Sonntag, 5. Oktober ‘97 - Abflug

Wir verließen Trinidad gegen 21.00 Uhr. Der Flug war eine halbe Stunde eher angesetzt gewesen, aber BWIA enttäuschte unsere Erwartungen - wie immer - nicht. Der ganze Flieger war bis auf den letzten Platz besetzt. Gut war auch, dass wir mit der dümmsten Stewardess der Airline fliegen durften. Bei der Verteilung der Sitze war nämlich einiges schief gegangen.
 
Unterwegs gab es Fischsandwich und Schokoriegel. Beides sehr lecker.
Nach ca. 50 min setzten wir in Guyana auf. Das überraschte uns etwas, da wir vorneweg nichts sehen konnten. Das Land war hauptsächlich irgendwie dunkel. Im Laufschritt begaben wir uns zur Einreisehalle, wo man sich nach ‘Touristen‘ und ‘Guyanesen bzw. Caricom‘ anstellen mußte. Selbstverständlich ging es in der Touristenschlange am langsamsten, und wir befürchteten schon die Bummelletzten zu werden. Mittlerweile war noch ein weiterer Flieger gelandet, aus dem natürlich wieder alle hervorgequollen, und wir wären unter den Hufen der heranstürmenden Einreisekavalkade verschmachtet.

{{g_ads}}

Egal, als die Vorletzten traten wir am Schalter vorbei zur Zollabfertigung. Dort holten wir alle wieder ein, die wir bereits weit in Guyana wähnten. Innerhalb einer Stunde hatte man es nicht vermocht, das Flugzeug zu entladen. Da wir unsere zwei kleinen Täschchen als Handgepäck ausgegeben hatten, gingen wir auch gleich zum Schalter für ‘nichts zu verzollen oder 1-2 Koffer‘. Das war auch wieder eine lange Schlange, weil, so denkt man, haben die meisten Reisenden schon nichts zu verzollen, bringen sie wenigstens ein bis zwei Koffer mit. Wir dachten uns aber, wenn wir uns woanders anstellen, machen wir uns verdächtig, zumal wir auf das Ausfüllen der albernen Zollerklärungen verzichtet hatten. Auf diesen brauchten nicht alle Artikel, die man einführte, einzeln deklariert zu werden, sondern nur die mit einem Wert über 5 Guyana $. Das wiederum sind ungefähr 0,25 DM. Alle anderen Gegenstände konnte man zu einer Position zusammenfassen. Nun kann es aber sein, dass der Traveller aus den Industrieländern gar nichts besitzt, was weniger wert ist. Egal, man winkte uns durch, weil wieder mal klassische Überforderung am Schalter herrschte.

Draußen liefen wir durch eine Gasse aus Abholern und Taxifahrern und trafen auf einen Taxi – MiniBus – Fahrer, den Dr. Charles gesandt hatte. Der Mann, bei dem wir wohnen. Der Fahrer lief dann noch einige Male weg, um noch mehr Fahrgäste zu werben. Eigentlich eine billigere Methode als ein normales Taxi, wenn man ungefähr weiß, wo man hin will.
Die Fahrt dauerte etwa eine Stunde. Unterwegs wurden alle Mitreisenden abgesetzt. Die Hauptstraßen war ziemlich in Ordnung, dafür waren dann aber auch die Löcher, auf die man zwischendurch traf, um so tiefer.
Eine halbe Stunde nach Mitternacht erreichten wir unser Ziel. Der Doktor empfing uns, reichte Essen und Getränke und führte uns sodann in unser Zimmer. Die Kinder hatten zusammenrücken müssen. Es werden Moskitonetze benutzt, weil es sau-viele Mücken gibt. Leider hatte ich mein Netz nicht richtig festgezurrt, so dass ich mitten in der Nacht aus dem Bett nach meinem Rucksack langen musste, mir das Insektenspray angelte und wild in mein Netz hineinsprühte, bis ich am Drücker einschlief. Gewissermaßen Feuer auf die eigenen Stellungen.

{{g_ads}}

 
Montag, 6. Oktober ‘97 – Am Rande des Kontinents
 
Das Haus liegt in der Nähe vom Meer, was ganz gut ist, da immer eine frische Brise durch die Räume weht. Der ständige Durchzug ließ aber auch unsere Zimmertür in geradezu belästigender Regelmäßigkeit auf und zu schlagen. Herr Berlin klemmte ein Plüschtier dazwischen, einen Frosch, und immer wenn der von der Tür gequetscht wurde, gab er diesen ohohohhoh – Laut von sich. Wie Frösche das eben so machen.
Früh wurden die Kinder der Familie für die Schule bereit gemacht, was wiederum mit viel Lärm verbunden war. Nach 8.00 Uhr standen wir auf. Im Bad gab es nur kaltes Wasser und selbst das nicht immer. In der Küche machten wir uns mit der Aufwartung, sprich Dienstmädchen, bekannt. Zum Frühstück gab es Cornflakes und Ananas.

