Liebe Weltreisefans und die es noch werden wollen,

(c) André Schuhmacher
nach einer pünktlichen Landung in Johannesburg haben wir erst mal wieder gute zweieinhalb Stunden Aufenthalt, die ich nutze, um mir eine neue Armbanduhr im Duty Free zu besorgen. Dann geht es über den Indischen Ozean nach Bankok. Kann bei der Überquerung Madagaskars einige Aufnahmen machen, dann muss ich wegen der Leute, die alle schlafen wollen, das Fenster verdunkeln.
Stelle die Uhr 5 Std. vor und am nächsten Morgen landen wir in Thailand. Dort wieder die quälenden Stunden auf dem Flughafen von Bankok, bis wir nach Kathmandu aufgerufen werden, das wir um 12.30 Uhr Ortszeit erreichen, also Uhr wieder eine Stunde vorstellen. Von uns beiden weiß inzwischen keiner mehr, wie lange wir wo und wann unterwegs sind. Was ist eigentlich Jetlag? Schon mal irgendwo gehört. Habe einen Bogen Passbilder mit, aber bis ich eine Nagelschere finde, hat schon einer mein Bild mit den Fingernägeln ausgerissen und in mein Visum getackert.
Im Gewusel vor dem Airport taucht ein bebrillter Herr mit kurzen Dreadlocks und unverwechselbaren schwarzweiß karierten Shorts auf und hängt uns Katha und Malla zur Begrüßung um den Hals, also Seidenschal und eine Blumengirlande. Das ist also Rolf Schmelzer, der Journalist der ARD, der schon Jahre hier lebt und sich als profunder Kenner des Landes erweist. Er wird uns wärend des Nepalaufenthaltes betreuen und wir schätzen uns glücklich, seine Gäste zu sein. Er stellt uns gleich die deutsche Aktivistin Kristin Kays und den Forststudenten Suraj Upadhaya von hier vor, die das Projekt der Umweltbildung und der Baumpflanzaktionen vor Ort leiten.
Dann geht es per Taxi ab in das gewöhnungsbedürftige Verkehrschaos von Kathmandu. Sonntag ist hier der erste Tag der Woche und besonders extrem. Es gibt weder Ampeln noch Zebrastreifen, kaum Bürgersteige und die intensivste Hupe gewinnt auch nicht immer. Rikschafahrer, Rad-u. Mopedfahrer tragen vielfach Mund- bzw. Atemschutzmasken im schwarzen Gewölk der Abgase. Endlich bekommt André sein geliebtes Objektiv und noch dazu 300 Euro billiger als daheim, steht hier fast in jedem Fotoladen rum. Dann quartieren wir uns um einige Hausecken im Marsyanghi Mandala ein, in dem auch Rolf nebenher residiert. Vom Zimmer reicht der Blick hinüber zum Affentempel am Berg und Jungs lassen abends von den Hausdächern kleine Drachen steigen. Kuhreiher fliegen zu ihren Schlafbäumen und in den Hinterhöfen ruft ein Alteisensammler.

