Ich habe den Freund des argentinischen Arztes tatsächlich ausfindig machen und anrufen können. Er hat sich über meine Nachricht riesig gefreut und will mit dem früheren Freund in Argentinien Kontakt aufnehmen.

Am Nachmittag hole ich meinen Schatzehund bei der lieben Else ab, die Sally wiederum bestens versorgt und bemuttert hat. Sally flippt fast aus vor Freude und schleckt mich ein ums andere Mal ab. Ich bin wieder zu Hause, zurück von einer der schönsten Peru Reisen, die ich je erlebt habe. Und ich bin glücklich und dankbar, dass ich die Freiheit und die Möglichkeit habe, die Schönheiten der Welt kennen zu lernen.

Es gibt nun aber noch ein denkwürdiges Nachwort:

In meinem Briefkasten fand ich eine Benachrichtigungskarte, dass ich ein Postpaket abholen soll. Seltsam, ich hatte nichts bestellt und alle wussten, dass ich verreist war. Also ging ich hin und schaute auf den Absender. Das Paket war von Gitte. Hm, wahrscheinlich hatte ich ein Kleidungsstück im Hotel vergessen und man hatte es ihr mitgegeben, was sollte es sonst sein? Ich öffnete das Paket, und mein Herz machte einen Satz. Ich konnte überhaupt nicht glauben, was ich las und sah.

Gitte hatte ein Kunststück vollbracht. An dem Abend in Cusco, als wir im Restaurant auf sie gewartet hatten, weil sie eine „Tasche" für ihr Zusatzgepäck kaufen wollte, da war sie in Wirklichkeit mit einem vom Concierge als seriös empfohlenen Taxi zu jenem kleinen Alpaka-Geschäft in den Gässchen von San Blas gefahren, um den Teppich zu kaufen, der mich so verzaubert hatte. Das Geschäft hatte aber bereits geschlossen. Gott sei Dank konnte der Taxifahrer auch Englisch. So ging es weiter zum Hauptgeschäft. Der Teppich hing aber nicht mehr an der Wand, doch nach einigem Hin und Her fand er sich doch. Gitte liess ihn nicht edel und auffällig verpacken, sondern in eine ordinäre Plastiktüte stecken, und hetzte dann durch den Feierabendstau zurück ins Hotel, wo ich mich gerade auf die Suche nach ihr gemacht hatte und sie mir ziemlich aufgeregt und in Eile mit ihrer „im Indiomarkt erstandenen Zusatztasche" begegnete. Und nun hatte sie mir diesen sagenhaften Teppich als Erinnerung an unsere Reise geschenkt.


 

Ich war total aus dem Häuschen und hätte heulen können vor Freude. Ganz aufgeregt räumte ich den einzig wahren Platz für das edle Stück frei, schlug ein Dutzend kleine, kopflose Nägel in die Wand und hängte den Teppich auf. Dann ging ich ein paar Meter weg und schaute ihn an. Die Wirkung war die gleiche wie in Cusco. Wie mit imaginären Händen wurde ich in die Mitte dieses magischen Teppichs gezogen. Es ist mir absolut rätselhaft, wie ein Mensch diese dreidimensionale Wirkung in einen flachen Teppich einweben kann. Ich komme von diesem Teppich gar nicht mehr weg, er ist ein Phänomen. Ob andere ebenso empfinden, werde ich an meinen Freunden und Besuchern testen. Und Gitte schaut sich das gute Stück hoffentlich auch bald an. 1000 Dank für alles!

 

Wir laufen quer durch Miraflores ins Einkaufsviertel Larcomar, das direkt über der Steilküste des Pazifiks liegt. Hier gibt es viele teure Edelgeschäfte mit allen Marken, die weltweit bekannt und begehrt sind. Dort finden wir ein schönes Freiluftlokal, vertilgen ein letztes Mittagessen und laufen dann ca. 1 ½ Stunden immer an der Steilküste entlang durch die gepflegten Grünanlagen Richtung Hotel. An der gleichen Stelle, wo ich mit Gitte vor einigen Tagen ein Taxi nahm, wollten wir auch heute wieder abfahren und merkten nicht, dass wir direkt vor einem Polizeiposten standen. Einer der Polizisten kam gleich heraus und meinte, dass hier keine Taxis halten dürften und woher wir kämen. Als er „Alemania" hörte, strahlte er und machte uns klar, dass er die Musik von Bert Kaempfert, James Last und Max Greger mag und Romy Schneider toll findet. Dabei war er noch ein junger Mann, und wir staunten, dass er diese Altmeister überhaupt kannte.

Er stoppte sofort das nächste Taxi, handelte einen Minipreis für uns aus und winkte uns freudestrahlend nach. So hilfsbereit und freundlich haben wir überall im Land die Menschen kennen gelernt. Auch das hat einen bleibenden Eindruck hinterlassen.

6 Stunden waren wir durch das heisse Lima gelaufen, und wider Erwarten war es doch noch ein schöner Tag gewesen. Ich holte unser deponiertes Gepäck, machte mich frisch und legte warme Sachen in meinen Rucksack, denn wir hatten gehört, dass es in Deutschland ziemlich kalt sein soll. Nach einer letzten Pina Colada werden wir zum Flughafen gebracht, wo sich unsere Gruppe trennt, denn Klaus und ich fliegen mit der KLM, alle anderen mit der ungeliebten Iberia. Grosses Abschiednehmen also, dann warten auf den Flieger, der auch pünktlich startet.


 

Nach 3 1/2 Stunden wieder eine Zwischenlandung auf Bonaire, der heissen Karibikinsel, wo wir uns noch mal eine Stunde die Füsse vertreten können. Dann beginnt der 9 Stunden-Flug nach Amsterdam. Die KLM mästet einen direkt mit drei kompletten Mahlzeiten und freundlichem Service. Wie froh bin ich aber, nicht mit der Iberia zu fliegen, bei der man hungern und dursten muss und mies behandelt wird.

In den 9 Stunden schaue ich mir die 1.300 Fotos an, die ich von der Reise gemacht habe, und so vergeht die Zeit „wie im Fluge", im wahrsten Sinn des Wortes. Pünktlich kommen wir in Amsterdam an und spüren sofort die kalte Luft. Hier verabschiede ich auch Klaus, der nach Düsseldorf weiterfliegt, während sich mein letzter Flieger mit 1 Stunde Verspätung in Richtung Frankfurt erhebt, wo ich gerade noch den allerletzten Shuttlebus zum Ibis-Hotel erwische, um dann todmüde ins Bett zu fallen.

Wieder heisst es um 6.00 Uhr aufstehen, die allerletzte frische Wäsche anziehen und ab geht es zum Flughafen-Fernbahnhof. Ein schnelles Frühstück ist noch drin, dann sitze ich im Zug nach Baden-Baden und weiter nach Konstanz. Im Schwarzwald staune ich über die geschlossene Schneedecke und bin froh über meinen warmen Pulli. In Gedanken bin ich weit weg im nun so fernen Peru, als ich schon in Allensbach ankomme, wo ich von Hildegard und Helmut abgeholt und zum Mittagessen eingeladen werde und gar nicht weiss, wo ich mit Erzählen anfangen soll.

 

Obwohl die Küste Perus durch den kalten Humboldtstrom extrem fischreich ist, kostet Fisch dreimal soviel wie Geflügel. Daher essen die meisten Menschen mehr Geflügel, weil sie sich den teuren Fisch einfach nicht leisten können.

Ab und zu gibt es Grundwasservorkommen oder einen Fluss. Sofort ist Leben möglich und Menschen siedelten sich an. Auf den Feldern wird zurzeit Spargel gestochen, der sogar zu uns nach Deutschland exportiert wird und den wir oft auf der Speisekarte fanden. Ansonsten wird Mais und Baumwolle angebaut.

Nach 4 ½ Stunden Fahrt und 3 entnervenden Gewaltfilmen bin ich heilfroh, als wir in Lima aussteigen können. Rodolfo steht prompt mit einem Minibus da und rasch sind wir wieder in unserem Hotel El Olivar. Ein letztes Mal sitzt unsere Gruppe zum gemeinsamen Abendessen im Hotelrestaurant. Bei mir gibt es heute „Grouper", einen feinen Fisch mit Würzreis und einer pikanten Currysauce. Wir lassen unsere wunderbare Reise mit so vielen Höhenpunkten nochmals Revue passieren und sind glücklich über all das Erlebte.


 

Der nächsten Morgen beginnt heiss und sonnig. Nach einem letzten wunderbaren Frühstücksbüffet packen wir unsere Koffer reisefertig und deponieren sie dann in einem separaten Raum im Hotel.

Netterweise nehmen Brigitte und Ulli mich mit, und so fahren wir mit dem Taxi nochmals nach Miraflores zu den Indiomärkten. Dort finden wir noch ein paar nette Dinge. Ein kleines Ölbild auf Keilrahmen gespannt stellt einen kleinen Jungen aus dem Hochland mit rotbraunen Wangen und der typischen Inka-Mütze da und passt noch in meinen Koffer. Brigitte und Ulli werden auch fündig.

In einem Intellektuellen-Café trinken wir einen ganz passablen Cappuccino. Dort werde ich von einem alten Mann angesprochen. Er ist ein argentinischer Arzt, der 1960 für 5 Jahre in Wien studiert hat. Er gibt mir seine Telefon-Nummer in Argentinien und bittet mich, einen alten Freund in München ausfindig zu machen, zu dem er den Kontakt verloren hat und auch dessen Adresse nicht kennt. Ich soll diesen Freund anrufen und zu ihm nach Argentinien einladen. Das werde ich doch glatt machen. Erstaunlich, dass der Mann nach so vielen Jahren noch so gut Deutsch spricht. (siehe hierzu Nachbemerkung 2)

 

Schwarzweisse Kormorane, grau-weisse Guanotölpel, Möwen und Inka-Seeschwalben, grosse Pelikane und die netten kleinen Humboldtpinguine bevölkern in unvorstellbaren Mengen diese steil aufragenden Felsen. Millionen von Seevögeln ziehen in Riesenschwärmen am blauen Himmel und brüten an den Felsen und Klippen. Selbst an den steilsten Stellen sitzen sie. Auf einem schrägen Felsplateau brütet dicht an dicht eine Unzahl an Kormoranen. Es sieht aus, als hätte man Stecknadelkopf neben Stecknadelkopf hingesteckt, es ist eine unvorstellbare Menge an Vögeln, die ein unbeschreibliches Spektakel veranstalten mit Geschrei und Geflatter.

Und dann die Robben! Bis zu 10 Zentner schwere Mähnenrobben brüllen in den Grotten und gewölbten Felswänden, dass es weithin hallt. Tausende Robben mit ihren Babys blöken und brüllen überall. Ganze Kinderstuben von schwarzen Robben-Jungen finden sich zusammen. Es ist ein gigantisches Schauspiel, kaum zu fassen und zu begreifen.

Wir umrunden die ganze Inselgruppe, haben immer wieder phantastische Aus- und Durchblicke durch die faszinierenden Höhlen und Felsbögen und Grotten in gelb und grün, rot und schwarz, dazu schimmert und glitzert das Meer von helltürkis bis tiefdunkelblau. Das alles wird begleitet von dem nie endenden Konzert der Millionenen Vogel- und Robbenstimmen. Es ist eines der atemberaubendsten und aufregendsten Naturschauspiele, das ich je erlebt habe und der krönende Abschluss einer phantastischen Reise durch Peru. Ein Jammer, dass Gitte das nicht miterlebt hat. Sie wäre begeistert gewesen.


 

Noch ganz benommen von diesem Erlebnis geht es in schneller Fahrt zurück zur Anlegestelle, die uns mit heisser Sonne empfängt. Am Ufer sehe ich zwischen Fels und Tang etwas orange-dunkelrotes und dachte erst, es wäre ein Kleidungsstück. Dann erkenne ich, dass es eine riesige, ca. 50 cm grosse runde Qualle mit meterlangen Tentakeln ist, die angespült wurde. Ein faszinierendes Lebewesen.

Nachdem ich mir noch einen feinen „Salad Tropical" einverleibt habe, beginnt die „Vertreibung aus dem Paradies", denn wir müssen bei dieser Hitze vier Stunden lang mit dem Bus zurück ins nicht sehr geliebte Lima fahren, wo wir noch einen ganzen Tag ausharren müssen, bevor uns der Flieger wieder ins kalte Deutschland nach Hause bringt und diese traumhaft schöne Reise zu Ende geht.

Heute schläft der Garua, so dass wir auf der Rückfahrt viel mehr von der Gegend sehen können als auf der Hinfahrt. Ich sitze im Doppeldecker oben links und habe daher während der ganzen Fahrt den Pazifik zu meiner Linken. Die Fahrt geht durch endlose Wüste, die mal platt und mal voller Riesensanddünen ist, dazwischen gibt es immer wieder kleinere, ärmliche Ortschaften und viele, viele Hühnerfarmen, die die Metropole Lima und das Umland mit Eiern und Fleisch versorgen. Wie die armen Tiere in dieser brütenden Hitze wachsen und gedeihen können, ist mir ein Rätsel.

 

Bald waren wir in unserem Hotel Paracas, das sich wiederum als Überraschung herausstellte. Hier in dieser einsamen Wüstenlandschaft hatten wir ein einfaches Hotel erwartet, aber die riesige Anlage dieses Hotels hatte wunderbar gepflegte, weitläufige Grünanlagen. Die Zimmer waren in kleinen Häuschen untergebracht und von Palmen und blühenden Sträuchern umrahmt, so dass sie sich ganz harmonisch in die Landschaft einfügten. Die ganze Anlage befand sich direkt am Pazifik und hatte einen eigenen, sicher 400 m langen Steg aufs Meer, an dessen Ende sich eine Bar für den Sundowner befand. Hier waren auch die Anlegestellen für die Boote, die hinaus zu den Vogelinseln fuhren.

In der Hotelanlage gab es diverse Pools, Minigolf, ein komplettes Fitness-Center und diverse Bars und Restaurants innen und aussen.

Auf einigen alten Holzstegen sassen Pelikane und Kormorane, direkt am Ufer Hunderte von Seeschwalben, Austernfischern und kleinen Strandläufern.


 

Als die Sonne untergegangen ist, finden wir uns in der Bar zur Happy Hour ein, erzählen und geniessen eine Pina Colada, die mich müde und schläfrig macht, so dass ich mich bald in mein Zimmer verziehe.

Um 7.00 Uhr ist Frühstück im Freien mit Blick aufs Meer angesagt. Es ist schon jetzt sehr warm, sonnig und windstill. Kurz vor 8.00 Uhr steigen wir in ein kleines Boot und los geht es zu den Islas Ballestas, auf die ich mich schon so freue und die der Hauptgrund dafür waren, dass ich das Nachprogramm gebucht habe.

Schon nach wenigen Minuten sehen wir die ersten Seelöwen, die im Wasser ihr Frühstück suchen. Unterhalb der Steilküste sitzen Pelikane in der Morgensonne und kurz darauf sehen wir den „Candelabro", ebenfalls ein riesiges, 50 m langes Scharrbild im Wüstensand, dessen Herkunft und Bedeutung bis heute nicht geklärt sind.

Von weitem sehen wir die grosse majestätisch daliegende Felsgruppe der Islas Ballestas. Dann fürchten wir, einer Fata Morgana begegnet zu sein, als die Inseln plötzlich vom Nebel verschluckt werden. Doch der Nebel verschwindet ebenso rasch wieder wie er gekommen ist, und plötzlich sind wir bei den Inseln. Was nun folgt, ist kaum zu beschreiben, das muss man selber sehen und hören und erleben.

 

Um 13.00 Uhr kommen Ulli und Brigitte begeistert von Ihrer Fahrt bzw. von ihrem Flug über die Nasca-Linien zurück. Dann steigen wir alle in den kleinen Bus und fahren ca. 1 Stunde zur Halbinsel Paracas. Um uns herum nur Wüste, Sand und hohe Dünen. Es ist eine total lebensfeindliche und unwirtliche Landschaft. Als Orlando sagt, dass es eine kleine Fischersiedlung gibt und wir zuerst die Kathedrale besichtigen werden, regt sich innerer Widerstand. Also auf Kirche oder Kathedrale habe ich nun wirklich keine Lust mehr und grolle still vor mich hin, denn ich hatte mich total auf einen Naturtag eingestellt und im übrigen Kathedralen satt. Und wieso sollte in einer kleinen Fischersiedlung überhaupt eine Kathedrale stehen? Sicher war es ein kleines, runtergekommenes Dorfkirchlein.

Denkste, die „Kathedrale" entpuppte sich als eine wunderschön geformte Felsgruppierung direkt unter der Steilküste im Pazifik. Mit etwas Phantasie konnte man in diese Felsen schon eine „Kathedrale" hinein interpretieren. Eine grosse Menge an Kormoranen, Guanotölpeln und Seeschwalben waren auf diesem Felsen zu Hause. Da hatte ich Orlando also Unrecht getan, freute mich aber über diesen tollen Felsen jetzt umso mehr. Die Erosion hatte im Laufe der Zeit einen Bogen ausgehöhlt, durch den man hindurchschauen konnte. Wir hatten einen weiten freien Blick einerseits in die platte kahle Wüste, andererseits auf das weite Meer und die herrliche Steilküste mit vorgelagerten Felsbrocken und Inselchen. Das gelbrote Gestein bildete einen wunderschönen Farbkontrast zum tiefblauen Meer.


 

Über die Naturpiste rumpelten wir an der Steilküste entlang und kamen zu der kleinen Lagune, wo ein paar Fischer leben. Im kleinen Hafen lagen viele Fischerboote und gegenüber befanden sich einige kleine Freiluftrestaurants, die hervorragende Fischgerichte auf den Tisch zauberten, wie wir anschliessend begeistert feststellen konnten. Bei mir gab es heute Langostinos in Knoblauchsauce.

