
Splash! Eine geballte Ladung Tölpel-Kot klatscht gegen mein Knie, horizontal abgeschossen aus mindestens 50 cm Entfernung. Marianne drückt genau im Moment des Impaktes auf den Auslöser der Kamera. Jetzt sind wir schon zu zweit. An einem Vortage hatte sich der über dem Schiff kreisende Fregatt-Vogel erleichtert – und zwar zielsicher genau auf Reinhards Stirn.
Wir befinden uns 1000 km vor der Küste Equadors, auf Galapagos. Wohl kein anderer Ort wird so sehr mit den (r)evolutionären Gedanken Charles Darwins in Verbindung gebracht. Die Vielfalt und Spezialisierung im Tierreich, die sich hier über einige Millionen Jahre entwickelte, lässt den Besucher oft starr vor Staunen. Nur hier sind die Kormorane flugunfähig, haben die Echsen schwimmen gelernt, und "saugen" die Finken Blut.
Für zwei Wochen wird ein kleines Schiff unser Zuhause sein, und uns von Insel zu Insel bringen. 7 Mann Besatzung kümmern sich um 12 Reisende. Vor dem Einschiffen „begrüssen“ uns bereits die ersten Seelöwen. Nicht gewillt, auch nur einen Zentimeter Platz zu machen, dösen sie auf den Holzbänken am Bootssteg.
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Am nächsten Morgen wachen wir vor der Insel Rabida auf. Noch hängen dicke graue Wolken in der Luft, und aus der Ferne gibt sich die Insel als lebloser, grau-brauner Klotz im Meer. Der Eindruck ändert sich komplett, als wir mit Beiboot an Land gehen: am tiefroten Sandstrand tummeln sich die Seelöwen und Spottdrosseln, frisch-grüne Mangroven spiegeln sich in einer Lagune, silbergraue Balsambäume überziehen wie Engelshaar die Hügel der Insel, unter riesigen Opuntien-Kakteen voller gelber Blüten picken Darwin-Finken, und schon bald blendet sich ein knalle-blauer Himmel in die Szenerie. Öchs, öchz, öchz, öchz! Ein Seelöwenbulle bewacht lautstark seinen Harem an Weibchen, und schwimmt im Meer bellend auf und ab, auf dass sich kein Konkurrent an seine Damen wage. Das Gros der jungen, alten und der frustrierten Junggesellen lagert derweil in gebührendem Abstand an der "Flamingo-Lagune", aus der die Flamingos längst vertrieben sind, denn die Fäkalien der Singles töteten die kleinen Krebse, von denen sich die Flamingos einst ernährten.
Einem Seelöwen-Jungtier, das zwischen den Sträuchern schlummerte, gelüstet es nach einem Bad im Meer, und so spaziert es geradewegs an einer Reisegruppe vorbei, die sich innerhalb weniger Sekunden in Reih und Glied formiert, und, alle Kameras in Schussposition, den Seelöwen in weniger als ein Meter Entfernung vorbeiziehen lässt. Scheu sind die Tiere auf Galapagos nicht. Statt wegzulaufen kommen sie manchmal sogar neugierig auf die Menschen zu, und würden in einem Wettbewerb des gegenseitigen
Anstarrens oft locker als Sieger hervorgehen.
Auf See begleiten uns häufig die Fregatt-Vögel. Sie lassen sich über unserem Schiff in der Luftströmung treiben, malen mit ihren schwarzen Körpern Muster a la M.C. Escher in den Himmel, und verdunkeln mit ihren Flügeln, Spannweite um die zwei Meter, immer wieder die Sonne.
Das Dessert zu Mittag stimmt schon auf das nächste Ziel ein: das geneigte Blätterteig-Eckchen auf dem Schoko-Nusskuchen erinnert verblüffend an das Wahrzeichen Bartholomes, den Pinnacle Rock.
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Diese schiefe Felsnadel setzt, von dem höchsten Punkt der Insel betrachtet, dem ohnehin grandiosen Landschaftspanorama aus mondartigen Kraterlandschaften und weissen Sandstränden das i-Tüpfelchen auf.