(c) André Schuhmacher
Am nächsten Morgen dröhnt Monsunregen aufs Dach. Er dauert meist noch bis Ende September, obwohl er heuer schon im Juni einsetzte. Rolf und wir beide fahren mit dem Taxi einen abenteuerlichen Weg zum Busbahnhof und begeben uns dann mit einem Bus von Rainbow Safaris, die sind etwas besser in Schuß als die kleinen, von denen man viele Wracks am Straßenrand sieht, auf den Weg nach Pokhara im Westen, das wir nach vielen unfallbedingten Staus gegen 14 Uhr erreichen. Entlang der Flüsse zieht sich der Weg durch sattgrüne Gebirgslandschaft mit vielen leuchtend grünen Reisterrassen. Wilde Wasserfälle stürzen von den Hängen. Nepal speist sein gesamtes Stromnetz mit Wasserkraft, die noch kaum genutzt ist und trotzdem gibt es mehrmals täglich Stromabschaltungen. Diese nerven besonders, wenn man gerade Bilder von der Kamera läd, oder die Taschenlampe nicht erreichbar ist. Mit dem Taxi lassen wir uns das letzte Stück zum ruhigen Hotel Mount Fuji bringen, welches die liebenswerte Berlinerin Karen Plischtil führt. Nach stärkenden Getränken wandern wir durch das gegen Kathmandu fast verschlafene Pokhara. Viele Alt-, aber nochmehr Möchtegernhippies aus aller Welt wandeln verklärt oder unter Drogen dahin. Entlang des Phewasees erreichen wir die gegenüber liegenden Berge und wandern ein Stück bis zum sogenannten Castle hinauf, das sich der Ire Joe hier erbaute und Zimmer vermietet. Beim Aufstieg fallen mir wilde Edelkastanien auf, von denen Joe noch nie was gehört hat. Die könnte man doch veredeln und nutzen. Rolf ist natürlich sofort begeistert. Nach einem langen Abend am Pool bei köstlichem Essen und Geschichten aus aller Welt, verziehen wir uns vor dem erneut heftig einsetzenden Monsunregen in unsere Gemächer.
Anderntags nehmen wir erst um 11 Uhr ein kräftiges irisches Frühstück ein, verabschieden uns vom herzlichen Joe gegen 15 Uhr, um wieder nach Pokhara abzusteigen.

(c) André Schuhmacher
Während Rolf gleich günstig für 15 Euro eine mächtige Bibel der Bäume und Sträucher erwirbt, die bei uns nicht unter 150 Euro zu haben ist, spielt André unterm Feigenbaum in der Hauptstraße mit den Einheimischen Schach. Klar, dass ihn ein herbeigerufener Profi zweimal abzockt, da wollen sich die Nepalis keine Blöße geben. Zurück im Mount Fuji sitzen wir bis nach Mitternacht auf der Terrasse und lauschen den Berichten der beiden überaus netten Medizinstudentinnen Anna und Ines, die heute aus dem Chitwan Nationalpark zurück kamen und den schweizer Globetrotter Mark dabei haben. Dessen Mutter ist eine Philippina und so halten ihn auch viele Einheimische wegen seines Aussehens für einen nepalischen Guide.
Nach heftigem Regen nachts und morgens, fahren wir zu siebt mit dem Bus quer durch Pokhara, vorbei an heiligen Kühen, um die sich ein Polizist bemüht und einer Hochzeit in allen Farben bis zum Ausgangspunkt einer erneuten Wanderung, diesmal hinauf nach Lekhnath. Das Wetter wird bald heiß. Unser Pfad führt über eine solide Hängebrücke und dann teils steil bergan. Leider nicht immer beschattet, geht es auf uralten und ausgetretenen Glimmersteinstufen dahin. In den Fluß unter uns stürzen von allen Seiten malerische Wasserfälle und in der Ferne sieht man den Flughafen von Pokhara, in dessen Umfeld sich meist wetterbedingt schon schwere Flugzeugunglücke ereignet haben. Aber heute meint es der Wettergott äußerst gut mit uns und nur eine wildgewordene Wasserbüffelkuh, die ihr Kalb beschützen will, attackiert uns etwas heftig. Da heute Gott Krishnas Geburtstag gefeiert wird, treffen wir auf einen Kreis von Frauen in einem offenen Tempelanbau, die mit ihrem Priester beten. Gegen einen Obulus hat man nichts gegen Fotos. Unter den Frauen befindet sich auch die von Bishow, dem schon ziemlich bekannten Kaffeebauern, zu dem wir wollen. Wenige Minuten nach dem Tempel erreichen wir sein Zuhause und werden gleich mit aromatischem Minztee begrüßt.