Die Lokale hier hatten keine eigenen Toiletten. Dafür gab es am Hafen ein kleines Holzhäuschen. Gegen Zahlung von 50 Centimos erhielt man einige Blatt WC-Papier und ein Zertifikat mit der offiziellen Genehmigung der Gemeinde und einer fortlaufenden Nummer, dass man diese windschiefe Toilette benutzen darf. Sehr witzig, welch seltsame Blüten die Bürokratie manchmal treibt.

Wir liefen am Ufer entlang und beobachteten auf einer kleinen vorgelagerten Insel die vielen Vögel. Dort sassen nicht nur Kormorane und Pelikane, sondern auch zum ersten Mal die niedlichen kleinen Humboldtpinguine. Das ganze Inselchen war weiss vom Guano.

Nach einander kamen drei Fischerboote an Land und luden ihren Fang aus. Ein grosses Netz voller Meeresschnecken wurde mit Schwung an Land geworfen, dann gab es kistenweise grosse, dunkelrote Krabben, lange grüne Fische und dunkelrote, die ich nicht kannte. Einer der Fischer war ein ganz faszinierender Typ, etwa Anfang 40 mit grauen Locken und Schnauzbart, braunen Augen und einer tollen Ausstrahlung. Ein selten reizvolles Exemplar von Mann…!

 

Die vielen Puten sitzen auf den obersten Stangen der Pferdekoppel. Unter den vielen Palmen an einem Teich liegt eine komplette Gänseherde. In einem grossen Baum turnen zwei grosse Aras und einige kleinere Sittiche herum. Alle Tiere sind frei. Ich kann es gar nicht fassen und bin begeistert von dieser Oase mitten in der Wüste, denn die ganze Anlage ist eingegrenzt durch eine sehr hohe Düne, auf denen Hotelgäste herumkraxeln und mit Sandbrettern hinunter sausen können.

Ausser dem Golfplatz gibt es noch Tennis und Tischtennis, etliche Pools mit Riesenrutsche, Pferde- und Fahrradverleih, Beachball, Squash und Hallensport. Einige attraktive Freiluftbars laden ebenso ein wie diverse Restaurants und Bars im Innern des Hauptgebäudes. Die ganze Anlage ist wunderschön gepflegt, und überall zwischen den kleinen, dünenförmigen Zimmer-Häuschen, die liebevoll zwischen Bäumen und Büschen gebaut wurden, sind Rasenflächen und Teiche angelegt. Das hätte Gitte bestimmt auch gefallen hier, aber sie wartet jetzt in Lima im Flughafen auf ihren Heimflug. Vielleicht hat diese Reise ja auch bei ihr den berühmten Fernweh-Virus hinterlassen und sie bekommt wieder einmal Lust auf eine Reise. Und fit ist sie ja, denn als einzige der ganzen Gruppe war sie nie krank, und das bei ihrer Pionierreise mit einem 11 kg-Trolley. Tolle Leistung.

Im Restaurant, innen wie im Freien, war ein verlockendes Büffet aufgebaut, aber nach dem späten Mittagessen kann ich unmöglich soviel essen. Aber ich kann auch nur das Salat- und oder Nachspeisenbüffet auswählen, und genau so mache ich es auch. Anschliessend haben wir an der Freiluftbar noch eine Pina Colada getrunken und uns auf den freien Vormittag zum Erholen gefreut.


 

Unter einem hauchdünnen Laken habe ich prima geschlafen, aber am Morgen ist es pullikühl bzw. angenehm frisch. Nach einem traumhaften Frühstücksbüffet creme ich mich gut ein mit Sonnenschutz, schnappe Hut und Kamera und klettere als erstes auf die Düne. Das ist gar nicht so leicht, denn die Düne ist sehr steil und sehr hoch. Bei jedem Schritt rutsche ich ein Stück zurück, aber schliesslich bin ich doch oben und habe einen tollen Blick über die ganze Anlage, die Stadt und die vielen hohen Dünen rings herum.

Der Wind bläst hier oben ganz ordentlich, und da ich frisch eingecremt bin, sehe ich im Nu wie paniert aus. Ich rutsche und laufe die Düne wieder runter und spaziere gemütlich durch diese schöne Anlage, wo viele dienstbare Geister dabei sind, die Tiere zu versorgen, den Rasen zu mähen und die Bäume und Blumen zu sprengen. Die beiden grossen Papageien sitzen heute Morgen in einem anderen hohen Baum und kreischen markerschütternd. Sie kommen schliesslich immer tiefer und klettern dann in einen kleinen, aber sehr blattreichen Baum. Diese Blätter schmecken ihnen offenbar. Es sind herrliche Tiere, die ich über eine Stunde beobachte und schöne Fotos machen kann.

Einige der schönen Kardinalsvögel sehe ich auf den Kakteen sitzen, etliche Kolibris schwirren herum, und die Kois suchen laut schmatzend an den Teichufern nach Futter. Die üppigen Bougainvilleen prunken in der Morgensonne, und es gefällt mir hier so gut, dass ich am liebsten eine Weile bleiben würde. Mit Grauen denke ich an den verlorenen Tag, den wir in Lima haben werden und an den baldigen Heimflug und die vielen Stunden der Warterei in den Flughäfen. Umso mehr geniesse ich jedoch die Gunst der Stunde. Hier kann man es gut aushalten.

 

Hier ist jetzt Ende des Sommers, das heisst, die Zeit der Weinlese ist gekommen. In Körben und Kisten werden die zuckersüssen Trauben zur Presse gebracht. Der Saft läuft dann von einem Becken ins nächste, bis er in Tonkrüge (Amphoren) abgefüllt wird. Wir können den ganzen Werdegang vom Traubensaft über die Destillation bis hin zum verkaufsfertigen Pisco anschauen. Und dann wird natürlich degustiert. Mindestens 6 – 8 verschiedene Pisco-Varianten werden uns angeboten, aber ich werde einen Teufel tun, bei dieser Affenhitze um die Mittagszeit Schnaps zu trinken. Die anderen machen fleissig mit und vertragen das auch.

Anschliessend gehen wir in die Bodega nebenan, wo wir zu Mittag essen zu lauten Karibikklängen. Hier besprechen wir auch das Programm für den nächsten Tag, an dem der fakultative Flug zu den berühmten Nasca-Linien angesagt ist. Diese riesigen Scharrbilder in der Wüste sind bis zu 300 Meter gross und nur aus der Luft zu erkennen. Sie sind eine Hinterlassenschaft der Nasca-Kultur und sollen ca. 1800 Jahre alt sein. Bis heute haben sich Wissenschaftler aus aller Welt an diesen Scharrbildern die Zähne ausgebissen und das Rätsel ihrer Bedeutung ist nach wie vor ungeklärt.


 

Nichtsdestotrotz sind diese Linien in der Wüste, die u.a. einen Kolibri, einen Affen, Hände usw. darstellen, für viele Menschen total faszinierend. Ich hatte diese Linien schon mehrmals im Fernsehen gesehen, und da mir in kleinen Flugzeugen (Cessna) meist sowie so schlecht wird, wollte ich von vorne herein nicht fliegen. Als Orlando dann sagte, dass der 30minütige Flug 100 Dollar (allerdings inklusive 2stündiger Autoanfahrt) kosten sollte, wollten nur noch Ulli und Brigitte fliegen. Wir anderen hatten in diesem Fall Freizeit bis 13.00 Uhr.

Gegen 16.00 Uhr kommen wir verschwitzt im Hotel „Las Dunas" an und haben nun Freizeit. Ich bekomme ein riesengrosses, komfortables Zimmer mit Veranda direkt an einem schönen Teich gelegen, in dem jede Menge grosser Kois schwimmen. Nach einer erfrischenden Dusche schnappe ich Sonnenhut und Kamera und streife durch die Anlage. Ich komme aus dem Staunen nicht mehr raus, denn in diesem grossen, parkähnlichen Gelände, das von einer hohen Mauer umgeben ist, gibt es traumhaft schöne Bäume und blühende Büsche und Sträucher, vor allem Bougainvilleen in allen Farben. Ich entdecke einen Golfplatz, über den eine Herde Truthähne mit Nachwuchs spaziert, Alpakas grasen und Kaninchen ungestört vor sich hin mümmeln. Eine Reitanlage mit einem Dutzend Pferden und etlichen Fohlen gibt es ebenso wie Federvieh in allen Varianten, vom Huhn bis zum Pfau ist alles vorhanden. Jede Menge Hühner in grosser oder kleiner Variante fühlen sich hier wohl. Gegen Abend fliegen sie in die Bäume und schlafen dort.

 

Aber er macht auch Ausnahmen und lässt sich zwischendurch blicken zu unserem Leidwesen. Nachdem wir die 8-Millionenstadt Lima hinter uns gelassen haben, fahren wir immer parallel zum Pazifik auf der berühmten Panamericana. Bald tauchen die ersten grossen Sanddünen auf, die sich hintereinander auftürmen. Im Bus wird auf den Monitoren ein Film gezeigt und Frühstück serviert, alles wie im Flugzeug, wohl aber mit mehr Beinfreiheit. Klar, wir fahren ja auch erster Klasse.

Die peruanische Küstenwüste sowie die anschliessende Atacama, ist die trockenste Wüste der Welt und trist dazu. Grau und menschenfeindlich liegt sie da und ist nur dünn besiedelt. Oft sehen wir halbverfallene, elende Häuser.

Etwa 1 ½ Stunden vor der Stadt Ica kämpft sich die Sonne durch. Ab uns zu entdecken wir eine kleine Oase, wenn es Grundwasser oder einen Fluss gibt, der das Land bewässert. Aber schon nach wenigen Kilometern hat die grenzenlose und abweisende Wüste wieder das Sagen.

Nach vier Stunden Nonstopp-Fahrt setzt uns der Bus am Hotel Las Dunas in Ica ab, und dieses Hotel war eine grosse Überraschung. Wir hatten eher an ein einfaches Haus in der Wüste gedacht, aber weit gefehlt, denn hier waren wir in einer wahren Oase gelandet. Bevor wir diese jedoch erkunden konnten, ging es schon wieder rein in einen Kleinbus mit unserem hiesigen Führer namens Orlando, der wenig und schlecht Deutsch sprach. Mit einem neuen Kleinbus fuhren wir durch die nichtssagende Stadt Ica mit 245.000 Einwohnern zum archäologischen Museum, wo wir vor allem sehr gut erhaltene und schöne Keramiken der verschiedenen Kulturen anschauen konnten, die hier in diesem Gebiet gesiedelt hatten, nämlich die Paracas- Nasca- und Inka-Kulturen.


 

Hier wurden auch viele Mumien ausgestellt, die in der Wüste gefunden worden waren. Durch die extreme Trockenheit dieser Wüste verwesen die Leichen nicht, und Grabräuber hatten nahezu alle Gräber geplündert und die Mumien ans Licht gezerrt. Bis heute liegen Mumien einfach so in der Wüste herum. Die Menschen wurden damals in Embryonalstellung, also ganz zusammengekauert, beerdigt, nachdem man sie in feinste Totentücher gehüllt und ihnen kostbaren Schmuck und andere Grabbeigaben mitgegeben hatte.

In anderen Vitrinen konnten wir auch wieder trepanierte Schädel sehen. Es ist unglaublich und geradezu phänomenal, dass schon vor Jahrhunderten ohne Betäubung menschliche Schädel geöffnet und mit Goldplatten wieder verschlossen werden konnten und die operierten Menschen weiterleben konnten.

Wieder draussen angekommen, haut mich die unwahrscheinliche Hitze fast um, es ist schier unerträglich heiss. Wir fahren zur Oase Huacachina, einem kleinen See inmitten hoher Sanddünen. Dem Wasser wird Heilwirkung zugesprochen, und die Menschen baden darin und fahren mit Tretbooten. Mich fasziniert ein knallroter Kardinalsvogel.

Und weiter geht es zu einem Weingut, auf dem uns die Herstellung des Pisco gezeigt werden soll. Pisco ist ein Traubenschnaps, der für das Nationalgetränk Pisco Sour benötigt wird und der angeblich weltbekannt sein soll. Ich habe noch nie davon gehört, kenne mich in Sachen Alkohol allerdings auch nicht aus.

 

Unsere Gruppe war komplett, als wir um 19.00 Uhr in das Restaurant „Hacienda Moreyra" einkehrten. Es war tatsächlich eine ehemalige Hacienda, die aus dem 17. Jahrhundert stammt, und es war das superfeudalste Haus, das ich wohl je betreten habe. Riesige Silbervasen waren mit ebensolchen roten Rosensträußen bestückt, die auf wertvollen kolonialen Antiquitäten standen. Überall riesige Ölbilder der „Ahnen" an den Wänden und wertvolle Kronleuchter an den Decken. Alles in gediegenem, gedämpften Licht und mit festlich-edel gedeckten Tischen. Es war so nobel und vornehm, dass ich mich total unwohl fühlte, denn der Geist der ehemaligen „Herrenmenschen" war für mich förmlich zu spüren. Die Menschen, die hier einkehrten, waren ellenbogenstarke Geldmenschen, die gleiche Sorte wie zu Zeiten der Sklaverei. Das ging mir total gegen den Strich und ich wäre am liebsten auf der Stelle umgedreht. Alle anderen genossen diese feudale Atmosphäre, während ich dachte, dass mir hier der Bissen im Halse stecken bleiben würde. Gitte maulte, ich würde ein Gesicht machen wie Mutti, wenn ihr was nicht passte. Und es passte mir wirklich nicht. Andererseits wollte ich mich nicht ausschliessen und alleine irgendwo hocken, also grummelte ich eine Weile rum und blieb.

Die anderen gingen total locker mit dem Ambiente um, während ich mir in meiner einfachen Urlaubskleidung wie das Lieschen vom Lande vorkam. Gitte hatte passender Weise ihren neuen Alpaka-Seidenschal umgelegt und sah damit schick und elegant aus. Kurzum, das Essen war hervorragend, der Service auch. Zum Dessert wollte ich etwas ganz Exotisches, von dem niemand wusste, was es war. Aber alle wollten probieren. Gitte rief den Kellner und bestellte dieses eine Dessert mit „nine spoons". Der Kellner war aber keineswegs irritiert oder gar pikiert, sondern meinte lachend, dass neun Löffel auf dem Tisch liegen. Das Dessert kam und wurde reihum probiert mit neun Löffeln und für lecker befunden. Von Gitte habe ich auf dieser Reise einiges gelernt, nämlich, wie man sich mit Charme durchsetzt.


 

Später sassen wir noch eine Weile in der Hotelbar zusammen und sagten Gitte und Daniela schweren Herzens Auf Wiedersehen. Es tat mir sehr leid, dass Gitte die folgenden Tage nicht miterleben konnte und nach Hause fliegen musste. Aber es war eine ganz besondere und eine wunderbare gemeinsame Reise gewesen, die uns unvergesslich bleiben wird.

Am nächsten Morgen hiess es um 5.00 Uhr aufstehen. Um 5.30 Uhr sollten wir frühstücken, aber Frühstück gab es hier offiziell erst um 6.30 Uhr. Ich überlegte, wie Gitte sich jetzt durchgesetzt hätte, und siehe da, es funktionierte. Ich reklamierte an der Reception, und blitzschnell ging das Licht im Frühstücksraum an und Zackzack wurden Brötchen etc. aufgetragen. Geht doch!

Um 6.00 Uhr wurden wir zum Busbahnhof gefahren, bekamen unsere Tickets für den lokalen Luxus-Doppeldeckerbus und starteten pünktlich um 7.00 Uhr zu unserer 4stündigen Fahrt in Richtung Süden durch die peruanische Küstenwüste nach Ica.

Wir restlichen sieben Leute sitzen alle oben und hätten einen schönen Blick über die Landschaft gehabt, wenn heute nicht wieder ein Garua-Tag gewesen wäre. Garua ist der berüchtigte Küstennebel, der alles Grau in Grau taucht und normalerweise von Mai bis September herrscht.

 

Eine Militärkapelle spielt sehr schön „El condor pasa", dazu marschieren zwei Gruppen von Soldaten in ihren schönen blauroten Uniformen im Stechschritt. Irgendein „hohes Tier" erscheint im Portal, es ist ein Hin- und Hermarschiere in festgelegtem Ritual. Dann spielt die Kapelle den Eingangsmarsch aus Aida und der ganze Spuk löst sich wieder auf. Wir hatten auf einer Parkbank gestanden und einen prima Blick auf das Spektakel.


 

Unsere schwarze Limousine erwartete uns und fuhr uns dann quer durch die Stadt zum Pazifik. Wir wollten die gemeinsame Reise dort beenden, wo wir sie begonnen hatten, nämlich in der „Rosa Nautica", jenem exklusiven Gourmettempel auf Stelzen direkt im Pazifik. Wenn man in einer schwarzen Limousine vorfährt, kann man Klamotten tragen, wie man will, dann gehen alle Türen auf. Wir fanden einen schönen Tisch auf dem Balkon direkt über den Inka-Seeschwalben und verspeisten Gewürzreis mit Meeresfrüchten, schauten den Surfern, den Seeschwalben und den heranbrausenden Wellen des Meeres zu und liessen diese traumhaft schöne Reise noch einmal an uns vorbeiziehen.

Gut eine halbe Stunde liefen wir anschliessend in heisser Sonne am Pazifikufer entlang, stiegen dann viele Treppen hoch, um oben auf der Steilküste durch gepflegte Parkanlagen noch eine weitere Stunde zu laufen. Die ganze Zeit faszinierten uns die heranbrausenden Wellen, die bei jedem Zurückfliessen krachend den Uferkies mit sich rissen. Das hörte sich jedes Mal so an, als würde ein Kieslaster ausgekippt.

