohnern kostenlose Wohnungen gegeben hat, die ebenfalls staatlich finanziert werden. Wo gibt es so was sonst noch? In Manaus gibt es auch keine Strassenkinder mehr. Sie wurden alle aufgegriffen und ihren Eltern zurück gebracht mit der Auflage, die Kinder in die Schule zu schicken. Dafür erhalten die Eltern ein halbes durchschnittliches Gehalt vom Staat. Der Schulbesuch dieser Kinder wird regelmässig überprüft. Auf diese Weise haben die Kinder eine echte Zukunftschance.
Auch die vielen landlosen Armen, die mit kleinen Strassenständen oder Bauchläden alles Mögliche verkauften, wurden registriert. Dann erteilte man ihnen eine Genehmigung und stellte ihnen kostenlos ein kleines Blechhäuschen, so eine Art Kiosk, kostenlos zur Verfügung. Steuern brauchen sie keine zu bezahlen. So haben sie die Möglichkeit, etwas Geld zu verdienen und ihre Familien durchzubringen. Auf diese Weise ist die Kriminalität in Manaus drastisch gesunken, und die Stadt gilt heute als eine der sichersten in ganz Brasilien. Dieses staatliche Engagement finde ich sehr nachahmenswert und rechnet sich letztlich auch, denn Armut und Kriminalität und Analphabetentum sind ein Teufelskreis, der letztlich den Staat auch viel Geld kostet. Mit Staat ist hier der Bundesstaat Amazonas gemeint. In den anderen Bundesstaaten wird derartiges nicht praktiziert, so dass es vor allem in den grossen Städten sehr viel Armut und entsprechend hohe Kriminalität gibt.
Zum Schluss fahren wir noch zum neuen Markt. Die legendären Markthallen, die ebenfalls nach dem Vorbild der Pariser Markthallen erbaut wurden, werden zur Zeit restauriert, so dass wir sie leider nicht ansehen können. Aber auch die wesentlich grösseren neuen Markthallen sind sehenswert, denn dort wird alles angeboten, was man sich nur vorstellen kann. Dort finden wir Riesenberge von grünen Bananen, Mangos, Papayas usw. und ganz kuriose, 50 cm lange, dünne, grüne Bohnen in Bündeln. Solche Riesenbohnen habe ich noch nie gesehen. Es gibt Unmengen von Gewürzen und Medizinkräutern und –pulvern. Sogar pflanzliches Viagra ist zu haben. Toll und höchstinteressant ist auch der Fischmarkt, auf dem alles angeboten wird, was im Amazonas schwimmt. Wunderschöne Tigerwelse liegen hier und auch das Fleisch des Arapaima wird angeboten. Leider können wir den ganzen Riesenfisch nicht sehen, weil er schon filettiert ist. Wir wären gerne noch viel länger durch diesen Riesenmarkt geschlendert, aber es war schon 17.00 Uhr, und wir mussten zurück.
Mit dem Auto wurden wir zum Seitenarm des Rio Negro gefahren, wo ein kleines Boot wartete und uns zur Lodge zurückfuhr bei Sonnenuntergang. Was für ein phantastischer Tag war das heute! Wir sind glücklich und voller Eindrücke.
Nach der längst fälligen Dusche sitze ich auf meinem Bett und schreibe die Erlebnisse des Tages „im Schweisse meines Angesichts" auf. Dauernd tropft mir der Schweiss von den Augenbrauen auf die Brille oder das Papier, und ohne Handtuch komme ich nicht voran. Selbst jetzt am Abend ist es noch unglaublich heiss und schwül. Laut Heinz sinkt hier die Temperatur nie unter 25°. Aber trotzdem will ich die Klimaanlage nicht einschalten. Die Erkältungsgefahr durch den Temperatur-unterschied ist einfach zu gross. Lieber schwitzen wir wie die Menschen hier auch, wenn sie nicht gerade in ihren eisgekühlten Autos sitzen.
Wieder gibt es ein viel zu gutes Abendessen. Das verführt dazu, mehr zu essen, als man braucht oder darf. Aber es geht uns allen so. Wir sitzen, erzählen und lachen und verstehen uns prima. Die Gruppe besteht aus einem Wiener Ehepaar, Christine und Gerhard, einem Berliner Ehepaar, Petra und Lutz, sowie dem molligen, etwas „patscherten" (lt. Christine) Junggesellen Bernd aus Berlin. Dann ist da noch die gazellenhafte Karen aus Berlin und die fesche Gudrun aus Würzburg mit wunderschönen Augen und einer tollen Frisur und nicht zu vergessen, der kleine Gerhard aus der Steiermark, der jede Pflanze und jedes Tier mit lateinischem Namen kennt. Altersmässig sind die meisten zwischen 40 und 50. Tja, und ich bin auch noch da.
Die letzte Nacht hat uns erstaunlich wenig Urwaldkonzert beschert, und wir haben gut geschlafen. Am nächsten Morgen ist es aber schon sehr früh sehr heiss. Wir frühstücken mit roten und grünen Papageien, die uns Brot und Melonen und Rührei vom Teller klauen. Wir lassen sie gewähren und freuen uns, diese herrlichen Vögel so hautnah sehen zu können. Klar, dass wir jede Menge Fotos schiessen.
Dann starten wir zu einer langen und hochinteressanten Wanderung auf schmalen Pfaden durch den unberührten Regenwald. Heinz erklärt uns Pflanzen und Tiere und ihre Besonderheiten. Er zeigt uns zum Beispiel die sehr gefürchtete 24-Stunden-Ameise, ein schwarzes Monster von 2,5 cm Länge, deren Stich (Wespenverwandte) 24 Stunden lang hohes Fieber und mindestens zwei Wochen lang extrem starke Schmerzen im ganzen Körper verursacht. Kein Mittel hilft dagegen.
Heinz hat ihre schmerzhafte Bekanntschaft schon zweimal gemacht und weiss, warum er sie fürchtet. Ameisen, Termiten und Spinnen gibt es in Massen. Wir finden auch eine graubraune Vogelspinne mit dickem rostrotem Hinterleib.

Heinz ist Spezialist für das Überleben im Urwald (kann man erlernen) und bringt uns einiges bei. So zeigt er uns auch die Curare-Liane, aus der die Indianer das Pfeilgift gewinnen, mit dem sie vor allem Vögel und Affen jagen. Dieses Gift lähmt die Muskulatur und führt innerhalb kürzester Zeit zum Tod. Es zersetzt sich im Körper aber sehr rasch, so dass das Fleisch der erlegten Tiere nicht giftig ist. Das Gift ist im Körper übrigens nicht nachweisbar, und es hat schon so manchen unaufgeklärten Mord gegeben.
Heinz kam übrigens als junger Mann als Tourist an den Amazonas und hat sofort gewusst, dass er hier leben will. Er ist einige Male hergekommen, bevor er seine Zelte in Österreich abgebrochen hat und nach Manaus gezogen ist. Er hat dort eine Familie gegründet und alles Mögliche gemacht, war Immobilienmakler, Restaurantbesitzer und hatte eine Ziegelei. Erst seit ein paar Jahren arbeitet er auf selbständiger Basis im Tourismus und führt auch Überlebenstrainings im Urwald durch.
Wir lernen auch noch das Urwaldtelefon kennen. Es sind Riesenbäume mit gigantischen Brettwurzeln. Wenn man mit einem Stock an so eine Brettwurzel schlägt, hört man den Knall kilometerweit. Auch viele Medizinpflanzen lernen wir kennen, mit denen die Indianer ihre Krankheiten heilen, sogar Malaria und Krebs. Auch die weltweite Pharmaindustrie macht sich dieses Wissen und die Pflanzen des Regenwaldes schon zu nutze, nicht unbedingt zum Guten für die Einwohner.
Es ist so drückendheiss und schwül, dass wir schon nach kurzer Zeit keine trockene Faser mehr am Leib haben. Aber wir geniessen diesen hochinteressanten Spaziergang, obwohl der Regenwald mit sichtbaren Tieren geizt trotz der unvorstellbaren Artenvielfalt, die es hier gibt. Der Amazonas ist die grösste genetische Schatzkammer der Welt. Aber die meisten Tiere sind perfekt getarnt oder leben oben in den Baumkronen oder sind nachtaktiv. Und scheu sind sie alle. So bekommt ein ungeschultes Auge kaum ein Tier zu Gesicht.
Heinz hebt eine dunkle Frucht von etwa Kastaniengrösse hoch und bricht sie auf. Darin sind weisse Maden, die angeblich süsslich und nach Kokosnuss schmecken und die bei den Indianern eine Delikatesse sind. Er fragt, ob jemand probieren will. Es graust uns, aber der kleine Gerhard will sehr wohl. Mit der grössten Selbstverständlichkeit essen er und Heinz diese Maden auf, und wir anderen kringeln uns vor Ekel. Klar, wir wissen, es ist kein grosser Unterschied zwischen so einer Made und einer Garnele. Aber immerhin ist die Garnele wenigstens gekocht…!
Nach drei Stunden kommen wir völlig verschwitzt und ausgelaugt zurück zur Lodge, vertilgen unser Mittagessen und haben danach Siesta. Es ist dermassen schwülheiss, dass einem jeder Schritt schwerfällt. In der Sonne es ist überhaupt nicht auszuhalten. So legen wir uns faul in die Hängematten im Schatten oder aufs Bett.
Um halb vier wollten wir die Tucano-Indianer besuchen. Der Wasserstand ist aber inzwischen zu niedrig, um mit dem Boot zu ihnen zu fahren. So kommen die Indianer mit ihren kleinen Kanus in die Nähe der Lodge zu einem grossen Platz, der als Fussballplatz und für verschiedene Vorführungen genutzt wird. Es sind etwa 12 Erwachsene und einige Jungen. Die Frauen tragen BH’s aus Kalebassenhälften und einen kurzen Rock, die Männer prächtigen Kopfschmuck aus Papageienfedern und einen Lendenschurz. Ansonsten sind sie nackt. Es sind kleine braune Menschen mit lackschwarzem Haar. Sie begrüssen jeden einzelnen von uns mit Händedruck und führen uns dann zu ihrer Flötenmusik einige Tänze vor und meist lachen sie dabei.
Eine junge Indianerin fasziniert mich, weil sie besonders apart und hübsch ist. Ihr langes schwarzes Haar hängt wie ein Schleier über ihren Rücken. Sie heisst Stella, ist 20 Jahre alt und möchte Lehrerin werden. Auf dem Foto von ihr und mir sieht man den gewaltigen Grössenunterschied. Wir grossen weissen Menschen sind für den Urwald nicht geschaffen, dazu muss man klein, leichtfüssig und möglichst „unsichtbar" sein, wie Heinz uns erklärt.

Diese Indianer leben in einem Reservat in ihrem Dorf und pflegen ihre alten Traditionen. Mit ihren Auftritten und dem Verkauf von selbstgemachtem Schmuck, kunstvollen Masken usw. finanzieren sie ihr Leben und können ihre Kinder in die Schule schicken. Ich hatte den Eindruck, dass sie sich mit diesem Kompromiss ganz gut arrangiert haben. Einige Ketten und eine wunderschöne Maske habe ich von ihnen gekauft, die mit einem Kranz von Arapaima-Schuppen gekrönt und mit Wirbel- und Rippenknochen einer Anaconda dekoriert ist. Der Mund besteht aus dem zähnestarrenden Gebiss eines Piranhas. Das alles sind Symbole für den Regenwald, und genau deswegen finde ich diese Maske sehr passend als Erinnerung.
Es war eine heitere, lockere Stimmung und beide Seiten haben gelacht. Das drohende Gewitter hat sich trotz dunkler Wolken und Donnergrollen verzogen, so dass wir trockenen Fusses wieder in der Lodge angekommen sind. Mich hatten unbemerkt einige Ameisen gebissen, und diese Bisse juckten auch 8 Tage später noch.