Das Haus ist relativ groß und mittlerer Standard. Es bedarf einiger Reparaturen, die aber nicht deswegen nicht stattfinden, weil kein Geld da ist, sondern weil die Eltern beide Akademiker sind. Wie so oft in diesen Breiten ist jeder freie Platz an der Wand mit Sinnsprüchen und anderem gottgefälligen Zeug tapeziert. Gegen 10.30 Uhr kam die Dame des Hauses vom ‘Fahren der Kinder‘ zurück, plauderte kurz mit uns, griff sich dann die Bibel und legte sich ins Bett. Der Doktor rief noch einige Male an, um uns zu sagen, dass er gleich vorbeikommt. Er ist wohl etwas unorganisiert. Als er dann endlich kam, nahm er uns zur Universität mit, die irgendwie in der völlig entgegengesetzten Richtung von Georgetown lag. Dort ließ er uns eine Stunde lang den Campus anschauen, weil er noch arbeiten musste. Natürlich taten wir den Teufel, blieben schön im Schatten und starrten den Studentinnen auf den Hintern. Außerdem hatten wir auch kein Geld eingetauscht, was schlecht ist, wenn man Getränke kaufen will. Nach der vereinbarten Zeit stöberten wir den Doktor in seinem Büro auf, und er fuhr mit uns nach Georgetown. Das war gar nicht sehr weit, aber aus irgendwelchen Gründen traute uns der Mann keine eigenen Unternehmungen zu und bestand darauf, uns alles zu zeigen.
Zuerst halten wir bei einer Wechselstube, die hier ‘Cambio‘ heißen, was relativ interessant ist, weil spanisch. Nun gibt uns der Doktor noch einige Tips, zum Beispiel ins Museum, aber ja nicht auf den Markt in Georgetown gehen! Will er nicht, dass wir auf Guyanesen treffen? Egal, wir steigen aus und beginnen mit einer Wanderung durch die Straßen der Hauptstadt. Das ist ganz angenehm, weil ständig Wind weht und der Himmel bedeckt ist.

{{g_ads}}

Nach kurzer Zeit schon treffen wir auf das empfohlene Museum. Der Eintritt ist frei. Drinnen gibt es ein paar ausgestopfte Tiere, Mineralien und Zeug zu sehen, das man brauchte, um die Sklaven auf den Plantagen in Botmäßigkeit zu halten.
Hiernach werden wir hungrig und gehen deshalb geradewegs zum Central Market im quirligen Zentrum Georgetowns. Dort gibt es auch einen KFC.
Die Stadt selbst hat viele nette, koloniale Holzhäuser, die gerade wieder in Schuss gebracht werden. In einigen Jahren kann es hier richtig schön aussehen, wenn das Geld nicht vorher ausgeht. Zwischen Meer und Georgetown gibt es einen Deich, den die Holländer gebaut, die Engländer erhöht und die Guyanesen mit Graffiti verziert haben. Warum die Niederländer den Deich gebaut haben, ist nicht ganz klar, denn an Landmangel kann es nicht gelegen haben. Vermutlich war aber nur so diese typische Kanal – Ziehbrücken – Landschaft hinzukriegen, die wir heute in Guyana finden. Viele der besagten Kanäle sind zugewachsen, was gut für die Moskitos und schlecht für die Menschen ist. Aber man kümmert sich drum.

