
(Fortsetzung von "Ecuador: Teil 1" )
3.Januar
Selbst die Kakerlaken ließen mich in der Nacht in Frieden! Vielleicht hatte es sich schon herumgesprochen, dass sie in meiner Nähe nur eine geringe Lebenserwartung hatten...
Ohne die üblichen Schlafunterbrechungen wachte ich erst kurz nach Sieben aus meinem Schönheitsschlaf auf.
Beim Frühstück erzählte Günter irgendetwas von einem U-Boot, das er letzte Nacht noch gesehen hatte. Es dauerte einen Moment bis ich begriff, dass er mich meinte, wie ich unter dem Moskitonetz in meinem Bett wie ein U-Boot auf Tauchstation gelegen habe als ich mein Tagebuch schrieb...
Wir wussten nicht, was an dem Tag auf uns zukommen sollte, Richard sagte nur so viel, dass wir Gummistiefel brauchten, mehr nicht. Wieder eine Wanderung? Ich freute mich schon drauf. Ruhig schob uns der Bootsmotor vor sich her den Strom flussabwärts. Die ersten warmen Sonnenstrahlen durchbrachen das dichte Blätterdach am Ufer und kitzelten unsere Haut. Der Morgen war angenehm, noch nicht so unerträglich heiß wie die Mittagshitze wieder sein würde. Es versprach ein schöner, sonniger Tag zu werden. Jutta verglich dabei passend unsere Bootsfahrt mit einer Gondel in Venedig, die majestätisch und romantisch zugleich, durch die Kanäle gleitet. Doch in genau dem Moment, als sie ihren Satz beendete, stießen wir mit unserem Boot vollkommen unromantisch mit einem unter der Wasseroberfläche befindlichen Baumstamm zusammen. Es gab einen kräftigen Ruck, und wir waren hellwach und wieder zurück auf dem Boden der Tatsachen. Dies war ein wildromantischer Dschungelfluss und keine verträumte Lagune in Venedig!
Kaum fuhren wir wieder vorwärts, rammten wir den nächsten Baumstamm. Muss das Zeug denn überall im Wasser herumliegen? Diesmal hatten wir uns festgefahren. Das wäre auch weiter nicht schlimm gewesen, wenn uns nicht auch noch eine mega-große südamerikanische Kampfhummel angegriffen hätte! Sie löste unter uns Passagieren eine mittelgroße Panik aus, während John und Richard noch immer mit dem Baumstamm beschäftigt waren. Endlich hatten wir die Kampfhummel verscheucht und uns etwas beruhigt, da wurden Gaby und Martina von einer Riesenheuschrecke attackiert. Aber sie schlugen sich tapfer, auch die Heuschrecke war mutig. Keine der drei ging im Eifer des Gefechts über Bord.
Wir fuhren mit dem Boot noch bis zu einer Flussgabelung, wo ein zweiter, kleinerer Fluss in den unseren hineinfloss. Dort befestigte John das Boot mit einem Tau am Ufer und Richard sagte ganz beiläufig, so als sei das die natürlichste Sache der Welt: „So, jetzt fischen wir Piranhas.“ Ach so, wenn es weiter nichts ist....
Mehrere Stimmen wurden laut: „Wie geht das? Wie macht man das? Gibt es hier überhaupt welche?“ Die letzte Frage stammte übrigens nicht von mir, denn ich war überzeugt, dass in den Tiefen des Flusses bestimmt Piranhas oder andere Flussmonster lauerten. Dem Angeln konnte ich noch nie etwas abgewinnen, ich wollte keine glitschigen Fische an einem brutalen Eisenhaken aus dem Wasser ziehen um sie dann wieder ins Wasser zu werfen. Und zu essen schon mal gar nicht.
Trotzdem machte ich mit, nahm mir das Stück Holz, auf dem eine Angelschnur mit einem Haken aufgewickelt war und befestigte ein Stück Fleisch an dem Haken. Dann warf ich das Fleisch mit der Schnur in den Fluss und wartete darauf, dass ein Fisch anbiss. Aber an meinem Haken tat sich nichts. Jemand schimpfte, weil ein Fisch zum wiederholten Male den Köder vom Haken abgefressen hatte, aber nie richtig anbiss. Bei mir passierte immer noch nichts. Es wurde weder der Köder abgeknabbert, noch schnappte ein Piranha oder irgendetwas anderes nach meinem Haken. Ich hatte doch gleich gesagt, dass Angeln langweilig ist! Günter und Richard standen am Ufer, weil sie glaubten, dass sie dort erfolgreicher sein würden. Ich saß mit den anderen Anglern im Boot. Nichts passierte, weder im Boot, noch an den besonderen Angelplätzen am Ufer.
