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Seite 1 von 28 Baja California - Mexiko
Wale und Wüste vom 04. bis 20. 2.1994
Zu zweit hieven wir die schwere und unhandliche Hockeytasche ins Auto, dann geht’s ab zum Bahnhof Konstanz. Als Wegzehrung drückt Elfriede mir doch tatsächlich eine Packung “Meeresfrüchte”, meine Lieblingspralinen, in die Hand, und dann geht’s ab nach Frankfurt. In der S-Bahnstation wird es mir ziemlich mulmig, weil hier nicht gerade vertrauenerweckende Gestalten herumlungern: Penner, Skinheads, Gruppen von Jugendlichen aus den armen Ländern der Welt. Die S-Bahn kommt und kommt nicht, irgendetwas stimmt da nicht. Schließlich, nach fast einer Stunde, trudelt sie doch ein, ich bewache mein Gepäck mit Argusaugen und denke, daß mein Rucksack doch eine praktische und sichere Sache ist. Die Hockeytasche dagegen ist ein Monster. Aber mit Isomatte, Schlafsack, Wasserkanister und 100 anderen Dingen für die Zelterei in der Wildnis der Baja California braucht man eben Platz. In Kelsterbach hatte ich ein Hotelzimmer gebucht, aber als ich dort ausstieg, gab es keinerlei Hinweise oder Schilder, in welcher Richtung was zu finden ist, denn sämtliche Wände der S-Bahn-Station waren über und über mit Farbe und klugen Sprüchen besprüht, so daß ich überhaupt keine Orientierung hatte und auf gut Glück nach rechts lief.
Nach 100 Metern befand ich mich in einem ruhigen Wohnviertel, fast menschenleer. Jemand meinte, da vorne sei ein Hotel, also lief ich mit meiner Bürde noch ein Stück weiter. Das erwähnte Hotel war aber nur eine Kneipe, also schleppte ich meine Sachen das ganze Stück zurück auf die andere Seite der S-Bahn-Station, um dort festzustellen, daß man die Autostraße nicht zu Fuß überqueren konnte. Da stand ich nun abends um 22.00 Uhr und hatte einen Zorn im Bauch. Schließlich fand ich nach einiger Sucherei ein Taxi, das mich dann tatsächlich bei dem gebuchten Hotel ablieferte, das aus drei kleinen Gebäuden bestand. Warum einfach, wenn es auch kompliziert geht. Ich mußte alle drei Gebäude abklappern, bis ich endlich meinen Schlüssel hatte zu dem winzigen, dafür aber teuren Zimmer, das sich direkt an einer belebten Kreuzung befand. Ich war schon bedient von dieser Himmelfahrt bis hier hin. Nachts konnte ich dann prompt nicht schlafen, und um jeglichen Ärger zu vermeiden, rief ich dann am nächsten Morgen ein Taxi, das mich flott zum riesigen Frankfurter Flughafen brachte.
Beim Einchecken meiner Riesentasche bei der US Airlines war ich über die gründliche Sicherheitskontrolle erstaunt. Ich wurde nach allem möglichen gefragt: wann ich meine Tasche gepackt habe, wer Zugang dazu hatte, ob ich Waffen bei mir habe usw. Dann mußte ich noch ein Formular ausfüllen und war dann endlich mein Gepäck los.
Der Flieger setzte sich schließlich in Bewegung, und wir atmeten auf, daß es nun endlich losgehen sollte. Denkste! Uns wurde mitgeteilt, daß das Flugzeug zuviel Fracht an Bord habe und daß etliches wieder ausgeladen werden musste. Ja, durfte das denn wahr sein?! Das Flugzeug war nur zur Hälfte mit Personen besetzt, wahrscheinlich hatte man deswegen grünes Licht für mehr Fracht gegeben, aber ich kann mir nicht erklären, wie ein Überladen möglich ist, denn ohne Waage geht das ja wohl auch nicht. Wie auch immer, diese Verzögerung kostete uns eine weitere Stunde, und inzwischen knurrte mein Magen gewaltig, denn seit dem Frühstück um 8.00 Uhr hatte ich nichts mehr gegessen, und inzwischen war es nach 15.00 Uhr. Dann aber tatsächlich hob sich unser Vogel in die Lüfte, es gab ein ganz ordentliches Mittagessen, und wir waren wieder zufrieden.
Wir unterhielten und beschnupperten uns schon mal ein wenig, und es stellte sich bald heraus, daß ich das einzige Greenhorn und blutiger Laie in Sachen Zelterei war. Die anderen hatten alle schon eine gehörige Portion Wildnis-Erfahrung aus Kanada, Argentinien, Rußland, Schweden usw. Ich hoffte, daß man dennoch Verständnis für mich haben und mir alles erklären würde, denn mir grauste es ziemlich vor der Zelterei. Das war auch berechtigt, wie sich später herausstellen sollte.
Nachts um 2.00 Uhr und 8.00 Uhr Ortszeit kamen wir endlich in Pittsburgh im US-Bundesstaat Pennslvania an. Durch die große Verspätung hatten wir natürlich prompt unser Anschlußflugzeug nach Los Angeles verpaßt, was uns nochmals zwei Stunden unfreiwilligen Wartens bescherte. Während dieser Zeit mußten wir durch die gründliche amerikanische Einwanderungsbehörde, die uns wieder diverse Fragen zur Sicherheit stellte, dann konnten wir unser Gepäck holen und mußten es an anderer Stelle wieder aufgeben. Aber schließlich konnten wir auch diesen großen, gepflegten Flughafen verlassen und erfuhren im Flugzeug zu unserem Entsetzen, daß der Flug nach Los Angeles noch weitere fünf Stunden dauern würde. Dabei waren wir jetzt schon völlig geschafft und übermüdet. Aber auch dieses Flugzeug war nur sehr mager besetzt, und wir konnten uns großtenteils quer über die freien Sitze legen und ein bißchen schlafen oder wenigstens ausruhen. Da auch dieser Flieger mit einer Stunde Verspätung gestartet war (wir nannten die Fluggesellschaft inzwischen “Waiting Airlines”) kamen wir erst nachts um 23.30 Uhr Ortszeit endlich im frühlingswarmen Los Angeles an. Ich rief von dort aus unser Hotel an, damit uns jemand abholen kam, aber um diese Zeit fuhren die hoteleigenen Busse nicht mehr, und so nahmen wir ein gelb-blaues Taxi und fuhren ins Holiday Inn Express, wo wir nach rund 30 Stunden auf den Beinen todmüde ins Bett fielen. Ich konnte prompt wieder nicht schlafen, weil mein ganzer Rhythmus durcheinander geraten war. Ausserdem starteten und landeten ständig Flugzeuge direkt beim Hotel, und ich dachte manchmal, daß gleich so ein Flieger in unser Zimmer sausen würde. Irgendwann aber nahm mich dann doch Morpheus gnädig in seine Arme, und am nächsten Morgen fanden wir uns pünktlich um 9.00 Uhr zum Frühstück ein. In Amerika gibt es normalerweise kein Frühstück wie bei uns. Manchmal kann man im Restaurant extra eines bestellen, und in diesem Hotel gab es für uns ausnahmsweise Toast und Cornflakes und dünnen Kaffee aus Styroporbechern und Schälchen.
Wir sehen hier in Los Angeles aber auch schon herrlich blühende Kirsch- und Magnolienbäume, viele blühende Frühlingsblumen wie Löwenmäulchen, Mittagsblumen, Fleissig Lieschen und schöne, stolze Strelitzien. Nach dem tristen Wintergrau unserer Heimat ist das direkt ein Fest für die Augen. Unser Fahrer ist gleichzeitig Führer und erklärt uns mit einer wahren Leidenschaft alles, war wir zu sehen bekommen und noch einiges über die Hintergründe mehr. Ganz fasziniert ist er offenbar von dem Erdbeben vom 17. Jan.94, das ja erst 14 Tage zurückliegt. In jedem zweiten Satz erwähnt er das in irgendeiner Form. Der junge Mann ist jedenfalls unwahrscheinlich engagiert und bemüht, uns seine Stadt näher zu bringen. Hätte doch unser späterer Reiseleiter nur eine Spur dieses Engagements gezeigt! Um wieviel schöner hätte die Reise werden können!
Wir fahren schließlich durch Beverly Hills und nach Bel Air, wo all die Reichen und Schönen und Berühmten dieser Welt ihr Domizil haben. Wunderschöne Villen, Bungalows und kleine Paläste hinter elektronisch gesicherten Zäunen und Hecken findet man hier in einer traumhaft schönen Lage zwischen den Hügeln. Wem würde es nicht gefallen, hier zu wohnen? Da ich aber weder reich noch schön noch berühmt bin, werde ich zumindest für die nächsten 14 Tage allabendlich in ein windiges Zelt mit hartem Boden kriechen. Und das tue ich auch noch freiwillig und bezahle dafür!
Im Farmer’s Market bekommen wir schließlich auch noch was zu futtern, dann müssen wir uns auch schon sputen, um unsere Siebensachen zusammenzupacken und zum Flughafen zu fahren, denn heute steht uns die letzte Reiseetappe zum eigentlichen Zielpunkt bevor. Mit einer kleinen mexikanischen Maschine starten wir superpünktlich und landen nach 1,5 Stunden in Loreto, einer kleinen Stadt im Süden der Baja California (Niederkalifornien, Mexiko), dort laufen wir zu Fuß über den kleinen Flughafen, müssen dort durch den Schalter der Einwanderungsbehörde, bekommen unseren mexikanischen Stempel in den Paß und laufen dann wieder zu unserem Flieger, der uns dann in 30 Minuten nach La Paz bringt, der Hauptstadt des Bundesstaates Baja California Sur.