(c) André Schuhmacher
Dieser in unseren Augen wohl einfache Bergbauer hat für sich den biologischen Landbau und das Kompostieren entdeckt. Für mich besonders interessant, da doch in den 1960er-Jahren einer meiner Nachbarn der Kompostpapst Alwin Seifert war. Bishow baut im Schatten anderer, aus seiner Sicht den Geschmack beeinflussender Pflanzen wertvollen Arabica-Kaffee an, von dem das Kilo bei uns momentan 72 Euro kostet. Inzwischen hat sich eine Kooperative gebildet, die zu gleichen Bedingungen zwischen 800 und 2000 m anbaut und erntet, um größere Mengen zu erzielen. Für uns röstet Bishow in 45 Minuten in einem großen Eisentopf über dem offenen Feuer durch ständiges Rühren 3 kg vorher und nachher gut sortierte Kaffeebohnen. Sogar mir als Nicht-Kaffeetrinker mundet das frische Getränk ausgesprochen gut. Leider muss der Farmer beim Rösten inzwischen eine Atemmaske tragen, da es ihm allmählich auf die Lunge schlägt. Viel zu schnell verstreichen die intensiven Eindrücke, wir beiden Weltreisenden bekommen jeder noch ein Päckchen gemahlenen Kaffee geschenkt, dann müssen wir absteigen, da wir keine Taschenlampen mit haben. Ines und Anna übernachten hier oben, da sie morgen weiter zu einer Krankenstation hoch in den Bergen wollen. Wir nehmen Namrata, die Tochter des Farmers mit in die Stadt, da sie morgen wieder Schule hat und erreichen die Hängebrücke bei fast völliger Dunkelheit. Riesige Schwärme von Fledermäusen flattern lautlos durch das Flußtal und Namrata drängt zur Eile, als wir den letzten Bus zurück erreichen.

(c) André Schuhmacher
Der heftige Monsunregen weckt mich am nächsten Tag, trotzdem sind Halsbandsittiche, Hirtenstare, Nebelkrähen und ein Schwarzmilan unterwegs. Vertue den ganzen Tag mit dem Zusammenschreiben und Recherchieren für den Weltreise-Blog. Immer wieder für Stunden Stromausfall. Rolf leiht mir für den Rest der Reise einen Laptop, jetzt bin ich etwas unabhängiger. Während die anderen eine Bootsfahrt auf dem malerischen, aber total mit Wasserhyazinthen verseuchten Phewasee unternehmen, wo André am anderen Ufer ein tolles Haus für sich zum Mieten entdeckt hat, sitze ich im Hotel und tippe. Die Meute ist auch noch lecker Essen, während ich mir beim Hausboy Siri Spiegeleier bestelle, nachdem keiner mehr auftaucht.
Der nächste Tag steht wieder voll im Zeichen des Monsuns. Während André, Ines und Anna eine Fahrt mit Motorrollern unternehmen, steige ich mit Rolf wieder zum Castle hoch, wo ich meine letztens vergessene Taschenlampe hole. Nach einem Bier am Pool beginnt der Monsunregen, und zwar so gewaltig wie noch nie bisher. Wir traben vorsichtig in einem permanenten Wasserfall bergab. Leihe Rolf meinen Regenschirm und benutze selbst die Regenjacke. Im Tal stellen wir uns in einem Privathaus unter, wo die Haschisch-Schwaden eines europäischen Pärchens würzig ums Eck ziehen und ordern ein Taxi. Auch die Vespafahrer kommen aufgeweicht und fertig zurück.

(c) André Schuhmacher
Trotzdem brechen Rolf und André nochmal mit dem Tretboot auf, um das Haus am See zu begutachten und den Besitzer zu treffen. Eigentlich wollten wir dort alle ein Lagerfeuer machen, aber so treffen wir uns abends in der Stadt und genießen die heimische Küche. Es ist alles so viel beschaulicher als im überbordenden Kathmandu. Man kann als Fußgänger abends sogar teilweise die Straße benutzen.
