- Start in Quito, Ecuador- Über Wolken und Vulkanen
Das Dschungelabenteuer
- Start in Quito, Ecuador-
Über Wolken und Vulkanen
1.Januar
Schon um acht Uhr am ersten Tag des neuen Jahres waren wir auf dem Weg zum Flughafen. Ursprünglich sollte unser Flug nach Coca gehen, da jedoch wegen Umbauarbeiten der Flughafen in Coca geschlossen war, mußten wir nach Lago Agrio fliegen und von dort aus mit dem Bus nach Coca weiterfahren. Weil wir noch etwas Zeit bis zum Abflug hatten, wollte ich versuchen, noch einmal zu Hause anzurufen. In Cuenca hatte ich mir eine Telefonkarte gekauft, aber bei meinen Anrufen war keiner drangegangen. Nun versuchte ich wieder vom Flughafen aus zu telefonieren. Doch keiner der Apparate in Quitos Flughafen wollte meine Karte akzeptieren! Drei Kartentelefone von verschiedenen Telefongesellschaften probierte ich aus, bis mir ein Flughafenangestellter sagte, dass die Karte aus Cuenca in Quito überhaupt keine Gültigkeit habe, sondern nur in Cuenca. Jutta ärgerte sich auch sehr darüber, sie hatte sich die gleiche Karte in Cuenca gekauft. Wenigstens hatte sie aber schon einen Anruf von dort aus tätigen können.
Um halb zehn startete schließlich unser Flugzeug nach Lago Agrio. Von meinem Fensterplatz aus konnte ich sehr gut den Cotopaxi mit seiner schneeweißen Mütze sehen. Dank Richard dufte ich mit Jutta während des Fluges ins Cockpit, das war wirklich toll. Der Copilot erklärte uns die ganzen Berge und Vulkane, die aus den Wolken herausragten und wir drehten einen Bogen um den zerklüfteten Cayambe, den ich so von allen Seiten wunderbar fotografieren konnte. Wir waren so dicht dran, dass ich die kleinen Gaswolken, die aus dem Berg heraustraten, gut erkennen konnte. Im Hintergrund sahen wir auch den Cotopaxi noch einmal und die zwei Spitzen der Illinizas, Iliniza Norte und Iliniza Sur. Dieses Erlebnis werde ich, glaube ich, niemals vergessen.
Der Flug war nach einer halben Stunde zu Ende und wir landeten auf der Landebahn von Lago Agrio.
Als ich aus dem Flugzeug stieg, wurde ich fast von der schwülen Hitze erschlagen. Unser Gepäck wurde ganz nostalgisch einzeln auf einen grob gezimmerten Holztisch gehoben, und der Besitzer bekam es nur gegen Vorlage seines Tickets ausgehändigt. Als diese lang andauernde Prozedur endlich vorüber war, schleppten wir das Gepäck zum Bus, der uns nach Coca fahren sollte.
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Wir zwängten uns in das vollbesetzte Gefährt und machten uns auf den holperigen Weg in die Dschungelstadt. Zum Glück brauchten wir nur eineinhalb Stunden, denn es war wirklich heiß und stickig im Bus und wir hatten nicht vor, auch nur eine Sekunde länger als nötig in der Enge auszuharren. Richard holte seine Weihnachtstüte heraus und ließ sie herumgehen. Nach einem mir bekannten Snickers (bei Schokolade kann ich einfach nicht ´nein` sagen) griff ich noch ein zweites Mal hinein. Das Milkyway war auch schnell verspeist, und zum Abschluss hielt mir Richard einen Kaugummi hin, den ich leider auch noch bedenkenlos annahm. Er sagte zwar vorher, dass es etwas sauer war, aber auf das, was dann kam, war ich wirklich nicht vorbereitet: Zitronen waren zuckersüß dagegen. Vielleicht hatte er mir den sauren Kaugummi auch extra deshalb gegeben, damit ich mal für ein paar Minuten still war...
Endlich verließen wir die holperigen Straßen und fuhren durch die staubigen Gassen von Coca, auch ´Puerto Francisco de Orellana` genannt. Der gute Herr Francisco war Mitte des sechzehnten Jahrhunderts in der Gegend herumgereist und hatte den Amazonas dabei zufällig mal entdeckt.
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Als die Fahrt begann, lehnten wir uns an der Eisenstange, die als Reling um das Dach führte, am Ende des Busses an, und ließen uns den Fahrtwind um die Ohren pusten. Meine Sorgen um die niedrigen Äste waren unbegründet, die Straße, oder wie man das auch nennen mochte, war sehr breit, und die Bäume waren so weit entfernt, dass über uns nur der blaue Himmel war. Und ohne Äste gab es auch keine Spinnen. Mir wurde aber schnell klar, dass wir auf dem Dach keine Chance hatten, sauber am Ziel anzukommen. Das Problem dabei waren vor allem die Autos und Lastwagen, die hin und wieder vor uns auftauchten und hinter sich eine dicke Staubwolke im Gefolge hatten. Bis sie sich von uns überholen ließen, sahen wir auch schon aus wie panierte Schnitzel. Der Dreck klebte wunderbar auf der schweißnassen Haut , und ich hatte bald eine schöne Sommerbräune... Fuhren wir wieder durch eine Staubwolke, blieb uns im wahrsten Sinne des Wortes nur eines: Augen zu - und durch.
Der erste Teil der Strecke führte noch durch von Menschen kultiviertes Land, hin und wieder durchquerten wir kleine Ansiedlungen, wo uns viele Kinder zuwinkten. Danach nahm der menschliche Eingriff in die Natur merklich ab, und die Straße wurde nur noch von mehreren Öl-Pipelines eskortiert.
Nach über einer Stunde konnten wir kaum noch sitzen, wir wechselten die Positionen und legten uns auf die Gepäckplane, unter der das Gepäck im Falle eines Regens (gar nicht so selten im Regenwald), sicher und trocken aufbewahrt war. Ich lag also auf einer großen fahrenden Freilichtsonnenbank, die zudem noch sehr bequem war. Fast eine Stunde lagen wir so und ich schaute mir verträumt die schneeweißen Wölkchen am strahlend blauen Himmel an. Ab und zu, wenn der Bus anhalten musste oder sehr langsam fuhr, schaute mal ein Kopf von unten aus dem Bus herauf zu uns. Es waren dann der Günter oder der Norbert, die schauen wollten, ob wir noch da waren und sie uns bei den Hopsern durch die Schlaglöcher noch nicht verloren hatten.
Nach einer weiteren Stunde wechselten wir auf das Führerhaus, wir saßen nebeneinander auf dem Gepäck und stellten die Füße auf die Kabine. Nun blies uns der Fahrtwind, der wenigstens für eine kleine Erfrischung sorgte, wieder ins Gesicht. Der Staub leider auch.
Ab und zu fuhren wir an einem Bohrloch, das wie ein Knoten an einem Seil an der Pipeline hing, vorbei. Überall im Dschungel wurde nämlich von den verschiedensten Ölgesellschaften nach Öl gebohrt. So schlimm hatte ich es mir nicht vorgestellt. Allein die ganzen Rohre, die neben der Straße entlang führten, bedeckten eine Breite von bestimmt drei bis vier Metern. Als ich das sah, konnte ich mir gut vorstellen, welche Katastrophen da durch defekte Ölleitungen entstehen konnten.