Aber wenigstens war Wolfgang ein guter Fahrer, wie sich bald herausstellte, das war dann immerhin etwas, auch wenn er von der Promillegrenze und Verantwortung für Gäste offenbar noch nichts gehört hatte, wie sich bald zeigte.
Wir fuhren nun also nicht zu den angekündigten Zelten, sondern doch in ein Hotel, wofür wir sehr dankbar waren. Leider stank es im und um das Hotel mordsmässig nach Insektenvernichtungsmitteln, die hier hemmungslos versprüht werden.
Und trotz Hundegekläff (das erinnert mich an Afrika) und dem sehr frühen Morgenappell irgendeines Militärkommandos schlafen wir ganz gut. Morgens ist es unerwartet kalt, aber das erinnert uns daran, daß wir hier ja in der Wüste sind, und da wird es nachts immer sehr kalt.
Um einen ganz oberflächlichen Eindruck im Telegrammstil von dieser eigenartigen Halbinsel Baja California zu bekommen, zitiere ich hier einige Daten aus dem Buch von C. Stauch:
“Im mexikanisch-amerikanischen Bürgerkrieg von 1846-48 wurde Alta California (das heutige US-Kalifornien) vom Staatsgebiet Mexikos abgetrennt und von den USA okkupiert. Die Baja blieb zwar mexikanisches Territorium, aber die entlegene, wirtschaftsschwache und damals nur schwer zu erreichende Halbinsel war selbst für die Mexikaner noch lange Zeit unwichtig. Baja blieb ein wenig besiedeltes Randgebiet, ein Anhängsel, an dem die Zeit vorbeilief. Erst 1952 wurde die nördliche Hälfte zum eigenen Bundesstaat erklärt, bei der südlichen Hälfte dauerte es bis 1974, bis sie zum 30. mexikanischen Bundesstaat wurde.
Vor dem Bau der Hauptstrasse Mex 1 war dieses Land eigentlich nur als Geländerennstrecke der Baja 1000-Rallye bekannt. Viele bedauern, was durch die Mex 1 an Abenteuer und Unberührtheit verloren gegangen ist. Schön wäre es schon, sich einen “unverdorbenen” Landstrich als Zoo halten zu können - jedenfalls für jene, die nicht immer dort leben müssen...
Einige Daten über die Baja California:
Länge Nord-Süd: 1300 km (länger als Italien!)
Breite Ost-West: zwischen 48 umd 233 km
Fläche: 86.000 qkm (etwas grösser als Österreich)
Einwohnerzahl: ca. 2,5 Mio. Die meisten Einwohner leben in den nördlichen Städten Tijuana, Mexicali, Ensenada. Im Süden sind es insgesamt nur 250.000 Einwohner.
Die höchste Erhebung: Picacho des Diablo mit 3000 m, in der Sierra San Petro Martir im Norden der Halbinsel.
Baja California, das mexikanische Niederkalifornien, ist die südliche Verlängerung von Alta California, wie der heutige US-Bundesstaat Kalifornien früher genannt wurde. Baja California reicht nach Süden bis in die Tropen hinein.
Die mexikanische Halbinsel ist in zwei Staaten geteilt: Baja California norte mit der Hauptstadt Mexicali, Baja California Sur (südl. des 28. Breitengrades) mit der Hauptstadt La Paz.
Soweit aus dem zitierten Buch.
Vollgepackt mit Trinkwasserkanistern, Flaschen und Tüten finden wir kaum noch Platz im Wagen. Es ist heiß geworden in der Zwischenzeit, und ich denke mit Grausen, daß diese Enge ja wohl kein Dauerzustand für die gesamte Reisezeit sein darf, weil man kaum weiß, wo man die Beine unterbringen soll zwischen Rucksäcken, Tüten und Kanistern. Auf meinen Protest hin sitzen dann die drei dünnsten auf der ersten Bank zusammen und nicht weniger eng, während Richard und ich als die kräftigsten auf der Rückbank sitzen bleiben. Nachher denke ich nicht ohne Genugtuung, daß ein paar Pfund mehr auf den Rippen auch Vorteile haben können....
Und nun starten wir also zu unserer ersten Tagesetappe, die uns 360 km nach Norden in die Nähe von Loreto führen soll, wo wir am Abend zuvor die Zwischenlandung hatten. Mit ein bißchen besserer Überlegung hätte man uns ja auch gleich dort aussteigen und die Tour beginnen lassen können. Dann hätten wir einen Tag mehr Zeit für Wale und Kakteen gehabt.
Und so fahren wir mit nervtötend lauter Pop- und Rockmusik durch eine anfangs topfebene, staubige Landschaft auf der berühmten Mex 1, die keineswegs autobahnähnlich ist, sondern für unsere Begriffe eine an beiden Seiten unbefestigte und mit etlichen Schlaglöchern versehene Landstrasse ist. Angesichts der übrigen Schotterpisten weiß man aber dieses Teerband sehr zu schätzen, und die Mexikaner sind zu recht stolz auf diese eine Strasse.
Nach einer Weile kommen wir zu einer Polizeikontrolle, die wissen will, welche Waren wir dabei haben. Schließlich müssen wir die Orangen herausgeben, weil der Transport von Früchten hier verboten ist, wenn wir die Angaben des Beamten richtig interpretieren. Wolfgang kann auch kein Spanisch, und so stehen wir manchmal ziemlich schulterzuckend da. Warum die Beamten die Orangen haben wollten, habe ich bis heute nicht verstanden. Ich sehe das eher wie eine Art moderner Raubritterei an, sie hatten vielleicht gerade Lust auf Orangen und haben sich spontan eine angeblich neue Bestimmung einfallen lassen. Andere Länder, andere Sitten!
Da es heute kein Frühstück gab, haben wir um die Mittagszeit ordentlich Hunger, und dann gibt es zum ersten Mal Tortillas aus der Hand. Tortillas sind ganz dünne, flache Fladen aus Maismehl und Wasser, die ich total fad und langweilig finde, die dem Rest der Gruppe aber offensichtlich ganz gut geschmeckt haben. Ich hielt mich jedoch lieber an das Brot, das man am ehesten mit unserem Vollkorntoast vergleichen kann. Butter gab es auf dieser Reise nicht, obwohl wir eine Auto-Kühlbox hatten. Aber es geht auch ganz gut ohne. Dafür haben wir scharfe Saucen, Frischkäse, Chester und manchmal Sardinen und Thunfisch auf die Fladen oder Brote gepackt. Und so ernährten wir uns also immer um die Mittagszeit irgendwo unter dem weiten, heißen Himmel der Baja. Meist wehte ein leichter Wind, manchmal zogen ein paar Wolken, aber meistens sahen wir einen herrlich tiefblauen Himmel und atmeten die frische Luft. Nach den langen, trüben Wintermonaten war dies eine echte Erholung für Kopf und Geist und Körper.
Schließlich kommen wir in die Sierra de la Giganta, das Gebirge der Riesin. Herrliche Bergketten ziehen sich endlos in die Ferne, schroffe Kanten und Zacken wechseln sich ab mit sanften Hügeln, und eine Bergreihe taucht hinter der anderen auf. Eine wunderschöne Landschaft, die mich nicht nur wegen der vielen Kakteen fasziniert.
Fotostops gibt es fast nicht, und mir tun inzwischen die Ohren weh vom ewigen Gedröhn der verdammten Musikanlage. Schließlich bitte ich, die Musik doch etwas leiser zu stellen, was beim Reiseleiter und bei dem Jungvolk keineswegs auf Verständnis stößt. Bin ich hier auf einer Discofahrt oder auf einer Naturreise? Wie sich herausstellt, war der Reiseleiter früher jahrelang Discjockey. Ach, Du lieber Gott! Immerhin wird die Musik leiser, später werden die hinteren Lautsprecher stillgelegt, und mit der Restlautstärke kann ich leben. Mir ist es aber noch auf keiner Reise widerfahren, daß ungefragt und ungewünscht den ganzen Tag Popmusik lief. Das ist normalerweise verpönt! Wie kann man auch einen Discjockey für eine Naturstudienreise als Reiseleiter einsetzen?
Etwa 25 km vor Loreto biegen wir von der Teerstrasse auf Schotterpiste ab und kommen zu einem Palmenhain direkt an einer traumhaft schönen Bucht gelegen. Und hier schlagen wir also zum ersten Mal unsere Zelte auf, d.h. Heike aus Leipzig erklärt mir auf Sächsisch, wie man ein Zelt aufbaut. Sie ist sehr pingelig und achtet penibel darauf, daß auch ja Naht auf Naht liegt und die Heringe ordnungsgemäß im Boden verankert werden, damit das Zelt auch dem Wind trotzen kann. Ich lege meine Isomatte und den Schlafsack aus. Na, wie diese erste Zeltnacht wohl werden wird? Aber bevor Schlafen angesagt ist, haben wir noch ein bißchen Zeit, und ich laufe gleich ans Wasser, das heißt, wir sind hier am Cortez-Meer, das auch Golf von Kalifornien genannt wird und bei dem es sich um das artenreichste Meer der Erde handeln soll. Es gibt hier viele Arten, die es sonst nirgends auf der Welt gibt. Aus zahlreichen Unterwasserfilmen über dieses Meer kenne ich ein bißchen von dem marinen Leben hier. Auf jeden Fall stehe ich hier an seinen Ufern und freue mich über die vielen Meerespelikane,die beim abendlichen Fischfang sind. Diese Pelikanart ist die einzige, die ihre Beute mit Stoßtauchen fängt. Wie Torpedos stossen die Vögel aus der Luft mit zusammengelegten Flügeln blitzschnell ins Wasser und packen einen Fisch. Man kann sie hier herrlich beobachten. Und dann gibt es hier noch verschiedene graue und weiße Reiher, große und kleine Möwen, Prachtscharben und jede Menge Truthahngeier, diese etwas mehr als rabengroßen, schwarzen Vögel mit nacktem, knallrotem Kopf, die auf der ganzen Baja weitverbreitet sind und die wir während der ganzen Reise als treue Begleiter hatten. Ganz besonders schön sieht es aus, wenn sie am frühen Morgen mit ausgebreiteten Schwingen auf den Spitzen der großen Kakteen sitzen und sich an den ersten Sonnenstrahlen wärmen.
