Was eben so passiert zwischen Antarktis und Äquator …
Von Nora Petzold, 34, Dresden
Wenn man einen Traum hat, muss man irgendwann aufbrechen um ihn zu verwirklichen. Denn „irgendwann ist auch ein Traum zu lange her“ wie es in einem Lied heißt. Ich wollte in die Antarktis. Also kündigte ich Job und Wohnung, gab meinen jämmerlich dreinblickenden Hund in gute Hände, und traf mich mit meinen Freunden in der Dorfkneipe zum Abschiedsessen, so wie alle paar Jahre wenn ich mal wieder los musste. Und, meine Freundin Manu legte mir noch eins ans Herz: Agathe. Agathe war eine hässliche kleine Steinpuppe, die wir einst geschenkt bekommen hatten. Weil niemand dieses garstige Ding in der Wohnung haben wollte, lag Agathe nun schon eine ganze Weile in Manu´s Auto herum und war somit schon weit herumgekommen. Jetzt sollte sie also mit mir auf eine 4-monatige Odyssee von der Antarktis bis zum Äquator aufbrechen.
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Das ist Agathe.
Teil 1: Antarktis
So eine Anfahrt ist nicht leicht, die Deutsche Bahn hatte Verspätung und beim Einchecken auf dem Flughafen schüttelten sie immer nur den Kopf: Pilotenstreik! In Frankfurt erkannten sie noch den Ernst meiner Lage, eine Frau begleitete mich zum Flughafendirektor, dem ich herzrasend etwas vorstotterte und so noch einen Platz im letzten Flugzeug ergatterte. In Buenos Aires stand jedoch alles still. Diese Piloten scheinen gar nicht zu wissen was so eine Antarktis-Reise kostet, und dass so ein Polarschiff nicht wartet, wenn man zu spät kommt. Mein Flug nach Ushuaia war jedenfalls gestrichen, das Gepäck fand ich auch nicht wieder und meine Tickets liefen mit einem fremden Mann davon. Mittlerweile hatte ich aber meine Reisegruppe von „Colibri-Umweltreisen“ gefunden und das gemeinsame Hoffen und Bangen schweißte uns gleich mächtig zusammen. Regelmäßig gingen wir unsere Essenmarken einlösen, die wir von der Fluggesellschaft bekommen hatten, und sprachen uns beim Pilsner Mut zu. „Wird schon noch alles klappen!!“
Linktipp: Südamerika Reisen


Hat es auch. Erschöpft und verspätet trafen wir endlich auf dem Schiff ein, während die anderen Passagiere schon fleißig am Suppe schlabbern waren. Die „Grigoriy Mikheev“, ein ehemaliges russisches Forschungsschiff, übte eine ungeheuere Faszination auf mich aus, und so beschloss ich gleich am nächsten Morgen, frisch und frei, mich zur Brücke zu begeben um die russischen Offiziere erstmal mit einem „Sdrawstwujtje“ zu begrüßen. Doch ich kam nicht weit. Inzwischen befanden wir uns mitten in der Drake Passage, der rauesten See der Welt, und ich musste mich dringend zur Reling begeben. Während ich die nächsten Tage also im Bett verbrachte, drang die Stimme meines Vaters durch das Bullauge: „Was dich nicht umbringt, macht dich hart“. Ich überlebte. Von da an sah man mich öfters auf der Brücke. Stundenlang lungerte ich dort herum. Ich liebe die Atmosphäre auf der Brücke; die Offiziere, die bei dämmrigem Licht mit Zirkel und Dreieck über die Seekarten gebeugt sind, und den Klang der russischen Wortfetzen im Hintergrund, die Melancholie in ihren rauen Stimmen.
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Ich genoss den weiten Blick übers Meer, den Wind und die Wellen, die hoch aufs Deck klatschten, und hielt Ausschau nach Walen.
Eselspinguine – die schnellsten Schwimmer unter den Pinguinen.
Endlich - der erste Landgang. Alle Touris stürzten sich auf die ersten 5 Pinguine, die sich schleunigst davon machten. Zum Glück trafen wir noch so viele davon, aber bei so viel Putzigkeit konnte ich mich einfach nicht satt sehen. Ich glaube, mein Seelenvogel ist ein Pinguin. Einer hopst ausgelassen durch die Gegend und wackelt dabei unbeholfen mit seinen Flügeln. Drei weitere stehen in einer kleinen Gruppe zusammen und haben eine wichtige Besprechung. Andere wandern staunend umher wie japanische Touristen. Dann hüpfen sie davon und klauen beim Nachbarn die Steinchen vom Nest. Adeliepinguine, so sagt man, sind die Höflichsten unter den Pinguinen. Sie kommen nie ohne ein kleines Geschenk zum Nest des Partners zurück. Klar, dass sie nicht verraten, dass sie das grad beim Nachbarn geklaut haben. Bei den Zügelpinguinen geht’s dagegen ganz schön rau zu, sie zanken und streiten und klopfen sich mit dem Flügel eins drüber. Ihr schwarzer Strich unterm Kinn erinnert an den Helmriemen von englischen Polizisten, kein Wunder also.

Und die Eselspinguine wiederum verbringen ihre Freizeit auf Rodelbahnen im tiefen Schnee. Auf diesen schlittern sie von ihren hochgelegenen Brutplätzen bis runter zum Strand. Mein Blick folgt ihnen bis ins Wasser, sie sind die schnellsten Schwimmer von allen Pinguinen. Außerdem las ich, dass sie viel reinlicher sind als Zügel- und Adeliepinguine. Wo wir grad bei der Reinlichkeit sind: Wie erkennt man bei den Pinguinen das Weibchen? Es hat einen schmutzigen Rücken!
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Ich beobachtete die russischen Seemänner wie sie die Schlauchboote zu Wasser ließen. Ich war selbst mal Crew auf einem Greenpeace-Schiff, und erinnere mich mit welchem Aufwand und Drill wir dieses Prozedere immer durchgeführt haben. Safety hier und Safety da, dort und hier noch ´ne Sicherheitsleine.., die halbe Besatzung wurde eingespannt, um ein Boot ins Wasser zu hieven. Und was sah ich hier, die Boote schaukelnd in der Luft, ein Russe taumelt darauf rum …, ich dachte: „Oh Gott, diese Russen“ und war doch gleichzeitig fasziniert, wie jeder Handgriff saß und die Boote sicher im Wasser landeten (und alle meine Russen wieder sicher an Bord). Manchmal ließen sie mich für ein Poser-Foto ans Steuer von so einem Zodiak und ich kam mir mächtig cool vor. Doch, nach dem ersten Mal qualmte der ganze Motor und wir konnten nur noch im Rückwärtsgang zurückfahren, und nach dem zweiten Mal konnten sie das Boot nur noch abschleppen. Naja, und irgendwann ham ´se mich dann jar nich mehr ranjelassen…

Antarktische Eis-Landschaft.
Die antarktische Natur ist einfach faszinierend. So stark und mächtig, und doch so leicht zu verletzen. Die Bedrohungen sind mit dem Auge eines Touristen nicht zu sehen. Klimawandel. Überfischung. Schadstoffeinträge. Artensterben. Ozonloch. Ich genieße diese Menschenleere hier. Wo findet man die heute noch!? Das weite Weiß, auf dem sich die faulenzenden Robben breitmachen, die Ruhe, die nur vom Trompeten der Pinguine unterbrochen wird und der schwerelose Flug der majestätischen Albatrosse. „Ich bin der Albatross, der auf dich wartet am Ende der Welt. Ich bin die vergessene Seele der toten Seefahrer, die über die Weltmeere kamen.“ Man glaubt, ertrunkene Seeleute werden im Albatros wiedergeboren. So eine Antarktisreise ist eine Reise in das Innerste unserer Seele. Frankenstein schrieb: „Öde Gletscher sind meine Zuflucht“ und ich kann nachempfinden, wie er das meint. Nur widerwillig gestand ich mir ein, hier nicht überleben zu können. An Bord warteten ein tolles Büffet und ein warmes Bett – was man sicher hat kann man nicht wirklich schätzen!