Bei einer kurzen Pause stieg Günter aus und sah uns vorne sitzen. Er fragte, ob ich nicht ein Erinnerungsfoto davon haben wollte und ich gab ihm daraufhin meine Kamera. Aber als ich ihm genaue Anweisungen gab, wie er das Bild zu machen hatte, sagte er sehr energisch: “Wenn ich das Foto machen soll, dann mache ich das so wie ich das will, basta.“ Und er machte das Foto nach seinen Vorstellungen. Eigentlich hatte er damit auch recht, schließlich konnte er die Szene aus dem Blickwinkel der Kamera überschauen, und ich nicht.
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Während ich die Weiterfahrt genoss (sobald der Bus nämlich stehen blieb, blieb der Fahrtwind aus und es wurde unerträglich heiß) überlegte ich, ob ich nachher den anderen sagen sollte, wie schön es trotz des Staubes auf dem Dach war. Denn dann bestünde die Gefahr, dass das Dach in einer Woche auf der Rückreise voll besetzt wäre und womöglich für mich dann kein Platz mehr frei ist. Schließlich wollte ich auch zurück erster Klasse fahren und nicht in der Touristenklasse.
Für die nächsten vier Stunden sollte das Boot unser Zuhause sein. Wir fuhren auf dem Rio Tiguino flussabwärts, wo wir erst in der Dunkelheit die Bataburo Lodge erreichen sollten.
Wir alle waren von der langen Reise sehr geschafft und genossen das Dahingleiten des Bootes auf dem ruhigen Fluss. Kein Vergleich zu der holperigen, mit Schlaglöchern übersäten, staubigen Straße!. Die Bäume des Urwaldes spiegelten sich auf der glatten Oberfläche des Wassers wider und wir erfreuten uns an jedem bunten Vogel, den wir sahen. Ein Eisvogel mit schwarz-weißem Gefieder begleitete uns ein Stück. Er flog immer ganz dicht über der Wasseroberfläche, bis er sich wieder auf einem niedrigen, über das Wasser ragenden Ast, niederließ. Die kleinen schwarz-gelben Vögel, die meistens zu mehreren auftraten, hießen Cassiques. Ihr Gefieder leuchtete wie Zitronen gegen den dunkelgrünen Dschungel. Hoch über uns überquerten Tukane den sich dahinschlängelnden Fluss. Lustige Gesellen waren die behäbigen, schwerfälligen Urwaldtruthähne, die so komische Töne von sich gaben, dass man dabei kaum an Vögel dachte. Es war kein Piepen und kein Zwitschern, das hätte ich von denen sowieso nicht erwartet, noch nicht einmal ein Krächzen. Sie glucksten einfach nur lustig.
Die Sonne ging langsam unter und träge Müdigkeit machte sich bei uns breit. Als es schon fast finsterste Nacht war, stürmte plötzlich ein großes Tier am Ufer aus dem dunklen Gebüsch direkt neben unserem Boot ins Wasser! Das ging so schnell, es platschte und wir erschraken alle ganz heftig. Es war ein ausgewachsenes Tapir-Männchen, das von uns und unserem Boot sichtlich irritiert war und in seiner Überraschung nicht einmal zurück zum Ufer schwamm, sondern beinahe noch das Boot enterte. In der Hektik suchte ich verzweifelt in den Tiefen meines Rucksacks nach der kleinen Kamera mit dem eingebauten Blitz, es konnte gar nicht schnell genug gehen. Wie Greta Garbo reckte der Tapir den Kopf aus dem Wasser und lächelte in das Blitzlichtgewitter der Kameras. Ich glaubte zumindest, einen Anflug von Lächeln gesehen zu haben. In Wirklichkeit war es wahrscheinlich eher ein Grinsen, es ahnte nämlich, dass ich in der Dunkelheit meine Kamera blind ins Nichts hielt und ihn gar nicht auf meinem Film ablichtete. Später wieder in Deutschland sollte sich herausstellen, dass alle „blind“ fotografiert hatten und nur Kornelia es geschafft hatte, das seltene Tier auf Film zu bannen.
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Nun waren wir erst mal wieder hellwach von diesem Erlebnis. Als es stockfinster war, entdeckten wir den Sternenhimmel. Tausende kleiner Sterne leuchteten zu uns herab. Hinter mir saßen Günter und Ulli, und da Günter auch viele Sternbilder kannte, ergänzten wir uns gegenseitig.
Ich holte meine Kekse raus und hatte mir gerade mehrere gleichzeitig in den Mund geschoben, als ich einen Kaiman auf einem im Wasser liegenden Ast entdeckte. Aufgeregt von meiner Entdeckung wollte ich die anderen auf das Tier aufmerksam machen, zeigte aufgeregt mit dem Finger in seine Richtung und rief laut: „Kaiman! Kaiman!“. Da ich aber auch darauf bedacht war, keinen einzigen Kekskrümel dabei aus dem Mund zu verlieren, hörte sich das etwa so an: „Come on! Come on!“, was ich die nächsten Tage immer wieder von den anderen zu hören bekommen sollte.
Danach beruhigte ich mich wieder und bestaunte weiter den Sternenhimmel. Doch auch nur in den Himmel starren machte müde, und so bin ich irgendwann in einer absolut unbequemen Position eingeschlafen. Doch der Schlaf war mir nicht vergönnt, es dauerte nicht lange, da wurde ich vom Tumult im Boot geweckt. Was war denn jetzt schon wieder? Kann man hier im Boot nicht einmal in Ruhe schlafen? Noch ein Tapir, diesmal ein Jungtier, schwamm im Wasser. Gab es denn nichts anderes, „nur“ Tapire? Vor lauter Müdigkeit nahm ich kaum davon Notiz, obwohl der Tapir, ein Tier, dass man nur selten zu Gesicht bekommt, die Ehre verdient hätte.
Nach vier Stunden Bootsfahrt erreichten wir tatsächlich noch am gleichen Tag die Lodge. Eine lange breite Treppe führte vom Fluss nach oben auf das Ufer. Die Wege waren auf Holzstegen angelegt und unsere Zimmer lagen alle zusammen, in zwei Reihen Rücken an Rücken gebaut und rundherum von einem Holzsteg umgeben. Als ich mein Zimmer betrat, hatte ich meine Taschenlampe noch im Gepäck, sah aber im Halbdunkel, dass mir irgend so ein Krabbeltier unter dem Türspalt hindurch gefolgt war. Sofort ahnte ich was es sein konnte und rief ganz schnell und laut nach Richard und John, die auch schon mit einer Taschenlampe angelaufen kamen. Das Tier saß inzwischen in Höhe der Türklinke an der Holztür und als der Schein der Taschenlampe darauf fiel, wurde meine Befürchtung bestätigt: Ein Prachtexemplar von Kakerlake grinste frech zu mir herüber. Ich fragte die beiden Männer, die ungerührt das Tier und mich betrachteten, ob sie etwas dagegen hätten, wenn ich es tötete. Normalerweise bringe ich keine Tiere um, aber in diesem Raum war nicht für uns beide Platz, entweder die Kakerlake oder ich.