Als ich von meiner Kurzwanderung zum Zeltplatz zurückkam, waren die ersten Steaks schon gebrutzelt. Sie wurden in mundgerechte Stücke geschnitten und jeder pickte sich von dem einen Teller seinen Anteil. Auf diese Weise sparte man Besteck und Geschirr. Klar, daß das Essen im Stehen erfolgte, denn es gab weder Stühle noch Hocker, ja noch nicht einmal Baumstümpfe oder zum Sitzen geeignete Steine.
Wie komfortabel ist dagegen das Reisen mit Rotel, wo jeder sein Klapphockerchen und Klapptische vorfindet, wo jeder einen eigenen Wasserkanister minehmen und wo jeder von seinem Teller essen kann, der dann auch gespült wird, selbst im tiefsten Busch. Aber ich wollte oder mußte ja zelten, wenn ich die Wale sehen wollte, also blieb mir wohl nichts anderes übrig. Es hat des öfteren Camp- bzw. Zeltmöglichkeiten gegeben, die wenigstens ein bißchen ausgestattet waren mit WC und Wasser, aber die kosteten ein bißchen mehr. Ich hatte den Eindruck, daß diese absolute Schlichtheit, um nicht zu sagen, Primitivität, direkt erwünscht war. Ich gestehe, daß ich mich anfangs sehr schwer tat damit.
Es wurde hier wie überall in den Tropen, sehr früh dunkel, denn Tag und Nacht sind mit jeweils 12 Stunden gleich lang. So wurde es auch hier schon um 19.00 Uhr dunkel, und mangels Sitzgelegenheit standen wir uns die Beine in den Bauch. Die Bierdosen leerten sich, langsam wurde es empfindlich kalt, so daß wir gegen 21.00 Uhr bereits in unsere Zelte krochen. Als ich dann in meinem Schlafsack auf dem harten Boden liege, neben mir eine wenig sympathische Nachbarin, fühle ich mich nicht gerade glücklich.
Danach freue ich mich aber doch über die fischjagenden Pelikane, die blökenden Möwen, die ganz eigenartige Laute von sich geben und sich so ganz anders anhören als alle anderen mir bekannten Möwen. Die Truthahngeier haben auch wieder Beute gemacht und streiten mit den Raben darum. Ein einsamer Reiher sitzt auf den Steinen am Wasser und wartet auf einen unachtsamen Fisch. Derweil taucht die aufgehende Sonne die umliegenden Berge in ein herrliches Rosa, das Wasser plätschert leise an den Strand, und so langsam versöhnt mich diese Szenerie mit den Widrigkeiten dieser Reise.
Als ich zu den Zelten zurückkehre, wachen die anderen langsam auf. Zum Frühstück gibt es Kaffee, aber leider keine Milch dazu, auch kein Pulver. Das olle Brot wird mangels Alternative gegessen, man gewöhnt sich auch daran. Derweil kreisen mindestens 100 Truthahngeier über uns.
Sie haben in Massen in den Palmkronen über uns geschlafen und wärmen sich nun in der aufgehenden Sonne. Unsere Zelte bleiben hier stehen, denn wir wollen heute einen Tagesausflug zur Mission San Javier in den Bergen machen. Da angeblich nie etwas geklaut wird und die Kriminalität sehr gering sein soll, lassen wir unsere Schlafsäcke in den Zelten und fahren los. Im Auto muffelt es, Deo scheint hier keiner zu kennen. Vielleicht ist sowas ja auch verpönt.
Der Himmel ist grau und bewölkt, als wir von einem herrlichen Aussichtspunkt hinab auf die Bucht sehen, in der viele Inselchen wie hineingestreut liegen. Kurz vor Loreto sieht man zaghafte Ansätze zu einer Touristensiedlung. Hier sollte der Tourismus ganz groß aufgezogen werden, da aber das Interesse bzw. die Nachfrage bislang ausblieben, wurde das Projekt gestoppt, und so sieht man hier einen verwaisten Golfplatz und einen kleinen künstlichen See. In Loreto wird nochmal getankt, dann geht es bald weiter auf Schotterpiste in die Berge hinein zur Mission. Hier wachsen herrliche Kakteen in der wild zerklüfteten Berglandschaft, die Sonne brennt uns schon heiß auf die weiße Winterhaut, und so langsam fühle ich mich wirklich wie im Urlaub, weil alles so anders ist. Leider wird die Idylle und Einsamkeit der Landschaft bald wieder von lauter Popmusik zerstört, und das stinkt mir doch gewaltig. Aber wenigstens wird die Musik auf meine Bitte hin dann tatsächlich leiser gemacht, aber beliebter habe ich mich damit nicht gemacht. Darauf kommt es mir aber auch nicht an.
An einem kleinen Bachlauf halten wir an, und Wolfgang stellt fest, daß wir einen Platten haben. Er will zurück nach Loreto, um den Reifen reparieren zu lassen, und ich ergreife diese fast einmalige Gelegenheit, zu Fuß weiter in Richtung Mission zu laufen. Da es nur diesen einen Weg gibt, ist ein Verlaufen nicht möglich. Es schließen sich dann noch einige an, und so kommen wir doch noch zu einer sehr eindrucksvollen und sehr schönen Wanderung. An einer kleinen Kapelle am Wegesrand, auf die wir nach etwa 1,5 Stunden stossen, kläffen uns etliche Hunde an, dann taucht ein alter Mann auf. In dem kleinen Flußtal wachsen Palmen und Orangenbäume, und die Orangen leuchten reif in der Sonne. Mit Händen und Füßen kann ich dem Mann klarmachen, daß ich gerne Orangen kaufen möchte, und nach einer Weile verschwindet er und kommt mit Orangen zurück. Es sind die saftigsten und schmackhaftesten, die ich im ganzen Leben gegessen habe. Es handelt sich hier um noch uralte Orangensorten, die damals im 17. Jhdt. die Missionare hier anbauten. Sie haben noch Kerne und sind natürlich ungespritzt.
Inzwischen ist auch der Bus mit dem reparierten Reifen eingetrudelt und nimmt uns wieder auf. Es geht noch ein ganzes Stück bergan über holprige Piste, bis wir dann schließlich die uralte Missionskirche von 1691 erreichen, die noch ganz gut erhalten ist. Nebendran ist ein verwahrloster Friedhof. Auf den wenigen Gräbern wachsen entweder Kakteen als Grabschmuck oder Plastikkränze liegen darauf.
Es gibt hier ein paar armselige Hütten, und ich finde diesen Ort ebenso trostlos wie die bisher gesehenen. Ich dachte vorher, daß die Mexikaner ein lebensfrohes Völkchen wären mit Scharen von fröhlichen Kindern. Bisher ist mir nur Tristesse und Armut begegnet. Wenn man die Vergangenheit dieser Menschen kennt, weiß man allerdings, daß sie herzlich wenig Grund zum Lachen haben. Von den ehemals 70.000 eingeborenen Indianern blieben nach der Kolonisierung durch die Mönche nur rund 6.000 Menschen übrig, alle anderen waren in den Bergwerken oder an den von den Patres eingeschleppten Seuchen innerhalb weniger Jahre gestorben. Wo auch immer die Weissen und die Missionare versucht haben, Eingeborene zu “bekehren”und ihnen die Lebensform der angeblich zivilisierten, christlichen Welt aufzuzwingen, bleibt das gleiche Bild von Tod und Zerstörung zurück. Es ist nur eine andere Methode als die der Krieger.
Wir verlassen diese Mission bald und holpern und rattern wieder durch diese faszinierende Bergwelt zurück nach Loreto, wo wir wieder Brot und vor allem Bier kaufen und in einem kleinen Laden sogar die ersten Postkarten erstehen können. Briefmarken suchen wir leider vergeblih, und das Postamt hat geschlossen.
Ab 4.00 Uhr liege ich wach und überlege, wie ich mich noch hinlegen könnte, um die verdammten Kreuzschmerzen loszuwerden. Sehnsüchtig denke ich an mein Bett zu Hause. Ich werde es künftig zu schätzen wissen. Als es dämmert, stehe ich erleichtert auf und laufe zum Strand zu den Pelikanen. Der Sonnenaufgang ist wieder sehr schön, und nach dem Frühstück geht es heute nach Loreto an den Hafen, wo wir unsere Regenkleidung anziehen und in ein kleines Fischerboot steigen, das uns rasch in die Bucht hinausfährt. Hier gibt es zur Zeit keine Wale, wie uns der Fischer erklärt, aber wir freuen uns auch anden Pelikanen und den Robben, die auf einer Felsplatte liegen und empört bellen und schimpfen, als wir aufkreuzen und fotografieren. Sie springen nach und nach ins Wasser und sind offensichtlich sauer darüber, daß wir ihren Morgenfrieden gestört haben. Wir bleiben ja nur kurz, dann können sie wieder in Frieden dösen.
