Venezuela Reisebericht: Auf Schwitztour - Seite 9
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Venezuela Reisebericht: Auf Schwitztour - Seite 9
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Geschrieben von: Maria Gratz   
 
In meinem netten Häuschen schlafe ich in meinem Kingsizebett unter dem Moskitonetz trotz nächtlicher Hitze unerwartet gut, bis mich um 4.00 Uhr die Brüllaffen wecken. Dann fangen auch die Hähne an zu krähen, und um 5.30 Uhr stehe ich unter der Dusche. Danach sitze ich auf meiner eigenen Terrasse und schaue auf den ruhigen Fluss direkt vor mir. Wunderschön idyllisch und friedlich ist es hier, ein herrliches Plätzchen. Ich hatte schon früh einen Bootsmotor gehört und dachte mir schon, dass jemand zum Fischen rausgefahren ist. Einer vom Personal kommt nun mit einem stattlichen Wels zurück, das wird unser heutiges Abendessen.



 

 
Nach einem leckeren Frühstück mit frischen Früchten fahren wir mit zwei Booten auf dem Rio Caura und einigen Seitenarmen. Die Sonne knallt schon früh vom Himmel, und ich habe mich heute doppelt eingecremt und meinen Hut auf. Während der Bootsfahrt sehen wir verschiedene Reiher, Eisvögel und Fischadler. Unterwegs besuchen wir ein Indianerdorf und werden von vielen Kindern empfangen. Im Dorf zeigt man uns die Verarbeitung von Maniok. Ein süsses Baby schläft selig in einer Hängematte. Wir machen einen Rundgang durch das Dorf und sehen auch die kleine Dorfschule, in der alle Klassen in einem Raum unterrichtet werden. Zuletzt kaufen wir den Frauen noch selbstgemachten Schmuck ab. Ich erstehe ein nettes Armband aus rotschwarzen Samen.

Der Fahrtwind auf dem motorisierten Einbaum ist uns mehr als willkommen, denn die Hitze erdrückt uns fast. Ein zweites Indianerdorf mag ich aber nicht mehr anschauen und Gertrud auch nicht. Wir haben den Eindruck, dass die Menschen das gar nicht mögen und sich zur Schau gestellt fühlen. Der Verkauf der Ketten ist die einzige Einnahmequelle, deswegen ertragen sie die Touristenbesuche. Ich kann sie verstehen.
 
Kaum sitzen wir wieder im Boot, sieht Cilfredo einen Riesenflussotter, der gerade einen recht grossen Rochen gefangen und mit dem Fressen begonnen hat. Als wir näher kommen, flüchtet der Otter ins Wasser, taucht aber immer wieder auf und behält uns im Auge. Der Rochen lebt noch, obwohl der Otter schon ein grosses Stück gefressen hat. Als wir langsam weiterfahren, kommt der Otter zurück, holt sich den Rochen und zieht ihn ans andere Ufer in Sicherheit. Das war mein erster Riesenflussotter, der hier übersetzt auch Flusswolf genannt wird.



 

 
Wir fahren zu einem verlassenen Camp, wo wir am Morgen den Koch mitsamt Lebensmitteln abgesetzt hatten. In der Zwischenzeit hat er einen leckeren Tunfischsalat und Nudeln zubereitet für unser Mittagessen. Wir sitzen unter einem riesigen Dach aus Palmblättern und sind dankbar für den Schatten. Hier sehe ich auch die schönen schwarz-blauen Trompetervögel wieder, die die Indianer als „Wachhunde“ halten, weil sie Fremde laut ankündigen. Ich biete 100 Dollar Prämie für denjenigen, der ein knipsbares Faultier sichtet. Diese Idee wird begeistert aufgenommen, und die Indios hier erzählen, dass sie vor 15 Tagen eines gesehen haben, allerdings ein Stück weg von hier. 100 Dollar sind eine Menge Geld und ein echter Anreiz, und anschliessend gehen die Blicke immer nach oben in die Kronen bestimmter Futterbäume, in denen die Faultiere hängen könnten.
 