Touristen gibt es anscheinend auch nicht, und die Taxifahrer, Verkäufer und Bettler akzeptieren hier auch noch ein ‚Nein‘.
Wir schlendern weiter zur Küste. Vorn auf dem Deich kann man sitzen, Hot Dog essen und Bier trinken. Unglücklicherweise gibt es keinen Strand, weil Ebbe und Flut, Strömungen und all das, es irgendwie unmöglich machen. Nach Sonnenuntergang nehmen wir ein Taxi nach Hause, wobei es sich wieder zeigt, dass es einfach überlebenswichtig ist, sich vorher über die Taxipreise zu informieren. Wenn man die richtigen Preise kennt (Kurzstrecke 200 G$) gibt es keine Probleme. Manchmal haben die Taxijungs angeblich auch kein Wechselgeld.
Die Familie hatte schon gegessen. Die Mama – eine verblühende Jamaikanerin – lag auf der Couch und achtete darauf, dass die Kinder ins Bett gingen oder Hausaufgaben machten. Der Nachwuchs war gut genug abgerichtet, so dass die Mutter sich mit uns unterhalten konnte. Sie verwies uns in die Küche, wo in Töpfen noch Pepper-Shrimp und Spaghetti bereitstanden. Der Doktor selbst stürzte immer in der Gegend herum und konnte sich einfach nicht koordinieren. Als er abends endlich kam, leistete ich ihm noch etwas Gesellschaft, musste allerdings mit ansehen, wie er sein Essen anbetete. Am Haus und im Haus wären schon einige Dinge zu tun, aber die Ehefrau liegt im Bett mit Jesus, der Mann ist nie da und die Putze steckt ihren Kopf ausschließlich in den Gasherd. Wasser ist ein Problem. Es gibt sowieso nur Kaltes und auch das nur manchmal. Es ist ein bisschen wie Ferien auf dem Bauernhof.

{{g_ads}}

Dienstag, 7. Oktober ‘97 – Am Rande der Zivilisation
 
Wie auf dem Bauernhof begann auch der Tag, denn um 5.45 Uhr wurde nicht zurückgeschossen, sondern der Doktor kam herein und begann mir Fragen nach unseren Plänen zu stellen. Ich war um diese Zeit aus irgendeinem Grund nicht richtig wach und brauchte einige Zeit bis ich herausfand, dass er mit dem Reisebüro sprach und über Ausflüge verhandelte, der er zu organisieren versprochen hatte. Es stellte sich heraus, dass wir die berühmten Kaieteur – Wasserfälle wohl nicht besuchen können, weil man da ein Flugzeug mieten muss, und dafür werden mindestens fünf Leute benötigt. Jedenfalls sollten wir einen Trip den Fluss hinauf unternehmen. Punkt sieben stand der Typ vom Reisebüro vorm Haus und fuhr uns in den Zoo. Der ist im selben Areal wie der Botanische Garten von Georgetown. Alles ist etwas heruntergekommen, wird aber auch gerade wieder Instand gesetzt. Dank der frühen Stunde war es noch nicht so heiß. Als die liebe Sonne allerdings dann herauskam, wollten wir nur noch im Schatten bleiben. Eigentlich war der Besuch im Zoo ganz nützlich, weil man da die Tiere, die sich später im Wald verstecken, schon mal so anschauen kann: Papageien, zum Beispiel Aras, Wasserschweine, Agoutis, einen Jaguar, Schlangen und verschiedene Affen.

Danach führte uns ein weiterer guyanesischer Reisebüromitarbeiter durch Georgetown. Das Museum ließen wir aus, kannten wir schon alles. Nein, wir gingen geradewegs zur Hauptpost, um für unseren Dad Briefmarken zu kaufen. Ich verhandelte etwas mit dem Kommandeur der Philatelieabteilung. Er war um vieles älter als ein Wasserschwein, benahm sich aber ganz genau wie eines: sehr verstockt. Ich war auf authentische Briefmarken aus, irgendwie mit Regenwaldfauna oder –flora, während er mir unbedingt seine Disneybriefmarken verkaufen wollte, weil er die anderen aus dem Lager, oder so, holen musste. Trotzdem blieb ich hart und verlangte genau das. Um ihm etwas Zeit zu geben, versprachen wir anderen Tags wieder hereinzuschauen. Haben wir aber nicht gemacht.
Nun gingen wir auf den Markt, genauer in die Markthalle, wo „Stobroek“ oder ähnliches dranstand, was Niederländisch für „Lecker Gemüse“ ist. Drinnen passierten wir die Reihen der Drogendealer, die uns was von bester Ernte zuflüsterten, gingen an den Goldgeschäften und Klamottenläden vorbei und erreichten schließlich die Seite am Fluss, denn die Halle ist auf Stelzen am Ufer gebaut. Es stank. Das Gewässer selbst heißt „Demerara – River“ und ist unheimlich breit und schlammig.
Nun marschierten wir zu einem China-Restaurant, wo wir einige Bier tranken und Essen für den Bootstrip mitnahmen. Eine weitere Stunde verging mit der Jeepfahrt zur Bootsanlegestelle, so dass es 1.00 Uhr wurde, bis es endlich losging. Unterwegs stieg noch unser Dschungelführer ein. Ihn kann man am besten als Dschungel-Inder beschreiben – er war sehr dunkel von der Hautfarbe, mit Wald und Wasser wohl vertraut und als Rastafari angezogen.

