3. bis 18. Oktober 2009

 
„Helft mit, helft mit! Alleine kann ich sie nicht halten“ rief Cilfredo. Blitzschnell packe ich zu, aber auch zu zweit haben wir keine Chance, die mächtige Anaconda festzuhalten. Erst als drei weitere Männer mit anpacken, schaffen wir es, die riesige Würgeschlange auf den Weg zu ziehen. Unser Adrenalinspiegel ist in die Höhe geschnellt, und wir sind in heller Aufregung, als das Riesentier vor uns liegt.
 
Dass wir gleich zu Beginn unserer Reise durch Venezuela eine sechs Meter lange Anaconda „hautnah“ erleben würden, war für uns eine Sensation. Das hätte ich mir nie träumen lassen. Aber der Gestank vom Körperschleim der Schlange an meinen Händen und Schuhen macht nicht nur meiner Nase klar, dass ich nicht träumte.

Viel Schönes haben wir gesehen und erlebt und dafür mit viel Schweiss und noch mehr Moskitostichen und Wanzenbissen bezahlt. Manches Mal haben wir geflucht und gelitten, doch manches Mal haben wir die Schönheit der Natur in ihrer ganzen Pracht und Vielfalt kaum fassen können und alle Mühsal vergessen. Es war eine wahrlich „heisse Tour“ voller Gegensätze, sehr anstrengend und doch voller Faszination.

 
 
Nun aber erzähle ich von Anfang an.
 
Obwohl ich schon soviele Reisen gemacht habe, packt mich doch jedes Mal das Reisefieber wieder, als wäre es das erste Mal. Sorgfältig Koffer packen, sich alle Tricks und Reisekniffe wieder in Erinnerung rufen, dann ab nach Frankfurt. Schauen, was sich auf der Mühle getan hat und klönen mit Gitte und Jochen, noch einmal in einem komfortablen Bett schlafen und los geht’s zum Flughafen. Fünf Minuten, bevor der Flieger abhebt, habe ich endlich die ganzen Sicherheitskontrollen geschafft und komme als allerletzter Fluggast angehetzt. Beim nächsten Mal werde ich die angegebene Boardingtime nicht mehr ernst nehmen, sondern viel früher dort sein.

 
Dann aber nimmt der Lufthansa-Airbus die 8.200 Kilometer bis Caracas unter die Flügel. Wir werden bestens versorgt, und krakeelende Kinder gibt es auch nicht an Bord. Die Toiletten befinden sich eine Treppe tiefer auf der Ebene des Frachtraumes. Das kannte ich bisher noch nicht, fand diese Lösung aber sehr positiv.

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Es ist ein Tagesflug über den Wolken. Durch die Zeitverschiebung von minus 6 ½ Stunden landen wir nach 10 Stunden am gleichen Tag um 15.00 Uhr in Caracas-Maicetia bei grauem Himmel. Der Donner grollt, als ich die elendlange Passkontrolle hinter mich bringe und Gott sei Dank meinen Trolley auf dem Band vorfinde. Auf Hinweis des Reiseveranstalters sollte ich möglichst gleich am Flughafen am Wechselschalter Dollars tauschen, da dies im Land mit erheblichen Problemen oder gar nicht ginge. Also tausche ich gleich 300 Dollar um und bekomme dafür 650 Bolivar fuerte, wie sich die venezolanische Währung nennt. Als ich in der Ankunftshalle ankomme und nach den anderen Teilnehmer suche, werde ich gleich von Cilfredo angesprochen, unseren sympathischen venezolanischen Reiseleiter. Gertrud stellt sich vor und die übrigen Teilnehmer ebenfalls mit Vornamen. Das vereinfacht die Sache. Insgesamt sind wir elf Reiselustige. Ich erfahre, dass alle beim Reiseleiter Geld tauschen können zum doppelten Kurs. Sehr ärgerlich, dass mein Veranstalter das nicht wusste. So wird für mich auch alles doppelt so teuer, und billig ist Venezuela nicht.
 
 
Die schwüle Hitze vor dem Flughafengebäude haut mich erst mal um, aber der kleine Bus ist klimatisiert und bringt uns im Stau zum City Day Hotel in Maicetia, das in all den runtergekommenen Häusern und Elendsvierteln wie ein Oase wirkt. Zur Informationsstunde sitzen alle am Tisch. Wir sind ein bunt gemischtes Grüppchen aus zwei Schweizern, zwei Österreichern, zwei Schwaben, zwei Thüringern, einer Mexikanerin mit deutschem Mann und ich, insgesamt vier Paare und drei Singles zwischen 36 und 80 Jahren.

Um 7.00 Uhr Ortszeit bin ich hundemüde, denn meine Bio-Uhr weiss nichts von Zeitumstellung und hat jetzt 1.30 Uhr in der Nacht. Trotz lauter Klimaanlage, die sich nicht abschalten lässt, schlafe ich ganz gut bis gegen 3.00 Uhr. Hunde bellen, Hähne krähen, und ich entdecke in der Küche meines grossen Appartements eine Kaffeemaschine und Kaffeepulver. Um halb vier stehe ich mit selbstgebrautem Kaffee auf dem Balkon und schaue in die Sterne über dem venezolanischen Himmel, bereit für ein neues Reiseabenteuer.

 
Um 7.00 Uhr gibt’s Frühstück, dann fahren wir an der Karibikküste entlang bei Sonnenschein wieder zum Flughafen. Fregattvögel schweben elegant über dem Meer, an Land ziehen sich riesige Elendsviertel die Hänge hoch. Unser Bus tankt 200 Liter Diesel für sage und schreibe zwei US-Dollar! Venezuela ist der fünftgrösste Erdölproduzent der Welt und müsste demnach reich sein mit guter Infrastruktur und funktionierendem Staatswesen. Müsste – ist aber meilenweit davon entfernt, weil die ganzen Erdölmilliarden bei Chavez und seiner korrupten Clique versickern. So ist Venezuela noch sehr rückständig und die Bevölkerung überwiegend arm. Die Leute essen billiges fettes Essen und sehen auch so aus. Soviel Dicke in knallengen Klamotten habe ich schon lange nicht mehr gesehen. Kurioserweise kommen die meisten „Miss Universum“ aus Venezuela.


 
Wir fliegen nach Barinas im Westen am Fusse der Anden, die hier immerhin noch 5.007 Meter hoch sind mit dem Pico Bolivar als höchstem Berg. Es ist ein interessanter 50 Minuten-Flug über ein saftiggrünes Land mit viel Ackerbau. Barinas ist das Tor zu den westlichen Llanos (Janos gesprochen), den grossen Tiefebenen Venezuelas, die insgesamt mit den zentralen und östlichen Llanos eine Fläche von rund 300.000 qkm ausmachen und berüchtigt für sehr heisses Klima und Moskitos sind. Es ist kein Gerücht, wie wir sehr schnell feststellen sollten. Grosse Teile dieser Tiefebenen werden in der Regenzeit weitflächig überschwemmt und eignen sich nur zur Viehzucht, allerdings in für uns unvorstellbaren Dimensionen. Sie sind dem brasilianischen Pantanal sehr ähnlich und werden als die „Serengeti Venezuelas“ bezeichnet.

 -Vor dem Flughafen wartet unser kleiner Tourbus mit Gustavo auf uns. Gustavo ist unser Fahrer vom Typ Balu-Bär oder Sumotori und schätzungsweise Ende Dreissig. Er gewinnt unsere Sympathie sehr bald als hervorragender Fahrer, humorvoller und hilfsbereiter netter Kerl. Cilfredo, unser Reiseleiter, ist ein attraktiver Mann Mitte Vierzig mit selten schönen, athletischen Beinen, einem offenen klaren Blick und einer angenehmen Stimme. Die typisch venezolanische Lockerheit und Lässigkeit ist ihm ebenso eigen wie Lachen und Humor. Und toll singen und tanzen kann er auch noch, wie wir später feststellen konnten. Dass seine Informationen über Land und Leute, Flora und Fauna manchmal ziemlich mager waren, habe ich ihm daher leicht verziehen.
 
Nahezu die gesamte Bevölkerung Venezuelas besteht aus Criollos, also Mischlingen aus ehemaligen Spaniern, Indianern und schwarzen Sklaven. Somit sind die Menschen in mehr oder weniger ausgeprägten Brauntönen zu finden, und das finde ich viel schöner als unsere weisse Käsehaut.
 

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Nun also steigen wir in den Bus und beginnen unsere eigentliche Reise, die uns heute nach Südosten zum „Hato el Cedral“ führen soll. Ich sitze in der zweiten Reihe auf der Fahrerseite auf einem Doppelsitz und habe nicht nur Platz, sondern auch eine prima Aussicht durch die Frontscheibe. Der Bus hat an den Seiten dunkel getönte Scheiben, durch die wir hinaus- aber niemand hineinsehen kann. In einem Land mit hoher Kriminalität ist auch das ein Punkt der Sicherheit.

 
Wir fahren lange auf einer herrlichen Allee grosser Bäume durch fruchtbares Land. Überall Bananen, Papaya, Kokospalmen und riesige Mangobäume. Dazwischen weiden vor allem weisse Rinder mit Kälbchen, eine Zebukreuzung, die auch mit feuchtem oder nassem Boden klarkommt im Gegensatz zu normalen Rinderrassen. Auch Wasserbüffel sehen wir ab und zu, Pferde dagegen viel seltener.
 
Bald sind wir fast alleine auf der Strasse, die immer schlechter wird. Gustavo kreuzt von einer Strassenseite auf die andere um die vielen wassergefüllten Löcher herum. Bei einigen Obstständen halten wir, um Bananen oder Mandarinen einzukaufen. Die grossen Papayas, Ananas oder Melonen sind für uns im Bus ungeeignet, aber schön anzuschauen. Es ist sehr heiss, und die stinkenden Laster, die hier reichlich vorbeifahren, machen das Obst auch nicht gesünder. Zwischen den Ständen stehen riesige Taparongs oder Kugelbäume, die herrliche Blüten und kokosnussgrosse Kugelfrüchte tragen.

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Wir überqueren mehrere schlammbraune Flüsse; am Strassenrand werden frisch gefangene Piranhas angeboten, die hier in allen Flüssen reichlich vorkommen. Inzwischen ist es Mittag geworden, und wir verzehren unsere Lunchpakete im kühlen Bus, denn draussen ist es schier unerträglich heiss. Es ist schon ein sehr krasser Gegensatz zwischen Innen- und Aussentemperatur, wie wir bei jedem Tank- und WC-Stopp feststellen. Über das Thema „Toiletten weltweit“ könnte ich langsam auch ein Buch schreiben. Die meisten venezolanischen Toiletten unterwegs sind einfach nur schlimm.

 
Überall wachsen hier die traumhaft schönen Regenbäume. Es sind Riesenbäume mit weitausladender Krone, die den Rindern guten Schatten geben. Die Form der Krone erinnert an einen Regenschirm. Der Stamm und sämtliche Äste sind von Epiphyten wie Bromelien, Schlangen- und Blattkakteen und Tillandsien bewachsen, was auf grosse Luftfeuchtigkeit hinweist. Für uns bedeutet dies schwülheisses Klima. Wenn diese Baumpracht im Mai blüht, muss das phantastisch aussehen.
 
Wir überqueren den breiten Rio Apure und kommen in den Bundesstaat gleichen Namens. Ab hier sind wir in den Nieder-Llanos (Bajos), während wir bisher durch die alto (hohen) Llanos fuhren. Vor allem die Nieder-Llanos werden in der Regenzeit überflutet, und wir sehen auch gleich viel mehr Wasserläufe, kleinere und grössere Lagunen, in denen verschiedene Reiher und Kormorane nach Futter suchen. Es gibt immer weniger Bäume, dafür weite flache Savannenlandschaft und sehr wenig Verkehr. Wir fahren fast alleine auf einsamer Strasse.
 
Schliesslich biegen wir rechts ab auf Erdpiste und kommen an ein bewachtes Gatter. Wir sind am Eingang zum „Hato el Cedral“, einer 50.000 Hektar (!) grossen Farm mit 20.000 Rindern und mindestens 5.000 Wasserschweinen, von denen uns jede Menge gleich „begrüssten“ und keineswegs flüchteten wie letztes Jahr im Pantanal, wo mir nur mit Mühe ein verschwommenes Bild gelang. Hier sitzen oder laufen ganze Familien mit niedlichen Jungtieren überall herum und gehen unserem Bus nur ungern aus dem Weg. Gustavo fährt im Slalom um die Wasserschweine herum. Begeistert steigen wir aus und beobachten und fotografieren diese so sympathischen Tiere. Vor allem die vielen kleinen haben es uns angetan. Aber auch die vielen grünen Leguane überall faszinieren uns. Sie sind über einen Meter lang und sehr schön. Auch auf den Bäumen laufen sie herum oder sonnen sich. An den Wasserstellen und Lagunen sitzen viele Schildkröten in der Sonne und auf den Zaunpfosten viele schwarze Anis, eine südamerikanische Kuckucksart, die ihre Eier aber selbst ausbrütet.

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Ich sehe durch die Frontscheibe etwas langes Dunkles am Wegesrand liegen und rufe: „Da liegt eine Anaconda, ich glaub es ja nicht!“ Cilfredo steigt aus und ich hefte mich gleich an seine Fersen. Es ist wirklich eine grosse Anaconda, die in die Lagune verschwinden will, als sie uns bemerkt. Cilfredo packt sie am Schwanz und ruft um Hilfe, weil er sie alleine nicht halten kann. Ohne nachzudenken, lege ich meine Kamera rasch in den Sand und packe die Anaconda fest mit beiden Händen und ziehe, aber das Riesentier ist so stark, dass wir sie nicht zurückhalten können. Erst als drei oder vier weitere Männer mit anpacken, gelingt es uns, die riesige Würgeschlange von fast sechs Metern Länge auf den Weg zurück zu ziehen. Wir sind in heller Aufregung und schauen gebannt auf das gewaltige Reptil vor uns. Nie hätte ich erwartet, einer Anaconda tatsächlich einmal so nahe zu kommen, geschweige denn, eine anzufassen. Ich bin ja seit jeher ein Schlangenfan und habe auf allen Reisen nach Südamerika immer Ausschau nach der Anaconda gehalten, aber nie eine in freier Natur zu Gesicht bekommen. Das Erlebnis mit der Buschmeisterschlange in Peru ist mir noch lebhaft in Erinnerung. Und nun stehe ich also vor „meiner“ Anaconda und kann es noch gar nicht glauben. Sehr schön ist sie nicht, aber legendär wegen ihrer immensen Grösse und den masslos übertriebenen Gerüchten über ihre Gefährlichkeit. Sie ist olivgrün-braun mit den typischen kreisrunden dunkelgrauen Kreisflecken entlang des ganzen Körpers. Ihre Augen sind ziemlich klein und sehen ganz harmlos aus.