Als die Fussgängerpromenade zu Ende war und wieder der Mordsverkehr begann, wollten wir ein Taxi nehmen. Der angesprochene Fahrer wartete jedoch bereits auf Kundschaft, rief uns aber sofort ein anderes Taxi und handelte für uns einen guten Preis aus. Im Olivenpark vor unserem Hotel sassen wir dann noch eine Weile und erzählten, danach hatten wir noch ein bisschen Siesta bis zu unserem unweigerlich letzten gemeinsamen Abendessen.

 

Bald sind wir wieder in Poroy und steigen hier aus, weil wir damit eine Stunde Zeit einsparen. Rasch sind wir wieder in unserem Hotel, wo Gitte schon am Vorabend für 19.30 Uhr den gleichen 9er-Tisch reserviert hatte wie zuvor. Wir sitzen pünktlich am Tisch, nur Gitte fehlt. Einer meinte, sie wollte noch eine Tasche oder Koffer oder ähnliches kaufen für ihre vielen gekauften Sachen und ich solle meine Schwester suchen gehen. Im Zimmer war sie nicht. Ich dachte schon, sie hätte sich vielleicht hingelegt und wäre eingeschlafen, aber als ich an die Rezeption ging, kam sie eiligen Schrittes und ziemlich hektisch gerade zur Tür rein. Sie hatte im Indiomarkt eine Tasche gefunden.

Wir hatten wieder ein feines Abendessen, dieses Mal mit Anden-Panflöte und gingen dann bald ins Bett, denn auch morgen ist wieder um 5.30 Uhr Frühstück angesagt.

Um 6.15 Uhr werden wir abgeholt und zum Flughaf


 en gebracht. Rasch bringt uns der Flieger aus dem kühlen Cusco auf 3.300 Metern Höhe in das auf Meereshöhe liegende, 31° heisse Lima. Das ist für uns nach den vielen Hochlandtagen ein richtiger Schock. Heute ist unser letzter gemeinsamer Tag, denn morgen früh beginnt für den Grossteil der Gruppe das Nachprogramm, während Gitte und Daniela nach Hause fliegen. Gitte war es wegen verschiedener privater Unternehmungen zeitlich zu eng und Daniela fand das Nachprogramm nicht so attraktiv. Das hatten beide zumindest vor der Buchung der Reise gedacht. Nun jedoch tat es ihnen leid, und sie wären gerne mitgekommen.

Wir kommen in Lima also wieder zu dem schon bekannten Hotel El Olivar, und wegen der heiss-schwülen Luft will ich mir gleich was Luftiges anziehen. Als ich meinen Koffer öffnen will, stelle ich mit Schrecken fest, dass ich den Schlüssel zu meinem Sicherheitsschloss am Koffer in Cusco neben dem Kühlschrank habe liegen lassen. Aber ein hilfsbereiter Boy kommt gleich mit einer Riesenzange und knackt das Schloss.

Unbelastet von Rucksack und Kamera nehmen Gitte und ich uns das noble Hoteltaxi in Form einer schwarzen Limousine und lassen uns zur Plaza Mayor im Zentrum fahren, wo wir ein bisschen durch die Fussgängerzone bummeln und uns die Läden und Restaurants anschauen. Als wir nach einer Weile wieder zur Plaza Mayor zurückkommen, sehen wir eine grosse Menschenmenge, die sich vor dem Regierungsgebäude versammelt hat. Überall sind Soldaten mit Maschinengewehren postiert, andere tragen Schutzschilder. Wir fragen einen Polizisten, was los sei. Es ist mittags, 12.00 Uhr, da ist täglich für 20 Minuten Wachwechsel angesagt.

 

Dicke Wolken ziehen heran, und es beginnt zu regnen. Erst ganz leicht, dann leider sehr stark, so dass wir die Kameras weg- und die Regensachen auspacken. In strömendem Regen laufen wir hinunter durch die Ruinen, die inzwischen von vielen Touristen bevölkert sind und hören Elisas Ausführungen zu. Gegen 13.00 Uhr beenden wir unseren Rundgang. Da der Regen immer heftiger wird, ist an unser geplantes Hinablaufen entlang der Orchideenstrasse leider nicht zu denken. Und so nehmen wir den nächstbesten Shuttlebus und fahren hinunter nach Aguas Calientes, wo wir rasch ein sehr ansprechendes Restaurant finden, in dem ein offenes Feuer für Gemütlichkeit sorgt.

Elisa setzt sich zu Gitte und mir an den Tisch und wir bestellen exotische Gerichte, die mit wunderschön geschnitzen Karotten-Kunstwerken dekoriert sind. Gitte hat einen Goldfisch, Elisa eine Schildkröte und ich einen Inkakrieger. Das Essen ist sehr gut und sehr teuer.

Um 15.30 Uhr fährt unser Superzug wieder los Richtung Cusco, und wir freuen uns, dass wir Machu Picchu zumindest in der ersten wichtigsten Stunde bei Sonnenschein erleben durften. Was für eine sagenhafte Reise ist das! Gitte und ich stellen fest, dass wir uns sehr viel näher gekommen sind und jederzeit wieder zusammen verreisen würden. Nach unserem in der Vergangenheit sehr schwierigen Verhältnis zueinander ist dies das grösste Kompliment, das wir uns machen können.


 

Wir fahren immer an den sagenhaft tobenden und schäumenden Stromschnellen des Urubamba entlang und werden nicht müde, dieses wilde Wasser anzuschauen. Ich fotografiere unentwegt. Ich habe auf dieser Reise zum ersten Mal eine Digitalkamera dabei und zu Hause schon fleissig geübt.

Steil ragen die Felswände in die Höhe. Linker Hand taucht ein schneebedeckter Vulkan auf. Zahllose Orchideen und riesengrosse blühende Bromelien sitzen in den flechtenbehangenen Bäumen. Gelbe und orangefarbene Blüten leuchten weithin, dazu die hohen Blütenstängel der Agaven, hier eine ganz filigrane Art.

Bis Ollantaytambo ist die Fahrt aufregend und abenteuerlich, dann weitet sich das Tal, und die landwirtschaftliche Nutzung beginnt mit Ackerbau und Viehzucht. Unser Zugpersonal sorgt für einen echten Gag, denn sie präsentieren sich als Models und führen uns edle Alpaca-Kleidung vor in Form von Pullis, Ponchos und Umhängen. Dazu tanzt einer in einer eigenartigen Verkleidung mit Kopfputz. Wir haben keine Ahnung, was es darstellen soll, finden die ganze Sache aber zum Schreien komisch. Das ist ein bisschen so, als würden z.B. unsere bayrischen Zugbegleiter den japanischen Touristen im Zug Lederhose, Dirndl und Schuhplattler vorführen. Gitte lacht so, dass ihre sonnenverbrannte Lippe platzt.

 

Bei Kilometer 82 beginnt der legendäre Inkatrail, auf dem man in 3 – 4 Tagen Machu Picchu auf einer tollen Wanderung erreicht und dabei einen Pass in 4.100 Metern Höhe überwinden muss. Keine leichte Tour, aber sehr reizvoll. Das könnte mir gefallen.

Wir sind inzwischen fast 2000 Meter tiefer als bei der Abfahrt, es wird wärmer und die Vegetation tropisch und üppig. Orchideen, Bromelien und zahllose Farne „fliegen" an uns vorbei. Es ist so, als würden wir durch einen botanischen Garten fahren, und immer entlang an den tosenden Wassern des Urubamba. Phantastisch schön!

Gegen 9.30 Uhr kommen wir in Aguas Calientes an. Dieses Städtchen ist total auf Massentourismus eingestellt. Es gibt einen grossen Indiomarkt, jede Menge Restaurants und Hotels mit saftigen Preisen. Hier steigen wir in einen Shuttle-Bus, der uns 8 km weit auf einer Schotter-Serpentinen-Strasse hinauf nach Machu Picchu fährt. Allein diese Fahrt ist umwerfend, denn die Vegetation begeistert mich total. Orchideen, wohin man blickt in hell- und dunkelrosa, ganze Büschel und wie ausgesät blühen sie da. Dazu viele gelbe ballonartige Blüten, die wir nur zu gerne genauer anschauen würden. Wir überlegen, den Rückweg zu Fuss zu gehen, denn Zeit haben wir genug.


 

Als wir oben ankommen, sind wir sprachlos über die gigantische Berglandschaft um uns herum. Riesige dunkle Bergkegel türmen sich hintereinander auf, tief unten fliesst der wilde Urubamba. Elisa geht forschen Schrittes voran und dann gleich bergauf, da wir zu den ersten Besuchern des Tages gehören. Wir keuchen mühsam in der schwülen Luft hinter ihr her und sind bald oben auf dem „Heiligen Felsen", einem Plateau, von dem aus man den berühmten Rundumblick auf Machu Picchu hat. Wir sind einfach überwältigt. Überwältigt, dass wir nun wirklich und tatsächlich die imposante und mächtige Inkastadt mit eigenen Augen unter uns liegen sehen und überwältigt von der Grossartigkeit der Bergwelt um uns herum, die so beeindruckend und gewaltig ist, dass einem schier die Worte dafür fehlen. Diese grüne Bergwelt beeindruckte uns noch weit mehr als die Inkaruinen von Machu Picchu, die inzwischen wolkenfrei im Sonnenschein vor uns lagen. Wir stehen staunend und ehrfürchtig da und geniessen die Magie der Stunde.

Derweil erklärt uns Elisa einige der Theorien um Machu Picchu, seine Geschichte und Entdeckung 1911 durch Hiram Bingham. Nie haben die Spanier diese Stadt entdeckt, weil sie so schwer zugänglich hoch oben in den Bergen liegt.

 

Nach einer Weile laufen wir weiter durch zahllose Lädchen und kommen wieder zur Plaza de Armas und zur Avenida El Sol, der Hauptstrasse von Cusco, an der auch unser Hotel liegt. Wieder ist Feierabendverkehr mit grauenhaft verpesteter Luft, und wir sputen uns. Von diesem Stadttag hatten wir nicht viel erwartet, aber er war reich an Erlebnissen und Eindrücken und hat uns sehr gefallen. Der Zauber-Teppich geht mir nicht mehr aus dem Kopf.

Das Restaurant unseres Hotels ist bis auf einen Tisch für 5 Personen komplett besetzt und man bedauert, dass man uns keinen Tisch anbieten kann. Da kennen die Kellner aber Gitte schlecht. Mit Charme aber Bestimmtheit erreicht sie, dass der Oberkellner – ein ganz smarter Typ – nicht widerstehen kann und innerhalb von 30 Minuten haben wir einen wunderschönen Tisch für neun Personen. Gitte wird behandelt wie unsere Chefin. Dafür haben die Kellner einen Blick. Hat sie ja auch toll hingekriegt, und wir freuen uns alle.

Am nächsten Morgen sitzen wir schon um 5.00 Uhr beim Frühstück. Um 5.30 Uhr werden wir abgeholt und zum Bahnhof gefahren, denn heute steht uns ein weiterer Traumtag bevor: die legendäre Inkastadt Machu Picchu. Es regnet ziemlich, als wir am Bahnhof von Cusco ankommen. Dort erhalten wir unsere Tickets für den „Vistadome", einen sehr komfortablen Zug, der uns in drei Stunden Fahrt 110 km weit durch das heilige Tal der Inka nach Machu Picchu bringen soll. Wir haben reservierte Plätze in diesem Panoramazug und fahren pünktlich um 6.00 Uhr los. In mehreren Spitzkehren fährt der Zug vor und zurück, um die Steigung zu überwinden bis auf 3.800 Metern Höhe.


 

So früh am morgen wachen die Menschen langsam auf. Von unserem erhöhten Sitz können wir in die Innenhöfe der Häuser schauen, die am Wege liegen. Wenige geteerte Strassen gibt es hier, die durch den Regen aufgeweicht und schlammig sind. Überall laufen Hunde herum, die es wirklich in grosser Zahl gibt.

Inzwischen scheint die Sonne wieder, und nachdem wir das Städtchen Poroy hinter uns haben, wird es sehr ländlich, grün und fruchtbar. Viehherden, Esel, Schweine, grosse Mais- und Kartoffelfelder. Teilweise fahren wir durch ein breites flaches Tal, dann wieder türmen sich hohe Berge rechts und links von uns auf. Vom Bordpersonal bekommen wir ein Getränk, Sandwiches und Schokokuchen serviert wie im Flugzeug. Wir fühlen uns prächtig und geniessen diese Fahrt in vollen Zügen.

Dann fahren wir durch eine enge Schlucht. Überall blühen die Aloen und schöne gelb-rote Glöckchen, die ich noch nie gesehen habe. Lange Flechten hängen von den Ästen oder Sträuchern. Nach zwei Stunden sind wir im Urubambatal. Dieser Fluss Urubamba hat wegen der Regenzeit Hochwasser und begleitet uns während der ganzen weiteren Fahrt mit seinen wilden Wassern und schäumenden Stromschnellen.

 

Wohl gestärkt hatten wir nun Freizeit bis zum Abend und steuerten die vielen kleinen Gässchen des angrenzenden Künstlerviertels San Blas an, die sich steil bergan und bergab zogen. Die Gruppe haben wir gleich zu Anfang verloren bzw. Gitte und ich wollten in Ruhe auf eigene Faust schauen und entdecken und haben die Gruppe ziehen lassen.

In einem malerischen Innenhof entdeckten wir ein Geschäft, das u.a. völlig ausgefallene und sehr ungewöhnliche Wandteppiche ausgestellt hatte. Der in Peru und auch darüber hinaus bekannte Künstler Eddie Sulca hat eine neue Webtechnik entwickelt, die auf perfekte Weise eine Dreidimensionalität suggeriert, die einen magisch anzieht. Besonders ein Teppich zog mich in seinen Bann. Ich hatte das Gefühl, in einen langen Flur gezogen zu werden, in dessen Zentrum sich ein Inka-Gesicht befand. Ich kam von dem Teppich gar nicht mehr los und musste ständig hinschauen und mich förmlich entziehen, denn wie mit Magie zog es mich in diesen Teppich hinein. Man kann das gar nicht erklären, man muss es sehen. Jedenfalls war ich hin und weg von diesem Teppich, überlegte hin und her, aber angesichts der teuren Reise und der anstehenden Zahnbrücke war dieses edle Teil einfach nicht mehr drin. Ich tröstete mich damit, dass ich ja auch gar keinen optimalen Platz dafür hatte, damit dieses Kunstwerk seine volle Wirkung entfalten kann. Aber dann fiel mir doch ein Platz dafür ein. Nun gut, ich habe den Teppich nicht gekauft, aber immerhin durfte ich ihn fotografieren und davon träumen. Er ging mir einfach nicht mehr aus dem Kopf.


 

Gitte hat einen traumhaft schönen und hocheleganten Schal aus Alpaka und Seide entdeckt in pink-bordeau-silber Tönen. Ein wunderschönes Stück, das besonders auf Schwarz perfekt aussieht. Sie überlegte eine Weile, dann kaufte sie dieses feine Stück.

Wir zogen weiter durch viele Galerien und auch in einen Schamanen- und Bioladen. Dann begann es leicht zu regnen, und wir wollten das von Elisa beschriebene Café Heidi aufsuchen, das von einem Deutschen geführt wurde. Schliesslich fanden wir es, aber wenn wir nicht die vertrauten Torten wie Apfel- und Käsetorte usw. gesehen hätten, wären wir gar nicht auf die Idee gekommen, dass hier irgendetwas deutsch sein könnte. Da wir sowie so noch pappsatt vom Mittagsbüffet waren, tranken wir nur einen Koka-Tee und erzählten. Schade, dass man keine Kokablätter mit nach Hause nehmen darf, denn die fallen in Deutschland unter das Betäubungsmittelgesetz und man wird bestraft. Diese Blätter werden seit alters her von den Indios gekaut, weil sie gegen Hunger und Kälte und die Höhenkrankheit helfen, in dem sie das Blut verdünnen.

 

Weiter geht es zu den Inkaruinen von Saqsaywaman, die für mich die schönsten und eindrucksvollsten waren. Es ist ebenfalls ein Riesenkomplex mit zum Teil riesigen Steinquadern. Der grösste Stein wiegt 140 Tonnen, und es ist kaum vorstellbar, wie die Menschen damals diese Steine so Millimeter genau bearbeiten und dann transportieren konnten. Bisher hatte ich für Ruinen, die ich ziemlich respektlos „Bröckele" nannte, nicht viel übrig, aber diese Inkaruinen beeindrucken und begeistern mich immer mehr.

Wir fahren wieder ein Stück bergab und halten bei einer grossen Kirche, die wir aber nicht anschauen müssen, sondern den Ausblick über die roten Dächer von Cusco geniessen. Dann geht es hinab ins Zentrum zur Plaza de Armas mit einer gigantischen Kathedrale, die wir nun aber doch anschauen. Diese Kathedrale hat eine Grundfläche von 4000 qm und ist damit eine der grössten Kirchen Südamerikas. Sie weist den üblichen Gold- und Silberprotz der spanischen Kathedralen auf, was ich ja nun überhaupt nicht mag, Kunst hin oder her. Als Elisa sagt, dass ihrer Meinung nach kein Kreuz in einer Kirche verehrt werden dürfte, weil im Namen des Kreuzes Abertausende Menschen umgebracht wurden, kann ich ihr innerlich nur beipflichten. Ihr Zorn auf die Spanier, die dieses Land ausgeplündert und seine Menschen zu Tausenden umgebracht haben, ist sehr deutlich.