Plötzlich rief Birte: „Ich glaube, bei mir hat einer angebissen!“ und holte die Angelschnur ins Boot. Und schon zappelte ein Piranha zwischen uns. Ich hatte mir Piranhas immer viel kleiner vorgestellt und hoffte insgeheim, dass dies schon ein ausgewachsenes Tier war. Der sah auch gar nicht so glitschig aus wie ich dachte. Damit der Fisch nicht so herumzappelte und im Boot rumsprang, stellte Norbert seinen Stiefel auf den Fisch und drückte ihn vorsichtig zu Boden. John bückte sich und wollte den Piranha in die Hand nehmen um uns mit Hilfe eines Stück Holzes zu zeigen wie messerscharf die Zähne dieses Raubfisches sind. Doch der Piranha war schneller, und obwohl er durch den Stiefel in seiner Bewegungsfreiheit eingeschränkt war, erwischte er in Sekundenschnelle John´s Finger! Er biss nicht nur rein, sondern gleich ab! Das Blut schoss heraus und rann die Bordwand herab. Die abgebissene Fingerkuppe lag neben dem Fisch. Betroffen schauten wir uns an, das ging alles so schnell. Der Schreck war groß, doch John nahm die Sache relativ gelassen, obwohl ich mir vorstellen konnte wie weh das tun musste. Keiner hatte Verbandszeug mit, noch nicht einmal ein Pflaster war vorhanden. Nachdem provisorisch ein Taschentuch um den verbleibenden Finger gewickelt war, schmiss John die blutige Fingerkuppe ins Wasser und wir traten schweigend den Rückweg an. Der Fisch hatte seine Chance verspielt, wieder ins Wasser geworfen zu werden. Zu Mittag gab es also Piranha.
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So praxisnah hätte er uns die Gefährlichkeit der niedlichen Fischlein nicht zu demonstrieren brauchen. In der Lodge weigerte sich John, unseren Arzt an die Wunde heranzulassen. Er vertraute mehr auf seine Dschungelmedizin
Ausgerüstet mit einem neuen Guide machten wir uns wieder auf den Weg. Diesmal fuhren wir flussaufwärts zum Angeln. Wieder wurde das Boot am Ufer befestigt und wir warfen unsere Köder aus. Als sich nach einiger Zeit immer noch nichts tat an unseren Haken, beschlossen wir, wieder flussabwärts zu der Flussgabelung zu fahren, wovon wir definitiv wussten, dass es dort Piranhas gab. Zumindest einen bis vorhin.
Das Boot wurde wieder an einem Baum am Ufer festgebunden und kaum hatten wir alle unsere Angeln ausgeworfen, schwärmten Bienen aus dem Baum heraus. Die hatten da bestimmt ein Nest und fühlten sich durch uns gestört. Wir hatten also die Wahl zwischen Bienenstich im Boot und Piranhabiss im Wasser... Schnell fuhren wir wieder ein paar Meter weiter.
Nicht alle wollten weiter angeln und nicht nur Martina wollte die rohen Fleischstücke für die Haken nicht anfassen. Sie schauten einfach nur zu. Wahrscheinlich hofften einige auch, dass wir nichts mehr fangen würden...
In der Zwischenzeit hatte mich das Angelfieber auch gepackt, und da ich nun wusste, dass die Piranhas tatsächlich auch mal anbeißen, wollte ich auch ein Exemplar fangen. Die Zeit verging und gespannt starrte ich auf das Wasser. Nichts. Mir kam die Idee, dass Piranhas vielleicht schneller anbeißen, wenn sie dachten es ist etwas Lebendes ins Wasser gefallen. Also spielte ich ihnen vor, mein Köder würde ein ins Wasser gefallenes Tier sein. Ich stellte mich hin und tauchte das Stück Fleisch immer wieder ins Wasser, in der Hoffnung, ein Piranha hielt das für ein zappelndes Tier. Den einzigen Erfolg, den ich hatte, war, dass Günter sich über meine spezielle Angeltechnik kaputt lachte. Ich würde das Fleisch wie in einer Sauce dippen... Auch andere lächelten über diese Technik. Ja ja, lacht ihr nur. Ihr habt bisher genauso viel gefangen wie ich.