Vor Bartholome begegnen uns zum ersten Mal die Pinguine. Pinguine ? Hier am Äquator ? Das mutet seltsam an! Es ist der kalte Humboldstrom, der ihnen das Leben hier erträglich macht. Nirgends sonst findet man sie so weit nördlich. Wie Geschosse flitzen sie durch das Wasser, und sind schon wieder weg, wenn sie gerade erst aufgetaucht sind. Die Lavafelsen
am Ufer scheinen Masern zu haben, die aus der Nähe betrachtet zu unzähligen feuerwehr-roten Klippenkrabben werden.
Kobolde der Finsternis
Eine Nacht auf rauher See steht bevor, als unser Schiff Kurs auf die grösste Galapagos-Insel
Isabela nimmt. Hin und her neigt sich der kleine Kahn, und ich kullere im Minutentakt
durch das Bett. Auf der einzigen Ablagefläche in der Kabine, einem Regal über dem Bett, rumpelt es im gleichen Takte. In aller Hergottsfrüh überqueren wir den Äquator, ein Ereignis, das unser Kapitän, Bolivar, lautstark mit dem Schiffshorn zelebriert. Zum Frühstück am Punta Vicente Rocca liegen wir schliesslich ruhig in einer Bucht, während Mondfischflossen und Meeresschildkröten an uns vorbeiziehen.
Auf der Nachbarinsel Fernandina tummeln sich hunderte von Meerechsen über- und untereinander. Bei unserer Ankunft in der Früh tanken sie noch Sonne auf den Lavafelsen. Faszinierend fremdartig sehen sie aus, die Echsen, die sich von Algen ernähren, die sie im Meer abweiden. Charles Darwin hatte keine guten Worte für die "Kobolde der Finsternis" übrig: „Es sind hässlich aussehende Geschöpfe von einer schmutzigschwarzen Färbung, dumm und träge in ihren Bewegungen“, schrieb er im Bordbuch der Beagle, und weiter, „Ich beobachtete eine Eidechse bei ihrer Arbeit, bis der halbe Körper vergraben war; dann ging ich hinzu und zog sie am Schwanz heraus.“ Der staunende Leser seiner Logbucheinträge erfährt auch, wie Darwin zu den Schildkröten stand: „Der Brustteil mit dem Fleisch daran geröstet ist sehr gut; die jungen Schildkröten geben eine vorzügliche Suppe; im übrigen aber ist das Fleisch meinem Geschmack nach nur nichtssagend.
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... Ich stellte mich ihnen häufig auf den Rücken; wenn ich ihnen dann ein paar Schläge auf den hinteren Teil ihres Rückenschildes gab, standen sie auf und gingen weiter; ich fand es aber sehr schwierig, das Gleichgewicht zu halten. " Es erübrigt sich zu betonen, dass all dies heutzutage gegen die Nationalparkregeln verstossen würde.
Nur wenige Besucher erreichen die abgelegene Elizabeth Bucht an der Westküste Isabelas. In einem dichten Labyrinth aus Mangrovenwäldern wird der Motor unseres Beibootes ausgeschaltet. Wir lassen uns treiben. "Tortuga" ruft der Steuermann in die Stille. Majestätisch gleitet die Meeresschildkröte durch das grüne Nass, und die Zeit scheint stillzustehen. -- -- Ein paar Mangrovenbüsche weiter aber ist richtig Action: Pinguine unterbrechen ihren flotten Vierer, um mit unverhohlener Neugier direkt auf unser Boot zuzuschwimmen. Ein brauner Pelikan umrundet es gar ein paarmal, scheint ganz baff, und schaut aus der Wäsche, als hätte er noch nie einen Touristen gesehen! Aufregung herrscht derweil unter den Seelöwen. Einer schüttelt sich immer wieder heftig, und Tausende von glitzernden Wassertröpfchen stieben wie Diamanten in alle Richtungen. Als wir näherkommen, sehen wir, dass er einen Oktopus im Munde stecken hat. Er versucht vergeblich, ihn wie einen Fisch zu zerlegen, indem er immer wieder Kopf samt Beute hin- und herschüttelt. Irgendwann wird er einer Grundsatzentscheidung nicht entronnen sein: im Ganzen schlucken, oder wieder ausspucken. Aber das erleben wir nicht mehr.