Meine Frage bejahten beide und wollten wissen, wie ich das anstellen wollte. Noch bevor ich recht überlegen konnte, lieferte ich einen gekonnten Kung-Fu-Tritt gegen die Tür, mitten auf die Kakerlake. Wider Erwarten hatte ich sie also getroffen. Als ich mich wieder ins Zimmer umdrehte, entdeckte ich auch schon die nächste, diesmal an der Wand über dem Bett. In Windeseile sprang ich herüber vor das Bett und erledigte das Krabbelproblem mit dem Fuß an der Wand. Ich war selber überrascht, wie schnell ich bei meiner Müdigkeit noch reagieren konnte und wie beweglich ich in meinem Alter noch war. Da aber immer mehr Kakerlaken auftraten und ich kein Massaker veranstalten wollte, geschweige denn auf einem Kakerlakenfriedhof nächtigen wollte, gab ich auf. Außerdem war die Gefahr zu groß, bei einem meiner Sprünge gegen die Wand ein Loch durch das Holz zu treten.
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Ich schob das über meinem Bett von der Decke herabhängende Moskitonetz (wozu hatte ich mir eigentlich ein eigenes gekauft?) unter die Matratze, damit wenigstens die kleine Zone in meinem Bett mir allein gehörte und ich nicht den Platz mit den Kakerlaken teilen musste.
Da ich zu müde war um mir die Anlage noch anzuschauen, nahm ich nach dem Abendessen nur noch schnell eine kalte Dusche um den Schweiß und den Staub abzuwaschen und fiel danach wie tot in mein Bett.
Ziemlich früh stand ich - beinahe frisch und munter - auf und wollte mir zuerst einmal die Lodge ansehen. Doch wieder war ich nicht die erste. Auf den leicht knarrenden Holzstegen kam mir Gerhard entgegen. Er sah richtig fit und ausgeschlafen aus. Das war wieder mal typisch: erst schnarcht er uns in der Nacht die Ohren voll, und er ist dann morgens der Einzige, der ausgeschlafen hat, und fragt uns unschuldig, warum wir so müde sind...
Die komplette Anlage der Bataburo–Lodge war auf Holzpfählen gebaut, sicherlich um diverse Kriechtiere davon abzuhalten uns zu belästigen. Was allerdings die Kakerlaken weniger beeindruckt hat.
Die aus mehreren Zimmern bestehenden Cabenyas sowie der zu den Seiten offene, überdachte Speiseraum mit der Küche lagen etwas auseinander und waren durch Holzstege miteinander verbunden. In der Mitte der Anlage gab es ein großes Rasenfeld (eine ´gran plancha`vielleicht? –siehe Ingapirca-), wo ein Volleyballnetz aufgebaut war. An der Seite der Lodge, die zum Fluss zeigte, wo wir also in der Nacht angekommen waren, führten zwei breite Holztreppen zum Fluss herunter. Am gegenüberliegenden Ufer hing ein Seil an einem Baum herab, das zu Tarzanschwüngen mit Sprung ins Wasser genutzt werden konnte. Ich überlegte allerdings, dass es in dem Fluss Piranhas geben sollte, denn in der Reisebeschreibung stand an einer Stelle so schön geschrieben „...am Nachmittag bleibt Zeit zum Schwimmen und Piranhafischen...“ ! Der Reiseveranstalter glaubte doch nicht allen Ernstes, dass ich hier schwimmen ging, oder? Außerdem hatte ich schon einen Kaiman in der Nacht vom Boot aus gesehen. Aber irgendwovon mussten die Tierchen doch leben.
Ich konnte gut sehen, dass der Fluss Niedrigwasser hatte, denn am ausgespülten Ufer bröckelten Sandüberhänge ab.
Die andere, dem Fluss abgewandte Seite der Lodge, endete an einem kleinen See, von dem es hieß, dass er eine riesige Anakonda beheimatete. An einem kleinen Bootssteg war ein kleines Kanu befestigt, mit zwei kleinen Paddeln.
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Mit einer Pumpe wurde Flusswasser in einen großen Tank gepumpt, der auf einem großen Holzgerüst fast aussah wie ein Wasserturm. Ein Schlauch, von dem mehrere Abzweigungen abgingen, führte auch zu unserem „Badezimmer“. Im Anschluss an unsere Zimmer befanden sich drei Duschen und drei Toiletten, die sogar Wasserspülung hatten. Eigentlich hatte ich mit Plumpsklos oder so gerechnet. Ich bin ja schon einiges gewöhnt (obwohl man sich an manche Klos nie gewöhnen kann). Es war also alles vorhanden, zwar einfach, aber sauber. In den Duschen und verständlicherweise auch aus den Wasserhähnen gab es nur kaltes Wasser, genau die Temperatur, die in dem großen Wassertank halt gerade war. Aber das war gar nicht so schlimm, da es ohnehin gut tat, nach einem heißen, schwülen Tag eine kalte Dusche zu nehmen.
Glasscheiben gab es nirgends, stattdessen waren vor den Fenstern Fliegengitter angebracht. Ein Stromaggregat gab es auch, aber das wurde nur stundenweise angemacht. Deshalb war es am Abend immer gut, eine Taschenlampe bei sich zu haben. Sonst konnte es passieren, dass man gerade auf der Toilette war oder duschte und das Licht plötzlich ausging.
Das Frühstück nahmen wir unter dem großen Dach an einer langen rustikalen Tafel ein, es gab natürlich viel frisches Obst und sogar Brötchen. Pünktlich zum Frühstück kam auch der hauseigene Papagei, Panchito, zu unserem Tisch.
Erst kletterte er an einem Stuhl herauf - natürlich am Kopfende des Tisches - um den Überblick zu haben was es alles zu Essen gab. Dann hüpfte er zur Belustigung aller auf den Tisch und watschelte ungeschickt zwischen den Tellern umher bis er am Brotkorb ankam. Dann lachten wir nicht mehr. Geschickt pickte er mit seinem großen Schnabel in ein Brötchen und haute damit ab. Das nächste Mal würden wir besser aufpassen, wenn Panchito kam.
Nach dem Frühstück wollten wir unsere erste Dschungelwanderung machen und Richard meinte, Gummistiefel wären auf alle Fälle angebracht.
Gut ausgerüstet mit meiner Trekkinghose, die so viele schöne Taschen für allerlei Kleinkram wie Filme, Bonbons und Taschentücher hatte, dünnem T-Shirt, Gummistiefel und Trekkingweste (die noch mehr Taschen hatte, zum Beispiel für meine kleine Ersatzkamera, noch mehr Filme, Ersatzbatterien, Wechselobjektive, Müsliriegel und Sonnenbrille, sowie einer Plastiktüte für die Kameras, falls es regnete), stieg ich zu den anderen in das Kanu. Dabei wunderte ich mich schon, warum die Weste so schwer war.
Wir fuhren ein Stück flussaufwärts und gingen dann an Land in den Wald. Bevor wir uns in die Wildnis stürzten und den Dschungel unsicher machen konnten, warnte uns Richard davor, irgendetwas anzufassen.