Mit der Zeit tat mir vom Dippen der Arm weh und ich setzte mich wieder ins Boot und ließ den Haken einfach mit der Strömung gleiten. Immer wieder klauten mir die Piranhas den Köder vom Haken. Immer wieder befestigte ich mehr oder weniger geduldig ein neues Stück Fleisch.
Endlich zerrte da etwas an meiner Schnur! Vorsichtig zog ich die Angelschnur zu mir, da sah ich auch schon einen zappelnden Fisch an der Wasseroberfläche. Ich hatte Angst, dass ich ihn wieder verlor und zog ihn langsam und mit viel Gefühl ins Boot. Ich ließ mich natürlich sofort mit dem Piranha am Haken fotografieren, passte aber auf, dass ich ihm dabei nicht zu nah kam. Wir wollten ihn wieder in den Fluss werfen, mussten aber erst den Haken vorsichtig aus seinem schwerbewaffneten Maul entfernen. Mit meinem Stück Holz, auf dem meine Angelschnur aufgewickelt war, wollte ich den Haken rausmachen. Bevor ich mich dem Fisch nähern konnte, schimpften alle, ich sollte nicht so dicht an den Fisch herangehen. Ein abgebissener Finger reichte schon. Richard wollte den Haken rausmachen und ich fragte ihn, ob der Fisch ihn nicht beißen würde. Schließlich war das doch mein Fisch, und ich würde das auch ganz vorsichtig machen und den gefährlichen Zähnen mit meinen Fingern nicht zu nah kommen. Gemeinsam befreiten wir den Fisch und Richard warf ihn zurück ins Wasser.
Danach passierte nichts mehr. Keine Piranhas mehr, die Lust auf einen Freiflug ins Boot hatten.
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Gegen Mittag fuhren wir wieder zurück zur Lodge.
Nach dem Essen spielte sich das gleiche ab wie am Tag zuvor. Der große Run auf die beliebten Hängematten fand wieder genauso statt wie auf der Wiese in der prallen Sonne sportliche Betätigung ausgeübt wurde. Damit ich nicht wieder durch planschende Touristen in meiner Ruhe beim Schreiben gestört wurde, ging ich diesmal an den See, wo ich es mir beim Schreiben auf der Treppe gemütlich machte. Nicht weit hinter mir befanden sich zwar die Hängematten, aber schlafende Menschen machen in der Regel nicht viel Lärm (außer sie schnarchen). Es war schön am See, das dunkle Wasser lag still vor mir und irgendwo da draußen im Schilf lag die Anakonda und beobachtete mich beim Schreiben. Ob sie sich mir zeigen würde? Ich hoffte es jedenfalls. Am Nachmittag kamen Birte und Norbert zu mir an den See, sie wollten eine Runde paddeln und fragten mich, ob ich nicht mitkommen wollte. Sie ahnten wahrscheinlich dass mich dieses faule „Nichtstun“ langweilte und begeistert stieg ich zu ihnen ins Boot. Die Anakonda versteckte sich immer noch.
Wieder in der Lodge wurden wir in die Küche gerufen. Der Koch war gerade dabei einen Kaiman zu zerlegen. Als wir das sahen, wollten einige auch mal was von dem Fleisch probieren und unser Koch wollte uns zum Abendessen ein wenig davon zubereiten.
Nach der Dämmerung stiegen wir, alle mit Mückenschutz eingeschmiert und mit Taschenlampen bewaffnet, in das Motorkanu am Fluss zum Kaimane beobachten. Wir sollten die Lichtkegel der Lampen langsam über das Wasser streifen lassen. Die Augen der Kaimane reflektierten dann das Licht und sobald wir einen entdeckten, fuhren wir näher dran. Nach wenigen Minuten sahen wir den ersten. Ich dachte immer, die seien viel größer. Aber gebissen werden wollte ich auch von den schmunzelnden Miniexemplaren nicht.
Es wimmelte nur so von Kaimanen. Der ganze Fluss war voll von ihnen. Nur sahen wir sie nicht. Sie hatten alle ihre Augen geschlossen, damit wir sie nicht entdeckten. Auch gut, so habe ich wenigstens Filme gespart.