Die Insel Isabela besteht aus fünf miteinander verschmolzenen Schildvulkanen, von denen zuletzt der Cerro Azul im Mai 2008 ausbrach. Wir werden die Caldera des Sierra Negra Vulkans sehen, hoch zu Ross. Reiseführerin Angelika weiss wohl schon, welche Gäule uns erwarten, und verspricht bereits am Vorabend einen Besuch der Strandbar zur Belohnung nach überstandenem Ausritt. Der Weg erweist sich als so holprig, dass die Pferde immer wieder straucheln. Mariannes Pferd geht in die Knie, fängt sich aber im letzten Moment wieder. Bis wir auf dem Pferderücken die Caldera erreichen, vergehen 45 Minuten; gefühlte 10 Stunden. Vorher unbekannte Knochen melden sich zu Wort; einen Tag später werden es die Muskeln sein. Der Ausblick ist dann aller Mühen wert. Die riesige Caldera des Sierra Negra, mit 10 Kilometern Durchmessern die grösste der Galapagos-Vulkane, füllt das ganze Gesichtsfeld aus; endloses, undurchdringliches Schwarz, gesäumt von frisch-grüner Vegetation.
Auf Schusters Rappen gehen wir weiter zum Nebenvulkan Chico, aus dem noch die eine oder andere Fumarole dampft. Der Blick von hier oben ist grandios und schweift über zahlreiche kleine Krater im Vordergrund, tiefblaues Meer, und dunstige Inseln in der Ferne. Der Weg führt durch eine scheinbar endlose, nackte Lavalandschaft, ganz in schwarz-grau strukturiert. Hier mischen sich gigantische Lavawalzen und Lawinen, riesige scharfkantige Lavabrocken, und feines schwarzes Geröll, das sich in der Nähe des Chico gelegentlich in Rot oder schwefeligem Gelb gibt. Hier und da wachsen hellgrüne Darwinastern mit ihren gelben Blüten aus dem Vulkangestein. Schliesslich geht es wieder auf die Gäule, und es musste ja passieren.
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Ein Pferd strauchelt und geht zu Boden. Die Reiterin kommt mit einer Bänderzerrung davon. An der Bar de Beto im Fischerdörfchen Puerto Villamil wurde schon vor uns getrunken. Leere Flaschen, einst mit Hochprozentigem gefüllt, baumeln von einem trockenen Baum herab. Hier lassen wir den Tag ausklingen und kippen, Meerblick inklusive, den einen oder anderen Galapagos-Caipirinha.
Stahlgebiss und ungeklärte Todesfälle
"Zu zweit auf einer einsamen Insel", das lösst bei vielen romantische Gedanken aus.
An die Problematik der potentiellen Zahnschmerzen wird dabei selten gedacht. Was macht man, wenn der nächste Zahnarzt mindestens tausend Meilen Seeweg entfernt ist, und das
nächste Schiff in drei Monaten kommt ? Der deutsche Auswanderer Dr. Friedrich Ritter, der 1929 mit seiner Geliebten Dore Strauch die Insel Floreana erreichte, beugte vor: er liess sich vor der Reise alle Zähne ziehen und ein Stahlgebiss zur gemeinsamen Benutzung war im Reisegepäck. Drei Jahre nach Ritter und Strauch, die sich als „Adam und Eva auf Galapagos“ feiern liessen, erreichte das Kölner Ehepaar Rolf und Margret Wittmer die Insel Floreana. Ein halbes Jahr später kam noch "die Baronin" Wagner-Bousquet mit einer Gefolgschaft von (mindestens) zwei Liebhabern, über die sie mit Reitpeitsche und Pistole herrschte, und die den anderen Inselbewohnern die von Schiffen gelieferten Nahrungsmittel stahl. Zwei Jahre später verschwand die Baronin samt einem ihrer Liebhaber spurlos, der andere wurde später tot auf der Insel Marchena gefunden, und der Vegetarier Dr. Ritter verstarb kurz darauf an Fleischvergiftung. Die Ereignisse gingen damals durch die Weltpresse und konnten nie aufgeklärt werden. Nachfahren der Familie Wittmer betreiben heute eine kleine Pension auf Floreana und ein Reiseunternehmen. In den Bergen, nahe einer der wenigen Süsswasserquellen der Insel, sind noch die Piratenhöhlen zu sehen, in denen die Wittmers einst nach ihrer Ankunt zunächst Unterschlupf fanden.
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In dem kleinen Souvenirlädchen der Wittmers, dessen Wände Bilder des Kölner Domes zieren, decken wir uns mit Postkarten ein, denn unser nächstes Ziel ist die Post Office Bay.