 
„Unsere“ Schlange liegt eine Weile regungslos auf dem Weg und beobachtet uns. Dann schlängelt sie sich zielsicher durchs Gras in die nächste Lagune und verschwindet im Wasser. Erst jetzt löst sich unsere Spannung und wir bemerken den widerwärtigen Gestank um uns herum. Alle, die die Schlange angefasst hatten, stinken ekelhaft überall da, wo sie mit der Anaconda in Berührung gekommen sind. Auf meinen Handflächen haftet eine Art dicker Schleim, und als ich daran rieche, könnte ich kotzen. Pfui Deibel! Noch viel mehr stinkt Ewald, dessen Hosenbeine mit dem Schlangenkörper in Berührung kamen. Wie ich inzwischen weiss, haben Wasserschlangen ein Drüsensekret zur Feindesabwehr. Vermutlich stammt also dieser Gestank daher. Mit meinen feuchten Kosmetiktüchern bekomme ich das Zeug aber ganz gut weg. Ewald muss seine Hose aber anbehalten, und im Bus lästern wir dann gehörig. Abends im Zimmer stinkt es immer noch nach Anaconda und erst nach einer Weile finde ich die Schleimspuren auf meinen Schuhen, die mich schier zurückprallen lassen. Es stinkt wirklich sehr ekelhaft. Auch mit viel Schrubben bringe ich die Flecken nicht von den Schuhen, aber immerhin hört der Gestank auf. Somit haben diese Schuhe nun auch ihre Geschichte zu erzählen.
 

Auf dem Hato, der Farm, bekommen wir rasch unsere Zimmer in kleinen Häuschen. Schnell Sonnenbrille, Hut und Kamera packen, dann geht es los zu unserer ersten Safari durch die „Serengeti Venezuelas“. Ich bin hellwach und ganz aufgeregt. Wie sehr liebe ich doch solche Erkundungsfahrten, das sind die glücklichsten Stunden für mich. Und wir bekommen soviel Schönes zu sehen vom umgebauten LKW mit Längssitzreihen, mit dem wir auf der Piste durch das grosse Gelände der Farm ganz langsam fahren. Riesige Wasserflächen und Lagunen, in und an denen zahllose Reiher, Ibisse, Enten, Wasserhühnchen (Jacanas), Eisvögel, sogar Scherenschnäbel  und viele andere unbekannte Vögel, Kaimane und vor allem Wasserschweine zu Hause sind. Cayenne-Kiebitze und Kanincheneulen hausen am Rand der Piste.

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Überall um uns herum grasen Tausende von Rindern. Manche stehen in den Lagunen und grasen bis zum Hals im Wasser. Viele Kälber sind dabei und haben keine Scheu vor dem Wasser. Ihnen kann die Anaconda sehr wohl gefährlich werden, aber Ihre Lieblingsbeute sind die jungen Wasserschweine. Zahllose Wasserschweine sehen wir um uns herum, sie wollen unserem Fahrzeug nicht weichen und bequemen sich erst in letzter Minute dazu, so dass wir sie in aller Ruhe anschauen und fotografieren können. Es ist eine wahre Wonne, so von frei lebenden Tieren umgeben zu sein und sie ausgiebig betrachten zu können.


 
Ich klettere auf die Plattform über dem Fahrerhaus und habe einen herrlich freien Rundumblick auf die endlose Landschaft. Wasserflächen und grüne Inseln ziehen sich bis zum Horizont und glitzern in der jetzt tiefstehenden Sonne wunderschön. Tausende von Rindern kommen uns in einem endlosen Strom entgegen und muhen ganz ungewohnt tief und laut. Es hört sich ganz anders an als die Laute unserer heimischen Kühe. Ich stehe und staune und bin total begeistert und fasziniert von diesem Schauspiel.
 
 
 
 
In der Ferne hat Cilfredo anscheinend einen grossen Ameisenbär gesichtet, aber es ist schon fast dunkel und das Tier viel zu weit weg, so dass wir ihn nicht sehen können. Aber dies war tatsächlich der einzige Ameisenbär, der uns auf der Reise begegnet ist. Mich schmerzte das nicht sehr, hatte ich doch letztes Jahr im Pantanal so viele Ameisenbären ganz nah erleben dürfen.

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Die Sonne geht feuerrot und fast kitschig schön unter. Dann holpern und rumpeln wir ziemlich flott zurück in der Hoffnung, dass uns der Fahrtwind die Schwärme von Moskitos ein bisschen vom Leibe hält, die nun über uns herfallen. Es ist grauenhaft, in welchen Unmengen die Biester sich schlagartig auf uns stürzen. Sie übertragen hier zwar keine Malaria, sind aber dennoch eine wahre Plage. Sobald es aber richtig dunkel ist, werden ihre Angriffe erträglicher. Nun haben viele Glühwürmchen ihren Auftritt und schweben und gaukeln zwischen den Büschen umher. Die gab es früher auch mal bei uns, aber ich kann mich nicht erinnern, wann ich hier zum letzten mal Glühwürmchen gesehen habe.

 
Verschwitzt, geschafft, aber begeistert, kehren wir zur Farm zurück. Auf dem Gelände rund um die Farmgebäude und die Gästehäuschen stehen viele sehr hohe Bäume, auf denen zahllose Reiher, Ibisse und auch Eulen ihr Nachtquartier eingerichtet haben. Nach dem Abendessen sitzen wir alle am Pool und schauen auf einen klaren Vollmond, der die grossen Bäume mit den weissen Reihern in ein magisches Licht taucht. Es ist eine ganz besondere Stimmung.

 
Auf einmal spüre ich, wie etwas rasch an meinem Hosenbein hochläuft. Erst dachte ich, es wäre eine Maus, aber als ich das etwa 10 – 12 cm grosse hellbraune Flügeltier sah, das flott Richtung Bauch flitzte, schüttelte ich es ab. Es war eine Riesenschabe aus der grossen Familie der Kakerlaken. Eigentlich schade, dass ich es abgeschüttelt habe, bevor ich ein Foto machen konnte, denn solch ein grosses Exemplar habe ich noch nie gesehen.
 
Es ist immer noch brütendheiss, und der Miefquirrel in meinem Zimmer kühlt auch nicht. Trotzdem schlafe ich einigermassen, bis der Lärm der grossen Ibisse in den Bäumen um uns herum mich weckt. Um 5.00 Uhr ist Aufstehen angesagt. Die Ibisse lärmen im Dunkeln schon kräftig. In den Bäumen sitzen Hunderte weisser Reiher. Auch eine grosse Eule – wohl eine Uhuart – sehen wir schemenhaft im Baum sitzen. Sie ruft ein tiefes Uhuuuu.

 
Um 5.30 Uhr marschieren wir los zu unserer Morgenpirsch über das weite Gelände der Farm. Im ersten zaghaften Morgenlicht verlassen die Reiher in grossen Schwärmen ihre Nachtbäume und ziehen in Richtung der Lagunen und überschwemmten Endlosigkeiten der Farm. Überall Vogelstimmen und das Konzert der Brüllaffen. Langsam geht die Sonne zartrosa auf, über der weiten Landschaft wabern rosagraue Nebel und tauchen Büsche und Bäume in ein zauberhaftes, diffuses Licht. Auf unserer Erdpiste begegnen uns zahllose Wasserschweine, die ob dieser Störung ziemlich verärgert sind und laute Warnrufe ausstossen. Menschen zu Fuss nehmen sie als potentielle Feinde wahr, auf einem Fahrzeug offenbar nicht. Aber bis auf etwa 10 Meter lassen sie uns doch heran, bevor sie mit lautem Platschen in die Wasserläufe und Lagunen springen. Manchmal sehen wir ganze Familien mit 10 bis 15 Tieren hintereinander her schwimmen.
 
Kaimane liegen auf der Lauer, Eisvögel fangen ihr Frühstück, Rabengeier harren auf Beute, viele Rehe grasen unweit von uns und Scharen von weissen Reihern fliegen weit über die überschwemmten Ebenen. Glutrot geht die Sonne auf und vertreibt die Nebelschwaden. In dieser zauberhaft schönen Landschaft singen viele schöne Vögel, und auch ein leuchtendblauer Morpho-Schmetterling glitzert in der Morgensonne. Es ist so drückend schwülheiss, dass meine Brille beschlägt.

 
Um 7.00 Uhr sitzen wir beim Frühstück und steigen dann wieder auf den LKW zu einer kleinen Pirschfahrt, bei der Victor, unser einheimischer Führer, ein Gürteltier entdeckt. Er schleicht sich an und fängt es geschickt. Nun können wir es ausgiebig bestaunen und anfassen. Es ist ein ganz ungewöhnliches, sehr schönes Tier.

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Weiter geht es dann in einem kleinen Boot. Auf einem Wasserlauf, der für uns gar nicht mehr als Fluss zu erkennen ist, weil er weit über die Ufer getreten ist, fahren wir los zur nächsten Erkundungsfahrt durch die weite Wasserlandschaft voller Wasserhyazinthen und anderer Wasserpflanzen. Am Rand wachsen Büsche und Bäume als Galeriewald. Victor, unser einheimischer Skipper, hat einen Beutel mit ca. 4 kg Rindfleisch dabei. So gleiten wir durch das glitzernde Wasser in der Morgensonne dahin und beobachten Wasserhühnchen mit kleinen Küken, grosse und kleine Reiher, Kaimane und Orinocogänse. Und über allem schweben zahllose Libellen.
 
 

Wir halten im Galeriewald und Victor stösst einige Pfiffe aus. Dann wirft er kleine Fleischstückchen in die Luft, und ein schwarzer Fischadler fängt sie zielsicher auf. Das wiederholt sich noch etliche Male, so dass jeder eine Chance auf ein Adlerfoto bekommt. Auch Milane, Caracaras (Raubvogelart) und weitere Adler sehen wir noch, die ebenfalls Fleisch bekommen.

 
Schon seit Jahren halte ich immer wieder Ausschau nach Hoatzins. Das sind etwa hühnergrosse, braune Vögel mit breiten Schwanzfedern und wunderschönen, hellblau gefärbten Köpfen mit Schopf. Sie ernähren sich ausschliesslich von schwer verdaulichen Blättern, deren Verdauung den Vögeln einen sehr unangenehmen Geruch verleiht, so dass sie nicht gejagt werden. Angeblich mögen selbst die Indianer dieses stinkende Fleisch nicht. Die Küken haben an den Flügelansätzen eine Art Haken, mit denen sie sich an den Ästen hochziehen können, wenn sie aus dem Nest gefallen sind. Und das passiert ihnen anscheinend oft. Jedenfalls wollte ich diese Vögel unbedingt sehen, und siehe da, hier gab es welche. Etwa fünf dieser besonderen Vögel sassen im Gewirr der Äste und waren daher leider nur schwer zu fotografieren. Aber sehr scheu waren sie nicht, sondern kletterten nur ein bisschen in den Ästen herum. Wieder ein Wunschtier zu sehen bekommen, wie schön.
 
Ein Stück weiter warten wir auf Shakira, ein Kaimanweibchen, das Victor so genannt hat, weil sie, wenn sie nach dem Fleisch an der Stange hoch aus dem Wasser springt, ähnlich schlangengleich „tanzt“ wie die Sängerin Shakira, die für ihre Art Bauchtanz berühmt ist. Nun also hängt Victor einen ordentlichen Batzen Fleisch an eine lange Holzstange und ruft Shakira. Und nach einer Weile kommt sie auch, ein schönes grosses Kaimanweibchen. Direkt vor uns springt sie elegant hoch aus dem Wasser, um nach dem Fleisch zu schnappen. Victor reisst jedes Mal die Stange mit dem Fleisch hoch, damit Shakira noch etliche Male springen muss, bevor sie letztlich doch Erfolg hat. Uns gelingen tolle Fotos, und wir sind von dieser Nähe zu Shakira und einem weiteren Kaiman sehr angetan. Auch eine schöne Wasserschildkröte schnappt sich ein Stück Fleisch, und Victor holt sie aus dem Wasser, um sie uns zu zeigen.

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Wir schippern durch diese magisch glitzernde Wasserwelt zurück bis zu dem Damm, der das Überfluten des Farmgeländes verhindert. Dort steigen wir aus und entdecken auch gleich ein grosses Orinoco-Krokodil, das einen ganz anderen Kopf hat als die Kaimane. Es hat eine längere schmale Schnauze und kleine Augen. Es darf auch nach einem Batzen Fleisch springen, kann das aber nicht annähernd so elegant wie Shakira. Schliesslich bekommt das Krokodil den Rest des Futters ans Ufer gekippt, wo es Stück für Stück schnappt, in die Luft wirft und dann fängt. Orinoco-Krokodile sind akut vom Aussterben bedroht, weil sie wegen ihres wertvollen Leders erbarmungslos geschossen wurden.
 
Auf der Brücke stehen die meisten unserer Gruppe und angeln Piranhas, die anschliessend wieder ins Wasser geworfen werden. Es ist unerträglich heiss und schwül, als wir wieder ins Boot steigen und zurück zum Hato fahren. Hatos werden die ganz grossen Farmen genannt, die kleineren heissen Haciendas. Dieses Hato el Cedral ist das grösste und tierreichste in Venezuela. Präsident Chavez hat die drei Besitzer dieses Hatos (und etlicher anderer) vor etwa einem Jahr enteignet, weil er keine Grossgrundbesitzer mehr in seinem Land will. Auf dem Gelände sollen künftig Mais und Reis angebaut werden, obwohl Fachleute ihm klargemacht haben, dass das Land sich dafür nicht eignet, weil es in der Trockenzeit zuwenig Wasser gibt. Chavez will es trotzdem durchsetzen. Das wäre das Ende dieses Naturparadieses. Es ist schon ein Jammer, was für Idioten und Despoten bzw. Diktatoren und machtgierige Dummköpfe die Welt regieren. Cilfredo bezeichnet Chavez’ Politik als Diktatur mit demokratischer Maske. Da hat er wohl Recht.
 