Hier gibt es wunderschöne Felsformationen, und die ganze Bucht gefällt uns ausserordentlich gut. Inzwischen ist es windig geworden, und es gibt ganz nette Wellen, so daß wir beim Weiterfahren trotz Regenschutz ziemliche Wasserfontänen abkriegen und naß werden. An einer besonders schönen Stelle legt der Fischer an und läßt uns aussteigen. Wir sind ganz überwältigt von den Farben des Meeres an dieser Stelle.
Hier gibt es kleinere und grössere Buchten mit verschiedenen Wassertiefen, so daß das Wasser von helltürkis bis tiefdunkelblau über grün sämtliche Farbtöne aufweist. Dazu kommen die vielen Wellenkämme vom Wind, und das ganze Bild ist wunderschön. Der Fischer drängt zur Weiterfahrt, denn der Wind nimmt langsam Sturmstärke an. Das Boot muß ordentlich kämpfen auf der Rückfahrt, aber wir freuen uns über Wind und Wellen und das Glitzern des sonnenüberfluteten Meeres. Was für eine herrlich einsame Bootsfahrt. Touristen sind hier noch Mangelware, Gott sei Dank.
Zurück in Loreto kehren wir in ein kleines mexikanisches Restaurant ein, um dort zu Mittag zu essen. Es gibt Rindfleisch gebraten, aber da es sich wohl um Suppenfleisch handelt, ist es einfach nicht weich zu kauen. Irgendwann muß man sich halt entschliessen, entweder runter zu schlucken oder auszuspucken. Na, dann doch lieber Essen im Stehen. Nach diesem Mahl kaufen wir für die nächsten beiden Tage Lebensmittel und Unmengen Bierdosen, denn ab hier werden die gut sortierten Supermärkte vorbei sein. Da muß man ein bißchen horten. Und da außer mir und Heike alle anderen nur Bier tranken, und das schon ab morgens Punkt 11.00 Uhr, gehen natürlich massenhaft Bierdosen drauf. Sehr umweltfreundlich werden die Dosen nachher einfach in die Landschaft entsorgt! Auch Wolfgang als Fahrer trinkt wie die anderen ab morgens Bier, und manchmal drängt sich mir der Eindruck auf, daß er mit Verantwortung offensichtlich nichts im Sinn hat.
Wegen der hohen Wellen konnten heute die Fischer nicht rausfahren, und so gibt es anstelle des bestellten Frischfischs eben Spaghetti. Weil es so kalt und stürmisch ist, verkriechen wir uns wegen der Ungemütlichkeit bald in unsere Zelte, an denen der Wind zaust und zerrt. Die Palmenkronen über uns rauschen gewaltig, und ich wundere mich am nächsten Morgen, daß ich trotzdem erstaunlich gut geschlafen habe. Der nächste Tag ist der “schmutzige Donnerstag” (Weiberfasnacht), und so fühle ich mich langsam auch. Hoffentlich sind die nächsten Zeltplätze wenigstens mit Wasser versehen. Aber weit gefehlt!
Nach dem Frühstück unter mindestens 100 kreisenden Geiern brechen wir die Zelte ab und haben heute einen Fahrtag von etwa 320 km vor uns, denn wir wollen zur Lagune San Ignacio, dem absoluten Höhepunkt dieser Reise, wie wir bald erfahren sollten. In Loreto tanken wir noch einmal.
Klaus findet ein geöffnetes Postamt vor, so daß unsere Postkarten an die Lieben daheim doch noch abgeschickt werden können, und dann fahren wir durch eine traumhaft schöne Bergwelt voller Kakteen. Nach rund zwei Stunden machen wir Pause in der schönen Bahia Conception, einer traumschönen, einsamen Bucht am Cortez Meer. Hier finden wir ganz tolle Muscheln, Korallen und andere Schätze des Meeres. Einige dunkelrote Korallenstöcke nehme ich als Andenken mit. Sie liegen überall herum.
Die Tortillas können mich heute nicht reizen, ich halte mich lieber an das Vollkornbrot mit würziger Sauce. Danach geht es bald weiter bis Santa Rosalia, wo wir die Küste verlassen und landeinwärts bis zu dem trostlosen Dörfchen San Ignacio fahren. Hier gibt es ein paar kleine Läden und eine Missionskirche, ansonsten ist der Ort so erbärmlich wie alle anderen auch. Allerdings soll es hier ein sehr gutes Restaurant für Meeresfrüchte geben, so steht es zumindest im Reiseführer. Das werden wir auf der Rückfahrt dann doch noch ausprobieren. Wir decken uns hier wieder mit dem unvermeidlichen Bierberg ein. Brot gibt es hier keines. Dann fahren wir 60 km weit über üble Buckel- und Schlaglochpiste bis an den Pazifik zur Lagune von San Ignacio, in der es angeblich von Walen nur so wimmeln soll. Es sollen Tausende sein, und ich halte das doch für reichlich übertrieben. Ich kann mir nicht mal 100 Wale auf einmal vorstellen, geschweige denn Tausende. Aber es stimmt verblüffenderweise wirklich, wie wir bald mit eigenen Augen sehen konnten.
Die Bucht von San Ignacio ist eine der wenigen Buchten der Baja California, in denen die Grauwale jedes Jahr Ende Januar eintreffen, um dort ihre Jungen zur Welt zu bringen und einige Monate aufzuziehen oder um sich zu paaren. Im März oder spätestens April ziehen sie dann wieder die Küste hinauf nach Norden bis in die Beringsee, wo sie im Sommer Massen von Krill vertilgen und sich wieder Speck anfressen für die anstrengende, bis zu 12.000 Kilometer lange Wanderung wieder hinab in die Lagunen der Baja California und zurück. Es ist dies die längste Säugetierwanderung der Welt. Ein erwachsener Grauwal wird etwa 15-18 Meter lang und wiegt 25 bis 30 Tonnen, manche auch mehr.
Es ist ein mittelgroßer Wal, der früher erbarmungslos gejagt wurde bis an den Rand der Ausrottung. Der berühmt-berüchtigte Walfänger Scammon (nach dem eine der Baby-Lagunen benannt wurde) hatte das Geheimnis der Lagunen der Baja entdeckt und die Wale gnadenlos abgeschlachtet, bis es weltweit nur noch etwa 250 Tiere gab. Seit 1946 ist der Grauwal strikt geschützt und konnte sich in der Zwischenzeit wieder so gut erholen, daß Kenner heute der Ansicht sind, daß die Population mit ca. 20.000 Tieren wieder auf dem Stand ist wie vor der Waljagd. Möge uns dieses herrliche Tier erhalten bleiben.
Die Walbabys sind übrigens auch schon etwa 4-5 m lang und 1000 bis 1500 kg schwer, wenn sie in den Lagunen geboren werden. Hier sind sie sicher vor ihren einzigen Feinden, den Killer- oder Schwertwalen. Diese warten am Eingang der Lagunen auf die jungen Wale, und wenn die Mütter mit ihren Jungen die lange Wanderung in den Norden antreten, muß so mancher kleine Wal in den Zähnen der Orcas sterben. Auch viele erwachsene Grauwale haben Bißspuren der Orcas in ihren Schwanzflossen. Und einigen wurde auch ein Stück aus dem Körper gebissen, wie Narben zeigen. Die Killerwale haben ihren Namen wohl zu recht, obwohl man kein Tier mit menschlichen Begriffen versehen sollte.
Grauwale haben keine Zähne, sondern Barten, mit denen sie den kleinen Krill filtern. Alle Bartenwale haben zwei Blaslöcher, die Zahnwale nur eines. Und Bartenwale haben auch keine Rückenflosse.