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John war unser Führer und er lief auf dem kaum zu erkennenden Trampelpfad als erster voraus und hielt manchmal an, um uns bestimmte Pflanzen oder Tiere zu zeigen.
Zuallererst sahen wir die Tagua-Palme, aus deren harter Frucht Schmuck und Schnitzereien hergestellt wurden. In Riobamba hatten wir uns einen Laden angesehen, der diese Sachen selber aus den Nüssen (oder was das auch immer war) herstellte und verkaufte. Ich hatte meinen Ring um und er sah wirklich aus wie Elfenbein. Und jetzt, wo er einige Tage alt und schon getrocknet war, war er nicht mehr so weich sondern ganz hart.
Bald sahen wir auch gefährlich anmutende Bäume, deren Stamm von oben bis unten mit spitzen Stacheln übersät waren und bestimmt auch ein Grund für die anfängliche Warnung gewesen sind, nichts anzufassen. Außerdem wussten wir nicht, was für unheimliche Tiere es da noch gab, die auch nur darauf warteten uns aufzufressen. Und einer Tarantel fasse ich auch nicht gerne auf den Kopf.
John zeigte uns eine Palme, Palmito genannt, aus der das Palmherz gewonnen wird. Nur der Terminaltrieb ist essbar, das heißt, wenn geerntet wird, dann geht die Pflanze ein.
Im Urwald gibt es kaum fruchtbaren Boden und die Humusschicht beträgt auch nur knapp 20 cm, der Rest ist für die Pflanzen unbrauchbar. Die Pambil-Palme stützt sich auf viele oberirdische vom Stamm abzweigende Wurzeln um Halt auf dem dünnen Boden zu haben. Aus der Pambil-Palme stellen die Indianer ihre Blasrohre mit den Pfeilen her, sowie aus dem schönen schwarzen Holz Schnitzarbeiten. Außerdem ist es auch ein beliebtes Holz für Möbel.
Auf unserer Wanderung kamen wir an einem runden, fast pflanzenleeren Platz vorbei, der in seiner Mitte von einem einzigen Baum beherrscht wurde. Es war der „Zitronen-Ameisen-Baum“, der eine Art Säure absonderte, die die anderen mit ihm konkurrierenden Pflanzen davon abhielt, in seiner näheren Umgebung zu wachsen. Aus seiner Rinde kann man einen Tee machen, der angeblich bei Magenschmerzen helfen soll. Als John ein Stück Rinde an einem Aste etwas aufbrach, sahen wir viele kleine Ameisen, die praktisch in diesem Baum lebten. Die Ameisen konnte man essen, Richard machte es uns vor: er brach ein Stück Ast ab und schüttelte ihn, damit den Ameisen da drinnen schwindelig wurde. Dann klopfte er den Ast so auf seine geöffnete Hand, dass die kleinen verstörten Tiere herauspurzelten und er sie nur noch mit seinem Finger in den Mund schob. Beim Draufbeißen, so sagte er, schmeckten die Ameisen nach Zitrone, weshalb sie auch „Zitronenameisen“ hießen. Wie ich schon beim gegrillten Meerschweinchen schrieb, probiere ich ja alles. Da ich in Afrika auch schon Termiten aus einem Elefantenhaufen herausgepult und gegessen habe, dachte ich mir, dass die Ameisen mir auch nichts anhaben konnten. Also nahm ich auch einen Teil von dem Ast, zog in einem Streifen die Rinde ab so dass die Ameisenstraße frei lag und feuchtete meinen rechten Zeigefinger im Mund an. Dann strich ich mit dem Finger die Ameisenstraße entlang und schleckte die klebengebliebenen Tierchen ab. Tatsächlich, als ich drauf biss, hatte ich den Geschmack von Zitronen im Mund! Martina starrte mich ungläubig an, sie konnte nicht fassen, dass ich gerade tatsächlich die Ameisen probiert hatte und sogar noch einen Nachschlag nahm. Ich bot ihr auch welche an, aber sie lehnte dankend ab. Allerdings muss ich zugeben, dass sie zwar erfrischend waren, aber zum satt werden reichten sie nicht. Da musste man schon Abertausende davon verzehren.
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Unser Trampelpfad führte durch Primärwald. So nennt man den ursprünglichen Dschungel, der noch nicht gebranntrodet oder abgeholzt worden und wieder aufgeforstet worden ist. Unten am Boden ist der Primärwald fast „nackt“, es gibt so gut wie keine Büsche und Sträucher oder sonstige niedrigeren Pflanzen, wir sahen fast nur lange, weit in den Himmel reichende Baumstämme. Nur vereinzelte Gewächse, die mit dem wenigen Licht, das noch den Urwaldboden erreichte auskamen, wuchsen hier unten. Bunte Blumen waren eine Seltenheit und wurden auch gleich von den Fotografen unter uns belagert.
Im Gegensatz dazu gibt es noch den Sekundärwald, der nach einer Rodung zum Beispiel nachgewachsen ist und nicht mehr so ursprünglich ist. Ihn zu Fuß zu durchqueren ist ohne Machete kaum möglich, da auch in Bodennähe alles zugewachsen ist. Sträucher und Büsche versperren den Weg. Ein Sekundärwald wird nie wieder zu einem Primärwald, wenn das alte ausgeglichene Ökosystem erst einmal zerstört ist. Deshalb ist es auch so wichtig, die bestehenden Primärwälder auf unserem Planeten zu schützen, denn wenn sie einmal verloren sind, kehren sie nie wieder.
Ich glaube, dass jeder Mensch, der einmal in so einem Dschungel war und gesehen hat, wie schön die ursprüngliche Natur sein kann, weiß, wie einmalig und schützenswert sie ist.
An einer Liane mit einer leicht rötlichen, sehr feinen Rinde, die vor uns aus den Baumwipfeln herunterhing, blieb John stehen und hackte mit seiner Machete ein Stück von dem armdicken Gewächs ab. Es war eine Wasserliane, die in ihrem Gewebe Wasser speicherte, das aus dem unteren Ende herauströpfelte. Allerdings schmeckte es etwas bitter. Im Notfall hätte man aber gut damit überleben können.
Ab und zu mussten wir Wasser- und Sumpfgräben, die unseren Weg kreuzten, auf abenteuerlichen Baumstämmen überqueren. Manchmal lagen zwei Stämme längs nebeneinander, ein anderes Mal nur einer, so dass unser Gleichgewichtssinn gefragt war. Doch derjenige, der irgendwann einmal diese Stämme über die Gräben gelegt hatte, war uns wirklich gut gesonnen, denn hin und wieder gab es sogar ein grob gezimmertes Geländer, das im Notfall wahrscheinlich gar nicht so viel genutzt hätte (sehr dünne Stämme), aber uns aus psychologischer Sicht zumindest in Sicherheit wiegte. Mit den schlammbeschmierten Gummistiefeln war das gar nicht so einfach, ohne auf den manchmal nassen und schmierigen Stämmen auszurutschen und über diese hinwegzubalancieren. Ich hatte den Eindruck, dass Gummistiefel mit der Größe 40 am rutschigsten waren. Ich hatte nämlich Größe 40, und die kamen mir sehr rutschig vor. Hinzu kam noch, dass ich ja nicht schwindelfrei war (und es immer noch nicht bin), und allein wenn ich zu Hause auf die kleine dreistufige Haushaltsleiter stieg, war es mir schon zu hoch und ich bekam ein flaues Gefühl im Magen sowie weiche Knie. Wenigstens wäre ich in dem Schlamm weich gelandet...