Direkt beim Hauptgebäude wurden mindestens 500 Rinder eingepfercht. Etliche Llaneros, wie die Viehhirten hier heissen, halten sie mit ihren Pferden zusammen. Die Tiere sollen geimpft und gezählt werden. So viele Rinder so dicht beisammen habe ich noch nie gesehen.
 
Nach dem Mittagessen verlassen wir diese Oase und fahren Richtung Osten nach San Fernando de Apure. Sobald wir das Farmgelände hinter uns haben, fahren wir auf Teerstrasse durch sehr dünn besiedeltes Gebiet. Kein einziges Wasserschwein ist mehr zu sehen, hier werden sie gnadenlos gejagt. Ihr Fleisch soll sehr gut schmecken.


 
Ab und zu sehen wir grössere Herden Wasserbüffel. Die schönen grossen Regenbäume werden jetzt seltener, dafür die Savannenlandschaft immer weiter und einsamer. Ab und zu wachsen Buschwerk und kleinere Bäume. Unsere Gruppe schläft zeitweise komplett. Gegen 18.00 Uhr kommen wir in San Fernando an, einer hässlichen, schmuddeligen Stadt mit 350.000 Einwohnern, von denen die meisten zu fett sind. Das Hotel ist ebenfalls grässlich. Mein Zimmer ist winzig und hat kein Fenster; die eisige Klimaanlage lässt sich nicht ausschalten. Ich reklamiere, aber es ist kein anderes Zimmer mehr frei. Immerhin erreiche ich, dass die Klimaanlage abgeschaltet wird. Meine venezolanischen Zimmernachbarn haben den Fernseher in voller Lautstärke laufen, und die Wände sind dünn. Immerhin funktioniert die Dusche und der Kühlschrank ist prall gefüllt mit Schokolade, Süsskram aller Art und Getränken. Gott sei dank ist auch Wasser dabei. Süsses ist für mich gestrichen auf dieser Reise, und bei den Temperaturen komme ich auch kaum in Versuchung.

 
Wir treffen uns im Restaurant des Hotels zum Abendessen, das heute nicht im Programm enthalten ist. Da werden wir so richtig abgezockt. Für einen miesen pappigen Cäsar’s Salat und einen Ananassaft zahle ich umgerechnet 20 Euro. Den anderen geht es nicht viel besser, obwohl sie einen doppelt so hohen Kurs bekamen wie ich.
 
Das schönste an San Fernando ist der Name. Hier traue ich mich nicht auf die Strasse in Lärm, Verkehr und Müll. Maritta aus Jena, das absolute Original unserer Gruppe, liebt das pralle Leben aller Städte und kennt keine Angst. Selbstbewusst marschiert sie, wohin sie will. Ich hingegen gehe früh ins Bett, weil ich die Zeitumstellung immer noch nicht intus habe. Dafür wache ich mitten in der Nacht auf und kann nicht mehr schlafen. Ich fühle mich eingesperrt in diesem winzigen Verliess ohne Fenster. Irgendwie kriege ich die Zeit bis zum Frühstück um 7.00 Uhr rum, das mich mit Arepas, geschnetzeltem Rindfleisch und schwarzen Bohnen auch nicht begeistern kann. Arepas sind kleine dicke Maisgriesfladen, die in Fett gebacken werden und die mir überhaupt nicht schmecken. Aber wenigstens ist der Kaffee hier gut, das ist auch selten der Fall, obwohl in Venezuela Kaffee angebaut wird.

 
Für heute ist ein langer Fahrtag nach Puerto Ayacucho im Süden an der Grenze zu Kolumbien angesagt. Puerto Ayacucho ist das Tor zum Amazonastiefland und damit zum Regenwald. Es ist schon am frühen Morgen sehr heiss. In einem grossen Supermarkt kaufen wir noch für unser Mittagessen ein, und ich staune wieder mal über die Preise hier. Für 3 Äpfel zahle ich 3 Euro, für 2 Sandwiches 7 Euro. Kein Wunder, dass keine Kunden in dem Laden sind. Die meisten Leute kaufen auf öffentlichen Märkten, wo es billiger ist. Dafür müssen sie aber stundenlang anstehen. Das Durchschnittseinkommen der Venezolaner liegt bei etwa 300 Euro im Monat, die Renten liegen ähnlich. Frauen gehen mit 55 Jahren in Rente, Männer mit 60. 
 
Erstaunlich, dass es nicht mehr Unfälle auf den Strassen gibt, denn in Venezuela gibt es keinen Führerschein. Jeder bringt sich das Fahren irgendwie bei und legt los. Rote Ampeln werden genau so ignoriert wie die Vorfahrt, und rechts überholen ist normal. Blinker kennt hier auch keiner. Ich bin allerdings sicher, dass unser Gustavo sehr wohl eine Fahrprüfung abgelegt hat, sonst würde man ihm wohl kaum einen neuen Bus mit weissen Turistas anvertrauen. Und er fährt wirklich sehr gut und immer den Gegebenheiten angepasst.
 
Die Landschaft wird immer ursprünglicher und einsamer, nur ab und zu mal ein kleiner Ort an der zeitweise sehr schlechten Strasse, dafür viele Lagunen mit Reihern und auch weitflächige Überschwemmungen. Die Rinder stehen oft bis zum Bauch im Wasser. Plötzlich tauchen rechterhand ganz unvermutet recht grosse Sanddünen auf, die man hier wirklich nicht vermutet. Wir laufen auf eine hinauf und schauen in die umliegende Umgebung. Direkt am Fusse der Dünen befinden sich Sümpfe mit Wasserpflanzen darin. Was für Gegensätze!
 
Auf schlaglochübersäter Strasse und später roter Lehmpiste kurven wir mühsam voran. Gustavo kreuzt von einer Strassenseite zur anderen, um uns möglichst wenigen Hopsern auszusetzen. Wir queren etliche Flüsse über nicht sehr Vertrauen erweckende Brücken und fahren durch menschenleere Weite. Am Rio Carpanaparo steigen wir aus und laufen bei unerträglich schwüler Hitze über die Brücke. Die Indios mit ihren Einbäumen auf dem Fluss sehen malerisch und zeitlos aus.
 
Am Cano la pica, einem weiteren Fluss, sehen wir zum ersten Mal die Morichepalme, aus deren Wedeln die Dächer der Indios gedeckt werden. Ausserdem flechten sie alles Mögliche aus diesen Palmblättern. Ab hier ist Indianerland mit 29 Stämmen im ganzen Land. Ab und zu sehen wir die mit Palmblättern gedeckten Hütten.

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Den ganzen Tag habe ich Ausschau gehalten nach Ameisenbären und Wasserschweinen, aber weder den einen noch die anderen entdecken können. Wir fahren durch weites, fast unbesiedeltes Land und sind alleine auf weiter Flur. Immer weniger Lagunen und Kühe, dafür auf einmal immer mehr dunkle Hügel. Es sind die Granitberge (Lajas) des Guayanaschildes. Und hier ist damit auch die südliche Grenze der Llanos.
 
In Puerto Paez befindet sich die Grenzkontrolle. Soldaten mit Maschinenpistolen schauen sich unsere Pässe an, aber sie sind fröhlich und lachen. Wahrscheinlich freuen sie sich über die Abwechslung an diesem gottverlassenen Posten an der Grenze zu Kolumbien. Angeblich hat Venezuela den Drogen aus Kolumbien den Kampf angesagt.

 
Rasch sind wir am berühmten Orinoco angekommen, der hier ungefähr 1000 Meter breit ist. Wir finden gerade noch Platz auf einer vorsintflutlichen Fähre, die so dicht voller LKW’s und alten Chevrolets steht, dass man teilweise nicht zwischen zwei Fahrzeugen hindurchlaufen kann. Wir sind hier die absoluten Exoten und werden ausgiebig, aber freundlich angestaunt. Weisse Touristen sind sehr selten hier. Während der gesamten Reise haben wir kaum 20 davon gesehen. Das hatte ich auch nicht erwartet.
 
Die Fähre fährt nicht aus eigener Kraft, sondern so eine Art Schlepper schiebt das Vehikel einfach gegen die Strömung auf die andere Seite des Orinoco. Nun sind wir im Bundesstaat Amazonas, und die Landschaft sieht sofort anders aus. Kurioserweise gibt es etliche Vogelarten nur auf einer Seite des Flusses, obwohl die Vögel locker hinüber fliegen könnten. Sie tun es unerklärlicherweise nicht.
 
Überall dunkle Granitberge in hügeliger Landschaft. 70 Prozent der Indianer Venezuelas leben im Bundesstaat Amazonas. Die Vegetation wird immer dichter, dafür gibt es kaum noch Savanne. Wir fahren durch die nichtssagende Stadt Ayacucho hinauf zu einem Aussichtspunkt. Der Blick in die weite Orinoco-Flusslandschaft mit malerischen Inseln und Stromschnellen ist atemberaubend schön. Ein ganz besonders zauberhafter Platz.
 
Die Hitze streckt uns fast nieder, als wir in der Stadt tanken und bei der Gelegenheit eine Bäckerei finden, in der wir einen Kaffee bekommen können. Natürlich wie immer aus einem kleinen Plastikbecher. Zuviel von Amerikas Unkultur ist schon nach hier geschwappt, leider.

 
20 Kilometer ausserhalb der Stadt erreichen wir mühsam über eine sehr holprige Piste unsere Orinoquio-Lodge, die wunderschön und einsam direkt an einer Biegung des Orinoco liegt. 12 kleine Rundhäuschen, mit Spitzdächern im indianischen Stil mit Morichepalmblättern gedeckt und rundum offen, empfangen uns. Ich bekomme eine Hütte mit freier Sicht auf den Fluss und seine Stromschnellen und bin sofort begeistert. Da Cilfredo uns vor den Puripuri-Mücken gewarnt hat, die es hier ab 17.00 Uhr in Mengen geben soll, ziehe ich meine weiteste Hose und übergrosses Hemd an, sprühe mich zusätzlich ein und streife dann schweissgebadet über die grossen flachen Granitfelsen und am Flussufer entlang. Die Puripuri-Mücken übertragen zwar keine Krankheiten, aber man darf nicht kratzen, weil sich die Stiche sonst entzünden und eitern können.
  
Wir sitzen überall verstreut am Orinoco-Ufer und warten auf den Sonnenuntergang. Der wird jedoch von einer dicker dunklen Wolke vereitelt, so dass die Sonne ganz unspektakulär einfach verschwindet. Danach sitze ich lange vor meiner Hütte und schaue und lausche dem Brausen der Stromschnellen und geniesse. Plötzlich kommt kräftiger Wind auf, der angenehm kühlt und die lästigen Mücken vertreibt. Geckos rufen laut und kündigen Regen an, der dann auch gegen 19.00 Uhr kräftig einsetzt mit Blitz und Donner. Der Strom fällt aus, und ich versuche, meine Sachen im Dunkeln in der rundum offenen Hütte einigermassen ins Trockene zu schaffen. Gott sei Dank finde ich meine Taschenlampe und damit auch meinen Regenponcho, damit ich um 19.30 Uhr zum Abendessen in das grosse Freiluftrestaurant gehen kann. Plötzlich höre ich meinen Namen rufen. Cilfredo steht mit einem kaputten Schirm vor meiner Hütte und will mich abholen, da das Essen schon früher fertig ist und die anderen ihre Suppe bereits gelöffelt haben. Stimmt, die angegebenen Zeiten sind hier nur Richtlinie.
 
Eine ganze Weile unterhalte ich mich noch mit Yvonne und Karl aus der Schweiz, die fast die ganze Welt bereist haben. Reisende haben sich immer viel zu erzählen.
 
Mein Bett erreiche ich heute über eine kleine gewundene Treppe hoch zu einer Plattform unter dem Dach, schlüpfe unter das Moskitonetz und schlafe ohne Klimaanlage mit viel frischer Luft prima, immer das Rauschen der Stromschnellen des Orinoco im Ohr. Um halb sechs stehe ich auf und schaue fasziniert auf den Fluss und die Schwalben, die schon übers Wasser jagen. Es ist total ruhig und friedlich und sehr angenehm kühl so früh am Morgen.

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Nach dem Frühstück fahren wir nach Puerto Ayacucho auf den Markt, um sämtliche Fische aus dem Orinoco zu bestaunen. Dann gibt es da natürlich auch Fleisch und Gemüse und Obst usw. Bei den Fleischständen sieht man bergeweise Hühnerfüsse, die offenbar auch gerne gekauft werden. Ganze Schubkarren voller Hühnerfüsse standen herum. In Plastikschüsseln krabbelten riesengrosse rostfarbene Termiten herum. Eine war rausgeklettert, und Cilfredo nahm sie zwischen die Finger, um sie wieder in die Schüssel zu legen. Er stiess einen Schrei aus und schleuderte die Termite von sich, die ihm mit den grossen Beisszangen einen etwa 1 cm langen tiefen Schnitt in den Finger beigebracht hatte. Es hörte gar nicht mehr auf zu bluten, so dass ich ihm ein Pflaster spendierte. Ich sag’s ja immer, dass die kleinsten Viecher die gefährlichsten sind. Und dann erfahre ich noch, dass die scharfe Sosse, mit der ich am Abend zuvor meinen langweiligen Reis gewürzt hatte, aus eben diesen Termiten bestand, die tradionell zum Würzen verwendet werden. Jetzt weiss ich auch, warum es auf den Märkten Termiten zu kaufen gibt.
 