So staunen wir über diese friedlichen Giganten, die es hier in solch unerwarteten Anzahlen gibt. Und auf einmal zeigte Romualdo ganz aufgeregt auf das Wasser, um mir klar zu machen, daß so ein Riesentier unter unserem Boot sei und gleich auftauchen werde. Ich saß nicht ganz zufällig hinten im Boot mit meinem knallpinkfarbenen Regencape, hielt eine Hand ins Wasser und starrte angestrengt in die unergründliche Tiefe. Und dann nahm ich schwach etwas Dunkles mit hellen Flecken wahr, das rasch näher und näher kam und größer und größer wurde. Und auf einmal tauchte der Riesenkopf des Grauwals direkt vor mir aus dem Wasser und war nur wenige Zentimeter von meinem Gesicht entfernt. Ich war total aufgeregt und hatte Herzklopfen bis zum Hals. Ich streckte meine Hand aus und streichelte diesen ersten Wal meines Lebens, der mit seinem gebogenen Maul zu grinsen schien. Mein Gott konnte das wahr sein oder träumte ich? Aber der gummiartig elastische Kopf mit den vielen Seepocken darauf war Wirklichkeit, und ehe ich so richtig begreifen konnte, welcher Glücksfall mir hier widerfahren war, tauchte der Wal weg. Ich war ganz elektrisiert und wie benommen von diesem Erlebnis und konnte es noch gar nicht so recht fassen. Außer mit hatte nur noch der Reiseleiter den Wal erreichen können. Wenigstens das begeisterte auch ihn. Wir waren alle ganz aufgeregt, daß uns dieses Erlebnis vergönnt war, aber noch ehe wir uns beruhigt hatten, tauchte an einem anderen Boot, das sich inzwischen zu uns gesellt hatte, wieder ein Wal auf, vielleicht war es auch der gleiche, und ließ sich auch dort streicheln. Wir hatten ganz eindeutig den Eindruck, daß es dem Wal richtigen Spaß machte, von einem Boot zum anderen zu schwimmen und unter Freudenschreien getätschelt zu werden. Walforscher haben herausgefunden, daß Wale stark auf Geräusche und bestimmte Frequenzen reagieren. Deswegen machen die Bootsführer auch die Motoren nicht ganz aus, sondern lassen sie im Leerlauf tuckern. Teenager mit ihren spitzen hohen Schreien sollen bei der Walbeobachtung am erfolgreichsten sein. Aber auch ohne Geschrei, wohl aber mit Begeisterungsrufen und Händeplätschern im Wasser hatte nicht nur dieser eine Wal Spaß an der Begegnung mit den Menschen, und inzwischen wissen die Tiere auch, daß ihnen hier keine Gefahr droht. Da die Tiere schon seit fast 50 Jahren geschützt sind, gibt es kaum noch alte Wale, die sich an die früheren Gemetzel erinnern können. Wale können übrigens etwa 70 Jahre alt werden.
Und dann - es war kaum zu glauben - machte der Fischer Romualdo uns aufmerksam auf den nächsten auftauchenden Wal, und wieder kam er genau vor mir hoch. War es meine Hand im Wasser oder mein pinkfarbenes Regencape, das ihn anlockte? Vielleicht auch nur Zufall, aber der Wal tauchte auf, kam höher als der erste und auch er ließ sich bereitwillig die dicke Schwarte kraulen und tätscheln.
Der Reiseleiter hatte doch tatsächlich den Nerv, dem Riesenkerl einen Schmatz auf die salzige Schnauze zu drücken. Es gibt bestimmt nicht viele Menschen, die einen Wal geküsst haben. Der Gigant verschwand langsam wieder in seinem nassen Element, und wir schipperten noch eine Weile herum, beobachteten wieder die drei Wale, die nun ein Stück entfernt mit sich beschäftigt waren und wollten gerade ein Stück weiterfahren, als ganz hinten am Boot schon wieder ein großer Wal seinen Kopf aus dem Wasser streckte. Dann tauchte er weg und kam gleich darauf wieder genau vor mir aus dem Wasser. Auch ihn konnte ich streicheln, und ich war schwer beeindruckt von der Größe dieses Tiers. Dieser Wal war der größte der drei gewesen, die beim Boot aufgetaucht waren. Mir schlug das Herz bis zum Hals, etwas derart Aufregendes und Packendes hatte ich noch nie erlebt. Ich werde es sicher mein Leben lang nicht vergessen. Es war das größte Erlebnis auf allen bisherigen Reisen, und ich nahm es als Sternstunde in meinem Leben an und bin sehr dankbar dafür. Wie unwichtig und nichtig sind da die Widrigkeiten der Reiseumstände.
Klaus und Richard hatten viele Fotos gemacht, ich hatte vor Aufregung gar nicht daran gedacht. Das Walestreicheln war da auch viel wichtiger, und ich hatte ja schon soviele Walfotos gemacht. Zum Schluß sogar noch von Skyhoppern (Himmelsspringer), wie springende Wale genannt werden. Sie sprangen zwar nicht ganz aus dem Wasser, aber doch zu gut einem Drittel. Und einmal tauchten doch tatsächlich vier Wale gleichzeitig weit aus dem Wasser und schienen sich umzusehen, was über Wasser so los ist. Richtig lustig sah das aus, und ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, daß die Wale mit uns genau so viel Spaß hatten wie wir mit ihnen. Keinesfalls fühlten sie sich von uns gestört, und das fand ich herrlich.
Und erst hier, nach 6 Tagen, merkte ich zu meinem Entsetzen, daß ich nicht ein einziges Handtuch eingepackt hatte. Der ganze Stapel, den ich gerichtet hatte, war aus unerfindlichen Gründen oder wegen Reisefieber und Aufregung zu Hause liegen geblieben. Darüber konnte ich mich kaum beruhigen, aber Richard half mir aus der Patsche, er konnte ein Handtuch entbehren. Aber allein die Tatsache, daß mir dies erst am sechsten Tag auffiel, zeigt, welche Waschmöglichkeiten wir hatten. Nämlich fast Null! Für’s Gesicht hatte ich immer Gesichtswasser dabei, und die Hände hatte ich immer an der Luft trocknen lassen. Für den “großen Rest” gab es kein Wasser...
Ich war also ganz froh mit meinem einen Handtuch und inspizierte die ominöse Dusche. Es war ein besserer Bretterverschlag mit einem Loch im Boden, über dem ein Stück Holz lag, und aus einer merkwürdigen Einrichtung kam dann ein spärlicher Wasserstrahl, aber immerhin, es kam Wasser. Daß es kalt war, macht überhaupt nichts. Nach der Dusche zog ich komplett neue Sachen an und fühlte mich mindestens wie Liz Taylor, auch wenn ich nicht so aussah.
Diesen Tag krönten wir dann bei Tota’s Seafood Restaurant mit Hummer, Krabben und anderen Meeresdelikatessen. Dazu spendierte ich zur Feier des Tages einen mexikanischen Rosé für die Gruppe, was genau so wenig bedankt wurde wie die Zweiliter-Flasche vom Vortag. Das sollte mir eine Lehre sein. Es gibt halt immer einige Leute, die nur nehmen und andere, die immer geben.
Mit dem Wirt kamen wir ein bißchen ins Gespräch mit Händen und Füßen, und als wir ihm im Reiseführer zeigen konnten, daß sein Lokal lobend erwähnt wurde, war er stolz wie Oscar. Hier gab es auch mexikanische Musik, und er sang dazu. Zum Schluß spendierte der Wirt uns das Nationalgetränk “Margarita”, unter dem ich mir nicht viel vorstellen konnte. Es stellte sich als Rum mit Limone und viel zerstossenem Eis heraus. Das wäre ja noch gegangen, wenn nicht das Glas in Salz getaucht worden wäre und daher einen salzigen Rand hatte. Das fand ich total eklig, während das eigentliche Getränk nicht übel war.
Und dann, irgendwann in der Nacht, kommt mächtig Wind auf, ja er wächst sich zu einem richtigen Sturm aus und es rauscht unwahrscheinlich in den Kronen der mächtigen Dattelpalmen, unter denen wir liegen. Gegen Morgen, als ich mit Kreuzschmerzen auf die Dämmerung und damit auf das Signal zum Aufstehen warte, fällt mir siedendheiß ein, daß ich das einzige Handtuch, das ich ja auch nur leihweise besitze, auf einige Palmenblätter zum Trocknen gelegt hatte und nach dem abendlichen Gelage vergessen hatte, mit ins Zelt zu nehmen. Wenn dieses kostbare Stück weggeflogen wäre, hätte ich weit und breit keine Chance auf ein käufliches Handtuch gehabt. Aber der Himmel hatte ein Einsehen, denn ds Handtuch hatte sich in den Wedeln der Palme verheddert und war trocken. Ich war ungeheuer erleichtert. Dann genoß ich den Luxus eines Plumpsklos mit wehendem Vorhang als Tür und freute mich direkt, als ich hörte, daß wir hier noch eine weitere Nacht verbringen werden.
Nach dem Frühstück fahren wir los über Schotterpiste in Richtung Berge zu den Felsmalereien der Eingeborenen in der Sierra de San Francisco. Man vermutet, daß diese Malereien aus der Zeit stammen, bevor die Weißen hier siedelten. Hier ist die Gegend nur äusserst dünn besiedelt, und wenn, dann sind es nur ein paar erbärmliche Hütten. Dafür ist die Landschaft umso grandioser. Eine Bergwand nach der anderen taucht auf, tiefe Schluchten tun sich auf, zu den Kandelaberkakteen gesellen sich die schönen Faßkakteen. Hier sind es vor allem die Ferokakteen, besonders die Art, die auch Teufelszunge genannt wird mit langen, breiten und knallroten, nach unten gebogenen Stacheln.
Überall wachsen sie in großer Zahl, diese bei uns teuren Raritäten. Aber in der hier vorhandenen Größe sieht man sie bei uns höchstens in einem sehr guten Sukkulentenhaus. Ich bin jedenfalls als Kakteenliebhaberin total begeistert von dieser urtümlichen, von Menschenhand völlig unberührten Gegend. Auch schöne Yuccas wachsen hier und dann auch der witzig aussehende Baum namens Cirio, der wie eine Fahnenstange hoch in den Himmel ragt und meist die Form einer umgedrehten Karotte hat. Große Exemplare kringeln und schnörkeln sich oft am Ende in den witzigsten Formen, die die Phantasie anregen. Die Elefantenfußbäume sind hier seltener als bisher anzutreffen, sie brauchen wohl wieder etwas andere Lebensbedingungen. Später sahen wir davon aber noch Tausende.