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Das Wandern durch den Dschungel gefiel mir. Es machte Spaß, dem gewundenen schmalen Pfad zu folgen. Und auch die glitschigen Baumstämme gehörten irgendwie dazu. Ich freute mich über jede neue Pflanze, die John und Richard uns erklärten, denn über die Pflanzen Südamerikas wusste ich eigentlich nicht sehr viel, nur dass einige von ihnen bei uns als Zimmerpflanzen gehalten werden. Mich haben schon immer die Tier- und Pflanzenwelt interessiert, und in Afrika hatte ich auch schon an einigen Field–Guide-Kursen teilgenommen, wodurch ich mich in der afrikanischen Fauna und Flora bald besser auszukennen schien als in unserer deutschen. Ich fand die Steppe eigentlich immer interessanter als den Regenwald. Die unendliche Weite und der Duft von trockenem Gras und der Erde. Wenn man dann vor einem Nashorn steht und nicht weiß wie es reagieren wird, und auch nicht weiß, wie man selber reagieren wird, wenn das Nashorn reagiert hat - das sind unvergessliche Momente. Aber nun war ich im Dschungel, und er gefiel mir genauso gut wie die Steppe. Nur hatte die Steppe immer noch den Vorzug, dass ich da nicht über Baumstämme balancieren musste.
Der Dschungel war leise. Erst in der Nacht hört man das Leben, das in ihm herrscht. In aller Ruhe folgten wir John und waren gespannt, welches Geheimnis des Waldes er uns als nächstes zeigen würde. Nichts Böses ahnend, wurde ich plötzlich durch laute erschreckte Rufe vom vorderen Ende der Gruppe aus meinen Träumereien gerissen. Es musste etwas passiert sein, wenn sogar schon die Männer aufschrieen (vielleicht wären wir Frauen auch leiser gewesen). Die Spitze der Schlange drängte nach hinten, aber ich war neugierig und wusste nicht, ob ich nun weglaufen sollte oder erst mal schauen, was dort eigentlich war. Da nahm mein Ohr auch schon das eine Wort wahr: „Boa!“ In gebührendem Abstand beäugten wir das riesige Tier. Sie beobachtete uns ebenfalls etwas abschätzend. Wusste sie, dass wir Angst hatten? Hatte sie auch Angst vor uns? Die Boa hatte sich wahrscheinlich genauso erschrocken wie John, der fast auf das der Länge nach auf dem Weg ausgestreckte Tier getreten war. Vermutlich hatte sie auch erschrocken laut aufgeschrieen, als er plötzlich vor ihr stand.
Es war ein wunderschönes Tier, eine Boa constrictor, ungefähr drei Meter lang. Das ist wirklich die Länge, wie wir sie dort im Wald geschätzt hatten (in der Regel werden die Tiere bei den späteren Erzählungen immer größer dargestellt und gefährlicher, aber diese Schlange war bestimmt so lang).
Es war keine Giftschlange die mit Gift tötet, sondern die Boa gehört zu den Würgeschlangen, die ihre Opfer im wahrsten Sinne des Wortes erwürgen. Aber die größte Gefahr war dabei nicht ihre Kraft, denn wir waren mit Mehreren, und hätten ihr keine Chance gelassen, einen von uns zu erwürgen. Die größte Gefahr waren ihre Zähne, die bei einem Biss zwar kein Gift injizieren, aber sehr schmerzhafte Wunden hinterlassen, die sich sehr leicht entzünden und auch zum Tode führen konnten. Ich habe mir mal das Gebiss einer Python, ebenfalls eine Würgeschlange, angesehen, und muss sagen, dass ich nicht unbedingt das Verlangen danach hatte, die Bekanntschaft damit zu machen.
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Nervös kam immer wieder ihre Zunge heraus und nahm unsere Witterung auf, sie überlegte wohl, was sie tun sollte. Ich hingegen wusste genau was ich tun wollte, nämlich möglichst schöne Bilder von ihr machen! Bewaffnet mit meinen beiden Kameras um den Hals befand ich mich mit den anderen Fotografen an vorderster Front, um möglichst nah an das Tier heranzukommen. Fotografen im allgemeinen tendieren dazu, das Objektiv als eine Art Schutzschild anzusehen, das heißt, dass sie sich hinter ihrer Kamera als unverwundbar ansehen. In einer Beziehung stimmt das sogar: solange ich eine Speikobra nämlich durch meine Kamera beobachte, kann mir ihr zielgenau gespucktes Nervengift nichts anhaben, da sie das Objektiv trifft und nicht das Auge, das dann zu erblinden droht. Aber schützten uns unsere Kameras auch vor einer Würgeschlange wirklich?
Die Antwort schien sich zu erübrigen, denn der Schlange war der ganze Rummel um sie herum zu viel, und langsam trat sie den Rückzug an, nachdem sie uns für unbedrohlich eingestuft hatte. Langsam drehte sie sich um, der Kopf wanderte gemächlich an der Seite des langen Körpers vorbei und zog ihn langsam mit, bis nur noch ihr Schwanz auf dem Weg lag. Da sah ich meine Chance gekommen, eine Makro-Aufnahme mit Blitz von dem wunderschönen Schuppenmuster zu machen. Ich kniete mich neben das hintere Ende der Schlange – der Kopf mit den gefährlichen Zähnen war weit weg - und ging mit der Kamera nahe an die Schlange ran. Ich betätigte den Auslöser. Und konnte dann gar nicht schnell genug von der Boa wieder wegkommen! Denn plötzlich war der Kopf wieder ganz nah. In genau dem Moment in dem ich auslöste und der Blitz innerhalb von Sekundenbruchteilen die Haut der Schlange erreichte, drehte sie sich um und wollte angreifen! Im nächsten Moment rannten auch wir mutigen Fotografen ein Stück zurück und drehten uns ängstlich um, ob die wütende Boa uns noch immer verfolgte. Aber nach ein paar Metern hatte sie die Verfolgung eingestellt. Sie war wohl der Ansicht dass wir sie in Zukunft in Ruhe lassen würden. Wie recht sie da hatte.
In einem respektvollem Abstand gingen wir an ihr vorbei.
Nach insgesamt vier Stunden Wanderung erreichten wir wieder den Fluss, wo wir noch etwas warten mussten bis uns das Boot wieder abholte. In der Zwischenzeit entdeckte ich an einem Baum einen Gecko, der immer wieder mit seinem Kopf nickte und danach seinen leuchtend roten Kehlsack aufblies. Diese Prozedur wiederholte er mehrere Male. Ich sage bewusst „er“, weil es ein Männchen sein musste bei dem ganzen Imponiergehabe, die Weibchen führen sich nicht so komisch und angeberisch auf. Ob das nun eine Drohgebärde oder Imponiergehabe gegenüber einem Weibchen war, konnte ich nicht sagen, da ich in der Nähe des Geckos weder einen potentiellen Feind noch ein Weibchen ausmachen konnte.