Dort steht ein hölzernes Postfass mitten im Nirgendwo. 1783 wurde ein solches zuerst von den Walfängern aufgestellt. Vorbeikommende Schiffe nahmen die Post in ihre Fahrtrichtung mit, und liessen eigene dort. Die Tradition lebt bis heute weiter, und das Fass erfreut sich nun grosser Beliebtheit unter den Touristen, die Grusskarten einwerfen und andere aus dem Holzfass mit nach Hause nehmen. Margret Wittmer fand einst einen Brief im Postfass, der sich am Boden verklemmt und 22 Jahre dort gelagert hatte. Wir hoffen, dass unsere Post schneller ihr Ziel erreicht.
Knapp 100 Jahre vor den deutschen Auswanderern, 1835, bekam die Insel Floreana einen sehr bekannten britischen Besucher: den bereits erwähnten Charles Darwin. Insgesamt fünf Wochen verbrachte er auf dem Galapagos-Archipel und sammelte Pflanzen und Tiere. Die 13 auf Galapagos vorkommenden Finkenarten mit ihren unterschiedlichen Spezialisierungen gelten heute als Paradebeispiel Darwinscher Evolution. Sie zeigen die verschiedensten Schnabelformen; spitze zum Insektenfressen, breite Schnäbel für Samen. Zwei Finkenarten benutzen Stöckchen als Werkzeug, um nach Insekten zu stochern. Eine Unterart der Spitzschnabel-Grundfinken schliesslich ist zu Vampiren geworden: Auf der Insel Wolf, wo es kein Süsswasser gibt, picken die Finken den Tölpeln die Haut auf und trinken deren Blut. Der Tölpel denkt derweil, dass er von Ungeziefer befreit wird (vermutet man zumindest; wer weiss schon, was der Tölpel wirklich denkt...).
Im Norden des Galapagos-Archipels liegt die Vogelinsel Genovesa. In der Darwin Bucht gehen wir vor Anker. Steile graue Klippen verhüllen den Blick in das Inselinnere. Über und über mit weissem Vogelkot bedeckt, erinnern sie an eine Winterlandschaft. Die steilen Prinz-Phillip-Stufen führen zum ersten Besucherstandort. Eine Gabelschwanzmöve sitzt gelassen auf einer der Stufen, und rührt sich nicht vom Fleck, während 10 Leute direkt an ihr vorbeistapfen. "Das Tier muss wohl krank sein", wundere ich mich noch, bevor mir wieder einfällt, dass ich auf Galapagos bin. Ohne natürliche Feinde zeigen die Tiere wenig Scheu. Etwa 20 steile Stufen geht es hoch, und dann - ploppph - sackt die Kinnlade herunter. Vor mir ein weiter offener Raum, umgeben von Sträuchern, und überall sind Vögel! Gleich links von mir in den Sträuchern hocken Fregattvogel-Jungtiere in ihren Nestern. Gleich rechts am Wegesrand tapsen junge Tölpel, und überall sind weitere Tiere. Meine Hand fummelt frenetisch an der Kamera-Tasche, während das eine Bein nach rechts, das andere nach links spurten will und die Augen unruhig hin- und herhüpfen. „Schnell ein Bild, bevor die unwirkliche Szene wieder verschwunden ist“, ist der erste Gedanke, bevor mir klar wird, dass alles real ist, und kein Grund zur Eile besteht.
Es wimmelt von Tölpeln rechts und links des Weges und man läuft einfach so an ihnen vorbei. Es soll auch immer mal wieder vorkommen, dass ein Tölpel sein Nest geradewegs mitten auf den Weg baut (was böse Zungen dazu veranlasst hat zu behaupten, die Tiere würden ihren Namen zu Recht tragen). Die Blaufusstölpel mit ihren intensiv-blauen Füssen findet man auf jeder Insel des Archipels, aber die grössten Bestände an Rotfusstölpeln gibt es auf Genovesa.