 

Diese Frau imponiert mir immer mehr. Sie ist intelligent und gebildet, hat Humor und Zivilcourage und ist mir ausgesprochen sympathisch. Elisa hat als junges Mädchen ein Stipendium bekommen und 5 Jahre in Zürich Anthropologie, Geschichte und Völkerkunde studiert. Die Schweiz hat ihr sehr gefallen, aber die abweisende Haltung und Ablehnung durch die Schweizer haben sie den Tag herbeisehnen lassen, dieses Land endlich verlassen zu können. Sie sei oft als Zigeunerin beschimpft worden und hat nur wenige aufgeschlossene Menschen dort gefunden.

Was für ein Glück für uns, diese phantastische Reiseleiterin zu haben. Elisa hat übrigens 12 Jahre lang für den deutschen Alpenverein in Peru Trekkingtouren geführt und kennt auch den legendären Inkatrail wie ihre Westentasche. Knieprobleme zwangen sie schliesslich, das Trekking aufzugeben. Eine tolle Frau mit Charisma und Ausstrahlung.

Wir gehen quer über die Plaza de Armas, die von vielen Häusern im Kolonialstil mit wunderschönen Holzbalkonen umgeben ist. Elisa führt uns in den ersten Stock eines Hauses, in dem wir das sehr ansprechende Restaurant „La Retama" finden. Hier gibt es ein sagenhaft leckeres und vielfältiges Büffet. Hocherfreut und hungrig probieren wir all diese Köstlichkeiten wie Lachsforelle, Alpaka, Meerschweinchen und Huhn, aber auch diverse andere Spezialitäten wie Quinoabällchen, Maniokstangen, Süsskartoffelcreme mit Orangen- und Zitronensaft – ganz besonders lecker – und nicht zu vergessen ein feines Salatbüffet und zum Schluss Kokosflan, Schokopudding und Apfelstrudel. Der anschliessende Espresso war allerdings so granatenstark, dass ich nachmittags Magenflattern bekam.

 

Um 9.00 Uhr werden wir von unserer neuen Reiseleiterin Elisa abgeholt, denn Benito hat sich am Vorabend von uns verabschiedet und ist zurück nach Puno gefahren. Und Elisa war mit Abstand die beste Reiseleiterin, die wir hatten. Eine kleine Frau von ca. Ende 40 mit viel Ausstrahlung und Selbstbewusstsein. Unser neuer Bus steht pünktlich vor der Tür, und wir staunen wieder mal über die perfekte Organisation dieser Reise, die wirklich überall hervorragend klappt.

Es ist sehr frisch draussen, und wir fahren zuerst zum Kloster Santo Domingo. Ich fürchte schon wieder eine Kathedralentour, nicht so bei Elisa, denn dieses Kloster wurde auf den Mauern des alten Inka-Sonnentempels Coricancha erbaut. Elisa geht es nur darum, uns die unvergleichliche Architektur der Inka-Baumeister näher zu bringen, die alle Steinmauern in einem nach innen geneigten 12°-Winkel erbauten und mit trapezförmigen Fenstern versahen. Diese Bauweise war und ist erdbebensicher. Für Peru ganz wichtig, das ja immer wieder von verheerenden Erdbeben heimgesucht wird.


 

Die Spanier haben auf und um die Mauern dieses alten Sonnentempels die Kathedrale konventionell erbaut mit dem Ergebnis, dass die Kirche bei jedem Erdbeben prompt dem Erdboden gleichgemacht wurde. Nur die alten Inkamauern blieben unversehrt stehen. Wir bewundern diese unglaubliche Inka-Bauweise, in der Steinquader quadratisch oder rechteckig - manchmal mit 10 Ecken – so perfekt zusammengefügt wurden, dass nicht die schmalste Ritze entstand. Bei unserem Rundgang kommen wir an einem Saal vorbei und Elisa meint: „In diesen Raum gehen wir nicht, da hängen nur die Klamotten der Priester". Herrlich!

Dann fahren wir mit dem Bus einige Kilometer aus Cusco heraus bergauf und sind bald wieder auf 3.700 Metern. Zu Fuss laufen wir zur Inkaruine Tambomachay, einem Tempel, der zur Verehrung des Wassers erbaut wurde und wieder diese faszinierenden Steinquader aufweist. Eine schwarze Eselmutter und ihr kleines Fohlen weiden in der Nähe.

Weiter geht es zu den Ruinen von Qenco, wo wir die ungewöhnlichen schlangenförmigen Opferrinnen bewundern, die in die Felsen gemeisselt sind. Es wird vermutet, dass man eine Mischung aus Maisbier und Lamablut als Opfergabe durch diese Rinnen gegossen hat. Das Lama war für die Inka ein heiliges Tier. Hier wurde eines in den Felsboden gemeisselt. Es ist eine faszinierende Anlage, die mich auch wegen der herrlichen Irisblüten begeistert, die überall wild zwischen den Felsen blühen. Wunderschöne, zartblaue Blüten wachsen hier in Mengen.

 

Unser Kellner erwartet uns schon freudestrahlend. Hier hören wir zum ersten Mal keine peruanische Musik, sondern uralte Anschleicher aus den 60er und 70er Jahren. Da bekommt man gleich Lust zu tanzen. Die Speisekarte ist in Spanisch und Englisch, und so komme ich auch dem Geheimnis vom „Guinea Pig" endlich auf die Spur, denn ich konnte mir bisher nicht vorstellen, was Schweine aus Guinea in Peru zu suchen haben. Es ist einfach die englische Bezeichnung für Meerschweinchen. Ich bestelle mir heute wieder Alpakasteak, Gitte entscheidet sich für Meerschweinchen. Da jeder von uns etwas anderes bestellt, sind die Köche ganz schön gefordert, aber so nach und nach trudelt das Essen ein. Riesenportionen, die besser aussehen als schmecken. Mein Alpakasteak besteht aus zwei Teilen, der erste Teil ist zart und gut, der zweite zäh und ledrig und bleibt liegen. Ich bin zu alt für was Schlechtes!


 

Gitte muss am längsten auf ihre Meersau warten und alle witzeln und lästern. Wir sind gespannt, was sie wohl serviert bekommt. Schliesslich bekommt sie das ominöse Gericht. Das Meerschweinchen ist ganz dunkelbraun und in vier Teile geschnitten und besteht fast nur aus Haut, die offenbar nicht sehr überzeugend schmeckt. Es ist fast kein Fleisch dran, und obwohl Gitte nie grosse Portionen isst, wird sie nicht satt. Es wird sicher das einzige Meerschweinchengericht ihres Lebens bleiben. Aber immerhin hat sie es mal probiert.

Obwohl wir gesagt hatten, dass wir separate Rechnungen wünschen, bekamen wir nur eine Rechnung, auf der alles zusammen stand. Also ging eine wilde Auseinanderrechnerei los, die noch erschwert wurde, weil nicht alle in Soles, der Landeswährung bezahlten, sondern auch in US-Dollar. Der Kellner schaute ziemlich irritiert, aber nach langem Hin und Her hatten wir alles auseinander gefieselt und legten die entsprechenden Scheine auf den Tisch, was den Kellner ganz schön ins Schwitzen brachte, denn er musste alles nachrechnen. Hat aber gestimmt.

Am nächsten Morgen sind meine Lippen geplatzt und meine Gesichtshaut pellt sich ab. Mein Husten löst sich langsam, ansonsten geht es mir wieder prächtig. Bei allen blätterte die Haut ab, immer noch eine Erinnerung an unseren ersten Sonnentag im schönen Colca-Tal.

 

Mittlerweile wird es sehr schwül und beginnt zu donnern, als wir weiter fahren durch dieses schöne Tal. Überall wächst Eukalyptus, das zum Hausbau und für alles Mögliche verwendet wird. Es wächst sehr schnell, braucht aber viel Wasser, und davon gibt es hier genug. Nach dem Essen hängen wir faul und schläfrig in unseren Sitzen. Draussen regnet es leicht, als wir im kleinen Dorf Andahuaylillas Halt machen. Natürlich müssen wir die Dorfkirche besichtigen, wie könnte es anders sein. Aber diese Kirche ist erstaunlich, denn sie gilt als die schönste des peruanischen Hochlandes und ist in der Tat erstaunlich prächtig mit einem riesigen vergoldeten Altar, der gerade restauriert wird. Solch eine Kirche würde man in diesem kleinen Dorf niemals vermuten.

Vor der Kirche stehen Riesenbäume, die voller langer Flechten hängen, was ich sehr ungewöhnlich finde. An der Ecke des Dorfplatzes befindet sich ein Waldorfladen mit wunderschönen Puppen. Da es inzwischen ziemlich regnet, sitzen wir bald wieder im Bus. Alle – bis auf Gitte. Ich werde losgeschickt, sie zu suchen und gehe schnurstracks in den Puppenladen. Dort packt sie gerade zwei handgearbeitete Puppen ein, jede etwa 35 cm gross und mit schönen Kleidern. Der ganze Bus lacht, weil Gitte wieder „zugeschlagen" hat. Nun braucht sie wirklich noch einen Koffer oder eine Tasche, denn in ihrem Mini-Trolley kann sie das alles unmöglich unterbringen. Dachten wir!


 

Dann kommen wir durch einen kleinen Ort, in dem mindestens 10 Restaurants Meerschweinchenspezialitäten anbieten. Im nächsten Ort bieten alle Lokale Schweinespezialitäten an. Schon seltsam.

Schliesslich erreichen wir bei Sonnenschein die Stadt Cusco, die auf 3.300 Metern Höhe liegt und etwa 480.000 Einwohner hat. Cusco war die Inka-Hauptstadt und bedeutet: Nabel der Welt. Wer dachte nicht schon alles, er sei der Nabel der Welt!

In Cusco sind wir nicht weit vom Stadtzentrum an der Hauptstrasse im feinen Hotel José Antonio untergebracht, das u.a. einen sehr gepflegten Patio aufweist und eine schöne Bar hat. Da wir heute nicht viel gelaufen sind und noch Bewegungsbedürfnis haben, gehen wir gleich los durch die Hauptstrasse, weil wir auf der Post unsere Karten einwerfen wollen. Es ist ein Mordsfeierabendverkehr und noch viel mehr Gehupe und Abgasgestank, dass man kaum zu atmen wagt. Auf dem Weg zur Post schauen wir bei einem sympathischen Restaurant hinein und sagen dem wartenden Kellner, dass wir später zum Essen kämen.

Wir finden die Post, sind danach aber von Verkehr, Lärm und Gestank total entnervt und gehen zurück. Im Indiomarkt schauen wir noch mal vorbei, aber inzwischen sind wir so satt von all den Kaufmöglichkeiten und ausserdem macht das Kaufen an den freien Indioständen unterwegs viel mehr Spass als hier in den Hallen.

 

Unsere Strecke führte uns wieder in die geliebten Berge auf eine Hochebene in 4000 Meter Höhe, die von der Cordillere rechts und links begrenzt wurde. Viele kleine Wasserläufe und Seen durchzogen die Landschaft. Ab und zu waren einzelne Häuser hingestreut. Den Wegesrand dekorierten schöne gelbe Blüten, die Margariten ähnlich aussahen. Überall Quinoa- und Kartoffelfelder und viel Vieh. Erstaunlich oft sahen wir hier die Caracaras, eine Raubvogelart. Auch Adler und Andengänse und Ibisse fanden sich ein.

Wir staunen, dass es auf der Höhe von 4.100 Metern immer noch so viele Rinder gibt, aber offenbar finden sie genug Futter hier. Die Gegend ist recht dicht besiedelt, weil fruchtbar. In La Raya erreichen wir den Hochpass mit 4.338 Metern, hier ist das Altiplano – also das Hochland – zu Ende. Auf der Passhöhe weht ein kalter Wind, aber selbst hier haben die Indios grosse Stände mit tollen Alpakasachen aufgebaut. Hier kaufe ich den fünften und letzten Alpakapulli in hell- und dunkelgrau, ein wunderbarer Schmusepullover. Gitte schlägt auch wieder zu, und die ganze Gruppe lacht darüber, weil sie anfangs gesagt hatte, dass sie nichts kaufen wolle auf der Reise. Sie braucht nun einen zusätzlichen Koffer oder eine Tasche, um all ihre Schätze unterbringen zu können.


 

Nun verlassen wir das schöne Altiplano, und es geht rapide bergab – aber nicht mit uns. Wir sind guter Dinge. Die Landschaft wird immer grüner und fruchtbarer, denn wir durchfahren das Vilcanota-Tal. Der Fluss Vilcanota, der sich später Urubamba und zuletzt Ucayali nennt und dann in den Amazonas mündet, bewässert das ganze Tal. Grosse Mais- und Kartoffelfelder, dicke Bohnen und Getreide wachsen hier. Überall sehen wir Hinweisschilder auf „Chicha", das Maisbier, das hier jeder gerne trinkt. Früher kauten die Indiofrauen die Maiskörner weich und spuckten sie dann in einen grossen Topf, das war dann die Grundlage für die Maisbiergärung. Heute geht es wohl meistens hygienischer zu. Hier sprechen die Menschen auch nicht mehr Aymara, sondern alle Quechua.

In einem kleinen Ort finden wir ein Restaurant, das einen wunderschönen Blumengarten hat, den wir ausgiebig bestaunen. Hier wachsen Korn- und Ringel- und Mittagsblumen, Dahlien und Goldmohn und viele andere. An einem kleinen Verkaufsstand finde ich ein kleines Vicuna aus Bronze, für das sich zu Hause noch ein Plätzchen findet. Dann gehen wir ins Lokal und verputzen ein leckeres Büffet. Nur Ulli kann nichts essen, er hat heute Magenkrämpfe.

Den nächsten Halt machen wir in Rahti, weil hier die grössten bzw. höchsten Inkaruinen stehen, die es gibt. Es ist eine 50 ha grosse, sehr interessante Anlage, in der ca. 20.000 Inkas gelebt haben sollen. Wir durchstreifen die 10 Meter hohen Mauern und Türme, die vermutlich als Depot für Lebensmittel, Waffen und Kleidung gedient haben. Und ich bin auch von den herrlichen Blumen überall begeistert.

 

Nach 3 Stunden erreichen wir den Schilfgürtel und sind dann auch bald wieder im Hotel. Zum Abendessen gibt es ein Fest für Augen und Magen, während wir eifrig über Familienbande und –beziehungen diskutieren. Puno erstrahlt wieder über den See, die Stadt, die wir gar nicht kennen gelernt haben, weil wir abends keine Lust mehr auf Eigenunternehmungen haben. Wir sind so voller Eindrücke und Erlebnisse, dass uns keine Stadt mehr aus dem Sessel locken kann.

Um 21.30 Uhr beginnt ein heftiges Gewitter, und wir freuen uns über das Wetterglück, das wir auch heute wieder hatten.

Am nächsten Morgen fahren wir schon um 6.45 Uhr los, denn heute haben wir 395 km bis Cusco vor uns. Benito erzählt uns, dass er in Puno ein kleines Haus mit 73 qm und einem Stück Land für 1.500 US-Dollar gekauft hat, damit seine beiden Kinder dort studieren können. 1.500 Dollar sind hier viel Geld. Sein Haus hat ein Wellblechdach, unter dem es im Winter eiskalt und im Sommer brütend heiss wird. Aber wenigstens ist es regendicht. Im Winter wird es hier im Hochland bis minus 20° kalt, und die meisten Häuser der Einheimischen haben keine Heizung.


 

Dann kommen wir durch Juliaca, einer Stadt mit 245.000 Einwohnern, die den höchstgelegenen Flughafen der Welt auf 3.800 Metern hat. Hier hatten wir schon unsere Zwischenlandung auf dem Flug von Puerto Maldonado nach Arequipa. Es ist ein Chaos aus Lärm, Fahrradtaxis, Gehupe und bunten Läden und Märkten überall. Eine schreckliche Stadt, die wir schnell durchfahren.

Ausserhalb der Stadt ist die Landschaft nur dünn besiedelt, aber grün und fruchtbar. Überall Esel, Schafe, Rinder und Lamas. Dann geht es bergauf und wir kommen nach Pucara, wo wir ein kleines archäologisches Museum besuchen. Auf der uralten, ziemlich heruntergekommenen Kirche sitzen zwei wunderschöne grosse Ibisse, die ich noch nie gesehen habe. Derweil erzählt uns Benito, dass hier die Hunde nur deswegen gehalten werden, damit sie die menschlichen Exkremente entsorgen. Wenn sich jemand aus der Familie also ein Stück weit in die Pampa begibt, laufen die Hunde freudig hinterher, weil es bald was zu futtern gibt…. ! Und es ist offenbar, dass er das selber auch so handhabt. Also das finde ich schon schrecklich. Wir sahen allerdings bei vielen Häusern und Hütten kleine separate Klohäuschen stehen. Also alle handhaben das sicher nicht so. Überhaupt fanden wir diesen Benito erzkonservativ traditionell. In jedem zweiten Satz kam Mama, Papa und Huahua vor, also Mutter, Vater und Kind. Wir hatten manchmal den Eindruck, dass für ihn die Welt vor der Haustür zu Ende war.

 

Es ist heiss geworden inzwischen, und wir laufen gut eine Stunde bergan, was uns schwer zu schaffen macht. Immerhin sind wir auch wieder auf 4.030 Metern Höhe. Es ist eine liebliche, sehr fruchtbare Insel voller Terrassenfelder, die üppig grün leuchten. Die Menschen hier tragen alle Tracht und sind an viele Besucher gewöhnt. Zurzeit kommen etwa 400 Touristen jeden Tag, die sich ganz gut verteilen, aber im Juli/August kommen täglich etwa 2000. Das würde mir nicht mehr gefallen.

Von der Höhe aus können wir die Sonneninsel sehen, die schon zum bolivianischen Teil des Sees gehört.