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Nach unserer Rückkehr zur Lodge bekamen wir erst mal was zu essen. Am Besten wäre natürlich bei der Hitze einfach nur Obst gewesen, aber der Koch wollte uns wohl mästen, denn vor dem üppigen Hauptgericht gab es eine Suppe. Alleine die Suppe machte mich schon satt und ich hätte auf die Hauptmahlzeit gut verzichten können. Meistens gab ich sowieso einen Teil meines Essens ab, es fand sich immer noch einer, der sich über mein Fleisch oder Sonstiges hermachte. Oftmals waren es Gerhard oder Günter, die scheinbar nie satt zu kriegen waren. Dadurch war ich auch schneller mit dem Essen fertig als sonst...
Voll und satt und müde von der Dschungelwanderung folgte nun der Sprint auf die Hängematten, die unter dem großen schattigen Dach hinter den Tischen an den Stützbalken befestigt waren, und zum Faulenzen einluden. Es dauerte auch nicht lange, bis Tina über ihr (anscheinend nicht sehr spannendes) Buch eingeschlafen war. Ein paar Übermütige meinten, unbedingt in der Mittagshitze auf dem sonnigen Rasenfeld Volleyball spielen zu müssen. Ich hingegen zählte weder zu den Faulenzern noch zu den Sportlichen, und zog die Ruhe und die Einsamkeit am Fluss vor. Mit meinem Tagebuch und dem allgegenwärtigen Notizblock unter dem Arm stieg ich die Treppe zum Wasser ein Stück herunter und setzte mich auf die Stufen. Das Wasser reflektierte die Sonne zu mir, so dass es mir, obwohl ich im Schatten eines kleinen Baumes saß, heiß wurde. Während ich schrieb, lockte der Fluss mit seinem erfrischenden Wasser. Doch der Gedanke an Piranhas und Kaimane schreckte mich ab und so blieb ich fleißig und genoss die Stille, die mich umgab. Die anderen waren alle gut beschäftigt, baumelten in den Hängematten oder spielten Volleyball und ich hatte die Ruhe, die ich zum Schreiben benötigte.
Doch mit meiner Ruhe war es bald vorbei. Jedenfalls kam die ganze Touristen-Horde plötzlich auf die Idee, in den Fluss schwimmen gehen zu müssen. Wussten die überhaupt, dass es hier Piranhas geben sollte?
Norbert und Birte amüsierten sich prächtig in den Fluten und auch den anderen schien es Spaß zu machen. Trotzdem, mich bekamen keine zehn Pferde hinein. Was Wasser betrifft, bin ich wirklich ein Angsthase, das gebe ich offen zu. An Land ziehe ich Begegnungen mit wilden Tieren vor, ich weiß ja nicht, welche Ungeheuer in so einem dunklen Gewässer auf mich warten, vielleicht taucht genau neben mir das Ungeheuer vom Amazonas auf? Nein Danke.
Gegen Abend, eine Stunde vor Sonnenuntergang, fuhren wir nacheinander in zwei Gruppen in einem kleinen Kanu auf den See hinaus. Die ganze Zeit hielt ich die Kamera in der Hand, nach der Anakonda Ausschau. Sie sollte zwischen sieben und acht Meter lang sein, also eine Größe, die sich nicht so leicht übersehen ließ.
Das Wasser war dunkel und absolut ruhig. Wir hörten nur das leise Eintauchen des Paddels. Vögel flogen von einem Ufer über uns hinweg zum anderen, es waren wieder die gelb-schwarzen Cassiques. In einem niedrigen Baum neben uns gluckste und blubberte es. Wir wussten sofort, dass es nur die komischen Urwaldtruthähne sein konnten, die immer noch nicht gelernt hatten, wie man als Vogel ordentlich krächzt oder zwitschert.
Mir kam der See wie ein stilles Paradies vor. Schilf, Palmen und große immergrüne Laubbäume, auf deren ausladenden Ästen Bromelien wuchsen, säumten das Ufer. Die waagerechte Linie des malerischen Ufers teilte das Bild in zwei spiegelgleiche Hälften, der Uferwald oben und das genaue Spiegelbild des Waldes auf dem Wasser.
Nach einer halben Stunde auf dem See kehrten wir zur Lodge zurück. Als wir ausstiegen, fragte die zweite Gruppe, ob wir die Anakonda gesehen hatten. Doch wir gaben nur ein enttäuschtes ,Nein´ von uns. Obwohl ich mich die ganze Zeit beobachtet gefühlt hatte, wir haben sie zwar nicht gesehen, aber sie uns. Da bin ich mir ganz sicher. Vielleicht war sie einfach nur etwas kamerascheu.
Als Entschädigung kam dafür ein Kaiman an den Bootssteg geschwommen. Er gehörte praktisch zur Lodge, als er noch kleiner war, ist er zufällig mal eingefangen worden. Da er schon zu diesem Zeitpunkt nur noch drei Pfoten (oder sind das Klauen oder Pranken oder Füße?) hatte - die Vierte hatte er wahrscheinlich bei einem Kampf mit Artgenossen verloren - wurde beschlossen, ihn in dem See auszusetzen und ab und zu zu füttern. Diese Fütterung stand jetzt an, und so entschädigte uns der Kaiman für die uns entgangene Anakonda. Aber es war ja nicht unser letzter Tag in Bataburo.
Dann stand schon wieder Essen auf unserem Programm. Im Urlaub wollte ich eigentlich abnehmen, zumindest aber nicht zunehmen. Bei der Verpflegung allerdings konnte ich meine guten Vorsätze vergessen. Ein dreigängiges Menü zum Abendessen! Unseren Koch hätte ich am liebsten nach Deutschland mitgenommen, egal was er machte, es schmeckte einfach gut. Ausnahmsweise genehmigte ich mir mal ein Bier , das erste in dem Urlaub. Irgendwie gehörte nach so einem aufregenden Tag ein leckeres kühles Bier auch zum Essen dazu.
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Endlich auf meinem Bett, zog ich das Moskitonetz um mich herum, befestigte es unter der Matratze, damit keine Kakerlaken zu mir ins Bett gelangen konnten, und schrieb mit Hilfe meiner Stirnlampe noch die letzten Sätze in mein Tagebuch. Als mir die Augen vor Müdigkeit zufielen und ich meine eigene Schrift nicht mehr lesen konnte, machte ich das Licht aus und entschwand in wilde Urwaldträume. Am liebsten sollte die Zeit stillstehen, hier wollte ich bleiben im grünen Dschungel bei all den Moskitos und Schlangen. Ich war richtig glücklich. Ich glaube, beim Einschlafen lag ein zufriedenes Lächeln auf meinen Lippen.
In der Nacht schlief ich wie ein Baby. Das lag wahrscheinlich am Bier.