Ziemlich schnell beendeten wir mangels Kaimanentdeckungen unsere Nachtfahrt und kehrten zur Lodge zurück. Aber so einfach gaben wir nicht auf. Dann liefen wir halt zu Fuß durch den dunklen Urwald. Mit Stiefeln und Taschenlampen ausgerüstet folgten wir John auf dem schmalen Trampelpfad. Langsam gewöhnten sich die Augen an die Nachtschwärze und wir konnten auch außerhalb des Scheins unserer Taschenlampen Umrisse von den Bäumen erkennen. Da ich nicht nur blind hinterherlaufen, sondern auch mal selber etwas entdecken wollte, leuchtete ich mit meiner Lampe hin und wieder auf den Boden neben dem Weg. Es dauerte gar nicht lange, da sah ich auch schon die erste Spinne ein paar Meter neben dem Pfad. Danach noch eine. Und noch eine. Ich wurde gefragt, wie ich die denn so gut sehen konnte in der Dunkelheit. Das war ganz einfach, denn auch die Augen der Spinnen reflektierten das Licht, und ich hielt praktisch nur nach kleinen Lichtreflexen Ausschau. Manchmal wurde ich allerdings von Wassertropfen, die an den Blättern hingen, getäuscht. Es war spannend, nachts im Wald unterwegs zu sein.
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Eigentlich sahen wir mehr Tiere als am Tag. Aber etwas unheimlich war es auch. Erstaunlicherweise waren sehr wenig Moskitos unterwegs, nicht dass ich sie vermisst hätte, aber ich denke wir alle hatten mit mehr Stechviechern gerechnet. Leider war unsere Wanderung viel zu schnell vorbei. Ich wäre gerne noch etwas länger gegangen.
Beim Abendessen merkte keiner, dass der Kaiman auf dem Tisch zum Probieren fehlte.
Vom letzten Abend wusste ich noch, dass ich nach dem Bier so wunderbar geschlafen hatte. Also bestellte ich mir wieder eins. Das hatte ich mir aber als erfolgreiche Anglerin auch verdient. Wieder fiel ich todmüde in mein Bett.
Conga, Blasrohr und Tarantel
4.Januar
So ein blödes Bier! Kaum war ich im Bett, konnte ich auch schon zur Toilette rennen. Und das nicht nur einmal, nein, gleich drei mal in der ersten Nachthälfte! In der Folge davon hatte ich natürlich nicht besonders gut geschlafen.
Vor dem Frühstück ging ich auch gleich zum Koch in die Küche und fragte nach dem Kaimanfleisch von gestern Abend, ob er uns etwa vergessen hatte. Ja, das hatte er. Im nächsten Moment hatte ich auch schon eine große Portion vor mir stehen. Und das vor dem Frühstück! Ich nahm einen Happen und stellte mit Genugtuung fest, dass es mir schmeckte. Ich aß alles auf, war aber danach, als es richtiges Frühstück gab schon satt. War aber nicht weiter schlimm, Günter hat sich über mein Rührei gefreut.
Heute stand wieder eine Wanderung auf dem Programm. Natürlich wieder in Gummistiefeln. Mit der Zeit gewöhnte ich mich an sie, ganz so unbequem waren sie gar nicht. Nur, wie gesagt, auf Baumstämmen etwas rutschig. Jedenfalls fuhren wir erst mit dem Kanu ein Stück flussaufwärts bevor wir dann an Land gingen. Mit einem großen Sprung erreichten wir vom Bootsrand aus das schlammige Ufer. Außer Gaby, bei ihr hat sich das Boot selbständig gemacht, sie geriet ins Straucheln und landete mit ihrem Stiefel im Wasser. Gut, dass sie die Gummistiefel anhatte. Schlecht, dass der Stiefelschaft nicht hoch genug war. Immerhin zeigte es sich, dass auch ihre Stiefel wasserdicht waren, denn kein Wasser tropfte heraus...
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Zuerst zeigte uns John einen Baum mit weißer Rinde. Dessen Saft hatte er gestern auf die Wunde am Finger geschmiert, das Harz sah jetzt aus wie ein Pflaster. Der spanische Name lautete „sangre de drago“, übersetzt „Drachenblut“. So viel ich wusste gab es das auch bei uns in Deutschland. Das Harz schützt die Wunde nicht nur, es hieß es beschleunige auch die Heilung. Man kann es auch in Wasser auflösen und trinken, dann sei es gut bei Magen- und Darmbeschwerden.