 

Wir kommen auf der Plaza de Armas an, wie alle grossen Plätze in den Stadt- oder Ortszentren heissen. Hier stehen eine kleine verwitterte Kirche und das Rathaus. Alte Männer stricken aus hauchdünner Wolle mit dünnen Nadeln die inseltypischen Mützen in rot und weiss mit komplizierten Mustern. Es dauert etwa einen Monat, bis so eine Mütze fertig ist. Mützen, die in der oberen Hälfte weiss sind, zeigen an, dass der Träger noch zu haben ist. Verheiratete Männer haben nur rote Mützen an.

Überall blüht hier die Cantuta, die Inkablume in einem kräftigen Pink. Dazwischen die schönen lila Blüten der vielen Kartoffeln und blaue Lupinen. Ganz oben am Berg angekommen, erreichen wir über einen Schleichweg ein kleines Freiluft-Restaurant mit atemberaubendem Blick über den Titicaca-See, der uns majestätisch zu Füssen liegt. Wir lassen uns eine leckere Gemüsesuppe und gebratene Forelle schmecken. Dann geht es 540 holprige Felsstufen bergab zum kleinen Hafen, wo unser Boot wartet. Nach der Lauferei und dem Essen sind wir alle faul und dösen auf der Heimfahrt mehr oder weniger vor uns hin. Ich sitze im Freien und lasse mir den Wind um die Nase wehen, passe aber auf, dass mich die knallige Sonne nicht wieder verbrennt. Gitte hat es sich im Bootsinneren zu einem Mittagsschläfchen gemütlich gemacht.

 

Nun also wollten wir die Uros besuchen und fuhren eine ganze Weile durch das schöne grüne Tortora-Schilf. Überall tummelten sich Enten, Riesenblässhühner, Ibisse und Möwen. Dann sehen wir die strohfarbenen Hütten und Boote der Uros, ein ganzes schwimmendes Dorf. Unser Boot steuert eine bestimmte Insel an, auf der eine Grossfamilie mit ihren 23 Kindern lebt, die alle Rotznasen haben und barfuss laufen. Ein gerupftes Blässhuhn liegt in der Mitte, und uns werden Schilfstengel zum Essen angeboten. Wir kauen ein bisschen drauf herum, es schmeckt nach nichts, ist aber saftig.

Die Kinder singen uns ein Liedchen und klatschen in die Hände, und wir kaufen ein paar schöne Sachen bei den Frauen. Die Männer bauen gerade an einem neuen grossen Schilfboot. Mich befremdet das Ganze etwas, ich empfinde diese Form zu leben als sehr primitiv und angesichts der Kälte und ewigen Nässe auch abschreckend. Die Menschen machen aber keineswegs einen unglücklichen Eindruck, sie kennen es nicht anders bzw. wollen es auch nicht anders.

Mit einem Schilfkatamaran werden wir zu einer Nachbarinsel gerudert. Diese ist an sich nicht für Touristen geöffnet, aber wir dürfen trotzdem aussteigen. Hier lebt eine kleine Familie. Der junge Vater fuhr gerade mit seinem Sohn zum Fischen ab, als wir ankamen. Eine uralte, zahnlose Frau sass an eine Hütte gelehnt und kaute Kokablätter. Es schwankte und muffelte überall modrig. Die 22jährige Mutter hatte bereits 4 Kinder. Auf mich wirkte das alles ziemlich elend und primitiv, und ich war entsetzt, wie man so leben kann.

Hinter dem Strohhaus suchten zwei kleine schwarze Schweine nach etwas Fressbarem, ein Stück weiter standen ein Nachtreiher und mehrere schwarze Sichler im Schilf. Sie müssen aufpassen, dass sie nicht verspeist werden.


 

Ich bin froh, als wir wieder in unser Boot steigen und weiterfahren. Die Sonne kommt raus und wärmt uns langsam auf. Nach einer halben Stunde Fahrt haben wir den Schilfgürtel hinter uns gelassen und fahren auf den offenen See hinaus. Der Titicaca-See ist rund 10 Mal so gross wie der Bodensee und gehört etwa zur Hälfte Bolivien. Die Grenze geht mitten durch den See, aber es ist nur eine politische Grenze. Das Volk der Aymara wohnt hüben wie drüben.

Benito erzählt uns wieder über Land und Leute und dass die Aymara-Familien im Schnitt 7 – 8 Kinder haben, von denen meist 2 – 3 sterben, was als normal angesehen wird.

Der See hat bei Sturm oft über 2 Meter hohe Wellen und schweren Seegang, bei denen kein Boot mehr fahren kann. Es hat schon Reisegruppen gegeben, die auf dem Boot übernachten mussten. Das wird uns hoffentlich nicht passieren.

Der See ist fast menschenleer. Nur ab und zu sieht man ein kleines Motorboot. Es gibt 38 Inseln im See, davon etliche ganz kleine, die unbewohnt sind, aber auch etliche, auf denen Menschen siedeln und gut leben können. Wir wollen heute die Insel Taquile besuchen. Die Sonnen- und die Mondinsel hören sich auch verlockend an, aber beide liegen in Bolivien und sind zu weit weg.

Nach etwa 3 Stunden Fahrt legen wir an der Insel Taquile an, auf der 2000 Menschen, aber kein einziger Hund und keine Katze leben. Hier stricken die Männer, und die Menschen werden ungewöhnlich alt, weil sie allesamt kein Fleisch essen, wohl aber viel frischen Fisch. Die Menschen haben eine sehr dunkle Hautfarbe.

 

Über Puno ziehen sich dicke Wolken zusammen, und es donnert ordentlich. Ich verziehe mich wieder in mein Zimmer, denn ein Gewitter mit Hagel ergiesst sich krachend über den See. So ist das anscheinend fast jeden Nachmittag. Nun bin ich also wirklich und wahrhaftig am Titicaca-See, den ich vom Hörensagen schon aus Kindertagen kenne und bisher nur mit dem Finger auf der Weltkarte dort war. Unglaublich, dass man einfach hinfahren kann.

Um 19.00 Uhr treffen wir uns am offenen Kamin in der Lobby und schauen auf das wunderschön beleuchtete Puno bei Nacht am anderen Seeufer. Im feinen Restaurant eine Etage tiefer bestellen wir lauter Delikatessen. Ich weiss aus dem Reiseführer, dass Mitte des letzten Jahrhunderts Felchen und Lachsforellen aus USA und Kanada hier im Titicaca-See ausgesetzt wurden. Diese Raubfische haben die heimischen Fische stark dezimiert und sind inzwischen die Hauptspeisefische. Die Felchen heissen hier Pejerrey. Und so kommt es, dass ich Felchen aus dem Titicaca-See essen kann, und zwar in einer Honig-Sesamkruste mit Knoblauch, frittiertem Gemüse und Lauchstroh obenauf. Sehr ungewöhnlich, sehr lecker. Anschliessend sitzen wir noch am munter prasselnden Feuer und erzählen Reisegeschichten.


 

Am nächsten Tag ist wieder ein frühes Frühstück angesagt, und um 7.00 Uhr fahren wir mit dem Boot los zu den schwimmenden Inseln der Uros. Die Uros sind ein ganz besonderer Stamm, der sich weigert, sich registrieren zu lassen und an Land sesshaft zu werden. Sie haben aus dem Tortoraschilf in dicken Schichten Inseln geschaffen, auf denen sie seit Jahrhunderten traditionell leben ohne fliessendes Wasser, ohne Strom und Heizung. Dabei wird der Titicaca-See selbst im Sommer nicht wärmer als 10 – 12 °. Sie essen alles, was sie am und im See finden, sogar die jungen Stängel des Tortora-Schilfs. Viele sind chronisch erkältet, haben Rheuma und viele andere Krankheiten, und ihre Lebenserwartung ist niedrig. Dennoch weigern sie sich, an Land zu siedeln und bezeichnen sich nicht als Peruaner, sondern als eigenes Volk. Es leben etwa 1.500 Menschen auf diesen schwimmenden Inseln, von denen einige für Touristen offen sind, denen die Uros handwerkliche Dinge wie gewebte Tücher und Taschen, geschnitzte oder aus Schilf hergestellte kleine Boote verkaufen.

 

Auf der Weiterfahrt besuchen wir ein altes Aymara-Ehepaar auf ihrem Gehöft. Gerade werden die Lamas und Alpakas zum Hof gebracht. Vom ummauerten Innenhof aus geht man zu verschiedenen Räumen. Die Küche befindet sich im Freien, ebenso ein Gehege, in dem eine ganze Schar Meerschweinchen in allen Grössen lebt. Zwei sind hochträchtig und so dick, dass sie kaum noch laufen können.

In einer am Dach aufgehängten Flasche befindet sich eine dünne weisse Schlange in Alkohol. Nach 2 – 3 Jahren soll die Mischung aus Schlangengift und Alkohol sehr wirksam gegen Rheuma helfen.

Auf einer Art gemauerter Tisch sind in verschiedenen Schalen gekochte lila und rotgelbe Kartoffeln und diverse Zutaten angerichtet. Die Pellkartoffeln stippt man in eine Lehmsauce und isst sie dann. Sowohl die Kartoffeln als auch die Lehmsauce schmecken sehr gut. Ich bekomme einige kleine Saatkartoffeln, die ich im Kübel ziehen möchte. Die Lehmsauce dürfte bei uns schwieriger zu realisieren sein.


 

Im Innenhof gibt es auch noch ein kleines Feld mit Kartoffeln und Quinoa, und der alte Mann zeigt uns, wie man mit dem Grabstock Kartoffeln pflanzt.

Wir fahren weiter auf der Hochebene und sehen plötzlich den Titicaca-See vor uns. Dann sind wir auch schon in Puno, einer Stadt mit 180.000 Einwohnern. Unser Hotel liegt jedoch ausserhalb der Stadt, worüber wir froh sind, denn nach soviel traumhaft schöner Natur steht uns der Sinn jetzt nicht nach lärmig-stinkender Stadt. Unsere neue Bleibe liegt direkt am Ufer des Titicaca-Sees und entpuppt sich als neues Luxushotel mit allem Komfort und dem aufmerksamsten Personal, das man sich denken kann. Mein komfortables Riesenzimmer hat zwei französische Betten. Vom Balkon aus sehe ich über den See und auf Puno und höre die Riesenblässhühner krakeelen. Da hält mich nichts mehr, ich muss an den See.

Ich bin noch nicht ganz die Treppe runter, da hält mir ein Boy schon die Tür auf und zeigt mir den Weg zum hoteleigenen Steg auf den See. Dieser Steg ist ca. 300 m lang und führt über den mit Entengrütze übersäten Uferbereich bis zur Anlegestelle der kleinen Boote. Hier wächst überall das hohe Tortora-Schilf, zwischen deren Halmen Wasservögel wie Enten und Reiher und schwarze Sichler ihr Futter suchen. Auch ein „Seepferdchen", ein Boot aus Schilf, dümpelt in der Entengrütze.

 

Auf dieser weiten Hochebene gibt es viele kleine Wasserläufe, Seen und Moore, auf denen die schönen schwarz weissen Andengänse schwimmen. In einem idyllischen See stehen eine Menge wunderschöner Flamingos, und Riesenblässhühner krakeelen und streiten wie bei uns am Bodensee. Am Ufer grasen Alpakas. Ein friedliches, wunderschönes Bild. Es gibt übrigens 3 Millionen Alpakas in Peru, davon allein 1 Million im Bezirk Puno.

Auf der Wasserscheide auf 4.500 Metern liegt ein Riesensee. Dort machen wir Stopp bei kleinen windschiefen WC-Häuschen. Eine Menge Indios haben hier ihre Stände aufgebaut, und obwohl es kalt ist, steht uns der Sinn nach Kaufen. Es macht viel mehr Freude, auf diesen kleinen freien Indiomärkten zu kaufen als in der Stadt. Gitte kauft schöne Pullis und Jacken für ihre Enkel, ich finde eine tolle Jacke und herrlich warme Pantoffel aus Alpakafell, die ich jetzt anhabe, während ich diesen Bericht schreibe, denn draussen liegt Schnee und es ist ungemütlich kalt.

Unsere Strasse führt uns langsam weiter bergab in eine flache weite Hochebene, die besiedelt ist. Kleine Dörfer tauchen auf und immer mehr Rinder, dafür kaum noch Alpakas. Wir erreichen die „Talsohle" auf 3.800 Metern und sind nun auf der Höhe des Titicaca-Sees. In Sillustani nehmen wir Abschied von Rosi und bekommen einen neuen Reiseleiter, einen Indio namens Benito vom Stamme der Aymara, die hier rund um den Titicaca-See bis weit nach Bolivien hinein zu Hause sind und als eigene Sprache das Aymara sprechen und ganz besondere Traditionen pflegen. Benito spricht viel langsamer und daher besser verständlich als Rosi, aber er war schon ein sehr eigenartiger Kauz.


 

Benito führt uns bergan zum wunderschönen Umayo-See auf 4.100 Metern, in dem Anden-Gänse, viele Blässhühner und Enten schwimmen. Wir folgen langsam und keuchend. Da ich meinen Hut im Bus vergessen habe, wickle ich meinen langen Schal um den Kopf, damit ich mir ja nicht noch mehr die Haut verbrenne, denn die Sonne sticht wieder gewaltig vom Himmel. Benito erklärt uns die Mentalität und das Leben der Aymara-Indigenas, den Glauben und ihre Rituale, die Sitten und Bräuche und die sehr enge Verbundenheit mit der Pachamama, der Erdenmutter. Er selbst lebt sehr traditionell.

Sillustani ist eine archäologische Stätte, denn hier befinden sich die sogenannten Chullpas. Es sind die bis 12 Meter hohen Grabtürme der Colla und Inka, die hier ihre Toten prachtvoll mit vielen kostbaren Grabbeigaben bestatteten. Peruanische Archäologen fanden 1971 einen noch nicht geplünderten Chullpa, in dem sie 4 kg Gold und viele Schmuckstücke entdeckten. Alle anderen Türme wurden von Grabräubern geplündert.

Auf einer Wiese zwischen den Grabtürmen führt ein alter Mann ein 3 Wochen altes Vikuna-Baby an einem Strick. Ich streichle das superweiche Fell des kleinen Tierchens, das viel lieber bei seiner Mutter wäre, als von fremden Menschen angefasst zu werden. Ich darf dem Kleinen die Flasche geben, und es trinkt gierig. So ein zartes Wesen! Vikunas sind selten und kostbar und haben eigene Schutzgebiete. So auch hier auf einer kleinen Insel im Umayo-See. Dort lebt eine einzige Familie, die eine geschützte Vikuna-Herde betreut.

 

Zum Abendessen erschien Gitte mit ihrem schönen neuen beigefarbenen Alpaka-Pullover, und ich trug meine blaue Jacke. Hier gab es wieder was Feines aus der peruanischen Küche, die uns bestens in Erinnerung bleiben wird. Gitte nahm Alpaka-Geschnetzeltes, ich entschied mich für Lachsforelle aus den reissenden Gebirgsflüssen hier. Beides war delikat.

Früh gingen wir ins Bett, denn am nächsten Morgen war um 5.00 Uhr Aufstehen angesagt. Wir hatten die 400 km lange, aber grandiose Fahrt durch das zentrale Hochland zum Titicaca-See vor uns.

Am nächsten Morgen – es ist Samstag, der 09.03. und wir sind vor einer Woche gestartet – brennt mein Gesicht wie Feuer. Um 5.45 Uhr sitzen wir beim Frühstück. Zum ersten Mal seit zwei Tagen ist Maria wieder dabei. Ihr geht es immer noch nicht gut, und sie ist leichenblass und sieht elend aus. Daniela hat heute Magen-Darm-Probleme, alle anderen haben verbrannte Gesichter.

Es ist sehr kühl am Morgen, und unsere neuen Alpakasachen sind hochwillkommen. Um 6.30 Uhr fahren wir auf guter Strasse los und schrauben uns in die Berge hinauf in eine einsame, karge Bergwelt, wo nur noch das harte Ichugras wächst. Das ist die Heimat der Andenkamele, also der Lamas, Alpakas, Guanakos und Vikunas. Immer höher kommen wir. Reif liegt über der Landschaft, und die kleinen Seen und Lachen tragen eine Eisschicht. Und wieder sehen wir den schneebedeckten Vulkan El Mismi, wo der Amazonas als kleines Rinnsal entspringt und man nicht ahnen kann, dass er zum mächtigsten Fluss der Erde anschwellen wird. Auf der Plateauhöhe von 4.800 Metern angekommen, finden wir uns in einer Mondlandschaft aus Steinen ohne jeden Bewuchs. Aber ein kleiner Andenhase findet auch hier noch sein Auskommen. Er sitzt auf einem Felsen und wärmt sich an den ersten Strahlen der Sonne.


 

Auf 4.910 Metern – dem höchsten Punkt unserer Reise – steigen wir aus und sind überwältigt von der grandiosen Einsamkeit und der grenzenlosen Weite dieser eiskalten Steinlandschaft. Die Stille und Erhabenheit vermitteln einen Eindruck von Ewigkeit. Es ist, als würde die Zeit stillstehen, als wären wir auf einem anderen Planeten. Unfassbar, unbeschreiblich, ergreifend.

Wir fahren wieder ein wenig abwärts und sehen dann vereinzelte Hütten mit Pferchen, in denen die Lamas und Alpakas die Nacht verbracht haben. Nach und nach werden die Tiere auf die freie Weide gelassen und streifen in grossen Herden umher. Sehr viele Jungtiere sind dabei.

Bei dem einsamen Rasthaus, das wir auf der Herfahrt schon kennengelernt haben, trinken wir einen Koka-Tee gegen die Höhenkrankheit, dann geht es weiter. Uns begegnet nur ganz selten ein anderes Fahrzeug. Die ganze Zeit fahren wir auf einem Hochplateau zwischen 3.800 und 4.500 Metern Höhe. Die Sonne kommt raus, und es wird angenehm warm. Die Landschaft erinnert mich oft an die sanften einsamen Hügel der Mongolei, die ich so liebe. Nur, dass hier Alpaka- anstatt Pferdeherden ihr Auskommen finden und die Menschen anders gekleidet sind.