Wir sassen faul in der Freiluftbar und tranken Wasser, Bier und Caipirinha. Ich bestellte einen ganz süffigen Fruchtcocktail mit Zuckerrohrschnaps. Bananenchips standen auch meist auf dem Tisch, und so ging es uns gut. Wir haben erzählt und gelacht und fanden Themen ohne Ende. Es ist keineswegs selbstverständlich, dass eine Reisegruppe sich so gut versteht. So merkten wir auch die enorme Hitze nicht so sehr, obwohl uns das Wasser in Strömen am Körper herab rann. Zwei grüne Amazonen-Papageien leisteten uns Gesellschaft mit ihren Clownerien. Einer war ganz mutig, und nachdem er erst Bananenchips geklaut hatte, steuerte er zielstrebig ein Bierglas an, aus dem er ganz geübt trank, was ganz witzig aussah.
Abends gab es wieder ein „Eigentlich-Büffet". „Eigentlich" deshalb, weil wir angesichts unserer geringen Aktivität gar kein Abendessen mehr gebraucht hätten, aber diesen vielen Leckereien doch nicht widerstehen konnten. Danach fuhren wir mit einem kleinen Boot hinaus in die rabenschwarze Nacht in einen kleinen Seitenarm des Taruma und machten uns mit einem grossen Suchscheinwerfer auf Kaimansuche. Schon nach wenigen Minuten sehen wir die ersten Augen aufleuchten, fahren aber noch weiter. Gespenstisch sehen Wald und Fluss aus. Schliesslich halten wir an und ehe wir überhaupt begriffen, hatte unser einheimischer Führer einen kleinen Kaiman im Genick gepackt und aus dem Wasser gezogen. Das Tier ist etwa 70 cm lang und 2 ½ Jahre alt und weiblich, wie Heinz uns fachkundig erklärt. Ausgewachsen sind diese Brillenkaimane etwa 3 m lang und können 70 Jahre alt werden. Auch diese kleinen Kaimane haben schon messerscharfe Zähne, vor denen man sich hüten muss. Der Guide gibt mir den kleinen Kaiman, und ich fühle die weiche, warme Haut und den Herzschlag. Er hat einen wohlgefüllten Bauch und schaut uns aus grünen Augen an.
Der Guide nimmt den Kaiman wieder und legt ihn am Ufer auf den Rücken und streichelt seinen Bauch. Daraufhin fällt das Tier in eine Art Hypnosestarre und bleibt etwa 30 Sekunden regungslos so liegen, ohne dass es festgehalten wird. Dann aber endet die Starre und blitzschnell ist der Kaiman im Wasser verschwunden. Wir fahren weiter in einen anderen Seitenarm. Wie der Blitz springt unser Guide kopfüber ins Wasser und taucht mit einem Kaiman in der Hand wieder auf. Dieses Exemplar ist zwar kleiner, aber sehr zornig, es strampelt und versucht zu beissen. Ich muss das Tier ganz schön festhalten, damit es mich nicht erwischt mit seinen scharfen Zähnchen, die sehr schmerzhaft zubeissen können. Anscheinend ist es sehr schwer, die Kiefer eines Kaimans zu öffnen, wenn sie sich einmal geschlossen haben.
Nebel ist aufgezogen, da die Luft inzwischen kühler als das Wasser mit 30° ist. Es sieht jetzt noch gespenstischer aus im Dunkeln. Wir fahren wieder zurück und nehmen den kleinen Kaiman mit. Auf der Plattform der Anlegestelle lassen wir ihn frei, und kopfüber springt er in sein Element, wo er noch eine ganze Weile ruhig im Wasser treibt, wie wir im Scheinwerferlicht sehen.
Ich hatte für eine Weile die Klimaanlage in meinem Zimmer eingeschaltet, so dass es jetzt angenehm kühl ist und ich gut schlafen kann bei geöffneten Läden. Da es aber heute auch nicht geregnet hatte, quaken die Frösche längst nicht so viel und laut wie in der ersten Nacht nach dem Gewitter. Ich kann kaum glauben, dass morgen schon der letzte Tag hier am Amazonas und im Regenwald ist. Trotz Hitze könnte ich es hier noch eine Weile aushalten und auf Pirsch gehen, und die Lodge ist wie eine Oase der Ruhe und Ursprünglichkeit. Hier geht alles gemächlich und freundlich, es gibt keinen Stress und Lärm weit und breit. Nur die Geräusche und vielfältigen Töne der Natur sind zu hören.
Schon früh am Morgen ist es sehr heiss. Die Tagvögel haben die Sänger der Nacht abgelöst, Schmetterlinge und Kolibris sind schon auf Nahrungssuche. Punkt 7.00 Uhr sitzt der grosse rote Ara auf seinem Positionsbaum und hat ein waches Auge auf das Frühstücksbüffet. Und kaum sitzen wir, rauscht er über unsere Köpfe hinweg auf seinen Stammplatz auf der Mauer hinter dem Büffet. Auch die beiden grünen Amazonen kommen im Sturzflug an und besuchen fast jeden Tisch, wo sie Rührei, Brötchen oder Obst von den Tellern stibitzen. Die meisten Gäste sind davon fasziniert, manche scheuchen sie auch sanft fort. Wann kann man Tiere schon so hautnah erleben? Die Papageien haben viel Charme, und wir sind immer wieder begeistert und erheitert von ihren Possen.
Nach dem Frühstück fahren wir mit dem Boot ein Stück weit bis zu einer überdachten Schwimmplattform. Dort kann sich jeder eine Angel nehmen und sein Glück versuchen beim Piranhafischen. Das mag ich aber gar nicht. Weg kann ich hier aber auch nicht. Gudrun gesellt sich zu mir, und wir beobachten die vielen Schmetterlinge und die netten bunten Finken und schöne Eisvögel. Zu diesem Angelprogramm sollte eine Alternative angeboten werden. Allein in den Urwald gehen ist zu gefährlich und daher verboten, weil man sich erstens schnell verläuft und zweitens die Gefahren des Dschungels nicht kennt (Schlangen, Ameisen etc.).
Innerhalb des Lodgegeländes können wir nur in den Naturpool gehen oder faulenzen. Ohne Boot geht hier nichts. Da sollte ein fakultativer Ausflug angeboten werden, denn ein Tag hier ist zu kostbar, um rumzulungern und zu faulenzen. Wir wären gerne noch mal auf dem Amazonas gefahren und zu den Markthallen von Manaus.
Später gehen Gudrun und ich noch in den Naturpool, der mitten im Regenwald liegt und dessen Wasser wie schwarzer Tee aussieht. Es ist erstaunlich kühl, aber durch die extreme Sonne sind wir auch sehr aufgeheizt. Die Sonnenstrahlen, die durch das Blätterdach fallen, zaubern wunderschöne Lichteffekte in das Wasser. Einige dicke Wolken ziehen auf, und wir können es hier gut aushalten auf unseren Liegen mitten im Wald. Bernd hat sich inzwischen zu uns gesellt und erzählt, dass er nach Deutschland telefoniert hat, wo es jetzt regnet und sehr kühl ist. Da geniessen wir die Hitze und den Pool besonders.
Schon beim Mittagessen grollt wieder der Donner um uns herum und ein paar Tropfen fallen, dann kommt die Sonne wieder, dann zieht sich der Himmel bedrohlich zu und es grollt ordentlich. Vielleicht bekommen wir zum Abschied vom Regenwald auch wieder einen Wolkenbruch wie zur Begrüssung. Wir haben Freizeit und wissen angesichts der Hitze und Schwüle nicht so recht, was wir tun sollen. Ich packe meinen Koffer schon mal und streife dann wieder durch die Anlage, wo es immer etwas zu beobachten gibt. Hellblaue kleine Vögel und Kolibris schiessen durch die Luft, da hat man keine Chance zu fotografieren. Jetzt wäre Gelegenheit, Postkarten zu schreiben, aber hier gibt es weder Postkarten noch Briefmarken noch sonst irgendwas zu kaufen ausser Steinfiguren im Shop.
Nach einem kurzen Schauer fahren wir mit dem Boot in einen anderen Seitenarm und wollen das Zuhause einer alten Caboclofrau besuchen, die Heinz seit Jahren kennt. Sie wurde über längere Zeit immer wieder von einer grossen Anaconda „heimgesucht". Das war ihr schliesslich doch unheimlich, und so hat sie die Schlange eines Tages mit der Schrotflinte erschossen. Die etwa 8 Meter lange Haut der Anaconda zeigte uns der Sohn, da die Alte nach Manaus gefahren war.
Fünf niedliche, vier Wochen alte Hundewelpen empfingen uns schwanzwedelnd vor dem Bretterhaus, aus dem die Armut aus jedem Fenster schaute. Hühner mit ihren Küken kratzten nach Fressbarem, eine magere Katze und die noch dünnere Hundemutter voller Flöhe strichen umher. Ein kleines Totenkopfäffchen ist angekettet und schreit jämmerlich vor Angst, als es uns sieht. Mich deprimiert das alles, aber die alte Frau will hier nicht weg, hat sie doch ihr ganzes Leben hier verbracht und kennt nichts anderes. Vielleicht empfindet sie es als ruhiges, idyllisches Fleckchen Erde.
Ihr Sohn zeigt uns den „Garten", eine unordentliche und ungepflegte Ansammlung verschiedener Fruchtbäume und Maniokpflanzen. In diesem mageren Sandboden gedeiht nichts, es wächst halt gerade so. Auf einem grossen blätterlosen Baum sitzen fünf 5 Riesentukane. In einem Mülleimer bei der Hütte stapeln sich die leeren Bierdosen. Unser Trinkgeld wird wohl auch gleich wieder in Bier umgesetzt. Diesen Eindruck macht jedenfalls der ziemlich runtergekommene Sohn.

Auf der Rückfahrt sehen wir noch einen abgestorbenen alten Baum im Wasser, der wie eine kunstvolle Skulptur indischer Götter aussieht. Ein richtiger Denkmalbaum ist das.
Ich dusche noch mal schnell und stelle meinen Trolley dann an der Rezeption ab. In der Freiluftbar treffe ich Heinz, der alle meinen Fragen zum Leben und Überleben im Urwald geduldig beantwortet. Ich erfahre, wie man mit Schlangenbissen richtig umgeht und dass ich es tunlichst unterlassen sollte, im Dunkeln hinter meine Hütte zu gehen, weil sich unter diesen Hütten gerne die Lanzenottern aufhalten. Ich war nämlich hinter meine Hütte gegangen und vor dem Urwald gestanden mit der Überlegung, ob ich mich alleine ein Stück weit hineintraue oder nicht.
Heinz erzählte mir auch, dass es recht häufig vorkommt, dass Wildtiere in der Stadt auftauchen, so zum Beispiel, dass eine 5 Meter lange Anaconda einen Kanaldeckel mitten auf der Hauptstrasse hochgedrückt hat und über die Strasse gekrochen ist. Sechs Feuerwehrleute hatten Mühe, das Riesentier zu bändigen und wieder hinaus in den Wald zu schaffen. Er selbst hat mal während einer Autofahrt ein Faultier mitten auf der Fahrbahn angetroffen und es auf den Beifahrersitz gesetzt und angeschnallt, wo es jedoch nicht sitzen blieb, sondern auf das Lenkrad kletterte. Schliesslich hat er es irgendwo unterwegs wieder in den Wald gesetzt. Wir sind uns nicht ganz sicher, ob das nun Reiseleiter-Latein oder Tatsache ist. Jedenfalls fanden wir die Vorstellung von einem Faultier auf dem Beifahrersitz sehr amüsant. Ich wollte ja unbedingt ein lebendes Faultier sehen auf dieser Reise, aber in diesem Gebiet hier kommen sie nur sehr selten vor. Weiter den Amazonas stromabwärts gibt es sie anscheinend häufiger. Das Faultierprogramm wäre mir heute viel lieber gewesen. Da es im Pantanal auch keine gibt, muss ich wohl weiterreisen und weitersuchen.