Genau an unserem 40sten Reisetag brechen André und ich nach Süden zum Chitwan Nationalpark auf. Der Regen hat schwere Verwüstungen angerichtet und unser Reisebus kommt z.T. nur mühsam vorwärts. Geschrottete Busse, Geröllmassen, herabgestürzte Felsbrocken und Schlammlawinen sind zu passieren. Die Straße folgt dem reissenden Seti Nadi, der dann in den noch wilderen Trishuli mündet. Es bieten sich Einblicke in wilde Schluchten und auf tosende Wasserfälle. Um 11 Uhr hört der Regen auf, dafür kotzt jetzt die pinkhaarige Cher aus Schottland aus dem schaukelnden Bus und wenig später der Nepali vor mir, der aber im letzten Augenblick doch lieber seine Plastiktüte schonen will. Keine weiteren Details. Durch die quirlige Stadt Bharatpur erreichen wir das Tiefland an der Grenze zu Indien und sind um 13 Uhr in Chitwan, bzw. im weitläufigen Dorf von Sauraha. Bereits um halbfünf führt uns Guide Krishna durch das Dorf der Tharu, ständig von einer großen Meute herrenlos umherstreunender und hier ungeliebter Hunde begleitet. Es ist unglaublich friedlich hier. Sattgrün leuchten die Reisfelder, vor einer Hütte puhlt ein Bauer eine handvoll Schnecken aus den Häuschen, um das Abendessen aus Reis zu verfeinern; daneben sitzt ein zahmer Halsbandsittich. Da und dort werden noch Reitelefanten gefüttert. Nach der Elefantenstation, die mächtigen Bullen werden nur für Polospiele oder Paraden eingesetzt, und dem Besuch des kleinen Chitwan-Museums geht es an den Rapati-Fluß zum Sonnenuntergang.. Silbern wehen die reifen Rispen des Elefantengrases im Gegenlicht und völlig unspektakulär geht die Sonne im Dunst unter. Aber was für ein Spektakel am Ufer. Es gibt ein Restaurant am anderen und Liegestühle in langen Reihen, zwischen denen eifrig kleine Jungs rumwieseln und die durstigen Touristen aus aller Welt versorgen. Sogar ein Mann aus dem fernen Rajastan hat sich mit 2 Dromedaren hierher verirrt und am anderen Ufer ragt die Schnauze eines Krokodils aus den braunen Fluten, welches sich angeblich hauptsächlich von dort trinkenden Hunden ernährt.

(c) André Schuhmacher
Ein Besuch bei dem tollen Badetag der Reitelefanten muss leider auf unbestimmte Zeit ausfallen, da ein Elefantenführer letztens besoffen von seinem Tier gefallen ist und in den Fluten ertrank. Zurück beim Abendessen, werden wir im Esssaal gleichzeitig durch das Aufbringen einer neuen Estrichschicht mit anschließendem Verlegen von Bodenfließen unterhalten. Das Geklopfe geht bis nachts um 2 Uhr und wieder kein Internet.
Der Weltreisende Arne aus Bremen, das Pärchen Ben und Harley aus London und wir beide sind am nächsten Morgen mit Krishna zum Fluß unterwegs, wo 2 Bootsführer mit einem langen Einbaum auf uns warten. Das Krokodil liegt wieder exakt an seinem Platz von gestern. Die wackelige Bootsfahrt führt einige Kilometer den Rapati hinunter. Unterwegs zeigen sich einige Mittelreiher, Eisvögel, ein Pfau und kurz auf einer Sandbank ein überaus scheuer Gavial. Diese äußerst bedrohte Krokodilart wird inzwischen auch hier in speziellen Gehegen erbrütet, um die Reproduktionrate zu erhöhen. Wir gehen am gegenüber liegenden Ufer an Land und beginnen bei mörderischer Hitze einen ausgedehnten Junglewalk, bei dem Krishna in irrem Tempo voraus eilt. Treffen teils auch andere Gruppen und besteigen eine Aussichtsplattform inmitten des endlosen Elefantengrasmeeres, das teils dreimal mannshoch aufragt, denkbar ungünstig für Tierbeobachtungen zu dieser Jahreszeit.