Ich entdecke noch zwei wunderschöne Cattleyablüten, eine schöne Orchidee und die Nationalblume Venezuelas. Die Hauptblüte der Orchideen ist im Mai. Gerade, als wir wieder losfahren wollen, geht ein kräftiger Regenguss runter, den wir gerne noch unter dem Dach abwarten.
 
Nach kurzer Fahrt legen wir dann mitten im Regenwald an und wandern etwa zwei 1/2 Stunden durch dichten Wald auf sehr schmalen Pfaden. Dabei entdecken wir nicht nur Brüllaffen und grosse Waldhühner (Guane), sondern auch die Erdhöhle einer Tarantel. Bisher wusste ich nicht, dass Taranteln die grössten Spinnen sind und in Erdhöhlen leben, während Vogelspinnen nachtaktiv sind und auf Bäumen leben. Cilfredo nahm ein langes biegsames Gras, machte eine Schleife am Ende und stocherte damit in der Höhle herum. Es tat sich aber nichts. Vor der Höhle lagen die Reste einer männlichen Tarantel, die die weibliche Spinne offenbar vertilgt hatte. Wir verschieben den Versuch auf den Rückweg.
 
Eine hübsche Schildkröte finden wir noch und Cilfredo hebt sie hoch. Sie hat dunkle breite Fusssohlen mit leuchtend roten Punkten darauf. Nach einer Weile kommen wir ganz unvermutet aus dem Gewirr der Lianen und Bäume heraus und stehen bald auf einem grossen schwarzen Granithügel. Dort lauschen wir dem Röhren der Brüllaffen. Sechs grosse rote Aras fliegen über unsere Köpfe. Es donnert ordentlich, und der Himmel ist zugezogen. Etliche Termiten haben sich in meine Schuhsohlen verbissen. Angewidert flitsche ich sie weg. Einen ziemlich weit entfernten Tukan sehen wir noch, dann kehren wir um und Cilfredo versucht erneut sein Glück bei der Tarantel. Gertrud überlässt mir den besten Platz zum Fotografieren, und auf einmal sehe ich schwarze Füsse zucken. Blitzschnell kommt das Riesentier von Tarantel aus der Höhe geschossen, verharrt einen Moment und schaut, was los ist, um dann ebenso schnell wieder in der Höhle zu verschwinden. Sie war mindestens so gross wie meine Hand mit gespreizten Fingern und schwarzbraun. Zwei gute Fotos sind mir gelungen. Wir waren ganz gebannt von diesem Erlebnis, denn niemand von uns hatte je eine Tarantel gesehen, und so eine grosse schon gar nicht. Sie sieht echt zum Fürchten aus.
 
Die Wanderung in Hitze, Schwüle und stehender Luft hat uns ziemlich fertig gemacht, und wir sind froh, als wir wieder im Boot sitzen. Wir biegen ab in einen Seitenarm, und Cilfredo und unser indianischer Skipper schauen angestrengt in die Bäume. Jeder will die 100 Dollar-Faultierprämie haben. Hier in der Gegend hatte man vor 15 Tagen ein Faultier gesichtet, aber inzwischen hat es sich offenbar einen anderen Futterbaum gesucht, ausserdem wurde es schon dämmerig. Faultiere sind perfekt getarnt durch ihre Färbung und die extrem langsame Bewegung. Selbst für die Indianer sind sie sehr schwer zu entdecken, dabei sind sie keineswegs selten.

So fahren wir weiter und sehen als Krönung des Tages noch drei graurosa Süsswasserdelfine, die munter auf- und abtauchen und zu spielen scheinen. Schliesslich springt einer immer wieder elegant aus dem Wasser. Da man nie weiss, wann und wo sie wieder auftauchen, sind Fotos ziemliche Glücksache.
 
Inzwischen ist die Sonne ohne uns untergegangen, und wir brausen flott zurück zur Lodge. Das war ein wunderschöner und erlebnisreicher Tag heute. Ich bin ziemlich groggy und müde und gehe nach einem sehr leckeren Abendessen mit Welssteak früh schlafen. Meine Füsse sind jetzt auch ziemlich zerstochen und jucken grässlich.
 