Punkt Null Uhr starten wir in Richtung Manaus und warten dann in dem kleinen, sehr überschaubaren Flughafen auf unseren Flug um 2.30 Uhr nach Brasilia. Heinz verabschiedet sich von uns. Er war ein prima Reiseleiter, der viel wusste und uns dies humorvoll rüberbrachte. Sinnigerweise fand ich um diese Uhrzeit in einem Laden noch ein Foto von einem Faultier mit Kind. Das nehme ich als Ersatz mit.
Es ist schon merkwürdig, wenn der Flugkapitän einen um 2.30 Uhr nachts mit „Guten Morgen" begrüsst, denn die Nacht ist uns irgendwie abhanden gekommen. Ein letzter Blick auf den Urwald und das beleuchtete Manaus und einzelne Schiffe auf dem Amazonas, dann fliegen wir über die schier endlose Schwärze des Regenwaldes nach Südosten. Mit einer Stunde Zeitverschiebung landen wir nach 3 Stunden in Brasilia bei 18° Aussentemperatur. Das ist ein krasser Unterschied zu Manaus. Und wieder heisst es warten, dieses Mal auf unseren Anschlussflug nach Campo Grande, der Hauptstadt des Bundesstaates Mato Grosso do Sul im Mittleren Westen Brasiliens, der an Bolivien und Paraguay grenzt. Campo Grande ist das Eingangstor zum südlichen Pantanal, auf das wir alle sehr gespannt sind.
Die Entfernungen in Brasilien sind beträchtlich, ist es doch das viertgrösste Land der Erde mit einer Nord-Süd und Ost-West-Ausdehnng von jeweils 4.300 Kilometern!
Aber erst wird unsere Geduld auf eine harte Probe gestellt, denn der Flieger hat Verspätung, und der Warteraum ist total überfüllt mit übermüdeten und genervten Menschen. Dazu die hektischen und sich ständig wiederholenden Lautsprecherdurchsagen im Stakkatostil und die schlechte Luft. Wir haben Hunger und sind daher auch ziemlich gereizt. Das sind so Gelegenheiten, bei denen sich schon mal die zweifelnde Frage einschleicht, warum man sich derartigem Stress aussetzt. Insgesamt sind wir 40 Stunden im Flugzeug gesessen, die vielen Stunden Warterei, Sucherei und Irritation auf den Flughäfen noch gar nicht berücksichtigt. Wenn man dann aber wieder so ein absolutes Highlight erlebt, sind alle Mühen vergessen.
Irgendwann sitzen wir auch heute wieder im richtigen Flieger, der uns rasch nach Campo Grande auf 690 Meter Höhe bringt, das uns mit heftigem Regen empfängt. An der Gangway liegt ein leuchtendroter Teppich für uns und jeder Fluggast bekommt einen aufgespannten roten Schirm überreicht. Das ist ja ein toller Empfang.
In dem kleinen überschaubaren Flughafen bekommen wir schnell unsere Koffer und auch Ulli, unser netter neuer Re
iseleiter, nimmt uns zünftig mit Cowboyhut und Khakikluft in Empfang. Wir haben 120 km Teerstrasse und 60 km Piste zu fahren, was inklusive Mittagspause 4 Stunden dauern soll. Dabei sind wir längst schon plattgesessen und total fertig, weil ohne Schlaf und ohne Frühstück. Im Auto herrscht daher Grabesstille, weil alle vor sich hindösen und auf Erlösung hoffen.
Die Landschaft ist meist topfeben, wenige Bäume und Buschwerk sind zu sehen, meist ausgedehnte Weideflächen, auf denen weisse Kühe (Zebus) grasen, die von Kuhreihern begleitet werden. Grosse Jacarandabäume blühen leuchtend lila. Als zwei grosse Aras über die Strasse fliegen, bin ich wieder hellwach. Nach 1 ½ Stunden machen wir in einer einfachen Raststätte Mittagspause mit grossen Nashornkäfern, die es hier in Mengen gibt. Sie sind etwa 8 cm lang und glänzen schwarz-braun. Der leidenschaftliche Hobbybiologe und –zoologe Gerhard haut uns gleich wieder den lateinischen Namen um die Ohren, und wir staunen immer wieder, was er alles kennt und weiss. Dabei hat er eine Mordsfreude und lacht, wenn er ein Tier oder eine Pflanze wieder richtig zugeordnet hat. Er ist ein ganz liebenswerter Zeitgenosse.
Nach einem leckeren Essen und abschliessenden Kaffee sind wir wieder fit, als wir bei heftigem Regen losfahren. Hier war es seit Wochen trocken und heiss, kein Tropfen fiel vom Himmel jetzt in der Trockenzeit. Der Oktober ist normalerweise der trockenste Monat hier. Auch gestern gab es wohl kräftigen und langen Regen, was sehr ungewöhnlich, aber sehr willkommen ist. Wir hoffen jedoch, dass der Regen bald aufhört.
Schliesslich biegen wir von der Teerstrasse ab auf die rotbraune, ziemlich schlammige Piste, auf der wir langsam fahren müssen und ganz nett rutschen. Das rote Dreckwasser spritzt in Fontänen an den Seiten hoch und immer wieder auf die Windschutzscheibe. Jetzt sind wir wirklich im Pantanal und sehen schon auf der Hinfahrt viele Vögel wie Grausichler, Tukane, Aras, Kiebitze, Reiher und sogar drei Jabirus oder Tuiuiús, den Wappenvogel des Pantanal. Der Jabiru ist mit bis zu 1,50 Meter Höhe der grösste Storch der Welt.
Auf einmal lässt Ulli halten, weil er doch tatsächlich einen grossen Ameisenbären entdeckt hat. Wir kriechen durch den Weidezaun hindurch und ich laufe so leise und schnell wie möglich in seine Richtung, bis ich etwa 12 m von ihm entfernt und ganz aufgeregt bin, dieses Wildtier so nahe vor mir zu sehen. Und der Ameisenbär ist ein total ungewöhnliches Tier mit seiner schmalen langen Schnauze, den kleinen Augen und Ohren und dem überdimensionalen langen Schwanz, an dem sehr langes, schwarzes Fell wie frisch gebürstet herabhängt. Mein Wunschtier gleich zur Begrüssung entschädigt mich für das entgangene Faultier. Ich hatte mir sehr gewünscht, einen Ameisenbären in freier Natur zu sehen und hatte nicht damit gerechnet, ihn so schnell zu Gesicht zu bekommen.
Dann hören wir ein Mordsgekreische, und das stammt doch tatsächlich von einem Pärchen der seltenen und nur noch im Pantanal vorkommenden Hyazintharas. Diese wunderschönen, kobaltblauen Papageien sitzen auf einem hohen Baum vor ihrer Bruthöhle. Es sind mit ein Meter Länge die grössten Papageien der Welt. Ihre Lieblings- und Hauptnahrung sind die Früchte der Acuripalmen, die nun reif sind. Jetzt ist die Fruchtreife, und alle Vögel brüten, damit die Jungen gross sind, wenn die Regenzeit kommt.
Kaum sind wir an der Fazenda Sao José angekommen, sehen wir wieder ein Pärchen dieser herrlichen Vögel auf einem Berg Acurifrüchte sitzen in Augenhöhe zu uns. Ein Pärchen grosser Gelbbrustaras fliegt kreischend über unseren Köpfen, und ganze Schwärme kleiner grüner Papageien schwirren lärmend umher. Dazu die vielen verschiedenen Singvögel überall. Wir können das alles kaum so schnell begreifen und sind total begeistert.
Wir bekommen unsere sehr einfachen, aber zweckmässigen Zimmer in der Pousada Aguapé, und ich hänge gleich meinen leeren Akku an den Strom, denn ich ahne schon, dass es hier viel zu fotografieren gibt. Der Regen hat längst aufgehört, und nach einem Begrüssungsdrink ziehe ich mich um und durchstreife ein wenig diesen ungewöhnlichen „Bauernhof" brasilianischer Art. Viele Rinder mit Kälbchen und mächtige Stiere laufen herum, ebenso mehr als 20 Pferde, viele Schafe, Hühner und Gänse mit Nachwuchs.
Das superleckere Büffet-Abendessen findet im Freiluftrestaurant an urigen Riesenholztischen statt. Es gibt zarten Zebu-Zwiebelrostbraten, Geflügel, Palmherzauflauf und Salate.
Hundemüde gehe ich bald ins Bett, habe super geschlafen und wurde morgens von einem unbeschreiblichen Vogelkonzert geweckt. Es ist schwülwarm, als wir um 6.45 Uhr schon beim Frühstück sitzen und dabei wieder zwei blaue Aras beobachten können. Riesentukane fliegen umher sowie zahllose Vögel in den schönsten Farben und Zeichnungen, darunter ganz gelbe, hellblaue, rot-weiss-schwarze, rostfarbene und auch ganz unauffällige. Der Seriema, ein grosser Stelzvogel mit roten Beinen, holt sich an der Futterstelle direkt vor uns sein Frühstück. Gerhard ist hier voll in seinem Element und leiert uns die ganzen lateinischen Namen vor. Unglaublich, dass er all diese exotischen Vögel kennt.
Um 7.30 Uhr laufen wir zum Fluss Aquidauana, der 500 Meter entfernt eine Grenze der Fazenda bildet. Dort steigen wir in zwei Boote, und ich habe das Glück, ganz vorne alleine auf einer Bank zu sitzen und freie Sicht zu haben. Es geht flussabwärts und meist werden die Motoren abgeschaltet und wir treiben ruhig und still in der kräftigen Strömung. Durch den Regen der letzten Tage ist der Wasserstand stark gestiegen. Unsere Augen streifen über das Wasser und den Galeriewald rechts und links des Ufers und finden verschiedene Reiherarten, kleine und grössere Vögel, darunter schöne Bienenfresser und Eisvögel, aber auch Kapuzineraffen, Kaimane und sogar einen Flussotter sehen wir. Es ist warm bei überwiegend bedecktem Himmel, und wir geniessen die Ruhe und die leichte Brise.
Als wir nach drei Stunden umkehren, sehen wir etliche grössere Kaimane am Ufer liegen. Vom Boot aus gelingen gute Fotos. Zurück an der Anlegestelle bei einem 150jährigen, riesigen Feigenbaum, kommen drei Pferde angaloppiert, um im Fluss zu trinken. Dann folgen etliche Kühe und Kälbchen. Wo sieht man so was noch? Faul vom Nichtstun und Beobachten laufen wir zur Fazenda und warten auf das Mittagessen, immer die Kamera in Reichweite, denn ständig tut sich hier was. Alle möglichen Vögel fliegen herum, Kühe mit Kälbchen und Pferde ziehen an der Terrasse vorbei, eine Kanincheneule bewacht ihr Erdlochnest, und die Kiebitze krakeelen ständig, um ihr Bodengelege gegen Tod und Teufel zu verteidigen.
Die riesigen Jacarandabäume blühen noch wunderschön lila, und wir geniessen diese friedliche Idylle sehr. Es ist heiss inzwischen, aber ein schönes Lüftchen weht. Etliche Riesentukane fliegen herum und werden von allen anderen Vögeln verjagt, weil sie Nesträuber sind und Eier und Jungvögel rauben. Sie sind unseren Elstern und Krähen ähnlich, nur viel viel schöner mit ihrem prächtigen bunten Schnabel und den wunderschönen blauen Augen und dem weissen Brustlatz.
Auf den Weidepfosten sitzen viele Kuckucke mit einem hellen, struppigen Kopf. Sie rufen auch ganz anders, und ich wäre gar nicht auf die Idee gekommen, in ihnen eine Kuckucksart zu sehen. Aber die Namen spielen gar keine Rolle, Hauptsache, es gibt viele Vögel zu beobachten.
