
Im Rahmen von unseren sechswöchigen Ecuador Reisen zu den Galapagosinseln im Ostpazifik haben wir auch eine Sondergenehmigung bekommen, den Vulkan Alcedo zu besteigen, auf dem sich die größte Population an Riesenschildkröten im Archipel befindet. 3-4 Tausend, manche sprechen gar von sechstausend, sollen an den Hängen und in der Caldera des Kraters leben. Und die wollen wir gerne im natürlichen Umfeld beobachten, da wir diese urweltlichen Reptilien bisher nur in der Aufzuchtstation der Darwin-Gesellschaft auf Santa Cruz kennen gelernt haben.
Am frühen Morgen nähern wir uns von der Insel Rábida kommend auf dem umgebauten Fischerboot Orca der Ostküste der größten Galapagosinsel Isabela, dem Höhepunkt unserer Reise. Um eine Stunde verschlafen, gehen wir bei Sonnenaufgang um 6 Uhr an Land. Viele Male waten wir zwischen Boot und Strand hin und her, bis wir Ausrüstung und Proviant für 3 Tage zusammen haben.
Schwer bepackt machen wir 5 Deutschen uns an den Aufstieg. In dieser ariden Gegend müssen wir große Mengen an Trinkwasser mitschleppen. Begleitet werden wir von der jungen Belgierin Monique, die hier seit knapp 2 Jahren als Guide für die Nationalparkverwaltung arbeitet. Ohne Führer setzt man im UNESCO-Weltnaturerbe Galapagos keinen Fuß auf den Boden, und das ist gut so. Außerdem sind die einheimischen Träger Elias und Pedro mit ihrer bärenstarken Kondition dabei.
Der rechten Seite eines jetzt trockenen und tief erodierten Bachbettes folgend, steigen wir bei glühender Hitze langsam auf einem schmalen und steinigen Pfad relativ flach bergan. Da Führerin Monique Spinnen nicht leiden kann, gehe ich voran, denn hunderte riesiger Netze überspannen den Weg.
Trotz einem Zweig, mit dem ich die Gespinste zerstören muss, bin ich schon bald von oben bis unten mit klebrigen Fäden überzogen. Mein Schicksal für die nächsten Tage. Spinnen in allen Größen und Farben krabbeln verstört auf mir herum und ich muss auch immer wieder meine verklebte Kamera säubern.
6 Stunden rechnet man für den Aufstieg bei einer Weglänge von nur 10 km, um den 1113 m hohen schlummernden Vulkan zu erreichen. Die Vegetation ist anfangs spärlich und die Hitze nur 48 km südlich des Äquators mörderisch. Beim Gesang von Goldwaldsängern, Galapagoshaubentyrannen, diversen Darwinfinken, Spottdrosseln und Grillen kommen wir nach 2 Stunden zu einem stattlichen Balsambaum und rasten hechelnd in seinem Schatten. Die Einheimischen nennen ihn Palo Santo, Heiliges Holz und verbrennen es wie Weihrauch zu religiösen Veranstaltungen. Nach einer weiteren Stunde erreichen wir den für gewöhnlich benutzten Zeltplatz unter mehreren Schatten spendenden Bäumen. Da uns die Stelle noch zu weit vom Gipfel entfernt scheint, quälen wir uns nun den extrem steilen Kraterrand hoch, den alle unter 6 Stunden Gehzeit erreichen. Wir schlagen 2 Zelte auf und schon setzt heftiger Regen ein, der uns in die leider nicht wasserdichten Unterkünfte zwingt. Unsere Träger kauern sich unter das Vordach und ich decke sie mit meinem Regenponcho zu. Als der Regen nach 30 Minuten aufhört, steigen sie gleich zur Küste ab.

Schon beim Aufstieg sahen wir viele, meist betagte Schildkröten, aber hier oben wimmelt es von riesigen Exemplaren, die um sich zu kühlen im schlammigen Wasser selbst gegrabener Pfützen ruhen. Durch die aufreißenden Wolken erhaschen wir erstmals einen Blick hinab in den etwa 52 km2 umfassenden Kraterboden, der jetzt von üppigem Grün bedeckt ist. Am Innenrand der Südseite dampft eine Fumarole in den Himmel die zeigt, dass der Alcedo noch nicht wirklich erloschen ist. Hier oben breitet sich ein dichter Nebelwald aus. Vorwiegend aus mit den Sonnenblumen verwandten Scalesia-Arten, deren Zweige dicht mit epiphytischen Moosen, Misteln, Orchideen, Bärlappen und Farnen bedeckt sind. Jetzt Ende März finden sich auf allen Pflanzen unzählige bunte Raupen. Meist von wohl noch kaum erforschten Nachtfaltern, von denen hier die meisten auch tagaktiv sind. Tagfalter gibt es dagegen auf den Inseln nur in wenigen Arten. Hier oben sind hauptsächlich die robusten Monarchfalter unterwegs, die sogar im Regen fliegen.