Nach 37 km Schotterpiste kommen wir zu einer Ansiedlung weniger Hütten in dem schon bekannten Zustand. Dort holen wir einen Führer ab, der mit uns ein Stück des Weges zurückfährt. Dann laufen wir vielleicht 100 Meter den Berg hoch und finden unter einem vorspringenden Felsen eine ganze Anzahl nicht sehr gut erhaltener Felsmalereien. Tiere und Menschen sind dargestellt, offensichtlich Jagdszenen. Die Menschen haben Hörnchen auf dem Kopf wie kleine Antennen. Bis heute konnte nicht herausgefunden werden, was diese Antennen zu bedeuten haben. Nicht sehr beeindruckt gehe ich wieder nach unten.
Nachdem wir wieder ein Stück bergab gefahren waren, hielt er auf einer Anhöhe zwecks Mittagspause, aber angesichts dieser grandiosen Landschaft hätte mich auch ein delikates Mahl kaum am Weiterwandern hindern können, und so marschierte ich alleine los durch diese stille, einsame Wildnis, durch eine unwahrscheinlich schöne Bergwelt unter einem fremden und doch vertrauten Himmel.
Ich war hier total allein, habe mich aber weit weniger einsam gefühlt als manches Mal unter vielen Menschen. Das war die zweite schöne Wanderung, die ich mir “genommen” habe und die ich sonst gegen Musik, Palaver immer gleichen Inhalts, und Bergen von Tortillas getauscht hätte. Und ich hatte wirklich gedacht, eine Naturreise gebucht zu haben. Gott sei Dank bin ich kein Reiseneuling und weder schüchtern noch hilflos, so kann ich manche Situation auf eigene Faust ändern, so auch ein wenig hier. Diese Wanderung jedenfalls gehört mit zum schönsten Erlebnis der ganzen Reise, und ich habe hier sicher an die 200 Fotos von Kakteen gemacht. Darüber werde ich mich noch als altes Weib freuen, das weiß ich schon jetzt.
Der Minibus nimmt mich nach einer Weile wieder auf, und wir fahren zurück zu unserem Oasen-Zeltplatz, gehen am Abend wieder in Tota’s Restaurant. Hier ist es jedoch wesentlich ruhiger als am Vortag. Ich bin so sauer auf den Reiseleiter und die meisten der Gruppe, daß ich keine Lust habe, auch nur ein Wort zu sagen. Ich glaube, sonst wäre ich geplatzt. Die anderen waren sowie so ziemliche Schweiger und Kuscher, und so verlief der Abend sehr beklemmend. Wenn ich zu diesem Zeitpunkt schon geahnt hätte, daß Klaus und Richard ähnlich dachten wie ich und mit dem Reiseleiter auch keineswegs einverstanden waren, dann wäre es mir wesentlich wohler zumute gewesen. Aber es dauerte noch ein bißchen bis dahin.
Nach einigen Stunden zweigen wir ab und fahren auf Piste weiter durch eine ganz unwirkliche und unwirtliche Landschaft. Hier wächst fast nichts mehr, flache Becken sind mit mehr oder weniger Wasser gefüllt, an deren Ufern sich Salz ablagert. Wir befinden uns in den Salzminen von Guerrero Negro, dem größten Salzabbaugebiet der Welt.
Hier beginnt auch die größte mexikanische Sandwüste, die Vizcaino-Wüste. Es ist eine völlig lebensfeindliche und abschreckende Umgebung hier, und wir sind froh, als wir schließlich die Küste und auch wieder ein paar Sträucher sehen.
Nun sind wir also im Nationalpark der Grauwale. 1972 hat die mexikanische Regierung dieses Gebiet mit der großen Lagune unter absoluten Schutz gestellt. Alles, was die Wale stören könnte, ist verboten. Und deshalb dürfen auch nur höchstens drei Motorboote (kleine Nußschalen, Fischerboote) gleichzeitig für eine Stunde in der Lagune fahren, und das auch nur von morgens 9.00 bis nachmittags 16.00 Uhr. Es ist eine enorme Leistung, daß so ein armes Land sich so vorbildlich verhält, obwohl es mit dem Waltourismus viel mehr Geld verdienen könnte. Die Leute stehen Schlange an dem einzigen kleinen Bretterhäuschen, an dem man die Bootsausflüge buchen kann. Wir haben Glück und können noch am gleichen Tag eine Fahrt anmelden. So suchen wir uns zuerst ein Plätzchen für unsere Zelte am Strand. Es ist gerade Ebbe, und in der breiten Schlick-Uferzone suchen viele Uferschnepfen, Strandläufter, Brachvögel und auch Reiher nach Würmern und Schnecken, die das ablaufende Meer hinterlassen hat. Es ist warm und nur ein leichter Wind weht vom Meer herüber. Nach einiger Zeit machen wir uns auf den Weg zu den Fischerbooten, ziehen Schuhe und Strümpfe aus und dafür Schwimmwesten an, und dann geht es mit einer Nußschale hinaus zu den Walen, die wir schon vom Ufer aus mit dem Fernglas gut erkennen können. Ich habe diesmal keinen Fotoapparat mitgenommen, weil ich nur schauen und erleben möchte und ja schon soviele Walfotos gemacht habe. So bin ich also ganz ungehindert und kann es genießen, all die vielen Grauwale zu beobachten, die um uns herum schwimmen. Überall sehen wir sie, manchmal nur eine Schwanzflosse, manchmal einen breiten Rücken, dann wieder die Blasfontänen, vor allem aber jede Menge kleine, neue geborene Wale. In der ersten Lagune haben wir überhaupt keine Jungwale entdeckt, hier dafür umso mehr.
Die Walkühe halten viel mehr Abstand zu den Booten als die einzelnen Wale. Man soll es ja nicht wagen, ihnen zu nahe zu kommen, denn die Mütter können sehr heftig reagieren, wenn sie ihre Kälber bedroht sehen. In Amerika werden sie daher auch “Teufelsfische” genannt, wobei der Wal gar kein Fisch, sondern ein Säugetier ist. Als leichtes Unterscheidungsmerkmal braucht man sich im Zweifelsfall nur die Schwanzflosse anzusehen: eine waagrechte Flosse ist immer ein Wal, eine senkrechte immer ein Fisch.
Wenngleich wir den Walkühen und ihren Kälbern hier auch nicht so sehr nahe kommen und der bedeckte Himmel keine schönen Kontraste bildet, sind wir doch sehr beeindruckt von diesem herrlichen Naturschauspiel. Leider ist nach einer Stunde die Bootsfahrt beendet und wir dachten, daß wir nun wohl die letzten Wale dieser Reise gesehen hätten. Aber es sollte anders sein, wie noch zu lesen sein wird.
So kehren wir also zurück zu unserem Zeltplatz irgendwo am Strand zwischen den unbekannten Sträuchern und beobachten die vielen Wattvögel, die hier nach Nahrung suchen. Heute gibt es wieder Nudeln mit Chili con carne, dazu einen frischen Wind und frühe Dunkelheit. Zwei betrunkene Mexikaner kommen mit dem Auto angefahren und betteln um Bier. Wir geben ihnen zwei Dosen in der Hoffnung, sie dann los zu sein. Und sie verschwanden dann auch.
Es wurde uns so kalt und ungemültich, daß wir uns schon um 20.30 Uhr in unsere Zelte verkrochen, wo ich wieder etliche Kleidungsstücke und darüber meinen Fleece-Pulli übereinander anzog wie fast jede Nacht. Nachts streichen wieder etliche Kojoten um unseren Lagerplatz und heulen schauerlich, aber wir haben uns schon daran gewöhnt. Wir brauchen uns vor ihnen nicht zu fürchten, denn normalerweise sind sie scheu und meiden den direkten Kontakt zum Menschen.
Um 7.00 Uhr stehe ich auf und erlebe einen herrlichen Sonnenaufgang über der Lagune der Wale. Die Wolken färben sich blutrot, dann steigt die Sonne mit gleissendem Licht herauf. Es ist wieder Ebbe, und in der aufgehenden Sonne sieht der Strand aus wie mit tausenden dunkler Punkte gesprenkelt. Es sind wieder die vielen Wattvögel, die in diesem Naturparadies leben und jetzt nach Nahrung suchen. Und natürlich sind wieder die vielen Blasfontänen der Wale zu sehen. Es ist einmalig friedlich und idyllisch hier und alle Mühen wert.
Heute ist Rosenmontag und Valentinstag in einem. Wie zeitlos hier doch alles ist, man hat kein Datum, kein Radio, kein Fernsehen, keine Zeitung, und das Geschehen in aller Welt interessiert auch überhaupt nicht. Genau das macht die eigentliche geistig-seelische Erholung aus, es ist der totale Abstand zum normalen Alltag. Es ist wie eine “Auszeit”, man ist eine Weile total weg, nicht erreichbar und zu nichts verpflichtet. Wie herrlich, daß ich diese Freiheit habe.
Im Ort Guerrero Negro kaufen wir im Supermarkt wieder ein. Hier bekommen wir auch wieder Brot. Der Ort selbst ist genau so trist wie alle anderen, ich habe kaum mal ein Foto von den Ansiedlungen oder Hütten gemacht, weil es nicht erfreulich ist.
Nicht weit hinter dem Ort zweigen wir von der Straße ab und kommen bald zu den wunderschönen Sanddünen, die Sarafan-Dünen heißen und fast weiß in der grellen Sonne leuchten. Wir laufen eine Weile die Dünenkämme auf und ab und sehen ab und zu das Meer glitzern.