Nach dem leckeren Mittagessen haben wir Siesta, aber wir sind soviel rumgesessen in Flughäfen, im Flieger, im Auto und heute im Boot, da fehlt mir die Bewegung. Und so laufe ich eine Stunde die Erdpiste entlang, auf der wir hier hergefahren sind. Es ist sehr heiss und drückendschwül und daher richtig anstrengend. Einen Riesenstier sehe ich einsam auf einer Weide, etliche Chacalacas machen einen Heidenlärm. Das sind hühnerverwandte Vögel, die von früh bis spät lauthals spektakeln und einem mit der Zeit richtig auf den Wecker gehen können. Genau so die grossen grauen Ibisse, die nervtötendes Geschrei von sich geben und zeitweise alles andere übertönen. Sie sind kilometerweit zu hören.
Die Fazenda ist 2.500 Hektar gross und hat 1000 Rinder und 300 Pferde, dazu noch etliche Schafe, Hühner, Enten und Gänse. Schweine würden es in dieser Hitze nicht aushalten. Von den 300 Pferden leben 250 fast wild auf dem Gelände und sind ungezähmt. Von den verbleibenden 50 sind etwa 40 einigermassen gezähmt und eingeritten, und nur 10 eignen sich für Ausritte mit Gästen. Ich bin gespannt, wie ich mit den Pferden zurechtkommen werde, denn reiten will ich hier unbedingt.
Nachmittags hält Ulli uns einen interessanten Vortrag über das Pantanal, seine Entstehung und seine heutige Bedeutung und Nutzung. Danach gibt’s Kaffee und frisch gebackenen Kuchen, und dann ist es soweit. Sieben von uns Neunen wollen reiten, zwei fahren in einer Kutsche hinterher. Alfonso, ein Urgestein von Fazendeiro, sicher 70 Jahre alt und im Sattel mehr zu Hause als zu Fuss, fixiert jeden von uns und teilt dann entsprechend die Pferde zu. Ich bin die einzige mit Reiterfahrung und bekomme eine schöne braune Stute. Dann reiten wir auch schon los in Begleitung vom Seniorchef, Alfonso und natürlich Ulli, der hier das Reiten gelernt hat.
Durch viele Weiden reiten wir zwischen den Kühen mit den neugeborenen Kälbchen hindurch, vorbei an Fohlen und Pferden, öffnen ein Dutzend Weidetore und der letzte schliesst sie wieder. Blaue Aras fliegen kreischend über uns hinweg. Ein grosser Schwarm Geier sitzt auf einem Baum, das ist immer ein Alarmzeichen und Alfonso reitet hin, um nachzuschauen und findet ein totes Kalb. Diese Kühe leben ja halbwild und kennen weder Stall noch Melkmaschine. Natürlich bekommen sie ihre Kälber auch alleine, und da kann es eben vorkommen, dass eines tot geboren wird oder bald danach stirbt. Die Geier sorgen für die Beseitigung.
Nach einer Weile steigen wir für ein Päuschen ab, und Ulli erklärt uns den Sandpapierbaum. Tatsächlich sind seine Blätter so rau, dass die Leute sie früher als Nagelfeile verwendet haben. Dann entdeckt Ulli wieder einen grossen Ameisenbären jenseits des Zaunes. So leise wie möglich schleichen wir uns an und können schöne Fotos machen von diesem seltsamen Urviech ohne Zähne. Der Ameisenbär vertilgt jeden Tag 35.000 Ameisen – etwa 2,5 kg – und da sein Fleisch derart stark von Ameisensäure durchsetzt ist, graust es meist sogar den Jaguar davor. Somit hat er kaum Feinde. Sicher wird das eine oder andere Tier Opfer eines Pumas oder Mähnenwolfs, aber wenn andere Beute zu holen ist, wird die vorgezogen.
Ulli fragt, ob wir durch Wasser reiten wollen, und da wir annehmen, dass es sich um einen Bachlauf oder ein flaches Gewässer handelt, sagen alle ja. Der alte Alfonso reitet voraus in eine Lagune hinein und verschwindet bis zu den Oberschenkeln samt Pferd im Wasser. Will er uns foppen? Wir reiten alle hinterher. Beine hochziehen bringt nichts, es ist zu tief, und so werden wir ordentlich nass bis zu den Knien. Wir hatten einen Mordsspass dabei. Ulli hatte von allen die Kameras eingesammelt und war um die Lagune herum ans gegenüberliegende Ufer geritten und hat dann von uns jede Menge Fotos gemacht. Mich hat er sogar mit Sonnenuntergang abgelichtet. Glücklich und begeistert steigen wir bald von den Pferden und sind uns einig: wir wollen wieder reiten.
Kurz vor der Fazenda liefen in der Dämmerung zwei Graufüchse über die Weiden Richtung Haus. Dort sahen wir sie später, wie sie Kiebitzeier stehlen wollten, aber die Vögel haben die Füchse dermassen attackiert und auf sie eingehackt, dass sie unverrichteter Dinge abzogen quer über die andere Weide in Richtung Kanincheneule. Dann war es für uns zu dunkel, um etwas zu erkennen.
Wir hatten noch Zeit bis zum Abendessen, das wäre auch Zeit zum Kartenschreiben. Aber die gab es hier genau so wenig wie in der Amazonas-Lodge. Hier konnten wir Getränke und ein paar Souvenirs aus Ton oder Holz kaufen, aber nichts anderes. Es gab überhaupt keine Möglichkeit, Geld auszugeben und wir brauchten die ganze Zeit kein Geld mitzunehmen. Unsere Wertsachen haben wir alle vertrauensvoll in den Zimmern gelassen. In den 11 Jahren, seit die Pousada Aguapé besteht, ist noch nie irgendetwas weggekommen. Die 18 Menschen auf dieser Farm leben ja fast wie in einer Grossfamilie und kennen sich seit Jahr und Tag. Die Männer arbeiten mit den Pferden und Rindern und teilweise führen sie die Gäste, während die Frauen in der Küche arbeiten und die Gästezimmer in Ordnung halten. Manche kümmern sich um die Milchkühe, machen eigenen Käse, den wir auf dem Büffet immer vorfanden oder haben sonstige Aufgaben.
Diese Fazenda ist wie ein kleiner eigener Kosmos und weitestgehend autark. Die nächste Stadt und Einkaufsmöglichkeit ist 65 km entfernt. Und nur ab und zu wird mit dem Jeep das eingekauft, was die Fazenda nicht selber hat oder herstellen kann. Sie ist seit etwa 150 Jahren im Familienbesitz, und der jüngste Nachwuchs ist die kleine Luisa mit neun Monaten, eine richtige kleine Prinzessin, die von einem alten Viehhirten oft vor sich in den Sattel genommen wurde, damit sie so früh wie möglich mit Pferden vertraut wird. Luisa’s Mutter ist Joanna, die Tourismus studiert hat und gut Englisch spricht. Sie ist klein und zart und bildhübsch, dabei aber zielstrebig und selbstbewusst und sehr sympathisch.
Da Ulli die gleiche Kamera hat wie ich und sich bestens damit auskennt, kann er mir etliche Tipps zur Handhabung geben, die ich auch gleich ausprobiere. Heute Abend sind Unmengen von Insekten unterwegs, und ich fotografiere mit Ulli’s Tipps eine Riesenheuschrecke an der Wand. Um die Lampen herum schwirren Abertausende Insekten, und uns graust es vor diesen fliegenden Mistviechern, die in den Haaren hängen bleiben oder in den Kragen oder Ausschnitt fliegen. Grässlich! Ich weiss schon, warum ich alle Viecher nicht mag, die mehr als vier Beine haben. Wegen der Insekten essen wir heute bei Kerzenschein, das ist richtig romantisch. Es gibt feines, zartes Welsfilet und eine Art Gulasch aus luftgetrocknetem Rindfleisch, dazu Kürbissoufflé, Salat, Kraut und den obligatorischen Reis und schwarze Bohnen.
Im Zimmer finde ich etliche Schaben und Käfer und einen Frosch im Bad, der hoffentlich reiche Beute machen wird. Da ich noch eine Weile in dem interessanten Naturreiseführer Brasilien lesen möchte, den Ulli mir für diesen Abend geborgt hat, lasse ich natürlich das Licht an. Nach einer Weile wurde mir der Zoo aber doch zu bunt, und ich habe mit meinen Sandalen eine ganze Armada von Käfern, Schaben und fliegendem Mistzeug erschlagen. Die Ameisen im Bett fand ich dann auch nicht so lustig.
Morgens liegen jede Menge Insekten- und Käferleichen auf den Zimmern und den Wegen überall. Wenn sie in solchen Mengen auftreten, ist das immer eine Ankündigung von Regen, erklärt uns Ulli. Die Viecher sollten Recht behalten.
Der nächste Morgen ist schon sehr früh sonnig und heiss, als ich um 5.30 Uhr draussen bin und dem unglaublichen Vogelkonzert lausche. Eine derartige Fülle verschiedener Vogelstimmen habe ich noch nie gehört. Jetzt weiss ich, warum das Pantanal als das Vogelparadies schlechthin gilt.
Um 6.30 Uhr laufen wir schon los, und es ist jetzt schon 30° bei einer Luftfeuchtigkeit von 80 %, also sehr schwül. Wir laufen über das weite Weideland zwischen Rindern und Pferden hindurch, werden von diversen Kiebitzen angegriffen, beobachten Kaimane, die an den Ufern der Lagunen liegen und entdecken zwei Jabiru-Störche. Überall trillert, krächzt, singt, kollert und pfeift es um uns herum. Weite Savannenlandschaft wechselt sich ab mit kleinen Wäldchen und lockerem Busch. Ab und zu blühende Jacarandabäume und Tamarinden. Wir durchstreifen einen kleinen Acuripalmenwald und entdecken einen Nasenbären und ein Pärchen Hyzintharas neben ihrer Bruthöhle. Hier im Pantanal, dem letzten Rückzugsgebiet dieser Prachtpapageien, soll es noch 15.000 Paare geben, aber ich habe anderswo gehört, dass es nur noch 3 – 5.000 Paare sein sollen.
Sie sind jedenfalls akut bedroht und strengstens geschützt, weil auf dem Schwarzmarkt in USA und Europa fünfstellige Summen für ein Tier bezahlt werden. Nach allem, was ich bisher gehört habe, wird der Tierschutz in Brasilien tatsächlich sehr ernst genommen. Es wäre schön, wenn auch diese prächtigen blauen Papageien überleben würden.
Beim Weitergehen entdeckt unser Fazenda-Guide Fabieme Pekaris. Das sind kleine, aber sehr aggressive Wildschweine, die anscheinend sehr beisswütig und daher gefürchtet sind. Wir bekommen die Tiere aber nicht zu Gesicht. Eine Brüllaffenfamilie turnt durch einen hohen Baum und schweigt, da ihre Brüllzeit längst vorbei ist. Es ist friedlich, still und schwülheiss. Als wir nach drei Stunden zurückkehren, sind wir ganz schön geschafft, aber der Spaziergang hat uns sehr gefallen.
Nach dem Mittagessen laufe ich alleine zum Fluss, beobachte eine Menge Schmetterlinge und finde keinen Platz zum Hinsetzen, da überall die verdammten Ameisen sind. So gehe ich zurück und lege mich faul in eine Hängematte unter einem grossen Schattenbaum neben der Terrasse. Mein Publikum sind blaue Aras, Kuckucke, Blauraben, ein Specht und zahllose andere Vögel.
Nach Kaffee und Kuchen – hier werde ich bestimmt zunehmen – kommt unser grosser Jeep mit drei Sitzreihen, die wie im Kino nach hinten höher aufsteigen, damit jeder gut sehen kann. Der Himmel ist leider nicht fotofreundlich, sondern grau verhangen, und es ist sehr schwül. Der leichte Fahrtwind hält die Insekten in Schach und kühlt ein bisschen, als wir über das weite Fazendagelände fahren und dabei einige flüchtende Gürteltiere entdecken, die sich partout nicht fotografieren lassen wollen, obwohl sie doch auf „unserer Liste" stehen! Dafür sehen wir Jabirus, die flugunfähigen Laufvögel Nandus (die Strausse Südamerikas), graue Sichler, Schopfcaracaras, Adler und kleine Reiher. Schliesslich kommen wir zu einem Riesenbaum, in dem sich in grosser Höhe das gewaltige Nest eines Jabiru-Pärchens befindet. Die beiden stattlichen Vögel sitzen auf dem Horst und rühren sich nicht. Leider ist der Himmel so wolkenverhangen und ausserdem dämmert es bereits, dass sich keine guten Fotos mehr machen lassen. Dennoch sind diese grössten Störche der Welt mit einer Spannweite von 2,5 Metern sehr eindrucksvoll.