Um halb zehn startete schließlich unser Flugzeug nach Lago Agrio. Von meinem Fensterplatz aus konnte ich sehr gut den Cotopaxi mit seiner schneeweißen Mütze sehen. Dank unseres Reiseleiters Richard dufte ich mit Jutta während des Fluges ins Cockpit, das war wirklich toll. Der Copilot erklärte uns die ganzen Berge und Vulkane, die aus den Wolken herausragten und wir drehten einen Bogen um den zerklüfteten Cayambe, den ich so von allen Seiten wunderbar fotografieren konnte. Wir waren so dicht dran, dass ich die kleinen Gaswolken, die aus dem Berg heraustraten, gut erkennen konnte. Im Hintergrund sahen wir auch den Cotopaxi noch einmal und die zwei Spitzen der Illinizas, Iliniza Norte und Iliniza Sur. Dieses Erlebnis werde ich, glaube ich, niemals vergessen.
Wir beabsichtigten, uns nicht zu lange in Coca aufhalten, da unsere Odyssee noch lange nicht zu Ende war, und wechselten nur schnell das Gefährt. Ein sogenannter Dschungelbus stand schon bereit für uns und wartete sehnsüchtig auf das staubige Abenteuer. Dieser ´Bus` war ein umgebauter, geländegängiger LKW mit einem Holzaufbau auf der Ladefläche, der in mehreren Sitzreihen aus Holz den Passagieren, also uns, einen mehr oder weniger bequemen Platz bot. Seitlich war das Gefährt offen, es versprach also eine gute Durchlüftung des Innenraums,und es hatte den Vorteil, dass der Staub, der durch die offenen Seiten hereinwehte, auch gleich wieder herauswehen konnte.. Wer Lust hatte, konnte auf dem Dach mitfahren, irgendwo zwischen dem Gepäck, das mittlerweile gut festgebunden darauf verteilt war. Eigentlich hatte ich schon vor, oben drauf mitfahren, aber als ich an der Seite des unheimlichen Gefährtes heraufkletterte und mal einen Blick auf das Dach warf, dabei gleichzeitig meine Hand auf das Blechdach legte, glaubte ich, auf eine heiße Ofenplatte zu fassen. Außerdem war ich bis dahin die Einzige, die Lust auf die Freiluftfahrt verspürte. Vielleicht wußten die anderen ja mehr als ich und es war vielleicht sogar gefährlich da oben? Konnte es vielleicht passieren, dass herabhängende Äste mich einfach hinweg fegen würden? Ich war hin und her gerissen, kletterte aber dann doch rauf und setzte mich erst einmal auf das Reserverad, das nicht ganz so heiß war wie das Blechdach. Was passierte, wenn der Bus unter tief hängenden Ästen, von denen womöglich Schlangen und vor allem Spinnen herab baumelten, durchfuhr? Bevor ich noch länger über solche Dinge nachdenken konnte, kamen Gerhard, der sich diese einmalige Chance auch nicht entgehen lassen wollte, John, unser einheimischer Führer und Richard auch heraufgeklettert. Das beruhigte mich ein wenig, denn Richard kannte die Fahrten auf dem Busdach bestimmt schon, und wenn er auch oben mitfuhr, dann war es bestimmt nicht so schlimm wie ich es mir schon am Ausmalen war. Alle anderen kletterten unten auf die (bequemen?) Holzsitze.
Der erste Teil der Strecke führte noch durch von Menschen kultiviertes Land, hin und wieder durchquerten wir kleine Ansiedlungen, wo uns viele Kinder zuwinkten. Danach nahm der menschliche Eingriff in die Natur merklich ab, und die Straße wurde nur noch von mehreren Öl-Pipelines eskortiert.
D
ie Sonne ging langsam unter und träge Müdigkeit machte sich bei uns breit. Als es schon fast finsterste Nacht war, stürmte plötzlich ein großes Tier am Ufer aus dem dunklen Gebüsch direkt neben unserem Boot ins Wasser! Das ging so schnell, es platschte und wir erschraken alle ganz heftig. Es war ein ausgewachsenes Tapir-Männchen, das von uns und unserem Boot sichtlich irritiert war und in seiner Überraschung nicht einmal zurück zum Ufer schwamm, sondern beinahe noch das Boot enterte. In der Hektik suchte ich verzweifelt in den Tiefen meines Rucksacks nach der kleinen Kamera mit dem eingebauten Blitz, es konnte gar nicht schnell genug gehen. Wie Greta Garbo reckte der Tapir den Kopf aus dem Wasser und lächelte in das Blitzlichtgewitter der Kameras. Ich glaubte zumindest, einen Anflug von Lächeln gesehen zu haben. In Wirklichkeit war es wahrscheinlich eher ein Grinsen, es ahnte nämlich, dass ich in der Dunkelheit meine Kamera blind ins Nichts hielt und ihn gar nicht auf meinem Film ablichtete. Später wieder in Deutschland sollte sich herausstellen, dass alle „blind“ fotografiert hatten und nur Kornelia es geschafft hatte, das seltene Tier auf Film zu bannen.Nun waren wir erst mal wieder hellwach von diesem Erlebnis. Als es stockfinster war, entdeckten wir den Sternenhimmel. Tausende kleiner Sterne leuchteten zu uns herab. Hinter mir saßen Günter und Ulli, und da Günter auch viele Sternbilder kannte, ergänzten wir uns gegenseitig.
Danach beruhigte ich mich wieder und bestaunte weiter den Sternenhimmel. Doch auch nur in den Himmel starren machte müde, und so bin ich irgendwann in einer absolut unbequemen Position eingeschlafen. Doch der Schlaf war mir nicht vergönnt, es dauerte nicht lange, da wurde ich vom Tumult im Boot geweckt. Was war denn jetzt schon wieder? Kann man hier im Boot nicht einmal in Ruhe schlafen? Noch ein Tapir, diesmal ein Jungtier, schwamm im Wasser. Gab es denn nichts anderes, „nur“ Tapire? Vor lauter Müdigkeit nahm ich kaum davon Notiz, obwohl der Tapir, ein Tier, dass man nur selten zu Gesicht bekommt, die Ehre verdient hätte.
Wir fuhren ein Stück flussaufwärts und gingen dann an Land in den Wald. Bevor wir uns in die Wildnis stürzten und den Dschungel unsicher machen konnten, warnte uns Richard davor, irgendetwas anzufassen.
Bald sahen wir auch gefährlich anmutende Bäume, deren Stamm von oben bis unten mit spitzen Stacheln übersät waren und bestimmt auch ein Grund für die anfängliche Warnung gewesen sind, nichts anzufassen. Außerdem wussten wir nicht, was für unheimliche Tiere es da noch gab, die auch nur darauf warteten uns aufzufressen. Und einer Tarantel fasse ich auch nicht gerne auf den Kopf.
John zeigte uns eine Palme, Palmito genannt, aus der das Palmherz gewonnen wird. Nur der Terminaltrieb ist essbar, das heißt, wenn geerntet wird, dann geht die Pflanze ein.