(c) André Schuhmacher
Wir finden alte Kratzspuren eines Tigers (nach einem neunmonatigen Monitoring hat man festgestellt, dass die Zahl der Königstiger von 90 auf 125 angestiegen ist), frische Fährten von Panzernashörnern, die Stelle an der ein Kragenbär Ameisen ausgegraben hat und Plätze, an denen der Waldboden flächendeckend mit harten Nüssen bedeckt ist. Als einzige Lebewesen scheuchen wir etwa 12 Axishirsche auf, gaukeln die buntesten Schmetterlinge vor uns durch den Wald und ist der Waldboden stellenweise mit abertausenden von langen schwarzroten Raubwanzen übersät. Gegen Mittag werden wir mit dem Einbaum wieder über den Fluß gebracht, durch den malerisch ein Mahout mit weißem Sonnenschirm auf seinem Elefanten watet. Natürlich liegt das Krokodil wieder an seinem Platz.
Nachmittags gehts dann zum berühmten Elefantenausritt. Ein erhebendes Gefühl, so hoch über dem Boden auf einem schwankenden Tier dieser Größe zu sitzen. Eine Holländerin und ich müssen leider gegen Marschrichtung Platz nehmen und immer wenn der Mahout mit seinem Tier stoppt, da es was zu Sehen gibt, können wir am Heck nur mit verrenktem Hals erahnen, was es vor uns zu beobachten gibt. Der Elefantenführer dreht sein Tier aber auch keinen Millimeter zur Seite und so haben nur André und Arne einiges Fotoglück. Insgesamt treffen wir auf 4 Panzernashörner, davon eine Mutter mit Baby in einem Schlammloch. Von oben sieht die Szene mit grauen Elefanten um grauen Tümpel mit grauen Nashörnern absolut unwirklich aus. Sicher stapfen die Reitelefanten mit ihren jeweils 4 Touristen auf dem Rücken durch Sümpfe,steile Böschungen hinauf und hinunter und durchqueren ruhig einige Flussarme.
Auf Befehl des Führers knacken sie auch armdicke Äste, um den Weg frei zu machen und unsere schweben gefährlich nahe an Baumstämmen vorbei, während die Oberschenkel langsam taub werden. Ansonsten begegnen wir noch Axishirschen und Sambarhirschen, sowie einem Pfau in diesem beeindruckenden Dschungel, bevor wir an den dafür vorgesehenen Hochsitzen steif aus unseren engen Gevierten kriechen. Das muss man unbedingt mal erlebt haben, obwohl meine Fotoausbeute gleich Null ist. Abends findet dann vor der Lodge im Schein einer trüben Straßenlampe eine beeindruckende Tanzvorführung einer Gruppe Tharu-Männer statt, die von Krishna moderiert wird. Auch klar, dass es am Ende Arne und natürlich wieder mich erwischt, beim Abschlusstanz mitzuwirken. André entkommt dem Ganzen, da er das Szenario filmt. Aber ich werde von den Tänzern sehr gelobt, die Rassel sehr rythmisch geschwungen zu haben.