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Abends war Party an Deck. Aus den Boxen schallte: “Moskau, Moskau, wirf die Gläser an die Wand, Russland ist ein schönes Land…“, die Russen selbst zeigten sich völlig unbeeindruckt von diesem Lied, wahrscheinlich verstanden sie kein Wort davon. Im Gegensatz dazu sprangen die Deutschen wild durcheinander und ich mitten drin. Ich ließ Agathe mit den russischen Seemännern posieren, einen nach dem andern, sie grinsten und ich redete auf sie ein: „Eta twoja podruga!“ („Das ist deine Freundin!“). Und, ich sag´s immer wieder: man soll beim Saufen nicht die Farben wechseln! Der Wodka mit dem Captain, der uns ein tiefsinniges Gespräch bescherte, war bestimmt schlecht! Wenn ich meine Augen schließe, dann höre ich seine Stimme heute noch, das typische Aussprechen des „h“ als „ch“ und das rauchige Lachen. Aber trotzdem, am nächsten Tag konnte ich nur mit Mühe aus der Koje kriechen und musste mein aschfahles Gesicht hinter der Sonnenbrille verstecken. Wir besuchten die ukrainische Forschungsstation „Vernadsky“. Mein Traumberuf ist der eines Polarforschers, aber seltsamerweise bin ich Agraringenieur geworden, und nun hatte ich die wahrscheinlich einzigste Chance in meinem Leben, auf einer antarktischen Forschungsstation zu sein – und mir war sooooo schlecht. Ein ukrainischer Forscher, mit langem, verfilztem Bart und ausgeleierten Trainingshosen, sah mich mitfühlend an, wahrscheinlich kannte er den ganzen Spaß.

Russischer Offizier mit Agathe im Arm. „Eta twoja podruga!“
Meine Seekrankheit wurde besser und es kam endlich der Tag, an dem ich alle Mahlzeiten einnehmen konnte. Mein sächsischer Mitreisender Rudi fasste die Stadien dieses Übels so zusammen: „Erst hast du Angst, dass du stirbst. Dann hoffst du, dass du stirbst. Und dann hast du Angst, dass du nicht stirbst.“ Meine Antarktis-Reise neigte sich dem Ende. Ich versuchte, noch jeden einzelnen Moment zu genießen und stand stundenlang vorne am Bug. Ich wollte meine Arme ausbreiten, so wie Rose dazumal in „Titanic“, kam aber davon ab, weil sich unter mir Stundenglasdelfine in der Bugwelle tummelten. Man erklärte mir, sie nutzen die Wellen als eine Art Vibrator und lassen sich davon massieren. Das erscheint mir einleuchtend. Zurück in Ushuaia hieß es Abschied nehmen. Ich glaube, jetzt kommt nichts mehr in meinem Leben, nur noch die Wechseljahre und die Rente. Der Captain schrieb auf Russisch in mein Logbook: „Danke für deine Hilfe auf der Brücke. Du bist ein echter Seemann und du hast die Seele eines Seemannes“, ich drohte ihm daraufhin als blinder Passagier wiederzukommen. Eines wurde mir klar: Auch wenn du bis ans Ende der Welt fährst, du kommst doch immer bei dir selber an.
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Teil 2: Argentinien
Wieder an Land verbrachte ich noch ein paar Tage mit meiner Colibri-Reisegruppe. In Ushuaia gab es mal ein Zuchthaus, und die Sträflinge fuhren mit einer kleinen Bahn in den Wald um Holz zu holen. Dieser Teil ist heute Nationalpark und als Tourist kann man sich Sträflingsanzüge ausleihen und in dieser kleinen Eisenbahn durch den Wald fahren. Ich glaube, das war weder ethisch korrekt, noch ökologisch nachhaltig, wie ich da mit Jörg (dem Chef von Colibri Umweltreisen), dem Tschechen Peter und dem Schweden Matti im schwarz-gelb-gestreiften Anzug, nur so zum Spaß, durch den Nationalpark getaumelt bin…
In Sträflingskleidern taumeln wir durch den Nationalpark.
Auch Agathe erfüllte ihren Zweck. Ich kam nach und nach zu der Erkenntnis, dass die Menschen sich regelrecht veränderten, wenn ich ihnen Agathe unter die Nase hielt und sie um ein Foto bat. Die bockigen Zöllner, die mit verschränkten Armen hinterm Absperrband standen, verwandelten sich in die liebreizigsten Menschen, wenn sie Agathe im Arm hatten, und die Musiker einer Kapelle, die am Bahnhof melancholische Lieder spielten, lachten und legten sogleich einen flotten Marsch auf.
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Auf dem Flughafen von Ushuaia wartete ich auf meinen Freund Falk, mit dem ich die Reise bis zum Äquator fortsetzen wollte. Doch die Piloten in Buenos Aires streikten immer noch und so kam auch er einen Tag später an. Unser erster gemeinsamer Ausflug führte uns – natürlich zu den Pinguinen. Hier auf Feuerland wohnen sie in einem völlig anderen Ambiente: statt Eis und Steinen leben sie in Erdhöhlen unterm hohen Gras. Falk wunderte sich die ganze Zeit, dass er immer Esel schreien hörte: „Wo komm´ die denn her???“. Da musste ich ihm als erfahrener Polarforscher erst erklären, dass das die Eselspinguine sind. Auf unserem Ausflug regnete es den ganzen Tag und als der Reiseleiter fragt: „Is it much more better here?“ antwortete Falk: „Ja, is more Matsch here“. Die Pinguine lungerten gemütlich in ihren Höhlen herum und der einzige, der mit uns im Regen kauerte, war Caelin, ein junger Kanadier. Wir trafen uns später beim Bier und obwohl er gut Deutsch konnte, wusste er nicht mal was ein „Modschegiebschn“ ist!!! Ich empfinde es immer als Bildungslücke wenn jemand das sächsische Wort für „Marienkäfer“ nicht kennt. Und so versprachen wir ihm eine Reise nach Sachsen wenn er es herausfindet. Zu später Stunde posierte Caelin noch mit Agathe – und Agathe verlor ihren Kopf dabei. Fluchend musste Falk ihn wieder ankleben.
Teil 3: Chile
Ein paar Tage wanderten wir durch die fabelhafte Natur auf Feuerland. Im Hintergrund die weißen Gletscher, um uns herum kleine, verkrüppelte windschiefe Bäume und weiter unten eine Mischung aus grünen Sträuchern und rötlichem Kraut. Mittendrin, an einem kleinen Bach, stand unser Zelt. Am Feuer brodelte unsere Suppe und wir köpften eine Flasche Bio-Rotwein. Bald zog es uns weiter, nach Chile. Am Grenzübergang blieben wir vor einem großen Schild stehen: die Einfuhr jeglicher Lebensmittel war verboten und es wurde mit Haftstrafen gedroht. Toll, wir hatten den ganzen Rucksack voller Leckereien, frisch eingekauft für den nächsten Wildnis-Ausflug. Aus Angst, dass sie uns einsperren, sprangen wir aus dem Bus. Man sah uns dann eine ganze Weile neben einer großen Tonne stehen und jammernd die Verpflegung für die nächsten Tage verschlingen - bis absolut nichts mehr rein ging. So passierten wir die Grenze mit gutem Gewissen - doch kein Schwein interessierte sich dafür, was wir im Rucksack hatten!