Wir liefen durch die wilde Natur als sei sie ein Botanischer Garten. Es fehlten nur noch die kleinen Schildchen mit dem jeweiligen Namen vor jeder Pflanze.
Die nächste, ein paar Meter weiter, war die Shigra-Palme. Deren Fasern werden zur Herstellung von Taschen und Hängematten benutzt. Links neben der Shigra-Palme gab es das Busch-Telefon. Es bestand aus einem riesigen Baum, der auf ebenfalls riesigen Bretterwurzeln stand. Um zu telefonieren schlug Richard man mit einem Stück Holz an den Baum. Das dröhnte so sehr, dass man es noch viele Kilometer weit hören konnte. Nur fragte ich mich, woher weiß der Angerufene, dass er gemeint ist? Ob es dafür auch so eine Art Morse-Alphabet gab?
Im Schlamm entdeckten wir eine Spur, die einem Tapir gehörte. Sie stammte vermutlich von unserem großen Männchen, das wir auf der Hinfahrt im Fluss gesehen hatten. Vielleicht hatten wir ja Glück und er zeigte sich noch einmal.
Es war wirklich gut, dass wir die Gummistiefel trugen. Der Weg war sehr morastig und mit jedem Schritt wurden die Stiefel durch den an ihnen haftenden Schlamm schwerer. Bei jedem Schritt machte es ´schmatz`, und bald sah auch meine Trekkinghose nicht mehr safarigrün, sondern schlammbraun aus. Beim Laufen streifte ich nämlich sehr geschickt den Matsch von den Stiefeln an den Hosenbeinen ab. So war ich zumindest für den Fall, dass wilde Indianer uns angriffen, gut getarnt.
Doch die einzigen Lebewesen, die wir noch zu Gesicht bekamen, waren Ameisen. Und zwar zum einen die Blattschneiderameisen und zum anderen die sogenannten ´Congas`, die ich schon unter dem Namen ´Bullet Ants` kannte. Die Wege der Blattschneiderameisen kreuzten immer wieder unseren Pfad. Vorsichtig traten wir über sie hinweg, um sie nicht in die ewigen Jagdgründe zu schicken. Richtig fleißig waren sie, wie sie kleine grüne, aus Blättern herausgeschnittene Blattstückchen über ihren Köpfen in Richtung Ameisenbau trugen und dabei über ihre Autobahnen flitzten. Dabei wollten wir sie natürlich nicht stören.
Die ´Congas`, eine recht große Ameisenart, war nicht ganz so niedlich. Allein ihre Größe machte mir schon angst. Außerdem ist ihr Biss sehr, sehr unangenehm. Ich habe gehört, dass es das schmerzhafteste aller Insektengifte ist. Ihr Biss soll etwa genauso weh tun, wie wenn man von einer Gewehrkugel getroffen wird. Daher kam wahrscheinlich auch der zweite mir bekannte Name: ´Bullet-Ants`. Außerdem hieß es, dass ein Mensch an sieben oder acht Bissen sterben konnte. Und reagierte man auf deren Gift allergisch, konnte ein einziger Biss schon gefährlich sein. Ich kann das nicht beurteilen, mich hatte weder jemals eine ´Conga` gebissen, noch bin ich jemals von einer Kugel getroffen worden. Sicherheitshalber ging ich nicht zu dicht an das Tierchen heran, es hätte ja gut sein können, dass es sich schon im Wald herumgesprochen hatte, dass ich einige ihrer Verwandten verspeist hatte, und die große ´Conga` jetzt auf Rache sann ...
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Es war ein schöner langer Spaziergang und ich genoss ihn mit jedem Atemzug, denn am nächsten Tag fuhren wir wieder zurück in die Zivilisation. Ich prägte mir alles genau ein, die verschiedenen Grüntöne, die Geräusche und die Gerüche. Zu Hause wollte ich mich an jedes Detail erinnern können, sei es die Stabheuschrecke, die man nur mit viel Glück an der Rinde eines Baumes erkennen kann, oder die emsigen Blattschneiderameisen, oder der schwere, leicht moderige Geruch des Waldes.
Etwas schwermütig wusch ich auf der Treppe am Fluss den Schlamm von meinen Stiefeln. Stand außer Faulenzen in den Hängematten – mit denen selbst ich mich mittlerweile angefreundet hatte - noch etwas auf dem Programm? Ach ja, wir hatten noch gar nicht mit dem Blasrohr geschossen (heißt das schießen?). Bestimmt probierten wir es nach der Siesta aus. Also schaukelte ich noch eine Runde in einer der Hängematten und genoss das faule Leben.