Hier gibt es tolle Fotomotive, aber man darf die Indios nicht fotografieren. Die Erwachsenen glauben, dass man ihnen damit die Seele raubt. Kinder hingegen darf man fotografieren, wieso, ist mir nicht klar. Wir besuchen noch das ethnische Museum, in dem die verschiedenen Indianerstämme erklärt werden. Werkzeuge, Musikinstrumente und Küchengeräte finden wir vor. Gegenüber vom Museum befinden sich jede Menge Strassenstände mit Kunsthandwerk der Indianer. Es gibt Masken und Ketten und Holztiere. Überall werden wir bestaunt, weil es hier im Süden nur sehr selten weisse Touristen gibt. Überall laute Musik, viel Lärm und Verkehr und ziemlich viel Schmutz und Abfall.

 
Mit einem kleinen Boot überqueren wir den breiten Orinoco und gehen in Kolumbien an Land. Was für ein Unterschied! Hier ist alles picobello sauber und geradezu idyllisch friedlich, wenngleich auch hier aus jedem Laden Musik dröhnt. Die Grenzbeamten sind fröhlich, sie haben ihren Spass an uns Exoten. In einer kleinen offenen Bar trinken wir etwas, und Cilfredo tanzt mit Gertrud Salsa. Wir schlendern noch ein bisschen auf und ab und kehren dann um.
 
Bald sind wir wieder in unserer romantischen Orinoco-Lodge. Fast alle haben total zerstochene und von roten Flecken übersäte Beine, weil sie trotz Puripuri-Warnung kurze Hosen getragen hatten. Meine langen Microfaserhosen haben mich bisher gut geschützt und ich habe noch keinen einzigen Stich abbekommen. Das sollte sich jedoch bald sehr übel ändern.

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Nach dem Mittagessen fahren wir bei 35° plus Sonne zum Ausgangsort unserer Waldwanderung. Ein indianischer Führer begleitet uns. Ich komme mir heute vor wie der „Hans guck in die Luft“, weil ich immer Ausschau nach einem Faultier halte, das ich schon seit Jahren sehen möchte. Aber mir wird bald klar, dass dieser Wald hier schon ziemlich „tot“ ist. Kein Vogel ist zu hören, kein Affe turnt herum, der Wald schweigt. Immerhin wurden uns einige 24-Stunden-Ameisen gezeigt, die ich schon letztes Jahr am Amazonas kennengelernt hatte. Diese Biester verursachen 24 Stunden lang extreme Schmerzen und werden von jedem sehr gefürchtet.
 
Ausser einer Handvoll Schmetterlingen und zahllosen Ameisen sahen wir nichts. Wohl aber brandgerodete Flächen, auf denen die Indianer Mais und Maniok angepflanzt haben. Ein sehr deprimierender Anblick. Nach etwa einer Stunde kommen wir zu einigen Hütten, wo wir von lachenden Kindern der Piaroa-Indianer empfangen werden. Sie sind froh über die Abwechslung und freuen sich, als Ewald mit ihnen Ball spielt. Einige Hunde und Hühner gab es hier bei diesen zwei Familien, die uns eine Ananas spendierten. Da es schon längere Zeit donnerte und der Himmel sich immer mehr zuzog, kehrten wir total verschwitzt, schweigsam und ziemlich enttäuscht um. Zum Kauf von Balsaholzpapageien und Tukanen längs der Strasse hatten wir auch keine rechte Lust mehr. Wir wollten bloss noch unter die Dusche. Diese Wanderung kann man getrost aus dem Programm streichen. Aber immerhin haben wir ein bisschen Bewegung mit Sauna kombiniert.
 
 
Heute klappt es mit einem wunderschönen Sonnenuntergang über dem Orinoco. Nach einer wohltuenden Dusche und frischer Kleidung geht es mir wieder gut. Bis zum Abendessen schaue ich mir noch die sehr schönen Bildbände über die Flora und Fauna von Venezuela an, die im Restaurant ausliegen. Da ich vermutlich etliche der sehr seltenen Tiere, die es in den Wäldern gibt, doch nicht in natura zu sehen bekomme, fotografiere ich einige davon aus dem Buch ab. So u.a. auch ein Faultier und einen Felsenhahn. Das ist ein wunderschöner leuchtendroter Vogel, der trotz seiner auffallenden Farbe nur äusserst selten mal zu sehen ist. Vogelfans reisen ihm ebenso nach wie ich meinem Faultier. Wir fahren ja morgen erst in den Regenwald, wer weiss, vielleicht sehe ich ja doch noch eines.


 
Um 5.00 Uhr ist Aufstehen angesagt, um 6.30 Uhr fahren wir schon los, denn wir haben heute eine weite Strecke zu fahren nach Las Trincheras, einer kleinen Indianersiedlung am Caurafluss mitten im Regenwald. Die Sonne scheint schon früh, und wir kommen guter Dinge flott voran. Vor uns sehen wir auf der offenen Ladefläche eines Klein-Lasters fünf Esel und einen Hund stehen. Die Landschaft ist abwechslungsreich mit Savanne, lockerem Baumbestand, kleineren Wäldchen und vielen Morichepalmen. Dazwischen überall grössere und kleinere Lajas, wie die grauen Granithügel und –berge heissen. Als wir an einen sehr grossen Granitberg kommen, halten wir und klettern hinauf. Von oben haben wir einen schönen Rundblick in die Landschaft. Unser Bus sieht aus wie ein Spielzeugauto.

 
Auf schlechter Strecke kommen wir nur mühsam voran. Die Strasse ist oft nicht mehr geteert, dafür gibt es umso mehr grosse Schlaglöcher, die Gustavo netterweise umfährt. Ab und zu sehen wir ein paar Indianerhütten, sonst scheint die Gegend tier- und menschenleer. Schon lange haben wir keine Rinder mehr gesehen und auch nur selten mal einen Vogel. Dafür wachsen hier die ziemlich unschön aussehenden Sandpapierbäume und ab und zu gelb blühende Akazien. Einen Motorroller mit zwei Erwachsenen und drei Kindern besetzt, überholen wir. In einem kleinen Nest machen wir Kaffeestopp und suchen mangels Alternative die mehr als eklige Toilette auf. Ringsum Armut, Staub und Dreck und magere Hunde, die im Müll wühlen.
 
Unterwegs halten wir an, weil dort Indianer selbstgefertigte Ketten und Armbänder aus verschiedenen Samen, Kokosnuss, Tierknochen, Zähnen usw. verkaufen. Ich kaufe eine Kette aus den Wirbelknochen eines Zitteraals und mit dem Eckzahn eines Pekaris, eines kleinen aggressiven Wildschweins. Irgendwo im Nirgendwo auf dieser einsamen Strecke wird von einer Familie an einem überdachten Stand gegrilltes Fleisch angeboten, aber es gibt Gott sei Dank auch Kaffee (in Mini-Plastikbecherchen wie immer). Hier machen wir unsere kurze Mittagspause. Der Temperaturunterschied von gekühltem Bus und der Aussentemperatur beträgt mindestens 20°. Wieder im Bus dösen wir meist vor uns hin, Fahrtage müssen halt auch mal sein, wenn man ein schönes entlegenes Ziel erreichen will. Immer wieder sehen wir Polizeikontrollen im ganzen Land. Wir dürfen aber meist unkontrolliert fahren, weil unser Bus jedem Einheimischen als Touristenbus bekannt ist.
 
Schliesslich kommen wir zum Rio Caura, den ich mir als ziemlich kleinen Urwaldfluss vorgestellt hatte. In der Tat ist er aber gewaltig, sicher 500 Meter breit. Seine Ufer sind dicht von Regenwald bestanden. Auf der Brücke machen wir einen Fotostopp, steigen aber wegen der extremen Hitze rasch wieder in den Bus. Kurz danach fallen ein paar Regentropfen. Es ist zwar noch Regenzeit, aber bisher sind wir von schweren Regenfällen verschont geblieben.

 
Kurz nach Mariapo biegen wir rechts ab und fahren nun auf Erdpiste weiter nach Süden. Immer noch umgibt uns Savannenlandschaft mit schütterem Baumbestand. Dann aber geht es bergab, und auf einmal fahren wir durch dichten Wald. Kleine Indianerdörfer gibt es hier, und etliche Bewohner sind zu Fuss auf der Piste unterwegs. Unsere Caura-Lodge befindet sich direkt am Ufer des Rio Caura, umgeben von dichtem Dschungel. Was für putzige und romantische Häuschen wir hier vorfinden! Sie sind noch uriger als in der Orinoco-Lodge, haben alle Moskitogitter, aber Gott sei Dank keine Klimaanlage. Strom gibt es für einige Abendstunden und Kaltwasser. Bei dieser Affenhitze ist kühles Wasser kein Problem, sondern angenehm. Es ist dermassen schwülheiss, dass wir im Nu klatschnass geschwitzt sind bei unserem ersten kleinen Spaziergang.
 
Ich habe wieder mein weites Anti-Moskitohemd und geschlossene Schuhe an, um nicht total zerstochen zu werden. Viele grüne Papageien fliegen schon zu ihren Schlafbäumen. Die Vielfalt der Pflanzenwelt beeindruckt mich sehr. Als wir auf dem Rückweg wieder durch die eine Strasse der Siedlung laufen, kommt uns ein Pekari entgegen und Maritta flüchtet zum Vergnügen der Einheimischen vor diesem kleinen Wildschwein, das hier offenbar zahm gehalten wird. Maritta mag anscheinend überhaupt keine Tiere, auch allen Hunden ging sie stets aus dem Weg. Jedenfalls haben sich die Einheimischen schief gelacht, weil sie vor dem Pekari Angst hatte. Grundsätzlich hat sie damit aber Recht, denn wilde Pekaris sind ausgesprochen aggressiv und gefürchtet.

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Wir kommen zum Sonnenuntergang zu spät, sehen aber im letzten Licht noch einen jungen Spinnenaffen in einem grossen Baum herumturnen.
 
Unser Abendessen nehmen wir auf einer überdachten Terrasse direkt über dem Flussufer ein. Es ist das leckerste Essen bisher und besteht aus einem feinen Möhren-Weisskohl-Salat, einer Gemüsemischung mit Auberginen und Zwiebeln, dazu Kartoffeln und Rindersteaks, die Cilfredo für uns im Freien gegrillt hat. Dazu gibt es eine höllisch scharfe Sosse. Ewald probiert etwas zuviel davon, so dass ihm die Tränen in die Augen schiessen und er minutenlang kein Wort sagen kann. Mit hochrotem Kopf sitzt er da und versucht zu überleben. Wir lachen und lästern natürlich nicht wenig. Als er wieder sprechen kann, meint Ewald, die Sosse wäre so scharf, dass er nicht mehr richtig hören kann.
 
Auf dem Tisch turnen jede Menge Insekten herum, auch auf unseren Tellern. So verziehen wir uns gleich nach dem Essen auf eine andere dunkle Terrasse, schwitzen, erzählen und lachen.
 
In meinem netten Häuschen schlafe ich in meinem Kingsizebett unter dem Moskitonetz trotz nächtlicher Hitze unerwartet gut, bis mich um 4.00 Uhr die Brüllaffen wecken. Dann fangen auch die Hähne an zu krähen, und um 5.30 Uhr stehe ich unter der Dusche. Danach sitze ich auf meiner eigenen Terrasse und schaue auf den ruhigen Fluss direkt vor mir. Wunderschön idyllisch und friedlich ist es hier, ein herrliches Plätzchen. Ich hatte schon früh einen Bootsmotor gehört und dachte mir schon, dass jemand zum Fischen rausgefahren ist. Einer vom Personal kommt nun mit einem stattlichen Wels zurück, das wird unser heutiges Abendessen.


Nach einem leckeren Frühstück mit frischen Früchten fahren wir mit zwei Booten auf dem Rio Caura und einigen Seitenarmen. Die Sonne knallt schon früh vom Himmel, und ich habe mich heute doppelt eingecremt und meinen Hut auf. Während der Bootsfahrt sehen wir verschiedene Reiher, Eisvögel und Fischadler. Unterwegs besuchen wir ein Indianerdorf und werden von vielen Kindern empfangen. Im Dorf zeigt man uns die Verarbeitung von Maniok. Ein süsses Baby schläft selig in einer Hängematte. Wir machen einen Rundgang durch das Dorf und sehen auch die kleine Dorfschule, in der alle Klassen in einem Raum unterrichtet werden. Zuletzt kaufen wir den Frauen noch selbstgemachten Schmuck ab. Ich erstehe ein nettes Armband aus rotschwarzen Samen.

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Der Fahrtwind auf dem motorisierten Einbaum ist uns mehr als willkommen, denn die Hitze erdrückt uns fast. Ein zweites Indianerdorf mag ich aber nicht mehr anschauen und Gertrud auch nicht. Wir haben den Eindruck, dass die Menschen das gar nicht mögen und sich zur Schau gestellt fühlen. Der Verkauf der Ketten ist die einzige Einnahmequelle, deswegen ertragen sie die Touristenbesuche. Ich kann sie verstehen.
 
Kaum sitzen wir wieder im Boot, sieht Cilfredo einen Riesenflussotter, der gerade einen recht grossen Rochen gefangen und mit dem Fressen begonnen hat. Als wir näher kommen, flüchtet der Otter ins Wasser, taucht aber immer wieder auf und behält uns im Auge. Der Rochen lebt noch, obwohl der Otter schon ein grosses Stück gefressen hat. Als wir langsam weiterfahren, kommt der Otter zurück, holt sich den Rochen und zieht ihn ans andere Ufer in Sicherheit. Das war mein erster Riesenflussotter, der hier übersetzt auch Flusswolf genannt wird.

 
Wir fahren zu einem verlassenen Camp, wo wir am Morgen den Koch mitsamt Lebensmitteln abgesetzt hatten. In der Zwischenzeit hat er einen leckeren Tunfischsalat und Nudeln zubereitet für unser Mittagessen. Wir sitzen unter einem riesigen Dach aus Palmblättern und sind dankbar für den Schatten. Hier sehe ich auch die schönen schwarz-blauen Trompetervögel wieder, die die Indianer als „Wachhunde“ halten, weil sie Fremde laut ankündigen. Ich biete 100 Dollar Prämie für denjenigen, der ein knipsbares Faultier sichtet. Diese Idee wird begeistert aufgenommen, und die Indios hier erzählen, dass sie vor 15 Tagen eines gesehen haben, allerdings ein Stück weg von hier. 100 Dollar sind eine Menge Geld und ein echter Anreiz, und anschliessend gehen die Blicke immer nach oben in die Kronen bestimmter Futterbäume, in denen die Faultiere hängen könnten.
 