Im Dunkeln kommen wir zu einer grossen Lagune, die etwa 30 m breit und 300 m lang ist. Diese Wasserstelle trocknet nie aus. Wir wussten zwar, dass wir auf Kaimanpirsch bei Nacht gehen würden, aber was uns jetzt tatsächlich erwartete, ahnte niemand von uns.

Wir hielten etwa 12 m vor der Lagune im Gras und stiegen aus. Ich ging in Richtung Lagune und starrte im Dunkeln auf das Wasser, um vielleicht schon leuchtende Kaimanaugen zu entdecken. Dann ging alles rasend schnell. Ein lautes Fauchen stoppte meinen Schritt und ich sprang instinktiv einen Satz zurück, als ich den grossen Kaiman direkt vor meinen Füssen sah, über den ich fast gestolpert wäre.
Mir fuhr der Schrecken in alle Glieder. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass diese Urzeitviecher hier im Gras liegen. Auf der anderen Seite des Jeeps sah ich Dutzende dieser grossen Kaimane auf uns zukommen. Ulli und Fabieme hielten sie mit langen Stöcken ein wenig auf Distanz. Wir waren umgeben von Mohrenkaimanen, die immer näher kamen und grunzten und fauchten. Sie wussten, was wir nicht wussten, denn Autoscheinwerfer bedeuten Futter. Und jetzt in der Trockenzeit sind die Tiere sehr hungrig, denn in den verbliebenen Wasserstellen gibt es fast keine Fische mehr. Und sie wissen, dass es Fisch gibt, wenn der Jeep kommt.
Fabieme hackte einen grossen Fisch in Stücke und warf sie den Kaimanen hin, die sich wild grunzend und schwanzschlagend darüber hermachten. Es war geradezu unheimlich und fast gespenstisch, hier im Dunkeln inmitten von Kaimanen zu stehen. Ich hoffte bloss, dass die den Unterschied zwischen Fischstücken und weissen Waden kannten…! Ich konnte gar nicht fassen, was ich da sah und kam mir vor wie im Film. Nie hätte ich gedacht, dass wir diese grossen Echsen so „hautnah" erleben würden.
Aber dann kam es noch aufregender. Wir gingen mit Taschenlampen um die Kaimangruppe herum zur Lagune, wo die Tiere dicht an dicht am Ufer lagen. Als sie uns bemerkten, glitten die an unserer Uferseite ins Wasser. Und dann bot sich uns ein gigantisches Schauspiel, das ich nie vergessen werde: Im Blitzlicht leuchteten unzählbare Augenpaare rot- und weissglühend dicht an dicht. Die ganze Lagune war voller Kamane, deren Augen das Blitzlicht reflektierte. Es waren Tausende Augen, die da funkelten, und ich musste an unsere Weihnachtsbeleuchtung mit den kleinen Glühbirnchen denken. Nur so schön und romantisch wie hier habe ich noch keine Deko gesehen. Es war total faszinierend und irreal und gleichzeitig unheimlich. Schliesslich, nach dem Dutzendsten Foto, gingen wir langsam zum Jeep zurück, wo die gefütterte Kaimangruppe immer noch wartete und keinerlei Anstalten machte, sich zurück zu ziehen. Wir mussten im Stockdunklen höllisch aufpassen, nicht aus Versehen auf so ein Tier zu treten.
Dann wurde der grosse schwenkbare Scheinwerfer eingeschaltet und die Lagune angestrahlt. Und das war ja wohl das Gigantischste, was ich bei Nacht je erlebt habe, denn erst jetzt sah man die ganze Grösse der Lagune und die Tausende von glühenden Augenpaaren an Land und im Wasser. Das muss man mit eigenen Augen gesehen haben, um es glauben zu können. Es ist so wunderschön und märchenhaft, dass man gar nicht auf die Idee kommt, dass diese herrliche Illumination ausgerechnet von Kaimanaugen stammt. Ein unbeschreibliches und unvergessliches Bild. Wir waren restlos begeistert und beeindruckt von diesem Erlebnis.
Übrigens kommen auf dieser Fazenda nur die grossen Mohrenkaimane vor, die bis zu 6 Meter lang werden können und die streng geschützt sind, weil sie wegen ihres wertvollen Leders erbarmungslos gewildert wurden. Wenn sie in der Trockenzeit in ihrer Lagune keine Fische mehr finden, wandern sie nachts über Land durch die Weidezäune hindurch zu anderen Lagunen, wo es vielleicht noch Futter gibt. Im Film habe ich das schon gesehen, wie sie zu Hunderten und Rücken an Rücken über Land wandern. Die Mohrenkaimane der Fazenda Sao José werden mir ewig unvergesslich bleiben.
Während der Weiterfahrt durch die rabenschwarze Nacht auf kaum sichtbaren Pfaden entdeckten wir noch ein fliehendes Gürteltier und einige Wasserschweine, die allerdings nicht mit den Schweinen verwandt sind, sondern die grössten Nagetiere der Welt und die Lieblingsbeute der Jaguare sind, die es auf dieser Fazenda natürlich auch gibt. Die Wasserschweine oder Capybaras sehen eher aus wie riesengrosse Meerschweinchen. Leider sind sie scheu, besonders jetzt, wo sie Junge haben.
Und dann fand Fabieme tatsächlich zwei Krabbenwaschbär-Babys, die herzzerreissend nach ihrer Mutter jammerten, deren Ablenkungsschrei Fabieme zuvor gehört hatte. Es kommt sehr selten vor, dass man Waschbär-Babys zu Gesicht bekommt, und unsere Fotos haben daher Seltenheitswert.
Nach dieser wahrlich aufregenden Nachtsafari bekommen wir wieder ein feines Abendessen, das wir in ausgelassener Stimmung geniessen. Plötzlich kommt ein unerwartet kalter und starker Wind auf, so dass die Windplanen vor unseren Freilufttischen runtergelassen werden. Nach der grossen Hitze des Tages ist jetzt eine Jacke willkommen.
Wieder ist frühes Zubettgehen angesagt, denn morgen früh um 7.30 Uhr werden wir schon auf den Pferden sitzen, um die Vaqueiros bei ihrer Arbeit zu begleiten.
In der Nacht regnete es kräftig, und am nächsten Morgen – Sonntag – war es stark abgekühlt. Immerhin regnete es nicht mehr, doch der Himmel war dunkel und wolkenverhangen. Die Chacalacas lärmten wieder in aller Frühe, was der Schnabel hergab, so dass wir nie einen Wecker brauchten. Schon um 5.00 Uhr morgens flogen die Gelbbrustaras laut kreischend über das Gelände, so dass man keine Mühe mit dem Aufstehen hat.
Gerhard hat an der Mauer vom Swimmingpool eine schöne grosse Vogelspinne entdeckt, die sich prima fotografieren lässt. Und zum Frühstück sind all die liebenswerten Piepmätze wieder mit von der Partie und wir verdrehen die Hälse und stehen dauernd vom Frühstück auf, um dieses oder jenes Vogelbild festzuhalten. Es ist Tag für Tag wieder fesselnd.
Der Juniorchef der Fazenda und zwei Vaqueiros wollen heute die neuen Kälbchen impfen und mit Ohrmarken versehen, und wir dürfen sie zu Pferd begleiten. Nach einer halben Stunde haben wir die Rinderherde mit den Kälbern gefunden, es waren schätzungsweise 200 Tiere. Von allen Seiten wurde die Herde eingekreist und in eine bestimmte Richtung getrieben. Wir halfen nach Kräften mit und stellten uns den Tieren in den Weg, die ausbrechen wollten. Nachdem alle Tiere in einer kleineren Koppel waren, fing der Chef ein Kalb mit dem Lasso ein. Es blökte und wehrte sich nach Kräften. Zwei Männer sind nötig, um ein kräftiges Kalb am Boden zu halten. Ein dritter setzte dann die Impfung und klemmte die Ohrmarke fest.
Dieses erste Kalb war sehr kräftig und hatte eine böse und geschwollene Entzündung am Bauchnabel. Ulli erklärte uns, dass eine bestimmte Fliegenart ihre Eier in die Nabelöffnung legt, daraus schlüpfen die Maden und fressen sich durch das Fleisch, was nicht nur sehr schmerzhaft, sondern wegen der Sepsis auch lebensgefährlich ist und für die Kälber meist tödlich endet, wenn es nicht rechtzeitig bemerkt wird. Diesem Kalb wurde eine lila Flüssigkeit in die entzündete Nabelöffnung gespritzt, die entzündungshemmend und madentötend wirkt.
Dann brach der Vaqueiro sich ein spitzes Stöckchen vom nächsten Busch und holte mit dieser Spitze eine ganze Menge ekliger weisser Maden aus dem Bauchnabel. Man konnte kaum hinschauen, und es hat dem Kalb bestimmt wehgetan, aber Hauptsache, es war gerettet. Es sprang dann auch wie der Teufel auf und rannte zu seiner schnaubenden Mutter, die beunruhigt zugesehen hatte.
So wurde ein Kalb nach dem anderen behandelt, bei manchen ging es flott, bei manchen war es eine grössere Prozedur. Die Mutterkühe sind ganz schön mutig und weichen nicht von der Seite. Wir erfahren viel über die Zucht der Rinder und den Ablauf der Viehwirtschaft auf der Fazenda. Es ist harte Arbeit, aber die Männer wollen kein anderes Leben, und die Rinder leben hier frei und natürlich. Sie haben ihre Stiere und bekommen ihre Kälbchen ohne Hilfe, sind Tag und Nacht draussen und frei. Auf jeder grossen Weide befinden sich kleinere Wäldchen, die bei Wind und Wetter Schutz bieten. 1/3 der Kälber wird zur Nachzucht behalten, 2/3 werden verkauft. Von soviel Freiheit können unsere meist eingesperrten Rinder nur träumen.
Freiheit bedeutet aber auch Risiko, und es kommt immer wieder mal vor, dass ein Tier von einer Schlange gebissen wird und stirbt. Hier auf der Farm gibt es vor allem Klapperschlangen und Lanzenottern und seltener auch Korallenschlangen. Uns ist aber auf der ganzen Reise keine einzige Schlange begegnet, dabei hätte ich so gerne eine Anaconda hautnah gesehen.
Wir reiten in einem Bogen durch die friedliche Savannenlandschaft und beobachten vorbei fliegende Riesentukane, die es sehr häufig gibt. Auch zwei der seltenen rosa Löffler fliegen über uns und viele andere Vögel. Es nieselt ein wenig, und dieses Wetter erinnert doch sehr an zu Hause. Hier ist das jetzt im Oktober völlig ungewöhnlich, denn an sich ist es hier immer so heiss wie in den letzten Tagen. Wir sind aber froh, mal nicht so gelähmt vor Hitze zu sein.
Zurück auf der Fazenda kommt der schöne gefleckte Hengst angelaufen, was uns verwunderte. Grund war eine der Stuten, die wir dabeihatten und die sich seine Bemühungen offensichtlich sehr gerne gefallen liess. Wo gibt es das sonst, dass ein Hengst frei laufen und einfach so für Nachwuchs sorgen kann? Der Durchgang von der nächsten Weide zum Fazendagebäude ist immer offen, und die Pferde, Kühe und Schafe kommen und gehen wie sie wollen. Man hält auf dieser Fazenda keine Hunde wie sonst üblich, um die Wildtiere nicht zu vertreiben, die die Gäste natürlich sehen wollen.