Jutta, Richard und Gerhard wollten noch eine Runde auf dem See paddeln, das war auch mir eine willkommene Abwechslung. Jutta paddelte vorne und Gerhard saß mit seinem Paddel am Heck des schwankenden Kanus. Irgendwie klappte die Kommunikation zwischen den beiden nicht so ganz, immer wieder fuhren wir ins Schilf oder saßen auf einem Baumstamm fest. Für uns passive Zuschauer war es recht amüsant, schließlich heißt es doch so schön ´der Weg ist das Ziel`.
Nachdem wir wieder heil zurück waren, wollte ich auch mal paddeln und setzte mich ins Heck des Kanus auf Gerhards Platz. Jutta paddelte vorne und ich hinten. Nach anfänglichen Schwierigkeiten klappte es dann doch ganz gut. Leise glitten wir über den See, mal wieder nach der Anakonda Ausschau haltend. Doch auch diesmal vergeblich.
Das Paddeln gefiel mir, und so drehte ich noch eine Runde, bis in den hintersten Winkel des schmalen, langgezogenen Sees und wieder zurück.
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Durch diese körperliche Anstrengung kam ich ganz schön ins Schwitzen, immerhin stand auch noch die Sonne hoch am Himmel. Ich bemerkte gar nicht, dass sich an meinen Händen Blasen bildeten, ich nahm sie erst wahr, als ich wieder zurück am Bootssteg mit hochrotem Kopf das Holzpaddel aus den Händen legte. Aber da war es schon zu spät. Mich hätte die Jutta als erfahrene Rudererin (?) doch auch vorwarnen können, dass ich es nicht übertreiben soll mit dem Paddeln...
Endlich war es soweit, John kam mit einem Köcher mit kleinen, dünnen, langen Holzpfeilen, setzte sich an einen der Tische und bereitete die Pfeile für das Blasrohrschießen vor. Doch ich musste mich noch einige Zeit gedulden, auf der Wiese, wo wir üben wollten, wurde noch eifrig Fußball gespielt. Die gesamte Belegschaft von Bataburo gegen die Bleichgesichter. So bleich waren die aber auch nicht mehr, nicht nur ich lief mit hochrotem Kopf herum, auch die Fußballer sahen so aus, als würden sie gleich mit Hitzschlag umkippen. Wir Frauen beobachteten das Spiel vom Spielfeldrand aus und hatten wirklich Spaß dabei. Wahrscheinlich sogar mehr Spaß, als die Spieler selber. Die schienen das nämlich sehr ernst zu nehmen und schimpften miteinander, wenn etwas nicht so recht klappte. Hatte der Gegner mal den Ball durch einen ungenauen Pass bekommen, wurden immer die anderen dafür verantwortlich gemacht. Wir konnten das nicht so recht begreifen, denn es war doch bloß ein Spiel, und diese erwachsenen (?) Männer benahmen sich wie kleine Jungs, die auf dem Schulhof Fußball spielten. Sowieso verstand ich nicht, was erwachsene Männer dazu veranlasst, alle hinter einem Ball herzurennen. Warum bekam nicht jeder seinen eigenen Ball?
Jedenfalls registrierte ich mit Freuden, dass das Spiel sich dem Ende zuneigte. Dann konnten wir endlich mit dem Blasrohr anfangen.