Robben höre ich blöken, aber es ist zu weit und zu mühsam, sich über alle Dünen bis zum Meer durchzuackern, zumal die Sonne jetzt heiß vom Himmel brennt. Was für Gegensätze sind das hier zwischen Tag und Nacht. Mal zieht man sieben Sachen übereinander, dann wieder reicht ein dünnes Top!
Wir verlassen die Dünen und durchfahren zuerst eine triste, fast vegetationslose Gegend, dann aber kommen sie wieder, meine geliebten Riesenkakteen, die Cirios und Yuccas und all die anderen schönen Sukkulenten. Hier wachsen auch wieder jede Menge der schönen Elefantenfußbäume mit der silbergold glänzenden Rinde. Auch Agaven sieht man hier. Nach und nach wird es wieder bergig, und nachmittags gegen 15.00 Uhr halten wir auf einer Anhöhe und haben einen prachtvollen Blick hinab auf die wunderschöne Bucht Bahia de los Angeles. Stahlblau liegt das Meer, in das zahllose große und kleine Inseln hineingestreut liegen. Diese Inseln sind fast kahl und aus leicht rötlichem Gestein, was einen wunderbaren Kontrast zum tiefen Blau des Meeres bildet. Wir sind ganz begeistert von diesem malerischen Bild.
Dann fahren wir rasch hinab an die Küste und besuchen hier zuerst das örtliche Museum, wo unter anderem das Skelett eines Grauwals an der Decke aufgehängt ist. Nachdem wir die Tiere lebendig gesehen haben, sagt uns dieses Skelett natürlich viel mehr als früher, wo es für uns nur Knochen waren. Im Museum sind auch die hier vorkommenden Muscheln und Meeresfrüchte und etliche Fotos und Darstellungen aus der ersten Besiedelungszeit ausgestellt. Es gibt auch interessante Bücher über die Flora und Fauna der Baja und etliche Poster und sogar eine Satellitenaufnahme der Halbinsel zu kaufen. Leider habe ich aber keinen Platz mehr in der Wohnung.
Und noch einen Höhepunkt hat der Tag bereit, denn hier gibt es sogar eine recht abenteuerliche Dusche mit heißem Wasser, wenn man ein Feuer anzündet. Das ganze funktioniert wie ein Durchlauferhitzer, und zwar befindet sich in einer großen, offenen Tonne das Wasser unbekannter Herkunft. Von dieser Tonne führt eine dünne Leitung zu einer Art Faß, unter der man Feuer machen kann. Wenn man nun in der Dusche steht und eine Handpumpe betätigt, bekommt man das erwärmte Wasser.
Gleichzeitig zieht die Pumpe aus der großen Tonne kaltes Wasser nach. Man muß also immer mit einer Hand pumpen, mit der anderen kann man sich einseifen und waschen. Ach, was für ein Luxus in der Wüste! Und das hier, wo es schon 7 Jahre nicht mehr geregnet hat. Und wie sagenhaft wohl man sich nach so einer warmen Ganzkörperdusche fühlt, welchen Wert doch so das Wasser bekommt, das man zu Hause gedankenlos und literweise verschwendet! Und wie herrlich ist dann frische Kleidung auf der Haut und frische luftige Haare im Wind. Ich glaube, in Zukunft werde ich öfter daran denken, wie wertvoll Wasser ist!
Und zur Krönung dieses Platzes gibt es sogar eine Toilette mit Wasserspülung. Wahnsinn! Die wenigsten Haushalte auf der Baja verfügen über Dusche und Wasserklosett. Wir wissen das zu schätzen und zu werten.
Zum Abendessen gibt es heute wieder Curryreis und jede Menge kalten Wind. Da mir heute der Sinn weder nach Kälte und Wind noch nach stundenlangen Monologen und Selbstdarstellungen des Reiseleiters steht, verziehe ich mich beizeiten mit einer Kerze in meinen “Palast”, wo ich mich häuslich einrichte und die Tür mit einem Stein verrammele, damit nicht ungebetene Gäste wie Kojoten oder herumstreunende Hunde nachts zu Besuch kommen. Dann lese ich noch eine Weile bei Kerzenschein und strecke mich genüßlich auf meinem weichen Lager aus. Auch das empfinde ich jetzt direkt als Luxus.
Dann fahren wir in den Ort und versuchen, ein Boot zu finden, das uns einige Stunden hinausfährt auf’s Meer bzw. durch die Inselwelt der Bucht. Hier stehen am Hafen jede Menge Autos mit Wasserbehältern auf der Ladefläche. Weil eben nicht jeder Haushalt fliessendes Wasser hat, müssen die Leute ihr Wasser bei dieser Ausgabestelle holen. Man stelle sich das bei uns vor!
Nach einiger Zeit kommt ein Fischer mit seinem Boot und ist bereit, uns einige Stunden zu schippern. In flotter Fahrt geht es hinaus auf’s herrlich glitzernde Wasser. Die Inseln und umliegenden Berge sind in das rosa Licht der frühen Sonne getaucht, und wir fühlen uns wohl und zufrieden. Wir wollen versuchen, Robben und Pelikane zu finden. Und dann waren sie plötzlich und völlig unerwartet da: Wale! Aber keine Grauwale, sondern tatsächlich die zweitgrößten Riesen, die es auf der Erde gibt, nämlich Finnwale mit fast 25 Meter Körperlänge.
Aus gewaltigen Lungen wurde wie aus einer Dampflok die verbrauchte Luft ausgestossen und riesige, schwarzglänzende Rücken mit der typischen Rückenflosse, eben der “Finne” tauchten aus dem Wasser auf. Und nicht nur ein Wal war hier, sondern insgesamt fünf dieser Riesen, die nach dem Blauwal die größten Wale sind. Die Tiere haben unbeschreibliche Dimensionen, wenn man sie in so geringer Entfernung vor sich sieht. Man empfindet die eigene Winzigkeit in der Nußschale umso mehr.
Wir waren total ergriffen und stumm angesichts dieser Giganten, die immer wieder das Wasser durchpflügten und ihre schwarzglänzenden Rücken durch das glitzernde Wasser zogen. Dann tauchte einer nach dem anderen ab, und bald waren sie ganz verschwunden.
In der Ferne sahen wir eine vertraute Blasfontäne, sie stammte von einem Grauwal. Das ist recht selten, meistens ziehen die Grauwale nur bis zum Kap im Süden und nicht um das Kap herum in das Cortez-Meer. Das jedenfalls war der allerletzte Wal, den wir sahen auf dieser Reise. Und das wußten wir auch.
Wir haben eine ganze Weile gebraucht, um dieses Erlebnis zu verdauen. Wir schipperten weiter durch die schöne Inselwelt. Möwen und Scharben gab es hier, und etliche der kleineren Felsen waren voller Guano. An einer flachen Kiesbucht legten wir an und durchforschten eine Weile die Insel. Ich entdeckte fremdartige, grüne Wesen im seichten Uferwasser und versuchte zu fotografieren. Auch schöne Seeanemonen und andere Korallen waren zu sehen.
Im Camp angekommen, genehmigten wir uns den allerersten Nachmittagskaffee, dann machte ich mich in Begleitung von Richard auf zu einer wunderschönen Strandwanderung, die ich auf keinen Fall missen möchte. Die Sonne schien heiß vom Himmel herab, das Meer rauschte auf den einsamen, kilometerlangen Sandstrand, und keine Menschenseele war weit und breit zu sehen. Was für paradiesische Zustände! Immer, wenn ich solche schöne Strände oder einsame Gegenden vorfinde, denke ich, daß sich die weite Anreise doch gelohnt hat schon allein deswegen. Endlich mal keine Enge, keine Menschenmengen, kein Schlangestehen und kein Lärm. Hier waren nur die natürlichen Geräusche der Natur zu hören wie das Rauschen des Meeres, das Geschrei der Möwen und sonst nichts.
Wir liefen diesen herrlichen Strand entlang, sammelten diverses Strandgut wie Muscheln und Korallenstückchen und fanden auch die feinen, zerbrechlichen Kalkskelette von kleinen See-Igeln, die wir vorsichtig aufnahmen und sorgfältig verstauten, um sie ja nicht zu zerbrechen. Als wir nach knapp drei Stunden wieder zurückkamen, waren meine Ohren und die Nase ziemlich sonnenverbrannt, und mein Gesicht glühte. Aber ich fand es herrlich, ganz besonders bei dem Gedanken an die grauen trüben Tage, die nun in Deutschland herrschten. Welch ein Glück, daß wir Augen und die Möglichkeit haben, all diese Schönheiten zu sehen. Es ist wirklich Glück und Zufall, denn verdient hätten es andere Menschen auch, die aufgrund ihrer Armut einfach keine Chance haben.
Ich bezog auch an diesem Tag wieder meine Hütte. Es folgte das Abendessen, das aus einer Nudelvariante mit Corned Beef bestand, das mir langsam zum Halse heraushing. Da es schlagartig wieder empfindlich kalt und windig wurde, verzog ich mich bald in meine Hütte. Und dann bekam ich doch tatsächlich Besuch, denn ausser dem Reiseleiter und seiner Freundin kamen alle zu mir auf die Veranda, wo wir geschützt und bei Kerzenlicht noch eine ganze Weile erzählten und im Laufe der Stunden feststellten, daß Klaus und Richard eben so sauer auf den Reiseleiter waren wie ich. Ich war sehr erleichtert, daß ich doch nicht so isoliert mit meiner Meinung dastand.