Wir sind inzwischen so begeistert von den Reittouren, dass wir uns auf den grossen Ausritt morgen schon sehr freuen. Wir leben auf dieser Fazenda wie auf einer Insel. Die nächste Stadt und Einkaufsmöglichkeit mit dem üblichen Autoverkehr und Lärm ist ja 65 km entfernt. Hier gibt es „nur" die vielen verschiedenen Geräusche der Natur, allen voran die der zahllosen Vögel. Es ist friedlich, natürlich und einfach, ohne Stress und jegliche Hektik. Einfach – einfach schön! Wir werden bestens bekocht und versorgt und betreut, und ich mache mir so meine Gedanken über unser konsumorientiertes, beengtes und reglementiertes und von viel Lärm begleitetes Leben in Deutschland. Hier kann man völlig loslassen, und ich habe keine Ahnung, welches Datum heute ist. Es interessiert genau so wenig wie die Nachrichten oder was sonst gerade passiert in der Welt „da draussen".
Während ich die Notizen für diesen Bericht schreibe, sitze ich auf der grossen überdachten Terrasse mit Blick auf die Weiden mit etwa 20 Pferden darauf, im Hintergrund viele Rinder und überall fliegen und lärmen Vögel. Vor allem die Chacalacas und die grossen grauen Ibisse und die Papageien machen ordentlich Krach und sorgen für Leben hier. Überhaupt sieht man hier beim Gebäude mühelos die meisten Vögel, während wir diese auf unseren Pirschgängen immer intensiv suchen müssen. Die angeblich so grossen Kolonien von Reihern aller Art suchten wir bisher vergebens. Auch die Wasserschweine machen sich sehr rar und sind meist nur noch ganz kurz beim Wegrennen zu sehen. Vielleicht sind sie mehr im nördlichen Pantanal zu finden.
Unsere Zufusspirsch am Nachmittag beginnen wir leider bei Regen, nicht sehr viel, aber Grund für Regensachen und alle witzeln über meinen knallroten Poncho und den Stier auf der Weide…! Der interessiert sich aber gar nicht für mich. Viel schlimmer als der Regen ist jedoch der graue triste Himmel, der alles Grau in Grau taucht. Die schönsten Vögel sehen alle grau aus, sofern wir sie überhaupt in Sichtweite bekommen. Das ist schon frustrierend.
Wir laufen zeitweise über Weideland, die meiste Zeit aber am oder durch den dichten Galeriewald entlang des Rio Aquidauana. Wir hören viele Vögel, sehen aber fast keine. Dafür begegnet uns eine ganze Gruppe der niedlichen Nasenbären, die netterweise nicht flüchten, sondern sich direkt in Pose setzen. Etwas später sehen einige unserer Gruppe noch einen Ozelot ins Unterholz abhauen. Ulli sucht ihn zwar intensiv, aber der Ozelot ist längst über alle Berge. Weiter geht es über ziemlich schlammige Pfade, da wären Stiefel jetzt das bessere Schuhwerk.
Zum Schluss sehen wir bei einer romantischen, wasserhyazinthenüberwucherten Lagune noch ein grosses Wasserschwein wahrlich im Schweinsgalopp davon-preschen.
Nach drei Stunden waren wir wieder zurück, und in meiner Dusche fand ich dann auch wieder so ein Riesenvieh von Käfer oder Schabe wie am Amazonas, dass mir die Lust zum Duschen fast vergangen wäre. Im Zweifelsfall mache ich das Licht aus und verlasse mich darauf, dass das Viech auch von alleine wieder verschwindet. Dann brauche ich es nicht umzubringen. Wir sind schliesslich auf einer Ökofarm. Ohne Frage gibt es von den Insekten am meisten zu sehen und manche auch unangenehm zu spüren. Meine Ameisenbisse von der Regenwaldwanderung am Amazonas spüre ich immer noch trotz antibiotischer Salbe.
Nach dem Abendessen können wir uns auf Ulli’s Laptop noch einen Film über Anacondas anschauen. Wir haben ja keine zu sehen bekommen, obwohl sie keineswegs selten sind, aber sie leben genau so versteckt wie andere Wildtiere, sind also nur schwer aufzufinden. Für mich als Schlangenfan ist das schon schade. Habe noch lange mit Ulli über das Pantanal und vieles andere geredet und bin dann mal ausnahmsweise spät ins Bett gegangen.
Am nächsten Morgen sind die Vögel ganz erstaunlich ruhig. Es ist kühl, windig und der Himmel leider wieder wolkenverhangen, also Jackenwetter. Jeder berichtet morgens von seinen nächtlichen Besuchern, als da sind Spinnen, fette Schaben verschiedener Arten, diverse Käfer, Frösche bzw. Agakröten und zahlloses fliegendes Insektenzeug. So langsam amüsiert uns das nur noch.
Nach dem Frühstück reiten wir los, diesmal in eine ganz andere Ecke der Fazenda. Wir reiten durch Weiden und Wäldchen, kommen an schönen Lagunen voller Wasserhyazinthen und Kaimanen vorbei, entdecken sogar eine Wasserschweinmutter mit drei Jungen, die aber leider eiligst flüchten, als sie uns wahrnehmen. Ein halbwegs brauchbares Erinnerungsfoto habe ich aber sogar vom Pferderücken aus zustande gebracht. Auch einen Tigerreiher sehen wir. Das ist ein gedrungener, eher dickerer Vogel, der ganz seltsame Balztöne von sich gibt. Hört sich so an, als würde er gleich kotzen.
Nach eineinhalb Stunden steigen wir bei einer schönen grossen Lagune ab und machen eine Stunde Pause. In einem hohen Baum thront ein Jabiru-Nest. Ein Altvogel fliegt majestätisch heran, und wir können gut beobachten, wie er die beiden Jungen füttert. Sie schnarren und betteln um Futter.
Am Ufer der Lagune liegen etliche Kaimane, aber wenn wir bis auf ein oder zwei Meter herangehen, rutschen sie ins Wasser. Überall sehen wir die Kaimanaugen an der Wasseroberfläche. Am gegenüberliegenden Ufer liegen sie dicht an dicht. Etliche Teichhühnchen picken nach Futter, und eine ganze Kuckucksfamilie von sechs Vögeln sitzt auf dem höchsten Ast eines Baumes. Ein Hyazinthara-Pärchen fliegt kreischend über uns, und ein Eisvogel lauert am Wasser auf Beute.
Auf einem anderen Weg geht es zurück, dabei stöbern wir wieder einen grossen Ameisenbären auf, der in ein Wäldchen läuft. Ulli reitet herum und scheucht ihn raus zu uns hin. Vom Pferd aus ist Fotografieren nicht so einfach, weil ein Pferd nie ganz still steht. Ausserdem sollte man den Zügel in der einen Hand behalten. Aber mit einer Hand die Kamera einstellen und „zielen" ist schon schwierig. Dennoch gelingen mir ein paar Bilder. Ein Stück weiter finden wir den nächsten Ameisenbären, der keine 10 Meter von uns entfernt aus dem Gebüsch kommt und sich dann aber eilig davonmacht.
Als wir nach über drei Stunden vom Pferd steigen, spüren wir unsere Sitzknochen, aber schön war’s! Jetzt kommt auch endlich die Sonne raus, der Wind bleibt aber kühl. Beim Mittagessen haben wir wieder „Halsumdrehstress", weil es ständig vor und hinter uns so viele schöne Vögel zu sehen gibt.
Von der Küche werden immer Brotkrümel und –stückchen hingeworfen, und das wissen die Vögel genau. Manchmal versammeln sich 40 – 50 Vögel aller Art gleichzeitig, und wir sind immer wieder fasziniert. Heute haben wir lange Siesta bis 17.00 Uhr zur Bootsfahrt in die Nacht hinein.
Diese freie Zeit habe ich optimal genutzt. Es war gerade richtiges Licht und nicht zu warm, so bin ich zum Fluss Aquidauana gelaufen und dann über die Weiden zwischen Kühen und Pferden hindurch. Habe viele Tukane und den Schnurrvogel beobachtet und zwei weitere blaue Aras entdeckt neben ihrer Bruthöhle. Sie schnäbeln und kokettieren und sind wunderschön anzusehen. Weiter gehe ich immer am Galeriewald entlang und höre dem unwahrscheinlichen Vogelkonzert zu. Überall zirpte, flötete, schnurrte und fauchte oder schnarrte und pfiff es aus den Bäumen und Büschen. Bei einem grossen Jacarandabaum stand ich eine Weile und bewunderte den lila Schleier der Baumkrone, als ich eine Bewegung im Gras bemerkte. Es war doch tatsächlich ein grosser Ameisenbär, der keine 20 Meter von mir entfernt war.
Von Ulli wusste ich, wie man sich anschleicht, und der Wind stand für mich günstig. Jedes Mal, wenn der Ameisenbär mir den Rücken zudrehte auf seiner hin- undherschnüffelnden Suche nach Ameisen, lief ich leise und schnell ein paar Schritte auf ihn zu und hielt wie erstarrt inne, wenn er mir wieder den Kopf zuwandte. Ameisenbären hören und sehen schlecht, dafür riechen sie umso besser. Das Tier bemerkte mich nicht, und so kam ich bis auf 5 Meter an ihn heran und konnte wunderschöne Aufnahmen machen und ihn beobachten. Ich konnte gut sehen, wie er die Ameisenhaufen aufbrach und mit seiner 60 cm langen, klebrigen Zunge die Ameisen in sich reinzog und schluckte. Mit den breiten Pfoten wischte er sich ständig die an seiner Schnauze hochkrabbelnden Ameisen von der langen Nase und schüttelte ab und zu den merkwürdigen, fast röhrenförmigen Kopf. Seelenruhig ging er der Nahrungssuche nach, setzte einen platschenden Haufen und sah dabei aus wie ein grosses „V" in schwarz. Wer hat schon vor einem kackenden Ameisenbären gestanden? So bin ich ihm sicher eine halbe Stunde gefolgt und war gefangen von dieser Begegnung.
Nach einer Weile tauchte Christine auf, die mich von weitem beobachtet hatte und dachte, dass ich irgendwas Tolles entdeckt haben musste, wenn ich so lange fast am gleichen Fleck bleibe. Sie war dann ebenso fasziniert von dem Ameisenbären und setzte die Beobachtung fort, während ich langsam weiterging. Nach ein paar Minuten kam mir die Idee, dass ein Foto von mir mit Ameisenbär eigentlich ein schönes Titelbild für mein zweites Reisebuch sein könnte und lief zu Christine zurück. Dabei sah ich von weitem einen weiteren, noch grösseren Ameisenbären, direkt auf uns zukommen. Das war dann heute der Bär Nr. 4.
Christine machte das Foto auch, aber leider kontrollierte ich nicht gleich, ob es auch was geworden ist. Ich hätte eine andere Kameraeinstellung wählen müssen. So ist der Ameisenbär scharf, ich aber nicht. Na gut, halb unscharfe Fotos sind ja zumindest in der heutigen Industriefotografie schick. So gesehen kann das Foto als gelungen betrachtet werden. Und mir gelang dann auch noch ein Foto, auf dem beide Ameisenbären zu sehen sind, und das ist sehr ungewöhnlich, denn Ameisenbären sind Einzelgänger und gehen sich aus dem Weg. Diese beiden kamen sich etwa auf 20 Meter nahe, ehe sie sich bemerkten. Und dieser grosse Ameisenbär war so damit beschäftigt, sich von dem zweiten zu entfernen, dass er direkt auf uns zukam und uns nicht bemerkte.
Ich hätte ihn anfassen können, aber dann fiel mir ein, dass Ulli uns davor gewarnt hatte, denn Ameisenbären haben mächtige lange Krallen an ihren Pfoten, mit denen sie die Ameisenhaufen und Termitenhügel aufbrechen. Wenn sie sich bedroht fühlen, „boxen" sie damit und können einen schwer verletzen. Ich liess ihn ungestreichelt ziehen.