{{g_ads}}

An der Anlegestelle warfen wir uns orangene Schwimmwesten über und kletterten in ein schmales Boot, in dem glücklicherweise auch noch zwei Kühlboxen mit Getränken und Essen Platz fanden. Die Sonne kam auch mit heraus, brannte uns auf den Pelz, und so war es gut, dass wir Sonnencreme dabeihatten.
Zuerst schipperten wir quer über den Fluss. Dort war es nicht gerade gemütlich, weil die Flut hereinkam und die Schlammfluten um uns herum hochschlugen. Wir bogen in einen Seitenkanal ein, wo das Wasser nach und nach schwarz wurde. Das hängt irgendwie mit den Pflanzen zusammen und dem Zeug, das durch den Regen ausgewaschen wird. Hin und wieder sahen wir ein Haus oder ein Feld aber dazwischen gab es nur Wald. Tiere waren keine zu sehen, höchstens mal ein blöder Vogel. Plötzlich aber stoppte der Führungsinder das Boot und meinte man könne jetzt eine Anaconda riechen. Diese heißen hier in Guyana ‚Camoudi‘ und stinken angeblich wie Fisch. Folglich sogen wir die Luft um uns herum durch unsere Nüstern, und es ist durchaus möglich, dass es nach Fisch gerochen hat. An einer der nächsten Biegungen des Flusses gab es eine kleine Lichtung. Wir hielten an. Man war dort gerade dabei sich auf den Tourismus einzurichten: Ein Indio stellte Dachschindeln her, die für ein fast fertiggestelltes Gebäude sein sollten – eigentlich war es nur ein Dach – in dem dann ganz viele Touristen schlafen sollen. Weiter hinten auf der Lichtung wohnte noch eine Familie, die der Rasta-Inder natürlich kannte. Er hatte eigentlich nur angehalten, um etwas Essen für sich selbst zu schnorren und um Neuigkeiten auszutauschen. Die gab es wohl. Irgendein Indio hatte in der Nacht zuvor ein Tapir, hier: ‚Bushcow‘, geschossen. Ein Stück davon wurde gerade weichgekocht. Der Rest war unter die Bewohner längs des Flusses verteilt worden.

Wir tuckerten weiter mit unserem Boot. Herr Berlin und ich saßen in der Mitte, der Führer am Bug mit scharfen Augen den Fluss nach Hindernissen absuchend, und im Heck hatte der schweigsame Motorbediener Platz genommen. Am frühen Nachmittag erreichten wir ein Indiodorf. Auf der gegenüberliegenden Seite des Flusses dehnte sich eine Art Savanne aus, während sich das Dorf selber auf einer Lichtung im Wald befand. Dort gab es sogar einen Strand. Das erste was wir tun wollten, war, im Fluss zu baden. Unglücklicherweise war schon ein Boot vor uns angekommen, und dessen Mannschaft war gerade dabei, einen Ölwechsel durchzuführen. So sprangen wir erstmal an Land und begaben uns zu einem kleinen Pavillion, den man für Leute wie uns errichtet hatte. Die Menschen ließen uns mehr oder weniger in Ruhe, und wir hatten Zeit die Gegend zu betrachten. Das Dorf wurde von einem imposanten Silk-Cotton-Tree, auch Kapok-Baum genannt, überschattet. Es heißt, dass unter diesen Bäumen die Holländer ihre Sklaven opferten, wenn sie den Teufel anbeteten. Mir fielen eigentlich nur die zwei heißen, schwarzen Ladies auf, die gerade unter dem Baum standen. Sie waren mit dem Boot vor uns gekommen.
Gut, nach dem Essen unternahmen wir mit dem Rasta einen Spaziergang. Weiter weg vom Fluss wurde es auch schnell sehr heiß.