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Eine flog über das Pinguin-Nest.
Unser Ziel waren die Magellan-Pinguine. Falk lästerte, das wäre ein teures Hobby, wenn ich alle Pinguin-Arten abhaken will. Doch immerhin hab ich schon 8 von 17 Arten geschafft. Die 60 Dollar für den Bus, der die Touristen bei den Pinguinen auskippt, wollten wir nicht ausgeben, und im Reiseführer waren die Kilometer-Angaben mächtig untertrieben! Und so fanden wir uns, mit riesigen Rucksäcken behangen, mutterseelenallein auf weiter Flur wieder und mussten feststellen, dass wir noch 34 km bis zu den Pinguinen laufen mussten! Bei Sturm und Regen kamen wir endlich an. Camping war prohibido - verboten. Wir versteckten unser Zelt hinter einem Hügel auf einer Schafweide und konnten so die Pinguine schon im zeitigen Morgengrauen mit unserer Anwesenheit beglücken. Hier lebten sie auch in Erdhöhlen, aber die Vegetation war viel flacher. Je nördlicher man kam, umso kleiner wurden die Pinguin-Arten und umso besser waren sie an die Wärme angepasst. Unbefiederte Hautpartien an Schnabel, Augen und Füßen dienen ihnen zur Wärmeabgabe. Ich versuchte, Agathe in ihre Wohngemeinschaften zu integrieren und lag stundenlang im kalten patagonischen Wind bis ich die passenden Fotos hatte. Falk nörgelte herum: „Wozu schleppst du nur das blöde Ding mit??“. Da wir nun ohne Touristenbus hergekommen waren mussten wir auch genauso wieder zurückkommen. Im einsamen Gelände passierten wir eine Carabineri-Station, und die müssen wohl dolle Mitleid mit uns gehabt haben. Sie luden uns in ihre Schreibstube ein. Wir zeigten uns dankbar indem wir ihnen den Rest unserer selbstgemachten Stolle schenkten, die wir nun schon eine Woche lang im Rucksack rumschleppten. Kauend und grinsend posierten die Polizisten mit Agathe und zeigten sich dafür wiederum erkenntlich indem sie den nächsten Reisebus für uns stoppten und wir somit doch noch wegkamen.
Agathe im Nationalpark „Torres del Paine“.
Weihnachten verbrachten wir im Nationalpark „Torres del Paine“. Das war eindeutig der schönste Teil unserer Reise, die Antarktis ausgenommen. Das Wetter war genau richtig zum Wandern und die Landschaft war einfach nur genial! Links von uns türkisblaue Seen, rechts von mir schroffe Felsen, Gletscher und Eis. Und wir mitten in einem bunten Blütenmeer. Wir sind 137 km gewandert, durch Sonne, Sturm, Schnee, und unsere Sachen waren steif vom Salz. Ich konnte nicht widerstehen und bin in einem milchig-weißen Gletschersee baden gegangen. Das Foto davon hängt heute an meinem Schreibtisch: mit schmerzverzerrtem Gesicht, das Wasser bis zum Hals, versuchte ich lässig an einer Eisscholle zu lehnen. Falk hat mich kurzerhand an ein Seil gebunden, weil er kein Bock hatte mir hinterher zu springen, wenn mir was passiert. Wir haben Guanakos und Kondore gesehen und nachts im Zelt das Getöse gehört, wenn Gletscherwände herunter brechen. In diesem Nationalpark gab es lauter kleine, idyllische Zeltplätze, an denen sich die ganzen Hiker kumulierten und wo jeweils ein Ranger aufpasste, dass keiner Feuer macht und jeder seinen Müll mitnimmt. Auf der ganzen Wanderung sahen wir nirgendwo Müll herumliegen, wir waren echt begeistert! Das Weihnachtsfest war eher spartanisch: eine Kerze, einen Tetrapack Rotwein mit dem Namen „Schwarzer Kater“, Preiselbeeren und Knoblauch-Linsen-Suppe. Dafür war die Kulisse umso grandioser: unser Zelt im grünen Wald wo die Papageien leben, und vor uns das tiefe Blau der Gletscherspalten.
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Mit schmerzverzerrtem Gesicht versuche ich, lässig an einer Eisscholle zu lehnen.
Zurück in der Zivilisation haben wir auf einem Schiff eingecheckt, welches uns 1400 km durch den Teil Chiles bringen sollte, der keinerlei Strassen hat. Vier Tage nur unberührte Natur: Wale, Delfine, Gletscher. Agathe wurde wieder in der ganzen Crew herumgereicht: vom Kapitän zu den Offizieren, vom Barkeeper zum Koch zum DJ. Einmal hatten wir einen Landgang auf einer Insel auf der die letzten 5 Ureinwohner leben. Vermehren können die sich nicht mehr weil sie zu alt sind. Falk ist nicht mitgekommen, er fand das wie „in den Zoo gehen“. Der einzige Laden der Insel hieß: “Supermercado – Bebida alkoholikas”, und im Schaufenster standen auch wirklich nur Alkoholika. Ich kaufte kleine Souvenirs von den Ureinwohnern und dachte: krass, erst werden sie von den Europäern ausgerottet und dann fahren wir hin und kaufen von den letzten 5 Übriggebliebenen aus Mitleid Souvenirs….
Sylvester gab es ein Kostümfest auf dem Schiff, bei dem alle aus dem Rucksack improvisieren mussten. Falk hat sich als eine Art Fleischmade in seinen Schlafsack eingewickelt und ich trug weiße Thermo-Unterwäsche mit schwarzer „Hasskappe“ und Wanderschuhen. Aber gewonnen hat “Mister Penguino”, ein anderer Hiker, der sich nur aus schwarzen und weißen Mülltüten und einem Pappbecher als Schnabel als Pinguin verkleidet hatte. Zu später Stunde sah Falk eine Fledermaus am Schiff vorbeifliegen. Sein Englisch ist nicht ganz perfekt und so erzählte er jedem völlig begeistert, dass er den „Flying Mouse Man“ gesehen hatte. In diesem Zustand hat ihm das auch jeder geglaubt…
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Falk sieht den „Flying Mouse Man“.
Wieder an Land. Je weiter nördlicher man kommt, desto mehr lässt Ordnung und Sauberkeit nach. Die Klos laufen über, die Betten fallen auseinander, alles wird eben ein bisschen räudiger. In Villarica bestiegen wir einen noch aktiven, 2850 m hohen Vulkan. Mit Eispickel und Steigeisen kämpften wir uns nach oben. Aus der Ferne sieht das aus wie ein Lindwurm, wenn sich die Touristengruppen im Gänsemarsch durch den weißen Schnee nach oben schieben. Es hieß, vom Kraterrand kann man die brodelnde Lava sehen. Aber als wir oben waren hat uns der Nebel verschluckt, wir konnten nicht die Hand vor Augen sehen und starker Schwefelgeruch kroch in unsere Nasen. Der Rückweg war dagegen leicht: in speziellen Gummihosen konnte man die ganze Strecke auf dem Hinterteil hinunterrodeln.
Dann fieberten wir unserem nächsten Abenteuer entgegen: Rafting auf einem Wildwasserfluss. Wir fanden uns schnell mit Tischlermeister Fritz Bolle aus Genthin und seinem Freund Reinhard zusammen und bildeten das „Ossi-Boot“. Der chilenische Guide brüllte uns unaufhörlich Kommandos zu und fuchtelte wild mit den Händen, aber wir konnten einfach nicht links und rechts auseinander halten und überhaupt haben wir nie schnell genug reagiert. Ich glaube, der Guide war hinterher völlig fertig mit den Nerven, doch wir waren hellauf begeistert. Am Ende hat er uns wohl doch noch lieb gewonnen, er zeigte uns die Eskimo-Rolle (mit dem Schlauchboot!) und Tischlermeister Bolle wäre dabei fast ertrunken.
Wieder ging’s ein Stück nördlicher, um eine weitere Art abzuhaken: die Humboldt-Pinguine. Mit einem kleinen Boot fuhren wir zu der Insel, auf der sie leben und wurden begleitet von Großen Tümmlern, wie auch „Flipper“ einer war. Humboldt-Pinguine leben auf Felsen in der prallen Sonne in kakteenbestückten Landschaften. Es gibt nicht mehr viele von ihnen. Durch Überfischung, Jagd, Tankerunglücke und insbesondere durch die Guano-Industrie ist ihre Art stark gefährdet. Später haben wir die großen Förderbänder gesehen, mit denen der Guano abgebaut wird, um dann bei uns als Düngemittel zu landen. Einerseits ist der Abbau für die Tiere solcher Stress, dass der Bruterfolg sinkt, andererseits schützen die meterdicken Guanoschichten, in die sie Höhlen graben, vor Sonne und Feinden. Auf einer anderen Insel tummelten sich auf steilen Felsen Mähnenrobben und ich frage mich: wie sind denn diese Fettigkeiten da hoch gekommen? Ich male mir aus wie sie senkrecht an der Felsenkante nach oben schwabbeln, dabei ist die Antwort so einfach: hoch kommen sie mit der Flut, runter springen sie. Abends holte Falk in heller Aufregung den Fotoapparat: „Komm schnell! Fünf Kondore! Direkt vor unserem Zelt!“ Diese waren gerade dabei, einen angeschwemmten Pinguin zu zerfleischen. Später stellte sich heraus, dass es doch „nur“ rotköpfige Aasgeier waren und keine Kondore.
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Weiter ging es auf der Panamerikana. Die Vegetation wurde weniger, der Müll an den Straßenrändern wurde mehr. Manchmal sammelten wir Müll aus der Landschaft, aber wohin auch immer wir kamen mit unseren Müllbeuteln, es gibt einfach kein richtiges Entsorgungssystem. Dafür Tütchen und Einwegflaschen soweit das Auge reicht. Auf einem räudigen Zeltplatz nördlich der Atacama-Wüste saßen wir fest: der nächste Bus fuhr erst in 10 Tagen! Am dritten Tag erfuhren wir, dass unser Trinkwasser aufgrund der umliegenden Minen Arsen enthielt. Falk versuchte es dann mal mit abkochen…, aber ich wollte nur das Weite suchen. Der einzig mögliche Weg war nach Bolivien weiterzureisen und wir holten erste Erkundigungen ein: Über die garstigen Krankheiten, die es dort gibt, wie Flussblindheit und Fleischmania. Dass man dort mit Urin übergossen wird, um danach ausgeraubt zu werden. Dass man jeden Morgen unter der Klobrille nach Skorpionen und Spinnen kucken soll. Und Anakondas gibt’s natürlich auch, das Highlight meiner Alpträume. Also haben wir kurzum beschlossen, nach Bolivien einzureisen. Falks Kommentar zu meinem entsetzten Blick: “Na was, willste im Bett sterben oder was!!?? Ein bisschen kribbeln muss es schon!” Am nächsten Morgen standen wir schon an der Bolivianischen Grenze und fuhren vom reichsten ins ärmste Land Südamerikas.
Teil 4: Bolivien
Die nächsten drei Tage holperten wir in einem Jeep durch die Wüste auf 4200 m Höhe. Wir saßen hinten auf dem Schleudersitz und unter uns taute solange ein Hähnchen auf (wir wunderten uns die ganze Zeit wo das Blut herkam…) welches unser Guide dann zum Abendbrot zubereitete. Mit auf Landpartie waren zwei junge Brasilianerinnen, die unaufhörlich schnatterten und gaggerten. Falk tat mir wirklich leid, wie er da in der Ecke saß: schon völlig entkräftet von der Höhenkrankheit war er sichtlich genervt und rollte die Augen. Bis er dann sagte: „Die beiden Weiber – die sind wir du und Manu!!“. Damit war mein Mitleid wie weggeblasen! Wir haben uns immer gefragt, was die die ganze Zeit kauen und warum sie so aufgedreht sind (hier waren ja auch die Tütchen mit dem weißen Pulver so günstig …). Später haben sie uns dann teilhaben lassen an ihren Koka-Blättern und die Freundschaft war besiegelt. Wir sahen weiße, grüne und rote Lagunen (und das lag nicht am Koka, sondern an der Mikroorganismen im Wasser), und Anden-Flamingos, die in den salzigen Seen nach Nahrung suchten. Wir erlebten ein Gewitter mit Blitz und Hagel mitten in der Wüste, bestaunten meterhohe Geysire aus denen 200 Grad heißes Wasser spritzt, badeten in warmen Quellen und verbrachten die Nacht in einem „Hotel“, welches komplett aus Salz gebaut war.
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An der Bar, die wie Tisch und Betten ebenfalls aus Salz war, lagen Flamingo-Eier herum, obwohl diese Art als gefährdet eingestuft ist. Und, es hat eine ganze Weile gedauert bis wir realisiert haben, dass unser Guide den Müll immer in der Landschaft liegen lässt – obwohl wir uns im Nationalpark befanden! Er stellte die Müllbeutel, in welche wir penibel alles entsorgten, einfach vor der Weiterfahrt hinter einen Hügel. Wir waren schockiert und er hat nicht verstanden warum.
Falk badet in einer heißen Quelle auf 4000 m Höhe.
Die „Salar de Uyuni“ durchquerten wir, zusammen mit den beiden Brasilianerinnen, auf dem Dach des Jeeps. Stundenlang fuhren wir durch die 12.000 m² große Salzwüste, man erkennt keinen Horizont und sieht nichts als Weiß. Am Vortag hatte es geregnet, und so stand auf der 120 m dicken Salzschicht noch 30 cm Wasser. Erst später haben wir gelesen, dass nur unseriöse Reiseveranstalter unter diesen Bedingungen fahren, da man wegen der Wasserschicht eventuelle Löcher im Salz nicht erkennen kann und mit dem Jeep einbrechen kann. Mitten in dieser Wüste, die früher ein Salzsee war, liegt eine Insel aus Korallengestein, auf der 1200 Jahre alte Kakteen wachsen. Nach der Durchquerung war der Motorraum des Jeeps komplett mit einer Salzschicht überzogen und unsere Sachen waren so steif vom Salz, dass wir sie in die Ecke stellen konnten.
Mit dem Jeep durch die Salzwüste „Salar de Uyuni“.
Mit dem Bus fuhren wir weiter nach Sucre, dort war gerade Regenzeit. Für 300 km brauchten wir 12 Stunden weil wir in einem Flussbett im Schlamm stecken blieben und alle Passagiere helfen mussten, den Bus wieder heraus zu schieben. Den nächsten Tag waren wir damit beschäftigt eine Gelbfieber-Impfung zu finden. Ein alter spanischer Arzt, bei dem die Wände total verschimmelt waren, beriet uns, wo wir ein Krankenhaus mit sterilen Spritzen finden könnten. Falk jammerte: „Oh Gott, wenn das Gudrun sehen würde!!“ (Gudrun ist meine Mutter, die früher in der Bezirks-Hygiene-Inspektion gearbeitet hat) Aber der Krankenhausarzt war nett, wir stotterten uns einen zurecht, ließen ihn mit Agathe posieren und am Ende kriegten wir die Impfung sogar umsonst. Hinterher kamen wir in einen tropischen Regenguss. Wir suchten Unterschlupf und entdeckten die Pforte zum Paradies: eine riesige Halle in der Früchte, Gemüse, Nüsse, Kartoffeln, Gewürze und Blumen in größter Vielfalt aufgestapelt waren. Stundenlang wandelten wir zwischen den Ständen umher und da wir wieder nicht genug kriegen konnten hatte Falk bald Durchfall. Hinter hohen Bergen von Bananen, Mangos und Apfelsinen standen dicke Drohnen, die mit Anakonda-Blick stetig wachten, dass ihnen ja nichts durch die Lappen ging. Dagegen saßen in dunklen Ecken jämmerliche Opis und Mütterchens, die nur ein paar „Kriebsche“ zum Verkaufen hatten. Klar, dass wir deren Stammkunden wurden!
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Wir waren den touristischen Pfaden, mit ihren viel versprechenden Guides und Agenturen, bald überdrüssig und wollten lieber hinter die Touristen-Kulissen steigen. Und vor allem wollten wir nicht nur Urlaub machen, sondern auch etwas Nützliches tun. So kamen wir auf die Idee in einem Nationalpark zu arbeiten. Das war leichter gesagt als getan. Erst versuchten wir es auf dem „großen Dienstweg“: wir zogen von einem Naturschutz-Präsident zum nächsten, um dann entnervt zu entscheiden, einfach hinzufahren: in den Nationalpark Amboro. Und selbst das war nicht einfach. Kurz vor Busabfahrt blieb meine EC-Karte im Automaten stecken und die gute Frau von der Dresdner Bank in Eilenburg staunte bestimmt nicht schlecht, als sie einen keuchend-panischen Anruf aus Bolivien erhielt. Nach einer unruhigen Nacht im Bus wurden wir von einer Dschungel-Polizeikontrolle aus dem Schlaf geholt. Wir nahmen mit den schwer bewaffneten Polizisten das Frühstück ein und versuchten, ihnen unser Vorhaben zu erklären. „Arbeiten im Nationalpark??“ - sie kuckten nur ungläubig. Auf einer LKW-Ladefläche fuhren wir weiter nach Samaipata wo wir bei einem holländischen Bio-Bauern einen Platz für unser Zelt fanden. Der Biohof kam uns vor wie eine kleine paradiesische Insel, die umgeben war von Armut, Müll und klapprigen Streunerhunden. Hier war es sauber, es gab Klopapier und Vollkornbrot, und Kolibris flatterten um die Blüten hinter unserem Zelt. Wir nahmen Nachhilfe in Spanisch und schrieben einen Brief, der erklären sollte, wer wir sind und was wir überhaupt wollen. Mit diesem Brief wanderten wir täglich zur Nationalparkverwaltung um dann irgendwann ein „Si, es possible“ zu erhalten. Die Ranger haben uns später ausgelacht: Wir hatten geschrieben, dass Falk ein begabter Handwerker ist und gut mit Maschinen umgehen kann. Und sie sagten: „Wir haben gar keine Maschinen! Wir haben noch nicht mal Strom und Wasser!“ Doch erstmal waren wir optimistisch. Wir deckten uns mit Nahrung ein, stiegen auf einen LKW, der mit Bauern voll gestopft war, und fuhren hoch in die Berge, wo die Ranger-Station sein sollte.
Arbeitseinsatz im Nationalpark.
Außer der Ranger-Station gab es in dem winzigen Dorf noch ein paar andere jämmerliche Hütten, welche um eine Wiese herum angeordnet waren, die gleichzeitig Fußballplatz, Bushaltestelle und Weide für Esel, Kühe und eine säugende Sau war. Der Ranger wartete schon am Fenster um seine Gringos zu begutachten. Am ersten Tag gingen wir auf eine Exkursion in den „Wald der Riesenfarne“ und bestaunten die 360.000 Jahre alten Gewüchse, die fast so alt waren wie die Dinosaurier. Einen weiteren Tag verbrachten wir damit, uns in Zeichensprache darauf zu einigen, was denn nun eigentlich unsere Aufgabe war. Der Ranger verschacherte uns alsbald an einen anderen Mann den wir „Klappstuhl“ nannten. Wir vereinbarten, ein großes Schild für den Eingang des Nationalparks zu schnitzen, auf welchem Verhaltensregeln standen. „No botar basura!“ (Keinen Müll hinwerfen!) – das lag uns am Herzen. Falk schnitzte tagelang mit stumpfem Werkzeug, welches ihm den letzten Nerv raubte, ich malte die Buchstaben aus, … und der Klappstuhl saß den ganzen Tag vor dem Fernseher!! Seine Hütte war die einzige mit Strom weil er eine kleine Solaranlage hatte. Am ersten Abend luden wir ihn zum Essen ein, welches wir den ganzen Weg hierher geschleppt hatten, und daraus ergab sich, dass er dann immer häufiger zu unseren Essenszeiten erschien, samt Frau und Hund…
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Als er dann eines Tages verkündigte, er habe heute eine „große grüne böse Schlange getötet“ hatten wir endgültig die Nase voll vom Klappstuhl. Um 17.00 sollte ein LKW zurück in die Zivilisation fahren, und in deutscher Pünktlichkeit standen wir schon 16.00 an der „Haltestelle“ um diesen bloß nicht zu verpassen. Stunden später standen wir immer noch dort, freundeten uns mit den Eseln auf dem Fußballplatz an und nahmen die Einladung in die Hütte eines alten Mannes an, bei dem die Hühner unter dem Bett brüteten. Inzwischen war es stockdunkel und 20.30 kam dann auch der LKW. Die Ladefläche voller Holz, und wir obendrauf, holperte er auf regendurchweichten Wegen die Serpentinen runter. Mitten in der Nacht stand plötzlich noch ein anderer LKW auf dem schmalen Dschungelweg. Er hatte einen Motorschaden und Leute schliefen unter dem LKW. Das Getriebe haben sie dann zu uns hoch gehievt, und eine ganze Familie mit Blumen, Kartoffelsäcken und Säuglingen ist zugestiegen.
Im Dschungel müssen wir fünf Flüsse durchqueren.
Nach einer kurzen Erholung in der Zivilisation dachten wir: Ach, so schlimm war´s ja gar nicht, und wollten das ganze noch mal am anderen Ende vom Nationalpark versuchen. Dort sprach die Nationalparkverwaltung sogar englisch und man sagte uns, der Nationalpark sei jetzt zur Regenzeit aufgrund der Überschwemmungen für „normale Touristen“ gesperrt. Sie erklärten uns, wie wir die Ranger-Station im tiefen Dschungel finden konnten und schenkten uns zum Abschied noch einen Aufkleber. Wir genossen den letzten Abend Zivilisation. Falk inspizierte die Mangos, Bananen und Papayas vor unserer Hütte und ich verbrachte die ganze Zeit mit zwei Fröschen und einer Echse unter der Dusche. Abends saßen wir im Dorf-Restaurant bei Pizza und Salat, als ein Fahrzeug der Gemeindeverwaltung vorbeifuhr und Häuser und Leute mit Moskito-Gift einnebelte. Am nächsten Morgen ging’s dann zurück in den bolivianischen Dschungel. Zur Regenzeit. Keine gute Idee. Ich schwor mir: Im nächsten Jahr bleiben wir zuhause. Höchstens noch ein kleiner Wochenendausflug nach Bayern, wo die Welt noch in Ordnung ist und Geranien an den Fenstern wachsen! Zusammen mit Ediberto, der seinen Dienst auf der Ranger-Station antreten sollte, machten wir uns also auf den Weg.
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Grinsend hatte man uns darauf hingewiesen, dass wir ein paar Flüsse durchqueren müssten, aber ich wollte bis zu Letzt glauben, dass sie uns damit nur einzuschüchtern versuchten. Aber nun standen wir wirklich vor der braunen strömenden Brühe, auf der anderen Fluss-Seite hatte sich gerade ein LKW eingebuddelt, und Ediberto begann unbeirrt, sich Hosen, Schuhe und Strümpfe auszuziehen. Meine Augen wurden immer größer. In meiner Phantasie malte ich mir aus, wie mich Krokodiele und Blut saugende Insekten anfielen und wie Fräulein Anna Conda die schwefelgelben Zähne bleckte. Nicht zu vergessen, dass wir auch noch unsere riesigen Rucksäcke schleppten während Ediberto nur ein kleines Beutelchen mit sich trug. Die nächsten Tage quälten wir uns durch Hitze, Schwüle und Moskitos. Der Schweiß rann uns in Strömen herunter, und auf jedem Stück Haut, was man freigab, fanden sich sofort hungrige Moskitos ein. Wasser gab es nur aus dem nahen Fluss, Strom gab es gar nicht, aber dafür war Ediberto klasse! Er entsprach unseren Vorstellungen von einem richtigen Ranger, kroch tagelang mit der Machete durch den Dschungel und ahndete Verstöße. Er fand heraus, dass jemand illegal Holz geschlagen hatte und daraus ein Haus gebaut hatte. Am nächsten Tag war schon die Polizei vor Ort, das Haus musste abgerissen werden und das Holz wurde konfisziert. Währenddessen säuberten wir die Schilder eines Pflanzenlehrpfades, Falk reparierte mit seinem Swiss-Tool Geländer, Treppe und Tisch der von Termiten zerfressenen Ranger-Station und ich nähte die Moskito-Netze. Doch die Nächte waren ein Alptraum. Meine Haut klebte, zerkratzt und zerstochen, am Ajungilak-Thermo-Schlafsack, und die Zikaden zirpten so laut, dass ich erst glaubte, da sei ein Sägewerk. Passend zur Stimmung las mir Falk mit der Taschenlampe aus einem Buch über Dschungelkrankheiten vor. Beispielhaft wäre da die Loa-Loa, bei der im Endstadium die geschlechtsreifen Würmer durch dein Auge kriechen, fressend, scheißend und fröhlich kopulierend. Nach ein paar Tagen waren wir so jämmerlich, dass wir in die Zivilisation zurückwollten. Wir schenkten Ediberto unser „Wasser-Euter“ und meine Weste, und er riss kurzerhand den Aufnäher von seiner Ranger-Mütze und schenkte ihn mir. Das war ergreifend und ich hab den Aufnäher heute noch auf meiner Hose.
Uns rinnt der Schweiß in Strömen herab.
Damit sich jeder auf seine Art erholen konnte ist Falk zu einer Gletscherbesteigung auf 6090 m Höhe aufgebrochen, und ich bin an den 8000 m² großen Titicaca-See gefahren. In Copacabana ließ ich mich im bunten Treiben nieder. Die Plätze waren voll mit Alt-Hippies, Rastafaris und in Kapuzen gehüllten Kiffern, die Autos und Busse waren mit Gladiolen geschmückt und selbst die Lamas trugen bunte Bommeln an Hals und Ohren. Ich reihte mich in einen farbenfrohen Folklore-Umzug ein, bei dem etwa 50 alte Männer, mit Rassel und Konfetti im dichten schwarzen Haar, rhythmisch im Kreise tanzend durch die Strassen walzten. Der Ober-Macker stokelte vorneweg, mit Goldzahn, Goldkette und Handy, die Arme in die Luft gerissen, als wäre er bei uns im Jugendclub mit Siggi zum Zitteraal-Tanz verabredet. Hintendran drehten sich Omas mit Dirndl und Melonen-Hüten, die bei jedem freien Takt Bier aus großen Kannen schlürften.
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Teil 5: Peru
Mit dem Bus fuhren wir weiter am Titicacasee entlang, über die peruanische Grenze. Die Fahrt war nervtötend, ein ohrenbetäubender Fernseher, schreiende Kinder, eine jammernde eingesperrte Katze und der Blick nach draußen zeigte eine grandiose Natur – aber voller Müll. Die Bus-Köchin zerhackte bei voller Fahrt ein Schwein, welches in eine Stoff-Decke eingewickelt war, und servierte die Teile in Plastikbeuteln den Passagieren welche die Knochen samt Beuteln dann einfach aus dem Fenster warfen. Wir besuchten die „Islas de los Uros“, das sind Inseln die komplett aus Schilf bestehen. Hütten, Bänke, ein Aussichtsturm und selbst die Boote: alles aus Schilf. In einer anderen Stadt sahen wir das „Fleisch-Taxi“: das ist ein ganz normales Taxi, nur hinten im Laderaum lag auf einer Plane eine frisch geschlachtete Kuh. Mit Kühlung haben sie es hier nicht so, wozu auch???
Wir fuhren Richtung Cuzco um uns in die Torte-schlabbernden Touristen-Horden einzureihen, die mit ihren Rollkoffern alle touristischen Knotenpunkte dieser Welt bevölkerten. Doch nach Hotel, Restaurant und Shopping-Tour streckte die Wildnis schnell wieder ihre unsichtbare Hand nach uns aus. Alle Strapazen längst vergessen landeten wir im Manu-Nationalpark, 18.000 km² Dschungel vom Feinsten. Unser Jeep, bei dem sich bei jedem Schlagloch die Schrauben lösten, raste in Serpentinen von 4000 auf 600 Höhenmetern hinab. Oben waren wir noch in der Steppe, dann kamen wir durch den Elfenwald, dann Nebelwald, und unten fanden wir uns im Regenwald wieder. Auf der Lodge, in der wir die Nacht verbrachten, begrüßten uns die Kapuzineraffen und wir nahmen ein Bad im kühlen Bach. Früh um 4 sind wir aufgestanden um den “Cock of the Rock” beim Hochzeitstanz zu beobachten. Dieser Hahn, der Nationalvogel von Peru (nicht zu verwechseln mit unserem Bundesadler), ist knallorange und auf dem Kopf hat er so etwas wie eine halbe Apfelsinenscheibe. Da tanzt er nun das ganze Jahr, jeden Morgen immer an derselben Stelle, um die Weiber anzulocken. Er müht sich schnatternd ab, macht mit dem Kopf immerzu Headbanging und während ich früh halb fünf da so sitze stelle ich mir vor, wie er dazu noch Luftguitarre spielt. Doch das Weibchen, die Zicke, kommt wieder nicht! Manche Hähne werden nie auserwählt und sterben an Depressionen.
Weiter ging es durch den Dschungel, einmal mit dem Fahrrad, dann an einer Seilwinde durch die Baumwipfel und dann wieder mit dem Boot. An einer ruhigen Flussbiegung munterten uns die Guides grinsend zum „Schwimmstop“ auf. Wenn´s ums schwimmen geht lasse ich mich nicht lange betteln, also sprang ich rein in die schwarze Brühe. Jemand hatte uns erzählt, dass hier bei Hochwasser auch mal Kühe und tote Bauern vorbei treiben. Als ich wieder auftauchte realisierte ich, dass ich die einzige war, die rein gesprungen war. Falk sah mich mit verzogenem Mund an und unsere Guides tauschten stumme Blicke aus. Die Strömung trieb mich schneller als das Boot und bald machten sie mir aufgeregte Zeichen, dass ich schnell wieder ins Boot kommen soll. Drang da irgendwie das Wort “Anakonda” in mein Ohr??? Wir steuerten auf eine große Steinhöhle zu, in der Fischer vor ein paar Tagen eine Anakonda gesehen haben. Und das war diesmal kein Gringo-Scherz!!
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Der Schamane küsst Agathe!
Unser nächstes Dschungel-Camp lag direkt am Steilufer und jeden Morgen fehlte ein Stück mehr von der Uferwand. Deswegen machten sie dieses Ritual mit dem Schamanen: Am Nachmittag kam so ein gichtiger Opa in unser Lager und alle versammelten sich um ihn zu einer mehrstündigen Zeremonie für Mutter Erde, “Pachamama” in der Inkasprache. Erst dachte ich, was haben sie denn da wieder für eine ausgemergelte Gestalt für die Touristen angeheuert. Aber nein, es war ein echter Schamane. Erst mussten alle ein Koka-Blatt in die Hand nehmen und es mit Schlechtigkeiten besprechen, Falk hat kräftig mitgemischt. Der Schamane segnete diese dann (die Katze wurde dabei verjagt um negative Energien auszuschließen) und legte sie alle auf einen Teller. Dann wickelte er ganz viele Süßigkeiten aus und verteilte diese kunstvoll über den Koka-Blättern. Das ganze schnürte er zusammen und stiefelte mit dem ganzen Paket davon um es zu vergraben. Falk lästerte: „Der buddelt das heute Nacht bestimmt wieder aus und frisst es selber auf!“. Zum Abschied küsste der Schamane sogar Agathe!
Wir verkosteten frisch gepflückte Kakaufrüchte, Bananen und Grapefruits, und zum Nachtisch reichte man uns ein paar Termiten. Der Guide redete uns ein, die hätten einen tollen Minzgeschmack, wir nickten und schluckten. Doch all die Tiere, die man uns in den bunten Reiseprospekten versprochen hatte, haben wir nicht gesehen. Der dunkle Dschungel ist ein denkbar schlechter Ort um Tiere zu beobachten, und selbst der Guide war erschrocken über soviel Artenvielfalt die man uns da aufgeschwatzt hatte. Von Aras und Kaimanen keine Spur, dafür sahen wir Hoatzins: echte Punker-Vögel mit blau angelaufenem Gesicht und einem Zacken-Iro, und wer weiß, was die da die ganze Zeit gesungen haben…
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Machu Picchu – die vergessene Inkastadt.
Dann stand Machu Picchu auf dem Zettel. Schon früh am Morgen sind wir dorthin gewandert, der Nebel stieg aus den umliegenden Flusstälern hoch und gab langsam die Sicht frei. Bei Tagesanbruch ergossen sich bunte Touristenhorden in die Gassen der Inkastadt, die ansonsten nur noch von Meerschweinchen und Chinchillas bevölkert wird. Erst wollte ich Machu Picchu gar nicht sehen, bockig sagte ich zu Falk: „Was soll ich mir dort lauter Steine ankucken!?“. Aber dann hat mich diese alte Inkastadt doch begeistert, wie geschickt sie die Steine zu Tempeln, Terrassen und Klos zusammengesetzt haben! Und was die alles schon gewusst haben! Ihre astrologischen Beobachtungen sind heute noch beeindruckend.
Pelikane an der Küste von Paracas.
Weiter ging’s nach Norden, an die Küste von Paracas, wo wir Seelöwen, Humboldt-Pinguine und Pelikane trafen. Staunend betrachteten wir auch den „Candelabra“, die 120 m große Figur eines Kerzenständers im Wüstensand, deren Herkunft bis heute unklar ist. Wegen der extrem seltenen Niederschläge hat sich das 30 cm tiefe Bild über 1000 Jahre erhalten! Die letzten zwei Wochen unserer Reise waren angebrochen. Mein Geburtstag stand bevor und Falk hatte sich ein Geschenk ausgedacht: eine Dampferfahrt auf dem Amazonas. So führten wir etliche Telefonate mit Touristenbüros, aber die meisten verstanden kein Englisch und über dieses Schiff wusste niemand etwas genaues. Um zu dem Schiff zu gelangen mussten wir nach Iquitos fliegen, eine Stadt im Dschungel, knapp unter dem Äquator. Unsere Flugtickets wurden handschriftlich ausgefüllt und als wir mit Karte bezahlen wollten kuckten sie uns nur staunend an.
Schon aus der Luft sahen wir ihn: den Amazonas, den längsten Fluss der Welt, 6700 km lang. Als ich aus dem kühlen Flugzeug in die tropische Hitze hinaustrat war mein erster Gedanke: „Scheiße, Drei-Wetter-Taft vergessen“! Die Geier stürzten sich auf uns, jeder wollte sein Hotel oder Taxi anbieten. Wir entschieden uns für eine Art Krause-Duo und die herum stehenden Taxifahrer bogen sich vor Lachen als wir unsere riesigen Rucksäcke in die wackelige Hitsche reinhievten. Während der Fahrt wurde ich das Gefühl nicht los, dass die ganze Stadt über uns lacht. Der Fahrer schleuderte uns um die Kurven, mein Tropenhut flog fast davon und ich fühlte mich so verkehrssicher wie lange nicht mehr… Es fing also ganz lustig an. Und dann sahen wir zum ersten Mal unser Schiff, die “Henry II”. Da lag es im braunen Wasser, vom Müll umspült, neben anderen, genauso räudigen Booten. Überall tummelten sich zerlumpte Gestalten, entluden Bananen, Zement, Holz. Im Reiseführer hieß es, man kann eine Kabine buchen oder auch nur einen Hängematten-Platz. Kabinen gab es aber nur zwei und diese waren schon vergeben. Wenn ich erwähne, dass die Fahrt pro Person nur 20 Euro gekostet hat, für fünf Tage inklusive Verpflegung, dann kann man sich vielleicht das Schiff besser vorstellen.
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Wir kauften also vorsichtshalber eigene Hängematten, Verpflegung und 20 Liter Wasser, und schifften uns ein. Was uns erwartete war uns noch nicht bewusst. Neben uns legte gerade ein anderes Schiff an, Menschenmassen mit Kisten und Kasten drängten heraus, Hühner unterm Arm, Bananenstauden auf den Schultern. Auf dem Vordeck waren 20 klapperdürre Kühe zusammengepfercht die über eine schmale Planke an Land gebracht werden sollten. Die Kühe stürzten hinunter, wurden geprügelt, weitergezerrt. Eine rutschte unter das Boot, verkeilte sich dort und man versuchte sie am Halsstrick wieder hervor zu ziehen. Eine andere Kuh blieb entkräftet am Ufer liegen, zwischen diesem ganzen Müll. Ein Mann schlug ihr mit einem Brett solange auf die Nase bis das Brett zerbrach. Ihr Schwanz war mehrfach gebrochen. Sie kniff die Augen zusammen und zitterte am ganzen Körper. Ich bin fast wahnsinnig geworden. Ich kann diese Bilder bis heute nicht vergessen.
Horrortrip auf der Henry II
Mit zwei Stunden Verspätung legten wir ab und uns wurde langsam klar wo wir gelandet waren. Außer den beiden Kabinen gab es nur noch einen großen Raum – für die Hängematten. In zwei Reihen hingen ja ca. 80 Hängematten, ebenso in der Mitte und vor den Fenstern. Darunter standen die ganzen Kisten und Taschen der Leute und dazwischen schliefen auch noch Menschen. Es war so eng, dass die Matten höhen- und seitenversetzt angebracht werden mussten damit man überhaupt nebeneinander schlafen konnte. Und wenn einer anfing mit schaukeln, dann schaukelten alle notgedrungen mit. Etwa 200 Personen waren auf dem Kahn. Auf jede Schwimmweste kamen 10 Passagiere und ein Rettungsboot gab es auch: Kapazität für 8 Passagiere. Aus der Kommando-Brücke flogen von Zeit zu Zeit die leeren Bierflaschen in den Fluss. Das braune Flusswasser nahmen sie zum trinken und zum kochen. Früh, mittags und abends gab es Reis mit Huhn, fünf Tage lang. Die Hühner wurden in Drahtkäfigen unter der Treppe gehalten. Die Küche war direkt zwischen den Klos und den Hängematten, neben welchen allmorgendlich die Hühner geschlachtet wurden.
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Ging man aufs Klo konnte man jedes Mal in den riesigen Topf in der Küche kucken: die ersten Tage dachte ich immer, das wäre altes Abwaschwasser, aber es war Hühnerbrühe. Das Essen musste man sich an der Küche abholen. Die lange Schlange von 200 Leuten begann also vor der Küche und verlor sich zwischen den Hängematten. Wollte man nun aber aufs Klo musste man unter den ganzen Hängematten durchkriechen während die Leute darin lagen. Wo sollten sie auch sonst hin? Vor dem Klo stand immer eine lange Schlange, weil die Klos auch gleichzeitig die Duschen waren. Die Duschbrause war direkt über dem Klobecken angebracht, so dass stetig braunes Flusswasser aus der Brause auf den Rücken tropfte während man sein Geschäft erledigte. Nach dem Duschen blieb das Wasser wiederum stundenlang in den Kammern stehen – bei unseren Wanderstiefeln war das nicht so schlimm, aber die meisten Leute auf dem Schiff waren barfuss. Neben den Menschen gab es noch andere Passagiere: krächzenden Papageien mit abgeschnittenen Flügeln, eine jammernde kleine Katze, kreischende Affen, denen ein Strick um den Hinterleib gebunden war damit sie nicht weglaufen konnten, ein Huhn mit zusammengebundenen Krallen, und Schildkröten zum Paket verschnürt auf den Rücken gedreht. Die Leute ließen ihren Müll immer einfach unter die Hängematten fallen lassen: abgenagte Knochen, ausgespuckte Essenreste, gelbe Ohr-Wattestäbchen, Bonbonpapier, Vogelscheiße…. Mittendrin krabbelten die Säuglinge herum, halbnackt, heulende Kinder mit Pocken. Mütter lausten ihre Kinder. Falk wollte mir das erst nicht glauben, er sagte: “Quatsch, die flechten sich Zöpfe!”
Aber später musste er dann doch einsehen, dass sie sich lausten. Jeden Morgen kam ein Boy, kehrte den ganzen Müll zusammen, und kippte alles in den Fluss. Wir sind zum Kapitän gegangen und haben gefragt, ob er weiß, dass die den ganzen Müll in den Amazonas werfen? „Wieso denn nicht, wird doch fortgespült!“ antwortete er. Müll, Plastikflaschen, Toiletten samt Klopapier und Damenhygiene, einfach alles landete im Amazonas, von dem wir glaubten, dass er ein Naturparadies sei. Und im selben Moment holten sie das Wasser zum Trinken daraus. Eines Nachts hielten wie an, um zwei Schweine zu verladen. Ich hörte sie schreien, als wäre ein ganzer Schweinetransporter umgekippt. Die Schweine fanden wir später im Maschinenraum wieder. Drei Tage weigerte ich mich nun schon, die Dusche zu benutzen, ich malte mir farbenfroh aus, wie das braune Duschwasser in das Klobecken spritzte und aus diesem direkt wieder an meine Haut. Irgendwann war ich so verschwitzt, dass ich mich doch überwand. Während ich nun duschte und Falk mir von draußen assistierte, schloss er gleichzeitig neue Bekanntschaften mit der Kokain-Mafia. Der Boss fragte ihn, ob er nicht ein Kondom voller Kokain schlucken könnte, Flugzeug bis München, dort gibt es dann einen Darmeinlauf… Falk lehnte dankend ab und sagte, da trinke er lieber mal ein Bierchen.
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Wir unterhielten uns mit einem Bauern, der Schwarze Kaimane fängt und schlachtet. Wir sagten: „Aber die sind doch streng geschützt!“ Doch davon wusste er nichts, woher auch? Bald wird Falk Paten-Onkel für die beiden Papageien neben uns, die mit Freuden “Mineralien” unter seinen Fingernägeln vorkratzten und mit ihrer dicken Zunge das Salz von seiner Haut leckten. Auch die Kinder neben uns tauten langsam auf. Die kleinen Jungs begeisterten sich für Falks schwere Wanderschuhe, die sie kaum zu halten vermochten, und die kleinen Mädchen begeisterten sich für Falks Muskeln. Sie integrieren ihn in ihr Spiel mit der Barbiepuppe und ins Poesie-Album muss er auch einschreiben. Lieblingsfarbe und Lieblingsschauspieler war schnell ausgefüllt, dann schrieb er in brüchigem Spanisch noch: „Warum schmeißt ihr den Müll in den Fluss?“. Sie lasen es laut und unterbrachen ihr Kichern. Auch die Erwachsenen, die eng rundum saßen, kuckten uns erstaunt an. Eine ungewöhnliche Frage! Für sie war das so normal, dass sie noch nie darüber nachgedacht hatten.
Hängematten an Bord der Henry II.
Beim Einschiffen sagte der Kapitän, dass die Reise maximal drei Tage dauern würde. Doch aus den drei Tagen wurden vier, dann fünf, und mein 30. Geburtstag war ran. Pünktlich früh 7.30 Uhr erschallte hinter mir die “Negermusik” wie mein Opa immer zu sagen pflegte. “Rikitakati, Rikitakati, Rikitakati…” Ich schlug die Augen auf, um meine Hängematte herum saß eine Horde laut schnatternder Buschmänner und man konnte nicht gerade behaupten, dass die zum Gratulieren gekommen waren. Abends, endlich!, legten wir in Pucallpa an. Wir nahmen das erstbeste Krause-Duo, fuhren in ein Hotel und so konnte ich meinen Geburtstag in einem Pool unter Kokospalmen und tropischem Sternenhimmel beenden. Am nächsten Tag gingen wir zur Stadtverwaltung und erzählten von dem Müll im Amazonas. Doch die zuckten nur mit den Schultern, auch in der Stadt gab es kein Entsorgungssystem. Später, in Deutschland, schrieben wir einige Briefe, bekamen aber nie eine Antwort. Wir halfen noch einem jämmerlichem Streunerhund mit Futter und Wasser aus, er war klapperdürr, hatte eitrige Wunden und verkrustete Augen. Dann ging es zurück nach Lima.
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Ziemlich mitgenommen verschanzten wir uns die letzten zwei Tage in der Heilen Welt von Lima-Miraflores. Gepflegte grüne Parks, Papierkörbe, die Hunde gingen brav an der Leine, Polizisten bewachten die Einkaufszentren der Reichen … Dann traten wir den Heimweg nach Deutschland an. Es war eine Reise der Superlative. Wir haben 15.350 km zurückgelegt, von der Antarktis bis zum Äquator. Gletscher und Regenwald, Sand und Salz, Pinguine und Papageien … und bald wieder Sachsen.