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Die Vögel brüten hier das ganze Jahr über, und so tapsen Jungtiere allen Alters durch die Gegend; grosse schwarze Kulleraugen zwischen weichem, weissen Flaum, die drollig in die Weltgeschichte schielen. Doch es ist nicht alles Eitel-Freude-Sonnenschein im Vogelreich. „Hier stimmt was nicht“, rufen Mitreisende unsere Reiseleiterin herbei. Zwei ältere Tiere hacken auf ein Jungtier ein, und sein Nacken ist schon ganz blutig. Das ist leider nicht ungewöhnlich. Immer mal wieder kommt es vor, dass ältere Tiere ein Jungtier missbrauchen, oder der ältere Nachwuchs das jüngere Geschwisterchen aus dem Nest drängt. Akte der Luftpiraterie spielen sich derweil über der Darwin Bucht ab, wo Fregattvögel im Fluge den Tölpeln ihren Fang abjagen.
Der letzte seiner (Unter)art
Als wir nach einer Woche Inselhüpfen, meist fern menschlicher Siedlungen und des Internets, abends in der Hafenstadt Puerto Ayora auf der Insel Santa Cruz an Land gehen, wirkt das Örtchen auf mich fast wie eine Millionenstadt. Zahlreiche Schiffe treiben im Hafen, und auch entlang der Uferstrasse herrscht geschäftiges Treiben. Im Hochland von Santa Cruz leben noch Landschildkröten in freier Wildbahn - faszinierende Kreaturen, die nirgends auf der Welt solche Körpergrösse erlangten wie auf Galapagos. Bis zu 200 Jahre werden sie alt, aber ihre runzelige Haut lässt sie aussehen, als hätten sie Millenia überstanden. Die Zeit scheint für die Tiere einen anderen Gang zu gehen. Gemächlich kauen sie am Grünzeug, und manch Blatt und Halm hängt ihnen auch 1 Stunde später noch genauso aus dem Munde, wie zuvor. Die älteren Tiere, die sich noch an schlechtere Zeiten erinnern, ziehen mit einem tiefen Grummeln ihren Kopf ein, wenn man sich ihnen auf mehr als ein paar Meter nähert. Einst gab es Zehntausende von Riesenschildkröten auf dem Galapagos-Archipel, doch ihre Genügsamkeit wurde ihnen zum Verhängnis. Monatelang können sie ohne Wasser und Nahrung auskommen, und so landeten sie zu Hunderten als Verpflegungsvorrat in den Frachträumen der vorbeikommenden Walfänger- und Piratenschiffe. Auf einigen Inseln sind sie daher heute komplett ausgestorben.
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Von der Schildkrötenart, die einst auf der Insel Pinta heimisch war, gibt es nur noch einen bekannten Überlebenden: Lonesome George, der vielleicht bekannteste Einwohner des Galapagos-Archipels. Seine Eigenschaft als „seltenste lebende Kreatur auf Erden“ bescherte ihm auch einen Eintrag im Guiness Buch der Rekorde. Als wir am Nachmittag auf der Charles Darwin Schildkrötenstation eintreffen, hat sich der berühmte George schon zur Siesta in dichtes Gestrüpp zurückgezogen. Nur eines seiner Weibchen streicht noch durch die Gegend. Seit 1972 wird George zur Paarung ermuntert; bekommt immer wieder Weibchen ins Gehege gesetzt. Mit einem geschätzten Alter von um die 100 Jahren im besten Schildkröten-Mannesalter, weiss George jedoch lange Zeit nichts rechtes mit den Schildkrötendamen anzufangen. Im Juli des Jahres 2009 legt ein Weibchen Eier und die Neuigkeit geht durch die Weltpresse. Die schlechte Nachricht kommt im Dezember: die Eier waren nicht befruchtet. Schildkrötenweibchen legen manchmal solche Scheineier. So bleibt abzuwarten, ob es einer der Schildkrötendamen doch noch gelingen wird, George den Kopf zu verdrehen. Oder ob es vielleicht noch Überlebende der Pinta-Art auf der Insel Isabela gibt. Erste Hinweise darauf fanden sich 2007 bei einer genetischen Untersuchung von Schildkröten auf Isabela, von denen einige möglicherweise direkte Pinta-Vorfahren hatten.