(c) André Schuhmacher
Die Nacht endet mit erneutem Extremregen und der gesamte Hotelgarten steht unter Wasser. Natürlich fällt das geplante Birdwatching aus. Die Touristen sind alle auf, nur die Guides pennen weiter. Um 9 Uhr geht es mit dem Bus zurück nach Kathmandu. Kurz vor Barathpur tut sich der Himmel auf und erstmals ist ein Teil des Anapurna-Massivs als gewaltige weiße Wand zu sehen. Dann geht es wieder der abenteuerlichen Straße folgend in die Berge. Immer wieder Staus durch Unfälle. In der Zeitung können wir morgen lesen, dass ein Bus in den Fluß gestürzt ist; 30 Tote, einige Weggespülte werden noch gesucht. Brauchen 8 Std. bis in die Hauptstadt. Die Beendigung des Müllarbeiterstreiks hat sich leider auf die Aussenbezirke noch nicht ausgewirkt. Mit einem Taxi lassen wir uns zum M. Mandala-Hotel bringen, wo Rolf schon in Sorge wegen der Verkehrsnachrichten im Eingang auf uns wartet. Am Abend treffen wir uns in einer New Orleans genannten gemütlichen Kneipe, wo wir uns mit dem Kaffee-Experten Otto Bertram aus Hamburg mit Frau und einem weiteren Paar zum Essen treffen. Rolf hat mit Otto einiges wegen Bishows Kaffeeproduktion zu bereden. Inzwischen setzt heftigster Monsunregen ein, dass der Ober das kleine freie Stück zu unserem Tisch in Regenbekleidung überwindet. Innerhalb weniger Minuten stehen 30 cm Wasser in den Straßen. Polizisten und Rikschafahrer tanzen. André eilt zum Hotel, um die Kamera zu holen und es gelingen ihm einmalige Nachtaufnahmen. Dankenwerter Weise zahlt Otto die gesamte Zeche und Rolf bringt die Hamburger zum Taxi. Dann platschen wir durch teils knietiefes Wasser zum Hotel zurück. Rolf und André haben inzwischen wenigstens einen Schirm, bevor wir vollkommen durchnäßt um 23 Uhr zurück sind. Und es schüttet ohne Unterlass.
Bei anfangs noch leichtem Regen schlendern wir anderntags durch die Stadt, machen Besorgungen und besuchen kleine Hindutempel. Um einen wurde ein kleines Teehäuschen gebaut, in dem wir ein Glas trinken. Ein größerer ist Singhasarthabahu geweit und reich verziert. In der angegliederten Schule ist gerade Pause und alle Kinder wollen von André fotografiert werden. Während André und Rolf kurz ein Klassenzimmer besuchen, lausche ich einigen Frauen bei einer Lehrstunde auf alten, zu kurbelnden Instrumenten. Dann suchen wir mit dem Taxi den heiligen Fluß Bagmati Nadi auf, wo sich der Leichenverbrennungsplatz Pashupatinath der Hindugläubigen befindet. Rolf zeigt seinen Presseausweis, aber wir haben keinen mit. Zeigen irgend was her, aber die uniformierte Aufpasserin ist misstrauisch und holt 2 Mann Verstärkung. Man verfolgt uns einige Zeit hartnäckig, bis Rolf ein paar Machtworte spricht und sagt, dass wir die Angelegenheit am Rückweg klären werden. Packe meine Kamera zur Vorsicht anfangs in den Rucksack. Gleich tauchen 4 Sadhus (heilige Männer) bunt bemalt und bunt gewandet auf, lassen sich bereitwillig von André fotografieren und Rolf muss die Rupien abdrücken. Es werden gerade 5 Leichen verbrannt und die Rauchwolken steigen am rechten Flußufer auf. Teils ragen Beine und Köpfe aus den Scheiterhaufen. Es riecht nach Sandelholz und Grillfleisch.

(c) André Schuhmacher
Etwas flussab liegt auf einer Sandbank wohl ein Stück Leiche, an der ein schwarzer Hund schnüffelt. In den braunen Fluten daneben baden und tauchen unentwegt die Buben.