 

Total beeindruckt fahren wir weiter und kommen in ein kleines, ärmliches Dorf, wo wir ein kleines Restaurant für das Mittagessen finden. So einfach das Haus auch ist, das Essen ist hervorragend. Ich habe heute Sopa Criolla und Alpakasteak bestellt. Und vor allem das Alpaka ist superzart und feinwürzig. Hm!

Auf einmal beginnt es zu donnern, der Himmel hat sich grau zugezogen, dann beginnt es zu regnen. Als wir zurückfahren, ist das ganze Tal Wolken verhangen. Die strahlende Schönheit des Morgens kann man jetzt nur noch erahnen. Was hatten wir doch wieder für ein Wetterglück am Morgen mit all unseren Traum-Eindrücken.

Während der ganzen Fahrt ist uns heute kein einziger PKW begegnet, dafür aber viele Einheimische mit ihren Tieren, vor allem mit Eseln.

Als wir gegen 16.30 Uhr wieder in Chivay ankommen, ist es empfindlich kalt geworden, und ich ziehe meine neue Alpakajacke an. Gitte geht schlotternd in ihr Andenhaus, die meisten anderen gehen mit Rosi zum Markt des kleinen Dorfes, das ärmlich wirkt und mit den regennassen Naturstrassen keinen einladenden Eindruck macht.


 

Der Markt ist aber doch interessant. Hier gibt es zwar auch Alpakasachen und Andenken aller Art, aber auch Haushaltsgegenstände und vor allem viele Lebensmittel, denn die Einheimischen kaufen auch hier. Vor allem viel Alpakafleisch wird angeboten. Halbe oder ganze Alpakas findet man in Mengen. Ich finde einen schönen beigen Flausch-Pullover sowie Socken und Handschuhe, natürlich alles Alpaka.

Beim Abtrocknen nach der abendlichen Dusche brennt mir die Gesichtshaut und ich stelle erschrocken fest, dass mein Gesicht knallrot verbrannt ist. Und obwohl ich mit Repair-Creme und Aloe Vera und etlichen anderen Cremes ein ums andere Mal versuchte, meine Haut zu retten, pellte sie sich einige Tage später doch. Und das ging Allen so, einige waren ganz schlimm verbrannt. Wir hatten alle die enorme UV-Strahlung in dieser Höhe unterschätzt und waren schlichtweg unvorsichtig gewesen. Ab sofort gingen wir nur noch eingecremt und mit Kopfbedeckung.

 

Wir schauen und schauen und merken nicht, wie heiss die Sonne brennt und haben vergessen, wie gefährlich die UV-Strahlung in dieser Höhe ist, so gebannt sind wir von diesem einmaligen Schauspiel.

Nachdem ich auf dem Indiomarkt eine schöne blau gemusterte Alpakajacke gekauft habe, laufen wir etwa 1 Stunde lang abseits der Strasse in einen Seitenweg und geniessen die phantastischen Ausblicke in dieses traumhafte Tal. Was für ein Fest für die Augen und Sinne! Die dünne Luft hier auf 4.000 m.ü.M. macht das Gehen mühsam, und wir bewegen uns ganz langsam. Gitte hatte sich wegen der kühlen Temperaturen vom Vortag sehr warm angezogen und blieb zurück, um ihre Strumpfhose auszuziehen.

Auf einmal kommt uns ein winzigkleines altes Mütterlein entgegen. Die Frau mag vielleicht 1,40 m klein und 80 Jahre alt sein. Unsere Begleiterin Rosi fragt sie, ob wir sie fotografieren dürfen. Wir dürfen und geben ihr ein bisschen Geld. Da ist sie so fassungslos und überglücklich, dass sie fast zu weinen beginnt und eine lange Tirade loslässt, wovon wir natürlich nichts verstehen, aber begreifen, dass dieser Tag für sie ein Glückstag ist. Sie bedankt sich ein ums andere Mal und läuft dann mit ihren winzigen Füsschen weiter zu Tal. Auch wir kehren langsam um und sehen, wie die alte Frau Gitte die Hand auf den Arm legt und freudestrahlendend auf sie einredet. Und natürlich bekommt sie auch von Gitte etwas und zieht dann glücklich plappernd von dannen.


 

Mit dem Bus fahren wir nun nochmals zum Cruz del Condor, weil wir doch einen Blick in den Colca-Canyon werfen wollen, diese 1.200 Meter tiefe Schlucht, die der Colca-Fluss geschaffen hat. Als wir dort ankommen, herrscht immer noch dicker Nebel, weswegen keine Menschenseele ausser uns hier ist. Aber der Nebel meint es gut mit uns, denn er verzieht sich genauso schnell, wie er morgens gekommen ist, und wir haben unbeschreibliche Blicke in diese mächtige Schlucht. Man kann die Schönheit und die Erhabenheit dieser Landschaft kaum beschreiben. Es ist ergreifend und macht stumm, wenn man am Abgrund steht und einerseits in diesen Canyon hinab und andererseits auf die mächtigen Berge und den schneebedeckten Vulkan El Mismi blickt, der sich 3000 Meter über den Canyon erhebt.

Zahllose schmale Wasserfälle rauschen die steilen grünen Abhänge hinunter, und es sieht aus, als ob die Berge hier ein grün-weiss gestreiftes Tuch trügen. Es ist einfach atemberaubend, verzaubernd und so schön, dass man weinen könnte. Gekrönt wird diese ganze Szenerie von einigen Kondoren, die ihre majestätischen Kreise ziehen. Für mich ist hier wieder eine Sternstunde im Leben, die sich mir unauslöschlich einprägen wird.

 

Auf dem Platz davor warten schon eine Menge Indiofrauen und Kinder, denn sie wissen, dass hier am Morgen Touristen vorbeikommen. Sie bieten Selbstgewebtes und Gestricktes, Geschnitztes und viel Alpaka in allen Varianten an. Und einige haben kleine Lamas und Alpakas dabei und auch verschiedene Adler, die man sich auf den Arm setzen lassen kann. Herrliche Vögel sind das, vor allem die scharfen Augen faszinieren uns, und Gitte und ich tragen so einen Vogel auf dem ausgestreckten Arm.

Ein besonders schönes grosses Lama hat bunte Wollfäden an den Ohrspitzen und schaut ganz stolz drein. Alle Bewohner tragen hier ihre bunten Trachten und Hüte, auch die Kinder. Da macht das Fotografieren Spass.

Weiter geht unsere Fahrt durch das grüne und blühende Colca-Tal mit tollen Ausblicken auf die flankierenden Berge und unten auf den Colca-Fluss. An einem Aussichtspunkt mit weitem Blick über dieses fruchtbare Tal entdecken wir ein Viscacha, einen Andenhasen, der zwischen den Felsen perfekt getarnt und nur zu entdecken ist, wenn er sich bewegt.


 

Inzwischen ist es sehr warm geworden, und wir freuen uns über die Sonne. Durch den vierten Fluss rumpeln wir und geniessen die schneebedeckten Berge und die Traumlandschaft um uns herum. Auf einmal werden die Wolken dicker und plötzlich fahren wir durch dicken Nebel. Man kann keine 10 Meter weit mehr sehen. Als wir am Cruz del Condor ankommen, wo wir Kondore erspähen wollten, ist nichts als dicker Nebel zu sehen und enttäuschte Touristen, die vergeblich Ausschau halten. Nichts zu machen. So fahren wir ca. 20 Kilometer zurück an eine Stelle, wo man auch manchmal Kondore sehen kann und hoffen, dass wir Glück haben.

Überall auf der Schotterstrasse laufen die Einheimischen mit ihren Tieren entlang, meist mit ein paar Schafen oder Eseln, aber auch ein paar Rinder und hin und wieder ein Reiter zu Pferd.

Als wir an besagtem Aussichtspunkt ankommen, wo auch wieder eine ganze Reihe Indiofrauen mit ihren Waren auf uns warten, sehen wir sie dann auch, die Könige der Anden. Hoch über uns schwebt ein Kondor im blauen Himmel, dann noch einer und noch einer. Sie sind weit oben und nur schwer zu erkennen, aber dann tauchen andere auf, die viel tiefer fliegen. Und dann schweben einige unter uns durch das Tal über dem Fluss und direkt an uns vorbei. Immer und immer wieder kreisen diese Riesenvögel majestätisch über oder unter uns. Wir sind total begeistert und wie elektrisiert, wenn wieder so ein Prachtvogel elegant vorbei gleitet ohne einen einzigen Flügelschlag. Sie schrauben sich höher und höher in den Himmel und verschwinden einfach. Und unerwartet tief gleiten wieder andere dahin. Es waren sicher 25 bis 30 Kondore, die wir beobachten konnten.

 

Wir gehen früh ins Bett, wo ich mit zwei Pullovern unter einem Berg von Decken verschwinde. Plötzlich zucke ich erschreckt zurück, als ich gegen etwas Heisses, Hartes stosse. Es entpuppt sich als ganz originelle Wärmeflasche, die mir ein guter Geist ins Bett gelegt hat. Man hatte eine Weinflasche mit heissem Wasser gefüllt, den Korken drauf gesteckt und das Ganze mit einem Stoffbeutel umhüllt. Sehr einfach und sehr effektiv. Meine Nieren haben sich über die unerwartete Wärmequelle sehr gefreut.

Um 5.00 Uhr ist Aufstehen angesagt. Es ist sehr kühl und dicke Wolken hängen über den Bergzacken ringsum, aber immerhin regnet es nicht. In der Anlage um unsere Berghütten blühen Rosen und Dahlien, Margariten und Kakteen.


 

Beim Frühstück schwärmen alle von der unerwarteten Wärmeflasche, über die sich alle gefreut haben. Nur Ulli und Brigitte hatten keine, denn als der Boy mit den heissen Flaschen bei ihnen vorbeikam und fragte, ob sie heisses Wasser wollten, haben sie abgesagt, denn sie dachten, dass dieses Wasser zum Trinken gedacht war und wussten nicht, was sie mit zwei Flaschen heissem Wasser anfangen sollten. Auf die Idee mit der Wärmeflasche kommt man ja nun auch nicht.

Nach dem Frühstück scheint die Sonne, und der schneebemützte Vulkan El Mismi mit 5.597 Metern liegt traumhaft klar vor uns. Wir fahren heute durch das Colca-Tal, das mir als eine der schönsten Landschaften, die ich je gesehen habe, in Erinnerung bleiben wird. Vorbei geht es an herrlich grünen Terrassenfeldern mit Quinoa (Andenhirse), lila blühenden Kartoffeln und Gemüse. Unsere Schotterstrasse führt immer am Colca-Fluss entlang, der dieses wunderschöne, 120 km lange Tal geschaffen hat. Im kleinen Dorf Yanque machen wir Halt und werfen einen Blick in die Kirche, die gerade restauriert wird.

 

Bei einem Hochmoor mit kleinen Wasserläufen machen wir Halt und freuen uns über die grossen Herden von Alpakas und Lamas, die durch diese einsamen Weiten streifen. Hier ist ihr angestammter Lebensraum. Im Moment ist gerade Paarungszeit, und die Tiere sind ganz schön munter. Die Trächtigkeit beträgt 11 Monate. Viele Jungtiere laufen mit.

Inzwischen sind wir auf 4.300 m.ü.M. angekommen. Auf den kleinen Altiplano-Seen schwimmen Enten und Riesenblässhühner. Wir sind von dieser grenzenlos einsamen weiten Hochebene ganz begeistert. Solch eine Stille findet man in unserem kleinen Deutschland nirgends mehr.

Auf 4.500 m.ü.M. steige ich aus, weil ich die herrlichen Flechten fotografieren möchte. Ich habe das Gefühl, auf leicht schwankendem Boden zu laufen und bewege mich ganz langsam. Der Körper muss sich an diese Höhe erst gewöhnen. Aber es geht noch höher hinauf auf 4.800 m. Wir fahren durch dicke Wolken am Ende der Welt.


 

Es geht wieder bergab, und bald tauchen die ersten lila und gelben Blüten auf, und die Welt wird wieder freundlicher. An einem Aussichtspunkt halten wir und schauen weit hinunter auf die Terrassenfelder und das Dorf Chivay, das auf 3.800 m im Colca-Tal liegt und in dem wir heute unser neues Bett finden sollen. Ein kleines Mädchen in Tracht nehmen wir mit und geben ihr einiges von unserem Lunchpaket mit.

Die Reis- und Gerstefelder leuchten uns entgegen, als wir um 17.00 Uhr bei unserem Hotel Casa Andina ankommen, und es ist wirklich ein Andenhaus. Das Hauptgebäude mit Empfang, Speiseraum und Lobby mit einigen offenen Kaminen wirkt heimelig und einladend. Die Zimmer sind in kleinen separaten Häuschen untergebracht, die aus Naturstein gemauert wurden und aussehen wie Berghütten. Alles sehr originell und urig.

Mein Gepäckträger schliesst sofort den Radiator an. Er weiss wohl, wie kalt hier die Nächte werden, und ich friere jetzt schon und bin sehr dankbar für diese Wärmequelle.

Abends gehen wir ins Hotelrestaurant, um Essen und Kaminfeuer zu geniessen. Heute ist ein grosses Büffet und peruanische Folklore angesagt. 3 Peruaner und 2 Frauen in knallroten Ponchos machen typische Andenmusik mit Pan- und Andenflöte und Gitarre und Gesang. Ein Pärchen tanzt peruanische Volkstänze, und wir freuen uns an dieser Darbietung in heimeliger Atmosphäre.

 

In der ganzen Stadt, hier wie im ganzen Land, ist sehr viel Polizeipräsenz, und es gibt inzwischen spezielle Touristenpolizei, die auch Englisch spricht. Seitdem gibt es wesentlich weniger Raubüberfälle und uns ein Gefühl der Sicherheit.

Wir fahren zurück zum Hotel und holen die Maria ab, der es total elend geht. Sie ist leichenblass und hat Fieber. Aber wir müssen weiter und Maria muss mit. Irgendwie steht sie den Tag durch.

Unsere Fahrt setzen wir fort in Richtung Cordillere, wobei wir auch einen Pass in über 4.000 Metern Höhe überwinden müssen. Aber wir sind froh, die Stadt verlassen zu können, Natur ist uns lieber. Die nächste Natur ist allerdings eine sehr hässliche, graue Wüstengegend, die aussieht, als wären hier Abraumhalden aufgetürmt. Hier siedeln nur wenige Menschen in kleinen ärmlichen Ziegelhäuschen. Alles ist grau und trocken, es wächst fast nichts und sieht total trostlos aus. Je weiter wir fahren, desto abweisender wird die Wüste, die nun völlig unbesiedelt ist. Und je höher wir kommen, desto dunkler werden die Wolken. Ausser ab und zu einem LKW begegnet uns nichts und niemand.


 

Auf 3.800 Metern Höhe haben wir die Wüste hinter uns gelassen und kommen in das Vikuna-Schutzgebiet. Hier oben im Altiplano wächst nur noch das harte Ichugras, das Futter der Andenkamele. Kleine Lama- und Alpakaherden und ab und zu Schafe weiden hier. Es beginnt zu regnen, als wir die Laguna de Pampa blanca auf 4.000 m.ü.M. durchfahren. Im Hintergrund sehen wir den schneebedeckten Vulkan El Misti mit 5.822 m.

In dieser Einsamkeit wartet ein einfaches Rasthaus mit kleinem Laden auf Kunden und Gäste. Hier vertilgen wir unsere Lunchpakete und trinken dazu echten Koka-Tee, d.h. die Kokablätter werden einfach mit heissem Wasser übergossen. Der Tee schmeckt in etwa so wie Brennesseltee und soll sehr gut gegen die Höhenkrankheit helfen. Man bekommt diesen Tee im ganzen Land, in jedem Lokal und jedem Hotel. Ich habe jeden Tag mindestens eine Tasse getrunken und hatte nie Probleme mit Kreislauf oder Höhenkrankheit.

Auf Sand- und Schotterpiste setzen wir unsere Fahrt fort. Inzwischen haben wir vier Kranke, teils mit Erkältung, teils mit Höhen- oder Magen-Darm-Problemen.

 

Am nächsten Morgen bin ich über den Berg, es geht mir wesentlich besser, und ich habe grossen Hunger. Gitte hatte am Abend zuvor Alpakasteak mit Kräuterauflage gegessen und schwärmt mir davon vor. Das möchte ich auch noch probieren.

Etliche unserer Gruppe sind jetzt auch schwer erkältet. Maria hat Fieber und bleibt im Hotel. Wir geniessen unser Frühstück und fahren dann zum Santa Catalina-Kloster. Aus dem Reiseführer wusste ich schon, dass es unbedingt sehenswert sein soll, und in der Tat waren wir überwältigt von dieser 20.000 qm grossen Klosterstadt mitten in Arequipa, in der auch heute noch ca. 25 Nonnen leben. Hier durchstreifen wir malerische Winkel, Treppen und Innenhöfe und Gassen und lassen uns die Lebensweise der früheren Nonnen erklären.


 

Die Mauern und Bögen sind leuchtend Terracotta und Blau gestrichen, die Farben der Erde und des Himmels. Überall ist viel Grün und Blumen wie Geranien, Winden und Rosen wurden angepflanzt. Gitte wollte unbedingt „Rosencreme" kaufen, die die Nonnen selbst herstellen und die sehr gut sein soll. Im klostereigenen Lädchen fanden wir sie, und ich werde sie auch ausprobieren.