Unweit der Charles Darwin Station gibt es einen Auflauf in einer der Strassen Puerto Ayoras. Hier ist richtig was los. Fischer bieten entlang eines Holztisches den frischen Fang an; sind noch am Schneiden und Häuten. Zwei höchst unterschiedliche Gruppen drängen sich von allen Seiten dicht um sie, zwängen und drängeln sich auf die vorderen Plätze. Die eine Gruppe sind die Seelöwen und Vögel, die keine Gelegenheit auslassen, das eine oder andere Häppchen abzusahnen oder schlichtweg zu stibitzen. Eine Lavamöve hat soeben eine Fischhaut ergattert und zieht sie geschäftig entlang der Theke. Ein Pelikan hortet besonders eifrig. Sein Beutel ist schon in diverse Richtungen ausgebeult. "Schnappen was geht" lautet die Devise, "schlucken kann man später". Ein Seelöwe marschiert keck bis zur Theke vor, reiht sich zwischen zwei Einheimischen ein, und reckt neugierig den Kopf herüber. Bevor er ein ganzes Maul voll frischen Fischs nehmen kann, scheucht ihn ein ärgerlicher Fischer weg. Schritt um Schritt, bis der Seelöwe gezwungen ist, einen Sprung ins Meer zu nehmen. Natürlich kommt er eine Minute später den Steg schon wieder hoch. Dann ist da die zweite Gruppe an "Störenfrieden", die zum allgemeinen Durcheinander beiträgt. Eine ganze Horde an Touristen schwenkt emsig ihre Kameras, quetscht sich in jede Lücke, zielt auf den rohen Fisch, die Fischer, die Käufer, und die Pelikane und Reiher. Als sich der Seelöwe an die Theke drängelt, und die Lücke zwischen zwei Käufern für einen kritischen Blick auf das Angebot nutzt, ist ihm ein Touri dicht auf den Fersen! Gleich hinter dem Seelöwen geht er in die Knie und posiert für's gemeinsame Foto.
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Blaubauchtölpel und verschmähte Liebhaber
Szenenwechsel. Wir wenden uns wieder den unbewohnten Inseln zu. Der Bootssteg der Insel Süd-Plaza ist mal wieder von Seelöwen besetzt, die nicht wirklich gewillt sind, uns Platz zu machen, und sich vermutlich über die Zweibeiner ärgern, die, trotz kilometerlanger Küstenlinie, immer wieder ausgerechnet an dem winzigen Steg an Land gehen wollen, auf dem es sich doch so besonders gut in der Sonne dösen lässt. Erst eine durch die Luft gewedelte Schwimmweste überzeugt die Tiere, eine Runde schwimmen zu gehen. Süd-Plaza ist eine echte Schönheit. Endlose Teppiche Korallenstrauchs leuchten in brilliantem Rot, in das die haushohen Opuntien und riesigen Landechsen grüne und gelbe Tupfer setzen, vor einem tiefblauen Meer und hellblauen Himmel. Eine Gabelschwanzmöve, direkt am Wegesrand, versucht immer wieder, ihrem Jungen mit den drolligen schwarzen Knopfaugen einen viel zu grossen Fisch zu füttern. Wenn der Fisch zu einem Drittel im Schnabel des Jungen verschwunden ist, geht er definitv nicht weiter vor, also nur noch zurück. Der Fisch landet für ein paar Minuten wieder im Rachen des Elterntieres, um dann erneut hervorzukommen. Das Spielchen widerholt sich mehrmals, immer ohne Erfolg. Irgendwann kommt die Wachablösung; das zweite Elterntier bleibt vor Ort, das erste fliegt samt Fisch von dannen und lässt ein ziemlich frustriertes Jungtier zurück.
Kurz darauf ankert unser Schiff vor der Insel Santa Fe. Das Türkis des Meeres strahlt und strahlt und strahlt... ganz so, als habe eine überdimensionale Hand ein Bildverarbeitungsprogramm über die Bucht laufen lassen, und dabei versehentlich die Blautöne viel zu sehr aufgedreht. Blaubauchtölpel kreisen über dem Wasser. Ich greife hastig nach der Kamera, um diese neue Tölpelspezies abzulichten, da wird mir klar: ihre weissen Bäuche reflektieren lediglich das brilliante Türkis! Öchs, öchz, öchz, öchz! Ein Seelöwenbulle schwimmt lautstark sein Revier ab, während ein Grüppchen sorgloser Touris glücklich an ihm vorbeischnorchelt. Kopf und Ohren unter Wasser, bekommen sie von dem Bullen nichts mit. Kein Zweifel, so ein Harem von bis zu 30 Weibchen muss mit der Zeit ganz schön auf die Stimme gehen! Wenige Minuten später passieren auch wir den Bullen. Dann gibt es einen Angriff unter Wasser. Wusch!, schiesst etwas Dunkles auf mich zu, und dreht erst im letzten Moment ab. Beim ersten Male fährt mir der Schreck durch die Glieder, aber es ist nur ein verspielter junger Seelöwe. Dann dreht er seine Pirouetten im Wasser, dass ich kaum mithalten kann. Die Schar Haie begrüssen wir erst kurz darauf vom Beiboot aus.