Ich entdecke noch zwei wunderschöne Cattleyablüten, eine schöne Orchidee und die Nationalblume Venezuelas. Die Hauptblüte der Orchideen ist im Mai. Gerade, als wir wieder losfahren wollen, geht ein kräftiger Regenguss runter, den wir gerne noch unter dem Dach abwarten.
 
Nach kurzer Fahrt legen wir dann mitten im Regenwald an und wandern etwa zwei 1/2 Stunden durch dichten Wald auf sehr schmalen Pfaden. Dabei entdecken wir nicht nur Brüllaffen und grosse Waldhühner (Guane), sondern auch die Erdhöhle einer Tarantel. Bisher wusste ich nicht, dass Taranteln die grössten Spinnen sind und in Erdhöhlen leben, während Vogelspinnen nachtaktiv sind und auf Bäumen leben. Cilfredo nahm ein langes biegsames Gras, machte eine Schleife am Ende und stocherte damit in der Höhle herum. Es tat sich aber nichts. Vor der Höhle lagen die Reste einer männlichen Tarantel, die die weibliche Spinne offenbar vertilgt hatte. Wir verschieben den Versuch auf den Rückweg.

 
Eine hübsche Schildkröte finden wir noch und Cilfredo hebt sie hoch. Sie hat dunkle breite Fusssohlen mit leuchtend roten Punkten darauf. Nach einer Weile kommen wir ganz unvermutet aus dem Gewirr der Lianen und Bäume heraus und stehen bald auf einem grossen schwarzen Granithügel. Dort lauschen wir dem Röhren der Brüllaffen. Sechs grosse rote Aras fliegen über unsere Köpfe. Es donnert ordentlich, und der Himmel ist zugezogen. Etliche Termiten haben sich in meine Schuhsohlen verbissen. Angewidert flitsche ich sie weg. Einen ziemlich weit entfernten Tukan sehen wir noch, dann kehren wir um und Cilfredo versucht erneut sein Glück bei der Tarantel. Gertrud überlässt mir den besten Platz zum Fotografieren, und auf einmal sehe ich schwarze Füsse zucken. Blitzschnell kommt das Riesentier von Tarantel aus der Höhe geschossen, verharrt einen Moment und schaut, was los ist, um dann ebenso schnell wieder in der Höhle zu verschwinden. Sie war mindestens so gross wie meine Hand mit gespreizten Fingern und schwarzbraun. Zwei gute Fotos sind mir gelungen. Wir waren ganz gebannt von diesem Erlebnis, denn niemand von uns hatte je eine Tarantel gesehen, und so eine grosse schon gar nicht. Sie sieht echt zum Fürchten aus.
 
Die Wanderung in Hitze, Schwüle und stehender Luft hat uns ziemlich fertig gemacht, und wir sind froh, als wir wieder im Boot sitzen. Wir biegen ab in einen Seitenarm, und Cilfredo und unser indianischer Skipper schauen angestrengt in die Bäume. Jeder will die 100 Dollar-Faultierprämie haben. Hier in der Gegend hatte man vor 15 Tagen ein Faultier gesichtet, aber inzwischen hat es sich offenbar einen anderen Futterbaum gesucht, ausserdem wurde es schon dämmerig. Faultiere sind perfekt getarnt durch ihre Färbung und die extrem langsame Bewegung. Selbst für die Indianer sind sie sehr schwer zu entdecken, dabei sind sie keineswegs selten.

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So fahren wir weiter und sehen als Krönung des Tages noch drei graurosa Süsswasserdelfine, die munter auf- und abtauchen und zu spielen scheinen. Schliesslich springt einer immer wieder elegant aus dem Wasser. Da man nie weiss, wann und wo sie wieder auftauchen, sind Fotos ziemliche Glücksache.

 
Inzwischen ist die Sonne ohne uns untergegangen, und wir brausen flott zurück zur Lodge. Das war ein wunderschöner und erlebnisreicher Tag heute. Ich bin ziemlich groggy und müde und gehe nach einem sehr leckeren Abendessen mit Welssteak früh schlafen. Meine Füsse sind jetzt auch ziemlich zerstochen und jucken grässlich.
 
Am frühen Sonntagmorgen höre ich ein lautes Papageienkrächzen und entdecke einen roten Ara auf dem hohen Baum direkt vor meiner Hütte. Ein wunderschöner bunter Prachtvogel ist das.
 
Nach dem Frühstück nehmen wir Abschied von diesem schönen Flecken Erde am idyllischen Caurafluss. Heute geht es nach Osten nach Ciudad Bolivar, wo uns grosse Hitze erwarten soll. Mein Gott, mehr Hitze geht doch gar nicht mehr, die hatten wir doch schon die ganze Zeit!
 
Unterwegs räumen die Männer einen umgestürzten Baum zur Seite, dann schauen alle angestrengt nach oben in die Baumkronen, um doch noch ein Faultier zu entdecken. Rainer schlägt vor, ein Stoff-Faultier zu nähen und will für diese Idee 50 Dollar. Das Thema „Ria’s Faultier“ sorgt ständig für Gelächter.
 
Bald haben wir den schönen üppigen Regenwald hinter uns gelassen und kommen wieder in trockenere Savannenlandschaft, die von Sandpapierbäumen durchzogen ist. Es ist ziemlich eintönig und langweilig, so dösen wir vor uns hin, während Gustavo die autoleere Strasse entlangrauscht. Cilfredo hat flotte Musik aufgelegt und trommelt mit den Händen im Takt dazu. Er ist temperamentvoll, fröhlich, sehr kontaktfreudig und gesellig und lacht gerne. Ausserdem nimmt er das Leben von der lockeren und gelassenen Seite. Um diese Eigenschaften ist er wirklich zu beneiden.
 
Gegen 13.00 Uhr kommen wir nach Ciudad Bolivar auf breiter Strasse. Tempo 40 wird genau so ignoriert wie die roten Ampeln. Hier gibt es viele Neubauten und ein grosses Gewerbegebiet. Alle Gebäude sind ummauert und eingezäunt, sämtliche Fenster vergittert. Da denkt man sich seinen Teil.

 Wir kehren in ein grosses Freiluftrestaurant ein und warten ewig lange auf das Essen. Ich habe Hähnchenschnitzel mit Knoblauch und Salat bestellt und eine Cola. Es schmeckt gut, kostet mich aber sage und schreibe 25 Dollar.

 
Draussen ist eine mörderische Hitze. Rasch sind wir jedoch in unserem Hotel Casa Grande in der kolonialen Altstadt. Cilfredo hat mir dieses Mal ein Zimmer mit Fenster beschafft, und ich habe sogar freien Blick auf den Orinoco und die grosse Angostura-Brücke, die der Brücke in San Francisco sehr ähnlich sieht. Dieses Hotel im Kolonialstil macht einen gepflegten Eindruck und hat Klimaanlagen, die man regulieren kann sowie ein grosses Bett und ein komfortables Bad. So urig und erdverbunden die kleinen Lodges im Dschungel auch sind, nach ein paar Tagen weiss ich eine heisse Dusche und Föhn sehr zu schätzen. Noch mehr aber schätze ich, wenn es Null Bichos gibt. Damit meine ich die Wanzen, Milben, Moskitos, Puripuris oder was auch immer sticht oder beisst. Irgendwelche dieser Viecher müssen in meinen Betten gewesen sein, denn inzwischen bin ich total zerstochen und habe grosse rote Plarren, die grässlich jucken.
 
Die meisten von uns haben von Stichen gesprenkelte Beine. Cilfredo läuft fast immer in kurzen Hosen und hat nicht einen Stich. Wie er das wohl macht?
 
Wir machen einen Rundgang durch das kleine Zentrum von Ciudad Bolivar mit der Plaza Bolivar und besuchen ein kleines Museum, das von den Heldentaten Simon Bolivars zeugt. Simon Bolivar hat die Länder Venezuela, Kolumbien, Ecuador, Peru und Bolivien von der Herrschaft bzw. Unterdrückung durch die Spanier befreit und ist daher in all diesen Ländern der absolute Nationalheld. In jeder grösseren Stadt gibt es eine Plaza Bolivar mit seinem Standbild.
 
Heute ist die Stadt wie leergefegt, denn es ist Sonntag, da schlafen die Leute, wie Cilfredo sagt. Selbst Autos sieht man kaum, und alle Läden sind geschlossen. 90% der Bevölkerung sind katholisch. Wir schlendern durch die engen Strassen zur Uferpromenade am Orinoco, der hier bei der Brücke mit 800 Metern seine schmalste Stelle hat. Es ist der grösste Fluss Venezuelas mit 2100 Kilometern Länge. Er entspringt im Südosten nahe der brasilianischen Grenze und fliesst in einem grossen Bogen durch das Land, bildet dabei auf etliche Kilometer die natürliche Grenze zu Kolumbien und mündet schliesslich in einem breiten Delta mit zahllosen Flussläufen in den Atlantik.

 
Selbst hier in einem grossen Freiluftlokal direkt am Fluss ist nicht viel los, obwohl die Aussicht auf den Fluss und die Brücke wirklich prächtig ist. Bei uns wäre hier am Sonntag alles rappelvoll.
 
Da wir den Sonnenuntergang auf der schönen Dachterrasse unseres Hotels erleben wollen, kehren wir um. Die Aussicht ist wirklich wunderschön. Doch dann ziehen ein paar völlig unnötige dunkle Wolken auf und versauen uns den Sonnenuntergang.
 
Das Abendessen geht heute wieder auf eigene Kosten. Dazu laufen wir um die Ecke in ein Restaurant, das zum Hotel gehört. Cilfredo hatte für uns Lau-Lau bestellt, einen feinen Wels fast ohne Gräten. Er ist sehr lecker und sehr teuer.
 
Später sitzen wir noch im Hotel um den grossen Tisch im ersten Stock, schreiben unsere Adressen mit Email auf ein Blatt, das ich für alle kopieren lassen will, damit jeder eines bekommt. Gertrud spendiert eine Flasche Cacique (weicher Rum), Yvonne steuert noch Anisschnaps bei. Ich bleibe jedoch lieber bei Wasser. Jedenfalls wird es richtig lustig und wir lassen uns von Maritta noch ein Fingerspiel als Gehirntraining beibringen.

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Um 6.45 Uhr sitzen wir schon beim Frühstück. Heute, am 12.10. ist Feiertag, weil Kolumbus an diesem Tag zum ersten Mal südamerikanischen Boden betrat, und zwar in Cumana, der ersten Stadt Venezuelas, die wir am Ende der Reise noch besuchen werden. Auch heute ist kein Mensch auf der Strasse und alle Läden geschlossen. So eine leere Stadt habe ich auf Reisen noch nie gesehen.
 
Um 7.30 Uhr fahren wir zum Flughafen, um mit drei Cessnas in den Canaima-Nationalpark zu fliegen, wo sich auch der höchste Wasserfall der Erde befindet. Es ist der Angel-Wasserfall, der 1000 Meter in die Tiefe stürzt. Vielleicht haben wir ja Glück mit dem Wetter und gute Sicht. Und wir haben Glück! Unter uns wird ein riesiger Stausee mit bizarren Inseln darin sichtbar, schliesslich dichter Urwald und dann tauchen die ersten der 117 Tafelberge der Gran Sabana auf, die hier steil aus der Ebene auftragen. Die Wolken werden immer dichter, doch gerade, als wir über den Auyan Tepuy, den mit 700 qkm grössten Tafelberg fliegen, reisst die Wolkendecke auf, so dass wir den Wasserfall in allen Facetten fotografieren können, denn der Pilot dreht eine Schleife nach der anderen. Der Wasserfall an sich ist nicht sehr spektakulär, zumal er derzeit nicht viel Wasser führt. Es ist mehr das Wissen darum, dass er mit 1000 Meter Höhe eben der höchste der Welt ist, das ihn so berühmt gemacht hat. Die mächtigen Tafelberge mit den senkrecht abfallenden Wänden finde ich wesentlich imposanter. Der Auyan Tepuy (in der Indianersprache: grosser Berg) ragt immerhin 2.400 Meter hoch aus der Ebene auf. Der höchste Tafelberg ist der Roraima mit 2.600 Metern, der im äussersten Südosten des Landes liegt.

 
Rasch landen wir in Canaima, einer kleinen Ansiedlung, die völlig auf Tourismus eingestellt ist. Nachdem wir den Eintritt in den Nationalpark bezahlt haben, steigen wir auf eine Art hölzernen Eselkarren mit Motor und werden ein paar hundert Meter weiter zu einem Freiluftrestaurant gefahren, wo wir Badesachen anziehen und unsere restlichen Sachen und Rucksäcke deponieren können. Wer will, kann nämlich heute hinter einem Wasserfall hindurchlaufen. Das wollte ich aber nicht, und wegen ein bisschen Nasswerden wollte ich nicht alles mitschleppen und dann womöglich in der Sonne verbrennen. Es kam aber ganz anders.
 

Das Camp liegt jedenfalls an der schönen Canaima-Lagune, die mit dem grossen Hacha-Wasserfall einen zauberhaften Anblick bietet. Mit einem kleinen Boot fahren wir langsam von Wasserfall zu Wasserfall. Es gibt schmale und breite und ganz mächtige. Manche stürzen tobend und brausend mit viel Gischt in die Lagune, bei anderen fällt das Wasser wie Perlenschnüre herab, wieder andere springen über grüne Stufen hinab. Einer immer schöner und interessanter oder spektakulärer als der andere. Wir sind ganz hingerissen von diesem grandiosen Naturschauspiel.