{{g_ads}}

Die Leute wohnten in relativ einfachen Häusern ohne alles, aber trotzdem gab es eine Schule mit Kindern in Schuluniform. Wieder wurde klar, dass die Ureinwohner von der Zivilisation zuerst nur die negativen Seiten mitbekommen.
Ein Indio winkte uns zu sich heran, und wir plauderten eine Weile. Der Mann verdiente sich sein Geld mit der Herstellung diverser Schnitzereien, hatte aber am Tag zuvor seine gesamten Erzeugnisse nach Georgetown geschickt. (Auf solche Sachen verstehen sich die Jungs wirklich.) Es war uns aber auch ganz recht, weil wir nichts aus Höflichkeit kaufen oder uns Gründe für eine Ablehnung einfallen lassen mussten. Wir nahmen also Platz, und sofort wurde ein Kind auf die nächste Palme geschickt, um uns Kokosnüsse zu besorgen. Danach packte der Indio noch eine Flasche – na sagen wir Kirschwein – aus. Das Zeug war nicht besonders stark, jedenfalls nicht für europäische Kehlen. Wir blieben eine Weile, weil es wirklich nett war. Es freute uns auch, als er sagte, dass er noch nie Deutsche getroffen hätte. Endlich ein Platz auf diesem Planeten, wo WIR die ersten sind.

Als wir zum Boot zurückgingen, schickte uns der Indio seinen Sohn mit, der von uns ein paar Getränke (kalt) geschenkt bekam sowie eine Tüte mit Eis aus der Kühlbox. Das sind die Dinge, auf die Leute hier wert legen.
Die Rückfahrt verlief ereignislos. Wir stoppten noch kurz bei einem anderen Rastamann im Wald und kauften ihm einen Schlüsselanhänger ab. Gegen Sonnenuntergang erreichten wir die Anlegestelle.
 
 
Mittwoch, 8. Oktober ‘97 - Am Rande des Wahnsinns
 
Bis 9.00 Uhr lagen wir im Bett. Für heute hatten wir keine Tour gebucht, weil wir heute für 100 US$ nur einen Ausflug machen könnten, den es morgen für 70 US$ gibt. Es ist immer alles unklar, weil das Reisebüro nicht weiß, wie viele Leute zusammenkommen. Die Touristen, die sich gleichzeitig in Guyana aufhalten, lassen sich sowieso an einer Hand abzählen.
Der Doktor schlug vor, mit dem Mini - Bus nach New Amsterdam zu reisen, weil es dort ganz anders ist und weil es die alte Hauptstadt von Guyana war. Die nette Putze machte uns Spiegelei und sang dazu Gospelsongs. Wir quetschten sie nach Taxipreisen aus, während sie uns warnte extra - vorsichtig zu sein, wenn wir soweit, bis nach “…N.A…..” , fahren.

{{g_ads}}

An der Mini-Bus-Station in Georgetown rissen uns die Fahrer fast in Stücke, um ihre Busse vollzukriegen. Unserer war schon fast voll, so dass es nicht mehr lange bis zur Abfahrt dauerte. Wir verzichteten darauf, durchs offene Busfenster noch Erfrischungen, Nüsschen und so weiter zu kaufen. Es ging los.
Unterwegs machte uns der Fahrer mit seiner Sammlung indischer Filmhits vertraut. Zwei lange Stunden lang. Die Strasse führte am Meer entlang und durch kleinere Orte. Ab und an blockierte eine Kuh die Strasse oder irgendein langsames Gefährt. Wir versuchten noch eine Weile herauszufinden, WAS denn so anders an der Gegend war, kamen aber einfach nicht drauf.

N.A. liegt am Berbice-River, der (auch) breit und schlammig ist. Die Buslinie endete an der Anlegestelle für die Fähre. Dort hatte sich ein kleiner Markt etabliert. Ambulante Eisverkäufer und Bettler boten ihre Dienste an. Wir nahmen ein Bier und kauften Fährtickets (20 G$). Die Überfahrt war relativ ereignislos, wenn man davon absieht, dass kurz vor dem Anlegen eine Ratte aus dem Unterdeck kam, um unsere Füsse wischte und dann mit allen anderen von Bord ging.
Wir ließen uns im “quirligen” Zentrum von New Amsterdam vor einem China-Restaurant absetzen, dass der Taxifahrer empfohlen hatte. Die Taxipreise sind mehr oder weniger fest, nämlich immer so um die 200 guyanesischen Dollar. Die Strecke von der Fähre zur Stadt war aber zu kurz, um diesen Preis zu rechtfertigen. Jedenfalls entschieden wir nach einem kurzen Blick ins Innere des Etablissements, dass es noch irgendwo anders etwas zu Essen geben müsse. Der Taximann hatte offensichtlich nicht nur unser Geld, sondern auch unser Leben gewollt.
So schlenderten wir die sonnendurchglühte Hauptstrasse von N.A. entlang, wo es nichts zu sehen gab. Schließlich fanden wir etwas, was später mal der Vorläufer eines Fastfood-Restaurants werden könnte und aßen “Chicken Chow Mein”. An einer weiteren Ecke setzten wir uns im “Church View Restaurant” nieder und ließen den Nachmittag mit Bier und Eiswürfeln ausklingen. New Amsterdam hat nichts aufregendes an sich, wenn man davon absieht, dass es sehr nahe an der Grenze zu Suriname gelegen ist. Falls das jemanden aufregt.