An einem der Strände umwuselt ein Seelöwen-Junges das Muttertier, kullert über es hinweg, und test-saugt hier und da - es ist offensichtlich auf der Suche nach der Quelle der Muttermilch. Wir haben uns im Halbkreis aufgestellt, und fiebern mit. "Nein, nein, am Ohrläppchen wird es definitiv nicht klappen!", erkennt selbst der ortsunkundige Mitteleuropäer sofort.
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Die Mutter zmindest gibt sich keine Mühe, dem Jungen die richtige Stelle am Bauch entgegenzustrecken. Aber ein paar Purzelbäume, Rutschpartien, und viele "Quäk"laute später klappt es dann. Selig saugt es vor sich hin, und erleichtert treten wir den Rückweg zum Schiff an.
Auf der Insel Espanola vollführt ein Tölpel seinen Balztanz. Hier spielen zunächst die blauen Plattfüsse eine wichtige Rolle. Hoch das rechte Beinchen, hoch das linke Beinchen, watschel, watschel, taps, taps, tritt er von einem Fuss auf den anderen. Das geht eine Weile so, bis er schliesslich in der "Himmelspose" einfriert: das Gefieder weit gespreizt, und Schwanzfeder und Kopf gen Himmel gerichtet, steht er steif da, beide Plattfüsse unbeweglich auf dem Boden. Aber es war wohl vergebene Liebesmüh. Während des Schauspiels hat seine Angebetete ihren Kopf um 180 Grad nach hinten gewandt, wo sie ihr Rückengefieder einer höchst gründlichen Reinigung unterzieht.
Am Tag der Abreise steuern wir noch die Insel Seymour an, wo die Fregattvögel das ganze Jahr über balzen. Ihr sonst schlaffer, kaum sichtbarer, roter Kehlsack ist dann prall aufgeblasen - wie ein grosser roter Luftballon. Die Weibchen fahren offenbar voll darauf ab.
Aber es klappt nicht immer. Auf einem Balsambaum hocken vier verschmähte Junggesellen.
Des Werbens überdrüssig, baumeln ihre Kehlsäcke schlaff nach unten. Vor der Küste attackieren fünf Fregattvögel einen Tölpel im Wasser, und zerren an der Nachgeburt eines Seelöwen, die sich der Tölpel unfreiwillig um den Leib gewickelt hat und das lose Ende hartnäckig verteidigt.
Schliesslich heisst es Abschied nehmen. Unsere Koffer nehmen das Beiboot vor uns, dann gehen auch wir an Land. Zurück am Bootssteg flegeln sich die Seelöwen noch immer auf den Holzbänken, als hätten sie die letzten zwei Wochen untätig in der Sonne verdöst.
Der Bus zum Flughafen hat Verspätung, und es ist, als kommen die Protagonisten der letzten zwei Wochen zur Abschiedsvorstellung noch einmal auf die Bühne. Flutsch! Ein einzelner Pinguin schiesst durch's Wasser. "Soweit nördlich, hier auf Baltra!", ruft Angelika erstaunt aus. Öchz, öchz, öchz, öchz! Ein Seelöwenbulle verlässt lautstark das Wasser und mischt die Touris am Bootssteg auf, bevor er sich genau in ihrer Mitte zur Siesta setzt. Einige Stunden später landet unser Flieger in Guayaquil auf dem Festland.
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Auf dem grossen Plaza neben unserem Hotel wimmelt es von zahmen Flussleguanen, und ein paar kleine Jungs machen das, was Charles Darwin schon knapp 200 Jahre vor ihnen tat: die Echsen am Schwanz ziehen. Doch sofort dröhnt dann die schrille Trillerpfeiffe des wachhabenden Polizisten, der hier die Touristen vor den Dieben, und die Leguane vor zu aufdringlichen Touristen schützt.
Reisetermin: Oktober 2009



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