 
Nach einer Weile gehen wir an Land und laufen eine Weile durch diese schöne Landschaft aus Savanne, Tafelbergen und Wasserfällen. Vor einem weiteren Wasserfall befindet sich eine Art natürlicher Swimmingpool, und Cilfredo geht baden und die meisten von uns hinterher. Dass man baden kann, hatte er leider nicht gesagt, es war immer nur die Rede von dem einen Wasserfall, hinter dem man herlaufen kann. Angesichts der grossen Hitze wäre ich hier auch gerne baden gegangen, hatte aber leider nun kein Badezeug dabei. Da stimmte die Information einfach nicht. Vielleicht war das auch wieder so eine spontane Idee von ihm. Die meisten von uns hatten ja Badezeug an und Badeschuhe oder Sandalen.

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Der anschliessende Weg führte über grobe Steine steil bergab und bergauf und war keineswegs für Badeschuhe geeignet. Ich hatte, wie immer, feste Schuhe an. Und dann taucht vor uns ein kräftiger Wasserfall auf, durch den wir hindurchmüssen, ob wir nun wollen oder nicht. Auch davon hatte Cilfredo nichts gesagt, und ich war ziemlich sauer, denn ich hatte keine Lust, nachher mit nassen Klamotten im kalten und zugigen Flugzeug zu sitzen. Ein Indio sammelte unsere Kameras in einem wasserdichten Beutel ein, dann blieb mir nichts anderes übrig, als in voller Montur durch den Wasserfall zu laufen. Es war so, als würde mir jemand mehrere Eimer Wasser gleichzeitig über den Kopf leeren und ich war im Nu klatschnass von Kopf bis Fuss und ziemlich sauer. Als wir dann wieder bei der Lagune ankamen, um von dort aus hinter dem grossen Hacha-Wasserfall durchzulaufen, blieb ich mit einigen anderen dort zurück und versuchte, mein Top über einem Busch einigermassen zu trocknen.
 
Begeistert kommen die „Wasserfäller“ nach einiger Zeit zurück und wir fahren zum Camp. Da wir zeitlich knapp dran sind, müssen wir das Mittagessen runterschlingen, denn unser Flieger geht um 15.00 Uhr. So werden wir wieder mit dem offenen Jeep und den harten Holzbänken abgeholt und diesmal auf die Landebahn vor die Flugzeuge gefahren, um direkt in die Cessnas umzusteigen. Kaum sind wir gestartet, durchfliegen wir eine dicke Regenwolke, dann aber erreicht uns die Sonne wieder und wir haben sagenhaft schöne Ausblicke auf die unversehrte und unbesiedelte Landschaft mit Urwald und den mächtigen Tafelbergen des Canaima-Nationalparks. Wieviele Faultiere mögen da unten wohl in den Bäumen hängen? Viele grössere und kleinere Wasserläufe glitzern in der Sonne, und die vielen bizarren Inselchen des grossen Stausees faszinieren mich wieder. Eine zauberhaft schöne Landschaft ist das. Wir sehen später aber auch eine grosse Eisenerzmine und eine Landebahn, die die Landschaft verschandeln und rostrote Wunden in den Wald gerissen haben.
 
Nach gut einer Stunde landen wir wieder in Ciudad Bolivar, wo uns Gustavo schon erwartet. Nur die dritte Maschine mit Ewald und Cilfredo fehlt noch, aber Gustavo sagt, dass sie später kämen, was uns einigermassen verwunderte. Später erfuhren wir den ungewöhnlichen Grund dafür.
 
Den Sonnenuntergang erleben wir wieder sehr schön auf der Dachterrasse des Hotels. Sehr praktisch, dass die Sonne direkt neben der attraktiven Angostura-Brücke über dem Orinoco untergeht. Was für ein eindrucksvoller Tag war das heute!
 
Als es gerade richtig dunkel ist, fällt der Strom im ganzen Stadtviertel aus, und wir sitzen im Finstern. Überall werden Kerzen angezündet, und das sieht zwischen den alten Kolonialmöbeln sehr schön und romantisch aus. Dann gibt es wieder ein ordentliches Gewitter mit kräftigem Regen, und ich beobachte, wie die Blitze über den Himmel zucken. 
 
Nach einer knappen Stunde ist der Strom wieder da und wir gehen in das Restaurant um die Ecke, das zum Hotel gehört und in dem wir auch das Frühstück bekommen. Hier erfahren wir, dass Ewald und Cilfredo, die in Canaima mit der letzten Maschine des Tages fliegen wollten, wegen technischer Probleme der Cessna nicht starten konnten. Die einzige Möglichkeit, von dort noch fort zu kommen, bestand darin, mit einer alten Antonow D2 zu einer Goldgräbersiedlung zu fliegen. Da die Maschine zuvor Ölfässer transportiert hatte, waren keine Sitze vorhanden, so dass die wenigen Passagiere im Stehen oder auf dem Boden sitzend fliegen mussten. In der Goldgräbersiedlung angekommen, gabelte Cilfredo irgendwie ein altes Taxi auf, und eingequetscht zwischen noch anderen Passagieren fuhren sie dann durch Nacht und Regen nach Ciudad Bolivar, wo sie lachend eintrafen, als wir gerade mit dem Essen fertig waren. Ewald war total begeistert von diesem Abenteuer, und als wir am Ende der Reise jeden Teilnehmer nach seinem absoluten Highlight der Reise fragten, gab er eben jenen abenteuerlichen Flug mit der alten Antonow an. Es war jedenfalls ein grosses Hallo, und Ewald war so aufgekratzt, dass er gar nichts mehr essen konnte, sondern gleich zum Bier überging.

 
Zwar habe ich ganz gut geschlafen, aber dann zu meinem Entsetzen festgestellt, dass ich total zerbissen war und noch mehr grosse rote Plarren an Beinen, Po und Hüfte hatte, die grässlich juckten. Sah aus wie Milbenbisse, es können aber auch Wanzen gewesen sein. Dann fiel mir ein, dass in den Reiseunterlagen stand, dass man auch in den besseren Hotels im Bett immer lange Hosen anziehen sollte. Das hatte ich wegen der Hitze bisher nicht gemacht. Und hier waren wir im angeblich besten Hotel der Stadt. Während ich kratzte und anschliessend ein Gel auftrug, dachte ich doch ein wenig sehnsüchtig an unsere kühle Jahreszeit in Deutschland, in der es keine Stechtiere gibt und schon gar keine Flöhe, Wanzen und sonstiges Mistzeug im Bett.
 
Beim Frühstück berichten auch andere von diesen juckenden roten Flecken, andere haben die Beine voller Stiche, und Yvonne hat Durchfall. Maritta, unser Unikum aus Jena, ist wieder eine echte Erheiterung für uns alle beim Frühstück. Ihr graust es schon vor der langen Bootsfahrt, denn heute fahren wir ins Orinocodelta. Für Maritta ist Bootfahren das Allerschlimmste, dabei ist sie sonst so couragiert und überdies topfit. Mit über 70 macht sie jeden Tag eine Stunde Gymnastik und geht noch zweimal pro Woche schwimmen. Entsprechend gelenkig ist sie und ausserdem sehr temperamentvoll. Ihre Ansichten sind manchmal etwas kurios und ihre Ausdrucksweise ebenfalls, so dass wir viel Grund zum Lachen hatten. Sie geht am liebsten mitten hinein in das Gewühl und das Chaos der grossen Städte, da fürchtet sie sich überhaupt nicht. Für mich wäre das ein Horror und total abschreckend.

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Bevor wir diese nicht sehr erbauliche Stadt verlassen, fahren wir noch zur Post. Denn nach der langen und oft vergeblichen Suche nach Postkarten müssen wir nun schauen, dass wir Briefmarken bekommen, und das ist auch wieder ein Kapitel für sich. Wir merken immer wieder, dass Touristen hier Seltenheitswert haben. Die Post liegt in einem besseren Viertel der Stadt, wo wir auch sehr schöne Villen sehen, die alle „bis an die Zähne bewaffnet“ sind, das heisst, sie sind von oben bis unten ummauert und vergittert und teilweise von scharfen Hunden bewacht. Jedes noch so kleine Fensterchen ist vergittert. Also eingesperrt im eigenen Haus und die Angst als ständiger Begleiter.
 
Wir gehen in die Post hinein. Die Angestellten überschlagen sich nicht gerade, als sie uns sehen und sagten erst einmal, dass sie keine Briefmarken hätten. Dann rückten sie viel zu teure raus, um nach einer Ewigkeit doch noch nachzusuchen und schliesslich mit einem Umschlag Marken kamen, die einen viel zu niedrigen Wert für eine Postkarte nach Europa hatten. So blieb nichts anderes übrig, als fünf Briefmarken pro Postkarte so übereinander zu kleben, dass nur der Wert der Marke sichtbar war. Es dauerte eine Ewigkeit, bis der Postbesuch beendet war und manche hatten hinterher eine lahme Zunge vom Schlecken, denn den schwarz-grau schillernden Napf, der zum Anfeuchten bereit stand, hat niemand benutzt. Diese Bakterienschleuder dürfte locker 20 Jahre auf dem Buckel haben.
 
Ich wusste, dass oft die Marken wieder abgelöst und nochmals verkauft werden, so dass viele Karten nie zu Hause ankommen. Aber selbst wenn, dauert es anscheinend eine Ewigkeit, Cilfredo meinte, bis Weihnachten. Die clevere Maritta klebte jeweils nur eine billige Marke auf ihre Postkarten und liess diese abstempeln. Dann nahm sie die Karten wieder mit, um in Deutschland dann eine deutsche Marke aufzukleben und die Karten, versehen mit Weihnachtsgrüssen, im Dezember in den Briefkasten zu werfen. Diese Karten kommen garantiert an. Angesichts dieses Theaters habe ich überhaupt keine Karten geschrieben, dafür bekommen meine Lieben eben diesen Reisebericht.
 
Nach einer Stunde Fahrt kommen wir zu der schönen neuen Orinocobrücke. Nun sind wir im Bundesstaat Monegas und sehen grosse Industrieanlagen, in denen Stahl und Aluminium produziert werden. Bauxit für die Aluproduktion wird weiter westlich bei El Tigre abgebaut und mit dem Schiff auf dem Orinoco hierher transportiert. 200 Kilometer nach Osten mündet der Orinoco in einem gewaltigen Delta in den Atlantik. Es ist das fünftgrösste Flusssystem der Erde.
 
Die Landschaft wird trockener, und wir sehen hier häufig Säulenkakteen wachsen. Weithin gibt es keine Siedlung, kein Mensch ist zu sehen. Irgendwann machen wir bei einem einsamen Rasthaus für LKW-Fahrer eine Pause. Diese Rasthäuser fungieren gleichzeitig als eine Art Laden oder Ersatzteillager, denn Alternativen gibt es weit und breit nicht. Auch hier sind die Toiletten wieder eine Katastrophe. Papier erwarten wir ja schon lange nicht mehr, aber wenigstens Wasser und einen halbwegs sauberen Boden. Dass die meisten klapprigen Türen nicht abschliessbar sind, irritiert uns längst nicht mehr. Langsam aber sicher sehne ich mich nach Sauberkeit und der vertrauten Hygiene und nach Funktionalität. Mir wird wieder mal ganz bewusst, dass wir hier in der besten aller Welten leben.
 
Wir durchfahren 500.000 qkm grosse Plantagen aus Karibik-Pinien und Teakholz. Die entsprechenden holzverarbeitenden Betriebe sind in regelmässigen Abständen zu finden. Später sehen wir die ersten Ölförderpumpen. Es ist eine trostlose, hässliche Gegend, die wir aber bald hinter uns lassen und endlich wieder Kühe und auch Wasserbüffel und grüne Weite sehen.
 
Im Städtchen Boca de Uracoa sind wir bereits im Orinocodelta, das aus zahllosen Armen des Orinoco besteht, die alle einen Namen haben. Wir sind hier am breiten Rio Manamito, auf dem ganze Teppiche von Wasserhyazinthen schwimmen. Unser Schnellboot nimmt uns mitsamt dem Tagesgepäck auf, und los geht es. Es ist drückendheiss und schwül, und bald fallen die ersten Regentropfen. Wir ziehen unsere Regensachen an, und unter meinem Regenponcho fühle ich mich wie im Dampfkochtopf. Obwohl wir mit 60 – 70 Stundenkilometern über das Wasser rasen und uns fast die Haare vom Kopf fliegen, ist es heiss. Da der erwartete Regenguss ausbleibt, ziehe ich meinen Poncho bald wieder aus. Ab und zu, wenn uns ein anderes Boot begegnet, fahren wir langsamer und können dabei die palmblattgedecken, offenen Hütten der hier siedelnden Warrao-Indianer anschauen.
 
Während der ganzen Zeit hält sich Maritta stehend zwischen zwei Sitzreihen krampfhaft fest und leidet mit zusammen gekniffenen Lippen vor sich hin. Für sie ist diese Bootsfahrt die Hölle, aber auch für alle anderen ist die Fahrt aufgrund des enormen Tempos kein Vergnügen. Die herrlich üppige Vegetation des Regenwaldes können wir erst geniessen, als wir nach fast 100 Kilometern in einen kleinen Seitenarm abbiegen und ab jetzt langsam fahren. Diese stille grüne Welt ist idyllisch und romantisch und strahlt einen besonderen Zauber aus.
 
Schliesslich kommen wir zur Abujene-Lodge, die ganz im indianischen Stil aus Holz auf Stelzen in die Ufersümpfe gebaut und sehr archaisch und schlicht ist. Ich habe wieder ein Häuschen für mich alleine direkt am Fluss mit Balkon. Ausser einem Bett mit Moskitonetz gibt es nur noch ein kleines Tischchen und einen Ventilator, dazu eine Dusche mit Kaltwasser und ein WC. Das reicht. Anstatt Fenster gibt es Moskitogitter mit Vorhängen davor. Die einzelnen Häuschen sind über lange Holzstege erreichbar, und eine Taschenlampe muss man immer dabei haben. Uns gefällt es hier auf Anhieb sehr gut.