John befestigte einen Styropor-Vogel auf einem Baumstumpf und holte dann das etwa 2-2,50 m lange Blasrohr. Er nahm einen Pfeil, schob ihn in das Rohr, zielte, und schoss. Der Pfeil flog knapp am Vogel vorbei und landete im Boden. Jeder hatte drei Schuss, erst schoss Richard, dann Günter. Beide knapp daneben, beziehungsweise etwas zu tief unter den Vogel in den Baumstumpf. Dann war ich an der Reihe. Wie sollte das doch gleich gehen? Ich stemmte meinen linken Arm in die Hüfte, hielt mit der rechten Hand das kurze Ende vor meinem Mund fest (und versuchte, dabei nicht an die vielen Menschen zu denken, die vor mir schon das Blasrohr vollgesabbert hatten) und bog den Körper nach hinten. Wie beim Hebelgesetz zog mich das lange Ende des Rohres (=Lastarm) wieder nach vorne und ich musste viel Kraft aufbringen um mit der rechten Hand (=Kraft) das kurze Ende (=Kraftarm) nach unten zu drücken. Dabei durfte ich nicht vergessen, dass ich auch noch den Pfeil herauspusten musste. Wie einfach ist doch im Vergleich ein Gewehr zu handhaben! Ich schoss – und traf. Mitten in den Vogel! Nicht nur meine Zuschauer waren überrascht, auch ich staunte nicht schlecht! Ich wäre auch schon froh gewesen, bei so viel Physik in meinem Kopf, überhaupt die grobe Richtung beizubehalten. Aber dass ich so genau traf, war mir ein Rätsel. Günter forderte mich heraus: „Das war doch bestimmt nur das Glück eines Anfängers!“, und ich konnte gar nicht anders als anzugeben: „Quatsch, das ist Können. Habe doch genau den Winkel berechnet, das musste einfach so hinhauen.“
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„Dann mach es noch einmal. Wenn Du noch mal so triffst, dann erst glaube ich es“ forderte er mich auf. Hatte ich wirklich den Mund zu voll genommen? Wie habe ich es überhaupt gemacht? Eigentlich hatte ich überhaupt nicht darüber nachgedacht was ich da tat, ich war viel mehr damit beschäftigt, den Pfeil abzuschießen bevor mir die Puste von dem schweren Blasrohr wegblieb. Vielleicht hätte ich dieses eine Mal meinen Mund halten sollen. Nachdem einige andere mehr oder weniger erfolgreich den Vogel abgeschossen hatten, nahm ich wieder das Blasrohr zur Hand und hoffte, dass ich wieder Glück und nicht zu viel versprochen hatte. Ich versuchte mich an die Gedanken zu erinnern, die mich beim ersten Mal beschäftigten, stemmte das Blasrohr hoch und schoss zum zweiten Mal. Ich traute mich gar nicht so recht hinzuschauen, aber der Pfeil steckte wirklich im Vogel! Zwar nicht genau in der Mitte, aber ich hatte ihn getroffen. Womit bewiesen war, dass nicht Glück, sondern Können im Spiele war. Ich brauchte ja niemandem zu sagen dass ich wirklich nur Glück hatte und wie erleichtert ich in Wirklichkeit über meinen zweiten Treffer war. Aber ich denke, die Erleichterung und die Freude darüber konnte ich vor keinem verbergen. Mein dritter Schuss ging in den Baumstamm und der Vierte wieder in den Vogel. Doch es war sehr anstrengend, und je öfter ich noch schoss, um so geringer wurde die Trefferquote. Ich hatte bald keine Luft mehr und keine Kraft, das Blasrohr zu halten. Wie schwer so ein Blasrohr ist, weiß ich nicht. Aber eines stand für mich fest: ich wollte so ein Blasrohr mit nach Hause nehmen. Egal wie schwer und wie groß. Irgendwie würde ich es schon ins Flugzeug kriegen. Hoffentlich bekam man die auch irgendwo zu kaufen, ich musste unbedingt mal in Coca danach Ausschau halten.
Zur Freude der Vegetarier unter uns, Birte und Kornelia, stand zum Abendessen mal nur verschiedenes Gemüse auf dem Programm. Nein, ich muss mich verbessern, denn Fisch ist bekanntlich kein Gemüse. Aber den aßen die Vegetarier trotzdem. Und zwar gab es als Vorspeise eine leckere Thunfischsuppe mit Kochbanane (auch wenn es sich komisch anhört, es schmeckte ausgezeichnet, denn die Kochbanane ist nicht zu verwechseln mit unserer süßen Banane), und als Hauptgericht panierte Auberginen und Bohnen in allen Variationen. Und es gibt viele davon. Hinterher bekam jeder eine warm servierte Baumtomate als Kompott. Auch ohne Fleisch sind wir alle satt geworden. Glaube ich jedenfalls.