{{g_ads}}

Wir bummelten zur Fähre zurück. Die Leute waren sehr nett und grüßten uns. Man darf ihnen das ständige “White Boy” nicht übel nehmen. Es ist nun mal ein hervorstechendes Merkmal. Schon auf dem Weg zur Fähre, versuchten die Minibusfahrer, uns als Kunden zu werben. Die Rückfahrt verlief im Dunkeln und war noch langweiliger als die Hinfahrt. Hinzu kam noch, dass der Bus alt und deshalb sehr eng war. Man muss also nicht nur fragen, wieviel Leute drinnen sitzen, sondern auch, welches Baujahr der Bus hat.
Abendessen gab es ab Mittwoch nicht mehr. Am Tag zuvor hatte die Mama noch erstaunt registriert, dass wir erst am Freitagmorgen abreisen. Wir können uns nicht sicher sein, dass die fehlende Abendverpflegung mit uns zu tun hatte, weil die Dame doch sehr an sich selbst und Guyana im Allgemeinen litt. Glücklicherweise wohnt der Doc nur ein paar Ecken von der Vergnügungsmeile Georgetowns entfernt. So futterten wir dort etwas Indisches und kehrten dann in den In-Schuppen Guyanas ein. Im “Sheriff” kamen wir gerade noch zurecht, um den “Jumping Jack” Guyanas Daniel Balgoowin zu seiner abendlichen Show zu treffen. Endlich hatten wir die Gelegenheit, alle Lieder aus dem Mini-Bus am Morgen Live oder Halbplayback dargeboten zu bekommen. Mit ein paar Bier im Blut ist diese indische Musik eigentlich gar nicht so schlecht, und der Mann ist wirklich ein “Jumping Jack”, aber auch. Hahahahah.

Am Nachbartisch saßen ein paar indische Schnitten - vom schwarzen Bevölkerungsanteil wollte sich keiner diese Show antun - und versuchten sich dringend mit uns zu unterhalten. Nach einer kurzen Zeit hatten wir heraus, dass die Damen beruflich unterwegs waren und konzentrierten uns wieder aufs Bier.
Auf dem Nachhauseweg sprachen uns noch mehrere Jungs an und fragten, ob wir irgend etwas bräuchten. Sie würden sich um alles kümmern. Was die bloß damit gemeint haben?
 
 
Donnerstag und Freitagnacht, 9./10. Oktober ‘97 - Camoudi, Camoudi………..
 
Um 7.00 Uhr holte uns das Reisebüro ab. Zuerst sammelten wir ein Ehepaar Ex-Guyanesen aus England ein. Die befanden sich auf Kunta-Kintes Back-to-the-Roots-Trip und ergriffen auch gleich die Gelegenheit, mit mir über Abhängigkeit, koloniales Erbe und das ganze Zeug zu diskutieren. Offensichtlich waren sie etwas, insbesondere der Mann, für dieses Thema sensibilisiert. Herr Berlin saß beim Reisekutscher im Vorderteil des Jeeps und hielt sich - Glück für ihn - aus der Diskussion heraus. Am Anfang waren die Leute ja auch noch ganz in Ordnung, obwohl mir das Gerede über ihre “Colonial Masters” und wozu die einen alles zwingen können, sofort auf den Wecker ging. Ich fand das irgendwie rassistisch.

{{g_ads}}

Nach einer Weile hatten wir den bewohnten Küstenstreifen hinter uns gelassen und gelangten zu einer Anlegestelle am Essequibo-River für relativ große Schiffe. Es war noch früh, also kühl und doch sehr belebt. Man kennt ja diese Szenen: singende Trägerkolonnen bereiten sich auf Expeditionen ins Innere des Kontinents vor………..
Am Bootssteg trafen wir auch unseren Führer, den Rasta-Inder vom Dienstag wieder. Kühlboxen mit Bier und Futter wurden ins Boot geladen, wir streiften uns Schwimmwesten über und schmierten uns mit Sonnenöl ein.
Endlich ging es mit dem Boot stromaufwärts. Der Fluss ist breit. Wirklich breit. Stellenweise wenigstens 5 km. Alles ist mit Wald bedeckt und nur ab und zu gibt es einen schmalen Strandstreifen am Ufer. Der erste Stopp war ein verlassenes Fort der Holländer, wo man Sklaven gehandelt hatte - eigentlich ein nettes Souvenir - und jetzt noch einige Kanonen zu sehen waren.