Gemeinsam liefen wir dann noch zu der uns schon vertrauten Lagune, durch deren Wasser wir geritten waren und hielten Ausschau nach Wasserschweinen, deren Kot überall herumlag. Aber leider liess sich keines blicken. Alleine ging ich weiter, und als ich aus dem Wäldchen herauskam, stand keine 10 Meter von mir entfernt ein schöner grosser Jabiru, der sich bei meinem Anblick gleich in die Lüfte schwang.
Nach drei Stunden kam ich begeistert von meiner „Privatsafari" zurück. Kaffee, Kuchen und eine Verschnaufpause kamen mir gerade recht. Und dann lief doch tatsächlich ganz gemächlich ein grosser Ameisenbär direkt vor der Terrasse über das Gelände auf die nächste Weide zu, stieg über den Zaun und trollte sich langsam. Das war Bär Nr. 5 heute und direkt vor der Haustür. Dieses Zusammentreffen von Wild- und Haustieren in allernächster Nähe hat mich immer wieder neu begeistert.
Um 17.00 Uhr starteten wir mit zwei Booten den Rio Aquidauana flussaufwärts. Durch den Regen der letzten Tage war das Wasser und damit die Strömung stark gestiegen. Es dämmerte bereits, und die wenigen Vögel, die wir noch sahen, waren daher alle grau. Bald war es dunkel, als wir durch einen schmalen Seitenarm in eine Lagune fuhren. Der Mond stand wie eine kleine Sichel quer am Himmel, und nachdem der Motor abgeschaltet war, konnten wir ein eigenartiges Phänomen hören, nämlich die „knurrenden" Fische unter dem Boot. Es hört sich fast so an, als würde eine Katze schnurren. Bis heute weiss keiner, warum die Fische unter dem Boot diese eigenartigen Laute von sich geben.
Viele Frösche quaken jetzt in allen Varianten. Eine Ziegenmelkerart (Nachtvogel) lässt seinen eigenartigen Schrei ertönen, Fledermäuse sausen über unsere Köpfe übers Wasser, und Glühwürmchen torkeln durch die Bäume und Sträucher. Kaimanaugen glühen auf und Fische springen. Es ist eine eigenartige, geheimnisvolle und auch etwas unheimliche Stimmung.
Silvio, unser Allroundtalent, hat mit dem Suchscheinwerfer Katzenaugen entdeckt und ahmt die Stimmen von Jaguar und Ozelot meisterhaft nach, denn eines dieser Tiere war hier am Ufer. Aber trotz perfekter Imitation liess sich keines von beiden blicken. Das hätte mich auch sehr gewundert. Die ganze Szenerie hatte etwas Gespenstisches, und da ich die Dunkelheit nicht mag, fühlte ich mich ziemlich unbehaglich und war froh, als wir nach drei Stunden zurück waren.
Zum Abendessen gab es heute für uns etwas besonderes, nämlich Churrasco, das Nationalessen der Brasilianer, was letztlich nichts anderes ist als Grillfleisch mit Beilagen. Hier stand ein gemauerter Grill, über dem stand geschrieben: „Fim do boi", also „das Ende des Stiers"! Und in der Tat steckten auf langen Spiessen dicke feine Bratenstücke und Bratwurst und warteten darauf, von uns verspeist zu werden. Silvio, der doch die ganze Zeit das Boot gelenkt und Stimmverrenkungen in Sachen Jaguar gemacht hatte, stand nun am Grill und schnitt uns ganz professionell mundgerechte Stücke ab. Die ganze Familie und auch noch andere brasilianische Gäste machten mit, und es war ein richtig schönes und leckeres Essen und für uns das letzte Abendessen im Pantanal, denn morgen nach dem Mittagessen müssen wir diese Oase leider verlassen und weiterreisen. Hier wäre ich gerne noch eine ganze Weile geblieben, zumal mir hier alles von Tag zu Tag vertrauter wurde. Ich hätte auch gerne meine Reiterei wieder intensiviert und den Vaqueiros bei der Arbeit geholfen.
Am nächsten Morgen werden wir um 4.45 Uhr geweckt und um 5.00 Uhr laufen wir schon los zum Fluss. Es ist jetzt schon warm und fast windstill. Ein kaum sichtbarer Pfad führt immer durch den dichten Wildwuchs des Galeriewaldes. Silvio haut mit seinem starken Messer immer wieder Ranken und Zweige ab, damit wir einigermassen durch diese Wildnis kommen. Manchmal müssen wir uns gebückt durch Äste und Lianen zwängen. Dann sehen wir die Sonne strahlend aufgehen und hören das Konzert von zwei Brüllaffenfamilien, die sich schon aller Frühe Schimpfkanonaden zurufen.
Den eigentlich vorgesehenen Pfad direkt am Ufer entlang können wir nicht mehr gehen, weil er bereits unter Wasser steht und müssen uns einen anderen Weg suchen. Wir sind die letzte Gruppe dieses Jahr, die hier gehen kann, denn in Kürze wird hier alles 2 – 3 Meter hoch und monatelang unter Wasser stehen. Erst im nächsten Juli ist der Wald wieder begehbar.
Im dicht wuchernden Wald sehen wir nur wenige Tiere, meist einzelne Vögel und ein paar Kapuzineraffen. Bernd hat sich einmal unachtsamerweise an einem sogenannten „Ameisenbaum" festgehalten und dies sofort schmerzhaft bereut. Denn dieser Baum mit sehr schönen fünffingrigen Blättern wird von jeweils einer Ameisenkolonie bewohnt und gegen Tod und Teufel aggressiv verteidigt. Kein Tier wagt sich an diesen Baum heran, weshalb die schönen Blätter immer makellos und unversehrt sind.
Nach 2 ½ Stunden verlassen wir den Galeriewald und kommen in freies Gelände und genau dahin, wo ich gestern die beiden Ameisenbären entdeckt habe. Ein Schwarm von sieben herrlichen Gelbbrustaras fliegt krächzend über uns hinweg. Es ist sehr warm geworden und der Himmel überwiegend blau. Das haben wir gestern vermisst.
Auf einem hohen Baum turnt eine Brüllaffenfamilie herum, aber sie schweigt jetzt. Ein unerwartet zahmer Gelbbrustara kommt herangeflogen und setzt sich auf den Weidezaun. Silvio krault zu unserem Erstaunen seinen Kopf, und dann erfahren wir seine Geschichte. Der Vogel wurde aus einem Privathaushalt konfisziert und sollte längst wieder frei leben. Seit vier Jahren lebt er hier auf der Fazenda völlig frei, hat aber leider bis jetzt keinen Partner gefunden, mit dem er weiterziehen könnte. So hält er sich freiwillig in der Nähe der Menschen auf. Diese Fazenda hat mit der Regierung einen Vertrag geschlossen, in dem sie sich verpflichtet, gefangene bzw. konfiszierte Wildtiere zu betreuen und wieder auf die Wildnis vorzubereiten, um sie dann wieder auszuwildern. Manchmal gelingt es, oft aber auch nicht, weil die Jungtiere Jagen und Nahrungssuche nicht gelernt haben.
Nach über drei Stunden sitzen wir beim wohlverdienten Frühstück und langen ordentlich zu. Danach ist Kofferpacken, Getränke bezahlen usw. angesagt. Mein Zwölf-Kilo-Trolley ist schnell gepackt, und so sitze ich bald auf der Terrasse und schaue mir dieses Paradies noch mal an, wo die Menschen und die Haus- und Wildtiere so harmonisch zusammenleben. Es ist eine kleine heile Welt für sich, und ich weiss, dass ich noch sehr sehr oft an die lehr- und erlebnisreichen und wunderschönen Tage hier zurückdenken werde, wenn ich wieder in der hektischen Welt „da draussen" bin. In der Welt „da draussen" werden wir tagtäglich mit Angst und Panikmache manipuliert, und der ganze Konsumschrott wird einem ständig vor die Füsse gekippt. Nachdem ich die Welt auf dieser Fazenda kennen gelernt habe, weiss ich, dass auch ein anderes Leben machbar ist.
Zum Abschied haben wir wieder typisches Pantanalwetter: heiss und sonnig. Ich gehe noch mal über die Weiden zu den Fohlen und Pferden. Dann gibt es ein letztes Mittagessen mit Aras und anschliessend ein fröhliches Abschiedsfoto von der ganzen Familie mit unserer Gruppe und Ulli. Der Fahrer unseres Transporters wird unter viel Gelächter mit unseren Kameras vollgehängt und muss ein Foto nach dem anderen machen, bis jeder sein Erinnerungsfoto hat. Derweil haben wir schier Backenkrämpfe gekriegt.
Um 13.00 Uhr beginnt „die Vertreibung aus dem Paradies" dieser Fazenda. Über die Erdpiste fahren wir los, aber nach nur 5 Minuten gibt es den ersten Stopp, denn rechts am Wegesrand „winkt" uns ein junger Ameisenbär zum Abschied, und das ist dann das ultimativ letzte Ameisenbärfoto. Und eine Weile später sichten wir dann doch tatsächlich das so lang vermisste Gürteltier. Es ist ein schönes Exemplar direkt an der Piste, und es frisst seelenruhig irgendeine Frucht. Ulli auf dem Beifahrersitz bekommt nun reihenweise die Fotoapparate und muss Gürteltierfotos machen. Dieses Tier fehlte uns nämlich auch noch in unserer „Sammlung" und wir freuen uns, dass wir es auf den allerletzten Drücker doch noch bekommen.
Nach gut einer Stunde biegen wir ab auf die Teerstrasse nach Campo Grande, machen unterwegs nochmals bei der Raststätte Pause. Dort empfängt uns dröhnende und grässliche Musik und viel Verkehrslärm. Und das ist für uns nach den friedlichen Tagen auf der Fazenda ein richtiger Schock.
Am Flughafen drücken wir Ulli zum Abschied und fliegen um 18.30 Uhr nach Sao Paulo. Die Uhr müssen wir hier wieder eine Stunde vorstellen. In Sao Paulo müssen wir drei Stunden herumlungern, um endlich um 23.55 Uhr mit unseren Flieger nach Foz do Iguacu zu starten, wo wir um 1.35 Uhr mitten in der Nacht reichlich müde ankommen. Am Flughafen werden wir von einer nicht gerade mit Freundlichkeit gesegneten Frau namens Ernestine abgeholt, die uns nicht einmal begrüsst und offenbar schlecht gelaunt ist. Klar, ich hätte auch keine Lust, um diese Zeit eine Gruppe Touristen abzuholen, aber ich wäre ja auch keine Reiseleiterin.
Wir werden im Viersternehotel San Martin in der Nähe des Flughafens und nahe bei den berühmten Wasserfällen von Iguacu abgesetzt. Dieses moderne Hotel ist das krasseste Gegenteil zu unserer gemütlichen und familiären Pousada Aguapé, das sich denken lässt. Hier ist alles unpersönlich, steif und auf Menschenmassen ausgerichtet. Um 2.30 Uhr liege ich endlich im Bett und kann lange nicht einschlafen, weil mir so vieles durch den Kopf geht und hier alles so „tot" ist. Kein Käfer kriecht herum, kein Vogel macht Rabbatz, ich fühle mich wie in einer Leichenhalle.
Am nächsten Morgen gibt es ein leckeres Frühstücksbüffet mit vielen fremden Menschen. Ernestine scheint heute Morgen auch etwas besser gelaunt zu sein, obwohl sie nicht zu wissen scheint, wie man lächelt. Immerhin lässt sie sich diverse Informationen aus der Nase ziehen. Wir fahren fünf Minuten zum Eingang des Nationalparks do Iguacu, lösen die Eintrittskarten und fahren dann etwa 10 km hinein in den Park bis zum Beginn des Fussweges, der an den Wasserfällen entlang führt und die wir schon von weitem brausen und tosen hören.