Als sich die wallenden Nebel lichten, schwärmen wir zum Erkunden aus. Zum Glück sind die lästigen Stechfliegen verschwunden. Rund um uns weiden gigantische Schildkröten und walzen alles nieder, was ihnen im Weg ist. Die bis 200 kg schweren Tiere werden locker 150 Jahre alt und pflanzen sich mit 40 erstmals fort. Jungtiere treffen wir hier nur sehr wenige. Das zeigt wie hoch der Feinddruck durch verwilderte Hausschweine und Hunde ist, die sich über die Gelege hermachen.
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Die Riesenschildkröten wurden früher zu tausenden als lebender Proviant auf die Schiffe verladen. Dadurch sind viele Inselrassen ausgestorben und die Überlebenden konnten sich nur auf den unzugänglichen Bergen halten. Im Gegensatz zu den unglaublich zutraulichen Wildtieren dieser Inseln, sind die zur Ausrottung freigegebenen verwilderten Haustiere extrem scheu. Hier auf dem Vulkan hören wir ständig die Rufe der verwilderten Esel, finden deren Kot auf den Schildkrötenwechseln, aber haben nur kurze Sichtbeobachtungen, dann sind die Tiere wie Gespenster wieder im Nebel und der dichten Vegetation verschwunden. Nur die Schädel verdursteter Esel sind von früher hier gewesenen Reisenden als Wegmarkierung auf Äste gesteckt und dienen noch im Tod der Orientierung.

Am nächsten Morgen stehe ich weit vor Sonnenaufgang vor dem Zelt und genieße den Sternenhimmel, wünsche mir bei den Sternschnuppen eine weiter so positiv verlaufende Reise, aber leider kein besseres Wetter. Die Grillen beginnen noch vor den Singvögeln mit ihrem Gesang. In der Dämmerung schimmert das Meer tief unten wie Eis an einem Wintermorgen. Nebelschwaden ziehen langsam und wie ein Wasserfall über die Kraterkante in die Caldera hinab. Um 6 Uhr, bei romantischem Morgenrot, liegen die mächtigen Riesenschildkröten immer noch an ihren Plätzen des Vorabends. Sie bewegen sich also nachts nicht mehr und stellen nur tagsüber eine Gefahr für unsere Zelte dar.
Um einen Abstieg in den Krater zu finden, sind wir in der schier undurchdringlichen Vegetation 4 Stunden auf sehr gefährlichem Terrain unterwegs. Es schüttet wieder unaufhörlich und da wir ja auch wieder 4 Stunden zurück brauchen, geben wir entnervt auf. Dazu zucken auch noch Blitze vom Himmel. Die Waschküche, in der wir uns bewegen, ist wohl eine große Gewitterwolke. In diesem Wetter machen nur die prächtig rot gefärbten Rubintyrannen unverdrossen ihre Revierflüge. Von den sich in den überlaufenden Pfützen kühlenden Schildkröten prasselt der strömende Regen von den jetzt blanken und schwarz glänzenden Rückenpanzern ab.

Ein archaisches Bild und ich fotografiere wie besessen, bis Wasser in die Kamera eindringt. Die Filmemulsion läuft wie Honig aus der Rückwand und all die tollen Aufnahmen sind verloren. Ein harter Schlag für mich. Etwas Aufheiterung bringen die Schildkrötenbullen bei der Paarung, die bei jedem Kopula-Stoß laut brüllen, was man mehrere hundert Meter weit hört.
Am gesamten Krater vernimmt man diesen Sound neben dem Wiehern der verwilderten Esel. So wollten wir es erleben und haben deshalb all die Strapazen auf uns genommen. Am Abend liegen wir alle wieder in den nassen Zelten, in denen der ganze Boden voll gelaufen ist und entfernen uns gegenseitig die allgegenwärtigen Schildkrötenzecken. Ich alleine habe 16 Exemplare an teils delikaten Körperteilen.

Am dritten Tag erscheint die ersehnte Sonne wegen dräuender Wolken erst um 7.30 Uhr. Erstaunlich, dass es nachts nie regnet. Wir breiten unsere Sachen zum Trocknen aus und unser Lager erinnert an einen bunten Textilmarkt im Busch. Wieder hört man überall die bei der Paarung brüllenden Schildkrötenmännchen. Ich entdecke ein Exemplar der hier endemischen flügellosen Alcedo-Heuschrecke und finde Gehäuseschnecken, die bei Trockenheit nie zu sehen sind.
Als wir die Zelte abbauen, beginnt es erneut zu regnen und hört auch nicht mehr auf. Sobald wir beim Abstieg den ursprünglich geplanten Lagerplatz erreichen, stellen wir fest, dass er einen halben Meter unter Wasser steht. Das beim Aufstieg knochentrockene Barranco hat sich in einen reißenden Wildbach verwandelt, in dem rotbraune Fluten zu Tal stürzen. Auf unserem fast 3stündigen Marsch hinab zum Meer stapfen wir ununterbrochen in knöcheltiefem Wasser und hoffen, dass unsere Stiefel nicht auseinander fallen. Wo der Bach das Meer erreicht, treiben rund geschliffene Bimssteine in den Wogen hinaus und statt der lästigen Stechfliegen fallen jetzt Stechmücken über uns her, die sich sonst bei Trockenheit und Hitze zurückhalten müssen.

Obwohl keiner das Abenteuer missen möchte, sind doch alle froh, als wir am Nachmittag wieder an Bord gehen, die nasse Kleidung wechseln können und uns der Indiokoch Augustino ein kräftiges Cebiche quatro potente aus rohen Muscheln, Fisch, Langusten und Tintenfisch in Limonensaft serviert.
Wir steuern Puerto Egas auf der Insel Santiago im Osten an und dabei schüttet es weiter ohne Unterlass. In einem El Niño-Jahr spielt halt im Pazifikraum das Wetter verrückt, wenn die warme Strömung aus dem Golf von Panama kommt. 2010 soll laut Meteorologen wieder so ein Jahr werden.
Diese Reise wurde organisiert vom Reisebüro Colibri. Katalogbestellung hier:

