Venezuela Reisebericht: Auf Schwitztour
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Venezuela Reisebericht: Auf Schwitztour PDF Drucken E-Mail
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Copyright: Maria Gratz   
THURSDAY, 29 OCTOBER 2009 08:12

3. bis 18. Oktober 2009

 
„Helft mit, helft mit! Alleine kann ich sie nicht halten“ rief Cilfredo. Blitzschnell packe ich zu, aber auch zu zweit haben wir keine Chance, die mächtige Anaconda festzuhalten. Erst als drei weitere Männer mit anpacken, schaffen wir es, die riesige Würgeschlange auf den Weg zu ziehen. Unser Adrenalinspiegel ist in die Höhe geschnellt, und wir sind in heller Aufregung, als das Riesentier vor uns liegt.
 
Dass wir gleich zu Beginn unserer Reise durch Venezuela eine sechs Meter lange Anaconda „hautnah“ erleben würden, war für uns eine Sensation. Das hätte ich mir nie träumen lassen. Aber der Gestank vom Körperschleim der Schlange an meinen Händen und Schuhen macht nicht nur meiner Nase klar, dass ich nicht träumte.

Viel Schönes haben wir gesehen und erlebt und dafür mit viel Schweiss und noch mehr Moskitostichen und Wanzenbissen bezahlt. Manches Mal haben wir geflucht und gelitten, doch manches Mal haben wir die Schönheit der Natur in ihrer ganzen Pracht und Vielfalt kaum fassen können und alle Mühsal vergessen. Es war eine wahrlich „heisse Tour“ voller Gegensätze, sehr anstrengend und doch voller Faszination.

 
 
Nun aber erzähle ich von Anfang an.
 
Obwohl ich schon soviele Reisen gemacht habe, packt mich doch jedes Mal das Reisefieber wieder, als wäre es das erste Mal. Sorgfältig Koffer packen, sich alle Tricks und Reisekniffe wieder in Erinnerung rufen, dann ab nach Frankfurt. Schauen, was sich auf der Mühle getan hat und klönen mit Gitte und Jochen, noch einmal in einem komfortablen Bett schlafen und los geht’s zum Flughafen. Fünf Minuten, bevor der Flieger abhebt, habe ich endlich die ganzen Sicherheitskontrollen geschafft und komme als allerletzter Fluggast angehetzt. Beim nächsten Mal werde ich die angegebene Boardingtime nicht mehr ernst nehmen, sondern viel früher dort sein.
 
Dann aber nimmt der Lufthansa-Airbus die 8.200 Kilometer bis Caracas unter die Flügel. Wir werden bestens versorgt, und krakeelende Kinder gibt es auch nicht an Bord. Die Toiletten befinden sich eine Treppe tiefer auf der Ebene des Frachtraumes. Das kannte ich bisher noch nicht, fand diese Lösung aber sehr positiv.

 
Es ist ein Tagesflug über den Wolken. Durch die Zeitverschiebung von minus 6 ½ Stunden landen wir nach 10 Stunden am gleichen Tag um 15.00 Uhr in Caracas-Maicetia bei grauem Himmel. Der Donner grollt, als ich die elendlange Passkontrolle hinter mich bringe und Gott sei Dank meinen Trolley auf dem Band vorfinde. Auf Hinweis des Reiseveranstalters sollte ich möglichst gleich am Flughafen am Wechselschalter Dollars tauschen, da dies im Land mit erheblichen Problemen oder gar nicht ginge. Also tausche ich gleich 300 Dollar um und bekomme dafür 650 Bolivar fuerte, wie sich die venezolanische Währung nennt. Als ich in der Ankunftshalle ankomme und nach den anderen Teilnehmer suche, werde ich gleich von Cilfredo angesprochen, unseren sympathischen venezolanischen Reiseleiter. Gertrud stellt sich vor und die übrigen Teilnehmer ebenfalls mit Vornamen. Das vereinfacht die Sache. Insgesamt sind wir elf Reiselustige. Ich erfahre, dass alle beim Reiseleiter Geld tauschen können zum doppelten Kurs. Sehr ärgerlich, dass mein Veranstalter das nicht wusste. So wird für mich auch alles doppelt so teuer, und billig ist Venezuela nicht.
 
Die schwüle Hitze vor dem Flughafengebäude haut mich erst mal um, aber der kleine Bus ist klimatisiert und bringt uns im Stau zum City Day Hotel in Maicetia, das in all den runtergekommenen Häusern und Elendsvierteln wie ein Oase wirkt. Zur Informationsstunde sitzen alle am Tisch. Wir sind ein bunt gemischtes Grüppchen aus zwei Schweizern, zwei Österreichern, zwei Schwaben, zwei Thüringern, einer Mexikanerin mit deutschem Mann und ich, insgesamt vier Paare und drei Singles zwischen 36 und 80 Jahren.



 

 
Um 7.00 Uhr Ortszeit bin ich hundemüde, denn meine Bio-Uhr weiss nichts von Zeitumstellung und hat jetzt 1.30 Uhr in der Nacht. Trotz lauter Klimaanlage, die sich nicht abschalten lässt, schlafe ich ganz gut bis gegen 3.00 Uhr. Hunde bellen, Hähne krähen, und ich entdecke in der Küche meines grossen Appartements eine Kaffeemaschine und Kaffeepulver. Um halb vier stehe ich mit selbstgebrautem Kaffee auf dem Balkon und schaue in die Sterne über dem venezolanischen Himmel, bereit für ein neues Reiseabenteuer.
 
Um 7.00 Uhr gibt’s Frühstück, dann fahren wir an der Karibikküste entlang bei Sonnenschein wieder zum Flughafen. Fregattvögel schweben elegant über dem Meer, an Land ziehen sich riesige Elendsviertel die Hänge hoch. Unser Bus tankt 200 Liter Diesel für sage und schreibe zwei US-Dollar! Venezuela ist der fünftgrösste Erdölproduzent der Welt und müsste demnach reich sein mit guter Infrastruktur und funktionierendem Staatswesen. Müsste – ist aber meilenweit davon entfernt, weil die ganzen Erdölmilliarden bei Chavez und seiner korrupten Clique versickern. So ist Venezuela noch sehr rückständig und die Bevölkerung überwiegend arm. Die Leute essen billiges fettes Essen und sehen auch so aus. Soviel Dicke in knallengen Klamotten habe ich schon lange nicht mehr gesehen. Kurioserweise kommen die meisten „Miss Universum“ aus Venezuela.



 

 
Wir fliegen nach Barinas im Westen am Fusse der Anden, die hier immerhin noch 5.007 Meter hoch sind mit dem Pico Bolivar als höchstem Berg. Es ist ein interessanter 50 Minuten-Flug über ein saftiggrünes Land mit viel Ackerbau. Barinas ist das Tor zu den westlichen Llanos (Janos gesprochen), den grossen Tiefebenen Venezuelas, die insgesamt mit den zentralen und östlichen Llanos eine Fläche von rund 300.000 qkm ausmachen und berüchtigt für sehr heisses Klima und Moskitos sind. Es ist kein Gerücht, wie wir sehr schnell feststellen sollten. Grosse Teile dieser Tiefebenen werden in der Regenzeit weitflächig überschwemmt und eignen sich nur zur Viehzucht, allerdings in für uns unvorstellbaren Dimensionen. Sie sind dem brasilianischen Pantanal sehr ähnlich und werden als die „Serengeti Venezuelas“ bezeichnet.
 
Vor dem Flughafen wartet unser kleiner Tourbus mit Gustavo auf uns. Gustavo ist unser Fahrer vom Typ Balu-Bär oder Sumotori und schätzungsweise Ende Dreissig. Er gewinnt unsere Sympathie sehr bald als hervorragender Fahrer, humorvoller und hilfsbereiter netter Kerl. Cilfredo, unser Reiseleiter, ist ein attraktiver Mann Mitte Vierzig mit selten schönen, athletischen Beinen, einem offenen klaren Blick und einer angenehmen Stimme. Die typisch venezolanische Lockerheit und Lässigkeit ist ihm ebenso eigen wie Lachen und Humor. Und toll singen und tanzen kann er auch noch, wie wir später feststellen konnten. Dass seine Informationen über Land und Leute, Flora und Fauna manchmal ziemlich mager waren, habe ich ihm daher leicht verziehen.
 
Nahezu die gesamte Bevölkerung Venezuelas besteht aus Criollos, also Mischlingen aus ehemaligen Spaniern, Indianern und schwarzen Sklaven. Somit sind die Menschen in mehr oder weniger ausgeprägten Brauntönen zu finden, und das finde ich viel schöner als unsere weisse Käsehaut.
 

Nun also steigen wir in den Bus und beginnen unsere eigentliche Reise, die uns heute nach Südosten zum „Hato el Cedral“ führen soll. Ich sitze in der zweiten Reihe auf der Fahrerseite auf einem Doppelsitz und habe nicht nur Platz, sondern auch eine prima Aussicht durch die Frontscheibe. Der Bus hat an den Seiten dunkel getönte Scheiben, durch die wir hinaus- aber niemand hineinsehen kann. In einem Land mit hoher Kriminalität ist auch das ein Punkt der Sicherheit.

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