Am frühen Sonntagmorgen höre ich ein lautes Papageienkrächzen und entdecke einen roten Ara auf dem hohen Baum direkt vor meiner Hütte. Ein wunderschöner bunter Prachtvogel ist das.
 
Nach dem Frühstück nehmen wir Abschied von diesem schönen Flecken Erde am idyllischen Caurafluss. Heute geht es nach Osten nach Ciudad Bolivar, wo uns grosse Hitze erwarten soll. Mein Gott, mehr Hitze geht doch gar nicht mehr, die hatten wir doch schon die ganze Zeit!
 
Unterwegs räumen die Männer einen umgestürzten Baum zur Seite, dann schauen alle angestrengt nach oben in die Baumkronen, um doch noch ein Faultier zu entdecken. Rainer schlägt vor, ein Stoff-Faultier zu nähen und will für diese Idee 50 Dollar. Das Thema „Ria’s Faultier“ sorgt ständig für Gelächter.
 
Bald haben wir den schönen üppigen Regenwald hinter uns gelassen und kommen wieder in trockenere Savannenlandschaft, die von Sandpapierbäumen durchzogen ist. Es ist ziemlich eintönig und langweilig, so dösen wir vor uns hin, während Gustavo die autoleere Strasse entlangrauscht. Cilfredo hat flotte Musik aufgelegt und trommelt mit den Händen im Takt dazu. Er ist temperamentvoll, fröhlich, sehr kontaktfreudig und gesellig und lacht gerne. Ausserdem nimmt er das Leben von der lockeren und gelassenen Seite. Um diese Eigenschaften ist er wirklich zu beneiden.
 
Gegen 13.00 Uhr kommen wir nach Ciudad Bolivar auf breiter Strasse. Tempo 40 wird genau so ignoriert wie die roten Ampeln. Hier gibt es viele Neubauten und ein grosses Gewerbegebiet. Alle Gebäude sind ummauert und eingezäunt, sämtliche Fenster vergittert. Da denkt man sich seinen Teil.



 

 
Wir kehren in ein grosses Freiluftrestaurant ein und warten ewig lange auf das Essen. Ich habe Hähnchenschnitzel mit Knoblauch und Salat bestellt und eine Cola. Es schmeckt gut, kostet mich aber sage und schreibe 25 Dollar.
 
Draussen ist eine mörderische Hitze. Rasch sind wir jedoch in unserem Hotel Casa Grande in der kolonialen Altstadt. Cilfredo hat mir dieses Mal ein Zimmer mit Fenster beschafft, und ich habe sogar freien Blick auf den Orinoco und die grosse Angostura-Brücke, die der Brücke in San Francisco sehr ähnlich sieht. Dieses Hotel im Kolonialstil macht einen gepflegten Eindruck und hat Klimaanlagen, die man regulieren kann sowie ein grosses Bett und ein komfortables Bad. So urig und erdverbunden die kleinen Lodges im Dschungel auch sind, nach ein paar Tagen weiss ich eine heisse Dusche und Föhn sehr zu schätzen. Noch mehr aber schätze ich, wenn es Null Bichos gibt. Damit meine ich die Wanzen, Milben, Moskitos, Puripuris oder was auch immer sticht oder beisst. Irgendwelche dieser Viecher müssen in meinen Betten gewesen sein, denn inzwischen bin ich total zerstochen und habe grosse rote Plarren, die grässlich jucken.
 
Die meisten von uns haben von Stichen gesprenkelte Beine. Cilfredo läuft fast immer in kurzen Hosen und hat nicht einen Stich. Wie er das wohl macht?
 
Wir machen einen Rundgang durch das kleine Zentrum von Ciudad Bolivar mit der Plaza Bolivar und besuchen ein kleines Museum, das von den Heldentaten Simon Bolivars zeugt. Simon Bolivar hat die Länder Venezuela, Kolumbien, Ecuador, Peru und Bolivien von der Herrschaft bzw. Unterdrückung durch die Spanier befreit und ist daher in all diesen Ländern der absolute Nationalheld. In jeder grösseren Stadt gibt es eine Plaza Bolivar mit seinem Standbild.

 
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