Kurz darauf hielten wir bei einem Indio - Dorf. Genauer: Wir stoppten am Strand bei der Schule. Es war gerade Hofpause, und die Kids sammelten Laub ein, um dieses ordnungsgemäß zu kompostieren. Etwas weiter den Strand entlang bot sich Gelegenheit für ein Bad. Ich mümmelte eine Art Kirschen von einem nahen Baum. Micha und der englische Guyanese stiegen ins Wasser. Dabei brach es aus Letzterem förmlich heraus, wie super alles ist und daß er sich zu Hause fühlt. Dabei meinte er auch, das Guyana mehr Strände an seinen Flußufern hat als die gesamte Karibik zusammen. Aber wer braucht das schon ?
Die nächste Station war Bartica, eine Stadt genau an der Mündung des Maseroni-River in den Essequibo-Fluß.

{{g_ads}}

An sich ein verlassenes Nest, aber weil es in den umliegenden Flüssen Gold gibt, ist es wohl der Ort, wo alle hinkommen, um ihr Geld auszugeben. Wir bummelten die Hauptstrasse entlang und durch einen stinkenden Markt, wo der Guyanese sich jedem aufpressen und seine Lebensgeschichte erzählen musste. Trotzdem ließen sie ihn alle die Touristenpreise bezahlen. Uns konnte man nicht so einfach verarschen - wir handelten.
Jetzt fuhren wir den Maseroni-River hinauf, den schwarzen und nicht mehr schlammigen Wasserfluten entgegen, ins unbekannte Herzland Guyanas. Unterwegs kamen wir an Goldbaggeranlagen vorbei, wo man den Schlamm des Flusses über Textilien leitet, die den Goldstaub festhalten. Die Gier in uns entflammte sofort. In diesem Fluss soll es auch Piranhas geben, aber nur die Sorte, die auf Blut reagiert und nicht schon bei bloßen Bewegungen im Wasser in einen Fressrausch verfällt. Apropos, es wurde langsam Zeit fürs Mittagessen.
 

Gegen Mittag erreichten wir ein verlassenes Grundstück im Wald, dessen Besitzer - so hieß es - in London wohnt und in Tourismus macht, aber in Wirklichkeit krummen Geschäften nachgeht. Wie alle reichen Guyanesen im Ausland. So stellte es zumindest unser Führer dar, und der muss es ja schließlich wissen. Oder? Vor Ort wohnte nur ein einsamer Rastamann mit Frau, Kind und noch einem Kameraden. Die hielten sozusagen die Stellung. Fürs Picknick war ein Dach errichtet worden, das man mit Folie aus England abgedichtet hatte. Diesen Umstand benutzte der Auslandsguyanese, sofort darüber zu wettern, dass man das auch mit Palmenwedeln machen kann, aber eben die Kolonialherren einen dazu zwingen, ihre Produkte zu verwenden. Ich konnte nur noch irritiert schauen. Um die Mittagszeit wurde es sehr heiß. Nichtsdestoweniger wanderten wir unter der Führung des obigen Kameraden zu einem Wasserfall in der Nähe. Der war nicht sonderlich hoch ( ca. 15m), aber viel schwarzes, reißendes Wasser strömte herab. Herr Berlin und der Guyanese kletterten sofort bis zur Spitze. Ich mochte nicht so recht, weil der Grund des Wasserbeckens voller Holzstücke, spitzer Steine usw. war und man wegen des Wassers auch nicht sehen konnte, wo man hintrat.

{{g_ads}}

Ich habe es trotzdem bis nach oben geschafft, aber nur um mir anhören zu müssen, dass sich der Guyanese sehr zu Hause fühlt. Er war etwas enttäuscht, daß wir die Wasserfälle in Venezuela besser fanden. Wir kletterten noch etwas weiter und kehrten dann zurück. Auf dem Rückweg fing es an zu regnen, was wir aber mit stoischer Ruhe ertrugen. Und wieder nervte uns der Guyanese mit der Aussage, dass dies garantiert der längste Regen ist, den wir jemals erlebt hätten. Was für ein Idiot. Ich meine, kommt selber aus England, wo doch die Sonne so gut wie nie scheint.