Während des Mittagessens im Freiluftrestaurant geht ein heftiges Gewitter runter, das wie immer rasch vorbei geht. Mit einem Boot fahren wir langsam durch diese grüne Wunderwelt. Ich erhöhe die Faultierprämie auf 150 Dollar, und unser indianischer Skipper ist wie elektrisiert, als er das hört. Mit Argusaugen schaut er in alle Baumkronen, ohne dabei jedoch den Fluss ausser Acht zu lassen, der hier teilweise vollständig von Wasserhyazinthen überwuchert ist. Das kann für die Schiffsschraube problematisch werden, aber die Leute hier kennen sich damit aus. Wir fahren einfach durch diese grünen Teppiche hindurch und gleich hinter dem Boot schliessen sich die Wasserhyazinthen wieder zusammen. In grossen und kleinen Inseln treiben sie unentwegt den Strom hinab.
 
Tukane und Papageien sitzen in den Baumkronen oder fliegen über uns hinweg. Ein junger, noch nicht flugfähiger Adler bleibt regungslos sitzen. Und dann entdecken wir scharenweise die schönen Hoatzins, jene hühnergrossen Vögel mit dem blauen Kopf und dem Schopf, die wir auf dem Gelände des Hato el Cedral in den Llanos bereits gesehen hatten. Hier aber sind sie uns sehr nah, und ich konnte etliche schöne Fotos machen.
 
Am Ufer wachsen rote Mangroven und auch Palmitopalmen, deren Herz essbar ist. Wir fahren durch dichtesten Regenwald, und ich bin hin und weg. Mittlerweile war ich ja schon oft im Regenwald, aber er fasziniert mich jedes Mal wieder auf’s Neue. Wir wenden und fahren zurück an der Lodge vorbei und weiter nach Westen, dem Sonnenuntergang entgegen. Ein schöner roter Brüllaffe sitzt sehr fotogen auf einer grossen Palme. Tukane und Papageien fliegen über uns hinweg.
 
An der Stelle, wo unser kleiner Seitenarm in den grossen Manamito fliesst, werden einfache Holzruten mit Schnur und Haken und einem Köder daran verteilt, und wer will, kann hier Piranhas fischen. Währenddessen schenkt Cilfredo Cuba Libre aus. Etliche Indianerfamilien kommen mit ihren Einbäumen zu uns ans Boot, um uns selbstgemachten Schmuck und geflochtene Taschen und Körbe und aus Balsaholz geschnitzte Vögel und Fische zu verkaufen. So ziemlich jeder von uns kauft etwas, ich erstehe einen naturbelassenen Papagei.

 
Tausende von Vögeln, vor allem grüne Papageien und Schirmvögel, fliegen krächzend über unseren Köpfen über das Wasser zu ihren Schlafbäumen. Es ist ein phantastisches Schauspiel, diese vielen Vögel in der Dämmerung zu beobachten. Der Himmel zeigt sich in wunderschönen Farb- und Wolkenspielen, während wir mit den Moskitos kämpfen, die sich nun blutrünstig auf uns stürzen. Da ich mit weitem Hemd und langer Hose gut geschützt bin, stechen mich die Biester scharenweise in den Kopf, als hätte ich keine Haare drauf. An den Hut hatte ich nicht gedacht. Mit Vollgas fahren wir im Dunkeln zur Lodge zurück.
 
Nach dem Abendessen fressen uns die Moskitos fast auf. Cilfredo zeigt uns auf seinem Laptop einen schönen Kurzfilm über die Tafelberge und den Angel-Wasserfall, und ich hätte gerne noch viel mehr seiner Anaconda-Fotos angeschaut. Letztes Jahr hatte er auf dem Hato el Cedral das seltene Erlebnis, eine grosse Anaconda zu beobachten, die während vier Stunden einen Rehbock verschlang. Es sind eindrucksvolle Fotos, aber die Moskitos sind derart penetrant, dass ich schliesslich wie die anderen auch nach draussen auf die grosse Plattform am Fluss flüchte, wo nicht ganz so viele sind wie drinnen im Licht.

 
Die meisten der Gruppe stehen auf der Plattform, und der Cuba Libre macht die Runde. Cilfredo ist heute besonders gut drauf. Irgendwer kommt auf die Idee zu singen. So singt jeder mehr oder weniger schlecht ein Lied, aber unschlagbar gut singt Cilfredo. Vom venezolanischen Kinderlied über Que sera bis zur Arie hat er alles drauf. Völlig unbeschwert und locker schmettert er mit schöner Stimme die Melodien in die Nacht. Ich sitze im Hängestuhl auf der Terrasse auf der anderen Flussseite und höre zu. Schliesslich gehe ich hinüber und sofort soll ich singen. Das ist aber nun gar nicht mein Ding, denn weder kann ich gut singen noch bin ich musikalisch. Schliesslich fällt mir „Lustig ist das Zigeunerleben“ ein, das wir dann alle gemeinsam singen. Auch das war wieder ein sehr schöner und erlebnisreicher Tag im Dschungel Venezuelas, diesmal im Orinocodelta. Ein kleiner Wermutstropfen bleibt auch heute: das nicht gesehene Faultier.

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Die Nacht war nicht so schlimm wie befürchtet. Um halb vier wecken mich die ersten Brüllaffen mit ihrem Konzert, dann folgen die vielen Vogelstimmen. Manche davon habe ich noch nie gehört. Der Regenwald erwacht. Um 6.00 Uhr strahlt der Wald in allen Grüntönen, und zahllose Papageien und Schirmvögel fliegen umher. Die Hälfte meines Frühstücks spendiere ich den netten Hunden hier, die sich gierig auf Schinken und Spiegelei stürzen.
 
Mit dem Schnellboot fahren wir zurück bis zur Einmündung unseres Seitenarmes in den Manamito und besuchen dort eine kleine Siedlung der Warroa-Indianer. Gertrud und ich bleiben aber im Boot und schmoren in der schwülen Hitze vor uns hin. Wir kommen uns wie Eindringlinge vor und wollen daher keine Indianersiedlungen mehr besuchen. Weiter fahren wir nun auf dem Manamo nach Norden, und wieder mit Höchstgeschwindigkeit. Die Hütten der Indianer fliegen an uns vorbei, und nur ab und zu fahren wir langsam, wenn die Teppiche der Wasserhyazinthen gar zu dicht werden. Es ist eine faszinierende Fahrt. Nach 1 ½ Stunden kommen wir in San José de Buja an, einem kleinen Städtchen. Dort wartet Gustavo mit dem Bus auf uns. Hier verlassen wir den Regenwald und damit alle Faultiere, die ungesehen in ihren Bäumen hängen. Nun muss ich solange in die Regenwälder Süd- oder Mittelamerikas reisen, bis ich endlich ein Faultier in freier Wildbahn finde….!
 
Bald sind wir in Maturin, einer Stadt mit 300.000 Einwohnern, die einen moderneren und saubereren Eindruck macht als die Städte bisher. Es gibt auch eine grosse Universität. Bei einem grossen Einkaufscenter mit Supermarkt machen wir Mittagspause. In den Läden ist nichts los, kein Wunder bei den Preisen. Aber die Fressstände überall sind umlagert. Der Einfachheit halber esse ich einen Hamburger, es ist der erste seit ich-weiss-nicht-wieviel Jahren. Auch im Supermarkt sind keine Kunden.
 
Wir fahren weiter nach Norden, sehen Erdöl- und Erdgasfackeln und im Hintergrund schon die Küstenberge, die wir bald erreichen. Sie sind immerhin bis 2.400 Meter hoch und bis obenhin wunderschön grün bewachsen und haben eine interessante Struktur. Grosse Plantagen von Orangen, Mandarinen und Maracujas durchfahren wir. Auch sämtliche Gemüsesorten werden hier angebaut.
 
Wir schnaufen auf 900 Meter Höhe hinauf durch diese saftiggrüne Gegend und befinden uns nun schon im Nebelwald. In einem kleinen Ort bestaunen wir einen riesigen Regenbaum (Saman) mit weit ausladender Krone. Der gesamte Baum ist überwuchert von Epiphyten, also Blatt- und Rispenkakteen, Orchideen, Bromelien, Tillandsien und Flechten. Er ist ein echtes Naturdenkmal, ein Prachtbaum, der mich begeistert. Den möchte ich im Mai zur Blütezeit erleben.

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An der Strasse werden landwirtschaftliche Spezialitäten wie Honig, Zuckerrohr-Süssigkeiten, Guavenleckerli und sogar kleine Schweineöhrchen verkauft. Da sage ich nicht Nein. Und dann kommt doch tatsächlich noch so ein kleiner Bus an, wie wir ihn haben, und es steigen weisse Touristen aus. Es sind tatsächlich Deutsche, die ersten, die wir sehen.
 
Wir kommen an einem idyllischen Stausee vorbei inmitten der Küstenberge, dann verdunkelt sich der Himmel, es grollt ordentlich, und weiter fahren wir bei Regen die schmale Strasse bergan durch Nebelwald. Die Vegetation begeistert mich immer mehr. Sämtliche Bäume sind von Aufsitzerpflanzen überwuchert und hängen voll langer Flechten, die man auch Greisenbärte nennt. Es ist phantastisch.
 
Wir sind gerade auf einer kleinen Bio-Kaffeehacienda zur Besichtigung angekommen, als es heftig zu schütten beginnt. Da haben wir gerade noch mal Glück und ein Dach über dem Kopf gehabt. Die Kaffeeproduktion wird uns von der reifen Kaffeekirsche bis zum fertig verpackten Kaffee gezeigt und erklärt. Es duftet sehr verführerisch, aber der angebotene Kaffee ist dermassen stark, dass ich passe.
 
Unser heutiges Bett finden wir in Caripe im Pueblo pequeno auf 900 Metern Höhe, wo es auch Dank des Regens angenehm kühl ist. Eine wahre Wohltat nach der Dauerhitze bisher. Kaum haben wir unsere Zimmer bekommen, geht es auch schon weiter. Es ist schon dunkel, als wir nach einigen Kilometern bei der Höhle der Fettvögel abgesetzt werden. Diese besonderen Vögel hat Humboldt erstmals beschrieben, und er hat auch diese Höhle entdeckt, deren Eingang 26 Meter hoch und 23 Meter breit ist und von deren Decke schöne Stalagtiten herab hängen. Insgesamt ist diese Tropfsteinhöhle 10 Kilometer lang und zählt zu den bedeutendsten weltweit. Die Fettvögel leben aber nur in den ersten 500 Metern der Höhle, weiter hinten leben Fledermäuse. Weiter als 1000 Meter ist die Höhle für Besucher nicht zugänglich.
 
Die jungen Fettvögel oder Fettschwalme, die in Venezuela Guacharos heissen, haben, kurz bevor sie flügge werden, am Bauch und Hinterleib ein dickes Fettpolster, das früher bei den Indianern und später bei den Missionaren sehr begehrt war. Die jungen Vögel wurden zu Tausenden erschlagen, um das Fett zu gewinnen, das so rein ist, dass es selbst in der tropischen Hitze nach einem Jahr noch nicht ranzig wird. Heute ist das natürlich längst verboten, und das ganze Gebiet um die Höhle ist Nationalpark. Etwa 12.000 dieser etwa hühnergrossen Vögel mit einer Spannweite von einem Meter leben in dieser Höhle. Diese Fettvögel sind nachtaktiv und leben ausschliesslich von Früchten, vor allem von Palmfrüchten. Sobald es dämmert, fliegen sie in endlosen Scharen aus der Höhle heraus und suchen in kilometerweitem Umkreis ihre Fruchtbäume auf. Und genau dieses Spektakel wollten wir uns anschauen.
 
Um die Vögel nicht zu irritieren oder zu erschrecken, darf kein Licht gemacht werden. Wir tappen also ziemlich im Dunkeln über glitschige Steine und Treppen zum Eingang der grossen Höhle und hören schon von weitem das Geschrei oder eher Gekrächze der vielen Vögel, die ausschwärmen. Man kann sie nur schemenhaft erkennen, aber ihr eigenartiges Geschrei (Guacharo = Klagen) und das Geflatter sind gut wahrzunehmen. Es ist ein faszinierendes und gleichzeitig gespenstisches Szenario. Im Höhleneingang hören wir dann auch die seltsamen Klicklaute, denn die Vögel orientieren sich wie die Fledermäuse mittels Echoortung. Wobei man im Gegensatz zu den Fledermäusen bei den Fettvögeln die Klicklaute sehr deutlich hören kann. Es gibt noch weitere Höhlen mit diesen Fettvögeln, diese hier ist aber die grösste und bekannteste. Morgen früh wollen wir in die Höhle hineingehen. 
 
Die ganze Nacht hat es kräftig geregnet und abgekühlt. Am Morgen wabern dicke Nebelwolken auf halber Berghöhe und der Himmel ist grau verhangen, aber es regnet netterweise nicht mehr. Nach dem Frühstück fahren wir wieder zur Höhle der Fettvögel, und ich habe mich schon gewappnet. Aus Büchern weiss ich, dass es n der Höhle nass und dreckig ist vom Kot der vielen Vögel, die dort tagsüber in ihren Nestern schlafen. Da ich keine Lust hatte, angeschissen zu werden, habe ich mein Regencape angezogen und meinen Hut in eine Plastiktüte gesteckt und dann aufgesetzt. Gummistiefel konnte man leihen, und somit sah ich aus wie die perfekte Vogelscheuche. Gott sei dank wurden die Stiefel mit einem Anti-Fusspilzmittel ausgesprüht, das ist ja immerhin schon ein guter Service.
 
Wir haben einen Führer mit einer verstellbaren Lampe, die nicht so stark ist wie ein Scheinwerfer. Dennoch krächzen und meckern die Vögel ganz schön, als wir in die Höhle gehen. Sie ist teilweise 60 Meter hoch, stellenweise tropft das Wasser von der dunklen Decke, ein kleiner Fluss sucht sich seinen Weg. Wir gehen immer weiter und es riecht immer unangenehmer. Stellenweise waten wir durch glibbrigen schwarzen Vogeldreck, der Weg ist nass und rutschig, und wir müssen höllisch aufpassen. Hier will keiner hinfallen. Überall beschweren sich die Vögel über die Ruhestörung, obwohl wir ganz leise sind. Ratten laufen herum und kleine Krabben, es ist richtig gespenstisch und unheimlich. Als wir nach 500 Metern an die Stelle kommen, bis zu der damals Humboldt ging, drehen die meisten um. Einige gehen mit dem Führer auch noch 400 Meter weiter, aber ich habe genug. Mir ging es auch nur um die Vögel, die wir ab und zu schwach erkennen können, wenn sie, durch uns aufgescheucht, herumfliegen.