Ich entdecke immer neue Kleinigkeiten. Kleine Ziesel und Kaninchen flitzen umher, überall sind ihre Löcher zu sehen. Viele der großen Kakteen tragen Knospen, die in etwa 6 Wochen blühen werden. Was für ein herrlicher Blütengarten das dann wohl sein wird. Das würde ich zu gerne sehen, aber alles geht nicht. Und mich tröstet der Gedanke, daß in sechs Wochen auch meine eigenen Kakteen zu Hause blühen werden.
Als ich schließlich durstig und verschwitzt wieder bei den Zelten ankomme, finde ich den Reiseleiter und Freundin wieder mit Discomusik vor. Sie sind keinen Meter in dieser phantastischen Landschaft gelaufen. Das ist mir absolut unbegreiflich. Sie sind wohl nur hergefahren, um sagen zu können, daß sie hier waren.
Plötzlich verschwindet die Sonne, und schlagartig ist es kühl. Was für Kontraste! Am Abend gibt es wieder scharfe Reispampe zum Essen, und das macht Durst. Nicht ohne Schadenfreude grinse ich später, als es kein Bier mehr gibt, es ist restlos alle, und auch die Flasche Tequila ist ratzeputz geleert. Sie hat aber wenigstens für fröhliche Stimmung gesorgt. An diesem Abend haben wir ein schönes Lagerfeuer gemacht, und da wir angesichts der vielen Steine um uns herum auch Sitzgelegenheiten finden, haben wir es tatsächlich bis 21.00 Uhr im Freien ausgehalten.
Wir kommen wieder zur Pazifikküste und sehen den großen Brechern zu, die an die Küste donnern. Keine Menschenseele ist am Meer zu sehen. Die Häuser sehen langsam besser aus, ab und zu sieht man direkt schöne Wohnhäuser und Bungalows mit gepflegten Gärten. Man merkt sofort, daß hier mehr Geld vorhanden ist, und zwar durch die Amerikaner, die hier teilweise Urlaub machen. Vielleicht hat auch der eine oder andere hier sein Feriendomizil am Meer, weil das Leben hier viel preiswerter ist als in den USA.
Hier gibt es keine großen Kakteen mehr, dafür viele Agaven. Die Landschaft wird ziemlich langweilig, und es tauchen immer öfter Felder auf. Der Regen verwandelt alles in ein tristes Grau, und als wir bei Ensenada an die Küste kommen, hängen dicke Wassernebelschleier bis auf’s Wasser herab. Wir haben beschlossen, uns eine Hotelunterkunft zu suchen, die auch bezahlbar ist. So fahren wir eine Weile herum und suchen, bis wir schließlich ein sehr schlichtes Hotel gefunden haben. Aber das ist immer noch ein Palast gegenüber der Zelterei bei diesem Sauwetter auf nassem Lehmboden. Und wir müssten ja die Zelte irgendwie am nächsten Morgen trocknen, weil Susanne sie wieder mit nach Deutschland nehmen muß. Das wäre auch kein Spaß geworden.
Und so ziehen wir zu dritt und zu viert in jeweils ein Zimmer und freuen uns über den Luxus einer Dusche, über Wasserklosett und WC-Papier, das uns hier zum ersten Mal begegnet. Da macht es auch fast nichts aus, daß es ins Zimmer regnet durch den Ventilator. Wir gehen großzügig über die Pfütze hinweg. Gegen Abend hat der Reiseleiter doch tatsächlich den Nerv, den Benzinkocher vor Klaus’ Bett zu stellen und Nudeln zu kochen. Es gibt wieder mal Nudeln mit Corned Beef. Ich kann’s wirklich nicht mehr sehen. Das Zimmer geht nicht in Flammen auf, und es stinkt auch nicht so schlimm wie erwartet. Wir sitzen reihum auf den Bettkanten, schauen raus in den Regen und mampfen unser unerfreuliches Mahl.
In Tijuana sollen wir angeblich ein Einkaufsparadies vorfinden, in dem vor allem die Amerikaner billig einkaufen gehen. Als wir jedoch hinkommen, suchen wir interessante Geschäfte vergebens oder Wolfgang hat uns im falschen Viertel abgesetzt. Es gibt ein Freßlokal nach dem anderen und eine Straße, in der nur Ärzte und Apotheken ihre Künste anpreisen, aber keinen einzigen Laden mit Schmuck oder ansehenswerten Dingen finden wir. Da wir auf der ganzen Baja nicht ein einziges mal etwas zu kaufen fanden, das man als Souvenir bezeichnen kann und ich doch gerne Silberschmuck mit Türkisen für einige Lieben daheim kaufen wollte, war ich ziemlich enttäuscht, daß auch hier nichts zu finden war. So verliessen wir diese häßliche und nichtssagende Stadt schnell wieder, kamen dann völlig problemlos und flott über die Grenze und waren wieder im Land der unbegrenzten Möglichkeiten, in den USA.
Im erstbesten McDonalds hielten wir an und verspeisten einen Hamburger mit Genuß. Dann waren wir flott in San Diego, und der Unterschied zwischen Mexiko und dieser reichen Stadt ist doch sehr krass. San Diego ist reich und mondän, hat teilweise riesige Wolkenkratzer, eine herrliche Skyline und eine wunderschöne Bucht voller Yachten.
Wunderbare Straßen und Highways und pompöse Banken sind hier. Schnell wird einem klar, warum die Mexikaner legal und illegal versuchen, über die Grenze zu kommen, um hier bessere Lebenschancen zu haben als im Heimatland. Wir waren von San Diego auch beeindruckt.
Nachdem wir am Flughafen unseren Flug für den nächsten Tag bestätigen liessen, fuhren wir zu dem für uns gebuchten Hotel, die Travellodge in der Nähe des Flughafens und direkt an der Bucht von San Diego gelegen. Heike und ich hatten eine noble Suite - so kam es mir jedenfalls vor - mit Fernseher, Telefon, Kaffeemaschine und Klimaanlage und vor allem mit einem traumhaften Blick auf die Stadt und die Bucht. Später hatten wir dann ein paar Stunden Zeit für einen Stadtbummel. Leider regnete es wieder recht stark, so daß wir ohne Schirm ziemlich naß wurden. In einem tollen Stoffgeschäft entdeckte ich ein “Sonnenblumenfeld” und kaufte 2 Meter davon. Die liebe Elfriede wird schon was damit anfangen können. Und dann fanden wir ein riesiges Einkaufscenter, wo es auch wirklich schöne Dinge zu kaufen gab. In einem großen Musikgeschäft entdeckte ich tolle und seltene CD’s mit afrikanischer Musik und eine Jazz-CD, die ich schon lange suchte. Schließlich war unsere Zeit um, und wir fanden den Weg zum Hafen mit dem schönen Dreimaster-Segelschiff “Star of India” ganz problemlos. Die Stadt erstrahlte jetzt in schöner Beleuchtung, und wir wären viel lieber in der Stadt irgendwo essen gegangen als im Hotel. Es war ja unser Abschiedsessen, wozu wir aber wenig Lust hatten, weil die Stimmung nicht gerade herzlich war. So fanden wir uns dann später im Restaurant unseres Hotels zwischen herrlichen Seewasser-Aquarien ein und verspeisten in ziemlich beklemmender Stille unsere Steaks. Nicht nur ich war stinksauer auf den Reiseleiter, und da man mit ihm nicht diskutieren konnte, haben wir halt alle den Mund gehalten. Zeitweise sagte keiner ein Wort. Da hätte es jedem dämmern müssen, daß hier ganz und gar was nicht stimmte.
Der Heimflug klappte dann problemlos, und wir landeten sogar zehn Minuten früher als geplant in Frankfurt bei minus 6 Grad. Bald hatten wir unser Gepäck und kamen ohne Kontrolle durch den Zoll. Alles rannte auseinander, jeder mußte in eine andere Richtung. Klaus hatte am Bahnhof auch noch Zeit, und nachdem wir gemeinsam ein richtig gutes Frühstück verdrückt hatten, fuhr er in Richtung Erfurt und ich an den Bodensee, wo mich Lucy und Elfriede schon erwarteten.
Ich hatte erwartet, daß mein Hund einen Freudentanz aufführen würde, stattdessen machte sie einen Bogen um mich und knurrte. Ich konnte es kaum fassen. Erst nach einigen Minuten taute sie auf und freute sich. Vielleicht hatte ich zuviele fremde Gerüche an mir, vielleicht war sie auch sauer, daß ich sie zum ersten Mal so lange allein gelassen hatte.
Und nun hat mich das kalte triste Deutschland wieder und der Alltag ist zurückgekehrt. Aber meine Gedanken kehren noch oft zurück auf die Baja, zu den Walen und Kakteen und unvergeßlichen Eindrücken.
Ich habe mich dann sehr bald von dieser unfröhlichen Runde verabschiedet. Nur Klaus und Richard tranken noch ein Bierchen oder zwei und kamen am nächsten Morgen um halb sechs etwas schwer in die Gänge, waren dafür aber mit Abstand die Lustigsten. Am Flughafen hatten wir dann noch etwas Zeit bis zum Abflug, und da es hier schöne Geschäfte mit überhöhten Preisen gab, habe ich halt hier die Mitbringsel gekauft, die ich aus Mexiko hatte mitbringen wollen. Einen schönen Plüsch-Orca mußte ich auch noch haben, dann einen Eisbär und noch einige Dinge, bis mein Rucksack langsam arg voll wurde. Darin befand sich ja auch noch der wohlverpackte Kaktusableger, der nun in seiner Heimaterde unter meinem Süddachfenster steht und von Mexiko träumt.
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