 
Die Sachen trockneten wieder. Auf dem Rückweg nahmen wir den Rastamann zum Arzt mit. Der wohnte in einer kleinen Stadt 30 km flussabwärts. Der Rasta nahm nur eine Taschenlampe mit, weil er plante, den ganzen Weg zurückzulaufen. Nicht schlecht.
Der Nachmittag kam, und wir schipperten weiter. Das Bier ging langsam zur Neige. Zum Schluss der Fahrt hielten wir noch an einer völlig entwaldeten Insel an, was uns noch einmal in aller Schärfe die Gelegenheit gab, über Entwicklungsländer zu diskutieren. Ich vertrat die Meinung, dass man die kolonialen Herren aus den 50ern nicht mehr dafür verantwortlich machen kann, wenn jetzt ein malaysisches Unternehmen die Abholzungsrechte für hundert Jahre erhält. Das sah der Guyanese natürlich anders und meinte, dass es mir einfach an Erfahrung mangelt. Leider hatten wir die Gewässer mit den Piranhas schon verlassen…. . Zur Strafe für dieses unsachliche Argument soff ich ihm das letzte Bier vor der Nase weg.
 Wir gingen friedlich auseinander, zumal ich die Diskussion nach K.O. gewann, weil er keine Antwort wusste auf die Frage, warum er denn nach England gegangen ist und auch keinen guyanesischen Akzent usw. mehr spricht. Ja, erst das Fressen, dann die Moral !
Zum Sonnenuntergang erreichten wir wieder die Anlegestelle und fuhren mit dem Jeep zurück nach Georgetown.
Beim Doktor war wieder mal das Wasser knapp. Wir packten unsere Sachen und schliefen noch eine Runde. Um 4.00 Uhr morgens wollten wir am Flugplatz sein, d.h. also mit dem Taxi eine Stunde vorher losfahren. Es blieb deswegen noch viel Zeit für abendliche Ausflüge. Der Doktor versprach uns, ein Taxi zu rufen und auch aufzubleiben bis wir abreisen. Das war sehr nett, aber total unnötig. Der Abschied von der Familie war warm.
Auf der Straße ließen wir uns in einen Club fahren, dessen Namen ich vergessen habe. Das Etablissement war gleich um die Ecke, was wir aber nicht wussten, aber den Taxifahrer freute. Wir bezahlten ca. 5 DM Eintritt, bestellten etwas zu Essen - Huhn mit Reis - und gingen ins Obergeschoss, wo eine Modeling-Show sein sollte. Zuerst spielte eine Band diverse Reggae-Hits nach. Das war gar nicht so schlecht. Das Publikum bestand meist aus Einheimischen, uns als Weiße und einer Schiffsladung Chinesen, die wohl nie so ganz erwachsen werden. Später führten sich dann einige leichtbekleidete Damen auf, die aber zu vier Fünftel totale Gurken waren. An sich ist so etwas immer ein Erlebnis, aber Guyana muss scheinbar auch hier nehmen, was es kriegt. O.K. eine heiße Frau gab es – sie war aus St. Martin.
 
Gegen 2.00 Uhr machten wir uns auf den Heimweg. Der Doktor war noch wach, und wir versuchten ihn zu überreden, uns ein Taxi zu rufen und endlich ins Bett zu gehen. Während wir sprachen, pennte er immer wieder ein. Wir waren uns nicht sicher, ob er auch wirklich alles verstanden hatte. Endlich kam das Taxi und fuhr uns zum Flugplatz. Ich plauderte etwas mit dem Fahrer. Wir bezahlten ihm 18 US$ und legten noch zwei als Trinkgeld drauf, weil er sowieso nicht wechseln konnte. Da war er begeistert, kam noch hinter uns hergelaufen und sagte sein Name wäre Sylvester. Das ist nett, aber normalerweise ist das der letzte Tag des Jahres und kein Rufname.
Auf dem Airport war es rammelvoll, scheinbar fliegen alle Maschinen so zeitig wie möglich aus Guyana ab. Im Warteraum hatte ich gerade etwas Schlaf gefunden als mir irgendeine blöde Tante gegen mein Knie klopfte und wollte, dass ich so eine Befragung für Touristen mitmache. Nach einem Blick darauf entschied ich, dass ich dabei nicht mitmachen kann. Man musste zum Beispiel sein ausgegebenes Geld in US$ und alle anderen Währungen der Welt umrechnen. Das ist nichts für so spät am Abend. Herr Berlin vertrieb sich die Zeit mit dem Einkaufen von wirklich billigem Rum und entging so der Befragung. Wir flogen ab und erreichten mit nur wenig Verspätung Trinidad, wo wir als erstes eine heiße Dusche nahmen.