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An Fotografieren war nicht zu denken, weil es viel zu dunkel war und die Vögel ja oben und an den Wänden sassen. Später habe ich noch im angrenzenden Museum ein Foto von einem präparierten Vogel samt Eiern gemacht.

 
Maritta ist ganz aufgekratzt, diese Höhle fand sie sehr aufregend. Sie hatte keine Stiefel an, sondern ihre hellen Schuhe und meinte, sie hätte sich nie träumen lassen, dass sie mal in einer Höhle durch Vogelkacke waten würde. Das wäre ein toller Abenteuerurlaub. Stimmt ja auch.
 
Durch faszinierende Nebelwaldvegetation fahren wir nach Norden durch die Küstenkordillere. Nach 1 ½ Stunden sind wir schon in Carupano an der Karibikküste. Was für eine Aussicht! Während Cilfredo einen Becher voller Meeresfrüchte vertilgt, schauen wir die eleganten Fregattvögel an, die schwerelos am Himmel über der Küste schweben. Von allen Vögeln haben sie das optimalste Verhältnis von Körpergewicht zu Flügelspannweite. Sie sind äusserst geschickte Flieger, die anderen Vögeln das Futter im Flug abjagen.
 
Auf einem schaukelnden kleinen Boot halten drei braune Meerespelikane Siesta. Eine Menge anderer sitzen in den Bäumen an der Strasse. Noch nie habe ich Pelikane in Bäumen gesehen. Wir fahren weiter und sehen immer mehr Pelikane, die in Formation an der Küste entlang fliegen. Zusammen mit den Palmen ist das ein
wunderschöner Anblick.
 
Die Stadt Cumana ist für mich genau so nichtssagend wie die anderen auch. Auf einer Anhöhe steht ein altes Fort, vermutlich das einzige Bröckele weit und breit. Während die anderen es besichtigen, füttere ich einen jungen, klapperdürren Hund mit meinen Kokoswaffeln. Die Hunde hier haben es selten gut, die meisten sind in schlechtem Zustand und mager.
 
Mitten im Zentrum von Cumana finden wir unsere Posada Bubulina mit einer herzlich-rustikalen Wirtin, die erst mal etliche Schlösser öffnen muss, bevor wir eintreten können. Auch hier sind alle Aussenmauern fensterlos, lediglich zu einem langen und breiten Flur, der teilweise unbedacht ist, gibt es Fenster, die natürlich keiner öffnet, um die Wirkung der Klimaanlage nicht zu stören. Immerhin ist dieser halboffene Flur hell und freundlich und hat auch eine nette Sitzecke, so dass wir uns nicht ganz so abgeschottet und eingesperrt fühlen. Viele grosse Grünpflanzen hat Rosa hier angepflanzt, und eine Blaustirnamazone flötet eine ganz ungewöhnliche Tonfolge. Unsere Zimmer sind passabel gross und in Ordnung.
 
Ich habe absolut keine Lust auf heisse, hässliche, laute und gefährliche Stadt und tröste mich mit dem Gedanken an Morgen, denn wir wollen auf eine Karibikinsel zum Baden.
 
Abends gehen wir um die Ecke in ein französisches Restaurant zum Essen, es ist vermutlich das feinste und teuerste weit und breit und hat ein sehr schönes, grosszügiges Ambiente mit Teichen voller Schildkröten und Wasserspielen. Heute bestelle ich ein Entrecote medium mit Pfeffersauce und Gemüse. Was dann kommt, haut mich wirklich um. Es ist der grösste und dickste Batzen Fleisch, den ich je auf einem Teller gesehen habe. Ich schätze, es waren mindestens 700 – 800 Gramm. So eine Portion für einen Menschen, das ist ja schon pervers. Ich war total entsetzt und fragte gleich Cilfredo, ob er mir was abnimmt. Freudestrahlend nickte er. Als ich das Stück anschnitt, was es innen total roh, da war ich schon bedient und liess das Fleisch zürückgehen zum Nachbraten. Als es dann wiederkam, war es nicht viel besser, und ich schnitt den grössten Teil ab für Cilfredo, der darüber ganz glücklich war. Ich hingegen schnitt das meiste von meinem restlichen Fleisch weg, weil es viele Sehnen und Fett enthielt. Pfui Deibel, so was esse ich nie wieder. Wie hätte sich der arme dürre Hund von heute Nachmittag darüber gefreut! Das Gemüse war auch nicht der Rede wert. Es war ein aus Pilzen und Zwiebeln zusammengewurschteltes Gepampe. Und dann war das Ganze auch noch sauteuer.
 
Wieder im Hotel hatte ich noch einen richtigen Ekel und habe erst mal 10 Papayatabletten geschluckt. Besser wäre gewesen, das ganze Essen „rückgängig“ zu machen. Ich bin so sauer und von Allem geschafft, dass ich mich richtig auf Zuhause freue, auf saubere und funktionierende WC’s, in die man auch Papier werfen darf. Und ich freue mich auf Sauberkeit und sogar auf Pullover, auf frische Luft ohne Puripuris und Moskitos und das ganze kleine Mistzeug. Und ich freue mich darauf, mich wieder frei bewegen zu können, ohne Angst zu haben. Dieses Mal fällt mir der Abschied nicht schwer, obwohl ich soviel Schönes erlebt und gesehen habe.
 
Weil es trotz Klimaanlage in meinem Zimmer Moskitos gibt, schlafe ich mit Trekkinghose und weitem Hemd, denn noch mehr Stiche will ich nicht haben. Überall habe ich grosse, heftig juckende rote Plarren. Es ist zum Davonlaufen. Aber auch diese Nacht geht vorüber.

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Nach dem Frühstück fahren wir etwa eine Stunde bis zum Fischerdorf Mochima, steigen dort in ein kleines Boot und schippern durch die Inselwelt des Mochima-Nationalparks, der aus einer Ansammlung kleinerer und grösserer Inseln besteht. Die Unterwasserwelt soll ein Taucher- und Schnorchlerparadies sein. Wir schippern an schönen Felsformationen entlang und sehen einige kleine Strände, fahren aber noch weiter über die Inselgruppe hinaus, um nach Delfinen Ausschau zu halten, die auch gleich zur Stelle sind und uns eine Weile begleiten. Dann kehren wir um und haben für vier Stunden Aufenthalt an einem Bonsaistrand, wo man Sonnendächer, Liegen und Stühle etc. mieten kann. Ein Freiluftrestaurant gibt es ebenfalls. Dort kocht eine Criollofamilie Fisch und Geflügel.
 
Der Sandstrand ist nur etwa 300 Meter breit und wird rechts und links von Felsen begrenzt, über die man nicht weiterlaufen kann. Hier liegen Berge von Müll und Dreck, die kein Mensch wegräumt. Es scheint ausser uns keinen zu stören. Immerhin ist das Wasser schön frisch, und wir schwimmen eine Weile, bis sich jeder ein schattiges Plätzchen sucht. Cilfredo kommt mit einem Tablett frischen Fischs an, um einem Appetit zu machen. Da wir aber am Abend zum Abschied ein Fischessen in unserer Posada bestellt haben, nehme ich lieber Hühnchen, das dann auch ganz passabel schmeckte.
 
Von einer Frau, die mit einer Platte selbstgemachtem Schmuck herumläuft, kaufe ich noch einen Delfinanhänger aus Rinderhorn als Erinnerung.
 
Als wir mit dem Boot zurück und wieder im Bus sind, geht ein mordsmässiges Gewitter runter. Es ist dunkel und stürmisch und gigantische Blitze zucken überall am Himmel. Dann setzt heftiger Regen ein, und für Gustavo ist das Fahren sicher kein Spass. Wir hatten wieder mal unverschämtes Glück, dass wir auch heute gerade wieder ein Dach über dem Kopf hatten, bevor es losging. Derweil lässt Cilfredo wieder die tolle Platte von Rafael Orozco laufen, die wir so gerne hören. Der flotte Salsarhythmus geht uns gleich in die Beine. Yvonne und ich wollen diese CD kaufen, und da der Regen auch nach unserer Ankunft in Cumana nicht aufhört, laufen wir halt in Regensachen in die Stadt, die ich gar nicht kennenlernen wollte.
 
Durch den hektisch-lauten Verkehr spurten wir über die Strassen zwischen den wild hupenden Autos hindurch, springen über schwarze Wasserlachen der nicht funktionierenden Kanalisation und kommen schliesslich in die Einkaufsstrasse, wo es Laden an Laden gibt. Vor allem Schuhe und Kleidung wird en masse angeboten. Vor den Läden ist ein Strassenstand neben dem anderen aufgebaut, und hier gibt es auch oft CD’s zu kaufen, natürlich alle schwarz gebrannt. Cilfredo hatte den Namen des Sängers auf einen Zettel geschrieben, und so werden wir schnell fündig. Wir hofften bloss, dass es wirklich die richtige CD ist und dass sie auch funktioniert. Sie funktionierte, wie ich zu Hause gleich feststellte.
 
Obwohl es regnet, hat hier niemand einen Schirm, geschweige denn, einen knallroten Regenponcho. Weisse Touristen gibt es hier sowie so nicht, und so ist es fast ein Spiessrutenlaufen, aber die Leute sind freundlich und amüsieren sich.
 
Zurück in unserer Posada, dusche ich erst mal das Karibiksalz ab und packe dann meinen Koffer, denn morgen geht es wieder nach Hause. Heute ist unser Abschiedsabend mit Fischessen. Einige Frauen schnippeln in der Küche schon fleissig Gemüse und freuen sich über das Foto, das ich von ihnen mache. Trotz aller Mühe, die sich die Frauen gegeben haben, schmeckte mir das Essen überhaupt nicht. Der Fisch muffelte und war total grätig, das Gemüse fad und lätschig. Aber das kränkte mich jetzt gar nicht mehr. Cilfredo war noch in die Stadt geflitzt und hatte drei CD’s ergattert, die er Yvonne, Inge und mir schenkte. Da ich diese nun doppelt habe, bekommt Gertrud mein zweites Exemplar zur Erinnerung.
 
Morgen werden vier unserer Gruppe in aller Frühe zur Isla Margarita zum Badeurlaub fliegen, somit sind wir heute zum letzten Mal alle zusammen. Und weil ich morgen Geburtstag habe, spendiere ich heute schon eine Runde Ciuba Libre für alle. Wir stossen alle an und freuen uns, dass wir in so netter Gruppe zusammen durch Venezuela reisen konnten. Jeder nennt sein Highlight dieser Reise, und fast jeder nennt etwas anderes, was ihn am meisten beeindruckt hat.
 
Cilfredo legt die tolle Salsa-CD auf und holt dann eine Frau nach der anderen zum Tanzen. Schliesslich raffen sich auch die Männer auf, wenigstens einen Tanz mit ihrer Partnerin zu tanzen, aber dann sitzen sie wieder wie angenagelt an ihren Plätzen. So ist das leider. Da sind wir Frauen doch viel peppiger, egal, ob es die 36jährige Gertrud oder Maritta mit über 70 ist, wir tanzen einfach mit viel Spass, und Cilfredo ist umschwärmter Hahn im Korb. Die Rolle gefällt ihm offensichtlich. Er tanzt sehr gut und viel, bis er fix und fertig und total verschwitzt ist, er ist ein echter Stimmungsmacher. Maritta ist so aufgedreht, dass sie die ganze Nacht durchmachen könnte, und auch Yvonne ist ein echter kleiner Springteufel. Wie können da die Männer einfach nur da hocken?

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Nachher sitzen wir noch fröhlich zusammen und leeren die Reste unserer Flaschen mit Rum, Anis- und Kokosschnaps, und weil das alles an Plätzchen und Weihnachten erinnert, wünschen wir uns zum Schluss noch ganz ausgelassen „Fröhliche Weihnachten“. So einen lustigen Geburtstag hatte ich schon lange nicht mehr.

 
Am nächsten Morgen steht an meinem Frühstücksplatz eine brennende Kerze, und ich werde von allen Seiten gedrückt und beglückwünscht. Das ist ja eine tolle Überraschung. Danach fahren wir zum Flughafen, verabschieden und drücken unseren Superfahrer Gustavo und fliegen dann nach Caracas. Das Gepäck abholen und wieder neu einchecken dauert fast drei Stunden, dann haben wir noch jede Menge Zeit, bis unsere Flieger starten. Die einen via Paris mit Air France, die anderen mit mir in der Lufthansa nach Frankfurt. Auf einmal rufen sie mich, stellen sich im Kreis auf und singen mir dann mitten im Flughafen ein Geburtstagsständchen, dem Cilfredo noch die Krone aufsetzt, in dem er Happy Birthday auf Spanisch als Solo singt. Ich bin ganz gerührt, das ist so nett. Und dann übergibt mir Gertrud noch ein ganz originelles Päckchen, das sie mangels Geschenkpapier und Bändel mit Pflaster zugeklebt hat. Darin ist ein Pareo, ein grosses dünnes Tuch, das man anstatt Bademantel oder Strandkleid um sich wickeln kann und das ich am Hafen in der Hand, dann aber wieder zurück gehängt hatte. Wie fein sie aufgepasst hat und was für eine nette Geste! Somit hat auch dieses Tuch eine Geschichte.

 
Dann grosses Abschiednehmen ringsum, Cilfredo noch mal drücken und viel winken, dann trennen sich unsere Wege in alle Richtungen. Der Airbus landet pünktlich in Frankfurt, die Bahn bringt mich nicht ganz so pünktlich, aber doch nach Hause, und nun habe ich wieder all das, was ich vermisst habe. Aber dafür werde ich nicht mehr von Papageien und Brüllaffen geweckt, unsere Bäume verlieren ihr Laub, und das unbeschreibliche Grün des Regenwaldes schaue ich mir nun auf den Fotos an.
 
Gewiss ist: eines Tages werde ich ein Faultier sehen. Aber das ist dann wieder eine neue Geschichte.
 
Maria Gratz