Auf unserer Wanderung kamen wir an einem runden, fast pflanzenleeren Platz vorbei, der in seiner Mitte von einem einzigen Baum beherrscht wurde. Es war der „Zitronen-Ameisen-Baum“, der eine Art Säure absonderte, die die anderen mit ihm konkurrierenden Pflanzen davon abhielt, in seiner näheren Umgebung zu wachsen. Aus seiner Rinde kann man einen Tee machen, der angeblich bei Magenschmerzen helfen soll. Als John ein Stück Rinde an einem Aste etwas aufbrach, sahen wir viele kleine Ameisen, die praktisch in diesem Baum lebten. Die Ameisen konnte man essen, Richard machte es uns vor: er brach ein Stück Ast ab und schüttelte ihn, damit den Ameisen da drinnen schwindelig wurde. Dann klopfte er den Ast so auf seine geöffnete Hand, dass die kleinen verstörten Tiere herauspurzelten und er sie nur noch mit seinem Finger in den Mund schob. Beim Draufbeißen, so sagte er, schmeckten die Ameisen nach Zitrone, weshalb sie auch „Zitronenameisen“ hießen. Wie ich schon beim gegrillten Meerschweinchen schrieb, probiere ich ja alles. Da ich in Afrika auch schon Termiten aus einem Elefantenhaufen herausgepult und gegessen habe, dachte ich mir, dass die Ameisen mir auch nichts anhaben konnten. Also nahm ich auch einen Teil von dem Ast, zog in einem Streifen die Rinde ab so dass die Ameisenstraße frei lag und feuchtete meinen rechten Zeigefinger im Mund an. Dann strich ich mit dem Finger die Ameisenstraße entlang und schleckte die klebengebliebenen Tierchen ab.
Tatsächlich, als ich drauf biss, hatte ich den Geschmack von Zitronen im Mund! Martina starrte mich ungläubig an, sie konnte nicht fassen, dass ich gerade tatsächlich die Ameisen probiert hatte und sogar noch einen Nachschlag nahm. Ich bot ihr auch welche an, aber sie lehnte dankend ab. Allerdings muss ich zugeben, dass sie zwar erfrischend waren, aber zum satt werden reichten sie nicht. Da musste man schon Abertausende davon verzehren.
Unser Trampelpfad führte durch Primärwald. So nennt man den ursprünglichen Dschungel, der noch nicht gebranntrodet oder abgeholzt worden und wieder aufgeforstet worden ist. Unten am Boden ist der Primärwald fast „nackt“, es gibt so gut wie keine Büsche und Sträucher oder sonstige niedrigeren Pflanzen, wir sahen fast nur lange, weit in den Himmel reichende Baumstämme. Nur vereinzelte Gewächse, die mit dem wenigen Licht, das noch den Urwaldboden erreichte auskamen, wuchsen hier unten. Bunte Blumen waren eine Seltenheit und wurden auch gleich von den Fotografen unter uns belagert.
Im Gegensatz dazu gibt es noch den Sekundärwald, der nach einer Rodung zum Beispiel nachgewachsen ist und nicht mehr so ursprünglich ist. Ihn zu Fuß zu durchqueren ist ohne Machete kaum möglich, da auch in Bodennähe alles zugewachsen ist. Sträucher und Büsche versperren den Weg. Ein Sekundärwald wird nie wieder zu einem Primärwald, wenn das alte ausgeglichene Ökosystem erst einmal zerstört ist. Deshalb ist es auch so wichtig, die bestehenden Primärwälder auf unserem Planeten zu schützen, denn wenn sie einmal verloren sind, kehren sie nie wieder.
Ich glaube, dass jeder Mensch, der einmal in so einem Dschungel war und gesehen hat, wie schön die ursprüngliche Natur sein kann, weiß, wie einmalig und schützenswert sie ist.
Ab und zu mussten wir Wasser- und Sumpfgräben, die unseren Weg kreuzten, auf abenteuerlichen Baumstämmen überqueren. Manchmal lagen zwei Stämme längs nebeneinander, ein anderes Mal nur einer, so dass unser Gleichgewichtssinn gefragt war. Doch derjenige, der irgendwann einmal diese Stämme über die Gräben gelegt hatte, war uns wirklich gut gesonnen, denn hin und wieder gab es sogar ein grob gezimmertes Geländer, das im Notfall wahrscheinlich gar nicht so viel genutzt hätte (sehr dünne Stämme), aber uns aus psychologischer Sicht zumindest in Sicherheit wiegte. Mit den schlammbeschmierten Gummistiefeln war das gar nicht so einfach, ohne auf den manchmal nassen und schmierigen Stämmen auszurutschen und über diese hinwegzubalancieren. Ich hatte den Eindruck, dass Gummistiefel mit der Größe 40 am rutschigsten waren. Ich hatte nämlich Größe 40, und die kamen mir sehr rutschig vor. Hinzu kam noch, dass ich ja nicht schwindelfrei war (und es immer noch nicht bin), und allein wenn ich zu Hause auf die kleine dreistufige Haushaltsleiter stieg, war es mir schon zu hoch und ich bekam ein flaues Gefühl im Magen sowie weiche Knie. Wenigstens wäre ich in dem Schlamm weich gelandet...
Das Wandern durch den Dschungel gefiel mir. Es machte Spaß, dem gewundenen schmalen Pfad zu folgen. Und auch die glitschigen Baumstämme gehörten irgendwie dazu. Ich freute mich über jede neue Pflanze, die John und Richard uns erklärten, denn über die Pflanzen Südamerikas wusste ich eigentlich nicht sehr viel, nur dass einige von ihnen bei uns als Zimmerpflanzen gehalten werden. Mich haben schon immer die Tier- und Pflanzenwelt interessiert, und in Afrika hatte ich auch schon an einigen Field–Guide-Kursen teilgenommen, wodurch ich mich in der afrikanischen Fauna und Flora bald besser auszukennen schien als in unserer deutschen. Ich fand die Steppe eigentlich immer interessanter als den Regenwald. Die unendliche Weite und der Duft von trockenem Gras und der Erde. Wenn man dann vor einem Nashorn steht und nicht weiß wie es reagieren wird, und auch nicht weiß, wie man selber reagieren wird, wenn das Nashorn reagiert hat - das sind unvergessliche Momente. Aber nun war ich im Dschungel, und er gefiel mir genauso gut wie die Steppe. Nur hatte die Steppe immer noch den Vorzug, dass ich da nicht über Baumstämme balancieren musste.
Der Dschungel war leise. Erst in der Nacht hört man das Leben, das in ihm herrscht. In aller Ruhe folgten wir John und waren gespannt, welches Geheimnis des Waldes er uns als nächstes zeigen würde. Nichts Böses ahnend, wurde ich plötzlich durch laute erschreckte Rufe vom vorderen Ende der Gruppe aus meinen Träumereien gerissen. Es musste etwas passiert sein, wenn sogar schon die Männer aufschrieen (vielleicht wären wir Frauen auch leiser gewesen). Die Spitze der Schlange drängte nach hinten, aber ich war neugierig und wusste nicht, ob ich nun weglaufen sollte oder erst mal schauen, was dort eigentlich war. Da nahm mein Ohr auch schon das eine Wort wahr: „Boa!“ In gebührendem Abstand beäugten wir das riesige Tier. Sie beobachtete uns ebenfalls etwas abschätzend. Wusste sie, dass wir Angst hatten? Hatte sie auch Angst vor uns? Die Boa hatte sich wahrscheinlich genauso erschrocken wie John, der fast auf das der Länge nach auf dem Weg ausgestreckte Tier getreten war. Vermutlich hatte sie auch erschrocken laut aufgeschrieen, als er plötzlich vor ihr stand.