An einem schönen Aussichtspunkt über der Stadt machen wir einen kurzen Halt und streifen durch einen herrlichen Garten, in dem tropische Früchte wie Papaya und Passionsfrüchte angebaut werden. Viele Passionsfrüchte hängen von einem Laubengang herab, und die grossen rosa Blüten sind wunderschön. Auch ein grosses Gehege voller Meerschweinchen finden wir.

Danach folgt die Besichtigung mehrerer Kirchen, das ist nicht mein Programm, und daher habe ich mir nicht einmal die Namen gemerkt. Ich schaue mir lieber die Läden mit den schönen Alpakasachen an. Es gibt hier viele und edle Geschäfte, und in einem Nobelgeschäft fragt Gitte nach Vikuna. Vikuna ist das kleinste der vier Andenkamele, nämlich Lama, Guanako, Alpaka und Vikuna. Die Vikunawolle ist die leichteste, feinste und wertvollste Wolle der Welt. Und hier bekommt Gitte einen langen Schal aus Vikunawolle umgehängt, der 900 US-Dollar kosten soll. Ehrfürchtig fühle ich die superweiche zarte Wolle, das ist was für Königinnen! Aber Gitte legt den Schal zurück. Sie wollte nur wissen, wie sich Vikunawolle anfühlt.

 

Am Flughafen sagen wir unserem kleinen kecken Indioführer Lebewohl und warten dann auf unser Flugzeug nach Arequipa. Im Flughafen befindet sich auch ein kleiner Naturladen, der Arzneien aus dem Regenwald anbietet.

Schliesslich laufen wir über das Rollfeld zu unserem Flieger. Draussen ist es heiss und sonnig, aber innen empfängt uns eine eiskalte Klimaanlage, und prompte niese und schnupfe ich wieder los. Der Flug bis zur Zwischenlandung in Cusco dauert 35 Minuten und befördert uns über 3000 Meter höher auf 3.400 m.ü.M. Frierend steige ich aus und fühle mich hundeelend, wacklig und schlapp. Nach Kaffee, Mineralsalztabletten und Umckaloabo, friere ich zwar immer noch, fühle mich aber etwas besser. Dann geht es rein in den nächsten Flieger zum nächsten Zwischenstopp in Juliaca am Titicaca-See auf 3.850 m Höhe. Überall sind die schneebedeckten Gipfel der Andenvulkane zu sehen. Die Menschen, die über das Rollfeld laufen, sind dick angezogen.


 

Was wir gestern überreichlich an Abenteuer hatten, mussten wir heute büssen, denn der ganze Tag vergeht mit Sitzen, Aussitzen, Absitzen, Rumlungern, Warten. Bei diesem schönen Wetter heute würden wir die Matschwanderung glatt noch einmal machen, um den Sandovan-See und die Insel darin kennen zu lernen.

Aber schliesslich erhebt sich auch der letzte Flieger für uns, und nach 30 Minuten landen wir endlich in Arequipa auf 2.380 m.ü.M. im südlichen Peru, wo die Sonne bei angeblich 20° scheinen soll. „Soll" ist gut, aber tatsächlich empfängt uns die Stadt mit dickem Nebel-Nieselregen bei 15°. Das ist ein Temperaturschock und sehr ungemütlich.

Am Flughafen werden wir von unserer neuen Reiseleiterin namens Rosi abgeholt. In flotter Fahrt sind wir mitten in der Stadt angekommen, deren Zentrum zum Weltkulturerbe gehört. Unser feudales Hotel „Posada del Inca" ist pompös und liegt direkt an der Plaza de Armas. Unsere Zimmer sind im dritten Stock, und dort ist auch die Bar, wo uns der Pisco Sour zur Begrüssung kredenzt wird. Der Säulengang mit den Rundbögen und dem Blick auf die Plaza ist atemberaubend. Zwielichtige Gestalten signalisieren Armut und Kriminalität.

Mir ist so elend, dass ich gleich aufs Zimmer bzw. ins Bett gehe. Im Zimmer stelle ich fest, dass sogar die Flaschenöffner angekettet sind. Alles, was nicht niet- und nagelfest eingebaut ist, wurde angekettet. Das gibt zu denken.

 

Dieses nasskalte Warten mussten einige mit Erkältung bezahlen, und für mich war es natürlich auch nicht gerade günstig, denn ich schnupfte und hustete ja immer noch, obwohl es mir heute schon besser ging.

Aber immerhin konnten wir unsere sehr leckeren Lunchpakete vertilgen und über die vielen Paranuss-Schalen staunen, die hier so ausgebreitet auf den Wegen lagen wie bei uns der Rindenmulch. Die Paranüsse stammen ja aus dem Regenwald, und überall sahen wir sie auf den Märkten und in den Geschäften in allen möglichen Varianten angeboten, entweder pur oder in Puderzucker oder Schokolade gewälzt. Die Schalen werden zurück in den Wald gebracht.

Schliesslich kam unser Boot, und in flotter Fahrt ging es zurück zu unserer Lodge. Wie sehnten wir jetzt unsere heimeligen Bungalows herbei! Trotz Dusche und frischer, warmer Kleidung hatte mich die Erkältung wieder voll im Griff, und ich fühlte mich so schlapp und mies, dass ich sofort ins Bett ging. Das war ein ziemlich harter Tag gewesen, das war Urwald pur, und das wollten wir ja auch kennen lernen.


 

Es hatte fast die ganze Nacht geregnet, und am Morgen triefte und tropfte das Wasser von den Büschen und Bäumen. Die Luft war zum Schneiden dick. Meine Kleidung war nicht trocken geworden, sondern klamm und muffig. In aller Frühe, kaum dass es hell war, streifte ich durch die Anlage, stellte meine total verdreckten Stiefel bei der Lodge ab und entdeckte dann etliche kleine Kolibris und auch die Aras und den Tukan wieder, die die nasse Nacht unter dem schützenden Blätterdach verbracht hatten. Viele Vögel sangen in den Bäumen.

Vorsichtshalber zog ich einen grossen blauen Müllsack über meinen Koffer, denn es regnete schon wieder, und wir mussten mit dem Boot zurück nach Puerto Maldonado.

Um 7.30 Uhr gab es unser letztes Regenwald-Frühstück, dann fuhren wir mit dem Boot immer am südlichen Flussufer entlang und konnten die herrliche Vegetation und die vielen Schmetterlinge bestaunen, die an uns vorbeiflitzten.

Puerto Maldonado empfing uns heiss und schwül. Dort besuchten wir den Markt, wo uns besonders die fremdartigen Früchte und Gemüse usw faszinieren. Hier gibt es erbsengrosse, rote und grüne Chillies, die höllisch scharf sein sollen. So sahen die winzigen Kugeln auch aus. Schwarzen Mais hatte ich auch noch nie gesehen und auch keine gefriergetrockneten Kartoffeln, die jahrelang halten. Überall durch die Strassen fahren massenhaft Mopeds und Mopedrikschas, aber so gut wie keine PKW. Das kann sich hier keiner leisten.

 

Reichlich nass fuhren wir dann weiter zum Tambopata-Naturschutzgebiet. Michael hatte uns gesagt, dass wir unbedingt Regenschutz mitnehmen sollten, und in der Tat zog sich der Himmel bedenklich zu. Gitte hatte gesagt, dass sie unbedingt mal einen richtigen Tropenregen erleben wolle, und zwar hautnah ohne Regenschutz. Ihr Wunsch wurde prompt erfüllt! Als wir im Reservat ankamen, drückte Michael jedem ein langes Aststück in die Hand wegen der vielen „Füchse" (Pfützen). Also, die peruanischen Urwaldfüchse haben schon gigantische Ausmasse, wie wir bald feststellen konnten.

Im kleinen Besucherzentrum trugen wir uns in das Gästebuch ein und sahen uns die Tafeln mit den Abbildungen der verschiedenen Tiere an, die hier leben. So unter anderem auch die so selten gewordenen Riesenotter, aber auch Wasserschweine, Pekaris, Jaguare, Affen, Faultiere, Schmetterlinge und zahllose Vögel.

Der Himmel wurde immer dunkler, und dann bekam Gitte ihren Tropenregen. Wir packten unsere Kameras weg, zogen Regensachen an und marschieren mit unseren Gehstöcken los. Und was dann folgte, war eine reine Schlammpartie. Wir schlitterten und rutschten durch knöcheltiefen Morast und Modder, der uns fast die Stiefel auszog, wateten durch Riesenpfützen und glitten hin und her. Ohne Stock wäre sicher mancher von uns im Dreck gelandet. Der Regen nahm an Stärke zu, dann begann es auch noch zu donnern, und wir waren mitten im Wald! Trotz Regencape merkte ich bald, wie mir das Wasser den Bauch hinunter lief. Wahrscheinlich war der Reissverschluss nicht dicht. Es goss immer stärker, der Donner grollte, grosse Papageien kreischten ohrenbetäubend in den Baumkronen, und einige Affen turnten durch die Bäume.


 

Wir mussten uns höllisch auf jeden Schritt konzentrieren. Nach 5 Kilometern Schlammwalking kamen wir an ein kleines Flüsschen, in dem kleine Holzboote lagen. Michael und noch ein Helfer versuchten, das Wasser aus dem Boot zu schaufeln, damit wir einsteigen konnten, denn wir wollten weiter zum Sandovan-See paddeln und von dort aus auf eine Insel. Es war trotz Regens sehr romantisch, mit dem Boot auf diesem schmalen Flusslauf unter dem gigantischen Blätterdach dahinzugleiten, aber als wir den See erreichten und das schützende Blätterdach nicht mehr über uns hatten, traf uns der Regen mit voller Wucht. Und hier ging auch ein heftiger Wind, der auskühlte. Wir waren ja teilweise nass bis auf die Haut, und Gitte hatte ja absichtlich überhaupt keinerlei Regenschutz dabei. Bei solchem Regen verkriechen sich alle Tiere unter schützende Blätter, und so kehrten wir um. Ohne Regen wäre der See und die Insel sicher zauberhaft schön gewesen.

Wieder im Morast angekommen, befreiten wir Michael zu erst einmal von der Kiste mit unseren Lunchpaketen, die er die ganze Zeit für uns balanciert hatte. An Essen war allerdings bei diesem Regen nicht zu denken, aber wir wollten nicht, dass er die Pakete den ganzen Weg wieder zurückschleppen musste. So stapften und schlitterten und rutschten wir also die 5 Kilometer Schlammpiste wieder zurück. Die „Füchse" waren inzwischen wesentlich tiefer und voller geworden, und ein grosser Baumstamm war quer über den Weg gestürzt. Ganz locker kletterten wir darüber. Wir liefen zurück bis zum Besucherzentrum, einem kleinen, offenen, aber mit Dach versehenen Häuschen. Nass und inzwischen auch ziemlich kalt geworden, mussten wir hier 2 Stunden auf unser Boot warten, das für 17.00 Uhr bestellt war.

 

Bei diesem frühen Marsch durch den Regenwald kommen wir auch wieder an der Buschmeisterstelle vorbei, aber sie hat sich nun Gott sei Dank verzogen, so dass wir ungehindert weiterlaufen können. Überall hören wir Papageien kreischen, von denen es 32 Arten im peruanischen Regenwald gibt. Auch viele andere Vogelstimmen hören wir, aber unsere Augen finden sie nicht in diesem Gewirr von Ästen und Blättern in den Baumkronen. Wir kommen schliesslich zu einem kleinen Flüsschen und damit zu einem steil abfallenden Lehmabbruch. Dieser Lehm enthält Mineralien, die die Papageien täglich aufnehmen müssen, um damit die Giftstoffe zu neutralisieren, die sie mit Blättern und Früchten aufnehmen.

Mit Palmblättern haben die Einheimischen eine Art Versteckwand gebaut und kleine Sehschlitze gelassen, durch die man auf die Lehmwand blicken kann. Grosse Mengen kleiner grüner Sittiche – es sind Weddell-Sittiche – sammeln sich auf einem hohen Baum und machen viel Krach. So nach und nach trauen sie sich immer ein Stück tiefer, bis der erste Mutige an der Lehmwand sitzt. Sofort kommen alle anderen nach und fressen den Lehm. Wie auf ein geheimes Kommando fliegt plötzlich der ganze Schwarm unter schrillem Gekreisch auf und über uns hinweg, es ist ohrenbetäubend. Irgendetwas hat die Vögel beunruhigt, vielleicht ein Raubvogel am Himmel. Sie kreisen jedenfalls einige Male über uns unter viel Gekreisch, dann landen sie wieder in ihrem hohen Baum.

Wir hingegen marschieren zurück zur Lodge, wo wir ein wohlverdientes Frühstück geniessen mit frischen, reif gepflückten Früchten, Obstsaft, Rührei und Brot. Ich fühle mich so schlapp und wacklig, dass ich am liebsten wieder ins Bett gegangen wäre, und wir haben Gott sei Dank drei Stunden Freizeit bis zur nächsten Wanderung. Nach einer Tablette und Siesta in der Hängematte geht es mir langsam besser. Schliesslich streife ich durch die Anlage und fotografiere die beiden grossen Aras, die immer in der Nähe der Lodge in den hohen Bäumen sitzen. Auch ein wunderschöner Tukan weiss die Fruchtspenden zu schätzen.


 

Schliesslich ziehen wir unsere Stiefel wieder an und steigen ins Boot, das uns flussabwärts zur Affeninsel bringt. Der Leiter der Lodge sitzt vorne im Boot, um dem Steuermann Zeichen zu geben, wie er durch die vielen auf dem Fluss treibenden Baumstämme navigieren muss. Die Sonne knallte vom Himmel, als wir schliesslich an der Affeninsel anlegten. Michael meinte, auf dieser Insel gäbe es viele „Füchse", was mich erstaunte, denn ich hatte noch nie gehört, dass es im Regenwald irgendwelche Füchse gibt. Die Füchse stellten sich jedoch als Hör- oder Aussprachefehler heraus, denn Michael hatte „Pfützen" gemeint. Fortan hiessen bei uns Pfützen nur noch Füchse. Und was für „Füchse" es hier gab! Sie waren nicht etwa knöcheltief, nein, erst lief uns das Wasser in die Stiefel, dann bis zum Oberschenkel, und schliesslich wateten wir bis zur Hüfte durch die braune Brühe, denn die ganze Affeninsel stand total unter Wasser. Nie hätte ich gedacht, dass Gitte so was mitmachen würde, aber sie stand lachend im Wasser und freute sich über den üppig grünen Urwald und dieses wahrlich ungewöhnliche Abenteuer.

Wir kamen schliesslich nicht mehr weiter, und dem kleinen Michael reichte das Wasser bis zur Brust. So haben wir halt keine Affen gesehen, aber einen Mordsspass gehabt. Zurück im Boot leerten wir erst mal literweise Flussbrühe aus unseren Stiefeln und freuten uns über die zahllosen schönen Schmetterlinge, die hier herumflogen. Bei mir setzten sie sich dauernd auf die Schulter oder den Rücken, vielleicht gefiel ihnen das Muster meines Tops – Urwaldlook – oder sie fanden mich einfach sympathisch.

 

Es wird zunehmend dunkel, denn durch die Sache mit der Buschmeisterschlange haben wir ziemlich viel Zeit verloren. Der Leiter der Lodge hat sich auf die Suche nach uns gemacht, nachdem die zweite Gruppe ebenfalls auf die Schlange gestossen und zurück zur Lodge gelaufen war, um Bescheid zu sagen. So machte sich der Leiter der Lodge Sorgen und kam, und nach uns zu suchen. Wir kamen wieder zu der Senke, und die Schlange war immer noch da. Selbst mit drei langen Stöcken hatte die zweite Gruppe sie nicht vertreiben können. So gingen wir in einem grossen Bogen vorsichtig um sie herum.

Kurz vor der Lodge – es war nun dunkel – sahen wir mittels Taschenlampe eine riesige Vogelspinne an einem Baum krabbeln. Es war ein herrliches, pechschwarzes Exemplar. Ich hatte noch nie eine Vogelspinne in Freiheit gesehen und war ganz fasziniert, obwohl ich sonst bei Spinnen einen Satz mache. Schöne Fotos sind mir gelungen. Gleich bei der Lodge war noch ein tolles Exemplar zu sehen, das unsere Taschenlampen gar nicht mochte. Kurz danach wären wir fast auf einen gigantischen Ochsenfrosch getreten, der mitten im Gras auf unserem Weg sass.


 

Nach einer kurzen Pause stiegen wir im Dunkeln in unser Holzboot und wollten Kaimane aufspüren, deren Augen nachts im Scheinwerferlicht rot glühen. Wir entdeckten aber nur ein kleines Exemplar, das heilfroh war, als wir endlich wieder abzogen.

Um 20.00 Uhr gab es ein gutes Abendessen, danach waren wir alle müde und faul nach diesem aufregenden Tag. Ausserdem machte uns die Zeitverschiebung noch zu schaffen und mir die Erkältung, so dass wir bald unsere Urwaldhäuschen aufsuchten.

Ich hatte meinen Wecker auf 5.00 Uhr gestellt, da wir am nächsten Morgen um 5.40 Uhr losmarschieren wollten. Irgendwann wache ich von alleine auf und stelle entsetzt fest, dass es hell wird und schon 5.35 Uhr ist. So schnell bin ich selten in meine Sachen gesprungen und zum Treffpunkt gerannt, denn ich wollte das Spektakel mit den Papageien an der Salzlecke auf keinen Fall verpassen. Leider geht es mir miserabel, mir ist immer noch heiss und kalt mit Husten und Schnupfen.

 

Die Hütten sind auf Stelzen gebaut und ca. 15 Meter von der nächsten entfernt, alle liegen in einem wunderschönen Garten voller Palmen, Bananen, Heliconien und fruchttragenden Bäumen. Unter einem Baum liegen viele kugelrunde, etwa apfelsinengrosse Früchte, daneben welche, die ähnlich wie Kumquats aussehen. Überall singen oder pfeifen Vögel in den hohen Baumkronen, ansonsten aber ist paradiesische Ruhe. Unbeschreiblich schön und friedlich. Ich freue mich, dass auch Gitte ganz begeistert ist und von ihrem Häuschen schwärmt.