Ist eine Leiche verbrannt, legt der Bestatter noch ein Bündel trockenes Gras auf, läßt es abbrennen und kehrt dann den Gluthaufen in den Fluß. Oft trägt ein Windstoß Glut davon und die Gläubigen fuchten wie wild, um die Funken aus ihren dichten schwarzen Haaren zu bekommen. Wir wandern eine lange Treppe zu einem Tempelbezirk hoch, der wohl nicht oft besucht wird und treffen auf Horden von Rhesusaffen, die zwischen den morbiden Tempeln ein lohnendes Motiv abgeben. In versteckten Nischen finden sich händchenhaltend Liebespaare, eine völlig neue Erscheinung in Nepals Öffentlichkeit, während in der Nähe ganz unromantisch immer wieder die Triebwerke des nahen Flughafens dröhnen. Vorbei an einem total abgegrasten Gehege mit einigen Hirschziegenantilopen entschwinden wir sang- und klanglos durch den Eingang für Hindus. Mit dem Taxi fahren wir kurz zum Hyats, ein Palast von einem Hotel und wandern von dort zur riesigen buddhistischen Stupa von Bouddhanath.

(c) André Schuhmacher
Tausende Gläubige umrunden im Uhrzeigersinn die Stupa und bewegen unablässig die immer zu vieren in die Mauer eingelassenen Gebetsmühlen. Von einer der zahlreichen Hotelterrassen aus haben wir einen herrlichen Blick auf das Geschehen. Auf weit gespannten Seilen flattern die bunten Gebetsfahnen und dahinter ist durch schneeweiße Wolken wieder ein Stück Himalaya zu sehen. Wir bleiben bis zum Anbruch der Nacht. In den kleineren Tempeln ringsum werden überall die Butterfettlämpchen entzündet, die eine wohlige Wärme verströmen und aus dem Kloster vernehmen wir die kehligen Gesänge der Mönche, nur von gelegentlichen Hornstößen und Schellen unterbrochen. Ein phaszinierender Ort. Zurück im Hotel halten uns hier nächtigende Pilger aus Südindien wach, die auch das große Heiligtum am Bagmati Nadi besuchen. Da sie der nepalischen Küche nicht trauen, haben sie sogar einen eigenen Koch dabei.
Den nächsten Tag vergeude ich wieder mit Schreiben, um mit meinen Berichten nachzukommen. Rolf und André besuchen Anna und Ines in einem Kloster, wo sie einen Meditationskurs belegt haben. André bekommt im Kloster an der Stupa auch eine einstündige Audienz beim Rhinpoche von Kathmandu und kann die tiefen Mönchsgesänge aufzeichnen. Eigentlich wollten wir am letzten Abend gemütlich zusammen sitzen, aber die Kumpel tauchen nicht mehr auf, also haue ich mich in die Falle.
Den 45. Tag unserer Reise heißt es schon wieder Abschied nehmen von Nepal, diesem unglaublich traumhaften, phaszinierenden und schönen, aber auch chaotischen Land im Himalaya, mit so offenen Menschen, wie ich sie nur selten wo getroffen habe.

(c) André Schuhmacher
Besonders für Fotografen äußerst problemlos und ergiebig. Rolf begleitet uns mit einem Taxi zum Flughafen und wir bekommen wieder Blumen und Schal zum Abschied. Leider nimmt man uns schon an der ersten Rolltreppe die Blumen wieder ab und wirft sie achtlos in einen Plastikkorb. Nur den Schal dürfen wir behalten. Ich trage ihn, bis der erste Fluß überquert ist, ja sogar bis wir auf dem Luftweg 4 Flüsse überquert haben. Nach extrem nervigen Gepäck- und Paßkontrollen nimmt man mir kurz vor dem Flugzeug noch mein Feuerzeug ab, dass ist mir auch noch nie passiert. Dann geht es wieder in die Wolken Richtung Bangkok, wo wir um 18 Uhr Ortszeit ankommen und nach erstaunlich kurzer Wartezeit nach Kuala Lumpur in Malaysia umsteigen können.
Bis bald, euer Richie