Und dann habe ich ein déja-vu-Erlebnis, denn hier stand ich vor fast 29 Jahren schon einmal und weiss noch gut, wie begeistert ich damals war. Und genau so ist es auch heute wieder.
Es sind 275 Wasserfälle, kleinere und grössere und ganz grosse, die hier über fast vier Kilometer Länge spektakulär und gigantisch über die Basaltstufen in die Tiefe stürzen. Es ist ein unbeschreiblicher Anblick und man könnte alle zwei Meter ein neues Foto machen. 80% der Fälle gehören zu Argentinien und sind von der brasilianischen Seite am schönsten zu sehen. Der Rio Iguacu bildet die Grenze zwischen Brasilien und Argentinien.
Heute ist das alles sehr professionell arrangiert und vermarktet, und die vielen Besucher aus aller Welt kommen in Heerscharen. Es ist wirklich grandios, was die Natur hier geschaffen hat, und diese Wasserfälle gelten neben Machu Picchu in Peru als die grösste Sehenswürdigkeit in ganz Südamerika.
Wir laufen den gesicherten Fussweg entlang, staunen immer mehr und sind total beeindruckt von der Macht und Energie des Wassers, auf dessen gigantischen Gischtwolken ein kompletter Regenbogen thront. Kurz vor der legendären Teufelsschlucht, wo die mächtigsten Fälle herabdonnern, führt ein Steg etwa 200 Meter weit bis über die Abbruchkante. Die Gischt ist hier so stark, dass es richtig regnet und man nicht mehr fotografieren kann, es sei denn, man riskiert die Kamera oder hat eine Unterwasserkamera dabei. Ich ziehe meinen Regenponcho an und laufe staunend bis zum Ende des Steges. Dieses Rundum-Wasserfall-Schauspiel ist dröhnend laut und phantastisch. Ergriffen und ungläubig staunend steht man da.
Später, direkt am grössten Wasserfall, befinden sich in einem 15 Meter hohen Turm Aufzüge, mit denen man auf die hochgelegene Plattform fahren kann. Von dort aus hat man einen herrlichen Ausblick einerseits auf den ruhig dahinfliessenden Rio Iguacu und gleichzeitig auf die herabstürzenden Wassermassen. Das ist wahrlich beeindruckend. Man kann sich nur schwer losreissen von diesem Naturschauspiel.
Aus der Wahl der verschiedenen optionalen Möglichkeiten, haben wir uns für eine Wanderung mit anschliessender Bootsfahrt auf dem Iguacu-Fluss entschieden. Schon auf der kurzen Wanderung durch den Urwald sind wir fasziniert von den vielen verschiedenen Schmetterlingen überall. Auch die herrlichen blauen Morphos flattern rastlos und unknipsbar in Augenhöhe.
Als wir aber am Bootssteg am Fluss ankommen und dort unsere Lunchpakete vertilgen, sind wir von der unglaublichen Vielzahl und der Pracht der Schmetterlinge ganz überwältigt. Eine derartige Konzentration von Hunderten von Schmetterlingen habe ich noch nie gesehen. Sie schwirren um uns herum und sind merkwürdigerweise gar nicht scheu. Sie setzen sich auf Taschen und Rucksäcke, auf unsere Schultern und Arme. Da ich nicht eingecremt bin, also keine Chemie an mir habe, sitzen sie reihenweise auf meinen Armen. Ich nehme so ein herrlich lilafarbenes Exemplar mit dem Zeigefinger von meinem Rucksack und setze ihn auf meinen Unterarm. Und dort sitzt er mindestens eine Viertelstunde lang und schlürft bzw. nimmt Salze und Mineralien aus meinem Schweiss auf. Darauf sind sie alle ganz scharf. Ich wusste, dass Schmetterlinge Salze und Mineralien suchen, aber dass sie so zahm und zutraulich sind, hätte ich nie erwartet. Ich hatte zeitweise sechs Schmetterlinge gleichzeitig auf dem Arm und konnte sie immer wieder mit dem Zeigefinger hochnehmen und woanders absetzen, wo sie sitzen blieben. Das hat mir sehr gefallen.
Dann ging es los mit dem Boot den Rio Iguacu aufwärts. Wir entdecken diverse Vögel und eine Schildkröte auf einem abgestorbenen Baumstamm am Ufer, deren Kopf voller Schmetterlinge sitzt, die die „Tränen" der Schildkröte trinken.
Auch hier geht es um die Salze der Augenflüssigkeit. Ein Stück weiter sehen wir einen grossen Brillenkaiman, auf dessen Kopf mindestens 20 Schmetterlinge sitzen oder herumflattern. Das sieht richtig witzig aus.
Nach einer Weile steigen wir aus und laufen einen schmalen Pfad entlang zu einem speziellen Vogelschutzgebiet. Hier waren weit weniger Schmetterlinge anzutreffen als beim ersten Spaziergang. Einen sehr schönen grün und gelb glänzenden Trogon (Vogel) sehen wir, sonst aber nicht viel. Am Ende eines Steges steigen wir auf einen hohen Aussichtsturm und haben einen schönen Blick auf eine mit Wasserhyazinthen überwucherte Lagune, in der ein einsamer weisser Reiher sitzt. Auch ein schöner Rotbrustfischer (Eisvogel) lauert auf Fische. Ansonsten war hier aber tierisch nicht viel los.
Nach 3 1/3 Stunden waren wir zurück und fuhren aus dem Nationalpark heraus, weil einige von uns noch mit dem Helikopter über die Fälle fliegen wollten. Das reizte mich jedoch kaum, denn hautnaher und intensiver als zu Fuss kann man diese Wasserfälle nicht erleben. So schlendere ich alleine zu Fuss das kurze Stück zum Hotel zurück, vorbei am Vogelpark, der sich direkt neben dem Hotel befindet und den ich morgen Vormittag besuchen möchte, wenn die meisten unserer Gruppe bereits weiter nach Rio geflogen sind, einem Zusatzprogramm, das ich nicht gebucht habe, weil ich Rio bereits kenne und auch keinerlei Lust auf Grossstadt verspüre. Karen und der Steirer Gerhard werden mit mir zurückfliegen nach Deutschland.
Nach dem Duschen finde ich entsetzt 8 winzigkleine Zecken an meinen Beinen. Ich weiss aber, dass diese hier keine Krankheiten übertragen und hoffe, dass diese Information auch stimmt. Abends bin ich so müde, dass ich keine Lust auf weitere Unternehmungen habe. Ausserdem ist es unser letzter gemeinsamer Abend. Da wir hier nur Frühstück gebucht haben, sitzen wir alle abends im Patio des Hotels im Freien und geniessen ein feines Büffet. Innen im eiskalten Restaurant wimmelt es von Menschen, vor allem aus Europa, und das laute Stimmengewirr und der zusätzliche Alleinunterhalter lassen uns sehnsüchtig an unser brasilianisches „Zuhause" denken, an die Fazenda Sao José, wo wir uns so wohl und willkommen gefühlt haben.
Morgens ist es beim Frühstücksbüffet ein Riesenrummel und eine grässliche Unruhe mit den vielen Menschen. Ich bin früh aufgestanden, um den Rio-Reisenden Lebewohl zu sagen. Der Flieger für uns Nichtverlängerer geht erst um 13.30 Uhr, so dass wir noch ein paar Stunden zur freien Verfügung haben. Ich gehe gleich zum Vogelpark nebenan, der sich mitten im Wald befindet und unter anderem auch sehr grosse Freiflugvolieren hat. Trotzdem schneidet es mir ins Herz, als ich vor allem die vielen grossen Aras zusammen eingesperrt in einer Voliere von etwa 10 Metern Höhe und 20 Metern Länge sehe. Sie stehen hier unter Dauerstress, und die Voliere ist viel zu dicht mit diesen grossen Vögeln besetzt. Wenn man diese herrlichen Tiere in der Freiheit gesehen hat, kann man diesen Anblick kaum ertragen.
In der grossen Voliere der Tukane ist es natürlich schön, aus der Nähe Fotos machen zu können, aber die Tiere tun mir trotzdem leid. Ein Riesentukan demoliert meine Wasserflasche, ein anderer knabbert an meinem Zeigefinger und lässt sich streicheln. Wunderschöne Vögel gibt es hier zu sehen, die fast alle in Brasilien zu Hause sind. Auch drei grosse Anacondas und zwei Boa constrictor liegen unter Wärmelampen.
In einer speziellen Voliere werden Schmetterlinge und Kolibris gehalten. Und ausserhalb dann auch eine grosse Voliere für ein Harpia-Pärchen. Harpias sind die grössten und stärksten Adler der Welt. Die Weibchen wiegen bis zu 9 kg und ihre Spezialität ist es, durch die Bäume zu fliegen und Affen zu „pflücken". Die Männchen sind einiges kleiner. Im Fernsehen habe ich das schon öfter gesehen.
Zum Schluss trinke ich noch einen Kaffee und stöbere ein bisschen durch den grossen Laden, in dem es nette T-Shirts, aber auch grauenhafte Kitsch-Souvenirs gibt. Und hier gibt es auch Ansichtskarten. Am letzten Tag habe ich aber keine Lust mehr zu schreiben. Mein Trolley ist schnell gepackt, und bis zur Abfahrt sitze ich noch unter den grossen Palmen vor dem Hotel, in denen eine Art Webervögel grosse Beutelnester gebaut hat und die mir hier ein letztes Ständchen zum Abschied flöten.
Ich habe einen Fensterplatz und schaue nach dem Start aus dem Fenster. Unter mir sehe ich minutenlang die prächtigen Wasserfälle von Iguacu bei ganz klarer Sicht und ganz umsonst. Das ist ein schöner Abschied von Brasilien.
In Sao Paulo haben wir fast fünf Stunden bis zum Weiterflug nach Madrid. Aber da wir diesen Flughafen langsam ganz gut kennen, sitzen Karen, Gerhard und ich nach der Gepäckaufgabe bei Cappuccino und erzählen und lassen die Reise nochmals aufleben. Einigermassen pünktlich erhebt sich der Flieger und bringt uns in 10 Stunden nach Madrid, wo wir pünktlich landen. Da ich nur 50 Minuten Zeit zum Umsteigen nach Frankfurt habe und der auf der Bordkarte angegebene Flugsteig wieder nicht stimmt, muss ich doch mittels Bahn in das andere Terminal fahren und tierisch hetzen. In der Sicherheitskontrolle vergesse ich daher meine Steppweste, weil ich es so eilig habe, finde aber keinen Rückweg mehr, als ich das bemerke. Also lasse ich die Weste sausen, denn in meinem Koffer habe ich noch eine Jacke und einen warmen Pulli.
Als ich 10 Minuten vor dem Start endlich am richtigen Flugsteig ankomme, sagt man mir gleich, dass mein Koffer nicht im Flieger ist, da die Umladezeit zu kurz ist. Der Koffer würde mir nach Hause nachgeschickt. Alternativ könne ich um 16.00 Uhr fliegen und dann mit Koffer. Dann aber käme ich zu spät in Frankfurt an und müsste dort übernachten. Also fliege ich gleich, und zwar ohne Koffer und ohne Jacke oder Pulli. Das Wichtigste habe ich sowie immer bei mir, nämlich Geld und Pass und Kamera samt der wertvollen Speicherkarten voller Erinnerungen. Ich bin nach den vielen Stunden Warterei und Fliegerei übermüdet und genervt, aber immerhin kommen wir pünktlich in Frankfurt an, wo mein Koffer tatsächlich nicht auf dem Band ist und ich am entsprechenden Schalter der Iberia ein Bestätigungsschreiben bekomme. Der Koffer soll mir einige Tage später von der DHL zugestellt werden.
Noch schnell ein gutes Vollkornbrötchen und einen Cappuccino geniessen, dann sitze ich im Zug nach Konstanz und falle nach 35 Stunden Wachsein endlich in mein vertrautes Bett und träume von Kaimanen und Anacondas und zähle grosse Ameisenbären….!