Auf jeder Terrasse sind Hängematten aufgehängt, die ich gleich ausprobiere. Da lässt sich’s faul sein.

Um 16.30 Uhr suchen wir uns ein passendes Paar Stiefel, dann marschieren wir los in den Regenwald durch Morast und Laub. Herrliche Baumriesen stehen hier, teilweise mit gigantischen Brettwurzeln. Ein wunderschöner blauer Morpho-Schmetterling flattert gaukelnd durch den Wald.

Über eine kleine Senke waren drei kleinere Baumstämme gelegt, damit man besser auf die andere Seite gelangen kann. Ulli läuft flott voraus, gefolgt von Daniela, die plötzlich mit einem Schrei und in Panik zurückspringt: „Da ist eine Schlange unter den Baumstämmen". Unser kleiner Indio schaut und stutzt und bedeutet uns, langsam ein Stück zurück zu weichen und still zu stehen, denn bei dieser Schlange ist äusserste Vorsicht angesagt. Es ist nämlich die berüchtigte Buschmeister, eine der aggressivsten Giftschlangen, die es gibt und von der ich schon viel gelesen hatte. Diese Schlange ist extrem gefürchtet, weil sie nicht wie 98 % aller Schlangen ihr Heil in der Flucht sucht, sondern angreift und sich keineswegs verjagen lässt. Wenn man von einer Buschmeister gebissen wird und nicht sofort das Gegenserum spritzt, ist das Leben vorbei.


 

Gitte meinte noch, die Schlange wäre bestimmt eine Attrappe für Touristen, aber dem war keineswegs so. Und jetzt ist Paarungszeit, so dass die Partnerschlange immer in der Nähe ist. Unsere Schlange machte keinerlei Anstalten, sich zu verziehen, sondern hatte die ganze Zeit ein waches Auge auf uns. Sie war gefleckt und gut armdick und schätzungsweise 2½ Meter lang. Wir standen ziemlich aufgeregt etwa 3 – 4 Meter entfernt und überlegten, wie Ulli entweder zu uns zurück gelangen könnte oder wir auf die andere Seite. Michael hatte eine lange Machete bei sich und schlug damit in einem grossen Bogen einen Pfad durch das Unterholz. Wir folgten und gelangten auf diesem Umweg unbeschadet auf die andere Seite der Senke und setzten unseren Weg durch den Urwald fort. Ganz geheuer war uns die Situation aber nicht, denn niemand wusste, wo die zweite Schlange war.

Daniela war immer noch fassungslos, aber sie hatte ebenso wie Ulli einen Schutzengel gehabt. Die beiden konnten heute zum zweiten Mal Geburtstag feiern.

Unterwegs entdeckt Michael einen Knoblauchbaum, schlägt ein bisschen von seiner Rinde ab, an der wir schnuppern. Die Rinde riecht sehr intensiv nach Knoblauch, lässt sich allerdings nicht als Gewürz verwenden. Der Geruch ist als Abwehr gegen Fraßfeinde gedacht. Grosse Würgefeigen erdrosseln ihre Wirtsbäume, die schliesslich eingehen. Auch den Wanderbaum mit seinen Stelzenwurzeln sehen wir. Nach und nach wachsen immer weitere Stelzenwurzeln, so dass der Baum im Laufe der Zeit seinen Standort um mehrere Meter verändern kann. Das ist ein Phänomen und kaum zu glauben. Viele Baumpilze und Baumtermiten und nur wenige Blüten sind hier zu finden.

 

Zu Fuss laufen wir ungefähr 1 ½ Stunden quer durch Miraflores und finden unser Hotel wieder, das in einem Park aus schönen alten Olivenbäumen liegt. Zurück im Hotel kratze ich mit meiner Nagelfeile erst mal die Hundekacke aus der Schuhsohle, keine nette Freizeitbeschäftigung.

Mir ist heiss und kalt gleichzeitig, und ich fühle mich elend. Meine Nase ist zu, mein Hals schmerzt und ich habe Pudding in den Knieen.

Am nächsten Morgen werden wir zeitig zum Flughafen gebracht, weil heute unser Flug in den Amazonas-Regenwald ansteht. Wegen meiner Halsschmerzen frage ich in der Flughafen-Apotheke nach Halstabletten und bekomme eine einzige Chemiekapsel, die ich nicht will. Ein netter Mensch, der Englisch und Spanisch kann, übersetzt der Apothekerin meinen Wunsch, und so bekomme ich vier Halstabletten für 1 US-Dollar.


 

Unser Flieger macht einen Zwischenstopp in Cusco auf 3.330 m.ü.M. Ich friere wie ein Schneider, alle Knochen tun mir weh. Gegen Mittag – nach 2 ½ Stunden Flug – landen wir in Puerto Maldonado und werden am Mini-Flughafen von Michael, unserem kleinen Indioführer, abgeholt. Er erzählt, dass derzeit Regenzeit herrscht und überall viel Wasser steht. Es ist schwülheiss, wie das im Regenwald nun mal so ist. In einem kleinen Café warten wir noch auf eine andere Gruppe Reisender, die in die gleiche Urwaldlodge gebracht wird wie wir. Dann steigen wir am Rio Madre de Dios in ein langes schmales Holzboot und legen die Schwimmwesten an. Der Fluss ist hier etwa 500 Meter breit und führt schlammbraunes Hochwasser, in dem viele Baumstämme und Äste treiben.

In flotter Fahrt geht es zu unserer wirklich umwerfenden Urwaldlodge, die ganz aus Holz mitten in den Regenwald gebaut wurde. Hier bekommen wir ein spätes Mittagessen – es ist inzwischen 15 Uhr geworden. Danach erhalten wir unsere Zimmerschlüssel und sehen zum ersten Mal unser Zuhause im Urwald. Jeder hat eine Holzhütte mit Palmblattdach für sich.

 

Wir kommen ins Zentrum der Stadt zur Plaza Mayor mit der grossen Kathedrale, in der gerade eine Messe stattfindet und die daher nicht besichtigt werden darf. Das ist mir sehr recht. Nebenan besuchen wir die Franziskanerkirche mit dem angrenzenden Kloster und den Katakomben. Walter hat eine witzige Ausdrucksweise, die uns amüsiert. Er wollte uns erklären, dass man die Mönche und auch wohlhabende Bürger in diesen Katakomben bestattet hat, in dem man sie mit Kalk bestreute, so dass nur noch die Knochen übrigblieben. Er sagte: Kalkenstein fressen alles Fleisch, und nur die Nochel (Knochen) blieben übrig. Beim Thema Inquisition erzählte er, dass die Menschen gebraten wurden (auf dem Scheiterhaufen verbrannt). Das war heiterer Unterricht für uns.

Die alte Bibliothek mit uralten Bänden roch modrig, und in der Tat verrotten die Bücher nach und nach durch die Feuchtigkeit. Dennoch fand ich sie beeindruckend.

Nachdem wir auch dem archäologischen Museum einen Besuch abgestattet haben, fahren wir zur „Rosa Nautica", das sich am Ende eines wunderschönen Steges direkt über dem Pazifik befindet und unter dem eine Menge der schönen dunkelgrauen Inka-Seeschwalben nisten.


 

Die meisten essen mit Zitrone roh marinierten Fisch, ich hingegen probiere die Alternative, nämlich mit Käse überbackene Jakobsmuscheln und anschliessend Seebarsch gebraten. Sehr fein. Und dann gibt es noch Creme Karamell und Kaffee. Das war ein guter Einstand der peruanischen Küche.

Viele Surfer – alle in Neopren-Anzügen wegen des kalten Humboldtstromes – reiten hier mit ihren Surfbrettern auf den Wellen des Pazifiks. Die Luft ist so warm, dass man kaum glauben mag, dass das Meer so kalt ist, nur ca. 12 – 14°.

Der Kleinbus hat gewartet und fährt uns dann zu den Indiomärkten, die wir auf eigene Faust erkunden wollen, denn wir haben nun Freizeit. Unsere Gruppe besteht aus neun Personen – alle im besten Alter – zwei Pärchen, alle anderen solo, sechs Frauen und drei Männer.

Auf den vielen überdachten Märkten ist alles auf Touristen ausgerichtet, es gibt Kunst und Kitsch und viel Alpaka und Teppiche. Es ist schwülwarm, und wir schauen erst einmal zur Orientierung. Grosse Kauflust haben wir hier noch nicht. In Lima wie in ganz Peru gibt es sehr viele Hunde und auffallend viele Zwergschnauzer in Pfeffer-Salz. Und so trete ich mit meinen Profilsohlen voll in Hundekacke, die mitten auf dem Bürgersteig liegt. So ein Sch….

 

Um 19.30 Uhr Ortszeit (minus 6 Stunden gegenüber Deutschland im Winter) landen wir mit etwas Verspätung. Unsere Koffer sind da, und auch unser Betreuer Rodolfo erwartet uns. Mit einem Kleinbus kurven wir durch das nächtliche Lima, und uns fallen die vielen Casinos und die Amerikanisierung der Stadt auf. Es herrscht viel Verkehr und daher „dicke Luft" in dieser 8 Millionen-Stadt. Wir sind froh, als wir im 5 Sterne-Hotel Posada del Inca El Olivar im noblen Diplomatenviertel San Isidro ankommen und mit einem „Pisco Sour", dem Nationalgetränk Perus begrüsst werden. Dieser Pisco Sour besteht aus Traubenschnaps, Limonensaft und Eiweiss und einer Prise Zimt obenauf und gibt mir den Rest. Ich bin total erledigt und falle in mein komfortables Bett. Gitte hat schon Bekanntschaft mit Montezumas Rache gemacht.


 

Am ersten Morgen in Peru ist der Himmel bewölkt. Wir geniessen ein herrliches Frühstückbüffet und werden dann von Walter, unserem einheimischen Stadtführer, abgeholt. Wir fahren an einem Berg alter Inkaruinen vorbei, die aus Adobeziegeln (Lehm) bestehen und nicht gebrannt wurden, daher verfallen sie langsam. Später hat man die Ziegel „gekocht" sagt Walter, aber er meint natürlich gebrannt.

Im Liebespark hoch über dem Pazifik machen wir den ersten Halt und haben einen beeindruckenden Blick über das Meer und die sehr gepflegte Parkanlage, in deren Mitte ein überdimensionales Ton-Pärchen liegt und sich küsst. Und hier treffen sich daher die Liebespärchen der Stadt Lima.

Von hier oben aus sehen wir auch das ins Meer auf Stelzen gebaute Restaurant „La Rosa Nautica", das beste Fischrestaurant Perus. Es sieht sehr imposant aus, und wir freuen uns, dass wir von Meier’s Weltreisen ausgerechnet in dieses noble Restaurant zum Mittagessen eingeladen sind. Die Sicht ist ziemlich getrübt, weil heute ein Garua-Tag ist. Garua ist der berüchtigte Küstennebel, der vor allem von Mai bis September ständig herrscht und die ganze Küste in Nebel und Grau hüllt.

Wir fahren weiter nach Miraflores, dem schönsten und vornehmsten Viertel von Lima. Hier gibt es schöne Häuser mit gepflegten Gärten, die alle vergittert und bewacht sind. Das ist ein krasser Gegensatz zu den Elendsvierteln und Strassenkindern, die es in Lima ebenso wie in allen armen Ländern gibt.

 

Am Freitag, dem 02. März 2007, fährt mich Bianca nach Allensbach zur Pizzeria, wo ich eine feine Pizza geniesse, weil ich ja nicht weiss, wann ich wieder eine gute Mahlzeit bekomme. Mit der neuen Schwarzwaldbahn geht es weiter nach Frankfurt, wo ich im Ibis-Hotel übernachte. Um 3.00 Uhr früh ist Aufstehen angesagt, denn wir sollen bereits um 4.00 Uhr am Flughafenschalter sein.

Ich bin gespannt auf meine Schwester Gitte, die zum ersten Mal eine Rundreise mitmacht und von Freunden gehört hat, dass man von allem nur zwei Teile mitzunehmen braucht. Und in der Tat kommt sie pünktlich mit einem kleinen Trolleyköfferchen, das nur 11 kg wiegt und mit einem kleinen Rucksack. Ich bin schon etwas geschockt und habe einige Bedenken, ob sie mit sowenig Gepäck so eine Reise bestreiten kann. Man kann, wie sie im Laufe der Reise bewies!


 

So früh am Morgen ist aber auch im Frankfurter Flughafen noch nicht viel los. Nach einem Kaffee haben wir uns elektronisch eingecheckt – was ganz Neues – gingen dann durch die Sicherheitskontrolle, um anschliessend bei McDonalds zu frühstücken.

Flott kamen wir mit der KLM in Amsterdam bei strömendem Regen an. Amsterdam hat einen sehr sympathischen, gut beschilderten Flughafen mit vielen interessanten Geschäften. Sogar frische Tulpen, ganze Käseräder, Matjes und natürlich Schokolade und Delfter Blau wurde in Mengen angeboten.

Nach zwei Stunden starten wir mit unserem vollbesetzten Flieger nach Lima. Im Gegensatz zur Iberia werden wir bei der KLM sehr üppig und freundlich versorgt und landen nach 9 ½ Stunden auf Bonaire – einer der ABC-Inseln vor der Küste Venezuelas (Aruba, Bonaire und Curacao). Wir freuen uns, dass wir eine Stunde die Füsse vertreten dürfen. Als wir aussteigen, weht uns ein heisser Wind um die Ohren, die Palmen werden gezaust, und im Hintergrund glitzert die Karibik. Das ist schon eine gute Einstimmung. Die Häuser hier sind im holländischen Stil gebaut, der Flughafen ist winzig, aber sogar hier in der Hitze werden ganze Hollandkäse angeboten.

Wieder im Flugzeug, haben wir noch rund drei Stunden bis Lima zu fliegen und können auf dem Monitor gut die Flugroute verfolgen. Die ganze Zeit fliegen wir über den Amazonas-Regenwald, auf den wir uns schon sehr freuen.

 

Im zentralen Hochland standen wir auf 4.910 Metern über dem Meer in einer unwirklich scheinenden Mondlandschaft bei Null Grad und bestaunten ein Meer aus Steinen und erhabenen schneebedeckten Vulkanen.

Uns begegneten grosse Lama- und Alpakaherden in menschenleerer Weite. Im traumhaft schönen Colca-Tal schwebten Dutzende der majestätischen Kondore über uns. Und wir blickten hinab in eine der tiefsten Schluchten der Erde und hinauf auf über 6000 Meter hohe Vulkane.


 

Wir fuhren über den höchstgelegenen schiffbaren See der Welt, den Titicaca-See auf 3.830 m.ü.M. und besuchten die Uro-Indigenas auf ihren schwimmenden Inseln.

Mit dem Zug fuhren wir durch das Heilige Tal der Inka wie durch einen botanischen Garten voller Orchideen und Bromelien zur legendären Inka-Stadt Machu Picchu.

Und überall im Land begegneten uns ausgesprochen freundliche, hilfsbereite und nie aufdringliche Menschen. Viele in ihren typischen Trachen und Hüten, aber auch moderne Grossstadtmenschen in westlicher Kleidung und Verhaltensweise.

Nirgends sind wir bedroht oder bestohlen worden, obwohl der überwiegende Teil der Peruaner arm ist.

Wir haben auf dieser überwältigenden Reise die schönsten Seiten von Peru kennen gelernt, wohl wissend, dass es auch viele Schattenseiten gibt. Ich werde dieses Land unauslöschlich als eines der schönsten und eindrucksvollsten in Erinnerung behalten, die ich je kennen lernen durfte.

Was für eine Reise! Wie viel überwältigend Schönes und Aufregendes, Fesselndes und Faszinierendes haben wir erlebt!

Und nun möchte ich unsere Reisetage im Detail schildern, wobei ich nicht auf geschichtliche oder archäologische Details eingehen werde, denn das kann in entsprechenden Büchern jeder selber nachlesen.

 

 

Diese Reise durch Peru war eine der schönsten und eindrucksvollsten, die ich je erlebt habe. Und sie war voller Überraschungen und Höhepunkte.

Im Reiseführer wurde auf das „peruanische Zeitverständnis" hingewiesen, was bedeutet, dass alles nicht so perfekt und pünktlich funktioniert und viel improvisiert wird. Ich hatte mit Mittelklassehotels mit dem Standard „einfach und sauber" gerechnet. In Wirklichkeit hatten wir komfortable bis luxuriöse 4 und 5 Sterne-Hotels mit perfektem und überaus freundlichem Service. Die Organisation der Reise klappte von Anfang bis Ende hervorragend. Und obwohl wir 5 verschiedene Reiseleiter und noch einige Stadtführer hatten, funktionierte die Übergabe bestens. Unsere Gruppe von neun Personen war harmonisch, freundschaftlich und nett.

Man hätte diese Reise auch als Gourmetreise beschreiben können, denn wir haben Tag für Tag wunderbare Büffets oder à-la-carte-Speisen genossen, angefangen vom zartesten Alpakasteak bis zum Titicacasee-Felchen.

Wir haben trostlos-lebensfeindliche Wüste kennen gelernt und eines der fischreichsten Meere der Welt, auf dessen Inseln uns Millionen von Seevögeln und Robben ein Naturschauspiel sonders gleichen boten.

Im Regenwald stapften und rutschten wir 10 Kilometer durch Regen, Schlamm und „grosse Füchse", begegneten einer der aggressivsten Giftschlangen der Welt und wateten durch hüfttiefes Wasser einer überschwemmten Insel bei 33°.