Ich war so richtig müde und freute mich auf mein Bett. Nach so einem erlebnisreichen Tag musste ich einfach gut schlafen. Ich zog mein Nachthemd an, nahm meine Zahnbürste und ein Handtuch und ging zum „Badezimmer“. Als ich fertig war, kam Alex, einer der Guides, vorbei und wir unterhielten uns ein wenig. Erst mühte ich mich auf Spanisch ab, und als mir absolute keine Worte mehr einfielen und ich Probleme damit hatte, auszudrücken was ich meinte, sagte Alex: „Wenn dir das spanische Wort nicht einfällt, dann probier es doch mal auf Deutsch,“ und ich schaute ihn erstaunt an. „Du sprichst ja deutsch!“ „Ja“, sagte Alex und grinste, „aber Du sagtest Du wolltest Spanisch lernen. Darum habe ich Dich erst mal reden lassen.“ Doch unsere Unterhaltung fand ein jähes Ende als ich unter dem Dach über dem Waschbecken eine Spinne ausmachte. „Eine Tarantel! Eine Tarantel!“ Alex schaute etwas verstört. Es war doch nur eine Spinne. Wieso die ganze Aufregung?
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Ich wollte sie unbedingt fotografieren und rannte aufgeregt über die Holzstege in mein Zimmer und suchte nervös nach meiner Kamera. In der Eile konnte ich sie natürlich nicht sofort finden und dachte, ich hätte sie beim Abendessen vielleicht an meiner Stuhllehne hängen gelassen. In Windeseile rannte ich weiter, bis ich vor einer verdutzten Runde am Tisch stand und die Stuhllehnen nach einer baumelnden Kamera absuchte. Die einzigen Worte die ich von mir gab, klangen etwa so: „...meine Kamera - ...unbedingt ein Foto ... große wunderschöne Tarantel - ... meine Kamera, wo ist sie? - ...schnell!“ und schon war ich wieder weg. Dann lag meine Kamera wohl doch irgendwo im Zimmer. Eine Menschenmenge lief nun hinter mir her, ich in wehendem Nachthemd und Sandalen voraus, eine internationale Gesellschaft (Amerikaner, Franzosen und Deutsche) im Schlepptau. Ich hatte sie angesteckt mit meiner Begeisterung für die Tarantel und nun wollten sie sie auch sehen. Da ich nicht gesagt hatte, wo das Krabbeltier lag, folgten sie mir nun. Zuerst in mein Zimmer, wo ich dann doch noch meine Kamera in meinem Rucksack fand, und dann den Weg entlang in einer langen Karawane bis zum Waschbecken. Alex und die Spinne schienen überrascht über das allgemeine Durcheinander, das die Tarantel, ohne es zu wollen(?), ausgelöst hatte. Wie beim Winterschlussverkauf stürmten wir heran. Da ich mich nicht traute, auf das Geländer zu steigen um ein Foto zu machen, opferte sich jemand anders (weiß leider nicht mehr wer) und kletterte mit meiner Kamera nahe an die Spinne. Ich fragte, ob wir sie nicht mal kurz herunter holen könnten, und Alex erklärte sich bereit, wenn ich ihm ein großes Glas besorgte. Schnell wie der Wind verschwand ich und war genauso schnell mit einem Glas in der Hand wieder da. Er fing sie ein und setzte sie auf den Boden. Von allen Seiten wurde sie fotografiert. Die Tarantel schien sich aber nicht wohl dabei zu fühlen, langsam kroch sie an die Holzwand und drückte sich scheinbar eingeschüchtert in die Ecke zwischen dem Boden und der Wand. Martina drückte sich auch eingeschüchtert an die Wand. Sie war sogar unfähig die Spinne zu fotografieren. Recht hatte sie auch, potentiellen Feinden nie den Rücken zuzuwenden und sie immer im Auge behalten.... Wer mehr Angst hatte, wusste ich nicht, ich fand sie zwar faszinierend und auf ihre Art auch schön mit dem dicken behaarten Körper und den haarigen Beinen, aber unheimlich waren mir Spinnen schon. Sie hatte etwa Handtellergröße und anders als erwartet, bewegte sie sich langsam. Ob sie springen konnte?
Nach einer Weile legte sich die Aufregung wieder und Alex setzte die Spinne wieder unter das Dach, wo er sie eingefangen hatte.
Nach diesem Erlebnis endlich in meinem Bett, bildete ich mir ein, überall Spinnen zu sehen. Aber die erwarteten Albträume blieben zum Glück aus. Mir ist eine Schlange im Zimmer nämlich viel lieber als eine Spinne, obwohl ich weiß, dass Spinnen niemals einen Menschen angreifen würden, nur im allergrößten Notfall bei einer unmittelbaren Bedrohung beißen sie zu. Um diese achtbeinigen Tierchen mache ich lieber einen Bogen, auch wenn sie noch so faszinierend sind.
...
(weiter geht es bei "Ecuador Reisebericht: Teil 3" )